DiskursReview: Aktuelle Beiträge zur Sprach- und Medienkritik

Friedrich Merz und das „Stadtbild“: Wenn Worte wirken und Debatten prägen

Von Marie Klein

„…Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem…“. Diese Äußerung sprach Bundeskanzler und CDU-Vorsitzender Friedrich Merz am 14. Oktober 2025 während eines Parteitermins in Potsdam aus, als er auf die rückläufige Zahl von Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind und mögliche politische Reaktionen angesprochen wurde (vgl. Deutschlandfunk, 2025):

Bei der Migration sind wir sehr weit. Wir haben in dieser Bundesregierung die Zahlen August 24/August 25 im Vergleich um 60 Prozent nach unten gebracht. Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem. Und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang auch Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen. (Deutschlandfunk, 2025)

Durch diese Kommunikationsweise stellte Merz einen diffusen Zusammenhang zwischen urbanem Raum und Migration her, ohne die angesprochenen Probleme näher auszuführen oder konkret zu benennen. Auf Rückfragen präzisierte er seine Aussage nicht, sondern erklärte auf einer späteren Bundespressekonferenz lediglich, man solle „seine Töchter fragen“, um zu verstehen, was gemeint sei (WDR, 2025). Er sehe keinen Grund darin, seine Aussage zurückzunehmen und bleibe bei seiner Meinung (Tagesschau, 2025). Der Begriff „Stadtbild“ entwickelte sich dadurch innerhalb kürzester Zeit zu einem politischen Schlagwort.

In den Tagen nach der Äußerung wurde der Begriff „Stadtbild“ in zahlreichen Medien aufgegriffen und weiterverbreitet. In Online-Medien erschienen Beiträge mit Schlagzeilen wie etwa „Merz und das Stadtbild: Zwischen Zustimmung und Kopfschütteln“ (NDR, 2025) oder „Merz und das Stadtbild: Eine kluge Kommunikationsstrategie?“ (Seidel, WDR, 2025). Auch in den sozialen Netzwerken fand die Wortwahl große Resonanz: Auf Instagram verbreiteten sich Hashtags wie „#WirSindDieTöchter“ und auf TikTok reagierten Nutzer*innen mit einem Migrationshintergrund auf die Äußerung, indem sie die implizite Zuschreibung der Aussage ironisch zuspitzten oder kritisch zurückwiesen. In kurzen Videos wurde etwa die Frage gestellt, ob die eigene bloße Präsenz „für Merz das Stadtbild ruiniere“, wodurch die wahrgenommene Pauschalisierung und Abwertung deutlich sichtbar gemacht wurde. Die Beiträge waren dabei weniger humorvoll als deutlich affektiv geprägt und artikulierten Ärger über die indirekte Markierung migrantischer Personen als Störfaktor im urbanen Raum. Dass sich ausgerechnet migrantische Personen als adressiert erkennen, obwohl Merz keine Gruppe explizit benennt, zeigt nochmals die implizite Zuschreibung gegenüber Personengruppen mit Migrationshintergrund.

Die öffentliche Debatte beschränkte sich dabei aber nicht nur auf Medien und soziale Netzwerke, sondern wurde auch auf parlamentarischer Ebene aufgegriffen. In einer von der AfD beantragten „Aktuellen Stunde im Deutschen Bundestag“ wurde der Begriff „Stadtbild“ ausdrücklich mit migrations- und sicherheitspolitischen Forderungen verknüpft. Sowohl die Grünen als auch die Linke kritisierten Merz dafür, dass er „Menschen gegeneinander“ ausspielt oder zur „Reduzierung von Leuten auf ihr Aussehen“ beiträgt (Bundestag, o. J.). Zugleich knüpft die Verwendung an einen bereits etablierten rechtskonservativen Diskurs an, in dem „Stadtbild“ als politisch aufgeladener Kampfbegriff fungiert. So wurde der Ausdruck unabhängig von der Äußerung von Merz im Wahlkampf verwendet, etwa als die AfD in Gelsenkirchen mit der Forderung nach „einer sauberen Heimat mit einem gepflegten Stadtbild“ warb. Diese Wortwahl wird auch als „Dog Whistle“ eingeordnet, also als codierte Kommunikation, die je nach Publikum unterschiedlich gelesen werden kann. Auf diese Weise werden rassistische Züge anschlussfähig gemacht, ohne explizit benannt zu werden (Deutschlandfunk, 2025).

Aus sprachkritischer Perspektive verstärkt die mediale Weiterverbreitung der Formulierung die Präsenz des Begriffs: Wie Schiffer (2020) hervorhebt, prägen Medien durch Auswahl, Wiederholung und Hervorhebung sprachlicher Elemente maßgeblich öffentliche Deutungsrahmen. Indem der Begriff „Stadtbild“ wiederholt zitiert, kommentiert und als Schlagwort etabliert wird, verstärken Medien die Präsenz des Begriffs und tragen so zu seiner Aufladung bei.

Der Begriff „Stadtbild“ setzt sich aus den Substantiven „Stadt“ und „Bild“ zusammen und verweist zunächst auf den visuellen Gesamteindruck einer Stadt, also auf den Eindruck, den sie als Ganzes vermittelt. Lexikalische Definitionen, etwa im DWDS (o.J.) oder im Duden (o.J.), beschreiben „Stadtbild“ als eine deskriptive Bezeichnung für das äußere Erscheinungsbild urbaner Räume. Dennoch wird spätestens mit der zuvor beschriebenen medialen und öffentlichen Reaktion erkennbar, dass der Begriff „Stadtbild“ nicht mehr nur als neutraler Ausdruck im politischen Kontext verstanden wird. Der Begriff entwickelt sich zu einem politisch aufgeladenen Schlagwort, das stellvertretend für eine breitere Auseinandersetzung über Migration, Zugehörigkeit und die symbolische Markierung bestimmter Personengruppen im urbanen Raum steht. Durch das Demonstrativpronomen „dieses Stadtbild“ wird zwar der Eindruck erzeugt, es handele sich um ein bekanntes oder bereits geteiltes Wissen, zugleich bleibt der Referenzpunkt jedoch offen. Ebenfalls ist der Begriff „Problem“ im Deutschen kein neutraler Ausdruck, sondern enthält stets eine negative Bewertung und signalisiert Abweichung von einem als normal angenommenen Zustand. In diesem Zusammenhang beschreibt Friedemann Vogel den Begriff auch als „gedankliche Chiffre für eine Debatte über (die Diskriminierung von) Personengruppen mit Migrationshintergrund“ (Vogel, 2025).

Die öffentliche Debatte um den Begriff „Stadtbild“, ausgelöst durch die Äußerung von Friedrich Merz, lässt sich im Sinne der linguistischen Sprachkritik nach Wimmer (1982) als Ausdruck eines Sprachnormenkonflikts verstehen. Wimmer begreift Sprachkritik nicht als moralische Bewertung, sondern als Analyse gesellschaftlicher Normen, die sprachliches Handeln strukturieren und regulieren. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, welche Erwartungen an angemessenen Sprachgebrauch bestehen und wie diese Erwartungen in Konflikt geraten können (vgl. Wimmer, 1982, S. 294-295). Ein solcher Konflikt wird dort sichtbar, wo sprachliche Äußerungen Irritationen hervorrufen und öffentlich diskutiert werden. Die Rede von einem „Problem im Stadtbild“ setzt implizit eine normative Vorstellung urbaner Ordnung voraus und markiert Abweichungen davon als Problem, ohne diese Norm offen zu legen. Während die Formulierung formal neutral erscheint, wird sie im migrationspolitischen Kontext als bewertend und ausgrenzend wahrgenommen. Die Botschaft, die für viele Menschen in der Öffentlichkeit ankam, lautete dabei weniger, dass es konkrete Probleme gebe, sondern dass „auf den Straßen“ etwas als falsch, störend und nicht mehr zugehörig markiert wird, nämlich Menschen mit einem Migrationshintergrund.

Im Zusammenhang mit der Sprecherposition stellt sich zudem die Frage, inwiefern eine solche Wortwahl in der Position eines prominenten politischen Akteurs angemessen ist. Wimmer betont, dass Normen stets mit Geltungsansprüchen verbunden sind und nicht unabhängig von Machtverhältnissen betrachtet werden können (vgl. Wimmer, 1982, S. 296-297). Gerade aufgrund der öffentlichen Reichweite von Friedrich Merz kommt der Wahl von Ausdrücken wie „Probleme im Stadtbild“ eine besondere Bedeutung zu. Die Verwendung eines derart vagen Ausdrucks durch einen prominenten politischen Akteur trägt dazu bei, entsprechende Deutungsmuster zu normalisieren und anschlussfähig zu machen.

Zusammenfassend zeigt die Analyse, dass der Begriff „Stadtbild“ in der Äußerung von Friedrich Merz weit über seine lexikalisch neutrale Bedeutung hinausgeht. Durch die vage Verwendung des Ausdrucks werden implizite normative Vorstellungen von Ordnung, Normalität und Zugehörigkeit aktiviert, ohne diese explizit zu benennen oder argumentativ zu begründen. Gerade diese semantische Offenheit verleiht dem Begriff seine diskursive Wirksamkeit, da er unterschiedliche Deutungen zulässt und affektive Reaktionen hervorruft, ohne konkret angreifbar zu sein. Die öffentliche und mediale Reaktion macht deutlich, dass diese sprachliche Offenheit nicht als neutral wahrgenommen wird, sondern als indirekte Abwertung von Menschen mit einem Migrationshintergrund im urbanen Raum. Im Sinne der linguistischen Sprachkritik nach Wimmer lässt sich die Debatte daher als Sprachnormenkonflikt verstehen, der zeigt, wie scheinbar harmlose Begriffe (diskriminierende) Deutungsmuster reproduzieren und öffentliche Diskurse strukturieren.

Quellenverzeichnis

Bundestag (o.J.): Aussprache zur inneren Sicherheit in Deutschland. Online unter: https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2025/kw45-de-aktuelle-stunde-innere-sicherheit-1121644 (zuletzt aufgerufen am 25.01.2026).

Deutschlandfunk (2025): Merz´Problem mit dem „Stadtbild“. Online unter: https://www.deutschlandfunk.de/friedrich-merz-stadtbild-migration-diskussion-100.html (zuletzt aufgerufen am 25.01.2026).

Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache (o.J.): Stadtbild – Schreibung, Definition, Bedeutung, Synonyme, Beispiele. Online unter: https://www.dwds.de/wb/Stadtbild (zuletzt aufgerufen am 19.12.2025).

Duden (o.J.): Stadtbild – Rechtschreibung, Bedeutung, Definition… Online unter: https://www.duden.de/rechtschreibung/Stadtbild (zuletzt aufgerufen am 19.12.2025).

NDR (2025): Merz und das „Stadtbild“: Zwischen Zustimmung und Kopfschütteln. Online unter: https://www.ndr.de/nachrichten/info/merz-und-stadtbild-zwischen-zustimmung-und-kopfschuetteln,stadtbild-108.html (zuletzt aufgerufen am 19.12.2025).

Seidel, Jörn (2025): Merz und das „Stadtbild“: Eine kluge Kommunikationsstrategie? (WDR). Online unter: https://www1.wdr.de/nachrichten/merz-stadtbild-aussage-strategie-100.html (zuletzt aufgerufen am 19.12.2025).

Schiffer, Sabine (2020): Zur Kritik journalistischer Krisenkommunikation. In: Hans-Jürgen Bücher (Hg.): Medienkritik zwischen ideologischer Instrumentalisierung und kritischer Aufklärung. Köln: Herbert von Halem Verlag, S. 131-149.

Tagesschau (2025): Merz will Äußerung nicht zurücknehmen – „im Gegenteil“. Online unter: https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/merz-cdu-strategieklausur-100.html (zuletzt aufgerufen am 24.01.2026).

WDR (2025): Merz und seine Stadtbild-Äußerungen: Jetzt reden die „Töchter“. Online unter: https://www1.wdr.de/nachrichten/merz-aeusserungen-stadtbild-toechter-100.html (zuletzt aufgerufen am 25.01.2026).

Wimmer, Rainer (1982): Überlegungen zu den Aufgaben und Methoden einer linguistisch begründeten Sprachkritik. In: Schiewe, Jürgen (Hg.): Sprachkritik, Dokumente der Konturierung und Etablierung einer linguistischen Teildisziplin. Band 1. (= Germanistische Linguistik 255-257 / 1). Hildesheim/ Zürich/ New York: Olms, 2022, S. 329-364.

Vogel, Friedemann (2025): „Stadtbild“ – Eine gedankliche Chiffre im politischen Diskurs. Online unter: https://diskursmonitor.de/review/stadtbild-eine-gedankliche-chiffre-im-politischen-diskurs/ (zuletzt aufgerufen am 25.01.2026).

 

Zitiervorschlag

Klein, Marie (2026): Friedrich Merz und das „Stadtbild“: Wenn Worte wirken und Debatten prägen. In: Diskursmonitor – DiskursReview: Aktuelle Beiträge zur Sprach-, Medien- und Diskurskritik. Online unter: https://diskursmonitor.de/review/sprach-und-medienkritik (Zugriff: ##.##.####)