Grafik: Von Günther Herrler - privat, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=50236514

Workshop vom 31.01. bis 01.02.2019: Gegenstand und Ziele

Die Diskursanalyse ist mittlerweile eine etablierte Teildisziplin im Kanon der philologischen und sozialwissenschaftlichen Fachbereiche. Wenngleich ihr Gegenstand der transsituativen, mithin öffentlich-gesellschaftlichen Sphäre des vernetzten semantischen Kampfes entstammt, pflegt sie selbst wiederum mehrheitlich einen rein fachwissenschaftlichen und zudem partikularisierten Binnendiskurs. Selbst Ansätze, die mit ihrer analytisch-deskriptiven Arbeit zumindest auch einen „kritischen“, „emanzipatorischen“, „aufklärerischen“, „engagierten“ u.ä. Anspruch verbinden, sind – wenn sie überhaupt wahrgenommen wurden – selten über kurzzeitige Resonanzen des Infotainments hinausgelangt.

Seit einigen Jahren nun beobachten wir das regionale wie weltweite Wiedererstarken von Nationalismus, Rassismus, kriegerischer Intervention und eine Verrohung der politisch-öffentlichen Kommunikation. Die neue politische Großwetterlage hat auch die stärksten „Deskriptivisten“ der Community zweifeln lassen an der Solidität ihrer Trennung von ‚Wissenschaft‘ und ‚Politik‘. Das Interesse an Normativität, Moral und Ethik scheint dabei umso mehr zu wachsen, je eher man selbst zum Objekt eines pauschalisierten Antielitismus und einer allgemeinen Wissenschaftsskepsis wird.

Die Diskursforschung trägt eine Verantwortung für die Kultivierung öffentlicher Diskurse. Doch wie lässt sich eine gezielte Intervention, ein Eingreifen in gesellschaftliche Zeitgespräche normativ rechtfertigen, ohne in oberflächliches, selbstimmunisierendes Moralisieren oder in die Beliebigkeit politischer Parteislogans abzugleiten? Was kann ein transparenter, normativer Maßstab für die wissenschaftliche Bewertung sozialer und gesellschaftlicher Diskursverhältnisse sein? Diese Frage wurde selbst in engagierten Varianten der Diskursanalyse bislang nur am Rande diskutiert. Ihre Klärung ist notwendig verbunden mit der Frage nach konkreten Praktiken, Formen und Zielen der Diskursintervention: Welche effektiven Möglichkeiten gab und gibt es, aus dem Feld der Wissenschaft heraus bestehende (Re-)Produktionsverhältnisse gesellschaftlicher Wissens- und Handlungsmuster zu irritieren und zu verändern? Was lässt sich lernen aus inner- wie außerwissenschaftlichen Praktiken der „semiologischen Guerilla“ (Umberto Eco) und der strategischen Kommunikation?

Diesen und ähnlichen Fragen soll der hier geplante Workshop einen angemessenen Diskussionsraum geben. Der erste Tag des Workshops beginnt mit einem Rückblick bisheriger Ansätze für eine wissenschaftliche Diskurskritik und Formen der Diskursintervention bzw. Diskursguerilla: Welche Ansätze haben sich in der Vergangenheit als konsensfähig, praktikabel und effektiv erwiesen oder warum ggf. nicht oder nur eingeschränkt? Daran anschließend widmet sich der Nachmittag der Diskussion und gemeinsamen Entwicklung eines normativen Maßstabs der Diskurskritik und diskurslinguistischer Interventionen. Am zweiten Tag sollen dann praktische Möglichkeiten und Grenzen diskursintervenierender Aktivitäten auf Basis möglichst konkreter Projektskizzen vorgestellt und Ansätze zukünftiger Zusammenarbeit eruiert werden.

Ziel des Workshops ist erstens ein Austausch über Maßstäbe der Kritik und Formen intervenierender Praktiken; zweitens die Erarbeitung eines konsensfähigen Rahmens für ein gemeinsames, publizierbares Positionspapier (das nach Vorlage im Anschluss kollaborativ formuliert werden soll), sowie drittens die Verständigung über ein daran anschließendes, möglichst konkretes Arbeitsvorhaben im Paradigma einer intervenierenden Diskurslinguistik. Ob dieses Ziel realistisch oder der Workshop nur ein Zwischenschritt ist, bleibt zunächst offen. „Eines ist jedenfalls sicher: nichts ist weniger unschuldig, als den Dingen einfach ihren Lauf zu lassen.“ (Bourdieu)

Das vorläufige Programm finden Sie hier.

Die Teilnahme ist kostenlos (Teilnehmeranzahl ist begrenzt). Bitte beachten Sie die organisatorischen Hinweise zu obligatorischer Anmeldung, Livestream und Thesenpapieren.