DiskursReview: Aktuelle Beiträge zur Sprach- und Medienkritik
„Canceln von Geschichte“? Eine sprachkritische Auseinandersetzung mit den Straßenumbenennungen in Münster
Von Claudia Holzmeister
„Sollen die am 6. Mai 2025 in der Bezirksvertretung Münster-Mitte gefassten Beschlüsse zur Änderung der Straßennamen Skagerrakstraße, Langemarckstraße, Admiral-Scheer-Straße, Admiral-Spee-Straße und Otto-Weddigen-Straße aufgehoben werden und die Straßennamen unverändert erhalten bleiben?“ (Bürgerbegehren – Bürgerentscheid). Diese Frage sollen die Bürger*innen des Stadtbezirks Münster-Mitte der Stadt Münster in einem Bürgerentscheid am 8. Februar 2026 mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten (vgl. Bürgerbegehren – Bürgerentscheid).
Straßennamen stellen einen festen Bestandteil des öffentlichen Raums dar und erfüllen primär eine orientierende Funktion. In der Regel bleiben sie sprachlich unhinterfragt, obwohl sie historische Bezüge herstellen und bestimmte Personen oder Ereignisse sichtbar machen. Erst im Kontext von Umbenennungsdebatten wird deutlich, dass Straßennamen nicht ausschließlich neutrale Bezeichnungen sind, sondern bestimmte historische Wertungen sprachlich festschreiben. Aus sprachkritischer Perspektive lassen sich Straßennamen daher als Formen öffentlicher Ehrung verstehen, die neben ihrer Orientierungsfunktion eine soziale und erinnerungspolitische Dimension besitzen (vgl. Herling 2025).
In Münster ist dies aktuell besonders präsent, da die geplanten Umbenennungen von fünf Straßen in der Innenstadt eine öffentliche Diskussion ausgelöst haben. Die Stadt Münster begründet die Umbenennungen mit dem Anspruch einer zeitgemäßen und reflektierten „Erinnerungskultur“ (vgl. Stadt Münster). Demgegenüber positioniert sich die Bürgerinitiative Stoppt Straßenumbenennungen. Sie warnt vor einem Verlust historischer Sichtbarkeit und einem „Canceln der Geschichte“ (Instagram-Posting vom 11.11.2025) und fordert alternative Formen der Einordnung (vgl. Instagram-Posting vom 11.11.2025). Diese Auseinandersetzung ist von unterschiedlichen sprachlichen Rahmungen geprägt. Stadtverwaltung und Bürgerinitiative beziehen sich zwar auf denselben Sachverhalt, setzen jedoch deutlich unterschiedliche Akzente in der Darstellung von Geschichte, Verantwortung und gesellschaftlichen Prioritäten.
Die Stadt Münster verwendet in ihrer Informations- und Begründungsschrift eine überwiegend sachlich-administrative Sprache. Straßennamen werden als „Ehrungen im öffentlichen Raum“ (Stadt Münster) beschrieben, deren Angemessenheit regelmäßig überprüft werden müsse (vgl. Stadt Münster). Eine Umbenennung werde dann notwendig, wenn diese Ehrung heutigen demokratischen Maßstäben widerspreche. Die Stadt argumentiert damit, dass die Namen der fünf Straßen im Diskurs im Zusammenhang mit Militarisierung, Krieg und Nationalsozialismus stünden (vgl. Stadt Münster). Ein Kriterium für Ehrung sei die „Abwägung von positiven und negativen Aspekten. Bei Zweifel, keine Ehrung.“ (Stadt Münster). Sobald eine Ehrung den Kriterien der Stadt widerspreche oder „die ursprüngliche Straßenbenennung propagandistischen Zwecken der nationalsozialistischen Zeit diente“ (Stadt Münster), sei eine Umbenennung möglich (vgl. Stadt Münster). Dies zeigt, dass Umbenennungen nicht als willkürliche Eingriffe, sondern als begründete Korrekturen bestehender Ehrungspraktiken wahrgenommen werden. Außerdem erscheint Geschichte hier nicht als feststehendes Erbe, sondern als etwas, dessen gesellschaftliche Bedeutung sich im Wandel von Normen und Werten verändert. Die Umbenennung werde als begründete Ausnahme dargestellt, die an festgelegte Kriterien, Gutachten und politische Beschlüsse gebunden ist. Dies wird durch die detaillierten Darstellungen von Zuständigkeiten, Übergangsregelungen und Verwaltungsabläufen unterstrichen (vgl. Stadt Münster). Die Betonung von Übergangszeiten, Bestandsschutz und automatisierten Verwaltungsprozessen relativiert zugleich mögliche Belastungen für Anwohnende und rahmt sie als handhabbar und zeitlich begrenzt. Dieser Sprachgebrauch ist reflektiert, weil er den bewertenden Charakter von Straßennamen offenlegt. Insgesamt ermöglicht die Argumentation der Stadt eine klarere Trennung zwischen historischer Aufarbeitung und öffentlicher Ehrung. Sie knüpft an ein Verständnis von Straßennamen an, wie es auch in der sprachkritischen Toponomastik vertreten wird: Straßennamen erfüllen demnach nicht nur eine Orientierungsfunktion, sondern wirken als kommemorative Benennungen, die gesellschaftliche Wertungen sprachlich festschreiben (vgl. Herling 2025).
Demgegenüber ist die Sprache der Bürgerinitiative Stoppt Straßenumbenennungen deutlich emotionaler geprägt. Umbenennungen werden hier nicht als verwaltungstechnischer Vorgang, sondern als „Canceln von Geschichte“ (Instagram-Posting vom 11.11.2025) bezeichnet. Sätze, wie „Aus der Geschichte können wir für die Zukunft lernen, aber nicht wenn wir sie tilgen.“ (Instagram-Posting vom 11.07.2025) und „Wir wollen die Geschichte nicht ungeschehen machen, sondern sie erklären.“ (BI) implizieren, dass historische Erinnerung unmittelbar an Straßennamen gebunden sei und mit deren Veränderung verloren gehe. Geschichte wird dabei als etwas Fragiles konstruiert, das durch sprachliche Eingriffe gefährdet sei. Diese Gleichsetzung greift zu kurz, da historische Auseinandersetzung nicht allein an Straßennamen gebunden ist – Erinnerung findet beispielsweise auch in Bildung, Forschung und öffentlicher Diskussion statt. „Bildung, Aufklärungsprojekte oder Gedenkarbeit“ (BI) sind Alternativen, in die Steuergelder investiert werden sollen, statt Straßen umzubenennen. Der Fokus wird durch diese und weitere Aussagen, wie „Es ist ein Fass ohne Boden (siehe Berlin) und die Bürger zahlen’s.“ (Instagram-Posting vom 15.11.2025) und „Wo bleibt hier der sinnvolle Einsatz unserer Steuergelder?“ (BI) stark auf finanzielle Aspekte und bürokratische Belastungen gelegt. Dadurch erscheinen Umbenennungen als unverhältnismäßige Setzung von Prioritäten und eine Investition an falscher Stelle. Die Initiative möchte damit zeigen, dass sie sich um die Finanzen der Bürger*innen sorge. Darüber hinaus greift die Gruppe häufig auf identitätsbezogene Argumente zurück. Straßennamen werden als Teil des Lebensumfelds und der Identität von Anwohnenden beschrieben: „Alte Namen prägen unser Lebensumfeld, sie tragen Geschichten und Erinnerungen.“ und „Straßen sind mehr als nur Adressen – sie sind Teil der Identität der Anwohner.“ (BI). Die Umbenennungen werden als „kein harmloser Akt“, sondern als „Belastung für ihre Bürger“ betitelt. Die Initiative setzt sich dafür ein, die „Identität der Anwohner zu bewahren und nicht leichtfertig auszulöschen.“ (BI). Außerdem ist sie der Meinung, „die Menschen haben genug andere Sorgen, die jetzt Priorität haben sollten.“ (BI). Dadurch möchte die Initiative ihr Interesse an und ihre Nähe zu den Bürger*innen betonen und zeigen, dass sie sich um ihr Wohl sorge und sich für sie einsetze. Durch den Verweis auf eine „bürgerliche Mitte“ (Instagram-Posting vom 11.07.2025) wird zudem versucht, der eigenen Position sprachlich Legitimität und Allgemeingültigkeit zu verleihen. Außerdem rahmt die Bürgerinitiative die Straßenumbenennungen durch dramatisierende Sprache als bedrohlichen Eingriff: „Sorgen“, „kein harmloser Akt“, „Belastung“ (BI), „Brennglas für gesellschaftliche Verwerfungen“ (Instagram-Posting vom 11.08.2025) und „ideologische Standpunkte“ (Instagram-Posting vom 11.07.2025). Die Initiative stellt sich somit durch Besorgnis um Identität und Geld auf die Seite der Bürger*innen und stellt die Umbenennungen als etwas Negatives dar. Aus sprachkritischer Perspektive wird deutlich, dass die Aussagen von Stoppt Straßenumbenennungen stärker emotionalisieren und dramatisieren, als zur sachlichen Klärung beizutragen. Die Bürgerinitiative konstruiert Straßennamen implizit als Träger von Geschichte selbst. Diese Sichtweise widerspricht dem in der Sprachkritik vertretenen Verständnis, dass Erinnerung nicht im Namen als Zeichen selbst liegt, sondern in den gesellschaftlichen Deutungs- und Benennungspraktiken, die ihn umgeben (vgl. Herling 2025).
Beide Seiten verwenden den Begriff der „Erinnerungskultur“, füllen ihn jedoch unterschiedlich. Während die Stadt „Erinnerungskultur“ als kritische Neubewertung historischer Ehrungen versteht (vgl. Stadt Münster), betont die Bürgerinitiative Sichtbarkeit und Erklärung bestehender Namen. Vorschläge wie QR-Codes oder Informationstafeln werden als Alternative zur Umbenennung präsentiert und sprachlich als „gelebte Erinnerungskultur“ aufgewertet (vgl. BI).
Die Analyse der Debatte um die geplanten Straßenumbenennungen in Münster zeigt, dass es sich weniger um einen Streit über historische Fakten als um einen Konflikt unterschiedlicher sprachlicher Deutungen von Geschichte und Erinnerung handelt. Die Stadt Münster macht diesen bewertenden Charakter von Straßennamen explizit, indem sie sie als Ehrungen versteht, deren Angemessenheit überprüft werden müsse. Demgegenüber konstruiert die Bürgerinitiative Geschichte vor allem als etwas zu Bewahrendes, das an bestehende Straßennamen gebunden sei. Es wird durch Umbenennungen ein Verlust suggeriert, der sich aus sprachkritischer Perspektive nicht hinreichend begründen lässt und den Diskurs durch die Nutzung bestimmter Wörter zuspitzt. Die unterschiedliche Verwendung des Begriffs „Erinnerungskultur“ verdeutlicht diese Spannungen besonders.
Vor diesem Hintergrund lassen sich Straßenumbenennungen als sprachliche Neuordnung öffentlicher Ehrungen verstehen, die bestehende historische Narrative hinterfragt, ohne Geschichte abzulehnen. Nicht die Veränderung von Straßennamen stellt eine Gefahr für Erinnerung dar, sondern ein Sprachgebrauch, der ihre bewertende Funktion verdeckt und damit einer kritischen Auseinandersetzung entzieht.
Quellenverzeichnis
BI. Bürgerinitiative: Stoppt Straßenumbenennungen. URL: https://www.stoppt-umbenennungen.de/ [letzter Aufruf: 18.12.2025].
Herling, Sandra (14.10.2025): Ortsbenennung. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. URL: https://diskursmonitor.de/glossar/ortsbenennung/ [letzter Zugriff: 26.01.2026].
Instagram-Posting vom 15.11.2025. URL: https://www.instagram.com/p/DRFFmhICLVb/ [letzter Aufruf: 18.12.2025].
Instagram-Posting vom 11.11.2025. URL: https://www.instagram.com/p/DQ6YjPsjCS-/ [letzter Aufruf: 18.12.2025].
Instagram-Posting vom 11.08.2025. URL: https://www.instagram.com/p/DNOZ64FoJ60/ [letzter Aufruf: 18.12.2025].
Instagram-Posting vom 11.07.2025. URL: https://www.instagram.com/p/DL-Iik7NS-T/ [letzter Aufruf: 18.12.2025].
Bürgerbegehren – Bürgerentscheid. URL: https://www.stadt-muenster.de/wahlen/buergerbegehren-buergerentscheid [letzter Aufruf: 18.12.2025].
Stadt Münster. Vermessungs- und Katasteramt | Stadtarchiv. URL: https://www.stadt-muenster.de/fileadmin/user_upload/stadt-muenster/Strassennamen/pdf/Umbenennungen_Mitte/2025-11-27_gallery_walk_version_Buergerentscheid.pdf [letzter Aufruf: 18.12.2025].
Zitiervorschlag
Holzmeister, Claudia (2026): „Canceln von Geschichte“? Eine sprachkritische Auseinandersetzung mit den Straßenumbenennungen in Münster. In: Diskursmonitor – DiskursReview: Aktuelle Beiträge zur Sprach-, Medien- und Diskurskritik. Online unter: https://diskursmonitor.de/review/sprach-und-medienkritik (Zugriff: ##.##.####)