DiskursReview: Aktuelle Beiträge zur Sprach- und Medienkritik

„Genderwahn“ als sprachkritische Abwertung: Eine kritische Betrachtung

Von C.K.

„Die Debatte über Gendern und Nicht-Gendern kann ich schon nicht mehr hören. Soll es doch jeder machen, wie er es selbst will.“ Dieses Zitat äußert der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz im Rahmen der Feier zugunsten des Grundgesetzes, welches im Jahre 2024 den 75. Geburtstag feierte (vgl. Steinkohl et al. 2024). Deutlich wird hierbei, dass die Thematik rund um das Gendern in der Politik aufgefasst wird. Allerdings wird gleichzeitig deutlich, dass die Debatte in der Öffentlichkeit stark kritisiert wird. Scholz zeigt hier eine Art Abwehrhaltung gegenüber der gesamten Gender-Debatte. Er legt keinen Wert darauf, dass alle Menschen in Deutschland gendern sollten, sondern es kristallisiert sich eine Ablehnung seinerseits heraus. Es wirkt wie eine Ermüdung der Politik in Bezug auf diese Debatte. Das Gendern als Tätigkeit umfasst stereotype Annahmen und führt zu Erwartungen an Charakterzüge und Eigenschaften der Menschen (vgl. Schach 2023: 271). Die sprachkritische Relevanz äußert sich dadurch, dass, wie im Zitat von Olaf Scholz deutlich wird, bereits eine politische Debatte zur Thematik vorherrscht und auch in weiteren öffentlichen Stellungnahmen Kritik geäußert wurde. Diese politische Ermüdung bildet eine zentrale Brücke für sprachkritische Abwertungen wie den Begriff „Genderwahn“, der in öffentlichen Diskursen vielfältig verwendet wird.

Zum besseren Verständnis der sprachkritischen Auseinandersetzung folgt zunächst eine kurze Definition des Begriffs. Im Anschluss daran werden öffentliche Debatten herangezogen, um den Begriff kritisch zu beleuchten.

Die Begrifflichkeit „Genderwahn“ gilt als emotionale und abwertende Bezeichnung. „Genderwahn“ zielt auf Kritik am geschlechterbezogenen Sprachgebrauch und an einer „an der gesellschaftlichen Wirklichkeit vorbeigehende[n] Beschäftigung mit Genderfragen“ (vgl. DWDS 2021). Der Wortbestandteil „Wahn“ ist den meisten Menschen aus dem Bereich der Medizin bekannt und beschreibt eine Art Realitätsverlust. Dadurch wird meines Erachtens nach nicht der Begriff „Genderwahn“ an sich kritisiert, sondern zumeist die Personen, die den Begriff verwenden. Ihnen wird somit unterstellt, dass sie die gesamte Gender-Thematik übertrieben darstellen und der Debatte kein großer Stellenwert zukommen sollte.

„Genderwahn“ ist ein Ausdruck eines Normenkonflikts. Der Begriff wird in öffentlichen Diskursen genutzt, um Gleichstellungspolitik oder gendergerechte Sprache abzuwerten. Zudem soll dargestellt werden, dass sich das Gendern zu einem Zustand entwickelt hat, der über die Grenzen hinausgegangen ist. Daher wird durch die Verwendung des Begriffs eine normative Funktion innerhalb des Konflikts um die Genderthematik deutlich. Rainer Wimmer bezeichnet Sprachkritik als keinen Dauerkommentar, sondern als einen punktuellen und begründeten Eingriff bei Sprachkonflikten über sprachliche Normen (vgl. Wimmer 1988: 303). Durch die öffentliche Verwendung wird der Begriff als eine Norm eingesetzt. Er dient dazu, gendergerechte Sprache als überzogen oder krankhaft zu markieren. Es entsteht der Eindruck, dass eine Person durch die Verwendung des Begriffs „Genderwahn“ signalisieren möchte, dass verschiedene sprachliche Praktiken nicht legitimierbar sind. „Genderwahn“ ist ein wertender Begriff, der versucht, das sprachliche und kommunikative Handeln anderer zu beeinflussen. Damit greift der Begriff den Aspekt auf, den Rainer Wimmer in seiner Veröffentlichung beschreibt (vgl. Wimmer 1988: 295 f.). Deutlich wird diese normative Funktion in öffentlichen rechtspopulistischen Debatten.

Auffällig ist, dass besonders häufig die extremen Rechten in die Debatte um den Begriff einbezogen und benannt werden. Der Ausdruck wird vor allem von rechtskonservativen Akteuren verwendet (vgl. Lang 2017). Hieraus belegt sich die Wichtigkeit der Geschlechterpolitik, um gegen Rechte anzukommen. Durch den großen Bezug zu rechten Seiten, zeigt sich zudem der kritische Aspekt, wie mit dem Begriff in der Öffentlichkeit umgegangen wird. Durch die Verwendung des Begriffs entsteht ein Feindbild gegen Personen, die sich für gendergerechte Sprache einsetzen. Die rechtspopulistischen Diskurse nutzen den Begriff „Genderwahn“ als emotionalisierendes Schlagwort, das öffentlich in verschiedenen Bereichen diskutiert wird. Hierdurch erfolgt eine Bewertung anstelle einer Argumentation. Die Gegenposition erscheint als übersteigert. Im Bereich der Sprachkritik kommt politischer Sprachgebrauch sowie der ideologiegebundenen Bedeutung ein hoher Stellenwert zu (vgl. Wimmer 1988: 300 f.). Der Wortbestandteil „Wahn“ im Verhältnis zur politischen Verwendung ist stark negativ konnotiert. Das Gebilde aus „Gender“ und „Wahn“ umfasst daher ein komplexes gesellschaftliches Feld mit stark abwertender Bedeutung.

Zudem wurde der Begriff im Jahre 2018 von der Jury des „Unwort-des-Jahres“ kritisiert. Die Jury äußert ihre Kritik in dem Sinne, dass durch den Ausdruck des „Genderwahns“ Bemühungen um Geschlechtergerechtigkeit undifferenziert schlechtgemacht werden:

Mit dem Ausdruck würden in konservativen bis rechtspopulistischen Kreisen zunehmend Bemühungen um Geschlechtergerechtigkeit in undifferenzierter Weise diffamiert – von geschlechtergerechter Sprache über „Ehe für alle“ bis hin zu den Bemühungen um die Anerkennung von Transgender-Personen. (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft 2018)

Die Mittel zur Geschlechtergerechtigkeit erscheinen als gefährlich und übertrieben. Es wird also ersichtlich, dass die Verwendung dieses Begriffes die Arbeit von den Menschen behindert und erschwert, die sich für Geschlechtergerechtigkeit einsetzen. Zudem werden durch die Verwendung dieses Begriffes nicht nur die gendergerechte Sprache, sondern auch weitere Gleichstellungsmaßnahmen, wie die Anerkennung von Transgender-Personen kritisiert. Dadurch wird die Spannweite der Auswirkungen des Begriffes sichtbar erweitert. Der Begriff „Genderwahn“ macht deutlich, wie Bemühungen aus der Gesellschaft für eine Gleichstellung abgewertet werden können, anstatt eine sachliche Diskussion zu führen. Auch hier lässt sich der Bezug zum Wortbestandteil „Wahn“ herstellen. Werden durch den Begriff „Genderwahn“ die Bemühungen der Gesellschaft für Gleichstellung deklassiert, so wird der Gesellschaft gleichzeitig auch vorgeworfen, dass die Debatte keinen großen Stellenwert hat. Menschen erleiden scheinbar eine Art Realitätsverlust, weil sie sich zu sehr in die Thematik hineinsteigern.

Auch außerhalb der rechtspopulistischen Kontexte ist der Begriff „Genderwahn“ zu finden. Der Moderator und Autor Thomas Gottschalk äußerte zur Thematik:

Es geht hier ja nicht nur um ein paar Wörter, die man nicht mehr sagen darf oder ums Gendern. Ich glaube, der ganze Komplex beschreibt eher eine gesellschaftliche Entwicklung als eine politische Frage – und es ist nicht Ausdruck einer stramm rechten Gesinnung, wenn man sich gegen Sprachregelungen und Genderwahn postiert. (Kuschel 2024)

Gottschalk bezieht sich darauf, dass das es sich um ein gesellschaftliches Problem handelt, und er zieht den politischen Bezug zu den Rechten zurück. Laut ihm ist es durch den „Genderwahn“ nicht mehr möglich, so zu kommunizieren, wie es vor ein paar Jahren noch üblich war, da heutzutage eine Vielzahl an Begriffen nicht mehr ohne Hintergedanken genutzt werden darf. Hierbei wird deutlich, dass der Begriff nicht immer in politischen Kontexten debattiert werden muss, sondern auch durch Personen der Öffentlichkeit eine abwertende Haltung gegenüber der Formulierung „Genderwahn“ entstehen kann.

Ich halte den Begriff „Genderwahn“ sowohl aus sprachlicher als auch aus gesellschaftlicher Perspektive für kritisch. Die Kritik bezieht sich hierbei nicht auf das Gendern, sondern auf den Wortbestandteil „Wahn“. Unter dem Begriff „Wahn“ wird häufig etwas Negatives formuliert. Die Nutzung des Wortes beschreibt jemand anderen als falsch und noch gravierender als unzurechnungsfähig. Heutzutage wird viel Wert auf Gendern gelegt. Sei es in der Universität oder im Beruf, alle Menschen sollen sich angesprochen fühlen. Wird der Begriff „Genderwahn“ allerdings mit rechtspopulistischen Seiten in Verbindung gebracht, so erscheint der Begriff als gesellschaftlich kritisch. Ich verstehe, dass das Gendern heutzutage als nervend betrachtet wird, aber zeigt sich dadurch nicht deutlicher die notwendige Gleichstellung von Frauen und Männern? Die Verwendung der männlichen Form hat sich in den deutschen Sprachgebrauch eingebürgert und Frauen fühlen sich somit nahezu automatisch angesprochen. Wenn es aber heutzutage schon eine solche Debatte gibt, kann auch darüber nachgedacht werden, ob der Sprachgebrauch, der immer im Wandel ist, nicht angepasst werden kann.

Abschließend lässt sich sagen, dass in diesem sprachkritischen Beitrag drei verschiedene Perspektiven zu einem Begriff aufgezeigt werden können. Der Begriff „Genderwahn“ führt zu politischer Ermüdung, rechtspopulistischer Emotionalisierung und einer öffentlichen Abkehr von der Politik. Hinzu kommt eine Hineinführung in das gesellschaftliche Problem der Verwendung eines sprachlich kritischen Begriffs. Wie durch die Analyse erkennbar wird, ist der Begriff negativ konnotiert, was zumal auch der Verwendung des Wortbestandteils „Wahn“ zugeschrieben wird. Der Begriff erweist sich dadurch nicht als sachliche Kritik, sondern als ein sprachliches Instrument der Abwertung. Dieses Instrument emotionalisiert und delegitimiert gesellschaftliche Diskurse.

Quellenverzeichnis

DWDS – Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache (2021): „Genderwahn“. In: https://www.dwds.de/wb/Genderwahn (Abgerufen: 12.12.2025).

Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (2018): Unwort-des-Jahres-Jury kritisiert „Genderwahn“. In: https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/unwort-des-jahres-jury-kritisiert-genderwahn (Abgerufen: 12.12.2025).

Kuschel, Sven (2024): Emotionales Wiedersehen in München. In: https://www.bild.de/unterhaltung/stars-und-leute/thomas-gottschalk-und-samuel-koch-emotionales-wiedersehen-in-muenchen-671cfbd5ac56de4b2d6bd9ab (Abgerufen am: 15.12.2025).

Lang, Juliane (2017): „Gender“ und „Genderwahn“ – neue Feindbilder der extremen Rechten. In: https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/259953/gender-und-genderwahn-neue-feindbilder-der-extremen-rechten/ (Abgerufen am: 12.12.2025).

Schach, Annika (2023): Gendergerechte Sprache. In: Diversity und Inclusion in Strategie und Kommunikation. Vielfalt in Konzeption, Kultur und Sprache im Unternehmen. Wiesbaden.

Steinkohl, Ulrich/ van der Kraats, Marion/ Bartos, Patricia (2024): 75 Jahre Grundgesetz: Berlin feiert Fest für die Verfassung. In: https://www.mz.de/panorama/75-jahre-grundgesetz-berlin-feiert-fest-fur-die-verfassung-3849825 (Abgerufen: 12.12.2025).

Wimmer, Rainer (1988 [1982]): Überlegungen zu den Aufgaben und Methoden einer linguistisch begründeten Sprachkritik. In: Hans Jürgen Heringer (Hg.): Holzfeuer im hölzernen Ofen. Aufsätze zur politischen Sprachkritik. 2. Aufl. Tübingen: Narr, S. 290–316.

Zitiervorschlag

C.K. (2026): „Genderwahn“ als sprachkritische Abwertung: Eine kritische Betrachtung. In: Diskursmonitor – DiskursReview: Aktuelle Beiträge zur Sprach-, Medien- und Diskurskritik. Online unter: https://diskursmonitor.de/review/sprach-und-medienkritik (Zugriff: ##.##.####)