DiskursReview: Aktuelle Beiträge zur Sprach- und Medienkritik
Zeitalter der Polykrisen – Was sagt die Polykrise über die Gegenwart und Zukunft?
Von Nick Schirmer
Beim Durchscrollen der Tagesschlagzeilen ist einem in den letzten Jahr wahrscheinlich der Ausdruck Polykrise ins Blickfeld geraten. Solche Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien lauten beispielsweise (1) „Klimawandel, Krieg in der Ukraine, Abstiegsängste – die Welt ist aus den Fugen geraten: Drei Bücher zeigen Wege aus der Polykrise“ (Friedl 2026); (2) „Kritische Psychotherapie: Psychotherapie in der Polykrise“ (Dicks 2026); (3) „Optimismus in der Polykrise“ (Kolev 2025); (4) „Was tun gegen die Polykrise? Neuer Bericht liefert Lösungsansätze“ (Kielon 2025); (5) „Irans Polykrise: Ein Regime, gefangen in einer Verkettung von Fehlern“ (NCR-Iran 2025); (6) „Papst wirbt für Multilateralismus in Zeiten der „Polykrise““ (Vatican News 2025).
Bei solchen Schlagzeilen und einem Blick in die einzelnen Artikel rückt ein Konzept einer Polykrise in die Bereiche (1) Ratgeberlektüre, (2) Fachzeitschrift für Psychotherapie, (3) Wachstum Osteuropäischer Staaten, (4) Wissenschaftliche Lösungsansätze für Klimaschutz, (5) Politische Krise im Iran, (6) Workshop zum Krisenbegriff im Vatikan. Die Vielfalt der Themen betont den weiten Anwendungsbereich von Polykrise. Alle Artikel haben gemeinsam, dass sie mit einer Selbstverständlichkeit den Ausdruck Polykrise gebrauchen und damit eine Polykrise für die Gegenwart diagnostizieren. Der zweite Artikel liefert folgende Definition für eine Polykrise:
Der Zustand der Gegenwart ist eine Polykrise, in der sich Klimawandel, Pandemien, kriegerische Konflikte und sozioökonomische Verwerfungen überlappen und gegenseitig verstärken. (Dicks 2026)
Die Bestandteile einer Polykrise, in der wir uns befinden sollen, setzen sich also logischerweise aus mehreren Krisen zusammen. Dies ist zunächst einmal nicht verwunderlich. Die Erwähnung einer gegenseitigen Verstärkung dieser Krisen wäre außerdem auch nichts neues, wenn davon ausgegangen wird, dass Leser*innen verstehen, dass einzelne Krisen mit anderen Krisen in Verbindung und Abhängigkeit zueinander stehen können. Ein aktuelles Beispiel wäre die Corona-Pandemie, die als medizinische Krise für Wirtschaftskrisen in den Jahren 2020-2021 verantwortlich war. In diesem Zusammenhang wird die Corona-Krise als Beispiel einer Polykrise verstanden (Dinan 2024; Lawrence et al. 2024).
Schaut man sich nun die Merkmale Räumlichkeit und Zeitlichkeit für die Corona-Pandemie an, bezog sie sich auf den Großteil der Welt und hielt für ca. 3 Jahre an. Die obigen Exemplare wiederum geben entweder einen bestimmten Raum, wie den Iran, an oder verzichten darauf, die stattfindende Polykrise zu lokalisieren. Am stärksten ist die fehlende Thematisierung der Dauer der diagnostizierten Polykrisen. Das Ausbleiben der Benennung beider Merkmale könnte zu Kommunikationskonflikten führen. Dieses Konfliktpotential soll als Ausgangspunkt für eine sprachkritische Auseinandersetzung in Anlehnung an Rainer Wimmers Konzeption einer Sprachkritik dienen (vgl. Wimmer 1988: 302f).
Der erste Schritt für die Benennung eines möglichen Kommunikationskonflikts ist mit den Komponenten Räumlichkeit und Zeitlichkeit geschaffen worden. Ziel ist es nun, näher zu diskutieren, worin diese Kommunikationskonflikte genau bestehen und warum der Gebrauch von Polykrise im öffentlichen Diskurs für die Beschreibung von Krisen problematisch für Leser*innen von Pressetexten sein könnte.
Der Fokus in diesem Text liegt in der Beschreibung von Polykrise in deutschsprachigen Medien. Es wäre daher zunächst gewinnbringend, zu ermitteln, wie sich das Vorkommen von Polykrise in den letzten Jahren entwickelt hat, um ein Konfliktpotential aus quantitativer Perspektive zu erörtern. Innerhalb der deutschsprachigen Presse wird der Ausdruck Polykrise am Anfang des 21. Jahrhunderts nur spärlich gebraucht. Mit einem Blick in das DeReKo mithilfe von Cosmas-II lassen sich für Polykrise* 312 Treffer in 244 Texten finden. Diese Ergebnisanzeige, nach dem Veröffentlichungsjahr sortiert, zeigt, dass Polykrise im deutschsprachigen Pressekontext 2016 mit 10 Treffern das erste Mal vorkommt. Bis einschließlich 2021 sind nur einzelne Vorkommnisse zu verzeichnen. Die Vorkommen von 2016 bis 2021 verweisen mehrheitlich auf die Institution EU und gleichzeitig auf ein Interview mit dem ehemaligen EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker im Jahr 2016. In diesem Gespräch diagnostiziert er mit dem Verweis auf seine Rede in Athen am 21.06.2016, dass sich die EU in einer Polykrise befindet (vgl. tagesschau 2016; vgl. Juncker 2016). Hierbei beschränkt er sich auf sich gegenseitig verstärkende Probleme, welche die EU zu lösen versucht. Eine stark ansteigende Rezeption von Polykrise außerhalb des EU-Kontextes blieb 2016 aber aus. Während der ersten Jahre der Corona-Pandemie 2020–2021 ist die Aushandlung einer Polykrise in deutschsprachigen Medien ebenfalls nicht zu erkennen, obwohl die Coronakrise in den Folgejahren als Beispiel einer Polykrise betrachtet wird. Das wachsende Vorkommen (34) von Polykrise ab 2022 kann auf die englischsprachigen Blogbeiträge von Adam Tooze (vgl. Tooze 2022) zurückzuführen sein. In den Jahren 2023 und 2024 sind entsprechend 123 bzw. 130 Vorkommen im DeReKo vorliegend. Die Daten für 2025 stehen leider noch aus.
Die Sichtung von Polykrise mithilfe von Korpusdaten lässt eine Form von Polykrise im Zusammenhang der EU erkennen. Juncker diagnostiziert eine Polykrise für die EU. Eine genaue zeitliche Einordnung liegt in den vorliegenden Quellen nicht vor. Dabei ist ebenfalls hervorzuheben, dass die EU, als Institution, sich dieser Polykrise zu widmen hat, um Lösungsansätze zu finden. Dieser Aspekt erweitert das Spektrum für die Beschreibung von Polykrisen mit dem Merkmal Problemlösungsakteure. Hier wird die EU mit deren Mitgliedsstaaten nicht nur als räumliche Einordnung, sondern auch als verantwortlicher Akteur beschrieben, der sich mit Problemlösungsansätzen beschäftigen muss. Da der Gebrauch von Polykrise nichts über den Inhalt der anzugehenden Krisen aussagt, ist an dieser Stelle wichtig, die von Juncker angedeuteten Krisen zu benennen. Dabei spricht er in seiner Rede von „security threats in our neighbourhood and at home, to the refugee crisis, and to the UK referendum” (Juncker 2016:1). Mit neighbourhood verweist Juncker gleichermaßen auf die Welt außerhalb der EU-Grenzen und wie diese sich in Form der refugee crisis auf die EU-Mitgliedsstaaten auswirkt. Die Abhängigkeit dieser Krisen beschreibt er folgendermaßen: „They also feed each other, creating a sense of doubt and uncertainty in the minds of our people.” (Juncker 2016:1)
Was in der Darstellung der Rede stets mitschwingt, ist, dass die Verantwortlichkeit für die Problemlösungsansätze stets in den Händen von staatlichen Institutionen steckt und, dass diese Institutionen ein Vertrauen der Bürger*innen aufrechtzuerhalten haben. Dieses Vertrauen leidet darunter, wenn die Institutionen keine Lösungsansätze parat haben und damit als ohnmächtig gegenüber der Vielzahl an Krisen angenommen werden.
Ein unsystematischer Gebrauch von Polykrise hat ein Potential von Ohnmacht inhärent. Fehlt in der Beschreibung einer Polykrise eine räumlich- zeitliche Einordnung oder die Benennung der Problemlösungsakteure, kann sich ein Ohnmachtsgefühl im öffentlichen Diskurs breit machen und das Vertrauen in staatliche Strukturen stören. Besonders wenn Informationsportale den Zustand der Gegenwart als Polykrise diagnostizieren und es Ratgeber zur Bewältigung der Polykrise gibt, wird eine Gegenwart und gleichermaßen Zukunft konstruiert, die geprägt von handlungsunfähigen Institutionen ist. Auch Phrasen wie „im Zeitalter der Polykrisen“ (Friedl 2026) vermitteln einen Zustand von Krisen, dass es vor dieser Zeit nie miteinander verwobene Krisen gegeben hat. Die Rückbesinnung auf die Vergangenheit kann helfen zu verstehen, dass die Welt sich aus verschiedenen globalen Krisen erholt hat und sich daraus auch positive Änderung entwickeln können, da vergangene Strukturen sich nicht handlungsfähig gegenüber der entsprechenden Situation verhalten konnten.
Die letzte Bemerkung ist sehr vage formuliert und benötigt Daten, um diese zu stützen. Genauso benötigt eine quantitative Auswertung von Polykrise mehr Daten, um Aussagen über die sprachkritische Relevanz des Ausdrucks treffen zu können. Bisher ist lediglich ausfindig zu machen, dass ein unsystematischer Gebrauch von Polykrise im öffentlichen Diskurs vorliegt. Die eingangs aufgelisteten Titel haben vielmehr den Anschein, als würden sie den Ausdruck Polykrise gebrauchen, um Aufmerksamkeit für ihren Artikel zu schaffen und dass das eigentliche Artikelthema sich nicht systematisch mit dem Konzept Polykrise auseinandersetzt.
Um das gegenwärtige Vorkommen von Polykrise zu quantifizieren benötigt es die Daten von 2025, die dann qualitativ ausgewertet müssen, um den Kommunikationskonflikt aus sprachkritischer Relevanz erarbeiten zu können. Um beispielsweise den Aspekt der Aufmerksamkeitsmaximierung ergiebiger darstellen zu können, müssten die Titel der Presseartikel einem Monitoring unterzogen werden, um zu schauen, mit welcher Frequenz die Titel unter Verwendung des Ausdrucks Polykrise verändert werden. Ein Beispiel dieses Vorgehens liegt tatsächlich im eingänglich behandelten FAZ-Artikel von Stefan Kolev vor. Die Titel-URL lautet: „umgang-mit-krisen-drei-dinge-die-deutschland-von-osteuropa-lernen-kann“. Der aktuell vorliegende Titel lautet wiederum „Optimismus in der Polykrise“. Diese Änderung würde eine Anpassung des Artikeltitels ableiten.
Zusammenfassend ist zu sagen, dass eine ausführlichere Datenakquise durchzuführen ist, um den Ausdruck Polykrise in seinem derzeitigen Gebrauch sprachkritisch auswerten zu können. Vielmehr soll dieser Essay als Ausgangslage für eine weitere sprachkritische Beschäftigung mit dem Begriff Polykrise dienen.
Quellenverzeichnis
Dicks, Julian (2026). Kritische Psychotherapie: Psychotherapie in der Polykrise. Deutsches Ärzteblatt PP 1. In: Deutsches Ärzteblatt International, S. 7. https://www.aerzteblatt.de/archiv/kritische-psychotherapie-psychotherapie-in-der-polykrise-7dedff55-c9e4-4b87-84d6-babd0e2fc1d7 , abgerufen am 26.01.2026.
Dinan, S., Béland, D., & Howlett, M. (2024). How useful is the concept of polycrisis? Lessons from the Development of the Canada Emergency Response Benefit during the COVID-19 pandemic. In: Policy Design and Practice, 7(4), 430–441. https://doi.org/10.1080/25741292.2024.2316409
Friedl, Angelika S. (2026, Januar, 13). Wenn die Welt wankt. Klimawandel, Krieg in der Ukraine, Abstiegsängste – die Welt ist aus den Fugen geraten: Drei Bücher zeigen Wege aus der Polykrise. In: Psychologie Heute. https://www.psychologie-heute.de/gesellschaft/artikel-detailansicht/44657-wenn-die-welt-wankt.html, abgerufen am 26.01.2026.
Juncker, Jean-Claude (2016). Speech by President Jean-Claude Juncker at the Annual General Meeting of the Hellenic Federation of Enterprises (SEV). Athens, 21. Juni 2016. https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/en/SPEECH_16_2293, abgerufen am 26.01.2026.
Kielon, Kristin (2025, Juli, 25). Was tun gegen die Polykrise? Neuer Bericht liefert Lösungsansätze. In: MDR-Wissen. https://www.mdr.de/wissen/umwelt-klima/polykrise-was-tun-bericht-klima-biosphaere-loesungen100.html, abgerufen am 26.01.2026.
Kolev, Stefan (2025, Dezember, 18). Optimismus in der Polykrise. In: FAZ. https://www.faz.net/pro/weltwirtschaft/weltwissen/umgang-mit-krisen-drei-dinge-die-deutschland-von-osteuropa-lernen-kann-accg-200365206.html, abgerufen am 26.01.2026.
Lawrence, Michael et al. (2024). “Global Polycrisis: The Causal Mechanisms of Crisis Entanglement.” In: Global Sustainability 7: e6. doi: https://doi.org/10.1017/sus.2024.1, abgerufen am 26.01.2026.
NCR-Iran (2025, Dezember, 28). Irans Polykrise: Ein Regime, gefangen in einer Verkettung von Fehlern. In: NCR-Iran. https://de.ncr-iran.org/die-iranische-wirtschaft/irans-polykrise-ein-regime-gefangen-in-einer-verkettung-von-fehlern/, abgerufen am 26.01.2026.
Tagesschau (2016, Dezember, 14). Juncker zur Lage der EU „Es brennt an allen Ecken und Enden“. In: Tagesschau. https://www.tagesschau.de/ausland/juncker-interview-eu-krisen-101.html, abgerufen am 26.01.2026.
Tooze, Adam (2022). Chartbook – Overview of articles. In: Polycrisis.org. https://polycrisis.org/resource/chartbook/, abgerufen am 26.01.2026.
Vatican News (2025, März, 3). Papst wirbt für Multilateralismus in Zeiten der „Polykrise“. In: Vatican News. https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2025-03/papst-akademie-leben-polykrise-hoffnung-multilateralismus.html, abgerufen am 26.01.2026.
Zitiervorschlag
Schirmer, Nick (2026): Zeitalter der Polykrisen – Was sagt die Polykrise über die Gegenwart und Zukunft?. In: Diskursmonitor – DiskursReview: Aktuelle Beiträge zur Sprach-, Medien- und Diskurskritik. Online unter: https://diskursmonitor.de/review/sprach-und-medienkritik (Zugriff: ##.##.####)