Erschrecken, Schock, Entsetzen
Beobachtungen zur gegenwärtigen Diskurslandschaft
Von Antje Wilton (1.0 / 10.10.2026), Review, Sprach- und Diskurskritik
Das Erschrecken, Entsetzen oder Erstarren angesichts politischer und gesellschaftlicher Vorgänge drückt einen Bruch mit dem vor deren Eintreten geltenden Normen, Übereinkünften und Vorstellungen von gesellschaftlichem Zusammenleben aus, der aber nicht unbedingt unerwartet sein muss. So finden sich oft qualifizierende Einordnungen in Kombination mit einem Ausdruck des Erschreckens, die eine Erwartungshaltung einräumen (ich/man hat ja schon fast damit gerechnet; eigentlich war es ja klar etc.). Dass trotz der Erwartbarkeit des Ereignisses dem eigenen Erschrecken oder Entsetzen über sein Eintreten Ausdruck gegeben wird, kann dazu dienen, den Ernst einer Lage anerkennen zu wollen, ihn aber zur Mobilisierung zu nutzen. So schreibt z. B. der SPD-Politiker Daniel Rinkert am 8. September 2026 auf Instagram:
Schock. Aber keine Starre. 44 Prozent sind erschreckend. Ein Ergebnis, dass man weder kleinreden noch einfach abhaken darf. Aber gerade deshalb dürfen wir uns nicht zurückziehen. Es muss uns antreiben (…) (danielrinkert, Instagram 08.09.2026).
„Erschrecken“ in dieser Form findet sich im öffentlichen Diskurs als eine Art Gegenelement zu langsam fortschreitenden Entwicklungen wie beispielsweise die Klimakatastrophe oder die Faschisierung, die als schleichend, ohne klar erkennbare „bis hierhin und nicht weiter“ – Grenzen wahrgenommen wird:
Die Analysekategorie «Faschisierung» lenkt also den Blick darauf, dass sich der Demokratieabbau meist nicht schlagartig vollzieht, sondern schrittweise und über längere Zeit – und dass gerade darin eine besondere Gefahr liegt. Weil nach und nach Gewöhnungseffekte einsetzen. Weil Gegenmobilisierung schwerer wird. Weil ein schleichender Prozess rechtsextreme Selbstverharmlosungsversuche begünstigt. (https://www.republik.ch, abgerufen am 02.10.2026)
Für diejenigen, die sie erkennen wollen, gibt diese schrittweise Entwicklung Anlass zu Mahnungen, die sich unter anderem in sprachlich ritualisierten Formen in den sozialen Medien manifestieren, z. B. in Variationen eines dem italienischen Autor Ignazio Silone zugeschriebenen Zitats: „Wenn der Faschismus wiederkommt, wird er nicht sagen ‘Hallo, ich bin der Faschismus’, sondern X“, wobei X dann durch einen Vorfall, eine Aussage oder politische Maßnahme gefüllt wird, die als Schritt in der (fortschreitenden) Faschisierung eingeordnet wird:
Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‚Ich bin der Faschismus.‘ Nein, er wird sagen: ‚Danke für die Blumen, liebe Steigbügelhalter.‘ (https://www.threads.com/share/BAOb852Pj7/),
– hier als eine Anspielung auf die Rolle der CDU bei der Wahl des Landtagspräsidenten der AfD in Sachsen-Anhalt. Diese Mahnungen werden dann gegen den Ausdruck des Entsetzens und Erschreckens in Stellung gebracht, um den Eindruck der Unerwartbarkeit abzuschwächen.
Angesichts der Wahlerfolge der AfD in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sowie der Partei Die Linke in Berlin (September 2026) sehen sich die jeweiligen gegnerischen Parteien dazu angehalten, ihr Entsetzen über den Erfolg (vermeintlich) extremistischer Parteien und/oder ihr eigenes schlechtes Abschneiden auszudrücken. So erklärte beispielsweise Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am Tag nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt in einer Pressekonferenz:
Wir sind zutiefst schockiert, wir haben es in dieser Form so nicht erwartet. (…) Dieses Wahlergebnis löst große Erschütterungen aus (phoenix vor ort, 7.9.2026, abzurufen auf https://www.youtube.com/watch?v=Ufit8Pie5zM),

Screenshot: „Schock“ bei SPD und Tagesspiegel (20.06.2026)
blieb aber bei der Erläuterung konkreter Konsequenzen unspezifisch und verwies auf weitere anstehende Wahlen und zukünftige Beratungen. Nach der Wahl in Berlin, bei der die Partei Die Linke die Mehrheit der Stimmen holte, berichteten Medien über Schock und erstarrte Gesichter bei der SPD tagesspiegel.de/ vom 20.09.2026). Im politischen Diskurs dienen Erschrecken und Entsetzen, insbesondere als Reaktion auf (vermeintlich) unerwartete Wahlergebnisse der eigenen oder einer konkurrierenden Partei, oft als Strategie, Zeit zu gewinnen, um sich mögliche Handlungsoptionen in Form von Sondierungs- bzw. Koalitionsgesprächen offenzuhalten. Das Erschrecken als Folge einer (moralisch positiv besetzten) Ahnungslosigkeit wird begleitet von Bekenntnissen zur „Aufarbeitung“ des Unerwarteten, was Zeit in Anspruch nimmt und inhaltlich bewusst unspezifisch bleibt. So kann die eigene Verantwortung für das Geschehen diffundiert werden: was nicht erwartet werden konnte, konnte man auch nicht verhindert haben wollen. Es bleibt dann unter Umständen noch der Vorwurf, „naiv“ gewesen zu sein, der aber in Kauf genommen wird. Nicht zuletzt nutzen politische Entscheidungsträger:innen den Ausdruck von Emotionen strategisch, um eine Nähe zur Bevölkerung zu suggerieren und sich menschlich nahbar, individuell authentisch und ggf. sogar verletztlich zu geben.
Die Inszenierung des Unerwarteten kann auch als Legitimationsstrategie genutzt werden, um zu ergreifende Maßnahmen als dringlich, geboten und/oder alternativlos darzustellen und so eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Implikationen des Ereignisses strategisch zu unterbinden. So berichtet die Tagesschau am 21.09.2026 in Bezug auf die für die CDU katastrophalen Landtagswahlen, dass Bayerns CSU-Fraktionschef Klaus Holetschek die Botschaft des Kanzlers, dass die Reformen jetzt umso wichtiger sind für absolut richtig halte und zur Dringlichkeit mahnt: dann muss er jetzt auch unmittelbar handeln – das Zeitfenster wird immer kleiner, der Druck größer (https://www.tagesschau.de/ vom 21.09.2026).
Zitiervorschlag
Wilton, Antje (2026): Erschrecken, Schock, Entsetzen – Beobachtungen zur gegenwärtigen Diskurslandschaft. In: Diskursmonitor. Online-Plattform zur Aufklärung und Dokumentation von strategischer Kommunikation. Veröffentlicht am 10.10.2026. Online unter: https://diskursmonitor.de/review/erschrecken-schock-entsetzen/