DiskursReview: Aktuelle Beiträge zur Sprach- und Medienkritik

Ästhetik als Politisches Argument

Von Judy Al Sherfawi

Der Begriff Stadtbild erscheint im öffentlichen Diskurs häufig als scheinbar neutrale Beschreibung eines räumlichen Zustands. Ursprünglich bezeichnete er das äußere Erscheinungsbild von Architektur, Straßenräumen und historischen Bereichen (vgl. Wikipedia 2025). In letzter Zeit taucht der Begriff zunehmend in Diskussionen auf, die soziale und kulturelle Themen betreffen. Diese Verschiebung zeigt sich deutlich in der jüngsten politischen Debatte um Friedrich Merz, der erklärte: „Wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem“, womit er auf Migrant*innen anspielte. In dieser Verwendung tritt der Begriff nicht mehr nur als Beschreibung des äußeren Erscheinungsbildes auf, sondern wird im Zusammenhang mit sozialen Fragen verwendet. Die Äußerung stieß auf öffentliche Kritik. Diese richtete sich weniger gegen den thematischen Bezug als gegen die sprachliche Formulierung Stadtbild selbst. Die vorliegende Analyse untersucht, warum gerade der Gebrauch des Begriffs in diesem Zusammenhang als problematisch wahrgenommen wurde und welche sprachlichen Mechanismen dabei wirksam sind.

Sprache kann Einstellungen transportieren, selbst wenn Äußerungen sich neutral geben (vgl. Klemperer 1975, S. 21). In diesem Fall wird dies bereits dadurch deutlich, dass von einem „Problem“ im Stadtbild die Rede ist. Der Begriff fungiert hier nicht mehr als bloße Beobachtung, sondern verweist auf Vorstellungen darüber, wie eine Stadt erscheinen sollte. Die Wirksamkeit solcher Begriffe lässt sich dabei nicht allein an einzelnen Aussagen festmachen; sie beruht auf sprachlichen Mechanismen, die im politischen Sprachgebrauch über längere Zeiträume wirksam werden.

Zunächst fällt auf, dass der Begriff Stadtbild metaphorisch strukturiert ist. Eine Stadt hat kein Bild, das ihr von Natur aus zukommt; sie besitzt weder eine natürliche optische Einheit noch einen ästhetischen Kern. Nietzsche beschreibt, dass Begriffe allgemein dadurch entstehen, dass viele unterschiedliche Eindrücke stark vereinfacht werden, ein „Gleichsetzen des Nichtgleichen“ (nach Schiewe 1998, S. 186). Genau das passiert auch bei diesem Begriff: Gerüche, Geräusche, Gebäude, religiöse Zeichen, soziale Unterschiede und Verhältnisse werden in einem einzigen, scheinbar klaren Begriff zusammengeführt. Die genaue Bedeutung ergibt sich erst durch den Blick derjenigen, die ihn benutzen. Dies kann politisch bedeutsam werden, weil die sprachliche Reduktion den Eindruck erweckt, es gebe ein einheitliches, objektives Stadtbild. Elemente, die nicht mit diesem impliziten Bild übereinstimmen, geraten sprachlich leicht aus dem Blick.

Diese metaphorische Reduktion wirkt vor allem deshalb so stark, weil Sprache nach Mauthner, wie Schiewe (vgl. 1998, S. 192) darstellt, nie eine reine Beschreibung der Realität ist. Er stellt grundsätzlich infrage, dass es überhaupt sprachliche Einheiten gebe, die Wirklichkeit abbilden könnten. Sie sei letztlich die „Summe der Erinnerungen des Menschengeschlechts“ (S. 192) und besitze keinen direkten Bezug zur Realität. Wissen ist in diesem Verständnis immer Erinnerung, nicht unmittelbare Erkenntnis. Übertragen auf den Begriff Stadtbild zeigt sich, dass dieser Begriff keine objektive städtische Realität beschreibt, sondern kulturell geprägte und langfristig eingeübte Vorstellungen. Wird behauptet, es gebe „ein Problem im Stadtbild“, dann geht es folglich nicht um die Stadt selbst, sondern um die Wahrnehmungen derjenigen, die darüber sprechen. Der Begriff spielt mit kollektiven Idealen, die als natürlich erscheinen, obwohl sie nur sprachlich erzeugt sind.

Diese Reduktion ist auch sozial wirksam. Wenn Stadtbild als objektive Eigenschaft einer Stadt behandelt wird, verschiebt sich die Bedeutung von einer perspektivischen Wahrnehmung zu einem scheinbar festen Merkmal. Dadurch erscheint die Zuschreibung nicht mehr als subjektive Sichtweise, sondern als Eigenschaft der städtischen Realität. In politischen Debatten kann dies dazu führen, dass bestimmte Gruppen als objektiv ‚falsch‘ markiert werden. So wird Ästhetik zu einem Mittel gesellschaftlicher Ordnung. Eine harmlose Metapher („Bild“) wird zur politischen Grenze, die festlegt, wer sichtbar sein darf.

Das wird besonders deutlich im Zusammenhang mit Merz’ Aussage. Dort verschiebt er Migration von einer sozialen Frage in eine optische Kategorie. Das Problem ist nicht Armut, Integration oder Diskriminierung, sondern die „Sichtbarkeit“. Nicht Verhalten, sondern Erscheinung soll reguliert werden. Merz benennt nicht genau, was das angebliche „Problem“ sein soll, doch die ästhetische Metapher erledigt die Arbeit der Markierung. Die Bewertung erfolgt ohne Argument und erscheint selbsterklärend.

Genau an diesem Punkt zeigt sich, wie der Begriff seine Wirkung entfaltet: Die metaphorische Perspektive wandelt sich nach und nach in eine vermeintliche Eigenschaft der Stadt. Was ursprünglich nur eine bestimmte Sichtweise war, tritt schließlich als objektives Merkmal auf.

Eine weitere sprachkritische Perspektive ergibt sich aus dem Kapitel „Charakterlich“ des Wörterbuchs des Unmenschen. Dort wird gezeigt, dass die Endung -lich Begriffe „zu bloßen Angaben der Hinsicht und des Umstands“ reduziert (Sternberger et al. 1962, S. 28). Wörter wie körperlich, zeitlich oder geschäftlich markieren keine Qualitäten, sondern lediglich Blickrichtungen oder Verwendungsweisen der Rede. Ähnlich funktioniert auch Stadtbild: Es wirkt wie eine Eigenschaft der Stadt, obwohl es nur eine Perspektive bezeichnet. Eine Stadt ist nicht bildhaft, sie wird bildhaft gesehen. Wie das Kapitel zeigt, verliert ein solcher Ausdruck, wenn er als Eigenschaft behandelt wird, sein Wesen und wird zum „Winkelwort ohne Wesen“ (Sternberger et al. 1962, S. 28). Wird er jedoch als Eigenschaft behandelt, können daraus scheinbar objektive Urteile entstehen, ohne dass erklärt werden muss, für wen oder warum.

Damit rückt eine weitere sprachkritische Ebene ins Gespräch. Nach Nietzsche legt Sprache ein „Schema“ über die Welt, dass das Individuelle verdrängt (nach Schiewe 1998, S. 187). Stadtbild funktioniert genauso: Es schafft ein Schema, das vorgibt, wie eine Stadt „eigentlich“ aussehen sollte. Unterschiede werden eingeebnet; das Unordentliche und Widersprüchliche der echten städtischen Erfahrungen werden sprachlich bereinigt. So gesehen erfüllt der Begriff eine disziplinierende Wirkung. Er legt fest, welche Art Stadt als richtig oder schön gilt, und welche nicht. Tatsächlich geht es aber um gesellschaftliche Aushandlungen und Machtfragen: Wer darf bestimmen, wie eine Stadt aussehen soll, und wer wird ausgeschlossen?

Noch deutlicher wird die Problematik bei der Betrachtung der wiederholten Verwendung des Begriffs im aktuellen politischen Umfeld. Nur kurze Zeit vor Merz wurde derselbe Begriff in ähnlicher Weise verwendet (vgl. Grasnick 2025). Um Migration nicht als sozialen, rechtlichen oder wirtschaftlichen Sachverhalt zu beschreiben, sondern als optische Abweichung, die das Stadtbild angeblich zerstört und deshalb durch Rückführungen zu beheben sei.

Diese Parallelität zeigt, dass es sich nicht um einen individuellen Fall handelt, sondern um eine wiederkehrende Sprachformel. Klemperer betont, dass Propaganda nicht durch große Reden wirkt, sondern durch alltägliche Formulierungen, die sich in millionenfacher Wiederholung in den Sprachgebrauch einschreiben und mechanisch übernommen werden (vgl. 1975, S. 26). Je öfter ein Begriff wie Stadtbild im Kontext von Migration auftaucht, desto weniger erscheint er als Metapher oder eine subjektive Sichtweise. Er wirkt wie eine objektive Wahrnehmung.

Dies ist insofern politisch bedeutsam, wenn die konstante Wiederholung dazu beitragen kann, die metaphorische Perspektive in eine scheinbar objektive Beschreibung zu überführen. Dadurch wird weniger sichtbar, dass hier eine bestimmte Sichtweise sprachlich festgeschrieben wird.

Dieser Effekt wird durch Merz’ Reaktion noch verstärkt. Statt seine Aussage zu präzisieren oder politisch zu begründen, verweist er auf ein angeblich gemeinsames Empfinden: „Fragen Sie mal Ihre Töchter (…) dann wissen Sie, was ich meine.“ Damit wird der Begriff nicht erklärt, sondern durch ein unterstelltes, gemeinsames Wissen legitimiert. Aus einem politischen Urteil wird scheinbar geteilte Erfahrung. Das funktioniert, weil der Begriff – wie bereits gezeigt – nicht auf eine objektive Realität verweist, sondern auf Vorstellungen, die kulturell und tief geprägt sind. Merz muss daher gar nicht benennen, was er als „Problem im Stadtbild“ sieht; die Art seiner Formulierung erzeugt den Eindruck, dass alle schon wissen, was gemeint sei. So wirkt der Begriff gleich doppelt als Machtmittel: Durch seine ständige Wiederholung wird es normalisiert, und durch die Zuschreibung an ein angeblich gemeinsames Empfinden wird es politisch entlastet.

Die Analyse zeigt, dass die Kritik an Merz’ Aussage nicht auf eine einzelne Formulierung oder ein mögliches Missverständnis reduziert werden kann. Problematisch ist vielmehr die sprachliche Struktur, mit der soziale Fragen in eine ästhetische Kategorie verschoben werden. Der Begriff Stadtbild suggeriert Objektivität, obwohl er subjektive Einstellungen transportiert; er schafft Ausschlüsse, indem er Zugehörigkeit ästhetisiert; er homogenisiert, wo Vielfalt besteht. Der Begriff Stadtbild verschiebt soziale Konflikte in eine vermeintlich neutrale Optik. Die Metapher legitimiert Handlung, bevor sie begründet wird. Was sprachlich als „Bild“ erscheint, wirkt als Norm und verschleiert, dass es sich um ein politisches Urteil handelt.

Wenn Migration zur „Störung des Stadtbildes“ erklärt wird, entsteht ein Ausschlussmechanismus, der nicht argumentiert, sondern markiert. Über Sprache wird eine Stadt konstruiert, in der manche nicht sichtbar sein sollen. Der ästhetische Blick übernimmt die Funktion politischer Entscheidung und macht Ausgrenzung zu einer Frage des Geschmacks und gerade deshalb so schwer kritisierbar.

Quellenverzeichnis

Grasnick, Belinda (2025): Merz: Kritik am „Stadtbild“-Satz nach Potsdam-Besuch. In: Tagesschau.de. Online unter: https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/merz-stadtbild-migration-100.html ; Zugriff: 28.11.2025.

Klemperer, Victor ([1947] 1975): LTI. Notizbuch eines Philologen. 3. Aufl. Leipzig: Reclam (125).

Sternberger, Dolf; Storz, Gerhard; Süskind, Wilhelm E. (1957/1962): Aus dem Wörterbuch des Unmenschen. Hamburg: dtv.

Schiewe, Jürgen (1998): Die Macht der Sprache. Eine Geschichte der Sprachkritik von der Antike bis zur Gegenwart. München: Beck.

Wikipedia (o. J.): Stadtbild. In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Online unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Stadtbild#cite_note-1 ; Zugriff: 22.01.2026.

Zitiervorschlag

Al Sherfawi, Judy (2026): Ästhetik als Politisches Argument. In: Diskursmonitor – DiskursReview: Aktuelle Beiträge zur Sprach-, Medien- und Diskurskritik. Online unter: https://diskursmonitor.de/review/sprach-und-medienkritik (Zugriff: ##.##.####)