DiskursReview: Aktuelle Beiträge zur Sprach- und Medienkritik

Digital Detox – Eine medienkritische Auseinandersetzung mit digitaler Überforderung

Von H. K.

„Viele halten die Offline-Phasen innerlich nicht mehr aus und greifen dann wie bei einem Entzug zum Handy“, beschreibt der Neurologe Prof. Dr. Volker Busch ein Phänomen, das den digitalen Alltag vieler Menschen prägt (vgl. Hamberger 2025). Digitale Medien sind aus dem heutigen Leben nicht mehr wegzudenken. Sie strukturieren Kommunikation, Arbeit, Freizeit und soziale Beziehungen. Gleichzeitig wächst jedoch das Gefühl, von digitalen Reizen überfordert zu sein. Ständige Benachrichtigungen, soziale Medien und permanente Erreichbarkeit erzeugen einen Druck, der zunehmend als belastend wahrgenommen wird. In diesem Zusammenhang gewinnt das Konzept des sogenannten Digital Detox immer mehr an gesellschaftlicher Bedeutung. Um der digitalen Überforderung entgegenzuwirken, kann es hilfreich sein, gezielt auf technische Geräte wie Smartphone, Tablet oder PC zu verzichten. Ziel ist es, sich von der ständigen Reizüberflutung zu erholen, die eigene Aufmerksamkeit zurückzugewinnen und Zeit wieder bewusster zu erleben, ohne permanent online zu sein (vgl. El Ouassil 2022). Der bewusste Verzicht auf digitale Medien, häufig als Digital Detox bezeichnet, ist dabei jedoch nicht mit einer vollständigen Abkehr von digitalen Technologien gleichzusetzen. Vielmehr geht es darum, den eigenen Medienkonsum zu reflektieren und zeitlich zu begrenzen. Der Wunsch nach einer digitalen Auszeit entsteht vor allem aus der Erfahrung einer dauerhaften Überforderung durch digitale Reize, die sich durch alle Altersgruppen zieht (vgl. IU o.J.).

Ein zentrales Problem, das im Zusammenhang mit Digital Detox thematisiert wird, ist der Verlust der eigenen Aufmerksamkeit. Digitale Angebote beanspruchen zunehmend Wahrnehmung und Zeit. Viele Nutzerinnen und Nutzer erleben, dass sie häufiger als beabsichtigt zum Handy greifen, längere Zeit in sozialen Medien verbringen und dabei das Gefühl entwickeln, die Kontrolle über ihr eigenes Verhalten zu verlieren (vgl. El Ouassil 2022). Diese Erfahrung wird sprachlich häufig mit Begriffen wie „Ablenkung“, „Zeitverlust“ oder „Reizüberflutung“ beschrieben. Aufmerksamkeit erscheint dabei nicht als etwas, das einfach verschwindet, sondern als eine Ressource, die von digitalen Angeboten gezielt beansprucht wird. Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang die Vorstellung, dass Aufmerksamkeit nicht einfach nachlässt, sondern aktiv entzogen wird. Digitale Plattformen sind so gestaltet, dass sie eine möglichst lange Nutzung fördern. Ständige Aktualisierungen, visuelle Reize und soziale Rückmeldungen tragen dazu bei, dass das Abschalten schwerfällt. Diese Plattformen greifen gezielt in Wahrnehmungs- und Entscheidungsprozesse ein (vgl. IU o.J.). Medienkritisch betrachtet zeigt sich hier, dass digitale Angebote nicht neutral sind, sondern bestimmten ökonomischen Interessen folgen. Aufmerksamkeit wird zur Ware, um die Plattformen konkurrieren. Digital Detox kann in diesem Zusammenhang als Versuch verstanden werden, diese Mechanismen zumindest zeitweise zu unterbrechen und wieder bewusster über den eigenen Medienkonsum zu bestimmen.

Eine zentrale Rolle spielen dabei neurobiologische Prozesse. Die Psychiaterin Anna Lembke beschreibt soziale Medien als eine „digitale Droge“, da sie das Belohnungssystem des Gehirns ansprechen (zit. nach Traverso 2025). Jedes Like, jeder Kommentar oder jedes neue Video führt zu einer Ausschüttung von Dopamin, dem sogenannten Glückshormon. Ähnliche Prozesse sind auch bei Suchterkrankungen zu beobachten. Das Gehirn ist darauf ausgelegt, die Dopaminausschüttung im Gleichgewicht zu halten. Durch das ständige Scrollen und die permanente Reizüberflutung wird dieses Gleichgewicht jedoch gestört. Um dem entgegenzuwirken, drosselt das Gehirn langfristig die Dopaminproduktion. Die Folge ist ein Gefühl von Unzufriedenheit, das wiederum dazu führt, noch mehr Zeit online zu verbringen, um sich „normal“ zu fühlen. Digital Detox wird hier als Möglichkeit gesehen, diesen Kreislauf zu unterbrechen und dem Gehirn eine Regeneration zu ermöglichen (vgl. ebd.).

Ein vollständiger Verzicht auf digitale Medien wird dabei meist nicht als realistische oder wünschenswerte Lösung dargestellt. Digitale Kommunikation ist im beruflichen und sozialen Leben fest verankert. Statt eines radikalen Ausstiegs rückt die Idee einer bewussten zeitlichen Begrenzung in den Vordergrund (vgl. Hamberger 2025). Digitale Medien werden mit sozialen Räumen verglichen, die man betreten kann, ohne dauerhaft in ihnen zu verbleiben. Diese Perspektive verändert die Wahrnehmung digitaler Nutzung. Sie erscheint nicht mehr als selbstverständlicher Dauerzustand, sondern als bewusste Entscheidung. Besonders auffällig ist die Entwicklung bei jüngeren Menschen. Obwohl sie als besonders technikaffin gelten, entscheiden sich immer mehr von ihnen dafür, ihre Nutzung sozialer Medien zu reduzieren. Diese Entscheidung entsteht aus der Erfahrung, dass soziale Medien nicht nur Austausch ermöglichen, sondern auch sozialen Druck erzeugen (vgl. Wiesband 2025). Ständige Vergleiche, das Gefühl, beobachtet oder bewertet zu werden, sowie der Zwang zur permanenten Präsenz werden als belastend empfunden. Studien zeigen, dass bereits kurze Pausen von sozialen Medien positive Effekte haben können, etwa ein gesteigertes Selbstwertgefühl oder eine geringere Selbstkritik. Die Reduktion der Nutzung wird in diesem Zusammenhang als bewusste Reaktion auf diese Erfahrungen beschrieben (vgl. Traverso 2025).

Auffällig ist dabei, dass diese Distanzierung nicht mit einer generellen Ablehnung digitaler Technologien einhergeht. Vielmehr zeigt sich ein reflektierter Umgang. Digitale Medien werden weiterhin genutzt, jedoch nicht mehr uneingeschränkt. Junge Menschen scheinen sensibel für die Auswirkungen sozialer Medien auf ihr Wohlbefinden zu sein. Aus dem selbstverständlichen „Online-Sein“ wird zunehmend eine Frage der Entscheidung. Diese Entwicklung verdeutlicht, dass Digital Detox nicht allein als individuelles Wohlfühlkonzept verstanden werden kann, sondern Ausdruck einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Rolle digitaler Medien ist. Gleichzeitig bleibt die Wirksamkeit von Digital Detox umstritten. Kritische Stimmen weisen darauf hin, dass digitale Auszeiten allein kaum nachhaltige Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben, wenn strukturelle Ursachen wie Leistungsdruck, Dauererreichbarkeit oder ökonomisierte Aufmerksamkeit bestehen bleiben (vgl. Welt 2023).

Auch der MDR betont, dass Digital Detox kein Allheilmittel sei. Langfristig sei vor allem Medienkompetenz entscheidend, also die Fähigkeit, digitale Angebote kritisch zu hinterfragen und bewusst zu nutzen. Diese Perspektive macht deutlich, dass individuelle Maßnahmen gesellschaftliche Probleme nicht vollständig lösen können (vgl. Haug 2025).

Aus medienkritischer Sicht ist auch die Sprache rund um Digital Detox zu hinterfragen. Der Begriff der „digitalen Entgiftung“ ist problematisch, da er digitale Medien mit Gift gleichsetzt und eine starke Wertung vornimmt. „Entgiften“ stammt aus dem medizinischen Kontext und impliziert, dass etwas dem Körper grundsätzlich schadet. Überträgt man diesen Begriff auf digitale Medien, entsteht der Eindruck, deren Nutzung sei per se krank machend.

Diese sprachliche Zuspitzung vereinfacht komplexe Zusammenhänge und emotionalisiert die Debatte. Digitale Medien sind durch Homeoffice, Universität und digitale Kommunikation aus dem Alltag kaum wegzudenken. Ein vollständiger Verzicht ist weder möglich noch sinnvoll. Die Metapher der Entgiftung erzeugt somit einen Widerspruch zwischen Sprache und Wirklichkeit und beeinflusst die Wahrnehmung digitaler Medien auf problematische Weise (vgl. El Ouassil 2022).

Insgesamt zeigt der Diskurs um Digital Detox, dass sich das Verhältnis zwischen Mensch und Medium verändert. Digitale Medien prägen Kommunikation, Beziehungen und Selbstwahrnehmung, werden jedoch zunehmend kritisch hinterfragt. Digital Detox ist dabei weniger als Lösung zu verstehen, sondern als Symptom einer Gesellschaft, die beginnt, die Auswirkungen digitaler Medien auf Aufmerksamkeit, Zeit und Wohlbefinden bewusst wahrzunehmen. Es geht nicht darum, digitale Medien grundsätzlich abzulehnen, sondern ihre Wirkung ernst zu nehmen und den eigenen Umgang mit ihnen aktiv zu gestalten. Der medienkritische Blick auf Digital Detox verdeutlicht somit den Wunsch nach Selbstbestimmung in einer digitalen Gegenwart, in der Aufmerksamkeit zu einer umkämpften Ressource geworden ist.

Quellenverzeichnis

El Ouassil, Samira (2022): Digital Detox – Kampf den Aufmerksamkeitsdieben. In: https://www.deutschlandfunk.de/kolumne-digital-detox-100.html (Abgerufen am: 12.12.2025).

Hamberger, Beatrice (2025): Digital Detox: Was ist das und wie setze ich es um?. In: https://www.tk.de/techniker/gesundheit-foerdern/digitale-gesundheit/medienkompetenz/digital-detox-tipps-2055434 (Abgerufen am 13.12.2025).

Haug, Clemens (2025): Soziale Medien schaden nicht allen – aber Digital Detox lindert psychische Probleme. In: https://www.mdr.de/wissen/psychologie-sozialwissenschaften /soziale-medien-detox-psychische-gesundheit-100.html (Abgerufen am 20.01.2026).

IU Internationale Hochschule (o.J.) Digital Detox: weniger Bildschirmzeit für mehr Wohlbefinden. In: https://www.iu.de/magazin/digital-detox/ (Abgerufen am 20.01.2026).

Traverso, Vittoria (2025): Digitale Droge: So klappt der Sozial Media-Detox.: In: https://nationalgeographic.de/wissenschaft/2025/05/digitale-droge-so-klappt-der-social-media-detox/ (Abgerufen am: 20.01.2026).

Wiesband, Marina (2025): Kolumne: Warum immer mehr junge Leute ihre Social Media Nutzung reduzieren. In: https://www.deutschlandfunk.de/kolumne-warum-immer-mehr-junge-leute-ihre-social-media-nutzung-reduzieren-100.html (Abgerufen am 12.12.2025).

Welt (2023): Pause von Instagram und TikTok hat kaum Einfluss auf psychische Gesundheit. In: https://www.welt.de/wissenschaft/article248640080/Psychologie-Digital-Detox-hat-kaum-Einfluss-auf-psychische-Gesundheit.html (Abgerufen am: 20.01.2026).

Zitiervorschlag

H. K. (2026): Digital Detox – Eine medienkritische Auseinandersetzung mit digitaler Überforderung. In: Diskursmonitor – DiskursReview: Aktuelle Beiträge zur Sprach-, Medien- und Diskurskritik. Online unter: https://diskursmonitor.de/review/sprach-und-medienkritik (Zugriff: ##.##.####)