DiskursReview: Aktuelle Beiträge zur Sprach- und Medienkritik
Löschen Emojis die traditionelle Sprache aus?
Von Marie Luise Hoffmann
Die Kommunikation hat in den vergangenen Jahren eine grundlegende digitalisierte Transformation erlebt. Sie ist aufgrund von sozialen Medien und Messenger Diensten schneller und stärker auf soziale Beziehungspflege eingestellt als auf reine traditionelle schriftliche Formen. Insbesondere Emojis beeinflussen die heutige alltägliche Kommunikation. Emojis sind kleine grafische Symbole zur Darstellung von Emotionen und Objekten. Ein bedeutsamer Moment für die digitale Kommunikation war im Jahr 2015, als die Oxford University Press das Emoji „Tears of Joy“ zum Wort des Jahres ernannte (vgl. Oxford University Press, 2025). Dies war erstmals ein Wort, das gar kein richtiges Wort ist (vgl. Spiegel, 2015). Anhand dessen werden der Sprachtrend und Diskussionen in Richtung Digitalität, sowie die Erweiterung des modernen Sprachgebrauchs verdeutlicht.
Das Emoji „Tears of joy“ ist eines der häufig genutzten digitalen Bildzeichen in der Kommunikation. Emojis sind Unicode-codierte Zeichen. Das bedeutet, dass sie auf fast allen digitalen Plattformen und Apps einheitlich verwendet werden können. Sie sind so konzipiert, dass sie eine ähnliche Größe wie die Schriftzeichen haben und auf der gleichen Höhe wie der Text erscheinen (vgl. Androutsopoulos & Busch, 2020, S. 176f.). Aufgrund dessen entstehen hybride Textformen, die sprachliche und bildliche Elemente miteinander verbinden und koexistieren lassen. Die abgestimmten Größen führen zu einer Integration der Emojis in die lineare Schrift. Dies unterscheidet sie von anderen bildlichen Sprachzusätzen wie GIFs, Stickern oder statischen Bildern. Trotz dessen sagen manche, dass die Emojis eine Rückbildung der Sprache in die Bronzezeit widerspiegeln. Sie werden verglichen mit den Höhlenmalereien (vgl. Deutschlandfunk Kultur, 2016).
In öffentlichen Diskursen wurde ermittelt, dass das beliebte Emoji im Jahr 2014 vier Prozent und im Jahr 2015 sogar 20 Prozent aller benutzen Bildzeichen ausmachte (vgl. The Verge 2015, zit. nach Spiegel, 2015). Das zeigt, dass „The tears of joy“ nicht nur eine große Bedeutung für die Sprache, sondern auch für die Kultur besitzt. Das Oxford Dictionary erklärt seine Auswahl damit, dass Emojis und andere Bildzeichen einen wesentlichen Teil des digitalen Lebens und der Kommunikation verkörpern (vgl. Oxford Dictionaries Press, 2025).
In den meisten Fällen werden Emojis in konzeptionell mündlichen Kommunikationssituationen verwendet. Der Sprachstil dieser Textsorten orientiert sich an dem Sprachgebrauch der gesprochenen Sprache, wie beispielsweise in Chats von Messenger Diensten oder Kommentaren auf Social Media. Auffällig bei der Verwendung ist die häufig auftretende Satzfinalstellung. Emojis werden in vielen Fällen anstatt eines Interpunktionszeichens benutzt oder sie „stehen gerne gemeinsam am Satzende“ (Androutsopoulos & Busch, 2020, S.181). Dadurch gewinnen das Satzende sowie der Satz davor eine zusätzliche emotionale Ebene.
Die linguistische Forschung benennt drei verschiedene Funktionen zur Nutzung von Emojis. Die erste Funktion ist die emotionale Funktion. Emojis dienen demnach als Effektmarkierungen. Diese Emojis haben die Aufgabe, dem Gegenüber Gefühle explizit sichtbar zu machen und zu verdeutlichen (vgl. Androutsopoulos & Busch, 2020, S.183f.). Die zweite Funktion ist die des Kommentierens. Emojis sind in der Lage die Aussage eines Satzes abzuschwächen, zu verstärken, zu ironisieren oder in eine ganz andere Richtung zu lenken (vgl. Androutsopoulos & Busch, 2020, S.184-186). Die dritte Funktion ist die substitutive Funktion. Emojis können einzelne Wörter komplett ersetzen, so kann man das Pizza-Emoji benutzen, anstatt Pizza auszuschreiben. Bei allen drei Funktionen ist es dennoch wichtig auf den Kontext der Nutzung zu achten. Emojis können bei unterschiedlichen Gesprächssituationen wechselnde Funktionen einnehmen (vgl. Androutsopoulos & Busch, 2020, S. 186f.). Beispielweise kann die Nachricht „Ich komme später „beruhigend und freundlich, gleichzeitig auch passiv-aggressiv gemeint sein. Aufgrund dessen muss man sich nicht festlegen, wie man eine Nachricht gemeint hat. Dadurch wird laut Erik Spiekermann die präzise Sprache zerstört (vgl. Deutschlandfunk Kultur, 2016).
Schiewe zeigt in seinen historischen Analysen auf, dass Sprachkritik in den Momenten aufkommt, in denen neue Medien populär werden und bisherige kommunikative Formen in den Hintergrund rücken. Die Verschriftlichung im 19. Jahrhundert führte beispielsweise zu Diskussionen über die Orthografie und den Stil von Texten, sowie der allgemeinen Bildung (vgl. Schiewe, 1998, S. 180-183). Emojis bringen heutzutage, aufgrund der digitalen Transformation, eine vergleichbare Phase und Diskussion hervor. Die Schriftlichkeit wird multimodal und einfache Buchstaben werden anhand von Bildern, Symbolen und emotionalen Figuren ergänzt. Die Wahl des Emojis zum Wort des Jahres zeigt den Wandel der Sprache deutlich auf (vgl. Oxford University Press, 2025). Dadurch wird von der Jury akzeptiert, dass die aktuelle Kommunikation in dem digitalen Zeitalter zusätzlich andere Kommunikationsmittel besitzt.
Die aktuelle Schrift ist nicht mehr nur durch lineare und alphabetische Zeichen geprägt, sondern verbindet verschiedene Zeichenmodi miteinander, womit die Grenzen zwischen Buchstaben und Bildern aufgelöst werden. Das führt dazu, dass eine sprachkritische Neubewertung dessen, was als Sprache gilt, notwendig ist.
Im sprachkritischen Diskurs unterscheidet Wimmer zwischen zwei Arten: Einerseits die konservative Sprachkritik, die sprachliche Veränderungen als Qualitätsverlust automatisch abwertet; zweitens die moderne Sprachkritik, die sich auf die Normen hinter der Sprache und ihre Angemessenheit fokussiert (vgl. Wimmer, 1988, S.11-14). Die Diskussion über Emojis ist meist kulturpessimistisch geprägt und würde für die Allgemeinheit der Forschenden unter die konservative Sprachkritik fallen. Moderne Sprachkritik wiederum würde jedoch die konservative und pessimistische Position zurückweisen, weil Emojis keine grammatikalischen Normen verletzen. Sie ermöglichen es kommunikative Praktiken zu erweitern und angemessene Normen durchzusetzen, wie beispielsweise durch Diversität der Emojis. Es findet kein sprachlicher Verfall statt, sondern die Entstehung von neuen Gebrauchsformen und kommunikativen Erwartungshaltungen. In digitalen Gesprächen über Messenger Diensten wirkt das Fehlen eines Emojis oft distanziert, was durch einen Text selbst schwer auszudrücken wäre.
Medienkritisch ist interessant, dass Emojis als ein Teil sozialer Positionierung gelten können. Sie fungieren „als Zeichen sozialer Nähe und gemeinsamer Muster“ (Androutsopoulos & Busch, 2020, S.190f.). Das führt dazu, dass sie neue Zugehörigkeitsmarker in einzelnen Gruppen erzeugen. Sie können jedoch auch dazu führen, dass eine mögliche Exklusion für Menschen stattfindet, die die Emojis falsch deuten oder sich nicht gut damit auskennen. Die digitale Kommunikation wird dadurch stärker sozial strukturiert und Menschen wirken schneller nicht kompetent. Es muss daher eine bestimmte Emoji-Kompetenz erworben werden, um Missverständnissen vorzubeugen und zu den Gruppen dazu zu gehören. Emojis sind daher nicht neutral, sondern kulturell geprägt, sozial codiert und sie erzeugen neue normative Erwartungen an die Mitmenschen.
Emojis sind heutzutage ein fester Bestandteil in der Kommunikation. Sie erweitern sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten, vereinfachen die Darstellung von Emotionen und unterstützen soziale Beziehungsgestaltungen. Dennoch erzeugen sie neue Herausforderungen für die Nutzung. Emojis sind kontextabhängig und variieren in ihrer Bedeutung zwischen Gruppen, wodurch es schnell zu Missverständnissen kommen kann. Sie bestätigen die Hinterfragung von traditionellen Normen, sobald neue Kommunikationsweisen ermittelt werden. Emojis sollten generell nicht sofort kulturpessimistisch betrachtet werden, da sie den angemessenen Normen in keiner Weise widersprechen. Die Emojis zeigen auf, dass Sprache multimedial sein kann. Alles in allem unterstützen Emojis uns in unseren alltäglichen Chats, solange wir eine ausreichende Emoji-Kompetenz besitzen.
Quellenverzeichnis
Androutsopoulos, J. & Busch, F. (Hrsg.) (2020): Register des Graphischen. Variationen, Interaktionen und Reflexion in der digitalen Schriftlichkeit. In: Günther, S., Konerding, K.-P., Liebert, W.-A., Roelcke, T. (Hrsg.). Linguistik- Impulse & Tendenzen. Band 87. Walter de Gruyter GmbH. Berlin. S. 176-191.
Deutschlandfunk Kultur (2016): Emojis sind ein kultureller Rückschritt. URL: https://www.deutschlandfunkkultur.de/erik-spiekermann-emojis-sind-ein-kultureller-rueckschritt-100.html [Stand: 20.01.2026].
Oxford University Press (2025): OxfordLanguages. Word of the Year 2015. URL: https://languages.oup.com/word-of-the-year/2015/ [Stand: 9.12.2025].
Schiewe, J. (1998): Die Macht der Sprache: Eine Geschichte der Sprachkritik von der Antike bis zur Gegenwart. C.H. Beck. München. S. 176-186.
Spiegel Online (2015): Das Wort des Jahres ist gar keins. „Tränen der Freude“- Emoji. URL:https://www.spiegel.de/kultur/literatur/emoji-von-oxford-dictionaries-zum-wort-des-jahres-gewaehlt-a-1063154.html [Stand: 11.12.2025].
Wimmer, R. (1988 [1982]): Überlegungen zu den Aufgaben und Methoden einer linguistisch begründeten Sprachkritik. In: Heringer, H. J. (Hrsg.): Holzfeuer im hölzernen Ofen. Aufsätze zur politischen Sprachkritik. 2. Auflage. Tübingen: Narr. S. 11-17.
Zitiervorschlag
Hoffmann, Marie Luise (2026): Löschen Emojis die traditionelle Sprache aus?. In: Diskursmonitor – DiskursReview: Aktuelle Beiträge zur Sprach-, Medien- und Diskurskritik. Online unter: https://diskursmonitor.de/review/sprach-und-medienkritik (Zugriff: ##.##.####)