DiskursReview: Aktuelle Beiträge zur Sprach- und Medienkritik

Sprachkritische Auseinandersetzung im Streit um pflanzliche Ersatzprodukte

Von Lotta Bollmann

“Die Wurst als Waffe” mit solchen oder ähnlichen polarisierenden Schlagzeilen berichten die ZEIT und andere Zeitungen über den Beschluss des Europaparlaments zur Verwendung der Namen veganer Fleischersatzprodukte (vgl. Theile 2025). Begriffe wie “Wurst”, “Schnitzel” oder ”Milch” sollen künftig nur Lebensmittel tragen dürfen, welche tierische Inhaltsstoffe enthalten. In der Abstimmung vom achten Oktober 2025 stimmten 355 der 602 Mitglieder des Parlaments dem Vorschlag zu (vgl. European Vegetarian Union 2025). Auch wenn die Abstimmung nicht automatisch zum Gesetz wird und noch einige Hürden der Umsetzung im Weg stehen, stellt sich die Frage, warum so eine Thematik diskutiert wird und warum die Sprache an der Stelle so entscheidend ist, dass es zu so einer großen Debatte kommen kann.

Im folgenden Artikel soll untersucht werden, inwiefern Sprache Wahrnehmung formt und wie sie hierbei instrumentalisiert wird. Zunächst werden dafür die Hauptstandpunkte aufgeführt, die für oder gegen eine Umbenennung sprechen. Dazu werden auch Zeitungsartikel herangezogen, um zu zeigen, wie die Argumente in den Medien aufgegriffen werden. Zusätzlich wird ein Blick darauf geworfen, welche Relevanz die Thematik bei Verbrauchenden hat. Um die Rolle der Sprache näher zu beleuchten, wird die Nutzung der Sprache von Politiker*innen und Medien sprach- und medienkritisch untersucht. In einem abschließenden Fazit soll zusammengefasst werden, wie Sprache genutzt wird, um eine so große Debatte anzuregen und inwiefern sich Gründe für diese Zuspitzung aufzeigen.

Die Hauptargumente für eine Umbenennung pflanzlicher Ersatzprodukte sind zum einen der Schutz der traditionellen Land- und Fleischwirtschaft und zum anderen Verbraucherschutz. Die Lobby der Land- und Fleischwirtschaft plädiert dafür, dass die Bezeichnungen für Ersatzprodukte schlecht für ihren Markt seien. Dass die Probleme in Ihrer Branche aber an ganz anderen Stellen, zum Beispiel Preisdruck, Bodenknappheit oder dem Umbau der Tierhaltung liegen und durch eine Umbenennung nicht einfach weg wären, thematisieren sie nicht. Die TAZ schreibt dazu, dass die Fleischindustrie seit Jahren Marktanteile an den Ersatzprodukt-Markt verliere, so wirke die Diskussion eher wie ein trauriger Versuch, den eigenen Markt zu retten und von den wahren Problemen abzulenken (vgl. Jäckels 2025). Dass viele Menschen ganz bewusst aus ethischen, gesundheitlichen oder ökologischen Gründen immer häufiger zu Ersatzprodukten greifen als zum tierischen Produkt, wird in der Argumentation nicht berücksichtigt und von dem Drang nach Bewahrung der Tradition unterdrückt. Unter dem zweiten großen Argument, dem Verbraucherschutz, wird die Sorge verstanden, dass die Verbraucher*innen sich verkaufen könnten und es zu Verwechslungen oder Verwirrung kommen könnte. Eine solche Unterstellung unterschätze die Mündigkeit des Menschen, so die ZEIT (vgl. Theile 2025). Die Produkte sind so sichtbar gelabelt, dass kaum jemand aus Versehen ein Sojaschnitzel kauft, wenn eigentlich ein Schweineschnitzel gewünscht ist. So war ja schließlich auch nie die Sorge da, dass jemand aus Versehen Scheuermilch in den Kaffee schüttet anstelle von Kuhmilch. In einer Studie, die genau diese Thematik untersucht, sehen nur 15 % der Befragten einen Gesetzlichen Handlungsbedarf zur Umbenennung veganer Ersatzprodukte (vgl. foodwatch 2025). Warum ist die Diskussion über die Umbenennung der Ersatzprodukte so groß, wenn sie für die Verbrauchenden keine Dringlichkeit hat?

Es scheint um mehr zu gehen, als nur die Namen der Produkte, aber warum genau steckt in ihnen trotzdem so viel Macht? Hier spielen für mich besonders zwei Aspekte eine zentrale sprachliche Rolle. Einmal die Intentionen der einzelnen Akteure, welche ihre Sprache färben und die Art und Weise, wie die Medien über Themen berichten und welcher sprachlichen Mittel sie sich dabei bedienen.

Die sprachliche Korrektheit wird als Grund genannt, warum Produkte umbenannt werden sollen. Eine Verwechslungsgefahr durch scheinbar verwirrende Bezeichnungen soll vermieden werden. Hier wird vorausgesetzt, dass es eine klare Bedeutungszuschreibung gäbe, die quasi als Regel in der Sprache verankert ist. Die Sprache an sich ist aber fluide, Ausdrücke und ihre Bedeutungen entwickeln sich immer weiter (vgl. Wimmer 1988). Eine Forderung dieser Art ist also nicht auf linguistischer Ebene zu verstehen. Die linguistische Argumentation ist hier selektiv genutzt, um die schon vorher feststehende Intention zu untermauern. Das ist zwar linguistisch nicht tragbar, politisch allerdings höchst wirksam. Sprache hat Macht und wenn ein politisches Anliegen vermittelt werden will, nutzt man sprachliche Methoden. In dem Moment beschreibt die Sprache nicht einfach die Realität, sondern sie erschafft eine eigene Wirklichkeit, die zur Intention passt (vgl. Klemperer 1975). So wird auch die Wahrnehmung der Zuhörenden beeinflusst. Wenn sie denken, ein neutrales Bild zu erhalten, kriegen sie in Wirklichkeit ein Bild, das schon im Vorhinein durch Formulierungen, Nutzungen bestimmter Wörter oder sprachlicher Mittel beeinflusst wurde, um eine bestimmte Wahrnehmung zu kreieren. Im Fall der Ersatzprodukte wird der Fokus auf die Tradition gesetzt und dabei wird untergründig das Neue und Ungewohnte negativ konnotiert. Dadurch werden negative Assoziationen gebildet, die einen bestimmten Lebensstil kritisieren und einen anderen als richtigen, natürlichen Lebensstil darstellen. Die tierischen Bezeichnungen werden als natürlich und rein beschrieben und die Bezeichnungen der Ersatzprodukte eher wie falsche Verfärbung der Worte, die es herauszuschneiden gilt. Durch den Fokus auf die Tradition, fangen die Politiker*innen gleichzeitig die Angst und Sorge vor Veränderung auf und schenken eine Perspektive: ”wenn wir das jetzt ändern, wird alles besser”. Dass so natürlich nicht alle Probleme unserer Zeit verschwunden sind, und ich wage zu bezweifeln, dass so auch nur ein Problem gelöst wird, muss hier gar nicht thematisiert werden. Die emotional aufgeladene Message verspricht Sicherheit und es werden scheinbar leichte Lösungen gegeben, die Angst nehmen und Erklärungen für die viel größeren und tiefliegenden Probleme der Zeit liefern.

Die Medien auf der anderen Seite wählen eine polarisierende, moralisierende und aber auch sarkastische Sprache. Fast in allen betrachteten Artikeln wurde die eigene Meinung der Schreibenden untergründig durch bestimmte Formulierungen oder konkret durch Benennung klar (vgl. Stremmel 2025; Theile 2025; Jäckels 2025; Schulz 2025; Spiegel 2025; Koll o. J.; Glöckner 2025). Während einige Berichte scheinbar relativ neutral formuliert waren, ließen andere eine Tendenz durchscheinen, die gegen eine Umbenennung spricht. Die scheinbar neutraleren Berichte unterscheiden sich allerdings darin, welche Informationen ausgewählt wurden und bei einem Vergleich lassen sich so auch hier verschiedene Intentionen vermuten. Was alle Berichte gemein haben, ist eine aufgeladene Sprache, die durch bestimmte Formulierungen immer ein konkretes Bild im Kopf des Lesenden schaffen will. Des weiteren legen die Berichte nicht einfach das dar, was die Politiker*innen und weitere Akteure sagen, sondern bereiten es so auf, dass es die größtmögliche Wirkung für ihre Leserschaft hat. Es handelt sich also nicht um eine neutrale Berichterstattung, sondern um eine weitere Beeinflussung, die zum Fortschreiten der Debatte beisteuert. Durch die emotionale Sprache und Begriffe wie “Sprachpolizei”, “Verbot” oder “Wurst als Waffe”, wird die Diskussion zugespitzt und löst auch beim Lesenden emotionale Reaktionen aus. Eine differenzierte Meinungsbildung ist bei so starken Formulierungen schwer möglich. Als besonders problematisch erachte ich, dass Konsumierende nicht merken, wie sie beeinflusst werden, dass sich Meinungen bilden, die wirken, als wären sie die eigenen und deren Entstehung ganz bewusst intendiert ist.

Die Debatte um die pflanzlichen Ersatzprodukte zeigt also exemplarisch, wie Sprache nicht nur die Realität abbildet, sondern aktiv Wahrnehmung und gesellschaftliche Wirklichkeiten formen kann. Sprache wird hier nicht einfach als Produktkennzeichnung verwendet sondern dient durch ihre emotional aufgeladene Verwendung eher als Stellvertreter für die eigentlichen Intentionen der Politiker*innen und letztendlich auch der Fleischindustrie, die mit vorgeschobenen Gründen ihren eigenen Zielen nacheifern. Verbraucherschutz steht hier wohl nicht im Fokus. Durch die Medien verschärft, wird die Wahrnehmung der Verbrauchenden durch intendierte Sprachnutzung, Fokussierung auf bestimmte Argumente und Zuspitzung der Debatte so beeinflusst, dass eine eigene Meinungsbildung schwer möglich ist. Es geht hier also nicht wirklich um Schutz und nach meinem Empfinden auch nur zweitrangig um die Sicherung von Werten und Traditionen. In erster Linie geht es um die Sicherung der eigenen Macht, sowohl bei Politiker*innen als auch bei der Lobby der Fleischindustrie. Die Sprache fungiert dabei als zentrales, wenn auch auf den ersten Blick unauffälliges, Instrument der Machtausübung.

Quellenverzeichnis

European Vegetarian Union (2025): European Parliament votes to ban use of ‘veggie burger’ and ‘plant-based sausage’. Online verfügbar unter: https://www.euroveg.eu/european-parliament-votes-to-ban-use-of-veggie-burger-and-plant-based-sausage/?utm_source=chatgpt.com (zuletzt aufgerufen am 15.12.2025).

foodwatch e. V. (2025): Fleischalternativen – Tabellenband. Online verfügbar unter: https://www.foodwatch.org/fileadmin/-DE/Themen/Produktbezeichnungen/Fleischalternativen_Tabellenband.pdf (zuletzt aufgerufen am 15.12.2025).

Glöckner, Lena (2025): EU will „vegane Wurst“ verbieten: Neue Namen für Ersatzprodukte. In: BILD.de. Online verfügbar unter: https://www.bild.de/politik/ausland-und-internationales/eu-will-vegane-wurst-verbieten-neue-namen-fuer-ersatzprodukte-68c1847955ec8e162a178bab (zuletzt aufgerufen am 15.12.2025).

Jäckels, Pauline (2025): Veggiefleisch muss umbenannt werden: Es geht nicht um die Wurst – sondern um Profite. In: taz.de. Online verfügbar unter: https://taz.de/Veggiefleisch-muss-umbenannt-werden/!6115479/ (zuletzt aufgerufen am 15.12.2025).

Klemperer, Victor ([1947] 1975): LTI. Notizbuch eines Philologen. 3. Aufl. Leipzig: Reclam (125).

Koll, Hanna (o. J.): Streit um Veggie-Wurst neu entfacht: Ersatzprodukten droht Namensverbot. In: FOCUS Online. Online verfügbar unter: https://www.focus.de/gesundheit/ernaehrung/streit-um-veggie-wurst-neu-entfacht-ersatzprodukten-droht-namensverbot_a43c2bb0-87c3-44b5-9182-2d03326f9a0a.html (zuletzt aufgerufen am 15.12.2025).

Schulz, Christian (2025): Veggie-Wurst-Verbot in der EU: Die Sprachpolizei der Rechten schlägt zu. In: rnd. Online verfügbar unter: https://www.rnd.de/politik/veggie-wurst-verbot-in-der-eu-die-sprachpolizei-der-rechten-schlaegt-zu-KI6JEAZMJNEANDWYAV3MUTBADQ.html (zuletzt aufgerufen am 15.12.2025).

Spiegel (2025): »Veggie-Wurst«-Streit: Klare Mehrheit lehnt Namensverbot ab. In: DER SPIEGEL. Online verfügbar unter: https://www.spiegel.de/wirtschaft/service/veggie-wurst-streit-klare-mehrheit-lehnt-namensverbot-ab-a-e45724a9-0c16-4fe0-8d71-f2fa2709ac17 (zuletzt aufgerufen am 15.12.2025).

Stremmel, Jan (2025): Debatte um Veggie-Wurst: Endlich machen auch Konservative mit bei Sprachverboten. In: SZ.de. Online verfügbar unter: https://www.sueddeutsche.de/leben/vegan-wurst-eu-verbot-sprache-konservative-li.3322919 (zuletzt aufgerufen am 15.12.2025).

Theile, Merlind (2025): Fleischersatz: Die Wurst als Waffe. In: DIE ZEIT. Online verfügbar unter: https://www.zeit.de/wirtschaft/2025-10/fleischersatz-europaeische-union-veggie-wurst-debatte (zuletzt aufgerufen am 15.12.2025).

Wimmer, Rainer (1988 [1982]): Überlegungen zu den Aufgaben und Methoden einer linguistisch begründeten Sprachkritik. In: Hans Jürgen Heringer (Hg.): Holzfeuer im hölzernen Ofen. Aufsätze zur politischen Sprachkritik. 2. Aufl. Tübingen: Narr, S. 290–316.

Zitiervorschlag

Bollmann, Lotta (2026): Sprachkritische Auseinandersetzung im Streit um pflanzliche Ersatzprodukte. In: Diskursmonitor – DiskursReview: Aktuelle Beiträge zur Sprach-, Medien- und Diskurskritik. Online unter: https://diskursmonitor.de/review/sprach-und-medienkritik (Zugriff: ##.##.####)