DiskursReview: Aktuelle Beiträge zur Sprach- und Medienkritik
„Fake News“ – ein Etikett statt eines Arguments?
Von Dana Alkhatib
In den letzten Jahren haben „Fake News“ enorme Auswirkungen auf den politischen Dialog gehabt. Sie werden überall in Wahlkämpfen, Medien und alltäglichen Kommunikationen verwendet, um Informationen zu diskreditieren, sei es journalistisches Material, wissenschaftliche Fakten oder politische Ansichten. Trotz der scheinbaren Neutralität ist dieser Ausdruck tatsächlich ein Werkzeug, um einer Diskussion auszuweichen, damit der Sprecher vermeiden kann, dass er das Wesen der Nachricht verstehen müsste, anstatt ihre Richtigkeit zu prüfen. Daher ist der Begriff für die sprachliche und medienkritische Analyse wertvoll. In diesem Aufsatz geht es darum, die Verwendung von „Fake News“ zu untersuchen, um bestimmte Wissensbestände zu diskreditieren. Die Theorie von Harald Wohlrapp, der Wissen als argumentativen Prozess versteht, lässt erkennen, was durch diesen Begriff zerstört wird und welche Folgen dies für die öffentliche Kommunikation hat.
Im aktuellen wissenschaftlichen Diskurs wird der Ausdruck „Fake News“ überwiegend als Bezeichnung für gezielt verbreitete Desinformation verstanden, die im Gewand journalistischer Nachrichten auftritt (vgl. Egelhofer 2021: 15). Jetzt können alle Informationen, die sich für Politiker als unangenehm erweisen, unabhängig von ihrer tatsächlichen Richtigkeit als „Fake“ bezeichnet werden. Diese semantische Transformation hat einen klaren Zweck. Der verwendete Begriff ist nicht für einen konstruktiven Dialog gedacht, sondern dient dazu, Widerspruchsstimmen aus der Diskussion auszuschließen. Durch das Aussprechen von „Fake News“ vermeidet der Sprecher die Notwendigkeit, seine Position zu begründen. Dieses eine Wort untergräbt sofort das Vertrauen in den Gegner, indem es eine künstliche Trennung zwischen „uns“ (den Trägern der Wahrheit) und „Ihnen“ (den Verbreitern der Lüge) schafft. Ein typischer politischer Kampfbegriff dient nicht zur Klärung, sondern zur Markierung, zur Entfremdung und zur Vernichtung von Argumenten. Deshalb ist die Frage so akut: Wer hat die Macht zu bestimmen, was als Wahrheit zu betrachten ist, und wie behindert der Begriff „Fake News“ diesen Erkenntnisprozess?
Im Gegensatz zu vielen, die medienpolitisch „Fake News“ kommentieren, konzentriert sich Harald Wohlrapp auf tiefere Fragen: Wie entsteht überhaupt Wissen und nach welchen Kriterien können wir seine Gültigkeit beurteilen? Es ist dieser Fokus, der seinen Ansatz besonders relevant macht, um zu verstehen, wie „Fake News“ -Vorwürfe in öffentlichen Debatten verwendet werden. Wohlrapp schlägt vor, Wissen nicht als bloße Behauptung zu betrachten, sondern als Anspruch, der nur anerkannt werden kann, wenn es für andere argumentiert und verständlich ist. Daher wird Wissen nicht durch Lautstärke, Autorität oder Wiederholung gebildet, sondern durch einen Prozess, der die Bereitstellung von Gründen und die Berücksichtigung von Gegenargumenten beinhaltet. Diese Definition von Wohlrapp umfasst drei Schlüsselelemente:
a) dass ein Geltungsanspruch erhoben wird
b) dass man bereit ist, diesen (auf Verlangen) einzulösen
c) dass die Einlösung intersubjektiv nachvollziehbar sein soll (Wohlrapp 2024: 17).
Mit anderen Worten, wahres Wissen erscheint, wenn eine Person den Wert und die Gültigkeit ihrer Aussagen rechtfertigen kann. Wissen ist keine passive Annahme durch Glauben oder Unterwerfung durch Autorität, sondern ein dynamischer Prozess des Beweises. Wohlrapp weist darauf hin, dass Thesen und Argumente Schlüsselkomponenten sind, die die Struktur des Diskurses bestimmen: ein Diskurs ist eine sprachliche Veranstaltung, in der etwas kritisch durchgesprochen wird; wesentlich dabei sind Thesen und Argumente (Wohlrapp 2024: 16). Einwände spielen auch eine Schlüsselrolle: „ …dass sie gegen eventuell auftretende Einwände gehalten werden können.“ (Wohlrapp 2024: 23). Auf dieser Grundlage kann festgestellt werden, dass Wissen im Prozess der Argumentation und des kritischen Denkens gebildet wird. Nur die Bereitschaft, ihren Standpunkt zu verteidigen und Gegenargumente zu berücksichtigen, führt zur Entstehung zuverlässigen Wissens. In diesem Zusammenhang wird die destruktive Rolle der Desinformation, die die Grundlagen eines konstruktiven Dialogs untergräbt, deutlich.
Wohlrapp behauptet, dass das Erlangen von Wissen untrennbar mit einer bestimmten Haltung verbunden ist: Der Mensch muss offen sein, seinen Standpunkt als vorübergehend zu betrachten und bereit zu sein, ihn unter Berücksichtigung der Einwände zu entwickeln. Wissen ist nicht das Ende eines Streits, sondern seine Weiterentwicklung mit strengeren Kriterien. Es wird geboren, wenn Menschen sich bemühen, ihre Argumente so darzustellen, dass sie für andere verständlich sind, beurteilt und gegebenenfalls angepasst werden können.
Diese Ansicht ermutigt dazu, nicht nur den Inhalt der Aussagen zu analysieren, sondern auch die Bedingungen, die für das Erreichen eines gegenseitigen Verständnisses erforderlich sind. Die Gesellschaft hat das Wissen, wenn Prozesse in ihr wirksam sind, die es ermöglichen, einen argumentierten Dialog zu führen, Fehler zuzugeben und ihre Position zu verbessern. Wissen ist also keine Gesamtheit fertiger Wahrheiten, sondern eine soziale Aktivität, die auf bestimmten Kommunikationsformen beruht.
Dagegen führt der Gebrauch des Ausdrucks „Fake News“ als Kampfbegriff zu:
- Kommunikationsabbrüchen,
- Delegitimierung von Journalismus,
- Erosion der gemeinsamen Faktenbasis,
- radikaler Polarisierung,
- Auflösung öffentlicher Rationalität
Donald Trump ist ein perfektes Beispiel dafür, wie der Begriff „Fake News“ verwendet wird, um kritische Medienberichte zu verunglimpfen. Er verwendet ihn regelmäßig, um ihm missliebige Berichte abzutun, ohne deren Inhalt zu analysieren (vgl. Egelhofer 2021: 22).
Deshalb dient die Wohlrapp-Theorie als nützliches Werkzeug, um aktuelle Streitigkeiten über Wahrheit, Medien und Vertrauen zu analysieren. Sie wechselt den Fokus von der Frage „Wer hat recht?“ auf die Frage, unter welchen Bedingungen es überhaupt möglich ist, die Gültigkeit von etwas festzustellen. Diese Ansicht eröffnet ein Verständnis dafür, warum eine demokratische Gesellschaft von offenen Diskussionen abhängt und warum jede Praxis, die diese Prozesse untergräbt, nicht nur kommunikative, sondern auch kognitive Probleme verursacht. In diesem Sinne bietet Wohlrapps Ansatz keine fertigen Kommentare zu aktuellen Aussagen, sondern eine Methode, um zu untersuchen, wie sich diese Aussagen auf die Bedingungen der Möglichkeit von Wissen auswirken.
Der Begriff „Fake News“ erzeugt die Illusion einer objektiven Bezeichnung für falsche Informationen. Im politischen und medialen Bereich fungiert er jedoch als Mittel, um die Behauptungen anderer zu entwerten, ohne dass der Beschuldigte seine eigenen Begründungen vorlegen muss.
Wenn man dies durch das Prisma von Wohlrapps Wissenslehre betrachtet, wird die Destruktivität dieses Begriffs deutlich: Die Bildung von Wissen ist nur möglich, wenn die Teilnehmer des Dialogs bereit sind, ihre Position zu begründen, zu erklären, Gegenargumente zu berücksichtigen und eine intersubjektive Nachvollziehbarkeit herzustellen. Der Vorwurf der „Fake News“ schließt diese fundamentalen Voraussetzungen vollständig aus.
Daher kann dieser Ausdruck nicht nur als Modetrend betrachtet werden, er untergräbt die Möglichkeit eines offenen und gegenseitigen Verständnisses. In einer Gesellschaft, in der gemeinsames Lernen eine zentrale Rolle spielt, schadet ein solcher Kampfbegriff der Qualität von Diskussionen ernsthaft. Deshalb ist die kritische Analyse von Sprache und Medien nach wie vor ein wichtiges Instrument, um die Unterschiede zwischen Wissen, Meinung und politischer Manipulation zu schützen.
Quellenverzeichnis
Wohlrapp, Harald R. (2024): Was ist Wissen? Ein (neuer) Vorschlag zur Bestimmung des Wissensbegriffs. In: Katja Leyhausen-Seibert, Anna Menzel und Friedemann Vogel (Hg.): Wissen in Recht und Sprache – Viele Stimmen, vage Grenzen. Berlin: Duncker & Humblot GmbH (Sprache und Medialität des Rechts, Band 7), S. 15–50.
Egelhofer, Jana Laura (2021): Fake News. In: Ranan, David, Hrsg. (2021): Sprachgewalt. Missbrauchte Wörter und andere politische Kampfbegriffe. Bonn: Dietz-Nachfolge. S. 15–30.
Zitiervorschlag
Alkhatib, Dana (2026): „Fake News“ – ein Ettikett statt eines Arguments?. In: Diskursmonitor – DiskursReview: Aktuelle Beiträge zur Sprach-, Medien- und Diskurskritik. Online unter: https://diskursmonitor.de/review/sprach-und-medienkritik (Zugriff: ##.##.####)