DiskursReview: Aktuelle Beiträge zur Sprach- und Medienkritik

Klimaterroristen: Wie Sprache politische Fronten schafft

Von Sandra Wiegmann

Der öffentliche Diskurs über Klimaaktivismus ist in den vergangenen Jahren zunehmend polarisiert. Vor diesem Hintergrund hat sich der Ausdruck Klimaterrorist zu einem politisch und gesellschaftlich stark aufgeladenen Schlagwort entwickelt, das im Jahr 2022 als „Unwort des Jahres“ gewählt wurde (vgl. 2020ff. – Unwort des Jahres). Seine Verwendung verweist auf Konflikte über Legitimität, Moral und Rechtmäßigkeit verschiedener Formen des Protests. Gleichzeitig fungiert der Begriff als sprachliches Mittel zur Konstruktion sozialer Gruppenidentitäten und zur Markierung eines spezifischen politischen Gegners (vgl. Keller 2024). Die Analyse des Ausdrucks ist daher ein geeigneter Gegenstand für sprachkritische Reflexion, da sich an ihm sowohl kommunikative Spannungen als auch semantische Strategien gesellschaftlicher Auseinandersetzung exemplarisch zeigen lassen. Im Folgenden wird der Ausdruck Klimaterrorist anhand der von Rainer Wimmer (1982) genannten Konzeption einer Sprachkritik sprachkritisch untersucht. Die Darstellung gliedert sich in fünf Abschnitte. Zuerst werden die kommunikativ relevanten Schwierigkeiten und Konflikte beschrieben. Anschließend werden Ziele und Relevanz der Analyse bestimmt. Darauf folgt die Herausarbeitung der sprachlich bedeutsamen Punkte. Diese werden im vierten Schritt (praktisch) semantisch analysiert, bevor im fünften Schritt eine sprachkritische Bewertung erfolgt.

Der Ausdruck Klimaterrorist tritt bevorzugt in Debatten über Protestformen von Klimaaktivist*innen auf. Als zentrale Kommunikationsschwierigkeit ist festzustellen, dass sich innerhalb dieser Diskurse zwei gegensätzliche normative Bewertungen gegenüberstehen. Die eine Seite betrachtet bestimmte Aktionen, zum Beispiel Straßenblockaden oder Störungen öffentlicher Veranstaltungen, als notwendige Formen zivilen Ungehorsams, die auf eine globale Krise aufmerksam machen sollen. Die andere Seite bewertet dieselben Handlungen als illegitim, gefährlich oder gesellschaftlich schädlich (vgl. Brettfeld et al. 2023). Der Begriff Klimaterrorist verschärft diese Polarisierung, da er eine kategoriale Zuschreibung enthält, die weit über eine kritische Bewertung der Protestformen hinausgeht. Terrorismus ist ein juristisch und politisch deontischer Begriff, dessen Gebrauch spezifische Assoziationen auslöst. Dazu gehören Gewaltanwendung gegen Personen, systematische Einschüchterung der Bevölkerung sowie schwere Angriffe auf die öffentliche Ordnung (vgl. „Terrorist“, DWDS.). Der Ausdruck Klimaterrorist evoziert daher eine Bedeutung, die nicht mit den tatsächlichen, meist nicht gewalttätigen Protestformen übereinstimmt. Dadurch entsteht ein kommunikativer Konflikt, der nicht mehr primär auf Sachebene geführt wird, sondern zunehmend moralisch emotional aufgeladen ist. Eine weitere Kommunikationsschwierigkeit besteht darin, dass der Begriff den Diskurs entdifferenziert. Er fasst heterogene Gruppen und Protestformen unter einer einzigen Bezeichnung zusammen. Differenzierungen nach Radikalität, Motivation, Handlungsrahmen oder politischen Zielen werden sprachlich nivelliert. Diese Nivellierung erzeugt Missverständnisse und erschwert eine dialogische Auseinandersetzung, da potenzielle Gesprächspartner*innen bereits durch die Wortwahl in eine Feindbildkategorie eingeordnet werden.

Die sprachkritische Analyse des Begriffs Klimaterrorist verfolgt mehrere Ziele. Erstens soll sichtbar gemacht werden, wie sprachliche Mittel zur Eskalation oder Deeskalation gesellschaftlicher Konflikte beitragen. Zweitens soll herausgestellt werden, welche impliziten Wertungen und Kategorisierungen durch die Verwendung des Begriffs vorgenommen werden. Drittens dient die Analyse dazu, problematische Verzerrungen im öffentlichen Diskurs zu erkennen und Alternativen für präzisere und dialogfördernde Ausdrucksweisen aufzuzeigen.

Die Relevanz der Analyse ergibt sich daraus, dass Sprache nicht nur die Realität abbildet, sondern sie zugleich strukturiert und beeinflusst (vgl. Berger & Luckmann 1999). Der Ausdruck Klimaterrorist ist nicht neutral, sondern wirkt als diskursives Instrument der Abwertung und Moralisierung. Durch eine sprachkritische Betrachtung können Mechanismen sichtbar gemacht werden, die andernfalls unreflektiert bleiben würden. Zudem trägt die Analyse zur Stärkung einer öffentlichen Kommunikationskultur bei, die auf Differenzierung und Verständigung ausgerichtet ist.

Im Hinblick auf die geschilderten Kommunikationskonflikte lassen sich mehrere sprachlich relevante Punkte identifizieren, die im Zentrum der Analyse stehen. Erstens ist die Zusammensetzung des Kompositums selbst bedeutungstragend. Der Ausdruck setzt sich aus den Elementen Klima und Terrorist zusammen. Klima verweist auf den Diskursbereich ökologischer Nachhaltigkeit, während Terrorist ein hochgradig negativ konnotiertes Personenlabel ist. Zweitens ist die semantische Aufladung des Begriffs Terrorist ein zentraler Analysepunkt. Terrorist ist ein starker sozialer Kampfbegriff, dessen Bedeutungshorizont durch juristische Definitionen, mediale Berichterstattung und gesellschaftliche Narrative geprägt ist. Drittens ist der pragmatische Einsatz des Begriffs relevant. Er wird meist in Kontexten verwendet, in denen eine Delegitimierung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen oder Handlungen beabsichtigt ist. Dadurch entstehen Hinweise auf seine Funktion als rhetorisches Argumentationsmittel. Viertens ist die diskursive Einbettung zu beachten. Der Ausdruck wird von politischen Akteur*innen, Medien und privaten Sprecher*innen unterschiedlich instrumentalisiert. Häufig dient er zur emotionalen Mobilisierung bestimmter Positionen oder zur Herstellung eines Bedrohungsszenarios.

Die linguistische Analyse des Begriffs Klimaterrorist zeigt zunächst, dass es sich um ein determinatives Kompositum handelt. Das Bestimmungswort Klima modifiziert das Grundwort Terrorist. Durch diese Kombination wird eine spezifizierte Unterkategorie eines Terroristen konstruiert. Die semantische Grundstruktur lautet: Es handelt sich um einen Terroristen, der im Kontext des Klimaschutzes agiert. Damit wird eine Bedeutungsübertragung vorgenommen, die nicht lediglich metaphorisch ist, sondern eine kategoriale Eingruppierung suggeriert. Die semantische Analyse des Grundwortes Terrorist zeigt, dass der Begriff typischerweise Merkmale wie den intentionalen Einsatz schwerer Gewalt, die Erzeugung von Angst in der Bevölkerung und politisch motivierte Zerstörung zentraler Infrastrukturen umfasst. Diese Merkmale sind in der linguistischen Forschung und in völkerrechtlichen Definitionen weitgehend anerkannt. Es ist auffällig, dass typische Protestformen vieler Klimaaktivist*innen, wie das Blockieren von Straßen, das Festkleben an Oberflächen oder das Aufhängen von Bannern, diese Merkmale nicht erfüllen. Die semantische Diskrepanz zwischen Wortbedeutung und referierter Praxis ist daher erheblich. Pragmatisch betrachtet erzeugt der Begriff eine starke Evaluativität. Seine Funktion liegt nicht in einer deskriptiven Darstellung, sondern in der Aufwertung der eigenen Position durch Abwertung der Gegenseite. Er dient als Ausdruck der Skandalisierung, der Moralisierung und der emotionalen Polarisierung. Darüber hinaus aktiviert er kollektive kulturelle Frames. Terrorismus wird in öffentlichen Diskursen häufig mit existenziellen Gefahren, nationaler Sicherheit und staatlicher Repression in Verbindung gebracht. Wenn Klimaaktivist*innen als Terrorist*innen bezeichnet werden, wird eine Nähe zu diesen Frames suggeriert, obwohl eine solche Nähe in sachlicher Hinsicht nicht gegeben ist. Die praktisch-semantische Analyse zeigt schließlich, dass der Begriff erhebliche kommunikative Folgen hervorruft. Er kann die öffentliche Wahrnehmung beeinflussen, indem er Aktivist*innengruppen als Bedrohung darstellt. Gleichzeitig kann er zur Eskalation der Interaktionsdynamik beitragen, da er Gesprächspartner*innen in eine Rolle drängt, die keinerlei Spielraum für Selbstbeschreibung oder Differenzierung lässt.

Die sprachkritische Bewertung des Begriffs Klimaterrorist fällt vor dem Hintergrund der Analyse deutlich aus. Der Ausdruck weist eine problematische semantische Struktur auf, da er eine kategoriale Gleichsetzung zwischen zivilgesellschaftlichem Protest und extremistischen Gewaltakten suggeriert. Diese Gleichsetzung ist sachlich falsch und kommunikativ destruktiv. Zudem trägt der Begriff zur Verschärfung gesellschaftlicher Konflikte bei. Er fördert Polarisierung, erschwert Verständigung und stabilisiert Feindbilder. Seine Verwendung verhindert differenzierte Diskussionen über politische Ziele, Protestformen und gesetzliche Rahmenbedingungen, da er Gesprächspartner*innen bereits vorab moralisch disqualifiziert. Aus sprachkritischer Perspektive ist festzuhalten, dass der Ausdruck keine präzise Beschreibung liefert, sondern ein Instrument der diskursiven Delegitimierung darstellt. Die Analyse verdeutlicht, dass der Begriff ein Mittel populistischer Rhetorik ist, das auf emotionaler Mobilisierung und moralischer Grenzziehung beruht. Eine verantwortungsbewusste Kommunikationspraxis sollte daher auf eine differenzierte Wortwahl setzen und politische Konflikte auf Sach- und Argumentationsebene führen.

Der Ausdruck Klimaterrorist ist ein Beispiel dafür, wie sprachliche Mittel gesellschaftliche Wirklichkeit formen. Er verdeutlicht die Bedeutung sprachkritischer Analyse für das Verständnis öffentlicher Diskurse und für eine Kultur des Dialogs. Durch wissenschaftliche Reflexion sprachlicher Zuschreibungen lässt sich ein Beitrag dazu leisten, politische Auseinandersetzungen weniger polarisierend und differenzierter zu führen.

Quellenverzeichnis

Unwort des Jahres. (o. J.). 2020ff. Abgerufen 5. Dezember 2025, von https://www.unwortdesjahres.net/unwort/das-unwort-seit-1991/2020-2029/

Berger, P. L., & Luckmann, T. (1999). Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit: Eine Theorie der Wissenssoziologie. Fischer Taschenbuch.

Brettfeld, K., Farren, D., Kleinschnittger, J., Richter, T., & Wetzels, P. (2023). Besorgnisse wegen der Folgen des Klimawandels, Akzeptanz von Maßnahmen zum Klimaschutz und Einstellungen zu Regelverletzung und zivilem Ungehorsam als Protestformen. MOTRA-Spotlight, 4.

Keller, A. (2024). «Klimaterrorismus» oder ziviler Ungehorsam? Eine Begriffsklärung. sui generis.

Terrorist. (o. J.). In: DWDS. Abgerufen am 5. Dezember 2025, von https://www.dwds.de/wb/Terrorist

Wimmer, R. (1982). Überlegungen zu den Aufgaben und Methoden einer linguistisch begründeten Sprachkritik. In: Holzfeuer im hölzernen Ofen: Aufsätze zur politischen Sprachkritik (S. 290–313). Narr.

Zitiervorschlag

Wiegmann, Sandra (2026): Klimaterroristen: Wie Sprache politische Fronten schafft. In: Diskursmonitor – DiskursReview: Aktuelle Beiträge zur Sprach-, Medien- und Diskurskritik. Online unter: https://diskursmonitor.de/review/sprach-und-medienkritik (Zugriff: ##.##.####)