DiskursReview: Aktuelle Beiträge zur Sprach- und Medienkritik

Das Stadtbildals sprachpolitische Ressource – Eine sprachkritische Analyse der aktuellen Stadtbild-Debatte

Von André Große

Die öffentliche Debatte um das Stadtbildzählt derzeit wohl zu den kontroversesten politischen Auseinandersetzungen in Deutschland. Ausgangspunkt war die folgende Äußerung von Bundeskanzler Friedrich Merz, in der er im Rahmen einer Pressekonferenz nach einer Kabinettssitzung am 14. Oktober 2025 wie folgt feststellte:

Bei der Migration sind wir sehr weit. […], aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem, und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen. (Böhl, 2025)

Diese Formulierung löste landesweit sowohl bei politischen Akteuren als auch in der Zivilgesellschaft eine hitzig geführte Auseinandersetzung darüber aus, inwieweit diese Wortwahl mit ihren Implikationen von einem deutschen Bundeskanzler verwendet werden könne. Was auf den ersten Blick als eine ästhetische Frage städtischer Gestaltung erscheint, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als ein diskursiver Knotenpunkt, in dem soziale Ordnungsvorstellungen, Zugehörigkeitsfragen sowie politische Handlungsoptionen miteinander verknüpft werden. Wenn in diesem Kontext politische Akteure oder Medien von einem veränderten, belasteten oder zu schützenden Stadtbild sprechen, wird damit nicht nur ein visuelles Erscheinungsbild beschrieben, sondern zugleich eine normative Bewertung sozialer Verhältnisse vorgenommen. Sprache fungiert in diesem Zusammenhang nicht als neutrales Medium, sondern als ein aktiver Faktor einer politischen Wirklichkeitskonstruktion. Genau hier setzt die sprachkritische Analyse an. Sowohl Hans-Jürgen Wimmer als auch Friedemann Vogel betonen, dass Sprachkritik ihre gesellschaftliche Relevanz erst dann entfalten könne, wenn sie die sozialen Effekte sprachlicher Formen offenlege und somit ihre normativen Voraussetzungen reflektieren könne (vgl. Wimmer, 1988, S. 15–18; Vogel, 2020, S. 6–9). Ziel dieses Essays ist es, die aktuelle Stadtbild-Debatte als sprachpolitischen Diskurs zu untersuchen. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob oder inwieweit der Begriff Stadtbildsoziale Konflikte verdichten, politische Verantwortlichkeiten verschieben oder sogar bestimmte Maßnahmen legitimieren kann. Methodisch stützt sich die Analyse auf Wimmers Konzept gesellschaftlich verantwortlicher Sprachkritik sowie auf Vogels Ansatz einer normativ begründeten Diskursintervention.

Wimmer versteht Sprachkritik als Analyse sprachlicher Praxis in ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang. Sprache bildet Wirklichkeit nicht einfach ab, sondern strukturiert Wahrnehmung, Handlungsmöglichkeiten und politische Entscheidungsprozesse (vgl. Wimmer, 1988, S. 19–22). In diesem Zusammenhang als besonders problematisch gelten für ihn jene abstrakten Sammelbegriffe, die komplexe und soziale Verhältnisse nicht nur vereinfacht darstellen, sondern diese darüber hinaus als scheinbar objektive Tatsachen präsentieren. Solche Begriffe entfalten ihre Wirkung gerade durch ihre Unbestimmtheit. Sie erzeugen den Eindruck von Evidenz und entziehen sich damit der politischen Auseinandersetzung (Vgl. ebd., S. 34). Sprachkritik hat hier die Aufgabe, diese Evidenz zu „durchbrechen“ und sichtbar zu machen, welche Interessen, Machtverhältnisse und Ordnungsvorstellungen in sprachlichen Routinen implementiert sind. In diesem Sinne ist Sprachkritik für Wimmer immer auch eine Form von Gesellschaftskritik, da sie vermag, sprachliche Grundlagen sozialer Ungleichheit offenzulegen (vgl. ebd., S. 41–44). Friedemann Vogel greift diese Perspektive auf, geht jedoch einen Schritt weiter. Für ihn genügt es nicht, sprachliche Strukturen lediglich zu analysieren. Linguistik muss vielmehr dort intervenieren, wo Sprache demokratische Prinzipien oder Menschenrechte gefährdet (vgl. Vogel, 2020, S. 9–12). Diskursintervention ist dabei kein willkürlicher Aktivismus, sondern an explizite normative Maßstäbe gebunden. Vogel schlägt Demokratie und Menschenrechte als zentrale Bezugspunkte vor, da sie historisch gewachsen, rechtlich verankert und intersubjektiv überprüfbar sind (vgl. Vogel, 2020, S.13–15). Sprachkritische Intervention bedeutet folglich, sprachliche Praktiken daran zu messen, ob sie Anerkennung, Gleichberechtigung und politische Teilhabe fördern oder diese untergraben. Gleichzeitig betont Vogel die Notwendigkeit, mögliche Effekte und Risiken solcher Interventionen transparent zu reflektieren (vgl. ebd., S. 18–20).

Vor diesem theoretischen Hintergrund lässt sich der Begriff Stadtbildals besonders wirkungsvolles sprachliches Mittel analysieren. In politischen Reden und medialen Beiträgen bleibt der Begriff zumeist eher unspezifisch. Es ist jedoch gerade diese Unschärfe, die es ermöglicht, ästhetische Wahrnehmungen mit sozialen Ängsten und sicherheitspolitischen Forderungen zu verknüpfen. Diskurslinguistisch handelt es sich um ein Nomen mit metonymischer Funktion. Das Stadtbildsteht nicht nur für bauliche Strukturen oder visuelle Eindrücke, sondern implizit auch r bestimmte soziale Gruppen sowie ein möglicherweise negativ behaftetes Sicherheitsempfinden. Sichtbare Armut, Wohnungslosigkeit oder auch eine überrepräsentierte migrantische Präsenz werden symbolisch mit dem Begriff verknüpft, ohne explizit benannt zu werden. Hierdurch werden etwaige soziale Probleme nicht nur implizit geäußert, sondern zugleich moralisch bewertet. Wimmer beschreibt diesen Mechanismus als eine sprachliche Vergegenständlichung sozialer Konflikte. Komplexe Ursachen wie Wohnungsmarktpolitik, Sozialabbau oder kommunale Unterfinanzierung treten in den Hintergrund, während das Stadtbildselbst als Problem erscheint (vgl. Wimmer, 1988, S. 52–54). Die Verantwortung wird somit auf einen anderen Bereich verlagert und nicht die politischen Entscheidungen, sondern sichtbare Abweichungen von einer impliziten Norm geraten in den Fokus. Aus der Perspektive Vogels wird darüber hinaus deutlich, dass diese Art der Rhetorik normative Implikationen aufweist. Wenn Menschen indirekt als Störfaktoren eines abstrakten Stadtbildes markiert werden, wird ihre Anerkennung als gleichberechtigte Mitglieder einer urbanen Gemeinschaft infrage gestellt. Damit berührt der Diskurs grundlegende menschenrechtliche Prinzipien wie Würde, Gleichbehandlung und Teilhabe (vgl. Vogel, 2020, S. 14–16). Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass eine solche Rhetorik, einer Etablierung etwaiger autoritärersungsmuster zumindest nicht erschwerend entgegensteht. Ordnungspolitische Maßnahmen lassen sich leichter legitimieren, wenn soziale Probleme zuvor ästhetisch und moralisch vereinfacht wurden. Vogel warnt ausdrücklich davor, dass solche Diskurse demokratische Aushandlungsprozesse verkürzen und alternative politische Optionen ausblenden (vgl. ebd., S. 21–23). Die Stadtbild-Debatte zeigt somit exemplarisch, wie Sprache politische Handlungsräume strukturiert und entscheidet mit darüber, welche Maßnahmen als notwendig, verhältnismäßig oder alternativlos erscheinen.

Die Analyse der Stadtbild-Debatte macht deutlich, dass der Begriff Stadtbildweit mehr ist als eine ästhetische Beschreibung urbaner Räume. Er fungiert als sprachpolitische Ressource, die soziale Konflikte verdichtet, normative Bewertungen transportiert und politische Entscheidungen vorbereitet. Es wird deutlich, dass Begrifflichkeiten und Rhetorik dazu imstande sind, gesellschaftliche Machtverhältnisse zu beeinflussen, indem sie soziale Ursachen verschleiern. Mit Vogel wird deutlich, dass Sprachkritik hier nicht bei der Analyse stehen bleiben darf, sondern normativ begründete Diskursinterventionen notwendig sind. Sprachkritik ist in diesem Sinne kein akademischer Selbstzweck, sondern ein zentraler Bestandteil demokratischer Öffentlichkeit. Gerade dort, wo scheinbar selbstverständliche Begriffe soziale Ausschlüsse legitimieren, ist eine reflektierte, verantwortungsbewusste Sprachkritik unverzichtbar.

Quellenverzeichnis

hl, Lukas (21. Oktober 2025). Das genaue Zitat von Friedrich Merz: Die Aussage zum Stadtbild im Wortlaut. Stuttgarter Zeitung. https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.friedrich-merz-stadtbild-aussage-wortlaut-mhsd.c674d7a6-52bd-4cbf-a68a-12f1700128fc.html (abgerufen am 15.12.2025)

Vogel, Friedemann (2020). Es gibt nichts Gutes, außer man tut es Demokratie und Menschenrecht als Maßstab linguistischer Diskursintervention. In F. Vogel & F. Deus (Hrsg.), Diskursintervention: Normativer Maßstab der Kritik und praktische Perspektiven zur Kultivierung öffentlicher Diskurse (S. 1727). Wiesbaden: Springer VS.

Wimmer, H.-J. (1988). Überlegungen zu den Aufgaben einer gesellschaftlich verantwortlichen Sprachkritik. In H.-J. Wimmer, Sprachkritik und Gesellschaft (S. 13–60). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Zitiervorschlag

Große, André (2026): Das „Stadtbild“ als sprachpolitische Ressource – Eine sprachkritische Analyse der aktuellen Stadtbild-Debatte. In: Diskursmonitor – DiskursReview: Aktuelle Beiträge zur Sprach-, Medien- und Diskurskritik. Online unter: https://diskursmonitor.de/review/sprach-und-medienkritik (Zugriff: ##.##.####)