DiskursReview: Aktuelle Beiträge zur Sprach- und Medienkritik
„Stadtbild“ als politisches Schlagwort – Ein sprach- und medienkritischer Beitrag zur migrationspolitischen Äußerung von Friedrich Merz
Von Johanna Pickhan
Im Rahmen einer Pressekonferenz äußerte sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am 14. Oktober 2025 bei einem Besuch in Brandenburg zur Migrationspolitik. Er verwies dabei auf sinkende Migrationszahlen sowie auf bereits geplante und umgesetzte Maßnahmen, insbesondere Rückführungen. Merz verwendete dabei den Ausdruck „Stadtbild“, der im gegebenen Kontext negativ konnotiert wurde und sich daraufhin innerhalb kurzer Zeit zu einem politischen Schlagwort entwickelte.
Ausgangspunkt war eine journalistische Nachfrage gegen Ende des Antrittsbesuches. Ein Journalist erinnerte den Bundeskanzler an seine Ankündigung aus dem Jahr 2018, die AfD „halbieren“ zu wollen, und fragte nach den entsprechenden Maßnahmen der CDU (vgl. Böhl 2025). In diesem Zusammenhang fiel folgende Aussage, die den Diskurs auslöste:
Bei der Migration sind wir sehr weit. Wir haben in dieser Bundesregierung die Zahlen August 24, August 25 im Vergleich um 60 % nach unten gebracht, aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem, und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen. Das muss beibehalten werden, das ist in der Koalition verabredet. (Phoenix 2025, 13:40)
In diesem konkreten Äußerungskontext wird der Begriff „Stadtbild“ durch die Einordnung als „Problem“ nicht beschreibend, sondern bewertend verwendet. Allerdings handelt es sich lexikalisch um ein neutrales Kompositum. Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) definiert Stadtbild als „(charakteristisches) Erscheinungsbild einer Stadt oder eines bestimmten Ortes innerhalb einer Stadt“ (DWDS o. J.). Die Definition verweist demnach auf visuelle Merkmale wie die sichtbare Anordnung von Gebäuden, Straßen, Plätzen und Grünflächen. Somit beschreibt das Substantiv in der Grundbedeutung ausschließlich das äußere Erscheinungsbild urbaner Räume.
Friedrich Merz vermeidet in seiner Äußerung zwar eine explizite Bewertung, dennoch lässt sich diese aus dem Kontext erschließen. Denn die Zuschreibung als „Problem“ suggeriert eine negative Wertung, ohne diese näher zu konkretisieren oder eindeutig zu benennen. Ebendiese Vagheit der Formulierung ist besonders auffällig, da der Bundeskanzler weder auf konkrete Sachverhalte noch auf Personengruppen verweist.
Friedemann Vogel beschreibt den Ausdruck „Stadtbild“ im politischen Diskurs als „gedankliche Chiffre für eine Debatte über (die Diskriminierung von) Personengruppen mit Migrationshintergrund“ (Vogel 2025). Das Substantiv fungiert dabei als Platzhalter, der Bedeutungen lediglich andeutet. Diese implizite Verwendung trägt zur sprachkritischen Relevanz der Äußerung von Friedrich Merz bei. Nach Rainer Wimmer setzt Sprachkritik genau bei solchen Bewertungshandlungen an (vgl. Wimmer 1988: 294). Im Fokus stehen dabei nicht einzelne Wörter, sondern die Wirkung, die im konkreten Kontext erzeugt wird. Auf diese Weise wird der ursprünglich neutrale Begriff in der Rede politisch aufgeladen.
Ebendiese Bedeutungsverschiebung wird von Merz weder erläutert noch relativiert. Vielmehr wird sie in späteren öffentlichen Stellungnahmen aufrechterhalten. Sowohl unmittelbar im Anschluss an die Äußerung am 14. Oktober als auch bei weiteren Konferenzen lieferte er keine eindeutige Erklärung, wie er den Ausdruck „Stadtbild“ in seiner Rede konkret einordnete. Auf einer Pressekonferenz nach der Präsidiumsklausur der CDU am 20. Oktober 2025 reagierte Friedrich Merz dann mit den folgenden Worten: „Fragen Sie mal Ihre Töchter, was ich damit gemeint haben könnte“ (CDU 2025, 29:45). Zudem untermauert er seine Aussage mit: „Ich habe gar nichts zurückzunehmen. Im Gegenteil, ich unterstreiche es noch einmal“ (ebd.).
Politiker reagierten bereits nach der erstmaligen Äußerung und bezogen Stellung: Während Die Linken und Bündnis 90/Die Grünen eine öffentliche Entschuldigung forderten, signalisierte die AfD Zustimmung. Die Reaktionen tragen ebenfalls dazu bei, dass die zuvor implizierte Bedeutungsverschiebung nicht aufgelöst wird, sondern diskursiv bestehen bleibt.
Außerdem griffen Medien die Stadtbild-Äußerung auf, kommentierten sie und ordneten „Stadtbild“ als politisches Schlagwort in den bestehenden Migrationsdiskurs ein. Seit der Nachkriegszeit gehört dieser zu den am umfassendsten untersuchten öffentlichen Diskursen in Deutschland (vgl. Niehr 2020: 225; 230). Zudem rückte er 2015, dem Jahr mit der höchsten Zuwanderung nach Deutschland, verstärkt in den öffentlichen Fokus und wird seither kontinuierlich diskutiert (vgl. ebd., 227).
Durch die Informationsvermittlung leisten Medien einen wesentlichen Beitrag zur öffentlichen Diskursbildung (vgl. Blöbaum 2020, 78). Denn die mediale Anschlusskommunikation trägt dazu bei, dass unter anderem politische Äußerungen für ein breites Publikum zugänglich werden und im Anschluss in öffentliche Diskurse übergehen, wie auch das hier dargelegte Beispiel zeigt.
Der Beitrag zeigt exemplarisch, wie ein ursprünglich neutraler Ausdruck, der in seiner Grundbedeutung auf urbane Räume verweist, im politischen Sprachgebrauch eine veränderte Bedeutungszuschreibung erfährt. Das wird vor allem dadurch deutlich, dass Friedrich Merz „Stadtbild“ in seinen Äußerungen nicht beschreibend, sondern bewertend einsetzte und auch als problematisch rahmte, ohne die konkrete Einordnung ausdrücklich zu benennen. Diese Vagheit erweist sich als zentrales Merkmal, da sie implizite Bewertungen ermöglicht, die nicht explizit benannt werden. Insbesondere der Stadtbild-Begriff, der auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, kann im politischen Kontext öffentliche Diskurse prägen. Schlussendlich wird damit die Relevanz einer sprachkritischen Betrachtung verdeutlicht, die Wörter im konkreten Kontext einordnet und eine reflektierte sowie kritische Auseinandersetzung ermöglicht.
Quellenverzeichnis
Blöbaum, Bernd (2020). Medienvertrauen und Medienskepsis. Theoretische Grundlagen und empirische Evidenzen. In: Astrid Blome/Tobias Eberwein/Stefanie Averbeck-Lietz (Hrsg.): Medienvertrauen. Berlin/Boston: Walter de Gruyter, S. 77–94.
Böhl, Lukas (2025, 21. Oktober). Das genaue Zitat von Friedrich Merz. Die Aussage zum Stadtbild im Wortlaut. In: Stuttgarter Zeitung. https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.friedrich-merz-stadtbild-aussage-wortlaut-mhsd.c674d7a6-52bd-4cbf-a68a-12f1700128fc.html [zuletzt abgerufen am 25.01.2026].
CDU (2025, 20. Oktober). Pressekonferenz mit Bundeskanzler Friedrich Merz und dem Generalsekretär Dr. Carsten Linnemann. [Video]. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=AjGX_ZmgOVg [zuletzt abgerufen am 25.01.2026].
DWDS (o. J.). Stadtbild. In: DWDS – Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. https://www.dwds.de/wb/Stadtbild [zuletzt abgerufen am 25.01.2026].
Niehr, Thomas (2020). Migrationsdiskurs. In: Thomas Niehr/Jörg Kilian/Jürgen Schiewe (Hrsg.): Handbuch Sprachkritik. J.B. Metzler, S. 225–232.
Phoenix (2025, 14. Oktober). Potsdam: Merz zu Antrittsbesuch bei Ministerpräsident Woidke | 14.10.25 [Video] YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=qE4Ws_jcJPY [zuletzt abgerufen am 25.01.2026].
Vogel, Friedemann (2025): „Stadtbild“ – Eine gedankliche Chiffre im politischen Diskurs. In: Diskursmonitor. Online-Plattform zur Aufklärung und Dokumentation von strategischer Kommunikation. https://diskursmonitor.de/review/stadtbild-eine-gedankliche-chiffre-im-politischen-diskurs/ [zuletzt abgerufen am 25.01.2026].
Wimmer, Rainer (1988): Überlegungen zu den Aufgaben und Methoden einer linguistisch begründeten Sprachkritik. In: Hans Jürgen Heringer (Hrsg.): Holzfeuer im hölzernen Ofen. Aufsätze zur politischen Sprachkritik. 2. Aufl. Tübingen: Narr, S. 290–313.
Zitiervorschlag
Pickhan, Johanna (2026): „Stadtbild“ als politisches Schlagwort – Ein sprach- und medienkritischer Beitrag zur migrationspolitischen Äußerung von Friedrich Merz. In: Diskursmonitor – DiskursReview: Aktuelle Beiträge zur Sprach-, Medien- und Diskurskritik. Online unter: https://diskursmonitor.de/review/sprach-und-medienkritik (Zugriff: ##.##.####)