DiskursReview: Aktuelle Beiträge zur Sprach- und Medienkritik
Wenn ein Wort Geschichte macht: die ‚Zeitenwende‘ im politischen und medialen Diskurs
Von Katharina Schmidt
Manche Worte bleiben haften. Kaum ein politisches Wort hat die deutschsprachige Öffentlichkeit seit 2022 so geprägt wie der Begriff „Zeitenwende“. Bundeskanzler Olaf Scholz verwendete ihn in seiner Regierungserklärung am 27. Februar 2022 unmittelbar nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine und erklärte: „Wir erleben eine Zeitenwende. Und das bedeutet: Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor.“ (Scholz 2022). Dieser Begriff löste ein bemerkenswertes Echo aus, er wurde sofort von Talkshows, Leitmedien und Alltagsgesprächen aufgegriffen, in Kommentaren wiederholt und entwickelte sich dadurch zu einem dominanten Deutungsrahmen für sicherheitspolitische, energiepolitische sowie wirtschaftliche Veränderungen. Schließlich wurde der Begriff sogar zum Wort des Jahres 2022 gewählt. Doch was macht gerade dieses Wort so wirkmächtig? Warum löste es nicht nur Berichterstattung, sondern politische Debatten und Deutungsangebote aus?
Das Wort „Zeitenwende“ ist ein Kompositum aus den Einzelwörtern „Zeit“ und „Wende“. Entstanden ist das Wort in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts (vgl. ZDL o.J.). Im Deutschen bezeichnet das Wort „Wende“ eine markante Richtungsänderung, die auch oft im historischen Kontext genutzt wird, wie beispielsweise „die Wende“ von 1989/90 (vgl. DWDS o.J.). Zeitenwende impliziert nicht nur einen Richtungswechsel, sondern eine epochale Veränderung, also eine Zäsur, die das Vorher und Nachher voneinander trennt (vgl. DWDS o.J.). In der politischen Semantik zeichnet sich der Begriff durch ungewöhnliche Polysemie aus: er ist bedeutungsreich genug, um Autorität auszustrahlen, aber gleichzeitig vage genug, um unterschiedlichste Maßnahmen darunter zu fassen. Diese Kombination macht den Begriff zu einem besonders geeigneten politischen Schlagwort. Somit fungiert „Zeitenwende“ weniger als analytisch präziser Begriff, sondern eher als verdichtete Deutungsformel, die komplexe politische, gesellschaftliche und sicherheitspolitische Entwicklungen semantisch bündelt. Seine Wirkung entfaltet der Begriff insbesondere dadurch, dass er über reine Beschreibung hinausgeht und eine bestimmte Haltung nahelegt: die Markierung eines historischen Einschnitts. In dieser Funktion überschneidet sich das politische Schlagwort „Zeitenwende“ mit dem Topos der düsteren Zukunftsprognose (vgl. Peters/Gorzel 2024), insofern beide diskursive Muster darauf abzielen, Wahrnehmungen zu strukturieren, Erwartungen zu steuern und politische Maßnahmen als notwendig oder alternativlos erscheinen zu lassen. Der Einsatz des Wortes von Scholz war deshalb bewusst stark gewählt. Innerhalb seiner Rede taucht der Begriff mehrfach auf, um dadurch den Bedeutungsrahmen der Erklärungen zu setzen. Er benutzt das Wort und erklärt es im nächsten Schritt direkt: „Wir erleben eine Zeitenwende. Und das bedeutet: Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor.“ (Scholz 2022), wodurch er die Situation dramatisch darstellt und erläutert. Dieser sprachliche Fokus war mehr als reine Rhetorik. Das Wort bildet den Rahmen für eine politische Rechtfertigung weitreichender Entscheidungen, wie etwa ein 100-Millarden-Euro-Sondervermögen zur Stärkung der Bundeswehr (vgl. Scholz 2022). Politische Schlagworte wirken nicht nur durch ihren Inhalt, sondern vor allem durch den Frame, den sie setzen. Also ein Deutungsmuster, das Ereignisse nicht nur beschreibt, sondern auch interpretiert und bewertet. Mit dem Frame der „Zeitenwende“ markiert Scholz den russischen Angriff nicht allein als sicherheitspolitische Krise, sondern als Epochenbruch, welcher umfassende politische Entscheidungen fordert. In der Logik des Framings strukturiert der Begriff die Wahrnehmung der Situation, indem ein Interpretationsrahmen geboten wird, der Alternativen tendenziell ausblendet. Sodass der Begriff der Zeitenwende als notweniger Wendepunkt wirkt und nicht als eine von mehreren Möglichkeiten.
Die mediale Rezeption verstärkte die Wirkung zusätzlich erheblich. Nach Scholz´ Rede griffen die Medien den Begriff schnell auf und machten „Zeitenwende“ zum Leitmotiv ihrer Berichterstattung. So reflektierten Berichte die Verwendung des Wortes und einige Medien und Zeitungen, wie die Sächsische Zeitung, bezeichneten die Rede von Olaf Scholz als „Zeitenwende-Rede“ (vgl. Sächsische Zeitung 2023). Schnell wurde der Begriff nicht nur als Begriff für den Ukraine-Krieg und dessen Konsequenzen, sondern für viele verschiedene Themenbereiche genutzt. Schlagzeilen wie „Zeitenwende in der Energiepolitik“ (Friedrich Ebert Stiftung 2022) oder „Zeitenwende in der Wissenschafts-Diplomatie“ (Forschung & Lehre 2022) zeigen, wie schnell sich der Begriff ausgedehnt hat. Innerhalb weniger Monate wurde er zu einem Universalwerkzeug für Veränderung. Aus medienkritischer Sicht kommt es dadurch zu einem klassischen Fall von Agenda-Setting. Die Medien greifen einen politischen Begriff auf, verstärken ihn durch Wiederholung und führen ihn als Deutungsmuster in den öffentlichen Diskurs ein. Der Begriff „Zeitenwende“ lässt sich als diskursives Deutungsmuster beschreiben, das Elemente des Topos der düsteren Zukunftsprognose integriert (vgl. Peters/Gorzel 2024). Durch seine wiederholte Verwendung in Politik und Medien gewinnt er symbolische Macht, indem er politische Maßnahmen als notwendig und alternativlos rahmt. Gleichzeitig führt seine inflationäre und kontextübergreifende Anwendung zu einem Verlust analytischer Schärfe, da nahezu jede Veränderung als historischer Bruch markiert wird.
Die Bewertung des Begriffs „Zeitenwende“ wird nun klar getrennt von der Beschreibung und Erläuterung erfolgen. Aus sprach- und medienkritischer Perspektive bietet der Begriff sowohl Chancen als auch Risiken. Die Stärke des Schlagworts liegt in seiner kommunikativen Verdichtung. In Zeiten, in denen politische Prozesse schnell verlaufen und Zusammenhänge hochkomplex sind, schafft ein Wort wie „Zeitenwende“ Orientierung und bietet Halt in schwer überschaubaren Entwicklungen. In politischen Diskussionen und Reden, wo durchaus auch viele Fachwörter vorkommen, drückt das Wort „Zeitenwende“ komplexe Krisen einfach und verständlich aus und gerade in Zeiten politischer Unsicherheit kann der Leitbegriff Fokus schaffen. Somit wird ermöglicht, politische Maßnahmen in einen größeren Kontext einzuordnen und gesellschaftlichen Wandel zu benennen. Gleichzeitig birgt der Begriff aber auch einige Kritikpunkte. Die semantische Vagheit erlaubt einerseits unterschiedliche und auch widersprüchliche Interpretationen. Andererseits wird der Begriff mit vielen verschiedenen Themen in Verbindung gebracht. Ein weiterer Kritikpunkt ist die Emotionalisierung, die mit diesem Begriff einhergeht, da der Epochenbruch-Topos eine emotionale zugespitzte Semantik erzeugt. In Krisenzeiten kann dies zwar mobilisieren, aber auch zu Übertreibungen führen. Hinsichtlich der Legitimationsfunktion erzeugt der Begriff durch die semantische Stärke eine politische Autorität. Dadurch werden die Maßnahmen, welche in Hinblick auf den Begriff der „Zeitenwende“ präsentiert werden, als alternativlos oder absolut notwendig gesehen. Bei diesem Wort ist es ebenfalls ziemlich zutreffend, das Wort suggeriert einen historischen Einschnitt, der aber im speziellen Einzelfall nicht genauer erläutert und definiert wird. Die mediale Sicht auf den Begriff verstärkt die Dynamiken, indem Medien das Schlagwort übernehmen und ausweiten. Dadurch tragen sie zur „Normalisierung“ des politischen Begriffs bei. Eine kritische Prüfung, beispielsweise in Hinblick auf die Frage, dass tatsächlich ein Epochenbruch vorliegt oder es sich um eine politisch motivierte Rahmung handelt, fällt häufig weg. Die dadurch entstehende sprachliche Gleichheit ist aus medienkritischer Sicht problematisch, weil sie alternative Perspektiven marginalisiert und komplett ausschließt. Der Effekt des Wortes lässt meines Erachtens auch zunehmend nach, da er für eine Vielzahl von Sachverhalten genutzt wird und dadurch an „Macht“ verliert. Dass bedeutet, dass das Wort „Zeitenwende“ immer mehr zum alltäglichen Gebrauch genutzt wird und nicht mehr für besondere und seltene Situationen steht.
Der Begriff „Zeitenwende“ ist mehr als nur ein Schlagwort. Er ist ein politisches Deutungsinstrument, welches dem Kontext eine historische Bedeutung zuschreibt und Erwartungen weckt sowie einen Handlungszweck erzeugt. Das Schlagwort ist somit ein Beispiel für die enorme Wirksamkeit politischer Sprache. Sprachlich prägnant, emotional aufgeladen und semantisch offen, was ideale Voraussetzungen für eine dominante Rolle im politischen oder medialen Diskurs darstellt. Durch die mediale Verbreitung wurde er zu einem prägenden Narrativ der politischen Kommunikation in Deutschland seit 2022. Zugleich zeigt seine Verwendung als Frame, wie Sprache in politischen Kontexten nicht nur beschreibt, sondern Wirklichkeiten formt und Legitimationsspielräume für politische Entscheidungen mitgestaltet. Aus sprach- und medienkritischer Sicht zeigt der Begriff jedoch auch die Gefahren solcher Schlagworte. Die Tendenz durch die Nutzung des Wortes die Komplexität zu reduzieren, gleichzeitig Debatten zu polarisieren und politische Maßnahmen als unausweichlich erscheinen zu lassen. Die Analyse macht daher deutlich, wie wichtig es ist, politische Sprache nicht nur zu übernehmen und zu verwenden, sondern genaustens zu hinterfragen und kritisch zu prüfen, gerade dann, wenn sie historische Dimensionen anspricht und behauptet.
Die „Zeitenwende“ ist damit weniger ein neutrales Beschreibungswort als ein machtvolles politisches Deutungsinstrument. Eine kritische Reflexion der Nutzung kann meines Erachtens dazu beitragen, dass das Wort zum einen nur für wirklich historische Veränderungen steht, um gleichzeitig politische Kommunikation transparenter zu gestalten und demokratische Diskussionen zu stärken.
Quellenverzeichnis
Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) (o.J.): Zeitenwende – Schreibung, Definition, Bedeutung, Synonyme, Beispiele. Online unter: https://www.dwds.de/wb/Zeitenwende (abgerufen am 13.12.2025).
Forschung & Lehre – Alles was die Wissenschaft bewegt (07.07.2022): Zeitenwende in der Wissenschafts-Diplomatie. Online unter: https://www.forschung-und-lehre.de/politik/zeitenwende-in-der-wissenschaftsdiplomatie-4855 (abgerufen am 17.12.2025).
Friedrich-Ebert-Stiftung (29.03.2022): Zeitenwende in der Energiepolitik? Online unter: https://www.fes.de/themen/oekologie/zeitenwende-in-der-energiepolitik (abgerufen am 18.12.2025).
Peters, Hauke; Gorzel, Svenja (2024): Topos der düsteren Zukunftsprognose. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 04.04.2024. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/topos-der-duesteren-zukunftsprognose (abgerufen am 23.01.2026).
Scholz, Olaf (27.02.2022): Regierungserklärung vom 27.Februrar 2022. Online unter: https://www.bundesregierung.de/breg-de/service/newsletter-und-abos/bulletin/regierungserklaerung-von-bundeskanzler-olaf-scholz-2320314 (abgerufen am 15.12.2025).
Sächsische Zeitung (27.02.2023): Ein Jahr Zeitenwende-Rede von Scholz: Was ist aus den Ankündigungen geworden? Online unter: https://www.saechsische.de/politik/ein-jahr-zeitenwende-rede-von-olaf-scholz-was-ist-aus-den-ankuendigungen-des-kanzlers-geworden-KC27G7YD5ECNSPCUMFUZHMM4OI.html (abgerufen am 20.01.2026).
Zentrum für digitale Lexikographie der deutschen Sprache (ZDL) (o.J): Begriff Zeitenwende. Online unter: https://www.zdl.org/?q=Zeitenwende (abgerufen am 12.12.2025).
Zitiervorschlag
Schmidt, Katharina (2026): Wenn ein Wort Geschichte macht: Die ‚Zeitenwende‘ im politischen und medialen Diskurs. In: Diskursmonitor – DiskursReview: Aktuelle Beiträge zur Sprach-, Medien- und Diskurskritik. Online unter: https://diskursmonitor.de/review/sprach-und-medienkritik (Zugriff: ##.##.####)