DiskursReview

Corona und Klimawandel: Irrwege (in) und Auswege (aus) der Verknüpfung von zwei Krisen – Einige strategische Überlegungen zur diskursiven Unterstützung nachhaltiger Konzepte

Autorin: Dorothee Meer
Version: 1.0 / 01.05.2020

Vergleiche und Analogiebildungen zwischen der Corona-Krise und der Klimakrise haben im Moment Hochkonjunktur, sowohl in der Medienberichterstattung und in politischen Kontexten als auch in privaten Gesprächen (siehe exemplarisch dazu den Beitrag von Luisa Neubauer in mobil.stern.de vom 3. April 2020). Dagegen ist auch prinzipiell nichts einzuwenden, denn Vergleiche und Analogien sind ein grundlegendes Mittel, um sich die Welt zu erklären. Allerdings erweisen sich beide rhetorischen Verfahren hierbei von Fall zu Fall als unterschiedlich tragfähig, unterschiedlich nützlich oder auch als unterschiedlich gefährlich. So ist die Herstellung eines Zusammenhangs zwischen der Corona-Krise und der Flüchtlingskrise (vgl. Meuthen am 2.März auf seinem Facebook-Account) sicherlich anders zu bewerten als der Hinweis, dass ein verbindendes Element zwischen der Corona- und der Klimakrise darin besteht, dass Fragen der Gerechtigkeit für beide Krisen hoch relevant sind: Denn natürlich treffen die Folgen des Klimawandels die Bevölkerung der ärmsten Länder der Welt (in der Regel der südlichen Hemisphäre) unverhältnismäßig katastrophaler als Teile der deutschen Bevölkerung (vgl. dazu Maya Göpel in der NDR-Sendung ‚DAS!‘ am 15. März 2020).

Ein weiteres Beispiel für eine auf den ersten Blick unproblematische Analogiebildung könnte man auch in dem Hinweis sehen, dass beide Krisen nur unter Berücksichtigung von wissenschaftlichen Expert*innen gelöst werden können. So verweist beispielsweise die SZ im Zusammenhang mit der Rolle von Expert*innen für die Entscheidung von Donald Trump zum Corona bedingten Shut-Down in den USA darauf, dass für dessen Entscheidung die Kompetenzen des Immunologen Anthony Fauci von Bedeutung gewesen sei. Hieran anschließend weist der Beitrag darauf hin, dass es sich dabei um einen Prozess gehandelt habe, der über ein Jahr die „Hauptforderung der Klimaproteste ‚Listen to the Science‘, hört auf die Wissenschaft“ dargestellt habe (SZ 11.-13. April 2020, 2).  An diesem Beispiel lässt sich jenseits der Frage, ob der Hinweis auf Trump tatsächlich klug gewählt ist, jedoch auch eine Gefahr von Analogiebildungen verdeutlichen: So besteht ein großer Unterschied zwischen der Rolle von Expert*innen in den beiden hier zur Diskussion stehenden Krisen in Deutschland darin, dass die deutsche Politik die Expertise von Wissenschaftler*innen im Rahmen der Pandemie permanent und medial gezielt angefordert, eingekauft und in den Mittelpunkt gestellt hat. Im Gegensatz dazu sind die Expert*innen im Zusammenhang mit der Diskussion um Fragen des Klimawandels Jahrzehnte von einer Mehrheit der politischen Entscheidungsträger*innen ignoriert worden und erst die „Fridays for Future-Proteste“ haben sie als argumentativen Akt der Gegenwehr erfolgreich(er) in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken können. Bezogen auf die vorliegende Analogiebildung zwischen der Rolle der Expert*innen in der Klimakrise und der Corona-Krise lässt sich festhalten, dass hier wichtige Teilaspekte ignoriert bzw. unangemessen abgebildet werden.

Vor dem Hintergrund dieser ersten Beispiele wird es im Weiteren auf der Grundlage einer diskursanalytischen Studie darum gehen aufzuzeigen, dass die Verknüpfung der Klima- und der Corona-Krise aus der Perspektive eines Kampfes für mehr Nachhaltigkeit eine Vielzahl von Gefahren enthält, die eher dafür sprechen, die Analogiebildung zwischen den beiden Krisen mit großer Vorsicht zu nutzen. Die empirische Grundlage der Studie, die an der Ruhr-Universität in Bochum durchgeführt wird, bildet die Frage, welche Mechanismen der diskursiven Verarbeitung von Nachhaltigkeitskonzepten in drei deutschen Tageszeitungen (FAZ, SZ und WAZ) seit Dezember 2019 unter dem Schlagwort des ‚Green Deals‘ zu beobachten sind. Auf diese empirischen Befunde aufbauend sollen im Rahmen dieses Beitrags zum einen beobachtbare Analogiebildungen zwischen der Klimakrise und der Corona-Krise exemplarisch herausgearbeitet werden. Zum anderen soll aber auch aufgezeigt werden, dass die zurzeit diskutierten Wirtschaftsreformen dringend stärker aus einer Perspektive der Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt werden müssen. Anderenfalls besteht die Gefahr, dass sich die im Augenblick angedachten Subventionen wie bereits in der Finanzkrise 2009, als mit Abwrackprämien für alte Autos und dem subventionierten Ausbau von Straßen den Individualverkehr zusätzlich angekurbelt wurde, erneut in eine nicht zukunftsweisend nachhaltige Richtung entwickeln werden.

Die im letzten Satz genutzte Analogie zwischen der Corona- und der Finanzkrise macht deutlich, dass prinzipiell nichts gegen Vergleiche und Analogiebildungen spricht, solange im Blick bleibt, dass derartige rhetorische Strategien nie im luftleeren Raum eingesetzt werden, sondern immer eine Funktion im öffentlichen Diskurs erfüllen. So sind weder Analogiebildungen noch Verweise auf Zusammenhänge ein zufälliges Ergebnis von irgendwelchen ‚Aussagen‘ oder gar ‚Tatbeständen‘, sondern sie verweisen auf den politischen Willen mit den Mitteln des Vergleichs bzw. der Analogie Wahrnehmungsmuster aufzurufen und zu etablieren. Eine Gefahr stellen Vergleiche und Analogien in der Folge dann dar, wenn sie die Wahrnehmung eines konkreten Ereignisses verharmlosen, in eine falsche oder auch nur irrelevante Richtung lenken und damit Parallelen suggerieren, die weder in der Sache noch in ihren Folgen angemessen sind.

Schaut man aus einer solchen theoretischen Perspektive auf die konkreten Bedingungen der beiden Krisen, so unterscheiden sie sich an vielen Stellen fundamental. Das gilt sowohl für die ergriffenen staatlichen Maßnahmen als auch für die gefühlte Bereitschaft zur Mitarbeit eines großen Teils der Bevölkerung. Während im Fall der Corona-Krise die Einsicht von Bürger*innen in nicht unerheblichem Umfang das Ergebnis von akut erlebter Angst und staatlich verordneter Räson ist, geht die öffentliche Verhandlung der Klimakrise vorrangig auf das subversive Aufbegehren von (zunächst in der Hauptsache) jungen Teilen der Bevölkerung zurück.

Diese sehr unterschiedlichen Reaktionen sind auch eine Folge der Tatsache, dass die Corona-Krise von vielen Menschen anders als der Klimawandel als Naturkatastrophe erlebt wird, der sie schutzlos ausgeliefert sind. Auch wenn in den letzten Wochen mehrfach (und zu Recht) auf den Zusammenhang zwischen Formen der Massentierhaltung und der fehlenden Distanz zur Welt der (wilden) Tiere hingewiesen worden ist (vgl. Schulze in der WAZ, 2. April 2020; The Guardian auf twitter am 27.4.2020), so spielt dieses Argument in der hegemonialen Presse jedoch keine nennenswerte Rolle. Diese Annahme wird durch eine Vielzahl von entsprechenden medialen Kommentierungen unterstrichen, von denen die Bildunterschrift „Kunstform der Natur“ unter einer mikroskopischen Darstellung von Coronaviren in der FAZ (20. April 2020, 6) nur eine ist.

Trotzdem wird die Analogie der beiden Krisen von Vertreter*innen der Klimabewegung im Augenblick vielfach genutzt, um herausstellen, dass das umfassende Engagement der Politik während der Corona-Krise doch deutlich zeige, dass die jahrelang zu beobachtende Behauptung, man könne nichts und vor allem nicht schnell etwas tun, eine reine Schutzbehauptung sei. So würden wir ja im Moment sehen, wie schnell ein ganzes Land unter Aussetzung einer Vielzahl verfassungsrechtlicher Grundrechte „heruntergefahren“ werden kann, wenn nur der politische Wille dazu da ist.

Aber auch dieses in der Sache völlig angemessene Argument schafft es nicht in den Bereich der Überschriften der großen Zeitungen, wie man über das untersuchte Korpus hinaus am Beispiel des folgenden Auszugs aus dem Spiegel (18. April 2020: 12) nachvollziehen kann. Dort heißt es:

“Wie will eine Kanzlerin, wie wollen Präsidenten und Premierministerinnen, die ganze Völker unter Hausarrest stellen können, den Bürgerinnen und Bürgern künftig erklären, dass sie ein schnelles Verbot von Plastiktüten leider, leider nicht hinbekommen? Dass es unmöglich sei, schärfere Grenzwerte für dieses oder jenes Gift durchzusetzen? Wer soll künftig noch glauben, dass es keine einfache Handhabe gäbe gegen industrielle Tierquälerei, gegen Pestizide, gegen Lärm, schlechte Luft, schlechtes Essen? Wer wird Politiker wiederwählen, die jetzt beim Klimaschutz nicht liefern.”

Die Antwort auf die zuletzt gestellte Frage lautet: „weil sie es können“. Das zeigen nicht zuletzt die Umfragewerte für die während der Corona-Krise medial dominanten Politiker. Sie können es deshalb, weil die beiden Krisen an entscheidenden Punkten eben nicht vergleichbar sind bzw. weil sie von großen Teilen der Bevölkerung nicht als vergleichbar erlebt werden. Dies hat seinen Grund u. a. auch in der bereits erwähnten Tatsache, dass die Corona-Krise (anders als die Klimakrise) nicht als menschengemacht, sondern als Naturkatastrophe dargestellt und wahrgenommen wird. Das unterstreicht auch der gerade zitierte Spiegelartikel, dessen Überschrift lautet: „Am Anfang war das Virus“. Auch hier dominiert somit am Ende eine Wahrnehmung des Virus als Naturereignis.

Wenn sich der Vergleich der beiden Krisen somit aus einer strategischen Sicht gar nicht unbedingt für Analogiebildungen eignet, so stellt sich umso mehr die Frage, warum er in den letzten Wochen so massiv zu beobachten war. Diese Frage drängt sich aus einer Perspektive der Nachhaltigkeit umso mehr auf, weil gerade Vertreter*innen der Klimaschutzbewegung hieran mitgearbeitet haben, wie beispielsweise die Tweets auf dem Twitter-Account von Luisa Neubauer (im März und April) exemplarisch verdeutlichen. Diese Problematik soll unter Bezug auf die in den hegemonialen Medien wohl häufigste Analogiebehauptung, die auf den Zusammenhang zwischen den gesunkenen CO2-Werten und Corona abhebt, genauer betrachtet werden.

Entscheidend für diesen Zusammenhang ist der hochfrequent wiederkehrende Hinweis, dass das Thema ‚Klimakrise‘ zwar durch ‚Corona‘ verdrängt worden sei, gleichzeitig jedoch seit dem Ausbruch der Pandemie die Emissionen gesunken sind (siehe exemplarisch FAZ, 17.3.2020, 8; SZ 11.-13.4.2020, 2). Der hiermit in den Mittelpunkt gerückte Zusammenhang macht deutlich, worin das vermutlich entscheidende Problem der Parallelisierung der beiden Krisen besteht: So legt dieser Hinweis – ohne dass dies explizit gesagt würde – einerseits nahe, dass „Corona gut für das Klima sei“, indem das Virus wie eine erfolgreiche Klimapolitik zum Rückgang von Emissionen führe. Andererseits erhalten klimapolitisch sinnvolle Maßnahmen damit im Umkehrschluss den gleichen Status wie die Pandemie. Wie schleichend derartige Analogiebehauptungen unsere Wahrnehmung strukturieren, soll der folgende Auszug aus einem Beitrag der FAZ (17.3.202, 17) unter dem Titel „Zumindest gut fürs Klima?“ verdeutlicht. Dort heißt es zunächst:

„Wenn das gesellschaftliche Leben zum Erliegen kommt, dann werden weniger Treibhausgase emittiert. Pendler lassen das Auto stehen und arbeiten von zuhause, geplante Flüge finden nicht statt. Sogar Regionalzüge werden häufig weniger fahren, und damit indirekt auch Energie sparen. Alles wegen der Corona-Epidemie.“ (FAZ, 17. März 2020, 8).

Die Problematik des hier entwickelten Zusammenhangs bezogen auf Fragen der Nachhaltigkeit wird deutlich, wenn „Regionalzüge“ mit Treibhausgasen in Verbindung gebracht werden. So führt die Behandlung der Pandemie als klimapolitische Maßnahme u. a. dazu, dass an sich notwendige und sinnvolle Verhaltensweisen – wie die Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs – durch die Verknüpfung der beiden Themen den Status einer negativen Folge bekommen („Alles wegen der Corona-Epidemie“). Dass hierbei aber nicht nur die Gefahr besteht, dass auf diesem Weg in „unseren Köpfen“ fragwürdige Bewertungen aufgerufen werden, macht der direkt an den vorherigen Auszug anschließende Satz deutlich, mit dem sich der Autor des Beitrags, Timo Steppat, auf Luisa Neubauer bezieht:

„Luisa Neubauer, Kopf der Fridays for Future-Bewegung, schöpft deswegen Hoffnung. Der weltweite Ausbruch beweise, ‚dass es anders gehen kann‘, sagte Neubauer. ‚Würden wir die Klimakrise halb so ernst nehmen wie die Corona-Krise, wäre uns geholfen.“ (FAZ, 17. März 2020, 8).

Trotz der Absurdität dieser Art der Rekontextualisierung des Neubauer-Zitats durch den Konnektor „deswegen“ und der damit verbundenen Frage, ob es sich bei derartigen Beiträgen noch um Formen eines seriösen Journalismus handelt, lässt sich festhalten, dass Formulierungen wie die von Neubauer in der Klimabewegung keine Ausnahme darstellen. Die hieran anschließende Frage im Hinblick auf sinnvolle Nachhaltigkeitsstrategien ist, inwieweit Klimaaktivist*innen mit solchen und ähnlichen Äußerungen nicht unfreiwillig zusätzlich dazu beitragen, den Kurzschluss zwischen Corona und Klimapolitik diskursiv zu bedienen. So bleibt nicht nur im angesprochenen Beitrag am Ende die Feststellung, dass Corona die Nachhaltigkeitsthematik verdrängt habe und somit die fragende Überschrift (hängen): „Zumindest gut fürs Klima?“.

Das Entscheidende an dieser Art der diskursiven Aufwertung eines sich zufällig parallel ereignenden Zusammenhangs ist aber nicht nur, dass die für viele Menschen leidvollen oder tödlichen Folgen von Corona unangemessen uminterpretiert werden und im Umkehrschluss das Sinken von CO2-Werten negativ mit Corona assoziiert wird. Gleichzeitig wird damit der Eindruck erweckt, es könne Wege geben, wie sich der Klimawandel quasi von selbst lösen würde. Diese Gefahren werden auch nicht dadurch vermieden, dass die Umweltministerin, Svenja Schulz, im Zusammenhang mit den gesunkenen CO2-Werten darauf hinweist, dass „wirtschaftliche Einbrüche niemals eine vernünftige Klimaschutzstrategie“ ersetzen könnten (SZ, 11.-13.4.2020) und an anderer Stelle zusätzlich darauf verweist, dass der Klimawandel wie Corona „ebenfalls bedrohlich“ sei und „nicht einfach weg(gehe)“ (FAZ, 17.3. 2020, 8). Denn wer will schon Wirtschaftsreformen, die darauf aufbauen, dass alles stillstehen muss, damit das Klima besser wird?

Die beschriebenen Gefahren einer Gleichschaltung von Corona-Krise und Klimakrise werden zusätzlich dadurch verstärkt, dass die Gefahr eines politischen Rechtsrucks für die Zeit nach der Krise kaum geleugnet werden kann. Darauf deuten eine Vielzahl nationaler Entwicklungen hin, wie die Diskussion um die Corona-App oder den Versuch des NRW-Ministerpräsidenten Laschet, eine weitere Verschärfung der gegenwärtigen Notstandssituation ohne parlamentarische Diskussion durchzusetzen. So weist auch das völlige Ausbleiben von Widerstand gegen die Verordnung der gegenwärtigen Notstandssituation in die gleiche Richtung. Dass solche Ereignisse und damit verknüpfbare Prognosen es nicht als sehr wahrscheinlich erscheinen lassen, dass dringend notwendige Maßnahmen gegen einen weiteren Klimawandel in Zukunft ohne die Aufrechterhaltung des öffentlichen Drucks ganz oben auf der Prioritätenliste stehen werden, deuten auch internationale Entwicklungen an. So unterstreicht nicht nur die gegenwärtige US-amerikanische Politik, dass es keinerlei Anlass gibt, davon auszugehen, dass den Fragen einer nachhaltigen Klimapolitik nach Corona eine erhöhte Aufmerksamkeit zukommen wird.

Vor dem Hintergrund dieser Prognosen spricht alles dafür, dass eine deutlich erhöhte Zurückhaltung im Umgang mit der diskursiven Verstärkung der Relation zwischen Corona und Klima geboten ist, soll sich nicht die Tendenz verstärken, in der Corona-Krise für den Klimaschutz eine „historische Chance“ zu sehen (FAZ, 7.4.2020, 15) und damit eine euphemistisch gefährliche Umdeutung einer schrecklichen Situation vorzunehmen.

Obgleich somit die Frage nach den Gemeinsamkeiten oder dem Nutzen der Corona-Krise für Fragen eines effektiveren Klimaschutzes falsch gestellt ist, ist es dennoch aus der Perspektive einer nachhaltigen Politik dringend notwendig, eine Strategie zu entwickeln, die es erlaubt, unter den Bedingungen von Corona weiterhin eine effektive Klimapolitik zu betreiben. Es geht also darum, die Frage, was die Krisen gemeinsam haben, zu ersetzen durch die Frage, wie eine nachhaltige Klimapolitik trotz der Corona-Krise durchgesetzt werden kann.

Ein solcher Perspektivwechsel scheint den Überlegungen des Europa-Abgeordneten Michael Boss zugrunde zu liegen, wenn er im Zusammenhang mit den in der EU diskutierten Fragen des wirtschaftlichen Aufbaus fordert, dass der sogenannte ‚Green Deal‘ „beim Aufbau der Wirtschaft nach der Krise eine entscheidende Rolle spielen“ soll. Als Begründung heißt es:

„der ‚Green Deal‘ sei geradezu ideal für den Wiederaufbau der Wirtschaft geeignet. Schließlich beziehe er sich auf den ‚New Deal‘, mit dem die Amerikaner nach der Weltwirtschaftskrise 1929 das Land aus der Depression geholt hätten. ‚Das größte Problem war bisher, dass wir nicht das nötige Geld für den Klimawandel hatten‘ sagt er. ‚Das hat sich mit den Hilfspaketen geändert.‘ Das seien gigantische Summen, die die EU nun sowohl für die Wirtschaft als auch für den Klimawandel nutzen könnte, so Bloss. Es dürfe nur nicht wieder passieren, dass das Geld wie nach der Finanzkrise zum Großteil in klimaschädliche Sektoren fließe.“ (FAZ, 7. April 2020, 15).

Auch wenn es sicherlich fragwürdig ist, ob die Lösung des Problems des Klimawandels tatsächlich „nur“ oder auch nur vorrangig am fehlenden Geld der EU festzumachen ist, so unterstreicht das Zitat von Bloss dennoch, dass eher Analogien wie die zwischen dem ‚Green Deal‘ und dem ‚New Deal‘ und die zwischen der ‚Corona-Krise‘ und der ‚Finanzkrise‘ für politische Fragen der Nachhaltigkeit relevant sind. Hierbei geht es aber nicht um die Frage, was die beiden Krisen teilen, sondern darum, wie es unter den Bedingungen der Pandemie trotzdem möglich ist, eine nachhaltige Klimapolitik zu betreiben.

Insoweit soll diese Überlegungen abschließend herausgestellt werden, dass die Diskussion um den Wiederaufbau der europäischen Wirtschaft aus diskursanalytischer Sicht der Ort zu sein scheint, an dem die aktuelle Klimabewegung strategisch und diskursiv ansetzen muss. Hierbei geht es einerseits darum, die behandelte Analogie zwischen Corona und Nachhaltigkeit – wenn überhaupt – so zumindest deutlich zurückhaltender zu nutzen, sich jedoch andererseits viel deutlicher in die laufenden Diskussionen um den Zusammenhang zwischen Ökonomie und Ökologie im Sinne einer Verbesserung nachhaltiger Strategien einzumischen und damit aufzuzeigen, dass es auch unter den aktuellen Bedingungen möglich ist, nachhaltige Positionen zu diskutieren und durchzusetzen.

Dies ist nicht die Stelle für längere Ausführungen zum Programm des von Ursula von der Leyen auf EU-Ebene anmoderierten ‚Green Deals‘. Ebenso wenig ist dies die Stelle, sich mit der begrenzten Tragfähigkeit der Analogiebildung zwischen dem Konzept von der Leyens und dem ‚New Deal‘ Roosevelts zu beschäftigen. Hier muss der Hinweis reichen, dass die durch die Benennung behauptete Analogie zumindest in Teilen suggeriert, dass die Reformen des ‚Green Deals‘ bereits erfolgreich sind, nur weil behauptet worden ist, dass es sie geben wird (vgl. dazu die u.a. berechtigten Hinweise, dass das Programm von von der Leyen bisher kaum einer seriösen Überprüfung seiner finanziellen Grundlagen standhält). Vielmehr geht es darum, deutlich im Blick zu behalten, dass die seit Dezember letzten Jahres in den Berichten um den ‚Green Deal‘ medial massiv protegierte Annahme, dass die Verbindung aus Ökologie und Ökonomie am Ende eine Win-Win-Situation für beide Bereiche bereithalten würde, bisher nicht mehr als eine hoffnungsvolle Ankündigung ist. Doch auch wenn hier unbedingte Aufmerksamkeit und Vorsicht geboten ist, so bilden die angekündigten (und versprochenen) Umstrukturierungsprozesse im Moment dennoch die einzige realistische Perspektive für reale Veränderungen im Bereich des Klimaschutzes.

Diese Annahme wird nicht nur von Bloss, sondern an anderer Stelle auch von Christoph Bals, Klimaexperte von Germanwatch, unterstrichen, der betont, dass die meisten alternativen Technologien, anders als 2008, mittlerweile marktfähig sind. „Fließe das Geld dahin, könnte das den Weg in eine klimafreundliche Zukunft sein.“ (SZ, 11-13. April 2020, 2). Ähnliche Überlegungen werden während der letzten Monate durch eine Vielzahl von Medienberichten gerade in der hegemonialen Presse unterstützt. Relevant ist hierbei die Beobachtung, dass sich seit Dezember gerade im Wirtschafts- und Finanzteil kleiner und großer deutscher Zeitungen, u. a. auch der tendenziell wirtschaftsnahen FAZ, Hinweise finden, wonach erhebliche Teile der Wirtschaft die klimapolitische Strukturwende eher als Chance denn als Gefahr sehen.

Diskursiv manifestiert sich diese Bewertung nicht nur in dem fast täglich beschworenen ‚Green Deal‘, mit dem es darum gehe, „Wirtschaft und Erde (zu) versöhnen“ (WAZ, 12.Dezember 2019) und die „Balance aus Ökonomie und Ökologie“ herzustellen, sondern auch in einer zunehmenden Etablierung weiterer sprachlicher Symbole: So wird das Ende von „dreckigen Investments“ im Gegensatz zu „grüner Energie“, „grünen Finanzanlagen“ (FAZ, 7. Dezember 2020, 29), „sauberer Wirtschaft“ (SZ, 14./15. Dezember 2019, 7), „grünen Firmen“ (SZ, 14./15 Dezember 2019, 25) und einem „‚grünen‘ Stabilitätspakt“ unterstrichen, die „eine ganze Welle grüner Investitionen auslösen“ (FAZ, 23. Januar 2020, 17). Es werden  „Klimapakete geschnürt“, da „die Zeit drängt“ (WAZ, 10.Dezember 2019), Verfahren einer funktionierenden „Kreislaufwirtschaft“ sollen bis 2025 in Europa etabliert werden (SZ, 10.März 2020, 14) und all diese Formen der Nachhaltigkeit sollen mit „Gütesiegeln“ zertifiziert werden (FAZ, 28. Dezember 2029, 30). Dabei gehe es mit diesem „klugen Gesamtkonzept“, so von der Leyen auf der Klimakonferenz in Madrid, darum, dass Klima- und Umweltschutz da ankomme, „wo er hingehört: ins Herz der Europapolitik“ (FAZ, 12. Dezember2019, 1).

Mit diesen Hinweisen soll nicht behauptet werden, dass mit den Ankündigungen und Behauptungen, dass Nachhaltigkeitskonzepte „in der Mitte“ der deutschen Gesellschaft und im Herzen Europas angekommen sein, bereits der Nachweis ihrer Umsetzung oder gar Wirksamkeit geführt wird. Sicher weisen diese sprachlich-symbolischen Veränderungen des politischen Diskurses jedoch darauf hin, dass es sich lohnt, sich in die aktuellen Aushandlungsprozesse aktiv einzumischen. Und das gilt gerade deshalb, weil die beschriebenen diskursiven Äußerungen zurzeit weiterhin umkämpft sind.

Dass sich dabei auch entgegengesetzte Hinweise finden, die „Manager im Greta-Strudel“ sehen, weil „die Klimabewegung die Wirtschaftskapitäne kalt erwischt“ hat (FAZ, 18. Januar 2020, 1), verweist zum einen auf die reale Gefahr des Scheiterns einer notwendigen Energie- und Wirtschaftswende, zum anderen jedoch auch darauf, dass die zur Diskussion stehenden Fragen noch nicht entschieden sind. Der diskursiv aktuell beunruhigendste Beleg für die reale Gefahr des Scheiterns von Nachhaltigkeitskonzepten war vermutlich die Erklärung des Vorsitzenden des Wirtschaftsrats der CDU, Wolfgang Steiger, vom 11. April 2929 gegenüber der SZ, der eine Inventur der Umweltgesetzgebung fordert, die „alle Sonderbelastungen der deutschen Wirtschaft auf den Prüfstand stellt, die einer Erholung und einer Anknüpfung an unsere bisherige Stärke im Wege stehen.“ Denn konkret bedeute dies für Steiger, dass die Bundesregierung sich für „eine zeitliche Streckung der klimapolitischen Zielvorgaben einsetzen“ solle, da sonst eine „De-Industrialisierung“ der Bundesrepublik drohe (11.-13. April 2020, 2).  Dass diese Forderung keineswegs ein Einzelfall ist, hat eine Woche vorher bereits Günther Oettinger (CDU) als ehemaliger EU-Kommissar unterstrichen, als er dafür votierte, die CO2-Werte für die Autoindustrie zu lockern (FAZ, 7.4.2020, 23), nachdem Vertreter*innen der Autoindustrie in einem Gespräch mit Merkel die EU „vor weiteren Belastungen durch den Klimawandel“ gewarnt hatten (FAZ, 3.4.2020, 21).

Die Gefahren, die durch die gegenwärtigen politischen Rahmenbedingungen sowie durch die unstrittig verbleibenden wirtschaftlichen Teilbereiche relevanter Wirtschaftssektoren fortdauern, machen damit gleichzeitig jedoch sehr deutlich, dass die Klimabewegung ihre Positionen nicht unnötig durch problematische Analogien zu (anderen) tödlichen Krisen selbst schwächen sollte, sondern unter Bezug auf die gegenwärtige Situation weiter daran arbeiten muss, zusammen mit Vorreitern aus dem Bereich der Wirtschaft die positiven Perspektiven einer nachhaltigen Energie- und Wirtschaftspolitik diskursiv und praktisch zu forcieren. Ein Tweet, wie der folgende Beitrag auf den Accounts „Naturstrom“ und „UnternehmensGrün“ könnte dabei als Beispiel für eine sinnvolle Strategie fungieren:

Zitiervorschlag

Meer, Dorothee (2020): Corona und Klimawandel: Irrwege (in) und Auswege (aus) der Verknüpfung von zwei Krisen – Einige strategische Überlegungen zur diskursiven Unterstützung nachhaltiger Konzepte. In: Diskursmonitor. Online-Plattform zur Aufklärung und Dokumentation von strategischer Kommunikation. Online unter: https://diskursmonitor.de/review/corona-dm-v1-0/​.