DiskursReview

“Silent Hotspots” – Über wissenschaftliche Studien und strategische Kommunikation in der Corona-Pandemie

Autor: Hagen Schölzel
Version: 1.0 / 18.12.2020

Vor wenigen Wochen rief Bundesministerin Anja Karliczek via FAZ-Interview Wissenschaftler*innen dazu auf: „Stürzt euch in den Meinungsstreit“, denn „[a]uch unsere Debatten leiden zunehmend unter Falschinformationen – die zum Teil ganz gezielt verbreitet werden“.[1] Dabei zeichnete sie ein recht monolithisches Bild von der „Wissenschaft“ einerseits, die sich zum Wohle der Menschen um neue Erkenntnisse bemühe, und andererseits von „Leute[n]“, die versuchten „die Wissenschaft zu diskreditieren, weil deren Erkenntnisse dem eigenen Weltbild widersprechen“.[2] Im Folgenden wird am Beispiel der Corona-Schulstudien aus Sachsen gezeigt, wie strategische Kommunikation nicht gegen sondern mit wissenschaftlichen Studien erfolgt und dass dabei nicht irgendwelche ‚Leute‘, sondern das sächsische Kultusministerium agiert – und dabei durchaus eine gewisse „Härte der öffentlichen Diskussion“[3] erkennbar wird.

Eine solche Auseinandersetzung ist sicherlich heikel, scheint sie doch eine ‚Goldene Regel‘ der Wissenschaftskommunikation zu missachten, nämlich dass sich ein*e Wissenschaftler*in nur zu Dingen äußern sollte, zu denen sie eigene Forschungsexpertise vorweisen kann. Denn auf den ersten Blick setzt sich hier ein Kommunikations- und Politikwissenschaftler mit virologischen Untersuchungen auseinander, zu denen er rein fachlich betrachtet nichts zu sagen hat. Drei Gründe sprechen dennoch dafür, dass eine solche Auseinandersetzung legitim, möglich und sogar geboten sein könnte – hier in diesem Beitrag und, wie ich argumentieren werde, vor allem in einer breiteren öffentlichen Debatte, die das sächsische Kultusministerium bisher in einem wichtigen Punkt vermieden hat.

Der erste Grund, weshalb eine solche Auseinandersetzung legitim ist, liegt darin, dass die inkriminierten Untersuchungen hier nicht in erster Linie als infektiologische Studien von Interesse sind, sondern als Beiträge zu der öffentlichen Kontroverse um die Rolle von Schulen in der laufenden Corona-Pandemie. Denn was wir über die sächsischen Schulstudien wissen, wissen wir aus Pressemitteilungen, Pressekonferenzen und den Verlautbarungen des sächsischen Kultusministeriums als Auftraggeber der Studie. Die Relevanz dieser Studien liegt womöglich weniger in ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen als in ihren Konsequenzen für die öffentliche Debatte und die politischen Entscheidungen zum Infektionsschutz in Schulen. Eine wissenschaftliche Beschäftigung mit den sächsischen Schulstudien scheint also dann legitim entsprechend der ‚Goldenen Regel‘, wenn die eigene wissenschaftliche Expertise darin besteht, Fragen des Verhältnisses von Wissenschaft und Politik sowie Fragen von politischer Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit miteinander zu verbinden.[4]

Zweitens ist eine solche Diskussion u.a. deshalb möglich, weil viele von uns in den zurückliegenden Monaten eine gewisse Laienexpertise in Virologie und Epidemiologie entwickelt haben, die es uns zum Beispiel erlaubt, die täglichen Meldungen des RKI oder regionaler Statistikbehörden zu lesen und zu verstehen. Dass wir eine solche Laienexpertise entwickelt haben, dürfte sogar die Grundvoraussetzung sein für das geforderte umsichtige und verantwortungsbewusste Handeln jeder und jedes Einzelnen, das die Politik in das Zentrum ihrer Strategie der Pandemiebewältigung gerückt hat. Dass bspw. für die Einschätzung und einen Vergleich des Infektionsgeschehens, z.B. in unseren Landkreisen oder in verschiedenen Alterskohorten, eine Umrechnung absoluter Infektionszahlen in eine Inzidenz pro 100.000 Personen und Woche erfolgt, gehört zum verbreiteten Laienwissen. Wir können und sollen uns demnach zutrauen, mit solchen Zahlen in unserem Alltag zu hantieren und sie einzuschätzen. Hier wird zusätzlich der Versuch unternommen, sie auch selbst zu berechnen oder nachzurechnen.[5]

Für das dritte Argument, warum eine fachfremde Diskussion der Schulstudien aus Sachsen nicht nur legitim und möglich, sondern auch geboten erscheint, lohnt es sich, noch einmal in den bekannten NDR-Podcast „Coronavirus-Update“ hinein zu hören. Am 24. November diskutiert Christian Drosten die einen Tag zuvor publizierten neuen Ergebnisse aus Sachsen. Gemäß der Pressemeldung der TU Dresden und des sächsischen Kultusministeriums hatte die zweite Testphase die Zwischenergebnisse der ersten Phase bestätigt, dass „nicht die Schulen als Quelle und Ausbreitungsort der Pandemie fungieren“.[6] Drosten dagegen argumentiert, dass eine Umrechnung der festgestellten Infektionszahlen aus der sächsischen Schulstudie mit einem einfachen mathematischen „Dreisatz“ zu ganz anderen Ergebnissen führen könne, dass nämlich womöglich ein 4-fach höheres Infektionsgeschehen in den Schulen beobachtet wurde, als in Sachsen insgesamt im selben Zeitraum.[7] Die Studie sei allerdings insgesamt zu wenig ergiebig, als dass man aus ihr irgendeine klare Schlussfolgerung ziehen könne: „Man kann daraus einfach nichts ableiten.“[8]

Nach diesem Fazit äußert Drosten dann folgendes: „Darum wäre es besser – vor allem ein oder zwei Tage vor einer mit Spannung kommentierten Ministerpräsidentenrunde – wenn man vielleicht gar nichts darüber schreibt. Vielleicht schreibt man auch gerade deswegen genau in diesem Zeitraum was darüber. Solche Effekte, an die muss man sich leider gewöhnen im Rahmen dieser Pandemie“.[9] Ich schreibe bewusst, es lohnt sich in den Podcast hinein zu hören, denn nur so kann der Tonfall, die Enttäuschung, die in dieser Aussage mitschwingt, erfasst werden. Auf der inhaltlichen Ebene formuliert Drostens zudem eine Hypothese, die klar nicht in den Bereich der Virologie fällt, aber für deren Diskussion die spezifische wissenschaftliche Expertise der Kommunikations- und Politikwissenschaft eine Rolle spielen kann. Die Frage lautet also: Erzeugen die Corona-Schulstudien aus Sachsen und ihre öffentlichkeitswirksame Präsentation womöglich vor allem Effekte in der Öffentlichkeit und in der Politik, anstatt dass sie zu einem virologischen Erkenntnisgewinn beitragen, und steckt womöglich ein strategisches Kalkül dahinter?[10]

Dass es solche Effekte in der Öffentlichkeit gibt, ließe sich nachvollziehen, wenn man die starke Resonanz der Präsentationen der Zwischenergebnisse im Juli und im November in der Öffentlichkeit medien- oder diskursanalytisch ermittelt. Auf dieser Ebene der Medienberichterstattung kritisiert auch Drosten im Podcast, dass die schmalen Befunde der Studie und ihre fragwürdigen Interpretationen eine erstaunlich breite und unverhältnismäßige Aufmerksamkeit in den Medien erzeugten.[11] Auch die politischen Effekte ließen sich nachvollziehen, indem man empirisch untersucht, wie politische Stellungnahmen für einen weitgehenden Normalbetrieb an Schulen immer wieder das Argument der (vermeintlich) weniger infizierten Kinder in die Diskussion einbrachten. Das sächsische Kultusministerium sah sich selbst als Vorreiter dieser Diskussion und die von ihm beauftragte Schulstudie als Beleg für die Richtigkeit der daraus abgeleiteten Politik. Minister Piwarz drückte es auf der Pressekonferenz am 13. Juli anlässlich der Präsentation der ersten Studienergebnisse so aus: „Wir haben das in Sachsen ja schon sehr zeitig kommuniziert, dass das [der Normalbetrieb in Schulen – H.S.] unser Ziel ist. Ich bin froh, dass auch die Kultusminister der anderen Länder dieses Ziel unterstützen und umsetzen wollen.“[12]

In der längeren Perspektive fallen außerdem vor allem zwei Dinge auf, die auf ein gezieltes Intervenieren in die öffentliche Kontroverse und auf strategische Kommunikation des Ministeriums hinweisen. Erstens sind das die Zeitpunkte und die Betonung bestimmter Aussagen in den öffentlichen Verlautbarungen, also wann was mitgeteilt wurde. Und zweitens ist auffällig, was nicht diskutiert bzw. weniger prominent kommuniziert wird.

Wenn wir uns die drei bisherigen Veröffentlichungen des sächsischen Kultusministeriums zu den durch Prof. Reinhard Berner von der TU Dresden geleiteten Untersuchungen anschauen, dann fällt hier eine anscheinend zeitlich orchestrierte Informationspolitik ins Auge. Die Veröffentlichung der ersten Zwischenergebnisse erfolgte Mitte Juli wenige Tage vor Beginn der Sommerferien in Sachsen und lieferte für das Kultusministerium den Anlass für die Verkündung und die Legitimation ihres Plans, sächsische Schulen nach den Ferien in einem fast vollständigen Regelbetrieb laufen zu lassen. In der dafür einberufenen Pressekonferenz prägte Berner das Bild der Kinder als „Infektionsbremsen“, das dann für überregionale Schlagzeilen sorgte.[13] Eine zweite Veröffentlichung zur Schulstudie ist ein Interview mit Prof. Berner, das am 9. Oktober auf dem Weblog des Ministeriums unter der Überschrift „Schulen sind und werden nicht die Brutstätten der Infektion sein“ publiziert wurde.[14] Auch dieser Zeitpunkt liegt wenige Tage vor einem Ferientermin und scheint insbesondere eine Reaktion auf erste Infektionsfälle an Schulen im Zuge der zu diesem Zeitpunkt gerade einsetzenden sog. ‚Zweiten Corona-Welle‘ zu sein. Bemerkenswert ist hier, wie die Erzählung komponiert wird, die sich vor allem darum dreht, dass Infektionen zu allererst von außen in die Schulen hineingetragen werden, aber dort selbst kein relevantes Ansteckungsrisiko bestehe, sofern der Eintrag vermieden werde. Bereits dieser Argumentationsgang dürfte zweifelhaft (oder trivial) sein. Doch vor diesem Hintergrund äußert Berner eine wiederum weitreichende Schlussfolgerung, dass nämlich „[d]ie Schulereignisse […] dann in der Öffentlichkeit sehr stark wahrgenommen [werden] und […] eine überhöhte Bedeutung [gewinnen], die nicht gerechtfertigt, sondern auf das Gesamtgeschehen zurückzuführen ist“.[15] Dagegen wird eher am Rande darauf hingewiesen, dass die eigene Studie ihre Daten zum Infektionsgeschehen in einer Phase sehr niedriger Infektionstätigkeit erhoben hat und ihre Interpretation deshalb „unter dem wirklich wichtigen Vorbehalt [steht], dass Sachsen eben glücklicherweise bislang insgesamt niedrige Infektionszahlen hatte“.[16] Es kann also in Zweifel gezogen werden, dass das Interview zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch irgendeine wissenschaftlich relevante Aussage zu dem damals aktuellen Infektionsgeschehen getroffen hat. Die dritte Veröffentlichung des sächsischen Kultusministeriums datiert vom 23. November, d.h. zwei Tage vor der erwarteten Krisenrunde aus Ministerpräsident*innen und Bundeskanzlerin, in der eine Verlängerung und teilweise Verschärfung des laufenden ‚Lockdown light‘ beschlossen wurde. Die Frage danach, inwiefern es unter Schüler*innen eine relevante Zahl unerkannte Infektionen gebe und wie mit dem Infektionsgeschehen an Schulen umzugehen sei, war im Vorfeld des Treffens ein zentraler Diskussionspunkt. Das SMK und die TU Dresden veröffentlichten in diese Diskussion hinein erneut Zwischenergebnisse aus der laufenden Untersuchung unter der Überschrift „Schulen sind keine ‚silent hotspots‘“[17] – weiterhin auf Grundlage der Datenerhebung in einem Zeitraum mit insgesamt niedrigen Infektionszahlen. Diese dritte Veröffentlichung veranlasste Drosten am folgenden Tag zu seiner Einschätzung, dass diese Ergebnisse mit Vorsicht zu genießen seien.

Bis hierhin könnte man argumentieren, dass diese Veröffentlichungen trotz ihrer auffälligen Zeitpunkte und ihrer teilweise sehr pointierten Aussagen im Kontext der öffentlichen Kontroverse noch als Beiträge zu einer wissenschaftlichen Diskussion um einen bisher unsicheren Wissensstand verstanden werden können, und das Ministerium als Auftraggeber legitimer Weise diese Untersuchungen zu einer Grundlage seiner politischen Entscheidungen in der laufenden Pandemie machte. Eine solche Interpretation wird bereits wackelig, wenn man den Stand des Wissens in Betracht zieht, der zu dem Thema trotz aller Unsicherheiten bereits erarbeitet wurde. Und sie wird mindestens fragwürdig, wenn man zusätzlich in Betracht zieht, was das Ministerium nicht diskutierte bzw. wesentlich weniger prominent kommunizierte. Im Kern geht es dabei um ganz andere Zahlen zum Infektionsgeschehen an sächsischen Schulen, die das Ministerium neben den Erkenntnissen der Forschungsgruppe um Prof. Berner sammelt und seit Anfang Oktober als „Corona-Update“ auf seiner Webseite dokumentiert. Als Datengrundlage dient „die Auswertung der besonderen Vorkommnisse an Schulen“[18], und informiert wird über die Anzahl infizierter Schüler*innen und Lehrer*innen sowie über die Anzahl an Quarantänefällen und an Schulschließungen.

Was an dieser Dokumentation auffällt, sind zunächst die Veränderungen, der sie im Zeitverlauf unterliegen. In der 47. Kalenderwoche, zwischen 16. und 22. November, wird die wöchentliche Information (zwischen 40. und 46. Kalenderwoche) in eine tägliche Information (seit dem 16. November) geändert, und in der Folge zeitweise auf eine wöchentliche Zusammenfassung der Infektionszahlen verzichtet. Am 1. Dezember werden die Meldungen vorläufig ganz eingestellt mit dem Hinweis, dass eine „technsiche Umstellung auf ein neues Daten-Erfassungssystsem“ erfolge, um „eine genauere Erfassung der Zahlen und damit eine verlässlichere Datengrundlage“ zu gewährleisten.[19] Bereits in der 47. Kalenderwoche stellt das Social Media-Team des Ministeriums die Verbreitung der Hinweise auf diese Zahlen via Twitter ein. Weiterhin ändert das Ministerium die Darstellung der Quarantänefälle, die sie zunächst kumulativ und nun nur noch als tägliche neue Fälle angibt. Zuvor hatte das SMK die Gesamtzahl der Quarantänefälle in ein Verhältnis zur Gesamtzahl der Schüler*innen gesetzt und stets auf den sehr hohen Anteil derjenigen hingewiesen, die einen „uneingeschränkten Zugang zu schulischer Bildung“ haben.[20] Die Aufbereitung und Einordnung der Zahlen ändert sich also stark mit der steigenden Zahl an Infektions- und Quarantänefällen an sächsischen Schulen, wodurch der Informationsgehalt der Zahlen vermindert, ihre Vergleichbarkeit im Zeitverlauf eingeschränkt und ihre Zugänglichkeit erschwert werden. Daneben ist der Fokus bemerkenswert, auf den das Ministerium seine und unsere Aufmerksamkeit lenkt. Im Zentrum stehen eindeutig die Infektions- und Quarantänezahlen der Schüler*innen sowie davon abgeleitet bis Ende der 47. Kalenderwoche der Anteil der Schüler*innen, der an einem weitgehend normalen Schulbetrieb teilnimmt. Viel weniger Aufmerksamkeit gilt den Infektionen unter Lehrer*innen, zu denen in den Veröffentlichungen die absoluten Infektionszahlen aufgeführt werden, ohne sie weiter zu ergänzen, in ein Verhältnis zur Gesamtzahl der Lehrkräfte zu setzen oder zu diskutieren.[21]

Was wird sichtbar, wenn man diese Infektionszahlen der Lehrer*innen genauer betrachtet? Diese Frage sollte selbstverständlich ein*e Fachwissenschaftler*in beantworten und nicht dieser Text. Doch wegen der oben aufgeführten Gründe können und sollen wir alle uns zutrauen, wenigsten versuchsweise einen eigenen Blick auf diese Zahlen zu richten und die dabei entstehende Frage zu formulieren. Mein Vorschlag lautet, für die dokumentierten Kalenderwochen die gemeldeten absoluten Infektionszahlen der Schüler*innen und Lehrer*innen in eine 7-Tage-Inzidenz pro 100.000 Personen umzurechnen, um besser einschätzen zu können, wie das Infektionsgeschehen in Schulen und in beiden erfassten Gruppen im Vergleich zu den Infektionen der Gesamtbevölkerung in Sachsen aussieht (siehe Abbildung).

Im Vergleich mehrerer Wochen zeigen solche Umrechnungen eine bei Lehrer*innen weit höhere Inzidenz, als sie bei Schüler*innen oder in der Gesamtbevölkerung festgestellt wurde. Diese Tendenz zeichnet sich seit Beginn der Meldungen Anfang Oktober ab, und sie wird spätestens vor den Herbstferien sehr deutlich, als eine Inzidenz von 94 pro 100.000 Personen beim Lehrpersonal einer Inzidenz von 32 pro 100.000 Personen in ganz Sachsen gegenüber stand. Auch die Meldung vom 23. November für die 47. Kalenderwoche zeigt beim Lehrpersonal eine mehr als dreifach erhöhte Inzidenz im Vergleich zur Gesamtbevölkerung (566 Infektionen auf 100.000 Personen gegenüber 177 Infektionen pro 100.000). Bis zur Verkündung des neuen Lockdowns inkl. Schulschließungen in der ersten Dezemberwoche steigen die Zahlen weiter auf über 1.000 Infektionen pro 100.000 bei Lehrer*innen, während für ganz Sachsen 301 pro 100.000 Personen registriert wurden.

Am 23. November verbreitete das sächsische Kultusministerium allerdings nicht diese Zahlen zum Infektionsgeschehen an Schulen, sondern die Erzählung, dass Schulen keine ‚silent hotspots‘ seien. Diese Erzählung wird zwar auf den ersten Blick durch die festgestellten Infektionszahlen der Schüler*innen untermauert, doch auf der anderen Seite lassen die Infektionszahlen bei Lehrer*innen eine ganz andere Einschätzung der Lage zu. Im Anschluss an die ausführliche Darstellung der Zwischenergebnisse der sächsischen Schulstudie in einem Artikel der FAZ wird Sachsens Kultusminister Christian Piwarz mit einer deutlichen Kritik an Karl Lauterbach zitiert, der in der laufenden Diskussion die Hypothese vertrat, unerkannt infizierte Kinder können womöglich ihre Lehrer*innen und auch Eltern anstecken. Minister Piwarz bezeichnete diese Vorstellung allerdings als „haltlos“.[22] Doch stellt sich die Frage, wie er die Häufung an Infektionen bei seinem Lehrpersonal stattdessen erklärt? Eine Erläuterung bleibt der Minister vorläufig schuldig. Nötig wäre an dieser Stelle wohl eine öffentliche Kontroverse um alle vorhandenen Daten und ihre Interpretation – und weniger strategische Kommunikation.

 

 

Fußnoten

[1] Müller-Jung, Joachim, 2020: Anja Karliczek im Interview: „Stürzt euch in den Meinungsstreit“, in: faz.net vom 05.11.2020: https://www.faz.net/aktuell/wissen/forschung-politik/die-wissenschaftskommunikation-sollte-sich-nicht-laenger-nur-aufs-informieren-empfehlen-und-vermarkten-beschraenken-17033212.html?GEPC=s3 (Zugriff: 27.11.2020).

[2] Ebd.

[3] Ebd.

[4] Z.B. Koppo, N./Schölzel, H., 2009: „Kooperative Politikberatung ohne machtpolitisches Kalkül?“, in: Politische Vierteljahresschrift, 50 (1), S. 86-104; Schölzel, H./Nothhaft, H., 2016: „The establishment of facts in public discourse“, in: Public Relations Inquiry, 5 (1), S. 53-69.

[5] Dieses Zutrauen in den eigenen Umgang mit Zahlen war schon in meinem Beitrag zur ersten Corona-Schulstudie aus Sachsen relevant. Vgl. Schölzel, H., 2020: „PR, Punk oder Provinz: Wie Corona-Forschung die Öffentlichkeit (nicht) erregt“, in: diskursmonitor.de vom 23.07.2020: https://diskursmonitor.de/review/corona-hs-2/ (Zugriff: 27.11.2020).

[6] TU Dresden 2020: Schulen sind keine ‚silent hotspots‘, in: https://tu-dresden.de/med/mf/die-fakultaet/newsuebersicht/schulen-sind-keine-silent-hotspots (Zugriff: 01.12.2020); SMK 2020: Studie: Schulen sind keine ‚silent hotspots‘, in: https://www.bildung.sachsen.de/blog/index.php/2020/11/23/studie-schulen-sind-keine-silent-hotspots/ (Zugriff: 01.12.2020).

[7] Hennig, K/Drosten, Ch. 2020: Coronavirus-Update. Folge 66, in: https://www.ndr.de/nachrichten/info/coronaskript246.pdf (Zugriff: 27.11.2020).

[8] Hennig, K/Drosten, Ch. 2020: Coronavirus-Update. Folge 66, in: https://www.ndr.de/nachrichten/info/coronaskript246.pdf (Zugriff: 27.11.2020).

[9] Hennig/Drosten 2020.

[10] Im Podcast vom 8. Dezember wird diese Hypothese noch einmal zugespitzt: „Es sind auch die Schulen und die Schulen sind eben keine Bremser des Infektionsgeschehens. Man muss sich von diesen Legenden verabschieden, die da als Fehlinformationen gestreut und weiterentwickelt wurden“, vgl.: Hennig, K./Drosten, Ch., 2020a: Coronavirus-Update. Folge 68, in: https://www.ndr.de/nachrichten/info/coronaskript252.pdf (Zugriff: 15.12.2020).

[11] Hennig/Drosten 2020.

[12] SMK 2020a: Pressekonferenz des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus – Ergebnisse der Corona-Schulstudie, in: https://www.youtube.com/watch?v=c0CsjbobMA4 (Zugriff: 01.12.2020).

[13] SMK 2020a; vgl. Schölzel 2020.

[14] SMK 2020b: „Schulen sind und werden nicht die Brutstätten der Infektion sein“, in: https://www.bildung.sachsen.de/blog/index.php/2020/10/09/schulen-sind-und-werden-nicht-die-brutstaetten-der-infektionen-sein/ (Zugriff: 01.12.2020).

[15] Ebd.

[16] Ebd.

[17] TU Dresden 2020 und SMK 2020.

[18] SMK 2020d: Eltern, Schüler, Lehrkräfte, Erzieher, in: https://www.coronavirus.sachsen.de/eltern-lehrkraefte-erzieher-schueler-4144.html (Zugriff: 01.12.2020).

[19] Ebd.

[20] Ebd. Bemerkenswert ist dabei, dass die letzte derartige Meldung aus der 47. Kalenderwoche den Anteil der in Quarantäne befindlichen Schüler*innen mit 1,3 Prozent angibt. Eine eigene Neuberechnung ergibt dagegen einen Anteil von 3,3 Prozent.

[21] Die weitgehende Beseitigung dieser Einschränkungen und auch die dann mit Schüler*innen vergleichbare Darstellung der Zahlen für das Lehrpersonal in der 50. Kalenderwoche korrespondiert zeitlich mit dem Beschluss der Landesregierung, einen zweiten landesweiten Lockdown inkl. Schulschließungen ab dem 14. Dezember zu verhängen. Die Zahlen verlieren dadurch ihre tagesaktuelle politische Brisanz.

[22] Schmoll, Heike, 2020: „Ansteckungen abseits des Pausenhofs“, in: faz.net vom 23.11.2020: https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/corona-in-schulen-ansteckungen-abseits-des-schulhofs-17067027.html (Zugriff: 23.11.2020).

 

Zitiervorschlag

Schölzel, Hagen (2020):„Silent Hotspots“ – Über wissenschaftliche Studien und strategische Kommunikation in der Corona-Pandemie. In: Diskursmonitor. Online-Plattform zur Aufklärung und Dokumentation von strategischer Kommunikation. Online unter: https://diskursmonitor.de/review/corona-hs3/.