DiskursReview: Aktuelle Beiträge zur Sprach- und Medienkritik

Negativ konnotierte Fremdzuschreibung durch diskriminierende Begriffe – Ein sprachkritischer Beitrag zur Bezeichnung „Kanake“ und dem Zukunftswort „Talahon“

Von Finnja Strunk

„Gerade diese scheinbar ›milden‹ Formen des Rassismus, die über die Sprache transportiert werden, sind schwer zu bekämpfen, da vielen Menschen nicht klar zu sein scheint, welche Macht Sprache besitzt.“ (Kunz, 2021, S. 58)

Der Begriff „Kanake“ (teilweise auch „Kanacke“) bedeutet in seiner ursprünglichen Bedeutung „Mensch“ und bezeichnete Bewohner*innen der Inselgruppe Neukaledoniens im südlichen Pazifik (vgl. Trost, 2002). Dem Gebrauch lag dabei die Charakterisierung einer spezifischen Gesellschaft zugrunde. Im Späteren veränderte sich die Bedeutung des Wortes und beschrieb im 19. Jahrhundert Kamerad*innen der Seefahrt, welche als verlässlich galten. Dabei blieb der Begriff weiterhin nicht abwertend, sondern positiv konnotiert (vgl. ebd.). Seit dem 20. Jahrhundert wird die Bezeichnung „Kanake“ nun jedoch als abwertendes Schimpfwort gegenüber Menschen aus dem arabischen und südosteuropäischen Raum verwendet – besonders bei türkischstämmigen Männern (vgl. ebd.). Weiterhin bleibt also bestehen, dass die Beschreibung bestimmter Personengruppen im Vordergrund steht, während sich die Konnotation vom Positiven zum Negativen wandelte. Sichtbar wird dies u.a. mit Blick in verschiedene Wörterbücher, beispielsweise dem Duden. Hier wird vermerkt, dass die Bedeutung des Wortes „Kanake“ einen verachtenswerten/hassenswerten Menschen beschreibt, der gleichzeitig einer anderen Ethnie angehört und der Gebrauch des Begriffs diskriminierend ist. Neben dem Duden listet auch das Projekt DE-BIAS „Kanake“ als abwertendes Wort auf, das vermehrt gegenüber türkischen Männern verwendet wird. Umso deutlicher zeigt sich, dass „Kanake“ nicht mehr nur als Bezeichnung für Personen einer bestimmten Herkunft genutzt wird, um diese schlichtweg zu benennen, sondern, dass es vielmehr um die Abwertung von Menschen bestimmter Nationalität und Herkunft geht (vgl. „Kanake“ auf Duden online; DE-BIAS Project consortium, 2025, S. 65)1.

Darüber hinaus ist „Kanake“ auch im Zusammenhang mit dem Buch „Kanak Sprak“ von Feridun Zaimoğlu zu verorten, der darin über das „Gastarbeiterdeutsch“ türkischstämmiger Migrant*innen in Deutschland berichtet (welches u.a. auch als „Türkenslang“ oder „Kanakisch“ verbreitet ist) (vgl. Henschke, 2008, S. 33). Dabei ist die „Kanak Sprak“ aber vielmehr eine als Ethnolekt2 zu verortende Sprache. Durch die häufige Nutzung des Slangs von türkischen Migrant*innen zweiter und dritter Generation und einer vermehrten medialen Nutzung des Vokabulars, könnte sich der ursprüngliche Ethnolekt möglicherweise in Zukunft sogar in einen Soziolekt3 verwandeln4.

Zaimoğlu thematisierte bereits 1995 in jenem Buch die Rolle türkischstämmiger Männer in Deutschland und die Suche nach Identität und eigener Sprachentwicklung. Dabei war die Bezeichnung stets mit einem stereotypischen Bild eines Mannes verbunden, der durch niedrige Bildung und eine niedrige Stellung in der Gesellschaft beschrieben wurde (vgl. Henschke, 2008, S. 38). Der Versuch Zaimoğlus, die diskriminierende Fremdbezeichnung in eine Selbstbezeichnung derer zu rücken, die durch den Begriff angesprochen werden, stand dabei im Vordergrund (vgl. Review Corner, 2007). Ein Auszug der Süddeutschen Zeitung zeigt jedoch schon sechs Jahre später, dass der Begriff „Kanake“ weiterhin durch Privatpersonen im Sinne herabwürdigender Beleidigungen genutzt wurde und der Diskurs durch Zaimoğlu vermeintlich unerfolgreich war.

Skinheads haben am Samstag in München versucht, einen Griechen zu töten. Sie schlugen auf den Mann ein, bis er am Boden lag, dann traten sie ihm mit ihren Stiefeln ins Gesicht, sprangen ihm auf den Kopf und brüllten „Der Kanake soll nicht überleben.“ (U01/JAN.02475 Süddeutsche Zeitung, 15.01.2001, S. 47; Neonazis schlagen im Schlachthofviertel zu – Politiker reagieren empört auf die Gewalttat)

Darüber hinaus zeigen Studien des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors an, dass diskriminierende Begrifflichkeiten weiterhin im Alltag genutzt werden und sich im Jahr 2024 mehr als die Hälfte der befragten Männer und Frauen muslimischer Herkunft in subtiler Hinsicht diskriminiert gefühlt haben; Die Hälfte aller muslimischen Frauen erlebten dies auch offenkundig (vgl. Fuchs et al., 2025, S. 27). Dabei ist wichtig zu betonen, dass Diskriminierung und rassistische Äußerungen bei Einzelpersonen oft unbeobachtet bzw. undokumentiert bleiben. Dies mindert jedoch nicht die Stärke der Angriffe und Auswirkungen bei betroffenen Personen.

Das Ungleichgewicht von Macht und bestehendem Privileg konkreter Gruppen wird durch die herabwürdigende Nutzung von Begriffen wie „Kanake“ nur allzu deutlich und prägt darüber hinaus auch unsere Vorstellung von Menschen und unsere Handlungen. Denn „was wir sagen, bestimmt mit, wie wir über etwas oder jemanden denken“ (Kunz, 2021, S. 55). Ebenso unterliegt dies der Ansicht Sternbergers, Stolz‘ und Süßkinds: „jedes Wort, das [man] redet, wandelt die Welt, worin [man] sich bewegt, wandelt [sich] selbst und [den] Ort in dieser Welt“ (vgl. Sternberger, Stolz & Süßkind, [1957] 1962, S. 9). Wörter dürfen sich dem eigenen Vokabular entfremden und sollten nicht im Sprachgebrauch verbleiben, nur, weil sie einst eingeführt wurden. Besonders dann nicht, wenn Menschen darunter leiden müssen. Denn der Prozess der Entfremdung, ob aus dem eigenen oder allgemeinen Sprechen, verändert gleichwohl unser Menschsein wie unser Unmenschsein5. Dementsprechend sollte der Fokus auf Selbstbezeichnung statt Fremdbezeichnung liegen. Die Bedeutung des Wortes „Kanake“ bleibt zwar bei Ersterem nicht weniger negativ behaftet, allerdings sollte die Entscheidungskraft, ob und wie das Wort genutzt wird, vor allem bei Menschen liegen, die selbst betroffen sind und (verbale) Diskriminierung erlebt haben oder täglich erleben (entsprechend der ursprünglichen Idee Zaimoğlus). Selbstbezeichnung könnte so zum Beispiel in der Musik stattfinden. Das Lied „Kanack“ von Coup, Haftbefehl und Xatar aus dem Jahr 2016 mag sich augenscheinlich zwar der Idee unterordnen, dass der Begriff zur Herabwürdigung bestimmter Menschengruppen genutzt wird und sich stereotypischem Gedankengut, welches in erster Linie negativ ist, anschließt. Allerdings erhält die Nutzung des Begriffs eine andere Wertung, die dann durch Selbstzuschreibung der Protagonist*innen entsteht. „Fest steht, dass der Begriff „Kanake“ von den Gangsta-Rappern immer wieder als semantischer Ort aufgesucht wird, um das Verständnis von Selbst- und Fremdwahrnehmung künstlerisch zu verhandeln“ (Güngör & Loh, 2023, S. 79).

Die Frage nach einer Reappropriation6 des Begriffs „Kanake“ oder, ob sich das Wort als Geusenwort entwickelt, bleibt in diesem Beitrag zunächst unbeantwortet. Dennoch wird deutlich, dass sich bereits ein neuer negativ konnotierter Ausdruck, vor allem in Selbstbezeichnung, entwickelt: Der Begriff „Talahon“. Was zunächst als harmlos erscheint, da es sich hier um eine vermeintliche Selbstbezeichnung handelt, kann sich durchaus in eine diskriminierende/rassistische Fremdbezeichnung verwandeln – wenn es das nicht bereits tut. Obwohl man zu glauben scheint, dass der Begriff „Kanake“ schon lange nicht mehr in unserem Sprachgebrauch auftaucht, weil ihn der DWDS (Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache) beispielsweise als selten in seinem Gebrauch einstuft, bleibt die Fragen bestehen, wieso es das Pendant „Talahon“ auf den zweiten Platz des Jugendworts 2024 geschafft hat. Wurde aus bisherigen Diskursen über diskriminierende Sprache nichts verstanden? Denn auch wenn es leicht anzufangen scheint, bleibt die Parallele zu „Kanake“ bestehen. Besonders der Wandel des positiven Begriffs kann sich, wie es bereits im Diskurs und der Historie von „Kanake“ sichtbar wurde, schnell in etwas negatives ändern (vgl. Kabasch, 2024).

Bei dem TikTok-Trend Talahon ist auffällig, dass besonders viele migrantische Jugendliche sich gemäß dem Talahon-Stil präsentieren. Es ist oft nicht ganz klar, ob der Talahon-Stil von ihnen tatsächlich gelebt wird oder ob sie ihn imitieren. Im Internet findet man unzählige migrantische Jugendliche, die mit dem ressentimentgeladen Bild des Talahons kokettieren. Es ist durchaus vorstellbar, dass „Talahon“ sich zu einem geflügelten Wort, ähnlich wie die Begriffe „Tunte“, „Kanake“ oder auch das N-Wort, in einer bestimmten Szene entwickelt, die sich ihre eigene abwertende Bezeichnung aneignet und in ein positives Gegenteil verkehrt. (B24/JUL.00830 Berliner Zeitung, 15.07.2024, S. 24; Gucci-Caps und Kenzo-Tiger)

Die Entwicklung von „Talahon“ bleibt vorerst offen und unbeantwortet. Mit der Zeit wird sich zeigen, wie sich der Sprachgebrauch des Wortes verändert, ob es einen Wandel der Konnotation gibt und, ob es irgendwann den gleichen diskriminierenden Wert wie „Kanake“ trägt oder bei einer positiven Selbstbezeichnung bleibt. Bislang wird nämlich noch argumentiert, dass „sich die bezeichneten Jugendlichen selbst (scherzhaft) so nennen und das Wort dadurch keine diskriminierende Bedeutung habe“ (Kabasch, 2024). Dennoch: Muss Charakterbeschreibung diskriminierend sein? Wieso geht es nicht ohne Menschen herabzuwürdigen und das eigene Privileg passiv zu verbalisieren?

 

1 Mit Verweis auf den Beitrag des Duden zum Schlagwort „Kanake“ unter Betrachtung der Definition und des Gebrauchs.
2 Mit Ethnolekt wird ein sprachlicher Stil beschrieben, der von einer bestimmten (aber nicht-deutschen) Ethnie charaktertypisch genutzt wird (vgl. Henschke, 2008, S. 34).
3 Ein Soziolekt ist eine sprachliche Varietät, die von einer Gruppe charaktertypisch verwendet wird (vgl. Henschke, 2008, S. 34).
4 Der Wandel des Ethnolekts in einen Soziolekt wäre dabei auf die Nutzung der „Kanak Sprak“ durch Deutsche zu begründen, wodurch sich dieser von der ursprünglichen Ethnie abgrenzen würden (vgl. Henschke, 2008, S. 34-37).
5 Angelehnt an das Vorwort (1945) von Stolz und Süßkind in Aus dem Wörterbuch des Unmenschen und der von den Autoren aufgeführten Sprachkritik an diskreditierenden und diskriminierenden Begrifflichkeiten.
6 Reappropriation (oder im Deutschen als Geusenwort bekannt) beschreibt die Umwandlung von Wörtern vom Negativen ins Positive durch Menschengruppen, die durch das Wort angesprochen werden (mit Verweis auf die Einträge zum Wort Reappropriation des Cambridge Dictionary und Geusenwort des DWDS und dem Beitrag des Diskursmonitors Aufwertung/Meliorisierung, Mell, 2022).

Quellenverzeichnis

Cambridge University Press. Reappropriation. In: Cambridge dictionary. https://dictionary.cambridge.org/dictionary/english/reappropriation. (Letzter Zugriff: 23.01.2026).

Coup, Haftbefehl, XATAR. (2016). Kanack. In: Der Holland Job. Four Music Productions GmbH.

DE-BIAS Project consortium. (2025). DE-BIAS: Vokabular – Deutsch. Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.17338284.

Fuchs, L., Gahein-Sama, M., Kim, T. J., Mengi, A., Podkowik, K., Salikutluk, Z., Thom, M., Tran, K., Zindel, Z. (2025). Verborgene Muster, sichtbare Folgen: Rassismus und Diskriminierung in Deutschland. In: NaDiRa-Monitoringbericht 2025. Berlin: Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM).

„Geusenwort“, in: DWDS (Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache), hrsg. v. d. Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, https://www.dwds.de/wb/Geusenwort. (Letzter Zugriff: 23.01.2026).

Güngör, M. & Loh, H. (2023). Vom Gastarbeiter zum Gangsta-Rapper? HipHop, Migration und Empowerment. In: Chehata, Y. & Jagusch, B. (Hrsg.), Empowerment and Powersharing. Ankerpunkte – Positionierung – Arenen, 68-84. Basel: Beltz Juventa.

Henschke, K. (2008). Kanak Sprak. Eine ethnolektale Jugendsprache. Grazer Linguistische Studien, 70, 33-54. Graz.

IDS (2022). Deutsches Referenzkorpus / Archiv der Korpora geschriebener Gegenwartssprache 2022-I (Release vom 08.03.2022). Mannheim: Leibniz-Institut für Deutsche Sprache.

Kabasch, C. (2024). Ob Talahon oder Kanake: Wie Selbstbezeichnung von jugendlichen Migranten zu rassistischen Stereotypen werden. Wiesbaden: Gesellschaft für deutsche Sprache e.V. https://gfds.de/ob-talahon-oder-kanake/. (Letzter Zugriff: 09.12.2025).

„Kanake“ auf Duden online. https://www.duden.de/node/75494/revision/1264855. (Letzter Zugriff: 15.12.2025).

„Kanake“, in: DWDS (Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache), hrsg. v. d. Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, https://www.dwds.de/wb/Kanake?o=kanake. (Letzter Zugriff: 15.12.2025).

Kunz, S. (2021). Rassismus in aller Munde. Über die Rolle der Sprache im Ent- und Bestehen rassistischer Praktiken. Wiener Linguistische Gazette (WLG), 88, 53-60.

Mell, R. M. (2022). Aufwertung/Meliorisierung. In: Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention (Hrsg.), Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. https://diskursmonitor.de/glossar/aufwertung-meliorisierung. (Letzter Zugriff: 23.01.2026).

Review Corner. (2007). Von der Sprache zur Attacke. Wie eine identitätsstiftende Sprache – im Buch Kanak Sprak von Feridun Zaimoglu – zu identitätssprengenden Attacken – der Aktionsgruppen von Kanak Attak – führte. https://conne-island.de/nf/65/19.html. (Letzter Zugriff: 16.12.2025).

Sternberger, D., Storz, G. & Süskind, W. E. ([1957] 1962): Aus dem Wörterbuch des Unmenschen. Hamburg: dtv.

Trost, G. (2002): Woher stammt das Wort „Kanake“? Planet Wissen. https://www.planet-wissen.de/geschichte/deutsche_geschichte/geschichte_der_gastarbeiter/pwiewissensfrage550.html. (Letzter Zugriff: 15.12.2025).

Zaimoğlu, F. (1995). Kanak Sprak. Koppstoff. https://www.kiwi-verlag.de/buch/feridun-zaimoglu-kanak-sprak-koppstoff-9783462043204. (Letzter Zugriff: 15.12.2025).

Zitiervorschlag

Strunk, Finnja (2026): Negativ konnotierte Fremdzuschreibung durch diskriminierende Begriffe – Ein sprachkritischer Beitrag zur Bezeichnung „Kanake“ und dem Zukunftswort „Talahon“. In: Diskursmonitor – DiskursReview: Aktuelle Beiträge zur Sprach-, Medien- und Diskurskritik. Online unter: https://diskursmonitor.de/review/sprach-und-medienkritik (Zugriff: ##.##.####)