DiskursReview: Aktuelle Beiträge zur Sprach- und Medienkritik
Wenn ein Wort mehr sagt als ein Satz: Der Begriff „Klimakleber“ als Beispiel sprachlicher Rahmung
Von Michelle Renz
In einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung erwähnt Mareen Linnarzt den Gedanken, dass Sprache lenkt, wie man denkt (vgl. Linnarzt und Steinke 2023). Diese Aussage verweist auf eine grundlegende Eigenschaft von Sprache, die im alltäglichen Mediengebrauch häufig wenig reflektiert wird. Medien verfügen über die Möglichkeit, einzelne Teilaspekte eines Themas hervorzuheben und andere in den Hintergrund zu rücken (vgl. Hasebrink o.J.). Auf diese Weise entstehen Deutungsrahmen, innerhalb derer Ereignisse interpretiert werden können. Für Rezipient:innen ist dabei nicht immer eindeutig erkennbar, ob eine Darstellung primär einer Wirkungsabsicht unterliegt oder unter der Berücksichtigung verschiedener Sichtweisen liegt (vgl. Hasebrink o.J.). Besonders im öffentlichen Diskurs werden Begriffe häufig routiniert übernommen, ohne dass ihre impliziten Bewertungen bewusst reflektiert werden. Ein Beispiel ist hierfür der Begriff „Klimakleber“, der sich seit dem Jahr 2022 im medialen Sprachgebrauch etabliert hat (vgl. Linnarzt und Steinke 2023). Der Ausdruck bezeichnet Klimaaktivist:innen, die sich im Rahmen von Protestaktionen mit Klebstoff im öffentlichen Raum fixieren, um auf die Folgen des Klimawandels aufmerksam zu machen (vgl. DWDS – Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache 2023). Zugleich zeigt sich an diesem Begriff, dass der Anspruch neutraler Berichterstattung an der Wortwahl an seine Grenzen stößt. Begriffe werden stets mit Wertungen und Deutungszuschreibungen verbunden und können Wahrnehmungen strukturieren. Der vorliegende Beitrag geht daher von der These aus, dass Leser:innen sich im alltäglichen Mediengebrauch wenig oder gar keine Gedanken darüber machen, wie sprachliche Bezeichnungen ihre Wahrnehmung beeinflussen können.
Was bedeutet sprachliche Rahmung, auch Framing genannt, genau? Unter sprachlicher Rahmung, auch als Framing bezeichnet, wird in der Sprachwissenschaft der Deutungs- und Bewertungsrahmen verstanden (vgl. DWDS – Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache). Dieser wird durch sprachliche Ausdrücke aufgerufen oder mit ihnen verbunden. Die verschiedenen Begriffe tragen dabei jedoch nicht nur eine lexikalische Bedeutung, sondern bringen stets bestimmte Wertungen und Interpretationsangebote mit sich. Diese können durch zusätzliche Rahmungen, beispielsweise durch Kontext, gezielte Platzierungen und die wiederholte Verwendung, verstärkt werden. Framing gilt als Grundbegriff, da es nicht möglich ist, Sprache zu verwenden, ohne zugleich einen Deutungsrahmen zu aktivieren. Ein sprachlicher Rahmen ist allerdings nicht dauerhaft in einen festen Rahmen gebunden, sondern kontextabhängig veränderbar und neu rahmbar (vgl. Knobloch 2020). Sprachliche Rahmung ist somit kein Sonderfall gezielter Einflussnahme, sondern ein grundlegendes Merkmal öffentlicher Kommunikation (vgl. Hasebrink o.J.). Problematisch wird Framing daher nicht durch seine Existenz, sondern durch die verbreitete Gleichsetzung des Begriffs mit bewusster Manipulation. Diese verdeckt, dass Deutungsrahmen ein Teil sprachlicher Verständigung sind. Die Annahme, dass die Sprache die Wahrnehmung prägt und das Denken strukturiert, ist kein modernes Konzept. Bereits frühe sprachkritische Arbeiten haben darauf hingewiesen, dass Wörter nicht nur beschreiben, sondern die Wahrnehmung formen. Dies zeigt Victor Klemperer in seiner Analyse der Denkweise und sprachlichen Struktur, die durch die NS-Propaganda erzeugt wurde, die er als Lingua Tertii Imperii (LTI) bezeichnet (vgl. Klemperer 1975: 18ff). Klemperer versteht die Sprache nicht als neutrales Mittel der Kommunikation, sondern als ein wirksames Instrument politischer Einflussnahme. Er beschreibt, wie sich bestimmte Begriffe, Formulierungen und sprachliche Muster schleichend in den Alltag einschreiben und das Denken der Menschen verändern können, oft unbemerkt und unabhängig von der individuellen Zustimmung. Entscheidend ist dabei nicht nur die Wortwahl selbst, sondern ihre ständige Wiederholung und Normalisierung (vgl. Klemperer 1975: 18ff). Aus medienkritischer Perspektive wird dieser Effekt zusätzlich verstärkt. Schiffer zeigt in ihrer Analyse, dass Framing nicht nur durch einzelne Begriffe entsteht, sondern durch wiederkehrende mediale Deutungsmuster stabilisiert wird (vgl. Schiffer 2020: 131ff). Einzelne Begriffe bündeln dabei Informationen und liefern Bewertungen. Framing wird daher nicht nur sprachlich erzeugt, sondern auch medial stabilisiert (vgl. 2020: 131ff).
Nach der Auseinandersetzung mit Framing als sprachliches und mediales Phänomen erscheint es problematisch, wie selbstverständlich viele dieser sprachlichen Rahmungen im öffentlichen Diskurs hingenommen werden. Framing wird und ist daher zu einem stillen und wirkungsvollen Bestandteil öffentlicher Kommunikation geworden, der Meinungsbildung lenken kann, ohne als solcher erkannt zu werden. Die Problematik sehe ich allerdings nicht in der bewussten Manipulation durch einzelne Medien, sondern in der routinierten Übernahme dieser Begriffe. Schlagwörter wie „Klimakleber“ werden schnell zu einem festen Bestandteil medialer Berichterstattung und prägen somit schnell die Art und Weise, wie über gesellschaftliche Konflikte gesprochen wird. Je häufiger diese Begriffe verwendet werden, desto selbstverständlicher erscheinen die damit verbundenen Deutungen. Alternative Perspektiven geraten in den Hintergrund allerdings nicht, weil sie argumentativ widerlegt werden, sondern schlichtweg, weil sie sprachlich nicht vorgesehen sind. Besonders hier sehe ich die zentrale Aufgabe von Medienkritik. Journalistischer Anspruch sollte sich nicht nur auf fachliche Richtigkeit beschränken, sondern auch die sprachliche Gestaltung von Berichterstattungen einschließen. Sprache lässt sich wahrscheinlich nie vollständig neutral verwenden, doch ich halte es für notwendig, dass Medien sensibler mit Begriffen umgehen. Begriffe eröffnen Sichtweisen und schließen andere aus, diese Wirkung sollte sichtbar gemacht werden. Diese Verantwortung betrifft allerdings nicht nur die Medien selbst, sondern auch die Rezipient*innen. Framing funktioniert dort, wo Begriffe unhinterfragt übernommen werden. Medienkompetenz bedeutet daher aus meiner Sicht auch Sprachkritik, denn wer verstehen will, wie öffentliche Debatten entstehen, muss sich fragen, welche Begriffe verwendet werden und welche Sichtweisen dadurch zugrunde gelegt werden. Die Verbindung zu Victor Klemperers Sprachkritik macht deutlich, dass diese Problematik keine neue ist, die Erkenntnis bleibt nach wie vor relevant. Sprache wirkt schleichend, sie verändert das Denken nicht durch Zwang, sondern durch die Gewöhnung. Es ist wichtig, dass Framing nicht mit Manipulation gleichgesetzt wird. Jede Form der Kommunikation ist auf eine vereinfachte Form angewiesen, somit stehen die Medien vor der Aufgabe, komplexe, politische und soziale Sachverhalte verständlich darzustellen. Daher ist Framing nicht unvermeidbar, sondern vielmehr funktional. Problematisch wird Framing jedoch dann, wenn die vereinfachte Sprache nicht mehr reflektiert wird. Durch die dauerhafte Verwendung der Begriffe verschwindet die Grenze zwischen der Orientierung und der Verzerrung. Framing wird dann nicht mehr zur Perspektive, sondern zur objektiven Beschreibung der Wirklichkeit. Aus medienkritischer Perspektive besteht die Aufgabe der Medien darin, nicht ausschließlich eine neutrale Sprache zu verwenden, sondern sich des Gesagten bewusst zu sein. Medien könnten transparenter machen, warum sie bestimmte Begriffe wählen. Dadurch bietet sich sprachliche Orientierung. Auch für Rezipient*innen ergibt sich daraus eine wichtige Konsequenz. Sofern Framing als alltäglicher Bestandteil medialer Kommunikation verstanden wird, erfordert der Umgang mit Medien ein höheres Maß an sprachlicher Aufmerksamkeit. Eine höhere Aufmerksamkeit definiert dabei kein Misstrauen gegenüber Medien im Allgemeinen, sondern eine erhöhte Sensibilität gegenüber der Sprache. Insgesamt zeigt sich, dass Framing ein hilfreiches Konzept ist, um die Macht der Sprache im öffentlichen Diskurs sichtbar zu machen. Die Sprache prägt nicht nur, wie über Themen gesprochen wird, sondern auch, wie sie wahrgenommen und bewertet wird. Eine bewusste Auseinandersetzung ist daher wichtig und notwendig, um öffentliche Debatten differenziert führen zu können und um sich eine eigene und reflektierte Meinung zu bilden. Sprach- und Medienkritik fördert damit die Reflexion.
Quellenverzeichnis
DWDS – Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache (2023): Klimakleber, der. Online verfügbar unter https://www.dwds.de/wb/Klimakleber?o=klimakleber, zuletzt geprüft am 23.01.2026.
DWDS – Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache (2022): Framing, das. Online verfügbar unter https://www.dwds.de/wb/Framing?o=framing, zuletzt geprüft am 18.12.2025.
Hasebrink, Uwe (o.J.): Framing. Online verfügbar unter https://www.bpb.de/themen/medien-journalismus/medienpolitik/500675/framing/, zuletzt geprüft am 24.01.2026.
Klemperer, Victor ([1947] 1975): LTI. Notizbuch eines Philologen. 3. Aufl. Leipzig: Reclam (125). Online verfügbar unter https://archive.org/details/ltinotizbucheine0000klem, zuletzt geprüft am 23.01.2026.
Knobloch, Clemens (2020): Framing. Online verfügbar unter https://diskursmonitor.de/glossar/framing/, zuletzt geprüft am 24.01.2026.
Linnarzt, Mareen; Steinke, Ronen (2023): Ist „Klimakleber“ ein angemessener Ausdruck? Pro und Contra. Online verfügbar unter https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/gesellschaft/klimakleber-letzte-generation-e029682/?reduced=true, zuletzt geprüft am 23.01.2026.
Schiffer, Sabine (2020): Zur Kritik journalistischer Krisenkommunikation. In: Hans-Jürgen Bucher (Hg.): Medienkritik zwischen ideologischer Instrumentalisierung und kritischer Aufklärung, 131-148.
Zitiervorschlag
Renz, Michelle (2026): Wenn ein Wort mehr sagt als ein Satz: Der Begriff „Klimakleber“ als Beispiel sprachlicher Rahmung. In: Diskursmonitor – DiskursReview: Aktuelle Beiträge zur Sprach-, Medien- und Diskurskritik. Online unter: https://diskursmonitor.de/review/sprach-und-medienkritik (Zugriff: ##.##.####)