„Das geht zu weit!“
Sprachlich-kommunikative Strategien der Legitimierung und
Delegitimierung von Protest in öffentlichen, medialen und politischen Diskursen
Tagung der Forschungsgruppe Diskursmonitor
Tagung: 04. bis 5. Juni 2025 | Ort: Freie Universität Berlin
Kontakt: Prof. Dr. Antje Wilton | Mail: antje.wilton@fu-berlin.de
Tagungskonzept
In demokratischen Gesellschaften gilt Protest gemeinhin als akzeptierte Form der öffentlichen Meinungsäußerung und/oder politischen Einflussnahme und ist – wie in Deutschland – zumindest partiell gesetzlich geschützt. Insbesondere durch Protestformen, für die die physische Präsenz (oft einer großen Menge) von Personen konstitutiv ist, wie beispielsweise bei einer klassischen Demonstration, nehmen die Protestierenden ihr grundgesetzlich verbrieftes Recht auf Versammlungsfreiheit „als Freiheit zur kollektiven Meinungsäußerung“ (Leusch 2023) wahr; sie nehmen für eine funktionierende Demokratie „grundlegende und unentbehrliche Funktionselemente“ (ebd.) in Anspruch. In demokratischen Gesellschaften ermöglicht Protest unterrepräsentierten Gruppierungen, für sich und ihre Anliegen Aufmerksamkeit zu generieren und Gehör zu finden: „Protest gilt als eine Artikulationsform der institutionell schwach repräsentierten Teile der Bevölkerung, als Indikator für gesellschaftliche Probleme, als Motor gesellschaftlicher Veränderung und als Innovator demokratischer Praktiken“ (Ullrich & Sommer 2021). Protest äußert sich oft als Kritik an der Regierungsarbeit oder der Arbeit anderer politischer Institutionen der Machtausübung (Rechtssystem, Polizei, Militär u.ä.). In autokratischen Gesellschaften gilt Protest an Herrschaftsstrukturen dagegen in der Regel als zu unterdrückende Gefahr: Das Recht auf öffentliche Kritik ist teilweise oder gänzlich eingeschränkt, Protestausübung wird gewaltsam niedergeschlagen, Beteiligte werden verfolgt, eingeschüchtert, bedroht.
Tagungsteilname: Bitte per Mail bis 01.05.2025 an antje.wilton[at]fu-berlin.de mit Name, Email, Institution sowie Teilnahme am gemeinsamen Abendessen (ja/nein).

Poster u. Tagungsprogramm „Das geht zu weit!“, erstellt mit Adobe Illustrator.
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Jenseits der Pole Gebot und Verbot ist die Legitimation von sozialen Protestformen kontinuierlich gesellschaftlichen Deutungskämpfen unterworfen. Dabei kann sich das Urteil der Legitimität sowohl auf die Form des Protests als auch auf die transportierten Inhalte bzw. Forderungen beziehen. Jüngere Beispiele der diskursiven Legitimierung bzw. Delegitimierung von Protest sind die sowohl rechtlich als auch medial unterschiedlich behandelten Proteste der Letzten Generation („Klimakleber“) und der Landwirt:innen (2023 und 2024). In der öffentlichen Wahrnehmung wurde zwar das Anliegen der Letzten Generation (Einhaltung der Klimaziele) überwiegend als legitim eingestuft, die Form aber (z.B. Straßenblockaden durch Ankleben von Körperteilen oder Formen von Adbusting) sowohl im Presse-Diskurs als auch in der staatlichen Reaktion delegitimiert und kriminalisiert. Für die wesentlich disruptiveren und in Teilen offen rechtsextremen Aktionen und Positionen der Landwirt:innen (Traktorblockaden, Bedrängung von Politiker:innen, Verwendung rechter Symbole) dagegen wurde politisch und medial zuweilen mehr Verständnis entgegengebracht. (De)Legitimierungskämpfe gibt es jedoch auch im Arbeitskampf (z. B. Angemessenheit von Streikmitteln), rollenbezogen (darf/soll ein Pfarrer gegen den Kardinal protestieren?) oder domänenbezogen (politische Gesten auf dem Spielfeld?). Sowohl der Protest selbst als auch seine diskursive Aufarbeitung konstituieren sich „in sprachlich kommunikativen Handlungsprozessen, also in semiotisch- praktischen Verfahren (…), die durch öffentlich wahrnehmbare Akteure vollzogen werden. Verhandelt werden dabei soziale, kollektiv verbindliche und somit gleichsam politische Themen“ (Dang-Anh, Meer & Wyss 2022: 2). Nicht zuletzt ist Protest aufmerksamkeitspolitisch privilegiert, er erhält in der mediopolitischen Öffentlichkeit mehr Resonanz als Zustimmung und ist daher auch für politische Akteure des Mainstreams ein strategisches Instrument zur Selbstpopularisierung. Im Rahmen der Tagung möchten wir anhand aktueller Entwicklungen im In- und Ausland die sprachlichen und kommunikativen Strategien diskutieren, mit denen rivalisierende Akteure verschiedene Protestformen zu legitimieren oder zu delegitimieren versuchen:

Symbolbild 2, Protest; KI-generiert mit deepai.org.
- Wo verlaufen im öffentlichen Diskurs die explizit verhandelten oder auch implizit akzeptierten Grenzen zwischen ‚erlaubten‘ oder gar ‚wünschenswerten‘ und tabuisierten und sanktionierten Protestformen?
- Wie verschieben sich diese Grenzen über die Zeit, welche Dynamiken lassen sich im Verlauf einer Protestbewegung beobachten (wenn zunächst als legitim erachtete Protestformen umgedeutet werden)?
- Welche Diskursakteure, Domänen (insb. Medien, Politik, Recht, Religion, Wissenschaft), sozioökonomischen Rahmenbedingungen, kommunikationsstrategischen Praktiken und semiotischen Ressourcen tragen maßgeblich zur Konstitution öffentlicher Akzeptanzgrenzen gegenüber (il)legitimen Protestformen bei?
Tagungsprogramm
04.06.2025 | |
08:30 – 09:00 | Registrierung und Kaffee |
09:00 – 09:30 | Eröffnung & Einführung Prof. Dr. Antje Wilton, Berlin Prof. Dr. Friedemann Vogel, Siegen |
09:30 – 10:00 | Ziviler Ungehorsam und politische Sprache: Die Darstellung der ‚Letzten Generation‘ im Diskurs des deutschen Bundestags Iris Nefertari Nachtigall, Hamburg |
10:00 – 10:30 | „Austrian Wings bittet die österreichische Spottercommunity, dem kriminellen Irsinn der radikalen Klima-Hysteriker mit Zivilcourage entgegenzutreten“ – Formen der Legitimierung und Delegitimierung von Klimaprotest Arne Werfel M.A., Berlin Dr. Kirsten Middeke, Berlin |
10:30 – 11:00 | Kaffeepause |
11:00 – 11:30 | Die Entwicklung des Klimapolitik-Diskurses in der Schweiz und in Deutschland zwischen 2018 und 2024 William Flores M.A., Lausanne |
11:30 – 12:00 | ‚Konzeptlos, irre teuer und mit null Chance zum Einhalten der #Klimaschutzziele‘ – Legitimierung von Kritik am Wasserstoffnarrativ in Tweets der deutschsprachigen Nachhaltigkeitsbewegung Barbara Wessel M.A., Bochum |
12:00 – 13:30 | Mittagspause |
13:30 – 14:00 | Antifeminismus im digitalen Raum – Der Einsatz von Invektiven und Widersprechen als Mittel der Delegitimierung feministischer Proteste Fiona Sophie Makulik M.A., Bremen |
14:00 – 14:30 | „Es wirkt fast, als seien manche der Fans für Vergewaltigungen, nur um gegen die Demonstranten zu sein.“ – (De)legitimierung, Protest und #metoo am Beispiel Till Lindemann / Rammstein Neo Robin Link M.A., München |
14:30 – 15:00 | Narration und Bedeutungsfixierung: zur diskursiven Legitimation feministischen Protests in der Punkszene Philip Alexander Neumair M.A., Düsseldorf |
15:00 – 15:45 | Kaffeepause mit Postersession Studierende / Berlin Buster Social Club Moderation: Dr. Maria Fritzsche |
15:45 – 16:15 | Proteste gegen das Genderverbot Univ.-Prof. Dr. phil. Anatol Stefanowitsch, Berlin Rosa Hesse M.A., Berlin Elif Kara M.A., Berlin |
16:15 – 16:45 | „Es gibt nur 2 Geschlechter. Beide verachten den DFB.“ Ultra-Spruchbänder im Spannungsfeld invektiver Kommunikation, Provokationskultur und gruppenbezogener Diskriminierung Torben Rath M.A., Dresden |
16:45 – 17:15 | Zivilgesellschaftliche Diskussionen zur Seenotrettung: Protest und Politisierung in der digitalen Sphäre Isabel Pinkowski M.A., Berlin Dr. Rico Neumann, Berlin Dr. Maria Fritzsche, Berlin |
17:15 | Abschluss des ersten Tages |
Ab 18:00 | Gemeinsames Abendessen |
05.06.2025 | |
08:45 | Ankunft |
09:00 – 09:30 | Proteste in Deutschland und der Ukraine im Kontext des russisch-ukrainischen Krieges Prof. Dr. Khrystyna Dyakiv, Lwiw |
09:30 – 10:00 | (De)Legitimierung von propalästinensischen Studierendenprotesten an der FU Berlin Prof. Dr. Antje Wilton |
10:00 – 10:30 | „Du bist nicht zuständig“: Diskursiv-sprachliche Legitimierungsstrategien in aktuellen Protesten der Studierenden in Serbien Dr. Aleksandra Salamurović |
10:30 – 11:00 | Kaffeepause |
11:00 – 11:30 | Delegitimierung von Protest als Interaktionsprozess: zur kommunikativen Resilienzunterdrückung in Diktaturen Dr. Olga Galanova, Bochum |
11:30 – 12:00 | Protestimaginationen im Nationalsozialismus. Zu Tarnschriften als Widerstandsgattung des kommunistischen und sozialen Widerstands Dr. Friedrich Markewitz, Paderborn |
12:00 – 12:30 | Kaffeepause mit Brötchen |
12:30 – 13:30 | Panel mit Diskussion Berlin Buster Social Club / Diskursmonitor / Gesellschaft im Wandel |
13:30 – 14:00 | Abschluss |
Literaturverzeichnis
- Dang-Anh, Mark, Meer, Dorothee & Wyss, Evelyn (2022): Zugänge und Perspektiven linguistischer Protestforschung. In (ders.): Protest, Protestieren, Protestkommunikation. Berlin, Boston: De Gruyter. https://doi.org/10.1515/9783110759082.
- Fahlenbrach, Kathrin (2002): Protest-Inszenierungen. Visuelle Kommunikation und kollektive Identitäten in Protestbewegungen. Wiesbaden.
- Leusch, Katharina (2023): Verfassungsblog. https://verfassungsblog.de/demonstrieren-schwer-gemacht/ ; Zugriff 22.04.2024.
- Rucht, Dieter (2016): Die medienorientierte Inszenierung von Protest. Bundeszentrale für politische Bildung. https://www.bpb.de/themen/medien-journalismus/medienpolitik/236953/die-medienorientierte-inszenierung-von-protest/ ; Zugriff 22.04.2024.
- Ullrich, Peter und Sommer, Moritz (2021): Protest. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 13.8.2021. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/protest ; Zugriff 22.04.2024.


