Sprache und Lobbyismus
– Strategische Kommunikation in Politik und Medien

Tagung der Forschungsgruppe Diskursmonitor


Tagung
: 10. und 11. Juni 2027  |  Ort: Universität Siegen [Map]
Kontakt: Prof. Dr. Friedemann Vogel, Joline Schmallenbach

Call for Papers: 31.10.2026


Tagungskonzept

Die Kommunikation zwischen Interessengruppen, Mitgliedern der Parlamente, Regierungen und Ministerien, Lobbyismus-Dienstleistern, zivilgesellschaftlichen Initiativen und der Öffentlichkeit ist integraler Bestandteil politischer Kommunikation. Sie beeinflusst den politischen Prozess, die Gesetzgebung und die öffentliche Meinungsbildung. Die politik- und wirtschaftswissenschaftliche Forschung hat den Lobbyismus in Deutschland in seiner demokratietheoretischen, soziologischen und volkswirtschaftlichen Tragweite weit erschlossen (s. z.B. Speth/Zimmer 2015; Kohler-Koch u.a. 2022; Polk/Mause 2023; von Winter 2024) und ihn als hochprofessionalisiertes, netzwerk- und wissensbasiertes Berufsfeld beschrieben (Lahusen 2020), in dem Information, Glaubwürdigkeit und Zugehörigkeit als zentrale Ressourcen gelten. Dabei zeichnet sich ein Wandel der Einflusskanäle ab: weg von traditionelleren Kommunikationsbeziehungen, hin zu einem informationellen Lobbying über Gutachten, Stellungnahmen, Statistiken und Studien.

Damit rückt die sprachlich-kommunikative Materialität professioneller Interessenvertretung (vgl. Schmallenbach 2026) ins Zentrum. Gerade diese ist jedoch kaum beschrieben, was unter anderem auf das forschungspraktische Problem des schwierigen Feld- und Datenzugangs zurückzuführen ist. Auch diskursanalytisch bestehen Lücken: Lobbyismus als Diskursgegenstand ist geprägt von hoher medialer Aufmerksamkeit, Skandalisierungspotenzial und großer Bedeutung für die öffentliche Bewertung des politischen Systems (vgl. z.B. Engels 2019). Konkurrierende Konzeptionen pluralistischer Interessenvertretung, technokratisch-informationeller Politiksteuerung und illegitimer, machtvoller Einflussnahme führen im Medien- wie im Wissenschaftsdiskurs zu definitorischen Deutungskämpfen und normativen Bearbeitungsversuchen. Die Tagung knüpft damit an das Programm der Forschungsgruppe Diskursmonitor an, strategische Kommunikation systematisch zu beschreiben und zu ihrer Aufklärung beizutragen (Vogel 2019; Vogel/Deus 2020; Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention 2024).

Poster u. Tagungsprogramm: coming soon

Für eine empirisch-linguistische Lobbyforschung ist die Zeit besonders auf bundesdeutscher Ebene günstig: Mit dem Lobbyregistergesetz sind neue Datenzugänge entstanden. Seit dem 1. Januar 2024 werden Stellungnahmen und Gutachten, die im Lobbyregister eingetragene Interessengruppen an politische und exekutive Stellen senden, auf der Webseite des Deutschen Bundestags veröffentlicht. Mittlerweile liegen beinahe 20.000 solcher „Lobbytexte“ vor – ein potenzielles linguistisches Korpus von bisher nicht erreichter Größe. Sprachwissenschaftliche Arbeiten mit diesen Daten stehen weitgehend aus. Die Forschungsgruppe hat diese Daten darum erhoben und stellt sie der interessierten Forschung in einem strukturierten Korpus zur Verfügung.

Ziel der Tagung ist ein Austausch über Zugänge, Zwischenergebnisse, theoretische Modellierung und diskursnormative Positionierung zu Medien, sprachlichen Zeichen und kommunikativen Praktiken des Lobbyismus. Folgende Leitfragen möchten wir dabei diskutieren:

  • Theoretisch: Wie lässt sich politisches Lobbying aus sprach- und kommunikationswissenschaftlicher Perspektive modellieren – als Textsorten-, Diskurs- und Praxisgefüge?
  • Interdisziplinär: Was kann dem bisher vorwiegend politik- und wirtschaftswissenschaftlich geprägtem State-of-the-Art der Lobbyforschung hinzugefügt werden, wenn die sprachlich-kommunikative Materialität des Lobbyings ins Zentrum der Betrachtung rückt?
  • Gesellschaftlich: Inwiefern können die Sprachwissenschaften zu wirksamen Regulierungsmaßnahmen beitragen oder dem im Kontext von Lobbyismus und Korruption proklamierten Vertrauensverlust in das demokratische System durch Aufklärung und Transparenz entgegenwirken?

Diese Fragen lassen sich auf verschiedene Aspekte und Themen des Lobbyings beziehen, die wir auf der Tagung gerne berücksichtigen möchten:

  • Textsorten und Muster der Lobbykommunikation: Stellungnahme, Positionspapier, Brief an Abgeordnete u. a. – sprachliche Konventionen, Adressierung, Argumentations- und Framing-Strategien
  • Inside- vs. Outside-Lobbying: kommunikative Profile und Strategien
  • Korpuslinguistische Erschließung der Lobbyregister-Daten: Methoden, Annotation, Repräsentativität
  • Normtextgenese im Kontext von Lobbykommunikation – rechtslinguistische Fragen
  • Diskurse über Lobbyismus, Korruption und Interessenvertretung – Deutungskämpfe und ihr historischer Wandel
  • Lobbyismus in den (sozialen) Medien
  • Mehrebenenperspektive: Lobbykommunikation auf kommunaler, Landes-, Bundes- und EU-Ebene
  • Lobbyistisch umkämpfte Politikfelder (z.B. KI-Regulation, Sozialstaat, Gesundheitssystem)
  • Historische Perspektiven auf Lobbykommunikation

Diese Liste ist nicht abschließend – andere sprach- und kommunikationswissenschaftliche Anknüpfungspunkte und Perspektiven sind ausdrücklich willkommen.

Call for Papers

Wir bitten um aussagekräftige Vortragsabstracts im Umfang von ca. 300–500 Wörtern (Vortragsdauer 20–30 Minuten mit anschließender Diskussion). Die Beitragsvorschläge sollten sich explizit auf die oben skizzierten Leitfragen und/oder Gegenstandsaspekte beziehen und können sowohl abgeschlossene Projekte vorstellen als auch aus laufender Forschungswerkstatt berichten. Beiträge sind sowohl von Erfahrenen als auch von WissenschaftlerInnen in der Qualifizierungsphase herzlich willkommen!

Interessierten, die für ihren Beitrag das oben genannte Lobbytext-Korpus berücksichtigen möchten, stellen wir die Daten gerne auf Anfrage zur Verfügung. Das Korpus umfasst 17.546 Texte (36,5 Mio. Token; Metadaten: Absender, Empfänger, Datum, Titel, Legislaturperiode, betroffene Gesetze und mehr) in einem strukturierten Datenformat.

Bitte senden Sie Ihr Abstract bis zum 31.10.2026 an Joline.Schmallenbach@uni-siegen.de. Über die Annahme informieren wir Sie zeitnah nach Ablauf der Frist. Wir planen, die Beiträge zum Tagungsthema innerhalb eines Jahres nach der Tagung und in einem Open-Access-Format zu veröffentlichen.

Zur Organisation

Das Tagungsprogramm wird für die Dauer von zwei Tagen konzipiert, so dass eine Anreise am Morgen des ersten Tages und eine Abreise am Nachmittag des zweiten Tages möglich wird. Die Tagung findet in Räumen der Universität Siegen statt. Teilnehmende unterstützen wir bei der Organisation von Anreise und Unterkunft.

Literaturverzeichnis

  • Engels, Jens Ivo (2019): Alles nur gekauft? Korruption in der Bundesrepublik seit 1949. Darmstadt: wgb Theiss.
  • Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention (Hg.) (2024-): Glossar zur strategischen Kommunikation. URL: https://diskursmonitor.de/glossar/artikeluebersicht/ (17.06.2026).
  • Kohler-Koch, Beate/Fuchs, Sebastian/Friedrich, David (2022): Verbände mit Zukunft? Die Re-Organisation industrieller Interessen in Deutschland. Wiesbaden: Springer.
  • Lahusen, Christian (2020): Europäisches Lobbying. Ein Berufsfeld zwischen Professionalismus und Aktivismus. Frankfurt a. M.: Campus.
  • Polk, Andreas/Mause, Karsten (Hg.) (2023): Handbuch Lobbyismus. Wiesbaden: Springer VS.
  • Schmallenbach, Joline (2026): Sprachliche Legitimierungsstrategien. Eine qualitative Argumentationsanalyse aktueller Lobbyschreiben an den Deutschen Bundestag. In: Thorsten Holzhauser/Andreas Schulz (Hg.): Lobbyismus und Parlamentarische Demokratie. Beobachtungen aus historischer Perspektive. Stuttgart: Steiner.
  • Speth, Rudolf/Zimmer, Annette (Hg.) (2015): Lobby Work: Interessenvertretung als Politikgestaltung. Wiesbaden: Springer.
  • Vogel, Friedemann (2012): Linguistik rechtlicher Normgenese. Berlin/Boston: De Gruyter.
  • Vogel, Friedemann/Deus, Fabian (Hg.) (2020): Diskursintervention. Normativer Maßstab der Kritik und praktische Perspektiven zur Kultivierung öffentlicher Diskurse. Wiesbaden: Springer VS.
  • von Winter, Thomas (2024): Lobbyismus in der deutschen Politik. Opladen/Toronto: Barbara Budrich.