DiskursReview | Arbeitspapiere

Freund-Feind-Begriffe:
Zum diskurssemantischen Feld soziopolitischer Kollektivierung
Autor: Friedemann Vogel
Version: 1.1 / 24.10.2020
Vorbemerkung: Der nachfolgende Text ist ein komprimiertes Arbeitspapier, in der bisherige politolinguistische AnsĂ€tze zur Beschreibung und Kategorisierung von politischer Lexik (insb. Schlagwörter, Fahnenwörter usw.) neu sortiert, erweitert und in ein kohĂ€rentes Rahmenmodell zu integrieren versucht. Der Fokus liegt dabei auf der Dynamik und Beziehung politischer Semantik/Praxis und ihrer sprachlich-kommunikativen Artikulation. Zu diesem Zweck wird auch ein relationaler Begriff von „politischer Kommunikation“ eingefĂŒhrt, der sich von vielzitierten, meist nur an Institutionen sowie der Trias „Polity, Policy, Politics“ orientierten und damit im Grunde zirkelhaften Definitionsversuchen unterscheidet. Die Forschungsliteratur ist nur partiell eingearbeitet, da die Eigenkonzeption und VerstĂ€ndigung in der DiMo-Forschungsgruppe im Vordergrund stand bzw. steht. Die hier vorgestellten Ăberlegungen stehen unter diesem Vorbehalt. (FV, 24.10.2020)
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(1) Mit jeder sprachlichen ĂuĂerung (und das schlieĂt das Nicht-ĂuĂern mit ein) positioniert sich der Sprecher oder Schreiber sowohl innerhalb eines von ihm intersubjektiv (re)konstruierten als auch eines objektiven (d.h. objektivierbaren) diskursiven Raum sozialer Gruppen. Möglich ist dies nur aufgrund der sozialsymbolischen (indexikalischen) Bedeutung kommunikativer Zeichen im BĂŒhlerschen Sinne: jeder kommunikativ genutzte sinnlich wahrnehmbare Ausdruck ist nicht nur perspektivierender Zeiger auf die dingliche Welt; er weist die Kommunikanten symptomatisch zugleich als TrĂ€ger situativ relevant gesetzter, habitueller Eigenschaften aus. Dies ist nicht nur der Fall bei der Verwendung besonders augenfĂ€lliger, weil schon soziopolitisch markierter Lexeme, sondern gilt im Sinne der Sozialstilistik selbst fĂŒr die kleinsten und unscheinbarsten grammatischen Einheiten.
(2) Jede Zuordnung zu einer sozialen Gruppe geht zugleich mit der Abwahl und damit auch Abgrenzung anderer Gruppen und Gruppeneigenschaften einher. Entscheidend dabei ist zunĂ€chst, ob es sich um eine Gruppenkonstitution im privaten (auf situative Vertrautheit und VerstĂ€ndnissicherung im doppelten Sinne ausgerichteten) oder im öffentlichen (auf transsituative Ăffentlichkeit ausgerichteten) Kommunikationsraum handelt. Ob ein kommunikativer Raum eher auf Privatheit oder eher auf Ăffentlichkeit hin ausgerichtet ist, wird bestimmt einerseits von der Interaktion, andererseits von den (objektivierbaren) historischen PrĂ€figurationen des sozialen Feldes (Anzahl und Art der Diskursakteure und Ideologien) sowie der Interaktions- bzw. Diskursarchitektur (in Anlehnung an Heiko Hausendorf und Reinhold Schmitt 2016: Gestaltung von auf politische Aushandlung hin ausgelegte physisch-bauliche Einrichtungen sowie institutionelle, rechtliche Verfahrenskontexte). Die ReferenzrĂ€ume des Privaten und des Politisch-Ăffentlichen sind natĂŒrlich nicht statisch, sondern sind als sich wechselseitig bestimmend kontinuierlich Gegenstand der diskursiven Aushandlung (oder auch zeithistorischen Sedimentierung). Generell gilt jedoch: Sollen gruppenĂŒbergreifende Interessenskonflikte vermieden oder ausgeglichen werden, bemĂŒhen sich die beteiligten Gruppen um eine âPrivatisierungâ des Politischen; sie versuchen, den Aushandlungsraum der öffentlichen Wahrnehmung zumindest partiell zu entziehen (Hinterzimmer-Diplomatie, KamingesprĂ€che usw).
(3) In der idealtypisch privaten, auf Vertrautheit, Gesichtswahrung und situative Angemessenheit ausgerichteten (fokussierten) Kommunikation â etwa das GesprĂ€ch zwischen PartnerInnen oder FreundInnen beim geselligen Abendspiel, aber auch noch der freundliche Smalltalk an der Bushaltestelle â wird die sprachlich konstituierte Gruppenzugehörigkeit aller Beteiligten kontinuierlich kooperativ (Grice) ausgehandelt oder zumindest vordergrĂŒndig als kooperativ inszeniert (Goffman). Die Wahl der sprachlichen Mittel, der bearbeiteten Themen sowie der damit implizit oder explizit aufgerufenen Sozialstereotype und Bewertungsregime orientiert sich daran, dass sich möglichst jeder Kommunikant mit vertretbarem Aufwand dem situativen âWirâ inkludieren kann. Wertungsaussagen werden fĂŒr interaktive Eingrenzung oder Erweiterung offengehalten, GeltungsansprĂŒche aufeinander abgestimmt. Die Kommunikation ist auf die gemeinsame Inszenierung von sozialattributivem Konsens ausgerichtet. VerstöĂe gegen diese oftmals ritualisierte Pflege der Ingroup (insb. im Falle drohender Gesichtsverletzungen Einzelner) werden entsprechend sanktioniert, jedoch so, dass dadurch wiederum keine (gar finalen) AusschlĂŒsse und damit die GruppenkohĂ€renz gefĂ€hrdende Situation entsteht (z.B. Frotzeln oder andere, ironisch oder scherzhaft gerahmte Ordnungsrufe, die ihrerseits die Chance fĂŒr gesichtswahrende Renormalisierung erlauben). Umgekehrt verbietet sich die ernsthafte Anwendung von sozialantagonistischen, gar Freund-Feind-Kategorisierungen auf Mitglieder dieser Ingroup; dort, wo sie sich andeutet, hat sie sozial-disziplinierende Funktion nach innen und dient der Aktualisierung gemeinsam geteilter WertmaĂstĂ€be und Gruppengrenzen nach auĂen.[1] Dies Ă€ndert sich freilich bei zunehmender Eskalation von Meinungsdifferenzen hin zum offenen Streit. Streit als verbale Konfliktaustragungsform ist in Form und Inhalt geprĂ€gt durch kalkulierte Gesichtsverletzungen und das wechselseitige AufkĂŒndigen der Kooperationsmaxime bis hin zum Abbruch der Kooperation oder dem Umschlagen von verbaler in nonverbal-physische Konfliktaustragung. Im eskalierten Streit wird der situative Bezugsrahmen der âIngroupâ verlassen und quasi schrittweise âveröffentlichtâ: fiktive oder tatsĂ€chlich anwesende Zuschauer werden eingeteilt in bzw. eingebunden als Zeugen, Mit- oder Gegenkombattanten. Im Zentrum steht dann nicht mehr der Versuch konstruktiver Konfliktbearbeitung, sondern die oft lebhafte Konfrontation von (z.B. (un)angemessenen, (un)erwĂŒnschten, uneingelösten, verhinderten, erzwungenen usw.) LebensentwĂŒrfen, die pauschalisierende Zuschreibung von Sozialattributen (d.h. von als abzulehnen oder zumindest als kontrovers geltenden Outgroup-Eigenschaften) sowie die Organisation von Mehr- und Minderheiten â bis hin zu Freund- und Feindschaften â fĂŒr die jeweilige Position. In der Konflikteskalation weicht selbst das in privater, vertrauter Kommunikation situativ verankerte, interaktive BemĂŒhen um Interessensausgleich einer Semantik der Gegnerschaft und des Kampfes um Interessensdurchsetzung und kollektivierbare Dominanz (aus dem inklusiven Wir wird ein konfrontatives Ihr/Wir-Du/Ich).
(4) Politische Kommunikation ist idealtypisch eine auf transsituative Ăffentlichkeit hin orientierte Form strategischer Kommunikation, die auf die verbale (d.h. gewaltfreie) Organisation sozialer Kollektive (Mehr- und Minderheiten, Interessensgruppen) zur Verhandlung, Durchsetzung und Konservierung gesellschaftlicher Ordnungssysteme (insb. Ressourcenverteilung) zielt[2]. Politisch Kommunizierende handeln nicht als Individuen, sondern als Diskursakteure mit dem Geltungsanspruch, stellvertretend fĂŒr eine soziale Gruppe Position beziehen zu können. Ob und inwiefern dieser Geltungsanspruch legitim ist, bestimmt mithin den Erfolg dieser Akteure. Die jeweiligen Referenzgruppen werden dabei nach innen (Selbstgruppe) wie nach auĂen (Fremdgruppe/n) semantisch homogenisiert; zugunsten sozialer KohĂ€renz und kollektiver Handlungsorientierung (oder programmatischen Handlungsausrichtung) wird von (situativen) individuellen sozialen Sonderheiten abstrahiert, werden einzelne Sozialattribute besonders hervorgehoben. Politische Kommunikation ist darum im Kern immer konfliktĂ€r und konfrontativ: fĂŒr sie konstitutiv ist ein semantisch-soziales Feld der dynamischen Opposition (das Koalitionen miteinschlieĂt) semiotisch reprĂ€sentierter (und reprĂ€sentierbarer!) Kollektive auf einer Skala von selbstreferenzieller IdentitĂ€t (Ich/Wir) ĂŒber unterschiedliche Stufen variabler Freund-Gegnerschaft (Sie/Ihr) bis hin zur Position absolut antagonistischer, deanthropomorphisierender Feindschaft (Es), deren Adressierung auf semiotisch-diskursive oder gar faktische Vernichtung zielt (Verwehrung des physisch-psychischen Existenzrechts).
(5) Die Formen und Praktiken politischer Kommunikation dienen im Wesentlichen der transsituativen (idealiter dominanten) Sichtbarkeit und Identifizierung von Kollektiven bzw. Diskursakteuren und ihren programmatischen Ordnungsvorstellungen auf der obigen Skala relativer divergierender Gruppenpositionierungen in AbhĂ€ngigkeit von der jeweiligen historischen Sozialstruktur. Die Formen lassen sich in semantische Minimaleinheiten differenzieren (z.B. Suffix -ist/-ismus, Namen, Fahnenwort, Slogan, Wappen, Parteifarben, Wahlprogramm usw.), die jedoch gruppenspezifisch (fast?) immer in vielschichtigen, intra- und intertextuell verwobenen Formenkomplexen kontextualisiert und geprĂ€gt werden. Mit zunehmender sozialdistinktiver GebrauchshĂ€ufigkeit und transsituativer (rĂ€umlich-zeitlich-personeller) Verbreitung erhöht sich der Grad an reziprok antizipierbarer semantischer Sedimentierung politischer Kommunikationsformen, bis sie (und nur solange sie) als öffentlich wirksame âChiffren von [programmatischen, FV] Gedankenâ (Hermanns) und/oder Schibboleths organisierter Interessensgruppen fungieren. In der Forschung besondere Beachtung gefunden haben so vor allem lexikalische (v.a. Schlagwörter) und phraseologische Einheiten (z.B. Slogans), fĂŒr die es verschiede Systematisierungsversuche gibt (zuletzt: Hermanns 1994 und Burkhardt 2003). Wenngleich diese ModellierungsvorschlĂ€ge auf eine lange Tradition politischer Lexikforschung aufbaut und in Forschung und Lehre vielfach angewandt werden, sind sie in Teilen widersprĂŒchlich und unvollstĂ€ndig, und sie begĂŒnstigen eine statische Lesart politischer, lexikalischer Ordnungsbegriffe. DemgegenĂŒber wird hier ein Deutungsrahmen prĂ€feriert, der kommunikative Muster von Akteurspositionierungen in AbhĂ€ngigkeit des gesamten soziopolitischen, diskursiven Feldes (in Anlehnung an Bourdieus Feld-Metapher) sortiert. Das Ordnungsschema lieĂe sich vielleicht wie folgt zeichnen:

Das soziopolitische Ordnungsfeld politischer Kommunikation aus der Perspektive einer Interessensgruppe (hier: Gruppe A) wird geprĂ€gt von drei voneinander prototypisch abgrenzbaren Teilfeldern und zwei skalaren diskurssemantischen Ordnungsfaktoren (horizontale und vertikale Achse). Aus Sicht einer maximal homogen konzeptualisierten Selbstgruppe (klassischer Weise aufgerufen durch das exklusive Wir) nimmt die Legitimation[3] fĂŒr abweichende politische Selbst- bzw. Fremdpositionierungen kontinuierlich ab bis hin zur drohenden oder vollzogenen Exkommunikation aus dem Kreise der legitimen Diskursakteure. âExkommunikationâ meint dabei, dass damit verbundene politische Positionen aus Sicht der Selbstgruppe weder geĂ€uĂert noch im Falle ihrer ĂuĂerung beachtet werden dĂŒrfen. Mehr noch: wer gegen dieses Beachtungs- oder Objektivierungsverbot verstöĂt, dem droht selbst die Exkommunikation als nunmehr illlegitimer Diskursakteur. âSpiel nicht mit den Schmuddelkindern, sing nicht ihre Liederâ â mit Diskursexkommunizierten spricht man nicht, denn ihre Deutungsrahmen sind ĂŒberwiegend oder gĂ€nzlich inkompatibel (âirrationalâ, âkrankâ) mit den etablierten Logik- und PlausibilitĂ€tsannahmen der Wir-Selbstgruppe. Mit âSchmuddelkindernâ spricht man nicht, das hĂ€tte keinen Sinn; man spricht nur ĂŒber sie, andernfalls droht Ansteckung. Diese Kontaminierungsgefahr gilt auch, allerdings in verschĂ€rfter Form fĂŒr das diskursive Feind-Feld politischer Kommunikation: der Feind ist nicht nur illegitimer Diskursakteur, ihm wird jegliches physisch-psychische Existenzrecht abgesprochen. WĂ€hrend durch eine Exkommunikation bedrohte Diskursakteure prinzipiell wieder diskurssemantisch dekontaminiert und als legitime Akteure rehabilitiert (âgeheiltâ, âzur Vernunft gebrachtâ) werden können, gilt dies fĂŒr den Feind gerade nicht. Zu ihm gibt es keine semantische BrĂŒcke, nur ggf. situative Hindernisse, seine avisierte Vernichtung sofort zu vollziehen. Die Ausdehnung der oder der Abstand zwischen den drei prototypischen Teilfeldern (legitimes, Exkommunikations- und Feind-Feld) ist nicht nur generell zeithistorisch dynamisch, sondern auch ideologieabhĂ€ngig. FĂŒr liberaler orientierte Gruppen dĂŒrfte das Feld graduierbarer, legitimer Diskurspositionen breiter und flexibler sein als bei stĂ€rker autokratisch orientierten Gruppen usw. (angedeutet ĂŒber Gruppe B).
Im neuzeitlich-demokratischen, verfassten Rechtsstaat bilden Recht und Moral zwei wesentliche regulative Ordnungsprinzipien fĂŒr Ausdehnung und Grenzziehungen des oben (und nachfolgend) skizzierten Diskursfeldes bzw. der Freund-Feind-Positionierungen: Das geltende Recht (insb. Verfassungs- und Völkerrecht) soll grundsĂ€tzlich alle Rechtsunterworfenen davor schĂŒtzen, auĂerhalb des legitimen Diskursraumes verortet und ausgegrenzt zu werden. Das Bundesverfassungsgericht bringt dies â in Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus â durch eine Art. 1 Abs. 1 GG konkretisierende âObjektformelâ zum Ausdruck: So solle durch den Schutz der MenschenwĂŒrde verhindert werden,
âdass [ein Mensch] durch den Staat oder durch seine MitbĂŒrger als bloĂes Objekt, das unter vollstĂ€ndiger VerfĂŒgung eines anderen Menschen steht, als Nummer eines Kollektivs, als RĂ€dchen im RĂ€derwerk behandelt und dass ihm damit jede eigene geistig-moralische oder gar physische Existenz genommen wird.â[4]
Das verbietet explizit (oder erschwert zumindest) auch die politisch-öffentliche Markierung von Fremdgruppen als Feind-Gruppen im oben genannten Sinne; schon die öffentliche Ăchtung von Personen oder Kollektiven als Exkommunizierte ist rechtlich betrachtet zumindest riskant und steht unter Sanktionsandrohung. Aus Sicht des Verfassungsrechts bildet der Freiheitsentzug (Inhaftierung) die Grenze legitimer Fremdgruppen-Verortung. Aber selbst einem Inhaftierten darf nicht prinzipiell (nicht ohne weiteres bzw. nicht in GĂ€nze) die Teilhabe am politisch-öffentlichen Leben verwehrt werden. Werden die durch das Recht definierten Feldpositionierungs- und Sagbarkeitsgrenzen durch Diskursakteure dennoch verletzt (durch Ignorieren, inszeniertes Ăbersehen oder auch bewussten Widerspruch), mĂŒssen diese GrenzĂŒbertritte entweder (zumindest vorĂŒbergehend) öffentlich kaschiert oder aber gesondert legitimiert werden. Hauptlegitimationsquelle fĂŒr letztes bildet dann die DomĂ€ne der âMoralâ, also alle auĂerrechtlichen[5] normativen sozialen/gesellschaftlichen Ordnungsvorstellungen (Benimmvorschriften), die jedoch im Unterschied zu Rechtsvorschriften selektiv herangezogen werden können. Bekannte Beispiele fĂŒr moralisierend legitimierte verfassungs- und völkerrechtliche GrenzĂŒbertritte jĂŒngerer Zeit sind etwa die aktive (HerbeifĂŒhrung) oder passive (Duldung) UnterstĂŒtzung von Angriffskriegen oder sog. âgezielte Tötungenâ durch auslĂ€ndische Dienste (man erinnere sich zuletzt an die Debatte um Merkels Freude ĂŒber die Ermordung von Osama bin Laden 2011).
In der politischen Kommunikation lassen sich kommunikative Formgebrauchstypen bzw. Form-Funktions-Korrelate differenzieren, mithilfe derer Diskursakteure sich selbst (Selbstgruppe) und verschiedene gegnerische Fremdgruppen relativ auf dem soziopolitischen Feld bezeichnen und damit zugleich öffentlichkeitswirksam strukturieren[6]. Dabei rufen die verschiedenen Formgebrauchstypen nicht nur den Grad an relativer LegitimitĂ€t, sondern auch in verschiedenem Umfang den denotativ-deontischen Gehalt (Programmatik) der jeweiligen Feldposition auf. Wenn im Folgenden die Rede von „Vokabeln“ ist, sind damit nicht allein Wörter, sondern prinzipiell auch Mehrworteinheiten und andere semiotische Realisierungen gemeint.
- Fahnenvokabeln sind prototypisch jene kommunikativen Einheiten, die in ihrem Gebrauch Schibboleth-gleich das soziopolitische Programm der Selbstgruppe in verdichteter, affektiv-besetzter und sich selbstlegitimierender Form aufrufen und im öffentlichen Diskurs sichtbar machen. Fahnenvokabeln (Wörter, Syntagmen, auch Bilder/Symbole usw.) erfĂŒllen damit eine deontisch-propagierende Funktion nach auĂen, und âwirkenâ disziplinierend-solidarisierend nach innen. Prototypische Beispiele: Demokratischer Sozialismus der SPD bis 2003; Internationale SolidaritĂ€t der Arbeiterbewegung in der zweiten HĂ€lfte der 1990er Jahre; ökologisch und basisdemokratisch als Leitbegriffe der GrĂŒnen in ihrer GrĂŒndungszeit; Black Lives Matter als Slogan behördlich diskriminierter afroamerikanischer Bevölkerungsgruppen; Multikulturelle Gesellschaft als Losung der SPD-Einwanderungspolitik der 1980er Jahre usw.
- Programmvokabeln (im Sinne Burkhardt 2003, S. 102) wie Solidarpakt, Aufbau Ost, Agenda 2010 bilden eine Variante von Fahnenvokabeln, bezeichnen aber soziopolitische Handlungsprogramme kĂŒrzerer/mittlerer temporaler Reichweite. FĂŒr ihre Abbildung in der obigen Skizze mĂŒsste eine temporale dritte Dimension eingefĂŒhrt werden.
- Stigmavokabeln sind das Pendent zu Fahnenvokabeln, insofern sie ein bereits in der Ăffentlich als bekannt vorausgesetztes, soziopolitisches Programm einer politischen Fremdgruppe öffentlich identifizieren, jedoch in einer pejorativen Rahmung als illegitime Feldposition markieren. Stigmavokabeln sind daher immer zugleich eine Konzession an die gegnerische Fremdgruppe und die Geltungsreichweite ihrer Feldposition; sie weisen die adressierte Fremdgruppe als prinzipiell diskursfĂ€hig (relativ legitim) aus. Prototypische Beispiele: Altpartei zur negativen Evaluierung der etablierten Parteien und ihrer Politik; Gutmensch zur Diskreditierung von Asyl-BefĂŒrwortern im Kontext der FlĂŒchtlingsbewegung in den 2010er Jahren; HerdprĂ€mie als pejorative Alternative von Linksliberalen gegenĂŒber dem Fahnen- bzw. Programmwort Betreuungsgeld der Konservativen (CSU) 2013; Multikulti gegenĂŒber Multikulturelle Gesellschaft[7].
- Selbstreferenzielle Affirmativa markieren die eigene Selbstgruppe als Ort maximal legitimer soziopolitischer Feldposition, die deshalb gĂ€nzlich oder weitestgehend auf eine (nur Explikation von?) Programmatik verzichten kann, weil sie im Punkt maximaler Selbstaffirmation prĂ€supponiert wird. Hierzu zĂ€hlt (in der politischen Kommunikation!, s.o.) die Verwendung von Pronomina der 1. Person Plural, das exklusive Wir (als Motto im FuĂball: Mia san mia), das aber strategisch situativ flexibel ausgedehnt werden kann (Verwendung als den Adressaten inkludierendes Wir). Auch semantisch im Wesentlichen auf Affirmation und konnotativen Wohlklang zielende Selbstqualifizierungen (LeistungstrĂ€ger, VerantwortungstrĂ€ger) zĂ€hlen in diese Kategorie.
- Hochwertvokabeln benennen nicht einfach âGrundwert[e]â einer Gesellschaft (so aber etwa Hermanns 1994, S. 18). Vielmehr handelt es sich um AusdrĂŒcke, die durch ihren gruppenĂŒbergreifenden Gebrauch in der politischen Kommunikation einen GroĂteil ihrer programmatischen Schibboleth-Funktion verloren haben und im Wesentlichen zur Ausflaggung der (sich Ă€uĂerenden) Selbstgruppe bzw. ihres soziopolitischen Programms als legitime Feldposition dienen. Aus einer Metaperspektive betrachtet sind Hochwertvokabeln darum ideologisch polysem (Dieckmann 1975, S. 70) â sie erhalten eine gruppenspezifische Konnotation, wie im folgenden Beispiel deutlich wird:
Wir verstehen Entwicklungspolitik als globale Strukturpolitik. Wir wollen einen Rat fĂŒr Menschenrechte Nachhaltigkeit und Frieden einfĂŒhren, der relevante Gesetzesvorhaben prĂŒft. Entwicklungszusammenarbeit, humanitĂ€re Hilfe und Klimaschutz brauchen verlĂ€ssliche Finanzierung. (GrĂŒne.de, https://www.gruene.de/themen/globalisierung; 02.10.2020)
Ein ganzheitliches Konzept muss her, dass die TragfĂ€higkeit des deutschen Rentenversicherungssystem garantiert. Nachhaltigkeit heiĂt, dass die Beitrags- und Leistungsseite langfristig gewĂ€hrleistet ist gegen demographische, wirtschaftliche und politische Risiken. (Alice Weidel, 20.04.2020, https://www.afd.de/weidel-nicht-auf-die-vorschlaege-der-bundesregierung-hereinfallen/; 02.10.2020)
HĂ€ufig sind Hochwertvokabeln â Freiheit, Demokratie, gerecht, Gleichheit, innovativ/nachhaltig, Transparenz usw. â solche AusdrĂŒcke, (a) die in der Regel eine lange historische Tradition in der politischen Kommunikation haben; (b) wiederholt, gruppendivergierend und unter unterschiedlichen historischen Bedingungen und fĂŒr unterschiedliche politische Ziele gebraucht wurden; (c) die Teil normativer (sanktionsbewehrter), gesellschaftskonstitutiver Texte mit weitreichendem Geltungsanspruch waren und/oder sind (Grundgesetz, Chartas, Tugendkataloge, die Bibel). Politische Akteure können Hochwertvokabeln deshalb nur schlecht ignorieren, nur unter groĂen Exkommunikationsrisiken negieren und daher besser konnotativ fĂŒr die eigene Selbstgruppe um- oder zurechtdeuten.
- Als Unwertvokabeln etablierte AusdrĂŒcke bezeichnen aus der Perspektive der Selbstgruppe soziopolitische âUn-Orteâ auf der Skala möglicher Diskurslegitimation[8]. Im Vordergrund von Unwertvokabeln steht nicht das Aufrufen einer gegnerischen Programmatik, sondern vor allem die abwertende Markierung der Fremdgruppe als relativ illegitimer, exkommunizierter oder existenzrechtloser Diskursakteur. Je nach Diskursteilfeld lassen sich prototypisch[9] verschiedene Unterkategorien differenzieren:
Deklassierungs- und Diffamierungsvokabeln (verbal wie ikonisch) umfassen eine breite Varianz an AusdrĂŒcken[10], die die adressierte soziopolitische Fremdgruppe als soziales Wesen infantilisieren, pathologisieren, beleidigen oder anderweitig öffentlich herabsetzen (Mit Verlaub, Sie sind ein Arschloch; Demonstranten als Covidioten; Trump ĂŒber Biden: creepy / sleepy Joe; Jude, Schwuler, Zigeuner in stigmatisierender Verwendung usw.), auf eine mehrheitlich unerwĂŒnschte Funktion reduzieren (funktionsreduktionistische Appellativa wie Lobbyist oder Vertreter; Laufbursche von Putin) oder prĂ€dikativ in die NĂ€he krimineller Organisationen bringen. Deklassierungs- und Diffamierungsvokabeln sind in der politischen Kommunikation oft in ritualisierte und damit normalisierte Kampf-Inszenierungen eingebettet. Das ist bei einer auf Exkommunikation oder gar Feind-Markierung zielenden Verwendung von AusdrĂŒcken gerade nicht mehr der Fall.
- Kontaminations- und denormalisierende Pathologisierungsvokabeln sind solche AusdrĂŒcke bzw. ĂuĂerungen, die die referierte Fremdgruppe als nicht-legitimen soziopolitischen Diskursakteur ausschlieĂen sollen. Sie dienen darum weniger der konfrontativen Auseinandersetzung mit der Fremdgruppe (und dort vertretenen handlungsleitenden Konzepte), als vielmehr zur Sozialdisziplinierung der Selbstgruppe bzw. aller ânoch-legitimenâ Fremdgruppen. Kontaminationsvokabeln assertieren denotativ hĂ€ufig einen pathologischen (oder anderweitig anormalen) Zustand kommunikativer und/oder kognitiver FĂ€higkeiten der Adressierten, den ihn/sie als ernstzunehmenden Diskurspartner exkommuniziert und sein soziopolitisches Umfeld als âgedankliches Sperrgebietâ ausweist (vgl. Mausfeld 2018, 74f.). Sie lassen sich ferner funktional dadurch von bloĂen Deklassierungsvokabeln unterscheiden, dass fĂŒr sie ein (auch metasprachliches) Objektivierungsverbot gilt: Der Versuch, die stigmatisierende Zuschreibung einer (wertneutralen) Sprach- bzw. Diskurskritik zuzufĂŒhren und erst recht jegliche Andeutung, die kontaminierte Diskursposition in den legitimen Möglichkeitsraum zu verschieben, löst bei den Verwendern den Vorwurf aus, man vertrete möglicherweise selbst die kontaminierte soziopolitische Position. Der erfolgreiche Einsatz von Kontaminationsvokabeln schafft daher auch situativ eine latente Semantik des Verdachts gegenĂŒber allen (legitimen) Diskursagenten. Genau darin liegt das sozialdisziplinierende Moment. Beispiele fĂŒr aktuelle Kontaminationsvokabeln sind der nicht-terminologische Gebrauch des Ausdrucks Verschwörungstheoretiker (vgl. Vogel 2017), die Bezeichnung Sympathisant (einschl. themenspezifischer Varianten wie Putin-Versteher), besorgte BĂŒrger, Esoteriker, Coronaleugner, der Twitter-Hashtag #HeilenwieTrump oder im Kontext sozialer Medien auch die Rollenbezeichnung Troll fĂŒr Personen, die wiederholt gegen den Common Sense der Mehrheitsgruppe verstoĂen.

- Der Ăbergang von Deklassierung (situativer Geltungsanspruch) zu Diffamierung (Abwertung erhĂ€lt habituelle Konnotation) oder Kontamination (siehe folgend) ist sicher flieĂend. Auch gibt es wohl eine weiter zu klĂ€rende Hierarchie der Abwertungen bzw. von Kontaminationsgraden: so wiegen ritualisierte Kriminalisierungen (SchĂ€uble als Gauner) oder Infantilisierungen (Piraten als politisch unreif) einer Fremdgruppe weniger schwer als ihre Pathologisierung (Ist der US-PrĂ€sident psychisch krank?) oder Sexualisierungen, die etwa den latenten oder offenen Vorwurf des Kindesmissbrauchs implizieren (PĂ€dophile bei den GrĂŒnen; Perversling; KinderschĂ€nder usw.).
- Feindvokabeln schlieĂlich sind ĂuĂerungen mit der Funktion, der so referierten Fremdgruppe nicht nur die Diskursteilhabe, sondern jegliches physisch-psychische Existenzrecht abzusprechen und latent oder explizit (die Selbstgruppe) zu ihrer Vernichtung aufzurufen. Dies gilt m.E. fĂŒr alle Arten der im (latenten) Krieg nicht-ritualisiert gebrauchten deanthropomorphisierenden Appellativa (Monster, Bestie, Ungeziefer, Abschaum, Zecke ) oder âFrontâ/âKampfâ-assoziierende Bezeichnungen (Feind, Querfront, Kollaborateur, Gotteskrieger)[11]. Zum diskursiven Ausnahmezustand des Krieges (einschl. Zeiten der Vorbereitung) gehört allerdings, dass im Prinzip auch jede sonst wertneutrale oder affirmative Selbstbezeichnung der Fremdgruppe zur Feindvokabel avancieren kann. Ja, jegliche kommunikative Referenz auf den Feind steht letztlich immer im Dienste der vorbereitenden, begleitenden oder nachtrĂ€glichen (historisierenden) Legitimierung existenzvernichtender AktivitĂ€ten.
Die (abgestufte) Verwendung von delegitimierenden Gegner-Vokabeln zeigt an, wie der Sprecher einen Wir-gegen-die-anderen-Konflikt definiert und bewertet sehen möchte. Die Verwendung von Feindbegriffen kann strategisch sein oder einfach eingelebt. In keinem Falle kann von der verwendeten Begrifflichkeit unmittelbar auf Tragweite und AusmaĂ des zugrundeliegenden Konflikts geschlossen werden. Damit ein Konflikt antagonistisch, das heiĂt: nicht regulierbar und nicht normalisierbar wird, mĂŒssen viele weitere Bedingungen erfĂŒllt sein (vgl. Link 2018). Ob politische Gegnerschaft als unversöhnlich oder als kompromissfĂ€hig kodiert wird, ist eine taktische Frage. Wer KompromissfĂ€higkeit signalisiert, signalisiert auch SchwĂ€che, und wer Antagonismus signalisiert, der signalisiert auch die eigene Kampfbereitschaft.
Neben diesen Prototypen der kommunikativen Freund-Feind-Identifizierung gibt es weitere Form-Funktions-Korrelate, um die Selbstgruppe und verschiedene Fremdgruppen relativ zueinander auf dem soziopolitischen Feld in eine sichtbare Diskursorientierungsstruktur zu bringen. Hierzu gehören etwa soziopolitische Deixis (oben, unten, links, rechts, linksauĂen, rechtsauĂen) und andere morphologisch-lexikalische Gruppenfeldpositionierer wie Mitte, Rand/RĂ€nder, Rebellen, Splittergruppe, Separatisten, FreischĂ€rler, UnabhĂ€ngigkeitskĂ€mpfer, Protestbewegung, populistisch, extrem, radikal, fundamentalistisch, fanatisch, gemĂ€Ăigt, moderat, militant, terroristisch, erz- und viele andere. Manche vor allem metadiskursiv genutzten Attribute ermöglichen eine relative Positionierung divergenter Gruppen unabhĂ€ngig von jeglicher Programmatik (etwa verfeindet, rivalisierend, verbĂŒndet); andere lexikalische Diskurspositionierer enthalten zumindest Spuren programmatischer Orientierung (sĂ€kular, nationalistisch, liberal, neoliberal, konservativ usw.).
(6) Die verschiedenen Diskurspositionen sind Gegenstand fortwÀhrender Aushandlung. Damit verbunden sind wiederkehrende Praktiken, die darauf abzielen, die gegnerische Feldposition zu okkupieren: indem sie (a) die öffentlich-semiotische Sichtbarkeit des soziopolitischen Programms des Gegners einschrÀnken, und/oder (b) die gegnerische Feldposition delegitimieren.
- Gelingt es, eine Fahnenvokabel des gegnerischen Kollektivs ausdrucksidentisch zur Stigmavokabel umzudeuten, kommt dies einer öffentlich-diskursiven Entwaffnung gleich und schafft im gegnerischen kommunikativen Feld potentielle groĂe Verwirrung. Ein Ausdruck wie politische korrekt hat programmatisch, als (ironisches) Fahnenwort einer emanzipatorischen Bewegung in den USA begonnen, ist aber inzwischen ein hoch aggregiertes Stigmawort der Neuen Rechten, die mit politisch korrekt alles zusammenfasst, was ihr an der progressiv-neoliberalen Moralisierungskultur und ihren Sprachregelungen nicht passt (Erdl 2004). Programmatisch wird der Ausdruck praktisch nicht mehr verwendet.
- Die gezielte Etablierung von Stigmavokabeln als âGegenschlagwörterâ (Multikulti vs. Multikulturelle Gesellschaft) sowie generell jede pejorative Ko(n)textualisierung von gegnerischen Fahnenvokabeln durch kompositionale und andere PrĂ€dikationen (Inklusion â Inklusionsexperiment) zielen auf Delegitimierung des gegnerischen soziopolitischen Programms durch semantische âVerschmutzungâ[12].
- Kontaminationsvokabeln sind meist eingebettet in komplexere Praktiken, die darauf abzielen, die (latent oder vollzogen) exkommunizierte Fremdgruppe zu isolieren und potentielle AnnĂ€herungsversuche (auch von Mitgliedern der eigenen Selbstgruppe gegenĂŒber der Fremdgruppe) zu unterbinden. Dies geht einher mit öffentlichen Ermahnungen (Ordnungsrufen) und der expliziten oder impliziten Androhung von Sanktionen bei NormverstöĂen[13]. Kontaminationsvokabeln und andere Zeichen mit appellativer Warnfunktion werden dann ĂŒberall dort als Warnhinweise (gleich diskursiven Verkehrsschildern) aufgestellt und verteilt, wo eine BerĂŒhrung mit der kontaminierten Fremdgruppe droht.
- Exkommunizierte Diskursakteure können auch wieder dekontaminiert und als legitime Positionierungen rehabilitiert werden, vorzugsweise durch die einst kontaminierende Gegnergruppe oder durch ein anderes noch im legitimen Diskursraum operierendes Kollektiv. Zur Dekontaminierung geeignet sind alle kommunikativen Operationen, die das Kontaminierte mit (noch oder neu-) affirmativer Semantik prĂ€dizieren (etwa inszenierte öffentliche Auftritte von Angehörigen der legitimen und der exkommunizierten Gruppe, die Vergabe von sichtbaren Ămtern udgl.).
- Eine (De)Kontaminierung kann allerdings auch ohne gezielte strategische Intervention erfolgen, dann nĂ€mlich, wenn sich die Feldgrenzen zwischen legitimen und exkommunizierten Diskursfeldern global verschieben. Dies dĂŒrfte sich insbesondere darin bemerkbar machen, dass Positionen (Aussagetypen) im öffentlichen Raum historisch betrachtet systematisch mehr oder auch weniger tabuisiert (sagbar) sind. Indikatoren fĂŒr solche Verschiebungen könnte eine lĂ€ngerfristig abweichende Frequenz und semantische Ausrichtung von Hochwert- und Unwertvokabeln sein.
- Solche Diskursverschiebungen können von durch Exkommunikation bedrohten Diskursakteuren wiederum strategisch schlicht behauptet werden (Cancel Culture, Linksruck, linke Hegemonie), eine Strategie, die â wenn ich recht sehe â nur situativ ĂŒber einen inszenierten Opfer-Topos selbst-dekontaminieren, aber zumindest kurzfristig keine tatsĂ€chliche Diskursverschiebung auslösen kann (andernfalls wĂ€re die inszenierte Behauptung unnötig â die ja riskant ist, da sie die eigene Feldposition als exkommunizierte reproduziert).
- Bekannt ist die Praxis der strategischen Selbst-Affirmation von Deklassierungs- und Abwertungsvokabeln, um diese einerseits fĂŒr die Gegnergruppe unbrauchbar zu machen (ein diskursives Schwert abstupfen) oder gar komplett aus der Hand nehmen und neu besetzen. Feindbegriffe wie schwul oder Nigger wurden etwa von den so charakterisierten Gruppen aufgenommen und zu Selbstbezeichnungen gemacht, wie schwul in der Homosexuellenbewegung und Nigger im schwarzen Rap und Hiphop.
- Als âlexikalisches Diffundierenâ beschreibt Klein (2014, 330ff.) eine Wahlkampfstrategie (, bei der versucht werde, âMarkenwörter aus dem Ideologievokabularâ einer Fremdgruppe (hier: der SPD) âin bedeutungsĂ€hnlichen, deontisch positiven Allerweltswörtern zu ertrĂ€nken.â Gemeint ist der Versuch, Fahnenvokabeln der gegnerischen Gruppe (z.B. sozial oder solidarisch) nicht zu ĂŒbernehmen, sondern sie durch Einbindung in ein allgemeineres, weniger programmatisch markiertes (Hochwert-)Wort- bzw. Begriffsfeld zu verwĂ€ssern. Diese Praxis zielt im Grunde auf die langfristige semiotische Entwaffnung (Invisibilisierung) des Gegners auf dem soziopolitischen Feld.
- Die leichtfertige Verwendung von Deklassierungs-, Kontaminations- oder Feindvokabeln wirkt in der Regel konfliktverschĂ€rfend. Sie kann auch dazu fĂŒhren, dass ein der entsprechende Begriff ĂŒberdehnt (und in der Folge wirkungslos) wird. Wenn z.B. alle, die eine medienmĂ€chtig herrschende Meinung nicht teilen, als Verschwörungstheoretiker diffamiert werden, wird der Begriff seine abschreckende Wirkung rasch verlieren (und denen auf die FĂŒĂe fallen, die ihn leichtfertig ĂŒberdehnt haben).
- Eine Ă€hnliche entwaffnende Funktion gegenĂŒber gegnerischen Fremdgruppen hat die gezielte öffentliche Inszenierung sowohl von (Selbst-)Kritik, Konflikt bzw. politischen Antagonismen als auch von Harmonie zwischen im Grunde temporĂ€r koalierenden Selbst- und Fremdgruppen. Die Entwaffnung des eigentlichen Gegners erfolgt hier jedoch in unterschiedlicher Weise: Im Falle der Konflikt-Inszenierung werden gravierendere Angriffe von Fremdgruppen öffentlich abgeblendet; im Falle der Harmonie-Inszenierung (Vermeidung jeglicher Polarisierung, Betonung von Konsens und Einheit) werden mögliche Angriffe von Fremdgruppen delegitimiert.
- Bei Verrechtlichung können Stigma-, Kontaminations- bzw. Feindvokabeln hegemonial sedimentiert (d.h. auch der situativen öffentlichen Aushandlung zumindest ein StĂŒck weit entzogen werden) und anschlieĂend ihre Ausschlussfunktion oder anderweitige Sanktionierung der damit referierten Fremdgruppe exekutiv bewehrt werden. Dies geschieht (vermutlich ĂŒberwiegend) durch eine positive Konturierung der Selbstgruppe (ĂŒber verfassungsrechtliche GrundsĂ€tze) und (vermutlich seltener) ĂŒber eine explizite Benennung der auszuschlieĂenden Fremdgruppe (insb. ĂŒber das Strafrecht, fĂŒr das entsprechend auch besondere Bestimmtheitsanforderungen gelten). Beispiele fĂŒr letzteres sind nicht nur Gattungsbezeichnungen fĂŒr verschiedene TĂ€tergruppen (Terroristen, Störer, Bande usw.), sondern auch fĂŒr inkriminierte politische Gruppen (vgl. etwa den Radikalen-Erlass von 1972[14]). Die rechtsdogmatische Fixierung und Sanktionierung von Fremdgruppen geht in der Regel auch mit Vorschriften einher, die die soziopolitische Sichtbarkeit der Fremdgruppe effektiv einschrĂ€nken soll, etwa das Verbot verfassungsfeindlicher Symbole (z.B. nationalsozialistische Fahnen, Wappen, Piktogramme, Gesten). LĂ€sst sich ein gĂ€nzliches Verbot (noch) nicht realisieren, kann zumindest die zeichenbasierte Stigmatisierung solcher Fremdgruppen verrechtlicht werden â etwa durch die Möglichkeit, sie zu beobachten und die Beobachtung öffentlichkeitswirksam zu dokumentieren/inszenieren (etwa in Form der Verfassungsschutzberichte).
Literaturverzeichnis
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Dieckmann, Walther (1975): Sprache in der Politik. EinfĂŒhrung in die Pragmatik und Semantik der politischen Sprache ; mit einem Literaturbericht zur 2. Auflage. 2. Aufl. Heidelberg: Winter (Sprachwissenschaftliche StudienbĂŒcher: Abt. 2).
Erdl, Marc Fabian (2004): Die Legende von der Politischen Korrektheit. Zur Erfolgsgeschichte eines importierten Mythos. Bielefeld: transcript Verlag (Lettre). Online verfĂŒgbar unter http://www.content-select.com/index.php?id=bib_view&ean=9783839402382.
Geddes, Clara (2018): Shaping Saddam: How the Media Mythologized A Monster. Hg. v. The Yale Review of International Studies. Online verfĂŒgbar unter http://yris.yira.org/acheson-prize/2473, zuletzt aktualisiert am 03.06.2018, zuletzt geprĂŒft am 09.10.2020.
Haug, Wolfgang Fritz; Haug, Frigga; Jehle, Peter (seit 1997): Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus. Berlin: Argument-Verl. Heiko Hausendorf; Reinhold Schmitt (2016): Interaktionsarchitektur und Sozialtopografie. Basiskonzepte einer interaktionistischen Raumanalyse. In: Heiko Hausendorf, Reinhold Schmitt und Wolfgang Kesselheim (Hg.): Interaktionsarchitektur, Sozialtopographie und Interaktionsraum, S. 27â54.
Hermanns, Fritz (1994): SchlĂŒssel-, Schlag- und Fahnenwörter. Zu Begrifflichkeit und Theorie der lexikalischen „politischen Semantik“. Arbeiten aus dem Sonderforschungsbereich 245. Sprache und Situation. Mannheim: Institut fĂŒr deutsche Sprache.
Klein, Josef (2014): (Fast) alles ist gut â mit Angela Merkel als Kanzlerin. In: Josef Klein (Hg.): Grundlagen der Politolinguistik. AusgewĂ€hlte AufsĂ€tze. Berlin: Frank & Timme (Sprachwissenschaft, v.23), S. 325â338.
Link, JĂŒrgen (2018): Normalismus und Antagonismus in der Postmoderne. Krise, New Normal, Populismus. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Mausfeld, Rainer (2018): Warum schweigen die LÀmmer? Wie sich die Herde durch Meinungsmanipulation steuern lÀsst. 1. Aufl. Frankfurt: Westend.
FuĂnoten
[1] Wer seit 2018 im engsten Freundeskreis ĂŒber GeflĂŒchtete und nicht ĂŒber FlĂŒchtlinge (oder gar Asylanten) spricht, mag sich auf die identische Referenzgruppe beziehen; wichtiger ist dem Sprecher aber, sich selbst und die Angesprochenen als Angehörige einer âlinksliberalenâ, âbildungsbĂŒrgerlichenâ, âaufgeklĂ€rtenâ, âsprachsensiblenâ usw. Sozialgemeinschaft zu etablieren bzw. zu bestĂ€tigen. Wer das Gender-Sternchen (*) in seiner privaten Korrespondenz mit Freunden oder Verwandten verwendet, positioniert sich und auch den Adressaten auf dem aktuellen politischen Kampffeld, er bringt das Ăffentliche in das Private. Je nach sozialer Beziehung zwischen den Kommunikanten kann das stark irritieren oder auch in Konflikt-bearbeitende Sequenzen mĂŒnden.
[2] Dagegen Burkhardt (2003): âDanach ist politische Kommunikation durch das Nebeneinander von verbalen und nonverbalen Zeichenhandlungen, durch IntentionalitĂ€t sowie durch die Ausrichtung auf einen kollektiven Rezipienten gekennzeichnetâ (98). â Das trifft auf zahlreiche Kommunikationsformen zu, nicht nur politische. Andere Definitionsversuche (z.B. Erfurt 1988) sind zirkulĂ€r (âŠâauf politische BewusstseinsinhalteâŠausgerichtetâ).
[3] In Anlehnung an Bourdieus Begriff der âlegitimen Geschmacksâ (Bourdieu 2005).
[4] Christian Stark (2005), Artikel 1, MĂŒnchner Grundgesetz-Kommentar, Rn. 17.
[5] Das schlieĂt natĂŒrlich ĂŒberhaupt nicht aus, dass moralische Argumente regelmĂ€Ăig Eingang in die Rechtspraxis finden.
[6] Schon bei Gramsci findet sich der Gedanke, sprachliche Grammatik sei immer zugleich auch politische Grammatik (Haug et al. seit 1997, Band 5, 940).
[7] Die AusdrĂŒcke HerdprĂ€mie und Multikulti illustrieren anschaulich die Funktion von Stigmavokabeln als âGegenschlagwörterâ im Sinne Burkhardts (2003), ein dem Fahnenwort unmittelbar âentgegengesetztesâ Schlagwort.
[8] In der Politolinguistik gelten âUnwertwörterâ als âideologisch-polysemeâ Schlagwörter (Burkhardt 2003 via Diekmann 1964) und parteiĂŒbergreifend negativierende Schlagwörter; das greift m.E. zu kurz.
[9] Unwertvokabeln können situativ abhĂ€ngig schnell die Unterkategorie wechseln: was in der einen Situation ânurâ populistisch ist, ist im nĂ€chsten Moment rassistisch oder faschistisch. Ein Troll in der Internetkommunikation kann exkommuniziert toleriert â oder im nĂ€chsten Moment als âFeindâ aktiv bekĂ€mpft werden.
[10] Bei Burkhardt 2003 beschrĂ€nkt auf âScheltwörterâ als âauf die Perspektive einer Partei beschrĂ€nkte Abwertungenâ.
[11] Ein materialreicher Essay zum Wandel der Figur von Saddam Hussein in der amerikanischen Regierungspropaganda illustriert das sehr anschaulich: Geddes 2018.
[12] Das âreineâ Fahnenwort wird zum âschmutzigen Schneeballâ umgedeutet.
[13] Siehe etwa jĂŒngst die Kritik am Zusammentreffen von Lafontaine mit Sarrazin (vgl. etwa Tagesspiegel Online vom 30.09.2020, https://www.tagesspiegel.de/politik/lafontaine-macht-maskottchen-fuer-sarrazin-ex-linken-chef-bringt-genossen-gegen-sich-auf/26230886.html, 10.10.2020).
[14] Mbl. NW. 1972, S. 342.
Zitiervorschlag
Vogel, Friedemann (2020): Freund-Feind-Begriffe: Zum diskurssemantischen Feld soziopolitischer Kollektivierung. In: Diskursmonitor. Online-Plattform zur AufklĂ€rung und Dokumentation von strategischer Kommunikation. Online unter: https://diskursmonitor.de/review/arbeitspapiere-fv-1/â.