„Wenn Virologen alle paar Tage ihre Meinung ändern, müssen wir in der Politik dagegenhalten

Thesen zur politischen Sprache und (strategischen) Kommunikation
im Pandemie-Krisendiskurs

Autor: Friedemann Vogel
Version: 1.0 / 02.07.2020

Vorbemerkung

Die gesellschaftlichen Veränderungen infolge der Corona-Pandemie haben sich auch auf die Sprache und Kommunikation des Alltags niedergeschlagen. Wie nicht nur sprachwissenschaftliche, sondern auch feuilletonistische Kurzbeiträge konstatieren, sind neue Wörter, Wendungen und Symbole entstanden. Vielfach handelt es sich um Ausdrücke aus dem medizinischen Fachdiskurs, die durch mediale Verbreitung ihren Weg in die Gemeinsprache finden. Wörter wie Pandemie, Herdenimmunität, Durchseuchung oder Infektionsrate sind heute jedem Medienkonsumenten ein Begriff (wenngleich auch nicht ein originär fachlicher Begriff). Meines Erachtens übersehen dabei die publizierten Ad-hoc-Sprachbeobachtungen einen wesentlichen Punkt des öffentlichen Sprachgebrauchs in der (pandemischen) Krise, nämlich ihre politische Funktion. Bei der Lektüre mancher Beiträge beschleicht mich das Gefühl, als sei die zu analysierende Sprache vor ihrer Betrachtung gründlich von aller politischen Semantik befreit, ja geradezu desinfiziert worden. Natürlich findet man im öffentlichen Auftreten von Virologen und nachfolgenden Reaktionen sehr gutes Anschauungsmaterial für die Analyse und Optimierung von Experten-Laien-Kommunikation bzw. Fachvermittlungsdiskursen, man darf dieses Material aber nicht von seinem politischen Kontext isolieren. Die nachfolgenden Thesen werfen Schlaglichter auf die Sprache und Kommunikation in der Pandemie, zugespitzt und vielfach noch nicht empirisch erhärtet. Sie entstanden aus gemeinsamen Beobachtungen und Diskussionen in der „Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention“ (www.diskursmonitor.de) und harren der Prüfung und Erweiterung.

(1) In der Pandemie-Krise sind Sprache und Kommunikation des Alltags im Ausnahmezustand (vgl. dazu auch die Beiträge von Clemens Knobloch und Hagen Schölzel in der DiskursReview): Damit ist gemeint, dass zahlreiche Gegenstände, Zeichen und Praktiken des alltäglichen, zwischenmenschlichen Austauschs in kürzester Zeit eine politisierte Konnotation erfahren. Unter politischer Konnotierung verstehe ich in diesem Kontext, dass zunächst ‚harmlose‘ Zeichen des Alltags eine zusätzliche oder sogar überwiegende strategische und sozialdisziplinierende Funktion in der öffentlichen Kommunikation übernehmen und dabei Interessengruppen organisieren. Ein schönes Beispiel bieten etwa Klopapier und Mehl, die zwischenzeitlich zu Symbolen für umstrittene Praktiken der ‚Notfallvorsorge‘ (stigmatisierend als hamstern bezeichnet) forcierten [1]. Erst recht gilt diese politische Aufladung für Gegenstände und Zeichen, die in einem engeren thematischen Zusammenhang zur Corona-Krise stehen, wie insbesondere sämtliche Hygieneartikel (Desinfektionsmittel, Mundschutz, Spuckschutz, Seife) nebst all den damit verbundenen Praktiken wie das Händewaschen, in die Armbeuge husten, Social Distancing usw. Aber auch Ferien (machen oder lassen) oder Smalltalk auf der Neckarwiese werden politisiert – deutlich erkennbar an Disziplinierungsparolen und Stigmawörtern wie #stayathome und Coronaparty. Manche Ortsbezeichnungen werden zu Indices für politisch weitreichende explizite oder schwelende Deutungskämpfe (Intensivstation, Heinsberg, Spielplatz, Balkon, Homeoffice, China, Hotspot, Zuhause, Grenze u.v.a.). Von der Politisierung sind außerdem zahlreiche Ausdrücke betroffen, die aus der (medizinischen) Fachkommunikation in den medienöffentlichen Diskurs diffundieren, wie Durchseuchung, Herdenimmunität oder Triage – ein wichtiger Aspekt, der auch die teilweise heftigen Angriffe auf wissenschaftliche Akteure erklärt (siehe unten).

(2) Mit der Politisierung des Alltags einher geht die vermeintliche Entpolitisierung der originär politischen Arenen und Praktiken. Besonders augenscheinlich wurde dies in Deutschland, als mit Einsetzen der ersten Regierungsmaßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 die Oppositionsarbeit im Bundestag praktisch zum Erliegen kam. Die Bundes- und auch die Landesregierungen konnten mehr oder weniger durchregieren, die Oppositionsparteien – in ihrem Handeln durch Ad-hoc-Home-Office und noch weniger Informationszugang auch stark eingeschränkt – verzichteten im Grunde auf ihr Recht auf (und ihre demokratische Verantwortung für) parlamentarische Kontrolle der Regierungen. Hinterfragen beschlossener Maßnahmen oder der Entwurf von Alternativ-Programmen waren zwischenzeitlich nahezu nicht sichtbar. Auch die überregionale und regionale Presse übernahm in ihrer Berichterstattung fast durchweg die Perspektive der Regierungen; Kritik und Debatte spielten praktisch keine Rolle (vgl. Abb. 1); an die Stelle von Recherche und Informationssortierung trat ein Wettbewerb der „Liveblogs“ und minutenweise mit Nichtigkeiten aktualisierten Newsticker (wie dann auch im weiteren Verlauf zunehmend reflektiert wurde[2]).

Abb. 1.: Kommunikativen Konflikt induzierende Ausdrücke im zeitlichen Verlauf (https://www.owid.de/plus/cowidplusviewer2020, 01.07.2020)

An die Stelle demokratischer Aushandlung und Debatte traten dagegen zunehmend Konsensfiktionen, also sprachliche und andere symbolische Praktiken, die einen gesellschaftlichen Konsens lediglich behaupteten, inszenierten oder manipulativ einforderten, um damit politische Entscheidungen gegen Kritik zu immunisieren. Hierzu gehör(t)en vor allem Einheitsparolen verbunden mit moralischen Appellen, Ermahnungen und Belehrungen mit latenten sozialen oder explizit-[wider]rechtlichen Sanktionsandrohungen bei nonkonformem Verhalten (vgl. etwa zwischenzeitlich populäre Twitter-Hashtags wie #wirbleibenzuhaus nebst allen Varianten[3], #FlattenTheCuve, #ApplausFuerDieHelden etc.; vgl. auch unten der Einsatz von Stigma- und Kontaminationswörtern). Wir-Rhetoriken nahmen temporär genauso sukzessive zu wie etwa die Adjektive gemeinsam (ein Schlagwort der Unionsparteien) und solidarisch (einst Fahnenwort linker/Arbeitnehmer-bezogener Interessensgruppen); vgl. Abb. 2 bis 4.

Abb. 2.: Relative Frequenzen der Ausdrücke Kritik und wir im cOWID-Plus-Viewer (https://www.owid.de/plus/cowidplusviewer2020, 01.07.2020)

Abb. 3.: Relative Frequenzen der Ausdrücke Kritik und wir im cOWID-Plus-Viewer (https://www.owid.de/plus/cowidplusviewer2020, 01.07.2020)

Kollektivwörter wie die Genannten scheinen in sozialen Medien unter hierarchisch Gleichgestellten durchaus als Symptom für eine kollektivierte, stark emotionalisierte und sich gegenseitig disziplinierende Krisenwelt-Erfahrung (#alleswirdgut). Im Gebrauch von politischen oder anderen sozialen Eliten wurden sie teilweise systematisch als moralische Konsensimperative instrumentalisiert.

Abb. 4.: gemeinsam im Dienste eines Konsensimperativs (https://twitter.com/regsprecher/status/1272755263976726530, 07.07.2020)

Besonders deutlich wurde dies etwa in einem Gesetzesentwurf des Landes Nordrhein-Westfalen vom März 2020 (Drs. 17/8920), der als Gesetz zur konsequenten und solidarischen Bewältigung der COVID-19-Pandemie in Nordrhein-Westfalen und zur Anpassung des Landesrechts im Hinblick auf die Auswirkungen einer Pandemie übertitelt war und zugleich mit § 15, Absatz 1 das ohnehin bereits unterbezahlte, unterbesetzte und darum erschöpfte Pflegepersonal mehr oder weniger zur Zwangsarbeit verpflichten wollte[4]. Die Diskrepanz zwischen einerseits empathischen und spontanen Kollektivierungspraktiken bottom-up und andererseits der Top-down-Instrumentalisierung ebendieser Praktiken zur sozialsymbolischen Disziplinierung der Bevölkerung zeigte sich auch in öffentlich-orchestrierten Gesten des Applauses und des Musizierens. Berichte über offenbar spontanen Applaus als Geste des Dankes und Respektes gegenüber medizinischem Personal oder gemeinsames Musizieren vom privaten Balkon als Erbauungspraktiken (Mutmacher in der Krise) regten in Deutschland nicht nur private Nachahmer an. Behörden und auch der Bundestag nutzten diese Praktiken wohl-inszeniert als rein symbolische und einwandsimmune[5] Achtungsgesten für ihre Helden, um zugleich echte Achtungspraktiken – etwa spürbare Lohnerhöhungen – zu umgehen. Anders lässt sich der politische Umgang mit Pflegepersonal wohl nicht einordnen bzw. genauso kam es bei Betroffenen an (vgl. etwa die ironisch-sarkastische Wendung der Geste des Applauses vor dem Hintergrund üppiger Fördermaßnahmen für lobbystarke Großunternehmen; vgl. Abb. 5 und 6).

Abb. 5.: Kritik von Pflegekräften an der symbolischen Achtungsgeste des kollektiven Beifalls (https://twitter.com/alexander_jorde/status/1257999138685403136, 07.07.2020)

Abb. 6.: Ironisch-sarkastische Anspielung auf die Achtungsgeste des Applauses (https://twitter.com/FridayForFuture/status/1257347072858128389, 07.07.2020)

Konsensfiktionen und Alternativlos-Rhetoriken sind in vielerlei Hinsicht problematisch: Erstens verhindern sie eine offene und kritische Debatte; zweitens ver- oder überdecken sie tatsächliche soziale Unterschiede, Problemlagen und Bedürfnisse (etwa die Abhängigkeit von Gesundheit und sozialer Herkunft); drittens befördert sich schwelende Unzufriedenheit, die sich früher oder später Bahn bricht, den sozialen Frieden gefährdet und/oder Orientierung in allem sucht, was nach ‚Nicht-Establishment‘ aussieht (langfristig dürfte die AfD daher von der Corona-Diskurskonstellation profitieren).

(3) Die soziale Disziplinierung im Hinblick auf „ein“ erklärtes Ziel wird im Pandemie- bzw. Krisen-Diskurs begleitet von einer Zunahme an Freund-Feind- bzw. Wahr-Falsch-Schematisierungen. Schon zu Beginn der Krise setzte eine – von der Presse vielfach zunächst unreflektiert reproduzierte – Ausdeutung der Pandemie-Ereignisse und -Politiken mithilfe von Kriegsmetaphorik ein[6]. Im ‚Krieg‘ jedoch gibt es nur zwei dominante Diskursrollen: ‚Freund‘ und ‚Feind‘. Wer immer sich im ‚Krieg‘ positioniert, hat sich unweigerlich einer dieser beiden Rollen zuzuordnen. Der Dichotomisierung des sozialen Feldes im ‚Krieg‘ entsprechen zwei opponierende Aktivitäten: auf der einen Seite Gehorsam und bedingungsloses Befolgen bei dem Ziel, den ‚Feind‘ zu ‚vernichten‘; auf der anderen Seite jegliche Form von Widerspruch und Kritik (im Sinne der Prämissenschau, des Hinterfragens) als ‚bewusste Feindesaktivität‘ oder zumindest ‚gefährliche Naivität‘. Der ‚Wahrheit‘ des ‚Freundes‘ stehen ‚Lüge‘, Manipulation‘ und ‚Leichtsinn‘ gegenüber. Schon der Versuch einer Vermittlung zwischen ‚Freund‘- und ‚Feind‘-Position macht sich verdächtig und findet sich im Zweifel auf der Feindesliste wieder. Im weiteren Verlauf des Pandemie-Diskurses hat sich dieses Grundschema an vielen Stellen weiter entfaltet. Besonders deutlich wird dies an einer starken Zunahme an Stigmawörtern (viele darunter auch Neologismen) für alle ‚Kursabweichler‘ wie Populisten, Extreme, #Laschetfordert, Öffnungsdiskussionsorgie, Coronasünder usw. und Kontaminationswörtern wie Verschwörungstheoretiker, Russlandversteher, Esoteriker, Superspreader, Coronaparty, Coronademo, Covidioten, Coronaleugner, #HeilenwieTrump u.ä. Während Stigmawörter eine politische Programmatik des Gegners negativ gerahmt aufruft (Hermanns 1994), sprechen Kontaminationswörtern den (erfolgreich) damit Referierten (seltener: Adressierten) ihre Vernunft- und Diskursfähigkeit ab. Erfolgreich eingesetzte Kontaminationswörter haben eine starke sozialdisziplinierende Funktion, insofern sie bestimmte Themen und Äußerungen als gedanklich-diskursive ‚Sperrgebiete‘ markieren (vgl. Mausfeld 2018). Wer sich auf diese Sperrgebiete begibt, droht sich automatisch ‚anzustecken‘ und zukünftig als nicht ernst-zunehmender Diskursakteur deklassiert zu werden. Der Ausdruck Verschwörungstheoretiker (u.ä. wie Aluhutträger) wurde und wird im Pandemie-Diskurs äußerst flexibel gegen alle Akteure eingesetzt, die sich von der jeweiligen Mehrheitsposition (insb. von politischen Maßnahmen gegen die Pandemie) zu weit entfernen. Eine diskursspezifische Variante sind etwa die Neologismen Coronademo und Covidioten, die teilweise pauschalisierend jeglichen öffentlichen (Straßen-)Protest abwerten und Unterstützung oder gar (An)Teilnahme verunmöglichen. Das heißt freilich nicht, dass einige der so referierten Äußerungen oder Diskursakteure ob ihrer Substanz- bzw. Evidenzmängel nicht zurecht zu kritisieren wären. Aus diskursanalytischer Perspektive ist der Punkt vielmehr, dass der Einsatz von Kontaminationswörtern nicht das Ende einer argumentativen Auseinandersetzung bildet, sondern umgekehrt die ‚Sinnlosigkeit‘ jeglicher Kritik oder Befassung bereits unterstellt (vgl. dazu Vogel 2018 sowie Knobloch 2018; eine genauere Einordnung von Kontaminationswörtern auf empirischer Grundlage ist derzeit Gegenstand laufender Forschung).

(4) Die Politisierung und Dichotomisierung macht im Pandemie-Diskurs auch nicht vor der ansonsten ziemlich einwandsimmunen Expertenrolle Halt. Üblicherweise ist im mediopolitischen, öffentlichen Diskurs ein ‚Experte‘, der oder die als solcher erfolgreich eingeführt wird. Gegenstandsbezogene Fachkenntnis und Spezialistentum sind dabei keine notwendigen Bedingungen für diese Diskursrolle. Hinreichende Geltungsschatten bieten in der Regel schon akademische Titel, das Angehören zu einer ‚wissenschaftlich‘ klingenden Einrichtung (z.B. ein Institut -, gleich ob es sich um ein echtes Forschungsinstitut oder um einen strategisch benannten Thinktank handelt) sowie eine geeignete persönliche Medienkompetenz (insb. geübter Umgang mit Aufzeichnungspraktiken unter den Bedingungen von Mehrfachadressierung und Zeitdruck). ‚Experten‘ werden im öffentlichen Diskurs selten in Frage gestellt –, eine wichtige Grundlage für das Funktionieren von Expertentopoi zur Legitimierung politischer Entscheidungen. Diese Grundregeln gelten offensichtlich auch und in besonderem Maße im Pandemie-Krisendiskurs.

Abb. 7.: Verteilung der Nennung ausgewählter Berufsgruppen über die Zeit im Live-Korpus des Diskursmonitors (https://diskursmonitor.de/barometer/analysen/frequenz, 01.07.2020)

Die Unsicherheit der politischen Entscheidungsträger und die Angst, für Fehlentscheidungen später Imageschäden einzufahren, führten zu einer außergewöhnlichen Aufwertung von ausgewählten Fachkulturen (vgl. Abb. 7). Vor allem in den ersten Monaten der Pandemie-Politik(en) wurde praktisch keine Entscheidung getroffen gegen die Empfehlungen medienöffentlich etablierter ‚Experten‘[7] aus medizinischen Fachkulturen (v.a. Virologie, mit großen Abstrichen: Epidemiologie;). Echte wissenschaftliche Kontroversen sowie andere Fachkulturen – naheliegend zum Beispiel: Soziologie und Rechtswissenschaft – spielten praktisch keine Rolle. Dabei gewannen wenige Virologen – insb. Christian Drosten, mit großem Abstand die Repräsentanten des RKI – große Popularität. Drosten avancierte aus verschiedenen Gründen[8] zu einer Diskursikone mit Fankultur (z.B. bedruckte T-Shirts); seinen Podcast zu hören wurde quasi zur moralischen Pflicht eines jeden ‚aufgeklärten Bürgers‘ (vgl. Abb. 8).

Abb. 8.: Drosten als Idol (https://t.co/EcbnsrP7kf (01.07.2020).

Die besondere öffentliche Popularisierung und Politisierung der Diskursfigur ‚Drosten‘ (die nicht mit der Person in der situationsgebundenen Interaktionsrolle als Wissenschaftler oder Privatperson verwechselt werden darf) oder des RKI und ihre Vereinnahmung für die Legitimation insb. von regierungspolitischen Maßnahmen eröffnete für politische Akteure – sowohl Kritiker als auch einzelne Regierungsangehörige – verschiedene diskursive Handlungszüge:

  • Persönliche Profilierung durch Inszenierung von ‚Experten-Boykott‘ bzw. Berufung auf das ‚Primat der Politik‘: Wenn alle auf das gleiche Pferd setzen, ist der inszenierte Tabubruch die einzige Möglichkeit, noch mediale Aufmerksamkeit und mit ihr an Popularität zu gewinnen. Das nahm vermutlich auch Ministerpräsident Armin Laschet (NRW) an, als er sich zwischenzeitlich mit großem kommunikativem Aufwand von ‚Expertenempfehlungen‘ distanzierte – im Kontrast zu konkurrierenden Kanzlerkandidaten (Spahn, Söder). Diese Strategie ist nicht aufgegangen, wie sich an den medialen Reaktionen zeigt (vgl. den Spott-Hashtag #laschetfordert; Abb. 9 und 10). Zustimmung ist ihm zu diesem Zeitpunkt (Anfang Mai) nur von den Randbereichen des öffentlichen Diskurses sicher – wie hier in einem NZZ-Kommentar unter der vielsagenden Rubrik Der andere Blick (01.05.2020):

Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen sagte einen harmlosen Satz und erntete einen Sturm der Empörung. «Wenn Virologen alle paar Tage ihre Meinung ändern, müssen wir in der Politik dagegenhalten», erklärte Armin Laschet bei «Anne Will». Mit seinen Talkshow-Aussagen habe sich der Ministerpräsident als Kanzlerkandidat unmöglich gemacht, befanden daraufhin die «Tagesschau» der ARD und der Berliner «Tagesspiegel», die offenkundig jede Kritik an der Exit-Strategie der Bundesregierung und ihrer wissenschaftlichen Einflüsterer für eine milde Form des Hochverrats halten. (NZZ, 07.07.20)

Abb. 9.: Spott für Laschet im Vergleich mit Trump auf Twitter (https://twitter.com/PARTEIESSEN/status/1252900740781260800, 01.07.2020)

Abb. 10.: Analogien im Spott für Laschet, markiert im Hashtag #Laschetfordert (https://twitter.com/WeingutSanders/status/1252818405712736262, 01.07.2020)

  • Einführung konkurrierender Experten: Ist der Verzicht auf bzw. die inszenierte Ablehnung von Expertentopoi politisch riskant bis unmöglich, bleibt der Opposition als naheliegende Gegenstrategie zunächst nur die Einführung widersprechender Experten, die mit vergleichbarer institutioneller und fachkommunikativer Autorität gegenüber den ‚Regierungsexperten‘ in Stellung gebracht werden können. ‚Konter‘-Referenzakteure wurden so zwischenzeitlich zum Beispiel der Mikrobiologe Sucharit Bhakdi (der sich via Youtube zu Wort meldete) sowie – medial wiederholt als Kontrahent zu Drosten skandalisiert (Virologen-Zoff bei der WELT) – der Mediziner Alexander Kekulé.
  • Inszenierung eines ‚Expertenstreits‘ als Ausweis von Ungewissheit oder Unsauberkeit zur Delegitimierung von wissenschaftlicher Diskursautorität generell oder von populären Experten im Besonderen: Als Beispiel für einen solchen Zug lässt sich wohl die Bild-Kampagne Ende Mai 2020 gegen Christian Drosten einordnen (Abb. 11). BILD sammelte verstreute Kritik an einer vorab publizierten Studie Drostens in wissenschaftlicher Literatur sowie über tendenziöse Befragungen im kollegialen Umfeld. Aus der wissenschaftlichen Auseinandersetzung (um die Angemessenheit statistischer Methoden oder Interpretationsreichweite der Ergebnisse) inszenierte BILD einen Skandal um versuchte Verheimlichung methodischer Mängel, kurzum: von unlauterem, moralisch verwerflichem Tun. Die von BILD zitierten wissenschaftlichen KollegInnen distanzierten sich umgehend von ihrer politischen Instrumentalisierung und sowohl in der bürgerlichen Presse als auch in sozialen Medien wurde eine ‚diskursive Abwehrmauer‘ vor Drosten aufgebaut – erkennbar daran, dass es in den wenigsten Beiträgen um eine sachliche Analyse oder Kritik (der Kritik) ging, sondern um die politische Selbstpositionierung für die ‚richtige‘ Seite (öffentliche Ehrerbietungen wie Danksagung, Hervorhebung von vorherigen Verdiensten usw.; vgl. Abb. 12). In diesen Reaktionen zeigt sich, dass die RezipientInnen durchaus verstanden haben, dass es sich bei diesem Medienereignis nicht lediglich um Skandalisierung als Technik zur Aufmerksamkeitsakquise handelt. Die BILD-Kampagne zielte vielmehr darauf, die Diskursfigur Drosten aus der Verteidigungslinie (auf der er sich als Person nie positionieren wollte) aktuellen Regierungshandelns zu holen und ins Außenfeld politischer Argumentation zu schieben. Drosten als Person hat sich über diese und auch frühere Objektivierungen als politische Diskursfigur (z.B. in Karikaturen) wiederholt und durchaus glaubhaft überrascht gezeigt. Er scheint den Rollenkonflikt in der Außenwahrnehmung seiner Person (als ‚Experte‘ vs. ‚intervenierender Politikberater‘) schlicht zunächst nicht gesehen oder unterschätzt zu haben[9].

 

Abb. 11.: Online-Aufmacher des BILD-Angriffs auf Drosten (https://www.bild.de/politik/inland/politik-inland/fragwuerdige-methoden-drosten-studie-ueber-ansteckende-kinder-grob-falsch-70862170.bild.html, 01.07.2020)

Abb. 12.: Drosten-Verteidigung gegen BILD auf Twitter (https://twitter.com/middleton_mitch/status/1264950421631705089 (01.07.20)

(5) Nicht nur als Teil von Expertentopoi, auch generell ist der Pandemie-Krisendiskurs auf breiter Front ein Diskurs der Ausdeutung und Reproduktion von Zahlen, Statistiken usw. als Gradmesser für (tages- oder sogar stundenweise abweichende) ‚Normalität‘ und Legitimationsressource für politische Entscheidungen (Zahlentopos). Grafiken, Verlaufskurven, Häufigkeitsangaben und Raten mit Nachkommastellen gehören mittlerweile zum alltäglichen Medienbild[10]. Kritische Beiträge zur Reflexion oder gar Einordnung der äußerst divergenten, teilweise auch schlicht unklaren Produktionspraktiken hinter den Zahlen und diagrammatischen Illustrationen sind die Ausnahme.

(6) Vor diesem Hintergrund scheint der Corona-Diskurs außerdem das Medienerleben ein weiteres Mal beschleunigt zu haben. „Live-Ticker“ – also über den Tag kontinuierlich mit immer weiteren Kurzmeldungen erweiterte Artikel, meist prominent auf der Startseite – wurden seit Einsetzen des Pandemiediskurses praktisch veralltäglicht. Sie sind Sinnbild für den zum Alltag gewordenen Ausnahmezustand, in dem Informationshäppchen lediglich aneinandergereiht werden und für eine analytische Distanz keine Zeit bleibt.

(7) Der medial reproduzierte Pandemie-Diskurs ist vor allem auch ein Angst-Diskurs: Die epistemische Unsicherheit in allen Gesellschaftsbereichen wird (zumindest temporär) zu einem zentralen Verkaufsargument für massenmediale Erzeugnisse (gegenüber den Fake-News sozialer Medien; vgl. Abb. 13). ZAPP konstatiert gar, mit Corona schlägt die Stunde der Qualitätsmedien – Das Bedürfnis nach seriöser Information sei gigantisch, klassische Medien feiern Rekord-Auflagenzahlen und Einschaltquoten (ZAPP / NDR, 07.07.20).

(8) Für Berufspolitiker generell auf Bundes- und Landesebene scheint sich im Pandemie-Krisendiskurs ein beschränktes Repertoire an durch die Presse reproduzierte Diskursrollen und Images ergeben zu haben, deren kommunikatives Profil sich wie folgt idealtypisch konturieren ließe (die Grenzen dieser Rollen sind freilich fließend):

  1. ‚Der pflichtbewusste Krisenmanager‘ (etwa ranghohe Minister oder Ministerpräsidenten wie Jens Spahn, Markus Söder, Winfried Kretschmann und andere, insb. auch im Krisenmonat März 2020): Betont ruhiges, paternalistisch appellierendes Auftreten, oft im Beisein von medizinischen ExpertInnen, Betonung von Handlungsdruck zur Vermeidung unkalkulierbarer Risiken für Leib und Leben.
  2. ‚Gutes symbolisches Vorbild‘ (PolitikerInnen aller Couleur, vgl. Abb. 14): Inszenierung einer verantwortungsbewussten (bedingungslosen) Unterstützung von weitreichenden Maßnahmen als notwendiger Beitrag zum Wohle der Gesellschaft; medienwirksames Zurschaustellen der Vorschriftsbefolgung (Mundschutz-Tragen, Distanzregeln einhalten, sich im Home-Office zeigen usw.); moralisierende Appelle an die allgemeine Vernunft; Distanzierung von ‚Kritikern‘ und von normwidrigem Verhalten; Betonen der eigenen Vorbildfunktion bzw. Kritik an ‚Verstößen‘ gegen die Vorbildfunktion Dritter u.ä. – Diese Rolle lässt sich meist nicht dauerhaft durchhalten und erzeugt ein entsprechendes (symptomatisches) Medienecho, das wiederum mit der öffentlichen Reue- bzw. Demuts-Inszenierung beantwortet wird.


    Abb. 14.: Mediale Reproduktion von Lindners ‚Masken-Verstoß‘ und seiner ‚Demut‘ im Nordkurier vom 18.05.2020 (https://www.nordkurier.de/aus-aller-welt/darf-lindner-ungestraft-ohne-maske-busseln-1839413205.html, 02.07.2020)

  3. ‚Der/die mutige Kritiker‘ (z.B. Politiker der AfD im Bayerischen Landtag oder Linken-Fraktionsvize Andrej Hunko im Mai auf einer sog. Hygienedemo): Symbolisches Ignorieren von Vorschriften oder (mit anschließender Relativierung oder aber der Betonung bewusster Intendiertheit) als ‚Vernunft-geleiteter‘ Kontrapunkt zum ‚bloßen Befolgen‘ des Mainstreams. Diese Rolle ist derzeit höchstgefährlich; ihrem Träger droht unmittelbar der Diskursausschluss, zumindest aber die öffentliche Ächtung.
  4. ‚Der/die Betroffene‘ (etwa Cem Özdemir, Boris Johnson u.a.): Inszenierung und symbolische Kapitalisierung der eigenen Covid-Infektion mit Betonung eines leichten Krankheitsverlaufs; Selfies und Face-Cam-Aufnahmen aus der heimischen Quarantäne; vgl. Abb. 15.

    Abb. 15.: Screenshot des Tweets, in dem Cem Özdemir auf Twitter von seiner Infektion berichtet (https://twitter.com/cem_oezdemir/status/1240569679825027072, 07.07.2020)

Die Diskursrollen a) und b) dominieren – zumindest bis Redaktionsschluss (Anfang Juli) – den Diskurs.

(9) Neben Berufspolitikern und Experten macht sich (zumindest vorübergehend) noch eine weitere Gruppe von Diskursakteuren wiederholt bemerkbar, wird aber in der laufenden Diskursforschung kaum zur Kenntnis genommen: nämlich ökonomische Eliten in der Rolle von Aufklärern, Gönnern und Philanthropen. Exemplarisch deutlich wird dies bei Bill Gates. Gates ist zwar kein Mediziner, aber findet Gehör bis in die deutschen Tagesthemen hinein[11]. Ein kritischer Artikel findet sich in der Wirtschaftswoche (22.03.2020) unter dem Titel Philanthropen mit Gewinnstreben – Retten uns die Milliardäre? (WiWi, 07.07.2020). Ein anderes Beispiel bildet der Unternehmer und SAP-Mitgründer Dietmar Hopp, dessen Stiftung(en) nicht nur Spielplätze spenden, sondern auch aktiv in die COVID-19-Medizin investiert. Auch wenn vereinzelte Studien gezeigt haben, dass die Rolle von privaten Stiftungen und Stiftern in öffentlich-politischen Diskursen nicht zu unterschätzen ist (vgl. etwa Holly 2009 zur Du-bist-Deutschland-Kampagne der Bertelsmann-Stiftung), wird sie in der diskurslinguistischen Empirie bislang kaum verfolgt.

Fazit

Die hier vorgetragenen Thesen sind noch nicht Ergebnis systematischer empirischer Erhebungen und stehen daher unter dem Vorbehalt qualifizierter Prüfung. Der Beitrag versteht sich daher im Paradigma linguistischer Diskursintervention (Vogel 2019) als Einladung, die öffentliche Sprache und Kommunikation generell, besonders aber im Pandemie-Krisendiskurs sensibler auf ihre politischen Funktionen hin zu beobachten und zu diskutieren. Der Diskursmonitor, in dessen Kontext die Thesen entstanden sind, erarbeitet hierzu Ressourcen, darunter auch Live-Korpora sowie korpuslinguistische Tools für explorative Zugänge zu aktuellen Diskurskonstellationen. Über die Mitteilung von Einwänden oder Hinweisen zu eigenen Befunden oder Belegen würde ich mich sehr freuen.

Fußnoten

[1] Die Bedeutungsparaphrase im DWDS-Glossar, Klopapier sei „Synonym zu Toilettenpapier“ geht an dieser Tatsache schlicht vorbei; der Ausdruck wird damit aber quasi entpragmatisiert (DWDS-Themenglossar: https://www.dwds.de/themenglossar/Corona, 16.05.2020; der Eintrag Klopapier wurde inzwischen gelöscht, ist aber im Internet Archiv noch aufrufbar: https://web.archive.org/web/20200510175329/https://www.dwds.de/themenglossar/Corona, 02.07.2020).

[2] Vor allem in „alternativen“ Medien (z.B. https://meedia.de/2020/04/09/journalismus-in-der-krise-die-fuenf-defizite-der-corona-berichterstattung/, 07.07.20), vereinzelt auch in sog. „Qualitätsmedien“ (z.B. Zeit Online am 07.04.2020: https://www.zeit.de/2020/16/coronavirus-berichterstattung-journalismus-information).

[3] #wirbleibenzuhaus / #wirbleibenzuhause / #stayathome / #StayAtHomeAndStaySafe / #StayAtHomeSaveLives / #stayhome / #StayHomeSaveLives, #CoronaLockdown / #TogetherAtHome / #BleibtZuhause / #stayhomechallenge / #StayHomeSaveLifes u.v.a.

[4] Der Absatz lautete: Die zuständigen Behörden nach § 3 können von Personen, die zur Ausübung der Heilkunde befugt sind oder über eine abgeschlossene Ausbildung in der Pflege, im Rettungsdienst oder in einem anderen Gesundheitsberuf  verfügen,  die  Erbringung  von Dienst-, Sach- und Werkleistungen verlangen, soweit das zur Bewältigung der epidemischen Lage nach § 11 dringend erforderlich und angemessen ist (Drs. 17/8920, S. 11).

[5] Welche Oppositionspartei im Bundestag könnte es sich leisten, eine solche Geste im Bundestag zu boykottieren!

[6] Den Einsatz von Kriegsmetaphern im Corona-Diskurs beobachteten auch andere Linguisten, etwa Henning Lobin in seinem Online-Blog Die Engelbart-Galaxis vom 28.03.2020 (https://scilogs.spektrum.de/engelbart-galaxis/kommunikation-in-der-coronakrise, 07.07.2020).

[7] Expertinnen spielten im öffentlichen Diskurs de facto keine Rolle.

[8] Eine Rolle spielt sicherlich seine kommunikative Nahbarkeit und Bescheidenheit (einschl. der ungewöhnlich deutlichen Explizierung von Unsicherheit, Fehlbarkeit usw.), sein Regierungsberaterstatus sowie initial seine durch die Medien popularisierte Grundlagenforschung im Bereich der SARS-CoV-2.Diagnostik.

[9] So ließen sich zumindest manche resümierenden Äußerungen gegenüber dem Merkur im Anschluss an die BILD-Debatte lesen (https://www.merkur.de/welt/coronavirus-mutation-deutschland-virologe-christian-drosten-zweite-welle-studie-kinder-infizierte-zahlen-zr-13782124.html, 07.07.20).

[10] Zum Verhältnis von Verdatung und Normalitätsproduktion in der Corona-Krise vgl. auch das Interview im DLF mit Jürgen Link: https://www.deutschlandfunk.de/gesellschaft-im-ausnahmezustand-unsere-alltagsnormalitaet.691.de.html?dram:article_id=475912 (07.07.20).

[11] Tagesthemen vom 20.04.2020 (https://www.tagesschau.de/ausland/interview-bill-gates-101.html, 02.07.2020).

Literaturverzeichnis

Hermanns, Fritz (1994): Schlüssel-, Schlag- und Fahnenwörter. Zu Begrifflichkeit und Theorie der lexikalischen “politischen Semantik”. Arbeiten aus dem Sonderforschungsbereich 245. Sprache und Situation. Mannheim: Institut für deutsche Sprache.

Holly, Werner (2009): Gemeinschaft ohne Solidarität: Zur paradoxen Grundstruktur der “Du bist Deutschland”-Kampagne. In: Stephan Habscheid und Clemens Knobloch (Hg.): Einigkeitsdiskurse. Zur Inszenierung von Konsens in organisationaler und öffentlicher Kommunikation. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften / GWV Fachverlage GmbH Wiesbaden, S. 154–175.

Knobloch, Clemens (2018): Wer hat Angst vor „Verschwörungstheorie“? In: Philosophische Gespräche (Hrsg. von Helle Panke e.V.) (49), S. 5–26.

Mausfeld, Rainer (2018): Warum schweigen die Lämmer? Wie sich die Herde durch Meinungsmanipulation steuern lässt. 1. Aufl. Frankfurt: Westend.

Vogel, Friedemann (2018): Jenseits des Sagbaren – Zum stigmatisierenden und ausgrenzenden Gebrauch des Ausdrucks Verschwörungstheorie in der deutschsprachigen Wikipedia. In: Aptum. Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur 14 (3), S. 259–288.

Vogel, Friedemann (2019): Von der Diskurslinguistik zur Diskursintervention? Prämissen, Formen, Effekte. Aufbau eines Online-Portals zur Aufklärung strategischer Kommunikation: der Diskursmonitor. In: Aptum 15 (1), S. 1–12.

Zitiervorschlag

Vogel, Friedemann (2020): “Wenn Virologen alle paar Tage ihre Meinung ändern, müssen wir in der Politik dagegenhalten“ Thesen zur politischen Sprache und (strategischen) Kommunikation im Pandemie-Krisendiskurs. In: Diskursmonitor. Online-Plattform zur Aufklärung und Dokumentation von strategischer Kommunikation. Online unter: https://diskursmonitor.de/review/corona-fv-1/​.