„Antisemitismus“ / „Antisemit“

Beobachtungen zur gegenwärtigen Diskurslandschaft

Von Friedemann Vogel und Antje Wilton, Review, Sprach- und Diskurskritik

Die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Nahost-Konflikt und den kriegerischen Ereignissen in Israel und Palästina hat den Ausdruck „Antisemitismus“ (bzw. „antisemitisch“ und „Antisemit“) zum Gegenstand von Deutungskämpfen gemacht. Dabei konkurrieren Versuche, den Ausdruck fachlich zu definieren (zum Beispiel in Anlehnung an die IHRA- oder JDA-Definitionsversuche), mit Versuchen politischer Instrumentalisierung des Begriffs im medialen Interdiskurs.

Instrumentalisiert wird der Begriff vor allem zur Legitimierung von israelischen Kriegsaktivitäten (Bombardierung, Zerstörung, Vertreibung von palästinensischen, libanesischen u.a. Bevölkerungsgruppen) oder von Unterstützungsleistungen (z.B. deutschen Waffenlieferungen), geframed als ‚Verteidigung gegen juden- und/oder israelfeindliche Gefahren‘. Auch versuchen manche Akteure mit dem „Antisemitismus“-Vorwurf antiarabische und antimuslimische Vorurteile zu kaschieren. Besonders augenscheinlich werden solche Instrumentalisierungsversuche dort, wo „Antisemitismus“-Vorwürfe selbst mit Pauschalisierungen arbeiten, die eine (behauptete oder tatsächliche) Zugehörigkeit zu Judentum, Israel und/oder zionistischer Ideologie miteinander vermischen.

Zugleich werden an anderer Stelle de facto judenfeindliche* Äußerungen oder Handlungen mit der Behauptung legitimiert, es handle sich lediglich um legitime Kritik an Israel und israelischen Kriegsverbrechen; Ablehnung dieser Äußerungen oder Handlungen seien damit ‚Instrumentalisierungen des Antisemitismus-Vorwurfs‘.

Das Spektrum der Verwendungen ist inzwischen breit. Gemein haben sie, dass „Antisemitismus“ in einer so hohen Frequenz als Schlagwort und Diffamierungsvokabel verwendet wird, dass bisherige fachliche Bedeutungsanteile weitestgehend ausgeblendet sind. Die Funktion des Ausdrucks – vor allem bei der Verwendung durch Akteure konservativer Parteien – ähnelt inzwischen (September 2026) mehr solchen allgemeinen Distanz- und Positionierungsvokabeln wie „extrem(istisch)“ oder „radikal“. Mitunter ist die Verwendung des Ausdrucks in der Breite derart beliebig, dass er lediglich noch dazu dient, eine politische Position als ‚inakzeptabel‘ zu markieren – mit Judenfeindlichkeit im engeren Sinne hat er damit nichts oder kaum etwas zu tun. Viele Belege dieser Art finden sich bei der Kampagne im Anschluss an den Wahlgewinn der Linken bei den Berliner Abgeordnetenwahl. Der CDU-Abgeordnete und ehem. Bundesminister Peter Altmaier postete zum Beispiel am 23.09.2026 auf X:

„Warum nehmen wir den Aufstieg der Antisemiten so tatenlos hin? Die Linke steht an der Schwelle zum Roten Rathaus. Warum schaffen wir es nicht, dass 50.00 Menschen vor dem Brandenburger Tor für jüdisches Leben in Deutschland und gegen Antisemitismus demonstrieren?“ (https://x.com/peteraltmaier/status/2102633030821236977)

Altmaier markiert die gesamte Partei „Die Linke“ pauschal als „Antisemiten“ (hier auch noch als Genitivattribut als quasi Konsenswissen unterstellt), denen man sich entgegenstellen müsse. Auch Bundeskanzler Merz kündigte kurz vor der Wahl in Berlin an, man werde alles tun, um den Antisemitismus in Berlin „unter Kontrolle zu bringen und zurückzudrängen“ (Die Zeit/dpa Berlin-Brandenburg, 21.09.2026), was als eine „klare Ansage an eine mögliche rot-rot-grüne Regierung in Berlin gelten“ könne (ebd.). Seine Einordnung, Antisemitismus sei „die perfideste Form der Ausländerfeindlichkeit“ (Deutschlandfunk, 18.09.2026), rief erwartbaren öffentlichen Widerspruch hervor, da sie pauschal alle in Deutschland lebenden Jüd:innen zu Ausländer:innen deklariere. Auch viele andere Belege aus dem berufspolitischen Raum stilisieren im und nach dem Wahlkampf eine mögliche Regierung der Linken als ‚antisemitische Dystopie‘, ohne auf konkrete Fälle oder Personen zu referieren – genau darin spiegelt sich die Kampagnenförmigkeit der Begriffsinstrumentalisierung. Erwartbar werden in diesem Kontext dann (selbst- oder fremdbestimmte) Jüd:innen als moralische Autoritäten sowohl zur Stützung als auch (dann von Linken-Befürwortern) zur Zurückweisung dieser Einordnung in Stellung gebracht.

Aus diskurslinguistischer Perspektive ist zu erwarten, dass die hohe Frequenz und Bedeutungserweiterung (bzw. -verschiebung) Konsequenzen für den zivilgesellschaftlichen Kampf gegen judenfeindliche Aktivitäten in Deutschland hat. Der Ausdruck „Antisemitismus“ verliert zunehmend seine Diagnose- und Warnfunktion, mit anderen Worten: Warnungen vor antisemitischer Gewalt (im Sinne der Jerusalemer Erklärung) – und 47% aller antisemitischen Straftaten 2025 haben einen rechtsextremen, nur 2% einen linken Anschauungshintergrund (Mediendienst Integration mit Rekurs auf BMI)  – werden nicht mehr ernst genommen. So warnt beispielsweise die Historikerin Stefanie Schüler-Springorum, Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin, vor einer Instrumentalisierung des „Antisemitismus“ für politische Zwecke:

„Ich sehe hier eine überzogene Diskussion, bei der es offensichtlich auch darum geht, die Regierungsbildung in Berlin zu beeinflussen“ (rbb24, 22.09.2026).

Wer dieser Tendenz entgegenwirken möchte, sollte generell vom pauschalisierenden Gebrauch des Ausdrucks Abstand nehmen und die Verwendung durch andere sorgfältig prüfen.

 

* Anmerkung: In diesem Text wird behelfsweise auf den Ausdruck „Judenfeindlichkeit“ zurückgegriffen, um beim sprachlichen Verweis auf das Phänomen den hier problematisierten Wortgebrauch von „Antisemitismus“ zu vermeiden. Es handelt sich dabei aber nicht um einen etablierten Fachterminus; genau genommen deckt „Judenfeindlichkeit“ nur einen Teil (fachlich verstandener) antisemitischer Vorurteilspraxis ab. Für eine nähere Auseinandersetzung sei auf die nachfolgenden Beiträge von Peter Ullrich verwiesen.

Zum Weiterlesen:

Zitiervorschlag

Vogel, Friedemann / Wilton, Antje (2026): „Antisemitismus“ / „Antisemit“ – Beobachtungen zur gegenwärtigen Diskurslandschaft. In: Diskursmonitor. Online-Plattform zur Aufklärung und Dokumentation von strategischer Kommunikation. Veröffentlicht am 24.09.2026. Online unter: https://diskursmonitor.de/review/antisemitismus-antisemit.