DiskursGlossar

Diskurssemantische Verschiebung

Kategorie: Grundbegriffe
Verwandte Ausdrücke: Diskursverschiebung
Siehe auch: Kriminalisierung
Autor: Friedemann Vogel
Version: 1.0 / Datum: 01.11.2025

Kurzzusammenfassung

Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder längerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschaftsgruppen hinweist. Verschiebungen in diesem Sinne lassen sich daran erkennen, dass Sachverhalte, Gegenstände oder Akteure in einem bestimmten Zeitintervall anders wahrgenommen, in anderen Kategorien gedacht und infolge auch anders (diskursiv) behandelt werden als in einem anderen historischen Abschnitt, zum Beispiel als ‚(un)normaler/(un)alltäglicher‘, ‚(a)sexueller‘, ‚(un)menschlicher‘, ‚(ent)tabuisierter‘ oder ‚(il)legaler‘. Solche musterhaften Verschiebungen können gezielte Folge von strategischen Kommunikationspraktiken sein (z. B. langfristiges Agenda Setting mithilfe wiederholter Werbekampagnen oder Großdemonstrationen), sie können sich aber auch ‚ungeplant‘ als Effekt einer mitunter unvorhersehbaren diskursiven Gemengelage einstellen.

Seit etwa 2019 findet sich in öffentlichen bzw. feuilletonistischen Debatten der Ausdruck Diskursverschiebung, der dem hier beschriebenen Terminus zwar ähnelt, aber tendenziell eher als wenig theoretisierter Diagnose- und Warnbegriff (Schlagwort) gebraucht wird.

Erweiterte Begriffsklärung

Als diskurssemantische Verschiebungen bezeichnet die Forschungsgruppe Diskursmonitor

Rekonfigurationen (Umstrukturierungen) von Diskursen, das heißt […] musterhafte Änderungen in Wissens- und Handlungsschemata größerer Bevölkerungsgruppen als Ziel oder auch unbeabsichtigter Effekt von strategisch eingesetzten Techniken und Praktiken […]. Hierzu gehören etwa diskurssemantische Verschiebungen wie die Moralisierung oder Banalisierung des Sprechens über einen Sachverhalt, die Konsensualisierung eines sonst umstrittenen Themas, die Infantilisierung, Kriminalisierung oder Sexualisierung einer Personengruppe. (Vogel et al. 2019: 209)

Das Konzept befindet sich im heuristischen Diskursmodell der Forschungsgruppe auf einer mittleren Abstraktionsebene. Im Mittelpunkt stehen epistemische Wandelprozesse in der kommunikativen Perspektivierung von Sachverhalten in der Welt und damit verbundene Wahrheitsannahmen und Handlungsoptionen. Dass und wie ein Sachverhalt – sei es eine soziale Gruppe (z. B. eine Partei oder Protestgruppe), eine Praktik (z. B. Straßenblockierung als Protestform) oder eine politische Beziehung (wie stehen etwa AfD und CDU oder Deutschland und die USA, Russland und die Ukraine zueinander) – von größeren Teilen einer Gesellschaft wahrgenommen und gedeutet wird, wird heute vor allem über massenmediale Muster der sprachlichen Zubereitung reproduziert, sichtbar und analysierbar.

Folgende Indizien können auf diskurssemantische Verschiebungen hinweisen:

  • Leit- und Ordnungsbegriffe (Schlagwörter), die im kulturellen Gedächtnis einer Gesellschaft eine zentrale Rolle spielen (z. B. Sicherheit, Freiheit, Pazifismus, Wohlstand, Wachstum, Nachhaltigkeit, Antisemitismus), werden in medialen und politischen Arenen semantisch umkämpft und/oder verändern dort vorübergehend oder dauerhaft ihre prototypische (deontische) Bedeutung.
  • Neue Leit- und Ordnungsbegriffe entstehen (wie kriegstüchtig) oder werden aus früheren Diskursgenerationen aufgegriffen und aktualisiert (wie Zeitenwende).
  • Sagbarkeitsgrenzen verändern sich: Themen, Positionen, Argumente und ihre Sprecher*innen, die zuvor in der öffentlichen Diskussion – sei sie global oder lediglich in größeren Kollektiven wie Parteien geführt – tabuisiert waren, rücken ins legitime, sprechfähige Diskursfeld – oder umgekehrt (z. B. waren in der Partei der Grünen der 1980er Jahre militärische Auslandseinsätze kaum denkbar, heute sind sie politischer Alltag).
  • Sprach- und diskurskritische Metadiskurse konstatieren oder beklagen Veränderungen im Akzeptanz- und Normalitätsspektrum öffentlicher Sprache und Konzepte (siehe unten Beispiel 4).

Zur zeitlichen Ausdehnung diskurssemantischer Verschiebungen lassen sich kaum pauschale Angaben machen, sie können sich je nach Diskurskonstellation (Art und Anzahl involvierter Akteure, Domäne, Diskussionsgegenstand, moralisch-rechtliche Facetten usw.) über Wochen, Monate oder viele Jahre erstrecken. Dagegen können Verschiebungen wohl durch besonders diskursprägende Ereignisse ausgelöst oder ihr Hervortreten begünstigt werden. So hatten die Terrorangriffe auf die USA am 11. September 2001 und deren mediale Wahrnehmung (nahezu in Echtzeit und weltweit) zahlreiche Veränderungen in Diskursen um innere und äußere Sicherheit sowie in der Wahrnehmung und Behandlung von Bevölkerungsgruppen muslimischen Glaubens zur Folge.

Um diskurssemantische Verschiebungen besser unterscheiden und erkennen zu können, bemüht sich die Forschungsgruppe Diskursmonitor im Rahmen ihres Diskursglossars zur Strategischen Kommunikation um eine Typisierung. Während sich manche dieser Typen relativ deutlich abgrenzen lassen (etwa die ‚Verrechtlichung‘ oder ‚Sexualisierung von Sachverhalten‘), fällt dies bei anderen Typen deutlich schwerer (etwa bei Dehumanisierung). Auch gibt es zwischen vielen Typen fließende Übergänge: so gehen (Ent-)Kriminalisierung oder (Ent-)Sexualisierung oftmals mit Moralisierung einher; (De-)Normalisierung könnte außerdem geradezu ein ‚Makrotyp‘ sein, der jeden anderen Typ an Diskursverschiebung mitkonstituiert.

Bei der Typisierung von diskurssemantischen Verschiebungen soll berücksichtigt werden, ob diese mit erwartbaren Praktiken, Akteurskonstellationen, Medien und letztlich Diskurskonstellationen einhergehen. So zeichnet sich Dehumanisierung – also die Perspektivierung einer Person oder Gruppe als ‚unmenschlich‘ – oft in einem bestimmten Gebrauch von Metaphern und Vergleichstopoi ab und findet sich besonders im Kontext von Feind-Beschreibungen in Kriegsdiskursen.

Von dem hier beschriebenen Begriff abzugrenzen ist der medial-politische Gebrauch des Ausdrucks Diskursverschiebung, mit dem tendenziell linksliberale Akteure vor aus ihrer Sicht negativen Diskursentwicklungen warnen (z. B. vor einem Rechtsruck oder einer Verrohung öffentlicher Sprache, vgl. Beispiel 4).

Beispiele

(1) Über die vergangenen Jahrzehnte lässt sich beobachten, dass im öffentlichen Diskurs immer mehr Bereiche des gesellschaftlichen Zusammenlebens maßgeblich unter marktökonomischen Gesichtspunkten verhandelt und bewertet werden. Sichtbar wird dies zum Beispiel an der Omnipräsenz zahlreicher, kaum mehr hinterfragter Schlagwörter wie Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit, Eigenverantwortung, Leistungsgerechtigkeit, Deregulierung, Effizienz etc., die oft mit dem Finanz-Topos einhergehen. Aber auch an vermehrten Versuchen von Akteuren aus geisteswissenschaftlichen Fächern oder aus der künstlerischen Praxis, gegenüber Medien und Politik ihren ‚Mehrwert‘ für die Gesellschaft zu unterstreichen, zeigt sich die oft auch als neoliberale bzw. ordoliberale Ideologie kritisierte diskurssemantische Verschiebung der letzten Jahrzehnte.

(2) Bis 1994 stand Homosexualität in Deutschland unter Strafe. Die Entkriminalisierung bzw. auch Normalisierung von Homosexualität zeigt sich nicht nur in der damaligen Abschaffung der entsprechenden Vorschrift im Strafgesetzbuch, sondern auch im öffentlichen Sprechen über Hetero- und Homosexualität sowie im selbstbewussten Auftreten von als homosexuell bekannten Politikern und Prominenten in medialen Diskursen.

(3) Die Bundeswehr bedient sich seit Aussetzung der Wehrpflicht verstärkt verschiedener Praktiken (unter anderem Militainment und Werbung), um sich gegenüber jungen Menschen als attraktiver Arbeitgeber zu normalisieren. Ihr Ziel ist, dass der ‚Dienst an der Waffe‘ als ‚normale Arbeit wie jede andere‘ wahrgenommen wird und damit Hemmungen für einen freiwilligen Wehrdienst sinken. Dass dieses diskurssemantische Ziel kein Selbstläufer ist, zeigt sich an Protest gegen und Skandalisierung von Werbepraktiken als ‚Kriegs-Spiele‘.

(4) Das folgende Beispiel illustriert die Verwendung des Wortes Diskursverschiebung als eher bildungssprachlicher Diagnose- und Warnbegriff in Politik und Medien. Die Verwendung ähnelt dem oben beschriebenen Terminus der diskurssemantischen Verschiebung, er erfüllt aber eher eine appellative Schlagwort-Funktion:

Rechtsextremismus – Gibt es eine Diskursverschiebung nach rechts? […] Die AfD bekommt mehr Zuspruch und auch in unseren Debatten ist oft von einem Rechtsruck die Rede. Doch stimmt das überhaupt? Verschiebt sich das Sagbare nach rechts? Die Forschung zeigt: Teils ja, teils ist aber auch das Gegenteil der Fall. (Deutschlandfunk, 14.12.2023, vgl. Kühn 2023)

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Vogel, Friedemann; Deus, Fabian; Rüdiger, Jan O.; Tripps, Felix (2020): Diskursmonitor – Eine Online-Plattform zur Aufklärung strategischer Kommunikation in Diskursen. In: Vogel, Friedemann; Deus, Fabian (Hrsg.): Diskursintervention. Normativer Maßstab der Kritik und praktische Perspektiven zur Kultivierung öffentlicher Diskurse. Wiesbaden: Springer VS, S. 203–214.

Zitierte Literatur

  • Kühn, Kathrin (2023): Rechtsextremismus – Gibt es eine Diskursverschiebung nach rechts? In: Deutschlandfunk. Online unter: https://www.deutschlandfunk.de/extremismus-populismus-gibt-es-eine-diskursverschiebung-nach-rechts-dlf-5cb4c2a1-100.html ; Zugriff: 31.10.2025. 
  • Vogel, Friedemann; Deus, Fabian; Rüdiger, Jan O.; Tripps, Felix (2020): Diskursmonitor – Eine Online-Plattform zur Aufklärung strategischer Kommunikation in Diskursen. In: Vogel, Friedemann; Deus, Fabian (Hrsg.): Diskursintervention. Normativer Maßstab der Kritik und praktische Perspektiven zur Kultivierung öffentlicher Diskurse. Wiesbaden: Springer VS, S. 203–214.

Zitiervorschlag

Vogel, Friedemann (2025): Diskurssemantische Verschiebung. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 01.11.2025. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/diskurssemantische-verschiebung/.

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Domäne

Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.

Positionieren

Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.

Deutungsmuster

Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.

Sinnformel

‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.

Praktik

Eine Praktik ist ein spezifisches, situativ vollzogenes und sinnhaftes Bündel von körperlichen Verhaltensweisen, an dem mehrere Menschen und Dinge beteiligt sein können (z. B. Seufzen, um Frust auszudrücken, oder einen Beschwerdebrief schreiben, Fußballspielen).

Kontextualisieren

Kontextualisieren wird im allgemeineren bildungssprachlichen Begriffsgebrauch verwendet, um das Einordnen von etwas oder jemandem in einen bestimmten Zusammenhang zu bezeichnen.

Narrativ

Mit der diskursanalytischen Kategorie des Narrativs werden Vorstellungen von komplexen Denk- und Handlungsstrukturen erfasst. Narrative in diesem Sinne gehören wie Schlagwörter, Metaphern und Topoi zu den Grundkategorien der Analyse von Diskursen.

Argumentation

Argumentation bezeichnet jene sprachliche Tätigkeit, in der man sich mithilfe von Gründen darum bemüht, die Richtigkeit einer Antwort auf eine bestimmte Frage zu erweisen. Das kann in ganz verschiedenen Situationen und Bereichen nötig sein, namentlich um eine poli-tische, wissenschaftliche, rechtliche, unternehmerische oder private Angelegenheit zu klären.

Hegemonie

Wie der britische Politikwissenschaftler Perry Anderson 2018 in einer umfassenden, historisch weit ausgreifenden Studie zum Gebrauch des Begriffs Hegemonie und seinen Konjunkturen beschreibt, liegen die historischen Wurzeln des Begriffs im Griechischen, als Bezeichnung für Führung (eines Staatswesens) mit Anteilen von Konsens.

Diskurskompetenz

Im engeren, linguistischen Sinn bezeichnet Diskurskompetenz die individuelle sprachlich-kommunikative Fähigkeit, längere zusammenhängende sprachliche Äußerungen wie Erzählungen, Erklärungen, Argumentationen zu formulieren und zu verstehen.

Techniken

Dogwhistle

Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.

Boykottaufruf

Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.

Tabuisieren

Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.

Aus dem Zusammenhang reißen

Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie für ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.

Lobbying

Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primär an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein Bündel von kommunikativen Tätigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.

Karten

Karten dienen dazu, Raumausschnitte im Hinblick auf ausgewählte Charakteristika so darzustellen, dass die Informationen unmittelbar in ihrem Zusammenhang erfasst und gut kommuniziert werden können. Dazu ist es notwendig, Daten und Darstellungsweisen auszuwählen und komplexe und oft umkämpfte Prozesse der Wirklichkeit in einfachen Darstellungen zu fixieren.

Pressemitteilung

Pressemitteilungen sind standardisierte Mitteilungen von Organisationen, die sich an Journalist:innen und andere Multiplikator:innen richten. Sie dienen der offiziellen und zitierfähigen Informationsweitergabe und übernehmen zugleich strategische Funktionen in der öffentlichen Kommunikation und Meinungssteuerung.

Shitstorm

Der Begriff Shitstorm beschreibt eine relativ junge Diskurskonstellation, die seit den 2010er Jahren an Bedeutung gewonnen hat und gemeinhin als Online-Wutausbruch bezeichnet wer-den kann.

Tarnschrift

Als Tarnschrift bezeichnet man unter den Bedingungen von Zensur und Verfolgungsrisiko veröffentliche Texte, die insbesondere in der strategischen Kommunikation des NS-Widerstands eine zentrale Rolle spielten.

Ortsbenennung

Die Benennung von Orten dient in erster Linie dazu, den jeweiligen geografischen Ort zu lokalisieren und ihn zu identifizieren. Doch Ortsnamen besitzen eine soziale Dimension und spielen eine entscheidende Rolle bei der sprachlich-kulturellen Identitätskonstruktion.

Schlagwörter

Echokammer

Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.

Relativieren

Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.

Massendemokratie

Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.

Social Bots

Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.

Kriegsmüdigkeit

Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.

Woke

Der Ausdruck woke stammt aus dem afroamerikanischen Englisch und bezeichnete dort zunächst den Bewusstseinszustand der Aufgeklärtheit über die Verbreitung von rassistischen Vorurteilen und Diskriminierung unter Angehörigen ethnischer Minderheiten.

Identität

Unter Identität versteht man allgemein die Summe von Merkmalen, die Individuen oder sozialen Kollektiven – etwa Nationen, Organisationen oder sozialen Gruppen – als charakteristisch oder gar als angeboren zugeordnet werden.

Wohlstand

Unter Wohlstand sind verschiedene Leitbilder (regulative Ideen) zu verstehen, die allgemein den Menschen, vor allem aber den Beteiligten an politischen und wissenschaftlichen Diskursen (politisch Verantwortliche, Forschende unterschiedlicher Disziplinen usw.) eine Orientierung darüber geben sollen, was ein ‚gutes Leben‘ ausmacht.

Remigration

Der Begriff Remigration hat zwei Verwendungsweisen. Zum einen wird er politisch neutral verwendet, um die Rückkehrwanderung von Emigrant:innen in ihr Herkunftsland zu bezeichnen; die meisten Verwendungen beziehen sich heute jedoch auf Rechtsaußendiskurse, wo das Wort der euphemistischen Umschreibung einer aggressiven Politik dient, mit der nicht ethnisch deutsche Immigrant:innen und ihren Nachfahr:innen zur Ausreise bewegt oder gezwungen werden sollen.

Radikalisierung

Das Adjektiv radikal ist ein mehrdeutiges Wort, das ohne spezifischen Kontext wertneutral gebraucht wird. Sprachhistorisch bezeichnete es etwas ‚tief Verwurzeltes‘ oder ‚Grundlegendes‘. Dementsprechend ist radikales Handeln auf die Ursache von etwas gerichtet, indem es beispielsweise zugrundeliegende Systeme, Strukturen oder Einstellungen infrage stellt und zu ändern sucht.

Verschiebungen

Dehumanisierung

Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.

Kriminalisierung

Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.

Versicherheitlichung

In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Krise

Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.

Partizipatorischer Diskurs

Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Beobachtung zum Begriff „Diplomatie“ beim Thema Ukraine im Europäischen Parlament

Von EU-Vertretern waren zur Ukraine seit 2022 vor allem Aussagen zu hören, die sich unter dem Motto „as long as it takes“ beziehungsweise „so lange wie nötig“ für die Erweiterung der militärischen Ausstattung und der Verlängerung des Krieges aussprachen. Vorschläge oder Vorstöße auf dem Gebiet der „Diplomatie“ im Sinne von ‚Verhandeln (mit Worten) zwischen Konfliktparteien‘ gab es dagegen wenige, obwohl die klare Mehrheit von Kriegen mit Diplomatie beendet wurden (vgl. z.B. Wallensteen 2015: 142)

Die Macht der Worte 4/4: So geht kultivierter Streit

DiskursReview Die Macht der Worte (4/4):So geht kultivierter Streit Begleittext zum Podcast im Deutschlandfunk (1) Wörter als Waffen (2) Freund-Feind-Begriffe (3) Sprachliche Denkschablonen (4) So geht kultivierter StreitEin Text vonvon Friedemann VogelVersion: 1.0 /...

Die Macht der Worte 3/4: Sprachliche Denkschablonen

DiskursReview Die Macht der Worte (3/4):Sprachliche Denkschablonen Begleittext zum Podcast im Deutschlandfunk (1) Wörter als Waffen (2) Freund-Feind-Begriffe (3) Sprachliche Denkschablonen (4) So geht kultivierter StreitEin Text vonvon Friedemann VogelVersion: 1.0 /...

Die Macht der Worte 2/4: Freund-Feind-Begriffe

DiskursReview Die Macht der Worte (2/4): Freund-Feind-Begriffe Begleittext zum Podcast im Deutschlandfunk (1) Wörter als Waffen (2) Freund-Feind-Begriffe (3) Sprachliche Denkschablonen (4) So geht kultivierter StreitEin Text vonvon Friedemann VogelVersion: 1.0 /...

Die Macht der Worte 1/4: Wörter als Waffen

DiskursReviewDie Macht der Worte (1/4): Wörter als Waffen Begleittext zum Podcast im Deutschlandfunk (1) Wörter als Waffen (2) Freund-Feind-Begriffe (3) Sprachliche Denkschablonen (4) So geht kultivierter StreitEin Text vonvon Friedemann VogelVersion: 1.0 / 06.03.2025...

Relativieren – kontextualisieren – differenzieren

Die drei Handlungsverben relativieren, kontextualisieren, differenzieren haben gemein, dass sie sowohl in Fachdiskursen als auch im mediopolitischen Interdiskurs gebraucht werden. In Fachdiskursen stehen sie unter anderem für Praktiken, die das Kerngeschäft wissenschaftlichen Arbeitens ausmachen: analytische Gegenstände miteinander in Beziehung zu setzen, einzuordnen, zu typisieren und zugleich Unterschiede zu erkennen und zu benennen.