
DiskursGlossar
Demokratie
Kategorie: Schlagwörter
Verwandte Ausdrücke: Volksherrschaft, Staatsform, Republik, Liberalismus
Siehe auch: Politische Kommunikation, Elite, Schlagwort
Autor: David Salomon
Version: 1.1 / Datum: 13.02.2023
Kurzzusammenfassung
Der Ausdruck Demokratie dient häufig zur Bezeichnung einer (parlamentarischen) Staatsform und suggeriert die mögliche Beteiligung aller an den öffentlichen Angelegenheiten. Dabei ist seine Bedeutung weniger eindeutig als es den Anschein hat. Strategisch eingesetzt fungiert er heute stets als politisches Hochwertwort. Das war nicht immer so. Bis weit ins 19. Jahrhundert wurden Demokratie und Demokrat von traditionell aristokratischen und neuen bürgerlichen ‚Eliten‘ fast ausschließlich zur Diskreditierung und Abwertung ‚gefährlicher‘ Bestrebungen ‚von unten‘ gebraucht, eine Funktion, die das Wort teilweise auch im 20. Jahrhundert noch erfüllte. Gerade auch liberale politische Theoretiker wollten sich zunächst keineswegs zur Demokratie bekennen. Wurde Demokratie von alters her mit einer Herrschaft des einfachen Volkes assoziiert, vollzog die Entwicklung des liberalen Demokratiemodells eine doppelte Wendung: Erstens wurde es durch die Stärkung des Stellvertreterprinzips in repräsentativen Systemen möglich, Varianten einer Elitendemokratie (im Unterschied zur Massendemokratie) zu etablieren. Zweitens wurde Demokratie als Staatsform auf einen öffentlich-politischen Bereich beschränkt, während die ökonomische Struktur als Privatsache dem politischen Zugriff weitgehend entzogen blieb. ‚Liberale Demokratie‘ ist somit ein strategisches Konzept, das von Anfang an in einem Konflikt zu weitergehenden Demokratisierungsmodellen stand, die eine Überwindung der Klassengesellschaft, die Herstellung materialer (nicht nur formaler) Gleichheit und die Demokratisierung der Wirtschaft anstreben. In aktuellen Auseinandersetzungen wird das Konzept der liberalen Demokratie allerdings zunehmend von so genannten illiberalen Demokratiemodellen infrage gestellt, die auf eine Stärkung der politischen Exekutive (zulasten von Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung) abzielen und dies (auf Kosten von kulturellen, sexuellen oder religiösen Minderheiten) mit der Behauptung verbinden, nationale oder kulturelle Homogenität sei Voraussetzung von ‚Demokratie‘. Dieses Konzept gleicht dem liberaldemokratischen Modell allerdings bei der Sicherung von Eigentum und der Trennung einer politisch-öffentlichen von einer privaten-ökonomischen Handlungssphäre.
Erweiterte Begriffsklärung
In der Antike galt die attische Demokratie nicht nur als Mehrheitsherrschaft, sondern – stärker noch – als Herrschaft der ‚Armen‘. Diesen sozialen Gehalt der Demokratie hebt beispielsweise Aristoteles hervor, wenn er sich in seiner Politik gegen das (schon damals aufkommende) ‚Missverständnis‘ richtet, Demokratie ließe sich als „eine Verfassung bestimmen, wo die Menge befiehlt“ (Aristoteles 1290a: 30 f.):
„Denn wenn ihrer aller tausendunddreihundert, und von ihnen die tausend reich wären und die dreihundert Armen, obwohl sie freie und ihnen sonst gleich wären, nicht mitregieren ließen, so würde wohl niemand bei ihnen von einer demokratischen Herrschaft sprechen. Und ebensowenig würde man, wenn der Armen wenige sind, sie aber gegenüber der begüterten Majorität die stärkeren wären, einen solchen Staat als eine Oligarchie bezeichnen, wenn die anderen, die Reichen an den Ehrenämtern keinen Anteil hätten.“ (Aristoteles 1290a 34 f.)
Demgegenüber betont Aristoteles:
„Vielmehr hat man Demokratie, wenn die armen Freien als Majorität im Besitze der Herrschaft sind, und Oligarchie, wenn die Reichen und Edleren als Minorität sie haben.“ (Aristoteles 1290b 17f.)
Tatsächlich ist Aristoteles’ Umgang mit dem Demokratieproblem bis in heutige strategische Begriffsverwendungen hinein von Bedeutung. Schon seine bevorzugte Staatsverfassung einer ,Politie‘ zeichnet eine Mischverfassung vor, in die demokratische Elemente zwar aufgenommen, zugleich jedoch durch monarchische und aristokratische Prinzipien eingeschränkt und gezügelt werden. Solche Mischverfassungsideale finden sich in der Neuzeit bei zahlreichen Theoretikern wieder: Unter Bezugnahme auf das republikanische Rom wurden sie insbesondere im Kontext von Stadtstaaten entwickelt, wobei die italienischen Stadtrepubliken als klassische Beispiele gelten können. In der Folgezeit strahlten sie weit über solch begrenzte Räume hinaus und wurden auch in großen Territorialstaaten als Alternative zum absolutistischen Regieren diskutiert. Auf diesem Weg inspirierten sie liberale staatsphilosophische Entwürfe von John Locke bis zu den US-amerikanischen Federalists. Die so begründeten Republiken, Repräsentativordnungen und konstitutionellen Monarchien wurden allerdings zunächst nicht zu Demokratien erklärt oder als solche verstanden. Häufig sah man ihre Bedeutung im Gegenteil gerade darin, alte Feudalbande zu überwinden, ohne in ‚demokratische‘ (also chaotische) Verhältnisse abzugleiten.
Zu bedeutenderen semantischen Verschiebungen kam es seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Mit der Industrialisierung der Produktion entstand eine zunehmend selbstbewusste und organisierte Arbeiterbewegung, die Demokratie als Programmbegriff übernahm. Zum zentralen Feld demokratiepolitischer Auseinandersetzungen wurde in Europa der Streit um die Einführung eines allgemeinen Wahlrechts. In diesem Zusammengang hat die Geschichtsschreibung der Demokratie bereits häufig auf das Paradoxon verwiesen, dass Wahlrechtsreformen eher von konservativen als von liberalen Kräften unterstützt wurden (Abendroth 2008: 408; Daniel 2020). Der Kampf um das Wahlrecht war von Anfang an auch ein Kampf um Wählerstimmen, wobei der Konservativismus hoffen konnte, in der Landbevölkerung und in religiösen Arbeitermilieus auf Zustimmung zu stoßen. Liberale hingegen fürchteten, eine aus ihrer Sicht zu weit gehende Demokratisierung könne mit Eingriffen in das Eigentumsrecht einhergehen und sozialistische Bestrebungen befördern (vgl. Abendroth 2008: 408). Zu einer wesentlichen Voraussetzung dafür, dass Liberale den Begriff der Demokratie adaptieren konnten, wurde daher, ihn von sozialistischen Forderungen zu lösen:
Nein, meine Herren, die Demokratie und der Sozialismus gehören nicht zusammen. Es sind nicht nur zwei verschiedene Dinge, sondern Gegensätze
spitzte der Abgeordnete Alexis de Tocqueville (2006: 197) am 12.09.1848 in seiner Rede gegen das Recht auf Arbeit vor der verfassungsgebenden Versammlung in Paris seine damals durchaus ungewöhnliche These zu. Im Rückblick lässt sich sagen: Der Autor von Die Demokratie im Amerika gehört zu den frühen Schöpfern des ‚Narrativs‘ einer nahezu natürlichen Verbindung von Demokratie und Liberalismus. Seit dieser semantischen Kehrtwende lautet der Vorwurf nicht mehr, der sozialistische Gegner wolle die Demokratie, sondern umgekehrt: Sozialismus sei undemokratisch.
In den Jahrzehnten nach den europäischen Revolutionen von 1848 (vgl. Hobsbawm 2017) entfalteten sich im Widerstreit zwischen sozialistischen und liberalen Positionen die Facetten eines modernen Demokratiekonflikts (zu diesem Begriff vgl. www.demokratiekonflikte.de): Je stärker das Wort zum normativen Bezugspunkt unterschiedlicher politischer Strömungen wurde, desto weniger eindeutig erschien seine Bedeutung. Liberale und sozialistische Demokratiekonzepte waren zwar einerseits Verbündete, wenn es um Fragen der Pressefreiheit oder Rechtsgleichheit ging, standen jedoch zugleich für unterschiedliche Gesellschaftsmodelle. Je umfassender demokratische Prinzipien in politischen Systemen etabliert wurden, desto bedeutender wurde neben dem Streit um politische Sachfragen der Konflikt um die Demokratie selbst. Sowohl die Reichweite des politischen Gestaltungsanspruchs in die Gesellschaft als auch die Frage nach adäquaten Institutionen und Verfahren der Willensbildung und Entscheidungsfindung (etwa Parlamentarismus vs. Rätedemokratie) blieben umstritten. Hier liegt letztlich der Grund für die in zahlreichen Konflikttheorien der Demokratie beobachtete Eigenart demokratischer Systeme, dass der „Streit um die Demokratie die Demokratie selbst“ sei (Saar 2019: 491). In der demokratietheoretischen Debatte fällt die Bewertung dieser Konflikte allerdings unterschiedlich aus. Martin Saar (und mit ihm große Teile der sogenannten ‚radikalen‘ Demokratietheorie) akzeptieren diesen permanenten Streit um die Demokratie als unvermeidlich:
„Was manche drastischen Diagnosen […] als Extrem und Verfall kennzeichnen, gehört aus der Perspektive einer […] kritischen Theorie der Demokratie mitten in die Demokratie selbst.“ (Saar 2019: 492, Hervorhebng im Original)
Dagegen beurteilt der Politikwissenschaftler Philip Manow grundlegende Demokratiekonflikte dieser Art zumindest als ambivalent, wenn nicht gar als destruktiv. Manow geht von den auch hier zitierten Überlegungen Saars aus. In den dort beschriebenen Zuständen sieht er die Gefahr einer Zuspitzung des „Konflikt[s] um die Demokratie“ angelegt. Im Bewusstsein der Konfliktparteien werde er dann „als ein […] Kampf zwischen den Verteidigern und den Gegnern der Demokratie geführt“ (Manow 2020: 141 f.). Hierdurch höre er auf, das von allen Seiten akzeptierte Terrain der Auseinandersetzung zu sein. Manows Warnung benennt fraglos eine reale Gefahr. Gerade der ursprüngliche Demokratiekonflikt zwischen liberalem Bürgertum und sozialistischer Arbeiterbewegung spielte in der Geschichte der Demokratie hingegen eine überwiegend produktive Rolle. Ohne die kontinuierliche Kritik am Klassencharakter und den Beschränktheiten liberaler Demokratiemodelle wäre es wohl weder zu einem wirklich allgemeinen Wahlrecht (ohne Zensusbeschränkungen und ähnliche Ausschlüsse) gekommen noch zur Etablierung substantieller sozialstaatlicher Rechtsansprüche.
Als potentiell destruktiv für demokratische Verhältnisse erweist sich hingegen, dass gegenwärtig ein Demokratiekonflikt in den Vordergrund getreten ist, in dem es nicht um eine Vertiefung und Ausweitung der Demokratie auf die Steuerung der ökonomischen Sphäre geht, sondern um eine semantische Neudeutung des Demokratiebegriffs im Sinne der Herrschaft eines vermeintlich ‚homogenen‘ Volkswillens. Bereits in den 80er Jahren hatte der Vordenker der Neuen Rechten, Alain de Benoist, sein Konzept einer ,organischen Demokratie‘ formuliert und hervorgehoben, Individuen seien „primär durch ihre Identität als einer Gemeinschaft Zugehörige bestimmt“ (Benoist 2011: 95, Übers. DS) und demgemäß sei Demokratie nicht denkbar ohne „ein Volk, eine Nation, oder eine Stadt“ (ebd.). Im Zuge des Aufstiegs rechtspopulistischer Bewegungen wuchs solchen demokratiepolitischen Umdeutungen ein neues politisches Gewicht zu. In der Reaktion auf solche Infragestellungen liberaler Demokratie regiert diese zunehmend mit einem Ausbau von Sicherheitsapparaten und polizeilichen Kontrollbefugnissen, durch die in der vermeintlichen Abwehrbereitschaft gegenüber einer Gefährdung der Demokratie von außen, substantielle Bürgerrechte (Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit etc.) relativiert oder infrage gestellt werden. Versuche, grundsätzliche Demokratiekonflikte im Sinne einer so genannten ,wehrhaften Demokratie‘ autoritativ stillzustellen, neigen ihrerseits zu einer Einschränkung demokratischer Öffentlichkeit. An die Stelle eines Streitfelds, auf dem nicht zuletzt um die Gestalt und Fortentwicklung der Demokratie selbst gerungen wird, tritt ‚Demokratie‘ als eine Bekenntnisse fordernde ‚Wertegemeinschaft‘. Letztlich erweisen sich ‚illiberale‘ oder ‚organische‘ und ‚wehrhafte‘ Demokratie darin als wesensverwandt: Demokratiepolitische Kontroversen sollen unter dem Signum, die vermeintliche Identität der Demokratie zu retten oder wiederherzustellen, ausgeschaltet werden. Die repressive Seite des Demokratiediskurses richtet sich dabei nicht nur nach Innen. Insbesondere eine simple Entgegensetzung von Demokratie und Autokratie wurde in den vergangenen Jahrzehnten häufig bemüht, wenn Sanktionsregime oder auch militärische Interventionen legitimiert werden sollten.
Beispiele
Die folgenden drei Zitate illustrieren drei grundlegende, miteinander konkurrierende Konzepte, die von verschiedenen Akteuren mit dem Schlagwort Demokratie verbunden werden:
Liberale Demokratie:
„Nein, meine Herren, die Demokratie und der Sozialismus gehören nicht zusammen. Es sind nicht nur zwei verschiedene Dinge, sondern Gegensätze. Sollte Demokratie zufällig darin bestehen, eine Regierung zu bilden, die noch quälender, kleinlicher und restriktiver ist, als alle anderen, mit dem einzigen Unterschied, dass man sie vom Volk wählen und im Namen des Volkes agieren ließe? Aber was hätten Sie dann getan, außer der Tyrannei einen legitimen Anstrich zu geben, den sie nicht besaß, und ihr damit die Stärke und Allmacht zu verleihen, die ihr fehlten! Die Demokratie erweitert den Bereich der individuellen Unabhängigkeit, der Sozialismus engt ihn ein. Die Demokratie verleiht jedermann seine Würde, der Sozialismus macht jedermann zum Bediensteten, zum Werkzeug, zu einem unter Vielen. Demokratie und Sozialismus verbindet nur ein Wort, die Gleichheit; aber beachten Sie den Unterschied: Die Demokratie will die Gleichheit in Freiheit, und der Sozialismus will die Gleichheit zwangsweise in Unfreiheit.“ (Tocqueville [1848] 2006: 197 f.)
Soziale Demokratie:
„[A]llein sie [die Sozialisten, DS] gehen von einem Denken aus, das die Einheit aller gesellschaftlichen Prozesse mit der Zielsetzung umfaßt, in ihnen die gleichberechtigte Teilhabe aller die Demokratie, zum Durchbruch zu bringen. Sozialismus ist nichts anderes als die allseitige Verwirklichung dieses Gedankens der Demokratie, der aus einem System politischer Spielregeln zum inhaltlichen Prinzip der gesamten Gesellschaft, zur sozialen Demokratie erweitert wird.“ (Abendroth [1954] 2008: 415 f.)
Organische Demokratie:
„Demokratie steht damit in ihren wesentlichsten Zügen in offenem Gegensatz zur liberalen Legitimation politischer Apathie, die schwerlich nicht als Negation der Volkssouveränität zu werten ist. Aber auch in anderer Hinsicht ist Demokratie mit liberalen Prinzipien unvereinbar. Als Form politischer Autorität kann die Demokratie nicht akzeptieren, dass diese der Kontrolle der Wirtschaft und ihrer Repräsentanten unterworfen wird. Demokratie gründet auf dem Grundsatz der Gleichheit der politischen Rechte, was etwas ganz anderes ist als der Glaube an die natürliche Gleichheit der Menschen [beings]. Schließlich gründet es politische Rechte auf Staatsbürgerschaft, was impliziert, dass Individuen in erster Linie durch ihre Identität als einer Gemeinschaft Zugehörige definiert werden. Ohne ein Volk, eine Nation oder eine Stadt kann es keine Demokratie geben – denn diese sind keine vergänglichen Gebilde oder unbedeutenden Konglomerate, sondern die prägnanten Schauplätze demokratischer Praktiken.“ (Benoist [1985] 2011: 96; Übers. DS)
Literatur
Zum Weiterlesen
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Canfora, Luciano (2006/2007): Eine kurze Geschichte der Demokratie. Köln.
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Salomon, David (2011): Demokratie. Köln.
Zitierte Literatur und Belege
- Abendroth, Wolfgang (2008): Demokratie als Institution und Aufgabe. In: Ders.: Gesammelte Schriften, Hannover, S. 407–415.
- Aristoteles: Politik. In: Ders.: Philosophische Schriften. Hamburg.
- Benoist, Alain de (2011): The Problem Of Democracy. London.
- Daniel, Ute (2020): Postheroische Demokratiegeschichte. Hamburg.
- Hobsbawm, Eric (2017): Europäische Revolutionen. Darmstadt.
- Manow, Philp (2020): (Ent-)Demokratisierung der Demokratie. Berlin.
- Saar, Martin (2019): Ohnmacht und Unfreiheit. Demokratische Politik nach der Postdemokratie. In: Ulf Bohmann; Paul Sörensen: Kritische Theorie der Politik, Berlin, S. 473–493.
- Tocqueville, Alexis de (2006): Rede zur Frage des Rechts auf Arbeit [12. September 1848]. In: Ders.: Kleine politische Schriften, Berlin, S. 191–201.
Zitiervorschlag
Salomon, David (2023): Demokratie. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 13.02.2023. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/demokratie.
DiskursGlossar
Grundbegriffe
Begriffsgeschichte
Die Begriffsgeschichte lässt sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten Ausdrücken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext größerer sprachlicher Zusammenhänge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).
Diskurssemantische Verschiebung
Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.
Domäne
Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.
Positionieren
Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.
Deutungsmuster
Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.
Sinnformel
‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.
Praktik
Eine Praktik ist ein spezifisches, situativ vollzogenes und sinnhaftes Bündel von körperlichen Verhaltensweisen, an dem mehrere Menschen und Dinge beteiligt sein können (z. B. Seufzen, um Frust auszudrücken, oder einen Beschwerdebrief schreiben, Fußballspielen).
Kontextualisieren
Kontextualisieren wird im allgemeineren bildungssprachlichen Begriffsgebrauch verwendet, um das Einordnen von etwas oder jemandem in einen bestimmten Zusammenhang zu bezeichnen.
Narrativ
Mit der diskursanalytischen Kategorie des Narrativs werden Vorstellungen von komplexen Denk- und Handlungsstrukturen erfasst. Narrative in diesem Sinne gehören wie Schlagwörter, Metaphern und Topoi zu den Grundkategorien der Analyse von Diskursen.
Argumentation
Argumentation bezeichnet jene sprachliche Tätigkeit, in der man sich mithilfe von Gründen darum bemüht, die Richtigkeit einer Antwort auf eine bestimmte Frage zu erweisen. Das kann in ganz verschiedenen Situationen und Bereichen nötig sein, namentlich um eine poli-tische, wissenschaftliche, rechtliche, unternehmerische oder private Angelegenheit zu klären.
Techniken
AI-Washing/KI-Washing
Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle mit dem Etikett „Künstliche Intelligenz“ (KI bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsächlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark übertrieben, nur marginal vorhanden oder überhaupt nicht gegeben ist.
Dogwhistle
Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.
Boykottaufruf
Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.
Tabuisieren
Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.
Aus dem Zusammenhang reißen
Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie für ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.
Lobbying
Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primär an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein Bündel von kommunikativen Tätigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.
Karten
Karten dienen dazu, Raumausschnitte im Hinblick auf ausgewählte Charakteristika so darzustellen, dass die Informationen unmittelbar in ihrem Zusammenhang erfasst und gut kommuniziert werden können. Dazu ist es notwendig, Daten und Darstellungsweisen auszuwählen und komplexe und oft umkämpfte Prozesse der Wirklichkeit in einfachen Darstellungen zu fixieren.
Pressemitteilung
Pressemitteilungen sind standardisierte Mitteilungen von Organisationen, die sich an Journalist:innen und andere Multiplikator:innen richten. Sie dienen der offiziellen und zitierfähigen Informationsweitergabe und übernehmen zugleich strategische Funktionen in der öffentlichen Kommunikation und Meinungssteuerung.
Shitstorm
Der Begriff Shitstorm beschreibt eine relativ junge Diskurskonstellation, die seit den 2010er Jahren an Bedeutung gewonnen hat und gemeinhin als Online-Wutausbruch bezeichnet wer-den kann.
Tarnschrift
Als Tarnschrift bezeichnet man unter den Bedingungen von Zensur und Verfolgungsrisiko veröffentliche Texte, die insbesondere in der strategischen Kommunikation des NS-Widerstands eine zentrale Rolle spielten.
Schlagwörter
Brückentechnologie
Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der Brückentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschätzten anderen Technologie möglich ist.
Deindustrialisierung
Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch Rückgang von produzierendem Gewerbe.
Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, ähnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).
Echokammer
Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.
Relativieren
Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.
Massendemokratie
Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.
Social Bots
Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.
Kriegsmüdigkeit
Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.
Woke
Der Ausdruck woke stammt aus dem afroamerikanischen Englisch und bezeichnete dort zunächst den Bewusstseinszustand der Aufgeklärtheit über die Verbreitung von rassistischen Vorurteilen und Diskriminierung unter Angehörigen ethnischer Minderheiten.
Identität
Unter Identität versteht man allgemein die Summe von Merkmalen, die Individuen oder sozialen Kollektiven – etwa Nationen, Organisationen oder sozialen Gruppen – als charakteristisch oder gar als angeboren zugeordnet werden.
Verschiebungen
Dehumanisierung
Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.
Kriminalisierung
Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.
Versicherheitlichung
In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.
Ökonomisierung
Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren
Moralisierung
Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.
Konstellationen
Krise
Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.
Partizipatorischer Diskurs
Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.
Skandal
Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.
DiskursReview
Review-Artikel
Memes als moderne Propaganda – Eine sprach- und medienkritische Untersuchung
Digitale Kommunikationsformen prägen heutige gesellschaftliche Debatten weitaus stärker als die klassischen Medien. Ihr Einfluss auf die politische Meinungsbildung und die Ausbildung ideologischer Positionen ist inzwischen unverkennbar und zählt zu den markantesten Entwicklungen der digitalen Gegenwart. Besonders hervorzuheben sind Memes: Sie verbreiten sich schnell, arbeiten mit humoristischen Mitteln und verdichten komplexe Inhalte auf ein Minimum an Zeichen. In öffentlichen Diskursen werden sie daher nicht mehr als spielerisches Internetphänomen betrachtet, sondern als ernstzunehmendes Instrument politischer Kommunikation und den damit einhergehenden propagandistischen Strategien.
Zeitalter der Polykrisen – Was sagt die Polykrise über die Gegenwart und Zukunft?
Beim Durchscrollen der Tagesschlagzeilen ist einem in den letzten Jahr wahrscheinlich der Ausdruck Polykrise ins Blickfeld geraten. Solche Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien lauten beispielsweise (1) „Klimawandel, Krieg in der Ukraine, Abstiegsängste – die Welt ist aus den Fugen geraten: Drei Bücher zeigen Wege aus der Polykrise“ (Friedl 2026); (2) „Kritische Psychotherapie: Psychotherapie in der Polykrise“ (Dicks 2026); (3) „Optimismus in der Polykrise“ (Kolev 2025); (4) „Was tun gegen die …
„Genderwahn“ als sprachkritische Abwertung: Eine kritische Betrachtung
„Die Debatte über Gendern und Nicht-Gendern kann ich schon nicht mehr hören. Soll es doch jeder machen, wie er es selbst will.“ Dieses Zitat äußert der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz im Rahmen der Feier zugunsten des Grundgesetzes, welches im Jahre 2024 den 75. Geburtstag feierte (vgl. Steinkohl et al. 2024). Deutlich wird hierbei, dass die Thematik rund um das Gendern in der Politik aufgefasst wird. Allerdings wird gleichzeitig deutlich, dass die Debatte in der Öffentlichkeit stark kritisiert …
Klimaterroristen: Wie Sprache politische Fronten schafft
Der öffentliche Diskurs über Klimaaktivismus ist in den vergangenen Jahren zunehmend polarisiert. Vor diesem Hintergrund hat sich der Ausdruck Klimaterrorist zu einem politisch und gesellschaftlich stark aufgeladenen Schlagwort entwickelt, das im Jahr 2022 als „Unwort des Jahres“ gewählt wurde (vgl. 2020ff. – Unwort des Jahres). Seine Verwendung verweist auf Konflikte über Legitimität, Moral und Rechtmäßigkeit verschiedener Formen des Protests. Gleichzeitig fungiert der Begriff als sprachliches …
Negativ konnotierte Fremdzuschreibung durch diskriminierende Begriffe – Ein sprachkritischer Beitrag zur Bezeichnung „Kanake“ und dem Zukunftswort „Talahon“
„Gerade diese scheinbar ›milden‹ Formen des Rassismus, die über die Sprache transportiert werden, sind schwer zu bekämpfen, da vielen Menschen nicht klar zu sein scheint, welche Macht Sprache besitzt.“ (Kunz, 2021, S. 58).
Der Begriff „Kanake“ (teilweise auch „Kanacke“) bedeutet in seiner ursprünglichen Bedeutung Mensch und bezeichnete Bewohner*innen der Inselgruppe Neukaledoniens im südlichen Pazifik (vgl. Trost, 2002). Dem Gebrauch lag dabei die Charakterisierung einer spezifischen Gesellschaft …
Wenn aus Vielen Einer wird – Warum pauschale Nationsbezeichnungen sprachlich gefährlich sind
„In dieser Situation sind die Deutschen sehr unzufrieden mit der Arbeit der Politik.“ (Kinkartz, 2025), schreibt die Deutsche Welle im November 2025. Gemeint ist dabei keine einzelne Person oder klar definierte Gruppe, sondern eine ganze Nation, welche mit einem einzigen Artikel zu einem scheinbar einheitlichen Kollektiv zusammengefasst wurde. Solche Formulierungen sind kein Einzelfall. Ähnliche Beispiele, wie „Die Russen greifen an vielen Stellen an“ (Die Welt am Morgen, 2024), „Die Ukrainer …
Das Crazy, wenn Worte Brücken zwischen Generationen sprengen! – Eine sprachkritische Betrachtung von Jugendsprache: Mediale Darstellung, Generationenkonflikt und Pädagogische Einschätzung
Das Jugendwort des Jahres 2025 lautet „das Crazy“. Es meint: „Es gibt keine wirklich passende Antwort. Oder keine wirklich höfliche. Oder eine zu ausführliche, auf die der Antwortende aber gerade keine Lust hat. Oder einfach nur okay“ (Tagesschau, 2025). Torsten Sträter, Kabarettist und Vertreter der Generation X, hört es und stockt: „…das sind zwei Worte… [außerdem] fehlt eins… Vielleicht bin ich ein zu verknöcherter alter Mann geworden, dass ich mich über so eine Kacke… Wer es sagt – Ohrfeige“ …
„Stadtbild“ als politisches Schlagwort – Ein sprach- und medienkritischer Beitrag zur migrationspolitischen Äußerung von Friedrich Merz
Im Rahmen einer Pressekonferenz äußerte sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am 14. Oktober 2025 bei einem Besuch in Brandenburg zur Migrationspolitik. Er verwies dabei auf sinkende Migrationszahlen sowie auf bereits geplante und umgesetzte Maßnahmen, insbesondere Rückführungen. Merz verwendete dabei den Ausdruck „Stadtbild“, der im gegebenen Kontext negativ konnotiert wurde und sich daraufhin innerhalb kurzer Zeit zu einem politischen Schlagwort entwickelte.
Ausgangspunkt war eine journalistische …
Sprache im Scroll-Modus – Brainrot, Memes und medienkritische Deutungen der kindlichen Kommunikation
Laut der KIM-Studie im Jahr 2024 nutzten 54 Prozent der 6- bis 13-Jährigen täglich das Internet (mpfs, 2024). Das sind 7 Prozent mehr als im Jahr 2022 (mpfs, 2024). Besonders auffällig ist, dass 23 Prozent dieser Altersgruppe täglich oder fast täglich TikTok verwenden, während Instagram nur von 11 Prozent genutzt wird (mpfs, 2024). Mit der intensiveren Nutzung der sozialen Medien gewinnen auch Memes an Bedeutung: Dabei handelt es sich um multimodale Inhalte aus Texten, Bildern, Videos, GIFs, Sounds …
Wenn ein Wort mehr sagt als ein Satz: Der Begriff „Klimakleber“ als Beispiel sprachlicher Rahmung
In einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung erwähnt Mareen Linnarzt den Gedanken, dass Sprache lenkt, wie man denkt (vgl. Linnarzt und Steinke 2023). Diese Aussage verweist auf eine grundlegende Eigenschaft von Sprache, die im alltäglichen Mediengebrauch häufig wenig reflektiert wird. Medien verfügen über die Möglichkeit, einzelne Teilaspekte eines Themas hervorzuheben und andere in den Hintergrund zu rücken (vgl. Hasebrink). Auf diese Weise entstehen Deutungsrahmen, innerhalb derer Ereignisse …