DiskursGlossar

Relativieren

Kategorie: Schlagwörter
Verwandte Ausdrücke: Bagatellisieren, herunterspielen, kleinreden, marginalisieren
Siehe auch: Kontextualisieren, Aus dem Zusammenhang reißen
Autor: Friedemann Vogel
Version: 1.0 / Datum: 03.11.2025

Kurzzusammenfassung

Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differenziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.

Im politisch-medialen Diskurs hingegen fungiert relativieren dagegen häufig als Schlagwort mit normativem und vorwurfsvollem Charakter. Hier markiert das Verb kommunikative Grenzziehungen, indem es bestimmten Aussagen – etwa zur Bewertung historischer oder aktueller Ereignisse – eine illegitime Verharmlosung, Gleichsetzung oder Beschönigung unterstellt. Diese appellativ-strategische Verwendung ist eng mit erinnerungskulturellen Auseinandersetzungen und aktuellen Krisendebatten (Pandemie, Ukraine-Krieg, Nahost-Konflikt) verknüpft und dient häufig der Distanzierung, Diskreditierung oder dem Ausschluss missliebiger Positionen aus dem öffentlichen Diskurs.

Erweiterte Begriffsklärung

Das Handlungsverb relativieren wird sowohl in Fachdiskursen als auch im mediopolitischen Interdiskurs gebraucht. Wortgeschichtlich ist es aus dem Lateinischen entlehnt (relātio – ‚das Zurücktragen, das Vorbringen, Erzählung, Berichterstattung, Beziehung, Rücksicht, Verhältnis‘) und mit dem Substantiv Relation verbunden, das seit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts mit der Bedeutung ‚Beziehung, Wechselverhältnis‘ sowie ‚ Bericht, Berichterstattung’ belegt ist (vgl. Pfeifer et al. 1993).

In modernen Fachdiskursen steht es – ähnlich wie die Verben kontextualisieren oder differenzieren – für Praktiken, die das Kerngeschäft wissenschaftlichen Arbeitens ausmachen: analytische Gegenstände miteinander in Beziehung zu setzen, einzuordnen, zu typisieren und zugleich Unterschiede zu erkennen und zu benennen.

Diese Gebrauchsweisen finden sich auch in leicht zugänglichen Online-Wörterbuchausgaben: in der Onlineausgabe des Duden wird relativieren paraphrasiert als „zu etwas anderem in Beziehung setzen und dadurch in seinem Wert o. Ä. einschränken“; die beim DWDS zugängliche Onlinefassung des Wörterbuchs der deutschen Gegenwartssprache (eWDG) erläutert relativieren als „etw. in seiner Gültigkeit einschränken, vor allem dadurch, dass man es mit anderem in Beziehung setzt, in einem übergeordneten Zusammenhang betrachtet“ (siehe Beispiel 1). In beiden Fällen aber fehlt die Gebrauchsvariante als Schlagwort, das nicht erst in neuerer Zeit, sondern teilweise schon sehr viel länger im politisch-medialen Diskurs beobachtet werden kann. Als Schlagwort hat der Ausdruck eine politisch-appellative, also kommunikationsstrategische Funktion, die mal affirmativ, mal distanzierend und sozialdisziplinierend erfolgt. Vor allem in den gegenwärtigen Konflikt- und Kriegsdiskursen rund um Pandemie, Ukraine-Krieg und Israel-Palästina-Konflikt fällt diese deontische Gebrauchsvariante zunehmend auf.

Relativieren findet sich in den Zeitungstextkorpora des DWDS seit vielen Jahrzehnten; die relative Häufigkeit nimmt ab den 1960er Jahren etwas, in den 1990er Jahren deutlich zu und hält sich seitdem im öffentlichen Diskurs. Peaks der Verwendungshäufigkeit finden sich in den Jahren 1994/95 und in der nominalisierten Form Relativierung deutet sich ab 2023 erneut eine starke Häufigkeitszunahme an (vgl. DWDS 2025). Hintergrund ist zum einen der binnendeutsche Erinnerungsdiskurs, der in den 90er Jahren zu einer Verschärfung des Volksverhetzungsparagraphen führt und die Billigung, Leugnung oder Verharmlosung von NS-Verbrechen unter Strafe stellt (§ 130 Abs. 3 StGB). Der Ausdruck Relativierung knüpft an diesen Verbotsdiskurs an, erweitert aber (als nicht-Gesetzesausdruck) die Bedeutung. Vor allem in den 2010er Jahren markiert die Wendung Relativierung des Holocausts (inkl. bedeutungsverwandter Varianten: Relativierung der NS-Verbrechen/Shoa usw.) oft die Auseinandersetzung mit rechtspopulistischen Provokationen von (neu)rechten Akteuren wie Alexander Gauland (Vogelschiss, 2018), Björn Höcke (Denkmal der Schande, 2017) und anderen (Bombenholocaust, 2022).

Untersucht man im Deutschen Referenzkorpus des Instituts für deutsche Sprache mit mehr als 86 Tausend Verwendungsbelegen die typische Wortumgebung (den Kontext) des Lemmas Relativieren, findet man jedoch noch weitere Gebrauchsmuster, die nicht alle an den NS-Bewältigungsdiskurs anknüpfen: Als Objekte relativiert werden alle möglichen Formen kommunikativer, deutungsbedürftiger Praxis (Aussage, Äußerungen, Zahlen, Satz, Begriff, Kritik, Vorwürfe u. ä.), Wahrnehmungsinhalte (Eindruck, Betrachtung), aber auch Fußballergebnisse. An Umständen sind vor allem temporale und graduierende Bedingungen der Relativierung relevant: es wird stark, sogleich, später, schnell, sofort relativiert. Relativierung ist etwas, das mehr oder weniger glaubwürdig (versuchte, bemühte) und in bejahender Verwendung extrinsisch – also durch äußere Umstände – motiviert sein kann (Modalverb müssen; man muss relativieren). Anlass für Relativierung ist oft Kritik.

Relativierungen grenzen nicht nur wertneutral den Geltungsanspruch von Behauptungen ein (das vor allem in affirmativem Gebrauch). Im politischen Diskurs markieren Sprecher damit auch illegitime Aussagen oder Vergleiche und die Grenze zum akzeptierten Common Sense, zu im öffentlichen Erinnerungsdiskurs unhintergehbaren Denk- bzw. Deutungsschablonen (siehe auch Sagbarkeit). Besonders deutlich wird das beim nominalisierten Gebrauch, also der Einordnung einer vom Sprecher oder vom Autor abgelehnten Zuschreibung Dritter als unzulässige, solche [Distanzmarker], inakzeptable, unerträgliche Relativierung. Auch Doppelformen wie Verharmlosung/Historisierung/Gleichsetzung/Aufrechnung/Rechtfertigung/Beschönigung und Relativierung stehen meist im Kontext diskursdisziplinierender Praktiken. In sozialen Medien – zum Beispiel auf Twitter/X oder auch auf den Diskussionsseiten der Wikipedia – finden sich unzählige Belege dieser Ordnungsrufe, die nicht auf Deliberation, sondern auf Diskreditierung und/oder (latenten bis offenen) Diskursausschluss von der Relativierung bezichtigten Akteuren oder ihren Sympathisanten‘ zielen. Gerade in der Verhandlung von Unterstützungsmaßnahmen für oder gegen Konfliktpartner bzw. Kriegsopfer (Ukraine, Russland, Israel, Palästinenser) hat diese Praktik Hochkonjunktur, erwartbar angesichts kriegs- und verdachtsrhetorischer Polarisierung der öffentlichen Debatte.

In der Schlagwort-Verwendung des Verbs relativieren wird oft auch eine argumentative Funktion (als Topos) in Diskussionen sichtbar: Der Vorwurf, man dürfe nicht (alles) (immer) (gleich) relativieren unterstellt dem Diskussionspartner, er wolle illegitimer Weise vom ‚eigentlichen Thema ablenken‘ und/oder ‚offensichtliche Wahrheiten/Probleme nicht anerkennen/sie wegreden/verharmlosen‘. Zugleich werden damit die vorgebrachten Äußerungen des Diskussionspartners als ‚irrelevant‘ bzw. ‚illegitim‘ verworfen.

Viele Facetten des deontischen Gebrauchs von relativieren treffen auch auf die Diskursfunktion des Handlungsverbs kontextualisieren zu. Allerdings stehen die Ausdrücke kontextualisieren/Kontextualisierung nicht mit diskurshistorisch vorbelasteten Ereignissen in Verbindung (wie im Falle von Relativierung des Holocaust u. ä.).

Beispiele

(1) Die folgenden Belege des Verbs relativieren illustrieren eine wertneutrale Verwendung im Sinne des ‚X mit anderen Augen betrachten‘ (a) oder ‚Geltungsanspruch einer Wahrheitsaussage X vor dem Hintergrund Y einschränken‘ (b und c). Diese Verwendungsweise findet sich in der Alltagssprache sowie vor allem in der Kommunikation zwischen Fachleuten (z. B. Wissenschaftsdiskurs) oder in bildungssprachlichen Kontexten (z. B. Zeitungsfeuilleton):

  • (a) Körperliche Leistungsfähigkeit / Nach dem Treppenlauf relativieren sich die Probleme (Headline eines FAZ-Artikels)
  • (b) Während bei den Substantiven keinerlei Suffixoide wirklich die Kraft zu haben scheinen, als zukünftige Suffixe zu fungieren, ist dies bei den Adjektiven zu relativieren (Zitat aus einem sprachwissenschaftlichen Fachartikel)
  • (c) Franziskus war wahrscheinlich der progressivste und reformfreudigste Papst […] Das muss man relativieren: Was im Kontext des kanonischen Rechts und der Strukturen der katholischen Kirche progressiv ist, ist nicht dasselbe, was in der Politik der verschiedenen Länder der Welt als progressiv gilt. (Zitat aus einem Posting auf Reddit)

(2) Relativieren spielt in der deutschen Erinnerungskultur eine besondere Rolle: Als Schlag- und Mahnwort markiert es illegitime bzw. latent unter Strafe stehende (§ 130 Abs. 3 StGB) Vergleiche, Verharmlosung oder gar Leugnung von NS-Verbrechen wie den Holocaust. Der folgende Post etwa skandalisiert in diesem Sinne eine öffentliche Nachricht des Politikers Trittin, der menschenunwürdige Inhaftierungsmethoden in Venezuela in den Kontext des NS-Faschismus setzt:

Schockierender Tweet von @JTrittin (#Grüne), der mit diesem den #Holocaust relativiert. Eine Gleichsetzung von US-Abschiebehaft mit Nazi-Vernichtungslagern ist widerwärtig. Jürgen #Trittin dürfte sich damit nach § 130 Abs. 3 StGB (#Volksverhetzung) strafbar gemacht haben.
(Huch 2025)

(3) Im folgenden Beleg auf X (ehemals Twitter) wird das Verb relativieren (zusammen mit differenzieren und kontextualisieren) als Schlagwort gebraucht: Seine Verwendung durch politische Gegner gilt dem Autor als ‚Zeichen‘ für eine ‚moralisch-argumentativ illegitime Positionierung‘:

X/Twitter-Post vom 06.03.2024, anonymisiert.
Abbildung 1: Anonymisierter Post auf X, erstellt am 06.03.2024 (X/Twitter 2024).

Auch im folgenden X/Twitter-Posting aus dem Kontext des Russland-Ukraine-Kriegsdiskurses stehen Relativierer für eine auszugrenzende Diskursposition:

Geht es Euch auch manchmal so? Irgendwann nerven die Schleimer, #Russland-Küsser, Putinknechte und Feiglinge nur noch, diese Relativierer, Knierutscher und Kreisschwurbler. (X/Twitter 2025)

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Vogel, Friedemann (2024): Relativieren – kontextualisieren – differenzieren: Beobachtungen zum gegenwärtigen interdiskursiven Gebrauch dreier Tätigkeitsverben. In: kulturrevolution, Heft 86.

Zitierte Literatur und Belege

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1: X/Twitter (2024): Anonymisierter Post auf X, erstellt am 06.03.2024.

Zitiervorschlag

Vogel, Friedemann (2025): Relativieren. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 03.11.2025. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/relativieren.

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Akteur

Als Akteur oder Diskursakteur werden in der Diskursforschung meist Gruppen oder Grup-penstellvertreter verstanden, die mit kommunikativen Mitteln in der Öffentlichkeit versuchen, ihre Deutungen und Ressourcenansprüche gegen Rivalen durchzusetzen.

Diskursfigur

Diskursfiguren – wie der Held oder der Experte, das Genie, der Gefährder, Gutmensch, Nerd oder Psychopath – sind im medial-politischen Diskurs konstruierte und verbreitete Vorstellungen von Handlungsträgern, die stereotyp mit bestimmten Eigenschaften assoziiert werden. Sie erhalten durch musterhaften Sprachgebrauch, aber auch durch bildhafte Darstellungen eine kommunizierbare, wiedererkennbare Kontur.

Repräsentative Anekdote

Repräsentative Anekdote bezeichnet ein modellhaftes Kurznarrativ, das in Theorien, Weltanschauungen und komplexen Erklärungen selektiv reproduziert wird. So ist z.B. das „survival of the fittest“ (‚die Stärksten überleben‘) die repräsentative Anekdote, die in allen darwinistischen, sozialdarwinistischen und neodarwinistischen Theorien und Deutungsmustern als Modell dient und variabel ausgearbeitet wird.

Begriffsgeschichte

Die Begriffsgeschichte lässt sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten Ausdrücken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext größerer sprachlicher Zusammenhänge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).

Diskurssemantische Verschiebung

Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.

Domäne

Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.

Ideologie

Der Begriff Ideologie weist im Wesentlichen drei unterschiedliche Bedeutungen auf: Erstens kann er ein trügerisches, realitätsfernes oder dogmatisches Denken bezeichnen; so eignet er sich auch als Schlagwort bzw. politischer Kampfbegriff. Zweitens kann er auf eine sozial bedingte Weltanschauung oder ein umfassendes Ideen- und Wertesystem verweisen. Drittens kann mit Ideologie ein politisches Programm gemeint sein, welches Vorstellungen über gesellschaftliche Ordnung sowie Ziele für politisches Handeln beinhaltet.

Positionieren

Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.

Deutungsmuster

Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.

Sinnformel

‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.

Techniken

Korruption

Korruption wird zum einen als Fachbegriff (Recht, Wissenschaft) verwendet und verweist auf ein Gebiet des Strafrechts und damit auf einen Teil des gesellschaftlichen Normensystems, das Delikte in Kontaktzonen von Politik und Ökonomie definiert.

Beschriftete Waffen

Das Betexten von Waffen, speziell Projektilen wie Schleuderbleien, Kanonenkugeln oder Bomben, mit an die Feindgruppe gerichteten Botschaften (Sarkasmus, Beleidigungen, Todeswünsche u. ä.) ist eine Praktik, die sich bis in die römische Antike zurückverfolgen lässt. Sie dient der Identifikation der Eigengruppe (Truppe oder Gefolgsleute) mit dem Ziel, die Moral vor einem Kampfansatz zu heben (emotional-psychologische Bewältigungsstrategie) sowie Gelassenheit und Siegesgewissheit propagandistisch gegenüber der Eigen- und Fremdgruppe zu inszenieren.

Zitieren

Zitieren bezeichnet die Wiedergabe ausgewählter Text(teil)e in unterschiedlichen Kommunikationskontexten wie Alltag, Wissenschaft, Journalismus und Politik. Grundsätzlich kann Zitieren der möglichst wertneutralen Wiedergabe bzw. Verweisung auf fremde Aussagen dienen, aber auch zur strategischen Positionierung eingesetzt werden. Auch in wissenschaftlichen Texten erfüllt das Zitieren neben der formal korrekten Bezugnahme auf fremde Aussagen u.a. argumentationsstützende Funktionen.

AI-Washing/KI-Washing

Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle mit dem Etikett „Künstliche Intelligenz“ (KI bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsächlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark übertrieben, nur marginal vorhanden oder überhaupt nicht gegeben ist.

Dogwhistle

Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.

Demonstrieren

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Boykottaufruf

Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.

Tabuisieren

Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.

Aus dem Zusammenhang reißen

Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie für ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.

Lobbying

Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primär an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein Bündel von kommunikativen Tätigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.

Schlagwörter

Meinungsfreiheit

Meinungsfreiheit ist ein positiv konnotiertes Schlagwort. Das im Schlagwort kondensierte Pro-gramm wird allgemein zustimmend propagiert oder eingefordert, ohne dass immer verdeutlicht wird, welche Ausgestaltung von Meinungsfreiheit zugrunde liegt. Aufgrund dieser allgemeinen Zu-stimmung kann Meinungsfreiheit als Hochwertwort kategorisiert werden: In der öffentlichen Debat-te gibt es keine wahrnehmbaren Stimmen, die sich gegen Meinungsfreiheit (in dieser unbestimm-ten Form) aussprechen.

Diversität / Vielfalt

Diversität/Vielfalt ist ein aus einschlägigen US-Diskursen der (frühen) 1980er und der 1990er Jahre importiertes Schlagwort und ein Topos, der ethnische, sexuelle und körperliche (Behinderung etc.) Verschiedenheit positiv und programmatisch als Ressourcen der Mehrheitsgesellschaft kodiert. Vielfalt als Chance dürfte der hierzulande häufigste Slogan des Diversitäts-Hypes sein. Qua Diversität werden identitätsrelevante Unterschiede zwischen gesellschaftlichen Gruppen von Stigmata für Minderheiten zu Ressourcen für die Allgemeinheit umgedeutet.

Brückentechnologie

Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der Brückentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschätzten anderen Technologie möglich ist.

Deindustrialisierung

Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch Rückgang von produzierendem Gewerbe.

Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, ähnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).

Echokammer

Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.

Massendemokratie

Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.

Social Bots

Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.

Kriegsmüdigkeit

Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.

Woke

Der Ausdruck woke stammt aus dem afroamerikanischen Englisch und bezeichnete dort zunächst den Bewusstseinszustand der Aufgeklärtheit über die Verbreitung von rassistischen Vorurteilen und Diskriminierung unter Angehörigen ethnischer Minderheiten.

Verschiebungen

Dehumanisierung

Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.

Kriminalisierung

Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.

Versicherheitlichung

In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Krise

Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.

Partizipatorischer Diskurs

Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Tagung 2027: Politisches Lobbying

Sprache und Lobbyismus- Strategische Kommunikation in Politik und Medien Tagung der Forschungsgruppe Diskursmonitor Tagung: 10. und 11. Juni 2027  |  Ort: Universität Siegen [Map]Kontakt: Prof. Dr. Friedemann Vogel, Joline Schmallenbach Call for Papers: 31.10.2026...

Der Totalverweigerer – Anmerkungen zu einer Diskursfigur der Feindbildproduktion im Sicherheits- und Sozialdiskurs

Die Bezeichnung Totalverweigerer wurde ursprünglich in den späten 70er Jahren im Rahmen der Auseinandersetzungen um die Inanspruchnahme des Rechtes auf Kriegsdienstverweigerung nach § 4.3 GG verwendet. Mit diesem Ausdruck wurden junge Männer stigmatisiert, die nicht nur den Wehrdienst, sondern auch den (längeren) zivilen „Ersatzdienst“ (später „Zivildienst“) verweigerten und damit, wie auch nicht-anerkannte Kriegsdienstverweigerer, Haftstrafen riskierten. Wer Zwangsdienste aus Gewissensgründen ablehnte, wurde darüber hinaus wahlweise als politisch unzuverlässig, fehlgeleitet-überspannt, renitent, feige und/oder faul markiert.

Memes als moderne Propaganda – Eine sprach- und medienkritische Untersuchung

Digitale Kommunikationsformen prägen heutige gesellschaftliche Debatten weitaus stärker als die klassischen Medien. Ihr Einfluss auf die politische Meinungsbildung und die Ausbildung ideologischer Positionen ist inzwischen unverkennbar und zählt zu den markantesten Entwicklungen der digitalen Gegenwart. Besonders hervorzuheben sind Memes: Sie verbreiten sich schnell, arbeiten mit humoristischen Mitteln und verdichten komplexe Inhalte auf ein Minimum an Zeichen. In öffentlichen Diskursen werden sie daher nicht mehr als spielerisches Internetphänomen betrachtet, sondern als ernstzunehmendes Instrument politischer Kommunikation und den damit einhergehenden propagandistischen Strategien.

Zeitalter der Polykrisen – Was sagt die Polykrise über die Gegenwart und Zukunft?

Beim Durchscrollen der Tagesschlagzeilen ist einem in den letzten Jahr wahrscheinlich der Ausdruck Polykrise ins Blickfeld geraten. Solche Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien lauten beispielsweise (1) „Klimawandel, Krieg in der Ukraine, Abstiegsängste – die Welt ist aus den Fugen geraten: Drei Bücher zeigen Wege aus der Polykrise“ (Friedl 2026); (2) „Kritische Psychotherapie: Psychotherapie in der Polykrise“ (Dicks 2026); (3) „Optimismus in der Polykrise“ (Kolev 2025); (4) „Was tun gegen die …

„Genderwahn“ als sprachkritische Abwertung: Eine kritische Betrachtung

„Die Debatte über Gendern und Nicht-Gendern kann ich schon nicht mehr hören. Soll es doch jeder machen, wie er es selbst will.“ Dieses Zitat äußert der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz im Rahmen der Feier zugunsten des Grundgesetzes, welches im Jahre 2024 den 75. Geburtstag feierte (vgl. Steinkohl et al. 2024). Deutlich wird hierbei, dass die Thematik rund um das Gendern in der Politik aufgefasst wird. Allerdings wird gleichzeitig deutlich, dass die Debatte in der Öffentlichkeit stark kritisiert …

Klimaterroristen: Wie Sprache politische Fronten schafft

Der öffentliche Diskurs über Klimaaktivismus ist in den vergangenen Jahren zunehmend polarisiert. Vor diesem Hintergrund hat sich der Ausdruck Klimaterrorist zu einem politisch und gesellschaftlich stark aufgeladenen Schlagwort entwickelt, das im Jahr 2022 als „Unwort des Jahres“ gewählt wurde (vgl. 2020ff. – Unwort des Jahres). Seine Verwendung verweist auf Konflikte über Legitimität, Moral und Rechtmäßigkeit verschiedener Formen des Protests. Gleichzeitig fungiert der Begriff als sprachliches …

Negativ konnotierte Fremdzuschreibung durch diskriminierende Begriffe – Ein sprachkritischer Beitrag zur Bezeichnung „Kanake“ und dem Zukunftswort „Talahon“

„Gerade diese scheinbar ›milden‹ Formen des Rassismus, die über die Sprache transportiert werden, sind schwer zu bekämpfen, da vielen Menschen nicht klar zu sein scheint, welche Macht Sprache besitzt.“ (Kunz, 2021, S. 58).

Der Begriff „Kanake“ (teilweise auch „Kanacke“) bedeutet in seiner ursprünglichen Bedeutung Mensch und bezeichnete Bewohner*innen der Inselgruppe Neukaledoniens im südlichen Pazifik (vgl. Trost, 2002). Dem Gebrauch lag dabei die Charakterisierung einer spezifischen Gesellschaft …