DiskursGlossar

Aus dem Zusammenhang reißen

Kategorie: Techniken
Verwandte AusdrĂŒcke: Dekontextualisieren, Redewiedergabe, Rekontextualisieren
Siehe auch: Kontextualisieren, Inszenierte Kontroverse, Distanzieren, Fact Checking, Diskreditieren, IndexikalitÀt
Autor: Thomas Gloning
Version: 1.0 / Datum: 01.11.2025

Kurzzusammenfassung

Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie fĂŒr ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen. (3) In beiden FĂ€llen können Formen des Aus-dem-Zusammenhang-Reißens einer Äußerung zum Gegenstand von VorwĂŒrfen und kommunikativen ,Ordnungsrufen‘ sein, die ihrerseits wiederum in strategischer Weise zur Diskreditierung der Bezugsperson oder anderen diskursiven Zielen genutzt werden können. (4) DarĂŒber hinaus gibt es nicht-argumentative Formen der Herauslösung pointierter oder zugespitzter Äußerungen aus ihrem Kontext fĂŒr unterschiedliche kommunikative Funktionen, mit denen in Diskursen Formen des Widerspruchs, der Richtigstellung oder der ausfĂŒhrlicheren Kommentierung hervorgerufen werden sollen.

Erweiterte BegriffsklÀrung

Formen des Aus-dem-Zusammenhang-Reißens können nicht nur in öffentlichen Diskursen vorkommen, sondern ĂŒberall da, wo ĂŒber Äußerungen bzw. kommunikative Ereignisse gesprochen oder geschrieben wird. Sie sind eingebettet in den Funktionskreis der Redewiedergabe mit ihren vielfĂ€ltigen Realisierungsformen und Wiedergabeaspekten (z. B. Wortlaut, Inhalt, Art der Handlung, das Gemeinte, ModalitĂ€t einer Äußerung wie LautstĂ€rke oder emotionale Beteiligung). Der Bereich der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse ist deutlich vielgestaltiger als der engere Bereich des Zitierens, aber weniger gut erforscht (vgl. zum Zitieren die SammelbĂ€nde von Brendel et al. 2011 und Arendholz et al. 2015). Gleichwohl kann man die Systematik von Formen der Redewiedergabe und der Kritik an Redewiedergaben auch fĂŒr Aspekte des Aus-dem-Zusammenhang-Reißens nutzen (Das habe ich so gar nicht gesagt; Das habe ich mit meiner Äußerung nicht gemeint; Das habe ich so zwar gesagt, aber in einem Kontext, der eine andere Deutung nahelegt als die, die Sie mir unterstellen). Man kann darĂŒber hinaus auch vielfĂ€ltige kommunikative und dialogische Aspekte berĂŒcksichtigen, z. B. die Frage nach strategischen Zielen, nach der Einbettung in kommunikativen ZusammenhĂ€ngen und auch nach der interaktiven ,Verhandlung‘ von aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten oder Aspekten kommunikativer Ereignisse.

Dabei muss man sich vor Augen halten, dass eigentlich jede Art von Redewiedergabe eine Art der Verpflanzung einer ursprĂŒnglichen Äußerung in einen anderen, neuen Kontext ist. Die Besonderheit der FĂ€lle, die von Akteuren als ,Aus dem Zusammenhang reißen‘ bezeichnet werden, scheint zu sein, dass die betreffenden Handlungen in ganz unterschiedlichen Hinsichten als problematisch angesehen werden, z. B. als unfair, als sinnentstellend oder gar als böswillig. Aus-dem-Zusammenhang-Reißen ist also vielfach keine ursprĂŒngliche Eigenschaft einer Wiedergabe-Handlung, sondern ein kommunikativer Klagepunkt bzw. eine Diagnose zu einer Wiedergabehandlung.

Formen des Aus-dem-Zusammenhang-Reißens können nicht nur Ergebnis intentionaler Strategien in Diskursen und anderen kommunikativen ZusammenhĂ€ngen sein, sie sind manchmal nur ‚UnfĂ€lle‘, die nicht beabsichtigt sind. Wenn zum Beispiel im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit ein Textbeispiel in verkĂŒrzter Weise genutzt wird und die zitierte Person selbst oder eine Peer-Reviewerin sich darĂŒber beklagt, wenn dann die zitierende Person dies zugesteht und sich entschuldigt und/oder den Text repariert, dann kann man davon ausgehen, dass hier keine intentionale Falschdarstellung vorliegt, sondern einfach ein handwerklicher Fehler bei der Redewiedergabe.

In beiden FĂ€llen, den intentional-strategischen und den ‚UnfĂ€llen‘, kann der jeweilige dekontextualisierte Sprachgebrauch kritisiert werden und ist damit Gegenstand von Folgehandlungen und von Anschlusskommunikationen, zu deren Repertoire etwa Entschuldigungen, Rechtfertigungen oder Richtigstellungen gehören. Da Äußerungen immer in einem situativen, dialoghistorischen und/oder textuellen Kontext stattfinden, ist eine der interessanten Fragen auch die, welche Aspekte des Kontexts bei der Wiedergabe ggf. nicht berĂŒcksichtigt wurden und wie ggf. darĂŒber gestritten wird.

Bei der Analyse von Beispielen zeigt sich vielfach, dass es bei der Beschreibung und Beurteilung von FĂ€llen des Aus-dem-Zusammenhang-Reißens um eine umfassende BerĂŒcksichtigung der kommunikativen ZusammenhĂ€nge von UrsprungsĂ€ußerungen, dem damit Gemeinten, der strategischen Nutzung bei einer (aus dem Zusammenhang gerissenen) Wiedergabe, von Formen der ,Begradigung‘ und der kritischen Kommentierung von aus dem Zusammenhang gerissenen Äußerungen und ggf. weiterer Aspekte gehen muss. Besonders wichtig sind hier die Ziele unterschiedlicher Diskurs-Akteure und die Rolle, die Formen des Aus-dem-Zusammenhang-Reißens im Rahmen von diskursiven Strategien spielen.

Eine wichtige Frage ist auch die, auf welche Grundlagen man sich bei der Beurteilung und der Analyse kommunikativer VerlĂ€ufe stĂŒtzen kann. Eine nĂŒtzliche Übung kann sein, ein bestimmtes kommunikatives Ereignis und seine ZusammenhĂ€nge vergleichend im Spiegel unterschiedlicher Quellen und Berichterstattungen zu untersuchen (zum Prinzip der medienvergleichenden Analyse vgl. Bucher 1991).

Neben FĂ€llen von Aus-dem-Zusammenhang-Reißen, die kritisiert werden, gibt es auch FĂ€lle von ‚Rekontextualisierung‘, die in ihren kommunikativen ZusammenhĂ€ngen keinen Anstoß erregen oder sogar als funktional angemessen angesehen werden, z. B. im Umgang mit Ungewissheit (vgl. Wodak 2024). Hierzu gehören auch Formen der Nutzung ‚knackiger‘ oder zugespitzter Einzelformulierungen, die vor allem Aufmerksamkeit erzeugen und/oder ggf. unmittelbar Widerspruch, Richtigstellung oder ausfĂŒhrlichere Kommentierung hervorrufen sollen (siehe dazu Beispiel 2). In diesem Sinne können bestimmte aus dem Zusammenhang gerissene Äußerungen eine Art ‚Dialogaufgabe‘ darstellen, deren Resultate durchaus erwĂŒnscht sind (vgl. Walton/Macagno 2011).

Zentral fĂŒr die Analyse von Formen des Aus-dem-Zusammenhang-Reißens sind die Aspekte der Anschlusskommunikation. Im Hinblick auf Strukturen der Anschlusskommunikation kann man zunĂ€chst fragen, welche Akteure zu Wort kommen und in welchen sequentiellen ZusammenhĂ€ngen. Zum einen ist die zitierte Person selbst zu nennen (z. B. Außenministerin Baerbock; Beispiel 1), sodann die zitierende Person oder auch dritte Parteien, die mit der zitierten oder der zitierenden Person eng zusammenhĂ€ngen (z. B. die Bundesregierung, die Vertretung der russischen Regierung; die Institution, der ein zitierter Journalist angehört), schließlich auch eine breitere Öffentlichkeit, z. B. in den Foren und Kommentarbereichen sozialer Medien. Die sequentiellen Verlaufsformen sind vielfĂ€ltig und mĂŒssen im Einzelfall untersucht werden.

Ebenso vielfĂ€ltig wie die sequentiellen Verlaufsformen sind auch die sprachlichen Handlungen, die bei der Diskussion von aus dem Zusammenhang gerissenen Äußerungen genutzt werden können. Besonders prominent sind dabei Formen der Kritik (dadurch erhalten bestimmte Formen der Redewiedergabe ja erst den Status des Aus-dem-Zusammenhang-Reißens), Formen der Richtigstellung, die Explikation des mit der zitierten Äußerung Gemeinten, die ErlĂ€uterung, inwiefern ,mehr Kontext‘ wichtig ist fĂŒr das richtige VerstĂ€ndnis einer Äußerung, aber auch Klagen darĂŒber, warum jemand sich z. B. missverstĂ€ndlich ausgedrĂŒckt hat. Die Nutzung kommunikativer Strategien hĂ€ngt auch von unterschiedlichen Kontexten ab. Walton/Macagno (vgl. 2011) zeigen in ihren Beispielanalysen, wie subtil die gemeinsame Aushandlungsarbeit von Parteien um zitierte Äußerungen etwa in Gerichtsverhandlungen sein kann.

Schließlich ist auch die Frage zentral, welche Aspekte der Wiedergabe in der Anschlusskommunikation thematisiert werden können. Da ist zunĂ€chst die Frage, ob die Art des Zitierens bzw. der Redewiedergabe ĂŒberhaupt ,falsch‘, unfair oder unlauter war oder z. B. im Rahmen einer böswilligen Strategie stattgefunden hat. Hinter solchen Formen der Kritik stehen Kommunikationsideale, die der BegrĂŒndung fĂŒr die Kritik dienen können, z. B. das sog. ,principle of charity‘, demzufolge man einem Dialogpartner zunĂ€chst die beste der möglichen Deutungen unterstellen soll. Damit kommt auch der Aspekt der Verstehensmöglichkeiten und des mit einer Äußerung tatsĂ€chlich Gemeinten ins Spiel. Im politischen Kontext gibt es offenbar eine Art kommunikativer Verantwortlichkeit fĂŒr die Eigenschaften von Äußerungen, die man versuchsweise in folgende Maxime gießen kann: ,Mache in der politischen Kommunikation keine Äußerungen, die von Gegnern leicht aus dem Zusammenhang gerissen und mit schĂ€dlichen Deutungen versehen werden können‘. Generell gilt, dass alle Aspekte der Wiedergabe und der Diskurskonstellation auch zum Thema von Anschlusskommunikation gemacht werden können.

Die in diesem Abschnitt genannten drei Dimensionen – die Konstellation der Akteure und ihrer Beteiligungsrollen, die Handlungs- und Sequenzierungsformen, das Spektrum der in der Anschlusskommunikation thematisierten Aspekte – können eine erste nĂŒtzliche Leitlinie fĂŒr die Untersuchung von konkreten EinzelfĂ€llen darstellen.

In kommunikationshistorischer Perspektive sind Formen des Aus-dem-Zusammenhang-Reißens – als Strategie oder Unfall − keine Neuerung. Die Geschichte der Wissenschaftskommunikation (vgl. Fritz et al. 2018), die Geschichte der politischen Kommunikation und auch die erweiterte Diskursgeschichte bieten zahlreiche Beispiele, die aber meines Wissens noch nicht systematisch erforscht und dokumentiert sind. Zur historischen Perspektive gehört auch die Frage, ob sich Formen des Aus-dem-Zusammenhang-Reißens im Rahmen von KI-generierten Kommunikationsangeboten möglicherweise verschĂ€rft haben und weiter verschĂ€rfen werden.

Beispiele

(1) Baerbock: Wir fĂŒhren einen Krieg gegen Russland und nicht gegeneinander

Außenministerin Baerbock hatte im Rahmen einer Rede zum Russland/Ukraine-Krieg im Europarat

mit folgenden Worten zum Zusammenhalt der westlichen VerbĂŒndeten aufgerufen: „Wir kĂ€mpfen einen Krieg gegen Russland und nicht gegeneinander“,

so berichtet Stern.de-Online am 27.01.2023 ĂŒber das Redeereignis im Wortlaut und ĂŒber die damit verbundene kommunikative Absicht (‚zum Zusammenhalt aufrufen‘). Weiter wird dann berichtet:

Die russischen Staatsmedien griffen diese Aussage dankbar als zentralen SchlĂŒsselsatz fĂŒr Kriegspropaganda auf – als Beleg dafĂŒr, dass Deutschland und die anderen EU-LĂ€nder direkte Konfliktpartei in der Ukraine seien und gegen Russland kĂ€mpften.

Die Baerbock-Äußerung wurde – jedenfalls in der Sicht der Berichterstattung von Stern Online − aus ihrem kommunikativen Zusammenhang (Aufruf zum Zusammenhalt) herausgelöst und mit einer anderen Deutung versehen, die auf die Frage bezogen ist, ob Ukraine-UnterstĂŒtzung als ein Fall von Kriegsbeteiligung gegen Russland anzusehen sei. In der Anschlusskommunikation ging es – wieder im Spiegel der Berichterstattung − zum einen darum, die ursprĂŒngliche Absicht des Redebeitrags klarzustellen, zum anderen auch darum, die russische Zitatnutzung zu kritisieren:

In der lĂ€ngeren Diskussion, in der die Aussage fiel, sei es darum gegangen zu unterstreichen, dass die EU, die G7-Staaten und die Nato geeint gegen den russischen Angriffskrieg in der Ukraine stĂŒnden, erklĂ€rte ein Sprecher des AuswĂ€rtigen Amts am Freitag in Berlin. „Die russische Propaganda nimmt immer wieder Äußerungen, SĂ€tze, Haltungen, Positionen der Bundesregierung, unserer Partner, und dreht sie so, dass es ihrem Ziel dient. Darauf jetzt hier einzugehen, ist meines Erachtens nicht sinnvoll“, sagte der Sprecher. „Wer hier eskaliert, ist Russland.“ Im völkerrechtlichen Sinne sei Deutschland keine Konfliktpartei. „In diesem Kontext muss die Außenministerin verstanden werden“, sagte der Sprecher. Auch die deutsche Botschaft in Moskau stĂŒtzte sich auf diese Position: […]

Neben diesen Maßnahmen zur Korrektur und zur EntschĂ€rfung der ‚aus dem Zusammenhang gerissenen‘ Äußerungen (u. a. durch Hinweis auf eine ‚richtige‘ Deutung) gibt es darĂŒber hinaus auch weitere KommunikationsverlĂ€ufe, die in der Berichterstattung thematisiert wurden und die sich auf die aus der Sicht der Kritiker unglĂŒckliche bzw. problematische Formulierung bezogen:

CSU-GeneralsekretĂ€r Martin Huber meinte: „Annalena Baerbock ist ein massives Sicherheitsrisiko fĂŒr unser Land.“ Wer von einer deutschen Kriegsbeteiligung rede, rede Deutschland in einen Krieg hinein. AfD-Co-Chef Tino Chrupalla forderte die Entlassung Baerbocks. „Die Bundesaußenministerin setzt mit ihrem unprofessionellen und vorlauten Verhalten Deutschlands Existenz aufs Spiel“, sagte er laut einer Mitteilung. Auch in den sozialen Netzwerken gab es harsche Kritik an Baerbock und ihren Äußerungen.

Wenn man die kommunikativen Facetten dieses Berichts ĂŒber einen hochbrisanten Fall von Aus-dem-Zusammenhang-Reißen zusammenstellt, ergibt sich:

  • eine Teil-Äußerung im Rahmen eines politischen Redebeitrags, die in bestimmter Weise gemeint war;
  • die aus dem Zusammenhang gelöste Nutzung einer TeilĂ€ußerung ohne den Bezug zum Kontext des Redebeitrags und ohne Bezug zum ursprĂŒnglich kommunikativ Gemeinten;
  • Formen der Richtigstellung des ursprĂŒnglich Gemeinten der Äußerung und Kritik an der dekontextualisierten Nutzung des Teilzitats;
  • VorwĂŒrfe und Kritik an die Partei, die eine Äußerung aus dem Zusammenhang gerissen hat und damit kritikwĂŒrdige, unlautere, unmoralische Ziele verfolgt;
  • Kritik an der ursprĂŒnglichen Äußerung mit dem zentralen Inhalt, dass PolitikerInnen prĂŒfen mĂŒssen, ob ihre RedebeitrĂ€ge nicht (offenkundiges) Potential zu Missdeutungen aufweisen. Politische Gegner (in diesem Fall u. a. CSU, AfD) nutzen auf diese Weise die Tatsache, dass die Äußerungen einer Politikerin aus dem Zusammenhang gerissen wurden, fĂŒr Schuldzuweisungen an die Rednerin selbst.

Das Repertoire der Praktiken der Auseinandersetzung zeigt auch, dass Handlungsformen sehr eng verknĂŒpft sind mit der Konstellation von Akteuren und ihren diskursiven Strategien und Interessen.

(2) Aus-dem-Zusammenhang-Reißen als Interview-Strategie

Im Wettbewerb um Aufmerksamkeit sind ‚knackige‘, zugespitzte, provokante oder ggf. auch irritierende Kurzformulierungen sehr wertvoll, z. B. fĂŒr Überschriften oder in Interviewfragen. Als Beispiel aus dem Diskurs ĂŒber die Preisentwicklungen in der Gastronomie nach Corona gibt es in der SĂŒddeutschen Zeitung ein langes Interview mit dem Gastronomiekritiker (Gault & Millau) und ErnĂ€hrungswissenschaftler Jochen RĂ€deker (vgl. SĂŒddeutsche Zeitung 2024). Im Interview werden sehr differenziert unterschiedliche positive, aber auch kritische ZustĂ€nde und Entwicklungen in der Hochleistungsgastronomie besprochen, dabei fĂ€llt im Zusammenhang der Thematisierung von ,schwarzen Schafen‘ bzw. einem Teil der Entwicklung auch die Äußerung: Halbe Leistung zum gleichen Preis? LĂ€uft!. Genau diese Äußerung wurde dann als Überschrift des großen Beitrags gewĂ€hlt, obwohl sie im Beitrag selbst relativiert wird und dem thematisch differenzierten Interview ‚eigentlich‘ nicht gerecht wird. In vergleichbarer Weise zitiert der Interviewer eine weitere kritische Formulierung, die RĂ€deker dann seinerseits kommentiert und in ihren Zusammenhang stellt:

SZ: Herr RĂ€deker, der Gault & Millau muss selten streng sein, meist werden Köche bei Ihnen gefeiert. In diesem Jahr watschen Sie die Branche dagegen ordentlich ab. Neu ist auch der Ton: Ihre Erhebung zur Preisentwicklung in der Gastronomie kommentierten Sie mit den Worten: „Mangelnde Leistung, Gier und Geiz“ seien zum Problem geworden, der Gast werde regelrecht „abgezockt“.Was ist da passiert?

Jochen RĂ€deker: Richtig, das habe ich geschrieben, aber ohne Zusammenhang klingen diese SĂ€tze dann doch etwas zugespitzt. Bevor wir zur Abzocke kommen, muss ich das Urteil also kurz relativieren: Die ĂŒberwiegende Mehrheit der Restaurants, die wir als Tester besuchen, werden hervorragend gefĂŒhrt. Von engagierten Leuten, die ihre GĂ€ste glĂŒcklich machen. Das kann Gastronomie nĂ€mlich. Doch darĂŒber hinaus machen wir uns Sorgen. […] (SĂŒddeutsche Zeitung 2024)

In diesem Beispiel wird deutlich, dass auch z. B. in Interviewfragen ein Verfahren der Nutzung zugespitzter Formulierungen, die aus ihrem Kontext herausgelöst wurden, erkennbar ist, die dann im dialogischen Kontext des Interviews ‚bearbeitet‘ werden mĂŒssen. Und das scheint gerade der funktionale Kern dieser Strategie zu sein: Dem Partner soll mit zugespitzten und provokanten Formulierungen eine Vorlage gegeben werden fĂŒr interessante und ggf. ausgewogenere AusfĂŒhrungen. Gleichzeitig dienen die zugespitzten Formulierungen der Gewinnung von Aufmerksamkeit. Im Beispiel wird wenig spĂ€ter die zugespitzte Kritik mit dem Schutz der vielen Köche, die gut arbeiten gerechtfertigt. Ganz im Einklang mit den Befunden von Walton und Macagno (2011), die Formen von fehlerhaften Zitierweisen („misquotation“) in ihren dialogischen und argumentativen ZusammenhĂ€ngen untersucht haben, zeigt sich, dass aus dem Zusammenhang gerissene Formulierungen eine Dialogaufgabe darstellen können, deren Erledigung fĂŒr die Bearbeitung thematischer Aspekte außerordentlich förderlich sein kann. Das gilt auch fĂŒr die Überschrift Halbe Leistung zum gleichen Preis? LĂ€uft!. Diese Art von Überschrift wird dem differenzierteren Befund des langen Interviews nicht gerecht. Aber sie ist nicht nur ein Aufmerksamkeitsmittel, sie ist auch ein spannender AufhĂ€nger fĂŒr die vielen Konkretisierungen, die der Text des Interviews bietet. Sie ist also mehr als eine intentional gewĂ€hlte Strategie im Wettbewerb um Aufmerksamkeit.

(3) Provokation und Anschlusskommunikation

In einem anderen Beitrag der SĂŒddeutschen Zeitung (SZ) geht es um einen grĂ¶ĂŸeren diagnostizierten Trend. Die Überschrift lautet:

RĂŒffelschweine blasen zur Jagd. Auf Social Media ist es Mode, einzelne SĂ€tze aus Kontexten zu reißen und als bloßes Zitat zu verbreiten. Ein Betroffener berichtet (SĂŒddeutschen Zeitung 2022).

In diesem Beitrag von Micky Beisenherz wird auf pointiert formulierte Weise eine modisch gewordene Praxis beschrieben, bei der sog. RĂŒffelschweine (Tommi Schmidt) nur darauf lauern, brisante Zitate aus einem kommunikativen Zusammenhang zu reißen und als Sharepics (Bild des Urhebers plus Zitat auf einer verbreitbaren Bild-Kachel) aufzubereiten, im Internet zu posten und entsprechende Verbreitungswellen zu erzeugen. Besonders hervorgehoben wird auch die Notwendigkeit der Reaktion: Ein falsches Wort, ein unglĂŒcklich formulierter Satz, und Stunden spĂ€ter geht das ganze Wochenende fĂŒr die Schadensregulierung drauf. In diesem Beitrag wird explizit auf die Notwendigkeit einer Reaktion auf aus dem Zusammenhang gerissene Äußerungen hingewiesen. Und auch Walton/Macagno (2011: Abschnitt 5) arbeiten heraus, dass alle Formen von fehlerhaften oder problematischen Zitierweisen („misquotation“) eine neue dialogische Situation erzeugen, die eine ,falsch‘ zitierte Person zwingt, sich dazu zu Ă€ußern. Damit können neue kommunikative Verpflichtungen fĂŒr eine zitierte Person erzeugt werden („quotations are powerful instruments for shifting the burden of proof“, Walton/Macagno 2011: 45 f.; „misquotations are instruments to manipulate the interlocutor’s commitments“, Walton/Macagno 2011: 50). Dies trifft auch fĂŒr andere Formen des Aus-dem-Zusammenhang-Reißens zu.

(4) Bilder, Bildverwendungen und ihre Kontexte

Wenn man mit Muckenhaupt (Text und Bild, 1986) die grundlegende Unterscheidung macht zwischen Bild und Bildverwendung, dann ist jede Bildverwendung eine, die in einem eigenen Kontext stattfindet. Man kann aber Analogien sehen zwischen bestimmten Arten der Bildverwendung und den sprachlichen Verlaufsformen, die wir als FĂ€lle von Aus-dem-Zusammenhang-Reißen bezeichnen. Die wichtigste Gemeinsamkeit scheint zu sein, dass bestimmte Verwendungen eines Bildes fĂŒr andere kommunikative Ziele genutzt werden können als die ursprĂŒnglichen. So heißt es in einem Beitrag der Berliner Illustrierten Zeitung vom 15.03.1903 unter der Überschrift Mazedonische Greuel:

[…] dauern die ‚mazedonischen Greuel‘ ungestört fort. Die blutige Hand der TĂŒrken lastet schwer auf den Mazedoniern […] Die Berichte ĂŒber die Grausamkeiten der tĂŒrkischen Soldaten lassen einem das Blut in den Adern erstarren […] Es wird berichtet, daß solche Szenen, trotz der widersprechenden Berichte der Pforte [Regierung in Constantinopel], die die Soldaten des Sultans als sanftmĂŒtige LĂ€mmer darstellen, an der Tagesordnung sind. […] Man […] fragt sich, ob solche Geschehnisse […] möglich sind. Aber die Photographie lĂŒgt nicht und es liegen Photographien vor […] Die tĂŒrkischen Soldaten haben die abgeschnittenen Köpfe ihrer Opfer in SĂ€cke gepackt und zum nĂ€chsten Photographen geschleppt, wo sie sich aufnehmen ließen und die blutigen Beweise ihrer BestialitĂ€t als dekorativen Schmuck verwendeten“.

Die kommentierte Photographie, ursprĂŒnglich eine Art Triumph-Bild, wird in diesem Beitrag in einem anderen Kontext und mit einer ganz anderen Funktion verwendet, als Beweis fĂŒr die Grausamkeiten und die BestialitĂ€t der erwĂ€hnten Kriegspartei. Im Unterschied zu den oben besprochenen sprachlichen Formen des Aus-dem-Zusammenhang-Reißens könnte man diese Form der Anders-Nutzung aber wohl kaum als fehlerhaft, unfair usw. kritisieren. Sie ist vielmehr eine gezielte Nutzung eines Bildes fĂŒr andere kommunikative Ziele als die ursprĂŒnglichen.

 

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Abb.: Berliner Illustrierte Zeitung, 15.03.1903

Anders verhĂ€lt es sich mit Bildverwendungen in der Klimaberichterstattung ĂŒber das sog. Ozonloch, die Wolf-Andreas Liebert (vgl. 2007) rekonstruiert hat. Er konnte zeigen, dass Visualisierungen der Ergebnisse von Messreihen im Lauf der Zeit zu Abbildungen eines richtigen ,Lochs‘, eben des Ozonlochs wurden. Hier wĂŒrde man gewiss sagen, dass die Nutzung und Verschiebung der Abbildungsweisen ‚fehlerhaft‘ war, auch wenn diese Entwicklung in mehreren Teilschritten verlief.

Im Sinne von Wittgensteins Idee der Vergleichsobjekte als Erkenntnisinstrumente kann es eine nĂŒtzliche Strategie sein zu fragen, wo ggf. Ähnlichkeiten und Unterschiede zu den sprachlichen Verfahren liegen, wenn man Formen der Bildnutzung ,in anderen Kontexten‘ untersucht.

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Walton, Douglas; Macagno, Fabrizio (2011): Quotations and Presumptions. Dialogical Effects of Misquotations. In: Informal Logic, Jg. 31, Heft 1, S. 27–55.
  • Perrin, Daniel (2015): Medienlinguistik. 3., aktualisierte Auflage. Konstanz: UVK, Abschnitt A2.

Zitierte Literatur und Belege

  • Arendholz, Jenny; Bublitz, Wolfram; Kirner-Ludwig, Monika (Hrsg.) (2015): The Pragmatics of Quoting Now and Then. Berlin; Boston: De Gruyter.
  • Beisenherz, Micky (2022): RĂŒffelschweine blasen zur Jagd. Auf Social Media ist es Mode, einzelne SĂ€tze aus Kontexten zu reißen und als bloßes Zitat zu verbreiten. Ein Betroffener berichtet. In: SĂŒddeutsche Zeitung, Nr. 279 vom 3./4.12.2022. Online unter: https://www.sueddeutsche.de/medien/micky-beisenherz-sharepics-zitatkachel-1.5707522?reduced=true ; Zugriff: 07.10.2025.
  • Berliner Illustrierte Zeitung (1903): 15.03.1903.
  • Brendel, Elke; Meibauer, Jörg; Steinbach, Markus (Hrsg.) (2011): Understanding Quotation. Berlin; New York: De Gruyter.
  • Bucher, Hans-JĂŒrgen (1991): Pressekritik und Informationspolitik. Zur Theorie und Praxis einer linguistischen Medienkritik. In: Bucher, Hans-JĂŒrgen; Straßner, Erich (Hrsg.): Mediensprache, Medienkommunikation, Medienkritik. TĂŒbingen: Narr, S. 3–109 (Beitrag) und S. 231–240 (Literatur).
  • Fritz, Gerd; Gloning, Thomas; GlĂŒer, Juliane (2018): Historical Pragmatics of Controversies. Case Studies from 1600 to 1800. Amsterdam; Philadelphia: Benjamins.
  • Liebert, Wolf-Andreas (2007): Mit Bildern Wissenschaft vermitteln. Zum Handlungscharakter visueller Texte. In: Liebert, Wolf-Andreas; Metten, Thomas (Hrsg.): Mit Bildern lĂŒgen. Köln: Herbert von Halem Verlag, S. 175–192.
  • Muckenhaupt, Manfred (1986): Text und Bild. Grundfragen der Beschreibung von Text-Bild-Kommunikation aus sprachwissenschaftlicher Sicht. TĂŒbingen: Narr.
  • Stern.de (2023): „Extrem unglĂŒcklicher Versprecher“. Moskau reagiert erzĂŒrnt auf Baerbock-Kommentar – Bundesregierung betont: „Sind keine Kriegspartei“. In: Stern.de, 27.01.2023. Online unter: https://www.stern.de/politik/deutschland/baerbock-aussage-in-kritik—regierung—deutschland-keine-kriegspartei–33141824.html ; Zugriff: 07.10.2025.
  • SĂŒddeutsche Zeitung (2024): „Halbe Leistung zum gleichen Preis? LĂ€uft!“ Der GastrofĂŒhrer Gault & Millau hat in tausend deutschen Gourmetrestaurants die Preisentwicklung seit Corona analysiert. Das Ergebnis: 53 Prozent teurer. Herausgeber Jochen RĂ€deker ĂŒber gierige Wirte, miesen Service und Abzocke als Branchenproblem. In: SĂŒddeutsche Zeitung, Nr. 201 vom 31.08./01.09.2024. Online unter: https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/stil/restaurants-preise-gault-millau-jochen-raedeker-e532812/?reduced=true ; Zugriff: 07.10.2025.
  • Walton, Douglas; Macagno, Fabrizio (2011): Quotations and Presumptions. Dialogical Effects of Misquotations. In: Informal Logic, Jg. 31, Heft 1, S. 27–55.
  • Wodak, Ruth (2024): Appeals to “Normality” and “Common Sense” in the Face of Global Uncertainty. An Interdisciplinary Discourse-Historical Approach. In: Informal Logic, Jg. 44, Heft 3, S. 361–398.

Zitiervorschlag

Gloning, Thomas (2025): Aus dem Zusammenhang reißen. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 01.11.2025. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/aus-dem-zusammenhang-reissen/.

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Begriffsgeschichte

Die Begriffsgeschichte lĂ€sst sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten AusdrĂŒcken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext grĂ¶ĂŸerer sprachlicher ZusammenhĂ€nge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).

Diskurssemantische Verschiebung

Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder lĂ€n-gerfristige VerĂ€nderung des Denkens, Handelns und/oder FĂŒhlens grĂ¶ĂŸerer Gesellschafts-gruppen hinweist.

DomÀne

Der Begriff der DomĂ€ne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung ĂŒbernommen worden. Hier wird der Begriff dafĂŒr verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsĂŒbergreifenden TĂ€tigkeitsbereichen zu sortieren.

Positionieren

Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, ĂŒber die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.

Deutungsmuster

Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer TatbestĂ€nde verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele fĂŒr Deutungsmuster genannt.

Sinnformel

‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und Ă€hnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.

Praktik

Eine Praktik ist ein spezifisches, situativ vollzogenes und sinnhaftes BĂŒndel von körperlichen Verhaltensweisen, an dem mehrere Menschen und Dinge beteiligt sein können (z. B. Seufzen, um Frust auszudrĂŒcken, oder einen Beschwerdebrief schreiben, Fußballspielen).

Kontextualisieren

Kontextualisieren wird im allgemeineren bildungssprachlichen Begriffsgebrauch verwendet, um das Einordnen von etwas oder jemandem in einen bestimmten Zusammenhang zu bezeichnen.

Narrativ

Mit der diskursanalytischen Kategorie des Narrativs werden Vorstellungen von komplexen Denk- und Handlungsstrukturen erfasst. Narrative in diesem Sinne gehören wie Schlagwörter, Metaphern und Topoi zu den Grundkategorien der Analyse von Diskursen.

Argumentation

Argumentation bezeichnet jene sprachliche TĂ€tigkeit, in der man sich mithilfe von GrĂŒnden darum bemĂŒht, die Richtigkeit einer Antwort auf eine bestimmte Frage zu erweisen. Das kann in ganz verschiedenen Situationen und Bereichen nötig sein, namentlich um eine poli-tische, wissenschaftliche, rechtliche, unternehmerische oder private Angelegenheit zu klĂ€ren.

Techniken

AI-Washing/KI-Washing

Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder GeschĂ€ftsmodelle mit dem Etikett „KĂŒnstliche Intelligenz“ (KI bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsĂ€chlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark ĂŒbertrieben, nur marginal vorhanden oder ĂŒberhaupt nicht gegeben ist.

Dogwhistle

Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.

Boykottaufruf

Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine VerhaltensĂ€nderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.

Tabuisieren

Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas UnerwĂŒnschtes, AnstĂ¶ĂŸiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.

Lobbying

Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primĂ€r an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein BĂŒndel von kommunikativen TĂ€tigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.

Karten

Karten dienen dazu, Raumausschnitte im Hinblick auf ausgewÀhlte Charakteristika so darzustellen, dass die Informationen unmittelbar in ihrem Zusammenhang erfasst und gut kommuniziert werden können. Dazu ist es notwendig, Daten und Darstellungsweisen auszuwÀhlen und komplexe und oft umkÀmpfte Prozesse der Wirklichkeit in einfachen Darstellungen zu fixieren.

Pressemitteilung

Pressemitteilungen sind standardisierte Mitteilungen von Organisationen, die sich an Journalist:innen und andere Multiplikator:innen richten. Sie dienen der offiziellen und zitierfĂ€higen Informationsweitergabe und ĂŒbernehmen zugleich strategische Funktionen in der öffentlichen Kommunikation und Meinungssteuerung.

Shitstorm

Der Begriff Shitstorm beschreibt eine relativ junge Diskurskonstellation, die seit den 2010er Jahren an Bedeutung gewonnen hat und gemeinhin als Online-Wutausbruch bezeichnet wer-den kann.

Tarnschrift

Als Tarnschrift bezeichnet man unter den Bedingungen von Zensur und Verfolgungsrisiko veröffentliche Texte, die insbesondere in der strategischen Kommunikation des NS-Widerstands eine zentrale Rolle spielten.

Ortsbenennung

Die Benennung von Orten dient in erster Linie dazu, den jeweiligen geografischen Ort zu lokalisieren und ihn zu identifizieren. Doch Ortsnamen besitzen eine soziale Dimension und spielen eine entscheidende Rolle bei der sprachlich-kulturellen IdentitÀtskonstruktion.

Schlagwörter

BrĂŒckentechnologie

Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der BrĂŒckentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschĂ€tzten anderen Technologie möglich ist.

Deindustrialisierung

Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch RĂŒckgang von produzierendem Gewerbe.

Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, Àhnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).

Echokammer

Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestÀtigen, wÀhrend abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.

Relativieren

Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder PhÀnomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung prÀzisiert werden.

Massendemokratie

GeprĂ€gt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bĂŒrgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.

Social Bots

Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.

KriegsmĂŒdigkeit

Der Ausdruck KriegsmĂŒdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische ErmĂŒdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch fĂŒr das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.

Woke

Der Ausdruck woke stammt aus dem afroamerikanischen Englisch und bezeichnete dort zunĂ€chst den Bewusstseinszustand der AufgeklĂ€rtheit ĂŒber die Verbreitung von rassistischen Vorurteilen und Diskriminierung unter Angehörigen ethnischer Minderheiten.

IdentitÀt

Unter IdentitĂ€t versteht man allgemein die Summe von Merkmalen, die Individuen oder sozialen Kollektiven – etwa Nationen, Organisationen oder sozialen Gruppen – als charakteristisch oder gar als angeboren zugeordnet werden.

Verschiebungen

Dehumanisierung

Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder GegenstÀnden menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.

Kriminalisierung

KriminalitĂ€t meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstĂ¶ĂŸt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.

Versicherheitlichung

In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen SicherheitsverstĂ€ndnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurĂŒckzufĂŒhren ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlĂ€ssig agieren.

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwĂ€rtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-KalkĂŒle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche ĂŒbertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die SphÀre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Krise

Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhĂ€ngig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur BegrĂŒndung von krisenĂŒberwindenden Handlungen eingebettet.

Partizipatorischer Diskurs

Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, fĂŒr (mehr) Partizipation zu sorgen.

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsĂ€chlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Ästhetik als Politisches Argument

Der Begriff Stadtbild erscheint im öffentlichen Diskurs hĂ€ufig als scheinbar neutrale Beschreibung eines rĂ€umlichen Zustands. UrsprĂŒnglich bezeichnete er das Ă€ußere Erscheinungsbild von Architektur, StraßenrĂ€umen und historischen Bereichen (Wikipedia 2025). In letzter Zeit taucht der Begriff zunehmend in Diskussionen auf, die soziale und kulturelle Themen betreffen. Diese Verschiebung zeigt sich deutlich in der jĂŒngsten politischen Debatte um Friedrich Merz, der erklĂ€rte: „Wir haben natĂŒrlich immer …

„Fake news“- ein Etikett statt eines Arguments?

In den letzten Jahren haben „Fake News“ enorme Auswirkungen auf den politischen Dialog gehabt. Sie werden ĂŒberall in WahlkĂ€mpfen, Medien und alltĂ€glichen Kommunikationen verwendet, um Informationen zu diskreditieren, sei es journalistisches Material, wissenschaftliche Fakten oder politische Ansichten. Trotz der scheinbaren NeutralitĂ€t ist dieser Ausdruck tatsĂ€chlich ein Werkzeug, um einer Diskussion auszuweichen, damit der Sprecher vermeiden kann, dass er das Wesen der Nachricht verstehen mĂŒsste, …

Memes als moderne Propaganda – Eine sprach- und medienkritische Untersuchung

Digitale Kommunikationsformen prÀgen heutige gesellschaftliche Debatten weitaus stÀrker als die klassischen Medien. Ihr Einfluss auf die politische Meinungsbildung und die Ausbildung ideologischer Positionen ist inzwischen unverkennbar und zÀhlt zu den markantesten Entwicklungen der digitalen Gegenwart. Besonders hervorzuheben sind Memes: Sie verbreiten sich schnell, arbeiten mit humoristischen Mitteln und verdichten komplexe Inhalte auf ein Minimum an Zeichen. In öffentlichen Diskursen werden sie daher nicht mehr als spielerisches InternetphÀnomen betrachtet, sondern als ernstzunehmendes Instrument politischer Kommunikation und den damit einhergehenden propagandistischen Strategien.

Beobachtung zum Begriff „Diplomatie“ beim Thema Ukraine im EuropĂ€ischen Parlament

Von EU-Vertretern waren zur Ukraine seit 2022 vor allem Aussagen zu hören, die sich unter dem Motto „as long as it takes“ beziehungsweise „so lange wie nötig“ fĂŒr die Erweiterung der militĂ€rischen Ausstattung und der VerlĂ€ngerung des Krieges aussprachen. VorschlĂ€ge oder VorstĂ¶ĂŸe auf dem Gebiet der „Diplomatie“ im Sinne von ‚Verhandeln (mit Worten) zwischen Konfliktparteien‘ gab es dagegen wenige, obwohl die klare Mehrheit von Kriegen mit Diplomatie beendet wurden (vgl. z.B. Wallensteen 2015: 142)

Die Macht der Worte 4/4: So geht kultivierter Streit

DiskursReview Die Macht der Worte (4/4):So geht kultivierter Streit Begleittext zum Podcast im Deutschlandfunk (1) Wörter als Waffen (2) Freund-Feind-Begriffe (3) Sprachliche Denkschablonen (4) So geht kultivierter StreitEin Text vonvon Friedemann VogelVersion: 1.0 /...

Die Macht der Worte 3/4: Sprachliche Denkschablonen

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Die Macht der Worte 2/4: Freund-Feind-Begriffe

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Die Macht der Worte 1/4: Wörter als Waffen

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