
DiskursGlossar
Identität
Kategorie: Schlagwörter
Verwandte Ausdrücke: Selbstbild, Fremdbild, Subjekt, Persönlichkeit, Individuum, Identifizierung
Siehe auch: Identitätspolitik
Autor*innen: Aleksandra Salamurović, Jonas Vollert
Version: 1.1 / Datum: 01.08.2025
Kurzzusammenfassung
Unter Identität versteht man allgemein die Summe von Merkmalen, die Individuen oder sozialen Kollektiven – etwa Nationen, Organisationen oder sozialen Gruppen – als charakteristisch oder gar als angeboren zugeordnet werden. Solche Zuschreibungen beruhen auf einer realen oder vorgestellten Unterscheidung zwischen Selbst und Anderem. Sie erfolgen häufig auf Basis von Eigenschaften, die als besonders relevant für persönliches und soziales Handeln oder für die Positionierung im sozialen Raum gelten. Identitätszuschreibungen wirken auf unterschiedlichen Ebenen – von der individuellen Selbstverortung über Prozesse sozialer Gruppierung bis hin zu politischen Auseinandersetzungen wie etwa in Form von Identitätspolitik.
In der strategischen Kommunikation wird das Konzept der Identität benutzt, um Eigenschaften oder Aktivitäten eines Individuums sozial zu kategorisieren und damit ‚sinnvoll‘ zu machen (z. B. die Benennung einer Protestgruppe als Aktivisten oder Terroristen). Jede persönliche Identität – sei es geschlechterbezogen oder anderweitig definiert – entsteht erst in Interaktion mit der Umwelt, in welcher das Individuum agiert. Daneben wird der Ausdruck als Schlagwort dafür verwendet, um Gemeinsamkeiten zwischen Mitgliedern einer bestimmten Gruppe (religiöse, ethnische, nationale) oder Kategorie, oft in pauschalisierender Weise, hervorzuheben. Diese Gemeinsamkeiten können auf subjektiv wahrgenommener Übereinstimmung von Werten oder Überzeugungen beruhen, aber auch durch konkrete gemeinsame Übereinstimmungen, wie etwa den gleichen Beruf oder das gleiche Geschlecht, geäußert werden. Sie können strategisch eingesetzt werden, um sich von anderen abzugrenzen, Gruppeninteressen zu vermitteln, daraus Handlungsaufforderungen abzuleiten und sie zu rechtfertigen. Identität dient nicht nur der Abgrenzung und Rechtfertigung von Gruppeninteressen. Sie ermöglicht darüber hinaus kollektive Selbstverständnisse, aus denen sich politisches Handeln ableiten kann. Bei den kollektiven Identitätsformen sind die Übergänge zu Identitätspolitik fließend, da das Schlagwort Identität oft bedeutungsähnlich für Identitätspolitik verwendet wird.
Erweiterte Begriffsklärung
Der Begriff Identität wurde im 17. Jhd. als lateinisches Lehnwort ins Deutsche übernommen (vgl. Felgner 2020). Abgeleitet vom Lateinischen idem lässt sich Identität zunächst mit ‚Selbigkeit‘ übersetzen, wie der Eintrag im Grimmschen Wörterbuch aus dem Jahr 1854 lautete (vgl. Zirfas 2010: 11). In dieser Bedeutung stechen Unveränderlichkeit und Wiedererkennung als zentrale Elemente von Identität hervor (vgl. Zirfas 2010: 11). Sie spiegeln sich v. a. im juristischen Bereich wider, wenn „Echtheit einer Person oder Sache fest[zu]stellen“ ist (Duden Online). Gleichzeitig spielen diese Elemente für Praktiken der Identifizierung und Zugangskontrolle eine wesentliche Rolle. Die Festlegung oder Absprache von Merkmalen, die für eine Person oder Entität gelten und die diese dann als (Nicht-)Teil der Gruppe bestimmen, setzt voraus, dass diese Merkmale zuvor als wiedererkennbar, relevant und/oder kollektiv geltend definiert werden. Das bedeutet wiederum, dass Identität in der Praktik der Identifizierung als sozial, medial und situativ konstruierbar ist (vgl. Vogel 2022). Da soziale Positionierung und Zugehörigkeit verhandelbar sind, wird Identität in sozialer Praxis handlungsrelevant, was zu einem strategischen Einsatz in der öffentlichen Kommunikation führt.
In seiner ursprünglichen, mathematisch-logischen Verwendung verweist Identität auf ein duales Verhältnis zwischen Objekten, die sich entweder durch Einzigartigkeit oder Gleichheit auszeichnen (vgl. Malešević 2006: 15). Bereits in der Logik werden Transitivität und Reflexivität als prägende Merkmale des Konzeptes ‚Identität‘ genannt. Das bedeutet, dass sich Identität nur in Bezug auf etwas/jemanden feststellen lässt. Die beschriebene theoretisch-konzeptuelle Erläuterung spiegelt sich im Verb sich identifizieren mit wider (vgl. Knobloch 2023).
Das Konzept von Identität (in der Form, in der der Begriff heute verwendet wird) ist historisch noch sehr jung und überwiegend geprägt durch westliche akademische Tradition, allen voran Psychologie und Soziologie, die sich mit dem Individuum und seinen Rollen in sozialen Systemen befasste (vgl. Malešević 2006: 22). Der Begriff wurde lange deskriptiv gebraucht, um historisch relativ stabile, sozial stärker institutionalisierte Gruppenzugehörigkeiten zu beschreiben. Das Subjekt wurde über seine Funktion oder Rolle im sozialen Gefüge definiert: Milieu, Klasse, Lebenslauf. Im Zuge der kulturellen Pluralisierung in den 1970 Jahren kommt es zum Funktionswandel des Identitätsbegriffs: von einem deskriptiven Ordnungsbegriff wird Identität zu einem strategischen Individualisierungs- und Machtmarker. Es geht nicht mehr darum, in bestehende Anerkennungsordnungen aufgenommen zu werden, sondern um die Erweiterung oder Unterbrechung dieser Ordnungen. Soziale Pluralisierung und Fragmentierung führen schließlich dazu, dass Identität aktuell als mehrdimensional (biografisch, sozial, kulturell), diskursiv vermittelt, prozesshaft und veränderlich wahrgenommen wird und ständig neu ausgehandelt werden muss.
Identität fungiert sowohl als analytische Kategorie (z. B. in der Gender-, Migrations- und Nationalismusforschung) als auch als Kategorie der Praxis (politische Kommunikation) (vgl. Brubaker/Cooper 2000: 4). In den Geistes- und Sozialwissenschaften wurde der Begriff stark kritisiert und sogar für unbrauchbar erklärt (vgl. Brubaker/Cooper 2000). Besonders kritisiert wurde die Annahme, dass der Begriff Identität semantisch eine einfache binäre Unterscheidung beinhaltet und damit Zugehörigkeit, Gleichheit oder zumindest Ähnlichkeit mit einer Gruppe, gleichzeitig aber die Abgrenzung von einer anderen Gruppe impliziert. Dieses starre Schema lässt sich jedoch nur schwer auf die hochdynamischen, wechselhaften und flüchtigen Prozesse im sozialen Leben übertragen (vgl. Malešević 2006: 15 f.). Ungeachtet dieser Kritik wird sie als Kategorie der Praxis oft unreflektiert in die politische Kampfarena übernommen.
So wird Identität zum Topos in den Debatten um z. B. Migration und Integration, Sprachpurismus, Sicherheits- und Außenpolitik, oder zur Grundlage der jeweiligen moralisierenden politischen Position. Angela Merkel etwa legitimierte 2015 ihren berühmten Satz Wir schaffen das mit den Worten: Ich kann das sagen, weil es zur Identität unseres Landes gehört, Größtes zu leisten. (SZ online vom 14.12.2015). Im Interview für die Tagesschau am 14. Juni 2023 sagte Kanzler Olaf Scholz, dass die Verankerung in der Europäischen Union und im transatlantischen Bündnis zentral für die sicherheitspolitische Identität Deutschlands bleibe.
Mit Identität versucht man, andere Schlagwörter wie etwa Ideologie, Gender, Race, Solidarität zu erklären oder gar zu ersetzen. Gleichzeitig subsumiert man darunter viele Formen der sozialen Kategorisierungen und Verortungen, um Widersprüche und Umbrüche zu rationalisieren bzw. diese zu umgehen. Wie der Soziologe Malešević pointiert formulierte: in der Postmoderne wird fast jedes soziale Problem als ein Identitätsproblem benannt und erklärt (vgl. Malešević 2006: 34).
Mittels einer Wortumfeldanalyse (sog. Kookurrenzanalyse) im Deutschen Referenzkorpus lässt sich ermitteln, dass das Wort Identität vor allem in Verbindung mit den Attributen national, eigen, und kulturell vorkommt. Tatsächlich handelt es sich um die häufigsten Identitätsformen, die in der Öffentlichkeit eine Rolle spielen. Die persönliche/individuelle Identität als zentraler Bestandteil einer Persönlichkeit/eines Subjektes umfasst nicht nur charakteristische physische und psychische Merkmale einer Person, die sie von anderen unterscheidet, sondern auch distinkte Erfahrungen, Werte, Zugehörigkeiten, die in der sozialen Interaktion (Erziehung, Bildung) zustande kommen. Insofern kann man individuelle Identität nicht von den kollektiven Formen scharf trennen. Kulturelle und nationale Identität werden teilweise synonym benutzt, da beide voraussetzen, dass bestimmte kollektive Attribute wie etwa Herkunft, Sprache, Religion, Geschichte in einer größeren Gemeinschaft geteilt werden. Historisch betrachtet hatten beide kollektive Identitätsformen ihre prägende Rolle bei der Auflösung der Imperien bzw. kolonialer Herrschaft und bei der Herausbildung der Nationalstaaten im 19. und 20. Jahrhundert.
Das kollektive Verständnis von Identität wird sich zudem mitunter zu eigen gemacht, um vermeintliche kulturelle Gemeinsamkeiten oder mythologisch konstruierte kollektive Narrative zu schaffen, um etwa Handlungen, Abgrenzungen und Gewalt zu rechtfertigen. Gleichermaßen findet es Verwendung darin, negative Aspekte wie gemeinsam erlebte Unterdrückung oder die Folgen eines Minderheitenstatus in Abhängigkeit von vorherrschenden Gruppen aufzuzeigen (vgl. Kopp/Steinbach 2016). Diese Verwendung findet sich vor allem wieder in Verbindung mit Race, Gender, Nationalismus (vgl. Brubaker/Cooper 2000).
Beispiele
(1) Persönlichkeitsbezogene Identitäten
Auszug aus dem Gesetzesentwurf zur Einfügung des Merkmals sexuelle Identität
Der Artikel fügt das Merkmal der sexuellen Identität in Artikel 3 Absatz 3 GG ein. Unter dem Merkmal der sexuellen Identität wird ein andauerndes Muster emotionaler, romantischer oder sexueller Anziehung zu Menschen eines bestimmten oder verschiedener Geschlechter verstanden. Die geschlechtliche Identität hingegen ist bereits vom Merkmal Geschlecht umfasst und wird deshalb nicht aufgenommen. (Deutscher Bundestag 2019)
Der Gesetzentwurf der Fraktionen FDP, DIE LINKE und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN aus dem Jahr 2019 verfolgte das Ziel, eine wirkmächtige Diskriminierungspraxis zu beenden, indem er die Rechte von lesbischen, schwulen und bisexuell orientierten Personen durch ihre explizite Aufnahme in das Grundgesetz – und damit auf höchster rechtlicher Ebene – stärken und schützen wollte. Dazu führten die Fraktionsvertreter:innen eine weitere Unterscheidung in der Kategorie der geschlechtlichen Identität ein, und zwar sexuelle Identität, die nicht lediglich auf Gender, sondern auf Sexualität und romantischem Begehren als zentralen Merkmalen beruht. Identität steht hier für die Gesamtheit aller individuellen und sexuellen Prozesse und Dynamiken, die die sexuelle Identität bilden. Dabei ist auffällig, dass Identität als andauerndes Muster erklärt wird, also einen relativ unveränderlichen Aspekt des Charakters bildet. Die aufgrund von diesem Gesetzentwurf beantragte Änderung wurde nicht ins Grundgesetz übernommen. Im Gesetz über die Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag (Selbstbestimmungsgesetz, in Kraft ab 1.11.2024) wird der Umgang mit der Geschlechtsidentität geregelt. Sowohl die Geschlechtsidentität wie auch der Vorname, der als stabiles Merkmal dieser Identitätszuschreibung festgelegt wird, können selbstbestimmt, d. h. auf der Basis der Selbstwahrnehmung, rechtlich geändert werden (§ 1 Absatz 1 Satz 1 SBGG; Online unter: https://www.gesetze-im-internet.de/sbgg/__1.html).
(2) Nationale Identität
(a) Auf der Seite des Online Portals abgeordnetenwatch.de (abgeordnetenwatch 2021) wurde im August 2021 folgende Frage an die Abgeordnete Hanna Steinmüller des BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN gestellt: Warum hat Deutschland keine Identität? Steinmüllers Antwort:
Lieber Herr Haller, da sind wir vielleicht unterschiedlicher Auffassung. Ich finde, dass Deutschland sehr wohl eine Identität, also eine gewisse „Wesenseinheit“, hat. Diese setzt sich aus all den unterschiedlichen Normen und Wertvorstellungen zusammen, welche die Menschen, die in Deutschland leben, haben und einbringen. Dadurch entsteht eine gemeinsame, vielfältige Identität, die sich ständig weiterentwickelt und so auch Raum für neues lässt. Diese offene Gesellschaft ist es, was Deutschland ausmacht und worauf wir stolz sein können! Herzliche Grüße, Hanna Steinmüller
Im Deutschland der Nachkriegszeit und als Folge des Nationalsozialismus wurde die Frage nach einer nationalen Identität zunächst gemieden und im Laufe der Zeit die Idee einer europäischen Identität favorisiert. Seit 2000 (mit der Prägung und Instrumentalisierung des Begriffs Leitkultur), aber vor allem mit der großen Flucht- und Migrationsbewegung 2015, der Stärkung des rechten und rechtsradikalen politischen Spektrums, den Diskussionen um Integration und Staatsbürgerschaft, letztendlich auch mit der Covid19-Pandemie mit Grenzschließungen und besonderen nationalen Reiseregimes wird nationale Identität im innerdeutschen Kontext prominent. Dabei fallen zwei Varianten auf: in der einen Variante ist die kollektive Identitätsform allumfassend wie hier im Beispiel (in Anlehnung an eine soziologisch-analytische Bestimmung der Veränderbarkeit und Prozesshaftigkeit) gemeint. In der zweiten Variante wird kollektive Identität ex-negativo geprägt, also im Hinblick darauf, was nicht zu ihr gehört (wie z. B. in der Aussage von Markus Söder in einem Interview im Spiegel aus 2018, der Islam sei nicht identitätsstiftend und kulturprägend für Deutschland, vgl. Spiegel 2018).
(b) Die Debatten um nationale, mitunter oft synonym benutzte ethnische Identität sind in Ost- und Südosteuropa nach wie vor harte politische Realität. In der strategischen Kommunikation dient das Schlagwort zur Legitimierung von Ausgrenzungen und befeuert damit verbundene Konflikte. So hat der russische Präsident Putin in seiner dem Krieg vorausgehenden Rede vom 21.02.2022 unter anderem gesagt:
Ich betone nochmals: Die Ukraine ist für uns nicht einfach ein Nachbarland. Sie ist integraler Bestandteil unserer eigenen Geschichte, unserer Kultur, unseres geistigen Raums. […] Menschen, die sich als Russen identifizieren und ihre Identität, Sprache und Kultur bewahren wollen, erhalten das Signal, dass sie in der Ukraine nicht erwünscht sind. (Kremlin.ru 2022)
In seiner Rede entwirft Putin ein Verständnis von Identität als etwas, was angeboren, vorgegeben und vor allem unveränderbar ist. In seiner Argumentations- und Legitimierungskette diene der Angriff auf die Ukraine dazu, diese ‚russische Identität‘ um jeden Preis zu verteidigen und aufrechtzuerhalten.
Literatur
Zum Weiterlesen
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Beck, Ulrich (1983): Jenseits von Stand und Klasse? Soziale Ungleichheiten, gesellschaftliche Individualisierungsprozesse und die Entstehung neuer sozialer Formationen und Identitäten. In: Kreckel, Reinhard (1983): Soziale Ungleichheiten. Göttingen: Schwartz Verlag, S. 35–74.
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Niethammer, Lutz (2000): Kollektive Identität. Heimliche Quellen einer unheimlichen Konjunktur. Reinbek: Rowohlt.
Zitierte Literatur und Belege
- abgeordnetenwatch (2021): Warum hat Deutschland keine Identität? Online unter: https://www.abgeordnetenwatch.de/profile/hanna-steinmueller/fragen-antworten/warum-hat-deutschland-keine-identitaet ; Zugriff: 29.08.2025.
-
Brubaker, Rogers; Cooper, Frederick (2000): Beyond Identity. In: Theory and Society, Jg. 29, Heft 1, S. 1–47.
- Deutscher Bundestag (2019): Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Grundgesetzes (Änderung
des Artikels 3 Absatz 3 – Einfügung des Merkmals sexuelle Identität). BT-Drs. 19/13123. Online unter: https://dserver.bundestag.de/btd/19/131/1913123.pdf ; Zugriff: 29.08.2025. -
Felgner, Ulrich (2020): Die Begriffe der Äquivalenz, der Gleichheit und der Identität. In: Jahresbericht der Deutschen Mathematiker-Vereinigung, Bd. 122, Nummer 2, S. 109–129.
- Kopp, Johannes; Steinbach, Anja (Hrsg.) (2016): Grundbegriffe der Soziologie. 11. Auflage, Wiesbaden: Springer VS.
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Malešević, Siniša (2006): Identity as Ideology. Understanding Ethnicity and Nationalism. Hampshire; New York: Palgrave Macmillan.
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Knobloch, Clemens (2023): Identität und Identitätspolitik: zur Anatomie eines modernen Zauberwortes. In: kultuRRevolution, Jg. 84, S. 48–53.
- Kremlin.ru (2022): Обращение Президента Российской Федерации [Address by the President of the Russian Federation]. Online unter: http://www.kremlin.ru/events/president/transcripts/speeches/67828 ; Zugriff: 29.08.2025.
- Spiegel (2018): „Der Islam ist nicht identitätsstiftend und kulturprägend für unser Land“. Interview vom 16.04.2018. Online unter: https://www.spiegel.de/spiegel/markus-soeder-der-islam-ist-nicht-kulturpraegend-fuer-unser-land-a-1202857.html ; Zugriff: 29.08.2025.
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Vogel, Friedemann (2022): Identifizierung und Authentifizierung in digitalen Diskursen. In: Gredel, Eva (Hrsg.): Diskurse-digital. Theorien, Methoden, Anwendungen, Berlin: De Gruyter, S. 191–212.
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Zirfas, Jörg (2010): Identität in der Moderne. In: Jörissen, Benjamin; Zirfas, Jörg (Hrsg.): Schlüsselwerke der Identitätsforschung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 9–17.
Zitiervorschlag
Salamurović, Aleksandra; Vollert, Jonas (2025): Identität. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 01.08.2025. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/identitaet.
DiskursGlossar
Grundbegriffe
Begriffsgeschichte
Die Begriffsgeschichte lässt sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten Ausdrücken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext größerer sprachlicher Zusammenhänge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).
Diskurssemantische Verschiebung
Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.
Domäne
Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.
Positionieren
Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.
Deutungsmuster
Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.
Sinnformel
‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.
Praktik
Eine Praktik ist ein spezifisches, situativ vollzogenes und sinnhaftes Bündel von körperlichen Verhaltensweisen, an dem mehrere Menschen und Dinge beteiligt sein können (z. B. Seufzen, um Frust auszudrücken, oder einen Beschwerdebrief schreiben, Fußballspielen).
Kontextualisieren
Kontextualisieren wird im allgemeineren bildungssprachlichen Begriffsgebrauch verwendet, um das Einordnen von etwas oder jemandem in einen bestimmten Zusammenhang zu bezeichnen.
Narrativ
Mit der diskursanalytischen Kategorie des Narrativs werden Vorstellungen von komplexen Denk- und Handlungsstrukturen erfasst. Narrative in diesem Sinne gehören wie Schlagwörter, Metaphern und Topoi zu den Grundkategorien der Analyse von Diskursen.
Argumentation
Argumentation bezeichnet jene sprachliche Tätigkeit, in der man sich mithilfe von Gründen darum bemüht, die Richtigkeit einer Antwort auf eine bestimmte Frage zu erweisen. Das kann in ganz verschiedenen Situationen und Bereichen nötig sein, namentlich um eine poli-tische, wissenschaftliche, rechtliche, unternehmerische oder private Angelegenheit zu klären.
Techniken
AI-Washing/KI-Washing
Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle mit dem Etikett „Künstliche Intelligenz“ (KI bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsächlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark übertrieben, nur marginal vorhanden oder überhaupt nicht gegeben ist.
Dogwhistle
Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.
Demonstrieren
« Zurück zur ArtikelübersichtDemonstrieren Kategorie: TechnikenVerwandte Ausdrücke: Auf die Straße gehen, Straßenprotest, Kundgebung, öffentliche Versammlung, Mahnwache, Menschenkette, Marsch, SitzblockadenSiehe auch: Protest, Politische Aktion, Politische Bildung,...
Boykottaufruf
Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.
Tabuisieren
Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.
Aus dem Zusammenhang reißen
Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie für ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.
Lobbying
Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primär an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein Bündel von kommunikativen Tätigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.
Karten
Karten dienen dazu, Raumausschnitte im Hinblick auf ausgewählte Charakteristika so darzustellen, dass die Informationen unmittelbar in ihrem Zusammenhang erfasst und gut kommuniziert werden können. Dazu ist es notwendig, Daten und Darstellungsweisen auszuwählen und komplexe und oft umkämpfte Prozesse der Wirklichkeit in einfachen Darstellungen zu fixieren.
Pressemitteilung
Pressemitteilungen sind standardisierte Mitteilungen von Organisationen, die sich an Journalist:innen und andere Multiplikator:innen richten. Sie dienen der offiziellen und zitierfähigen Informationsweitergabe und übernehmen zugleich strategische Funktionen in der öffentlichen Kommunikation und Meinungssteuerung.
Shitstorm
Der Begriff Shitstorm beschreibt eine relativ junge Diskurskonstellation, die seit den 2010er Jahren an Bedeutung gewonnen hat und gemeinhin als Online-Wutausbruch bezeichnet wer-den kann.
Schlagwörter
Brückentechnologie
Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der Brückentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschätzten anderen Technologie möglich ist.
Deindustrialisierung
Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch Rückgang von produzierendem Gewerbe.
Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, ähnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).
Echokammer
Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.
Relativieren
Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.
Massendemokratie
Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.
Social Bots
Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.
Kriegsmüdigkeit
Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.
Woke
Der Ausdruck woke stammt aus dem afroamerikanischen Englisch und bezeichnete dort zunächst den Bewusstseinszustand der Aufgeklärtheit über die Verbreitung von rassistischen Vorurteilen und Diskriminierung unter Angehörigen ethnischer Minderheiten.
Wohlstand
Unter Wohlstand sind verschiedene Leitbilder (regulative Ideen) zu verstehen, die allgemein den Menschen, vor allem aber den Beteiligten an politischen und wissenschaftlichen Diskursen (politisch Verantwortliche, Forschende unterschiedlicher Disziplinen usw.) eine Orientierung darüber geben sollen, was ein ‚gutes Leben‘ ausmacht.
Verschiebungen
Dehumanisierung
Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.
Kriminalisierung
Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.
Versicherheitlichung
In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.
Ökonomisierung
Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren
Moralisierung
Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.
Konstellationen
Krise
Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.
Partizipatorischer Diskurs
Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.
Skandal
Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.
DiskursReview
Review-Artikel
Memes als moderne Propaganda – Eine sprach- und medienkritische Untersuchung
Digitale Kommunikationsformen prägen heutige gesellschaftliche Debatten weitaus stärker als die klassischen Medien. Ihr Einfluss auf die politische Meinungsbildung und die Ausbildung ideologischer Positionen ist inzwischen unverkennbar und zählt zu den markantesten Entwicklungen der digitalen Gegenwart. Besonders hervorzuheben sind Memes: Sie verbreiten sich schnell, arbeiten mit humoristischen Mitteln und verdichten komplexe Inhalte auf ein Minimum an Zeichen. In öffentlichen Diskursen werden sie daher nicht mehr als spielerisches Internetphänomen betrachtet, sondern als ernstzunehmendes Instrument politischer Kommunikation und den damit einhergehenden propagandistischen Strategien.
Zeitalter der Polykrisen – Was sagt die Polykrise über die Gegenwart und Zukunft?
Beim Durchscrollen der Tagesschlagzeilen ist einem in den letzten Jahr wahrscheinlich der Ausdruck Polykrise ins Blickfeld geraten. Solche Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien lauten beispielsweise (1) „Klimawandel, Krieg in der Ukraine, Abstiegsängste – die Welt ist aus den Fugen geraten: Drei Bücher zeigen Wege aus der Polykrise“ (Friedl 2026); (2) „Kritische Psychotherapie: Psychotherapie in der Polykrise“ (Dicks 2026); (3) „Optimismus in der Polykrise“ (Kolev 2025); (4) „Was tun gegen die …
„Genderwahn“ als sprachkritische Abwertung: Eine kritische Betrachtung
„Die Debatte über Gendern und Nicht-Gendern kann ich schon nicht mehr hören. Soll es doch jeder machen, wie er es selbst will.“ Dieses Zitat äußert der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz im Rahmen der Feier zugunsten des Grundgesetzes, welches im Jahre 2024 den 75. Geburtstag feierte (vgl. Steinkohl et al. 2024). Deutlich wird hierbei, dass die Thematik rund um das Gendern in der Politik aufgefasst wird. Allerdings wird gleichzeitig deutlich, dass die Debatte in der Öffentlichkeit stark kritisiert …
Klimaterroristen: Wie Sprache politische Fronten schafft
Der öffentliche Diskurs über Klimaaktivismus ist in den vergangenen Jahren zunehmend polarisiert. Vor diesem Hintergrund hat sich der Ausdruck Klimaterrorist zu einem politisch und gesellschaftlich stark aufgeladenen Schlagwort entwickelt, das im Jahr 2022 als „Unwort des Jahres“ gewählt wurde (vgl. 2020ff. – Unwort des Jahres). Seine Verwendung verweist auf Konflikte über Legitimität, Moral und Rechtmäßigkeit verschiedener Formen des Protests. Gleichzeitig fungiert der Begriff als sprachliches …
Negativ konnotierte Fremdzuschreibung durch diskriminierende Begriffe – Ein sprachkritischer Beitrag zur Bezeichnung „Kanake“ und dem Zukunftswort „Talahon“
„Gerade diese scheinbar ›milden‹ Formen des Rassismus, die über die Sprache transportiert werden, sind schwer zu bekämpfen, da vielen Menschen nicht klar zu sein scheint, welche Macht Sprache besitzt.“ (Kunz, 2021, S. 58).
Der Begriff „Kanake“ (teilweise auch „Kanacke“) bedeutet in seiner ursprünglichen Bedeutung Mensch und bezeichnete Bewohner*innen der Inselgruppe Neukaledoniens im südlichen Pazifik (vgl. Trost, 2002). Dem Gebrauch lag dabei die Charakterisierung einer spezifischen Gesellschaft …
Wenn aus Vielen Einer wird – Warum pauschale Nationsbezeichnungen sprachlich gefährlich sind
„In dieser Situation sind die Deutschen sehr unzufrieden mit der Arbeit der Politik.“ (Kinkartz, 2025), schreibt die Deutsche Welle im November 2025. Gemeint ist dabei keine einzelne Person oder klar definierte Gruppe, sondern eine ganze Nation, welche mit einem einzigen Artikel zu einem scheinbar einheitlichen Kollektiv zusammengefasst wurde. Solche Formulierungen sind kein Einzelfall. Ähnliche Beispiele, wie „Die Russen greifen an vielen Stellen an“ (Die Welt am Morgen, 2024), „Die Ukrainer …
Das Crazy, wenn Worte Brücken zwischen Generationen sprengen! – Eine sprachkritische Betrachtung von Jugendsprache: Mediale Darstellung, Generationenkonflikt und Pädagogische Einschätzung
Das Jugendwort des Jahres 2025 lautet „das Crazy“. Es meint: „Es gibt keine wirklich passende Antwort. Oder keine wirklich höfliche. Oder eine zu ausführliche, auf die der Antwortende aber gerade keine Lust hat. Oder einfach nur okay“ (Tagesschau, 2025). Torsten Sträter, Kabarettist und Vertreter der Generation X, hört es und stockt: „…das sind zwei Worte… [außerdem] fehlt eins… Vielleicht bin ich ein zu verknöcherter alter Mann geworden, dass ich mich über so eine Kacke… Wer es sagt – Ohrfeige“ …
„Stadtbild“ als politisches Schlagwort – Ein sprach- und medienkritischer Beitrag zur migrationspolitischen Äußerung von Friedrich Merz
Im Rahmen einer Pressekonferenz äußerte sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am 14. Oktober 2025 bei einem Besuch in Brandenburg zur Migrationspolitik. Er verwies dabei auf sinkende Migrationszahlen sowie auf bereits geplante und umgesetzte Maßnahmen, insbesondere Rückführungen. Merz verwendete dabei den Ausdruck „Stadtbild“, der im gegebenen Kontext negativ konnotiert wurde und sich daraufhin innerhalb kurzer Zeit zu einem politischen Schlagwort entwickelte.
Ausgangspunkt war eine journalistische …
Sprache im Scroll-Modus – Brainrot, Memes und medienkritische Deutungen der kindlichen Kommunikation
Laut der KIM-Studie im Jahr 2024 nutzten 54 Prozent der 6- bis 13-Jährigen täglich das Internet (mpfs, 2024). Das sind 7 Prozent mehr als im Jahr 2022 (mpfs, 2024). Besonders auffällig ist, dass 23 Prozent dieser Altersgruppe täglich oder fast täglich TikTok verwenden, während Instagram nur von 11 Prozent genutzt wird (mpfs, 2024). Mit der intensiveren Nutzung der sozialen Medien gewinnen auch Memes an Bedeutung: Dabei handelt es sich um multimodale Inhalte aus Texten, Bildern, Videos, GIFs, Sounds …
Wenn ein Wort mehr sagt als ein Satz: Der Begriff „Klimakleber“ als Beispiel sprachlicher Rahmung
In einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung erwähnt Mareen Linnarzt den Gedanken, dass Sprache lenkt, wie man denkt (vgl. Linnarzt und Steinke 2023). Diese Aussage verweist auf eine grundlegende Eigenschaft von Sprache, die im alltäglichen Mediengebrauch häufig wenig reflektiert wird. Medien verfügen über die Möglichkeit, einzelne Teilaspekte eines Themas hervorzuheben und andere in den Hintergrund zu rücken (vgl. Hasebrink). Auf diese Weise entstehen Deutungsrahmen, innerhalb derer Ereignisse …