
DiskursGlossar
Praktik
Kategorie: Grundbegriffe
Verwandte Ausdrücke: Handlungsmuster
Siehe auch: Wissen, Macht
Autor*innen: Tim Hector; Christine Gebhard
Version: 1.0 / Datum: 04.07.2025
Kurzzusammenfassung
Eine Praktik ist ein spezifisches, situativ vollzogenes und sinnhaftes Bündel von körperlichen Verhaltensweisen, an dem mehrere Menschen und Dinge beteiligt sein können (z. B. Seufzen, um Frust auszudrücken, oder einen Beschwerdebrief schreiben, Fußballspielen). Praktiken sind somit eine durch soziokulturelles, teils implizites Wissen vor-strukturierte, aber nicht determinierte Art und Weise, etwas Bestimmtes zu tun. Praktiken stabilisieren sich durch ihre wiederholte Ausführung, die zwar einerseits jeweils einzigartig ist, aber andererseits routinierte Elemente enthält, die auch in anderen Situationen so oder so ähnlich auftreten und die Praktik als solche erkennbar werden lassen. Solche Elemente können z. B. verbale und nonverbale Ausdrücke, Körperbewegungen und -haltungen, Blicke oder die Einbindung anderer Menschen oder Artefakte sein. Praktiken können, je nach disziplinärer Ausrichtung und theoretischer Grundierung, begrifflich sehr unterschiedlich gefasst werden. In der Linguistik liegt der Fokus in der Regel auf sprachlich-kommunikativen Praktiken, die Beteiligte zur Herstellung sozialer Wirklichkeit nutzen. In diesem Kontext spielen Praktiken auch für die Beschreibung strategischer Kommunikation in Diskursen eine wichtige Rolle.
Erweiterte Begriffsklärung
Praktik ist ein Grundbegriff in der Sozialtheorie. Praktiken werden in diesem Fachgebiet häufig als soziale Praktiken bezeichnet, weil sie eine Grundform zwischenmenschlicher Begegnungen und sozialer Ordnung darstellen. Der Begriff wird heute meist mit einer Denkrichtung der Sozialtheorie verknüpft, die man den „practice turn“ nennt (vgl. Schatzki et al. 2001). Diese Denkrichtung zielt darauf ab, alte Gegensätze wie ‚Mikro‘ (z. B. Details auf zwischenmenschlicher Ebene) und ‚Makro‘ (große Organisationen, Institutionen und Staaten) zu überwinden. Sie schaut auf das, was Menschen gemeinsam tun – also auf Praktiken. Praktiken sind nicht einfach Handlungen einzelner Individuen mit klaren Zielen. Stattdessen versteht man sie als ein Zusammenspiel vieler Beteiligter. Dabei können auch materielle Praktiken interessant sein (z. B. ein Ball beim Fußballspielen oder das Briefpapier beim Beschwerdebrief). Es geht weniger um das individuelle Ich, das handelt, sondern mehr um die geteilten Abläufe, an denen viele Menschen, aber auch Tiere oder Dinge mitwirken können (vgl. Hirschauer 2016: 49).
Der Soziologe Andreas Reckwitz (2003: 290) bezeichnet Praktiken als die „kleinste Einheit des Sozialen“. Damit meint er, dass soziales Leben im Grunde aus lauter routinemäßigen, körperlich-materiellen Tätigkeiten besteht. Diese Tätigkeiten führen Menschen gemeinsam aus, und dadurch entstehen Praktiken. Diese wiederum bringen Institutionen, Organisationen und andere ‚größere‘ Einheiten überhaupt erst hervor. Praktiken werden von den Beteiligten wechselseitig als gemeinsame Abläufe verfertigt (vgl. Schüttpelz/Meyer 2017: 158).
Zunehmend findet das Konzept der Praktiken als ‚sprachliche Praktiken‘ Eingang in die Linguistik, ein einheitlicher Begriff liegt aber noch nicht vor (vgl. Deppermann et al. 2016 sowie Lanwer/Coussios 2018). Habscheid unterscheidet zwischen sprachlichen und kommunikativen Praktiken: Als sprachliche Praktiken benennt er „die situierte, zeichenhafte Verkörperung bzw. vom Körper gelöste (z. B. schriftliche) Materialisierung von Handeln […] durch Sprache als möglicher Bestandteil kommunikativer Praktiken“ (Habscheid 2016: 137). Kommunikative Praktiken sind solche, die einerseits in „einer allgemeinen ‚Infrastruktur‘ zwischenmenschlicher Interaktion verankert sind“ und die zum anderen „u.a. aufgrund situierter Zeichenverwendungen als Handeln […] verständlich werden“ (Habscheid 2016: 137).
Deppermann, Feilke und Linke (2016: 12 f.) unterscheiden drei Begriffsbestimmungen von Praktiken, die aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden können: Einen suprastrukturell-handlungsfeldbezogenen, einen makrostrukturell-gattungstheoretischen und einen mikrostrukturell-konversationsanalytischen Praktikenbegriff.
Ein mikroanalytisch-konversationsanalytischer Praktikenbegriff (siehe dazu Beispiel 1 unten), den auch etwa Schegloff (2006) verwendet, wird bereits seit längerer Zeit in linguistischen Untersuchungen angewendet: Eine Praktik entsteht, wenn Sprecher*innen wiederkehrend bestimmte sprachliche Ressourcen einsetzen, um damit bestimmte kommunikative Aufgaben zu lösen (vgl. Selting 2016); so zum Beispiel der Einsatz von hm?, um Nicht-Verstehen auszudrücken und eine Reparatur einzuleiten. In diesem Verständnis entstehen Handlungen erst durch Praktiken, „[d]as heißt, Praktiken werden verwendet, um damit Handlungen auszuführen“ (Selting 2016: 28). Durch sprachliche Praktiken werden also (subjektbezogene, individuelle) Handlungen hervorgebracht. Diese können dann wiederum Bestandteil kommunikativer und sozialer Praktiken sein (vgl. Habscheid 2016).
Der makrostrukturell-gattungstheoretisch geprägte Praktikenbegriff versteht Praktiken hingegen als „Großformen des Sprachgebrauchs“ (Deppermann et al. 2016: 12). Diese Großformen können etwa mit dem Konzept der ‚kommunikativen Gattungen‘ beschrieben werden. Damit sind z. B. Sprechstundengespräche (vgl. Schopf 2025), Interaktionen beim Elternsprechtag (vgl. Wegner 2016), Bewerbungsgespräche (vgl. Birkner 2001), Ratschläge (vgl. Couper-Kuhlen/Thompson 2021), Vorwürfe (vgl. Günthner 1999) und andere „Verfestigungen“ (Weidner et al. 2021) gemeint (siehe auch Beispiel 2 unten, zu einer vertieften Diskussion der Verknüpfbarkeit des Konzeptes der Praktik mit dem der Gattung vgl. Lanwer/Coussios 2018: 135 f.). Solche Großformen hängen zusammen mit bestimmten gesellschaftlich verankerten Konventionen (etwa Höflichkeitskonventionen), sowie mit sozialen Strukturen, unter anderem Rollen oder Milieus.
Der suprastrukturell-handlungsfeldbezogene Praktikenbegriff kann ganze Handlungsfelder umfassen, wie zum Beispiel Praktiken der Internetkommunikation (siehe hierzu Beispiel 3 unten), und ist, oftmals auf einer diskurstheoretischen Ebene, verknüpft mit Weltanschauungen und Werten. Diese nehmen auch Einfluss auf die Handlungen von individuellen Personen, was wiederum Auswirkungen auf grammatische Formen haben kann (vgl. Deppermann et al. 2016: 12). Ein anderes Beispiel dafür sind sprachliche Praktiken des Genderns, also der geschlechtersensible Sprachgebrauch etwa unter Verwendung des sog. ,Gender-Sterns‘. Solche Praktiken sind an bestimmte Werte und Ideale sowie im Anschluss daran öffentlich ausgetragene Kontroversen gebunden (vgl. Habscheid 2024). Im Fokus des Praktikenbegriffs aus einer solchen, auf potenziell ganze Handlungsfelder bezogenen Perspektive steht die Klärung der Fragen, wie Praktiken mit institutionellen Hierarchien und Machtverhältnissen zusammenhängen und welche Beteiligungsstrukturen in bestimmten sozialen Feldern und Medienverbünden mit institutionellen Hierarchien und Machtverhältnissen verbunden sind (vgl. Deppermann et al. 2016: 12).
Der Praktikenbegriff etabliert sich in allen drei Lesarten zunehmend in sprachwissenschaftlichen Zusammenhängen, die die Verknüpfung von Gebrauch und Form von Sprache beschreiben. Im Folgenden werden die oben genannten drei Praktikenbegriffe
1) mikroanalytisch-konversationsanalytischer Praktikenbegriff,
2) makrostrukturell-gattungstheoretisch perspektivierter Praktikenbegriff sowie
3) suprastrukturell-handlungsfeldbezogener Praktikenbegriff
exemplarisch anhand verschiedener Formen mündlicher und schriftlicher Kommunikation skizziert.
Wie die drei Beispiele zeigen werden, lässt sich der Praktikenbegriff auf sehr verschiedenen Feldern linguistischer Untersuchungen anwenden: Mindestens in den oben skizzierten Bereichen der Interaktionsanalyse (Beispiel 1), der Gattungsanalyse (Beispiel 2) und der Diskursanalyse (Beispiel 3), aber darüber hinaus auch in angrenzenden linguistischen Forschungsfeldern und Mischformen.
Eine linguistische Untersuchung von Praktiken geht immer vom kontextualisierten Sprachgebrauch aus. Mit der Konzentration auf Praktiken in der linguistischen Analyse wird Sprache immer im Zusammenspiel von drei Dimensionen betrachtet (vgl. Meiler 2019: 66):
- eine materielle Dimension, die körperlich-dingliche Aspekte der zu untersuchenden sprachlichen Phänomene berücksichtigt. Anschaulich wird dies z. B., wenn paraverbale Phänomene (z. B. Tonhöhe, Sprechgeschwindigkeit, Akzent) bei gesprochensprachlichen Äußerungen in den Blick genommen werden, oder die Rolle medialer Eigenschaften einer E-Mail oder einer Social-Media-Plattform untersucht wird. Die sprachlichen Formen und Funktionen sowie ihre Materialität stehen dabei in einer engen Beziehung zueinander und beeinflussen sich gegenseitig (vgl. Meiler 2019: 64 f.).
- eine soziale Dimension, die Sprache als flexibles Instrument zur Lösung kommunikativer und damit sozialer Probleme begreift. Sprache ist das zentrale Mittel der Interaktion, in deren Gebrauch sich die Form von Sprache erst herausbildet. Dies wird in allen drei Beispielen deutlich, denn dies gilt sowohl (a) im Kontext der lokalen Verwendung bestimmter sprachlicher Ausdrücke als ‚Ressourcen‘ zur Lösung sozialer Probleme (vgl. Selting 2016) als auch (b) in der Gestaltung kommunikativer Gattungen als Praktiken des sozialen Miteinanders (vgl. Günthner 2024), sowie (c) in der Verwendung von Hashtags als Marker der Zugehörigkeit zu einer spezifischen, diskursiv konstruierten Praxisgemeinschaft (vgl. Dang-Anh 2019b). Letztere können auch kommunikationsstrategischen Charakter haben und verändern sich grundlegend im Zuge der zunehmenden Digitalisierung öffentlicher Diskurse (vgl. Vogel/Deus 2024).
- eine diskursive Dimension, die einholt, dass sich sprachliche Formen zur Lösung kommunikativer Probleme über die einzelne Situation hinaus verfestigen, und zwar auch über die einzelne Wortbedeutung bzw. Sprachfunktion hinaus, wie im Falle der Hashtags gezeigt werden konnte. Sprachliche Formen sind untrennbar mit Ideologien und Werten verschmolzen und stehen in einer Wechselwirkung mit Institutionen, Macht und Partizipation (vgl. Deppermann et al. 2016: 12).
Sprachwissenschaftliche Untersuchungen, die auf Praktiken ausgerichtet sind, berücksichtigen außerdem meist, dass soziale Begegnungen immer eine multimodale Dimension haben, d. h. nicht nur Sprache, sondern auch andere, z. B. körperliche, gestische oder mimische Zeichen umfassen (vgl. Deppermann et al. 2016: 14). Multimodalität kann sich dabei sowohl auf interaktionale Zusammenhänge beziehen und über Video-Interaktionsanalysen eingeholt werden (vgl. Deppermann 2018). In schriftbasierten Zusammenhängen kann dies aber auch eine multimodal ausgerichtete Analyse der visuellen Umgebung und der multimedialen Möglichkeiten bedeuten (vgl. etwa Pfurtscheller 2019).
Sprachliche Praktiken zu untersuchen, heißt also, „Prozessualität, Materialität, Verkörperung und soziale Routinen“ (Deppermann et al. 2016: 1) von Sprache in den Blick zu nehmen. Das ist in manchen Teilen der Linguistik bereits seit Langem üblich (vgl. Gloning 2016), hat aber durch den bereits erwähnten ‚practice turn‘ eine neue und nicht ungerechtfertigte Aufmerksamkeit erfahren.
Beispiele
(1) ‚Hedging‘ als sprachliche-kommunikative Praktik bei Bewertungen im Theaterpausengespräch
Hedging ist ein Verfahren zur Abschwächung sprachlicher Äußerungen bzw. zum Ausdruck von Vagheit (vgl. Clemen 1997: 241/244; Lakoff 1973: 471). Hedging ist eine sprachliche Praktik, weil sich spezifische linguistische Ressourcen etabliert haben, mit denen die Vagheit angezeigt wird – und weil Sprecherinnen und Sprecher umgekehrt in Situationen, in denen sie ihre Äußerungen als unsicher markieren, immer wieder auf das Einsetzen von Vagheitsausdrücken zurückgreifen. Hedging wird typischerweise in solchen Kommunikationssituationen eingesetzt, in denen Sprecher*innen ihre Position gegenüber bestimmten Sachverhalten zum Ausdruck bringen und in denen potenziell heikle Äußerungen von anderen Sprecher*innen angegriffen bzw. kritisiert werden könnten. Im folgenden Ausschnitt unterhalten sich drei Theaterbesucher*innen über die Inhalte des von ihnen gesehenen Theaterstücks. Sie greifen dabei auf Hedges zurück, um ihre Bewertungen als unscharf zu markieren und sich und ihre Bewertungen weniger angreifbar zu machen.
457 Jasmin: ich find das auch auf einmal mit diese:m VI?
458 ALso-
459 VIdeo verwirrend wei:l-
460 (0.7)
461 das [AL ]so:.
462 Pascal: [ja.]
463 Jasmin: ich fand das hat irgendwie so GAR nich reingepasst.=
464 =ich hab ei (.) EIgentlich gedacht dass der junge sowas von
anfang an schon so SCHÜCHtern is-
465 und (ah) und HALT so.
466 (0.5)
467 wenig SELBSTbewusstsein und sowa[s-]
468 Anna: [h°]
469 Jasmin: dann das VIdeo-
470 das fand ich irgendwie dann nochmal verSTÖren[der.]
471 Pascal: [ja:-]=
472 Jasmin: =um EHRlich zu sein-
473 (0.7)
474 aber das: HAben die wahrscheinlich gebraucht-
475 um (den) EInen da zu ver!UR!teilen.
476 Pascal: [ja-]
477 Jasmin: [EIN]f[ach-]
478 Anna: [ja- ]
479 (0.8)
480 Pascal: also das hätten die vielleicht anders RAUSbringen können.=
481 =ich fand_s jetz n bisschen (.) KOmisch-
482 dass sie ei[nfach] nichts andres zu TUN hat als-
483 Jasmin: [(ja)-]
484 Pascal: °h hey.=
485 =da liegt sein HANdy.
486 SCHAU mal was er für !VI![deos hat.]
487 Annalena: [hh° ]
[ja. ]
488 Anna: [<<lachend> ja:>-]
489 (0.2)
490 Pascal: er HÄTte ja-
491 Jasmin: ja:.
492 Annalena: ((lacht))
493 Pascal: (fast) dann vielleicht einfach SELBST die-
494 WAFfe !KRIE!gen !KÖN!nen.
495 und das dann SELBST !AN!sprechen können als-
496 Anna: ja-
497 (0.7)
498 Pascal: [ja.]
499 Anna: [°h ] ja und (.) geNAU.
500 am ende HATte er ja dann irgendwie ne ALso-
501 °h [am ENde hab i]ch das !ECHT! nich verstan[den.]
Mithilfe von Vagheitsmarkern wie irgendwie (Zeile 463), EIgentlich (Z. 464), und HALT so (Z. 465), wahrscheinlich (Z. 474), vielleicht (Z. 480) und n bisschen (Z. 481) können die am Gespräch beteiligten Sprecher*innen ihre durch die Bewertung vorgenommenen Positionierungen als potenziell heikel und gesichtsbedrohend markieren, um sich im Fall von Nichtübereinstimmung weniger angreifbar zu machen (vgl. Hrncal 2020: 121).
(2) Bürgerliche Beschwerdeschreiben als kommunikative Praktik auf makrostrukturell-gattungstheoretischer Ebene
Die kommunikative Praktik der Beschwerde eröffnet Sprecher*innen bzw. Schreiber*innen die Möglichkeit, das Handeln einer bestimmten Instanz oder Person zu kritisieren. Die Beschwerde lässt sich als kommunikative Gattung klassifizieren – darunter versteht die Linguistin Susanne Günthner (2024: 68) „sozial verfestigte und komplexe kommunikative Muster, an denen sich Sprecher/innen und Rezipient/innen sowohl bei der Produktion als auch Interpretation interaktiver Handlungen orientieren“ (siehe oben). Das folgende Beispiel zeigt ein Beschwerdeschreiben einer Bürgerin bzw. eines Bürgers an die kommunale Stadtverwaltung, die ihren Bürger*innen die Möglichkeit der Beschwerde über ihre Webseite ermöglicht.
Hallo Stadt ((Ortsname)) zu Händen Herrn ((Name))
Die Entscheidung des Bürgermeisters in den Coronazeiten muss ich als Bürger der Stadt ((Ortsname)) (seit 62 Jahren) im Sinne der Solidargemeinschaft hinnehmen. Aber so langsam fehlt mir für einiges das Verständnis:
1. Neu ausgestellte Personalausweise liegen im Bürgerbüro rum und können nicht ausgehändigt werden. Warum eigentlich nicht? Kann man nicht eine geschützte Ausgabestelle einrichten?
Haben Sie einmal versucht mit einem ungültigen Ausweis einen Handyvertrag oder einen Immobilienkauf oder ähnliches abzuschliessen? Geht nicht.
2. Sperrmüll – zum Schutz der Mitarbeiter hat der Bürgermeister die Sperrmüllabholung ausgesetzt. Nachvollziehbar, aber wir haben jetzt seit Mitte März unseren Sperrmüll -aus einer Wohnungsauflösung- vor der Tür, Abholtermin war 30.04. Jetzt darf man ab 04.05. einen neuen Termin beantragen. Bei gleicher Vorlaufzeit und falls überhaupt bekommen wir dann einen Termin im Juni. Solange blockiert der Sperrmüll einen dringend benötigten Parkplatz. Wenn man das Zeug wenigstens selbst wegbringen könnte, aber weder die Ausstellung von Sperrmüllscheinen noch das Anliefern an der Kippe ist möglich.
Ich weiss, das sind alles nur kleine Probleme in den jetzigen Zeiten, aber ich verstehe nicht, worin der Unterschied zwischen städtischen Bediensteten und Kassiererinnen an Ladenkassen besteht.
Vielleicht bekomme ich ja eine Antwort, rechne aber eigentlich nicht damit.
Mit freundlichen Grüssen
((Name))
Die Verfasserin bzw. der Verfasser dieses Beschwerdeschreibens prangert Corona-bedingte Entscheidungen des Bürgermeisters an, illustriert deren Effekt auf ihren bzw. seinen persönlichen Alltag und nutzt so eine gesellschaftlich etablierte Praktik, um das Handeln des Bürgermeisters bzw. der Stadtverwaltung in einer sozial akzeptierten Form zu kritisieren.
(3) Der Hashtag als diskursive Praktik der Internetkommunikation
Eine für Internetkommunikation typische diskursive Praktik ist das Hashtagging. Durch das Versehen eines Postings mit einem sogenannten Hashtag wird das Posting einem Thema oder Ereignis zugeordnet. Zu den Funktionen von Hashtags zählen unter anderem die Steigerung der Sichtbarkeit bzw. der Reichweite von Postings. Sie können zudem als Kontextualisierungshinweise fungieren und stehen zwischen Text und Hintergrundwissen (vgl. Dang-Anh 2019a: 151). Hashtags stellen (Teil-)Öffentlichkeiten her und versammeln Nutzer*innen zu einem Thema, sodass sie zwischen großen Diskursströmungen und individuellen Beiträgen stehen. So werden zum Beispiel durch das Hashtag #HambiBleibt mit diesem versehene Postings bzw. Aussagen zum Diskurs um den Hambacher Forst gebündelt.
Nutzername @Handle (persönlicher Account): Heute vor 5 Jahren starb Steffen Meyn, während er die Waldbesetzung im #HambiBleibt filmisch begleitete. Am Samstag wird es um 15 Uhr im Hambacher Wald eine Gedenkveranstaltung geben. #VergissMeynNicht
Nutzername @Handle (persönlicher Account): Morgen bin ich wieder unterwegs, das Wetter wird durchwachsen, auch nicht mit Bus und Bahn, da kommt man nicht gut hin. Es geht zu einer Ikone der Klimahansel, Luisa war da und Greta und ab morgen dann auch @Handle. #HambiBleibt #Mit49EuroUmDieWelt
BUND NRW e.V. @bund_nrw: Wegen Untätigkeit haben wir heute das @landnrw verklagt und die Rückname der Zwangsenteignung des BUND-Grundstücks an der Kante des Tagebaus #Hambach beantragt. #Braunkohle soll dort nicht mehr gewonnen werden. Gleichwohl will die @RWE_AG uns vertreiben. #HambiBleibt
Die Bündelung von Beiträgen unter dem Hashtag #HambiBleibt macht den Diskurs um den Hambacher Forst bzw. den Tagebau Hambach – zumindest in Ausschnitten – für bestimmte Teilöffentlichkeiten bzw. Nutzergruppen nachverfolgbar. Die Kombination des Rautezeichens (#) mit weiteren Wörtern wie hier Hambi und bleibt, die nicht durch ein Leerzeichen voneinander abgetrennt werden, ist dabei eine spezifische sprachliche Form, die entstand, weil die Kommunikationsplattform „X“ (vormals Twitter) nur auf diese Weise nach spezifischen Schlagworten durchsuchbar war. Durch die Verwendung des Hashtags trugen Nutzer*innen also dazu bei, dass Tweets für andere Nutzer*innen auffindbar waren und bündelten so gleichzeitig Diskurse zu bestimmten Themen oder Ereignissen.
Der Hashtag #HambiBleibt hat sich jedoch als diskursive Praktik auch von der Plattform gelöst und ist zum Identifikationsmerkmal für die Protestbewegung geworden (so trägt etwa eine arte-Dokumentation über den Protest den Titel #HambiBleibt, obwohl der Dokumentarfilm nicht auf die Internetpraktiken fokussiert). Ein Zugang zu Diskursen über sprachliche Praktiken dieser Art kann Aufschluss über diskursive Entwicklungen sowie über entsprechende Macht– und Beteiligungsstrukturen geben.
Literatur
Zum Weiterlesen
- Deppermann, Arnulf; Feilke, Helmuth; Linke, Angelika (Hrsg.) (2016): Sprachliche und kommunikative Praktiken. Berlin u. a.: De Gruyter.
-
Meiler, Matthias (2023): Method(olog)ische Herausforderungen der Analyse sprachlichen Handelns in kommunikativen Praktiken. In: Meiler, Matthias; Siefkes, Martin (Hrsg.): Linguistische Methodenreflexion im Aufbruch. Beiträge zur aktuellen Diskussion im Schnittpunkt von Ethnographie und Digital Humanities, Multimodalität und Mixed Methods. Berlin u. a.: De Gruyter, S. 45–77.
Zitierte Literatur und Belege
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Birkner, Karin (2001): Bewerbungsgespräche mit Ost- und Westdeutschen. Eine kommunikative Gattung in Zeiten gesellschaftlichen Wandels. Berlin u. a.: De Gruyter.
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Clemen, Gudrun (1997): The Concept of Hedging: Origins, Approaches and Definitions. In: Markkanen, Raija; Schröder, Hartmut (Hrsg.): Hedging and Discourse Approaches to the Analysis of a Pragmatic Phenomenon in Academic Texts. Berlin: De Gruyter, S. 235–248.
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Couper-Kuhlen, Elizabeth; Thompson, Sandra (2021): Ratschläge in der Alltagskommunikation: Zur Verwendung einer sedimentierten Form im Englischen. In: Weidner, Beate; König, Katharina; Imo, Wolfgang; Wegner, Lars (Hrsg.): Verfestigungen in der Interaktion. Konstruktionen, sequenzielle Muster, kommunikative Gattungen. Berlin u. a.: De Gruyter, S. 295–318.
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Dang-Anh, Mark (2019a): Protest twittern. Eine medienlinguistische Untersuchung von Straßenprotesten. Bielefeld: transcript Verlag.
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Dang-Anh, Mark (2019b): Protest als mediale Praxis: Straßenprotestkommunikation online und offline. In: Sprachreport, Jg. 35, Heft 4, S. 36–45.
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Deppermann, Arnulf (2018): Sprache in der multimodalen Interaktion. In: Deppermann, Arnulf; Reineke, Silke (Hrsg.): Sprache im kommunikativen, interaktiven und kulturellen Kontext. Berlin, Boston: De Gruyter, S. 51–85.
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Deppermann, Arnulf; Feilke, Helmuth; Linke, Angelika (2016): Sprachliche und kommunikative Praktiken: Eine Annäherung aus linguistischer Sicht. In: Dies. (Hrsg.) (2016): Sprachliche und kommunikative Praktiken. Berlin u. a.: De Gruyter, S. 1–24.
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Gloning, Thomas (2016): Neue mediale Formate und ihre kommunikative Nutzung in der Wissenschaft. Fallbeispiele und sieben Thesen zum Praktiken-Konzept, seiner Reichweite und seinen Konkurrenten. In: Deppermann, Arnulf; Feilke, Helmuth; Linke, Angelika (Hrsg.): Sprachliche und kommunikative Praktiken. Berlin, Boston: De Gruyter, S. 457–486.
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Günthner, Susanne (1999): Vorwürfe in der Alltagskommunikation. In: Bergmann, Jörg; Luckmann, Thomas (Hrsg.): Kommunikative Konstruktion von Moral. Band 1: Struktur und Dynamik der Formen moralischer Kommunikation. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 206–241.
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Günthner, Susanne (2024): Gattungen in der sozialen Praxis. Die Analyse „kommunikativer Gattungen“ als Textsorten mündlicher Kommunikation. In: Fladrich, Marcel; Imo, Wolfgang; König, Katharina; Lanwer, Jens P.; Weidner, Beate (Hrsg.): Susanne Günthner. Sprache in der kommunikativen Praxis. Berlin u. a.: De Gruyter, S. 61–92.
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Habscheid, Stephan (2016): Handeln in Praxis. Hinter- und Untergründe situierter sprachlicher Bedeutungssituation. In: Deppermann, Arnulf; Feilke, Helmuth; Linke, Angelika (Hrsg.): Sprachliche und kommunikative Praktiken. Berlin, Boston: De Gruyter, S. 127–151.
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Habscheid, Stephan (2024): Freiheit und Verantwortung. Geschlechtergerechter Sprachgebrauch in sprachhandlungstheoretischer Perspektive. In: Habscheid, Stephan; Nielsen-Sikora, Jürgen (Hrsg.): Das Generische Maskulinum. Eine Diskussion anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde an Navid Kermani an der Universität Siegen, S. 89–91.
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Hirschauer, Stefan (2016): Verhalten, Handeln, Interagieren. Zu den mikrosoziologischen Grundlagen der Praxistheorie. In: Schäfer, Hilmar (Hsrg.): Praxistheorie. Ein soziologisches Forschungsprogramm. Bielefeld: transcript, S. 45–67.
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Hrncal, Christine (2020): Bewertungsinteraktionen in der Theaterpause. Eine gesprächsanalytische Untersuchung von Pausengesprächen im Theaterfoyer. Berlin, Boston: De Gruyter.
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Lakoff, George (1973): Hedges: A study in meaning criteria and the logic of fuzzy concepts. In: Journal of Philosophical Logic, Jg. 2, Heft 4, S. 458–508.
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Lanwer, Jens; Coussios, Georgios (2018): Kommunikative Praxis, soziale Gruppe und sprachliche Konventionen. In: Neuland, Eva; Schlobinski, Peter (Hrsg.): Handbuch Sprache in sozialen Gruppen. Berlin u. a.: De Gruyter, S. 126–148.
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Meiler, Matthias (2019): Zur praxeologischen Verhältnisbestimmung von Materialität, Medialität und Mentalität oder: Medien als Praxis. In: Zeitschrift für Semiotik, Jg. 41, Hefte 1–2, S. 63–88.
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Reckwitz, Andreas (2003): Grundelemente einer Theorie sozialer Praktiken: Eine sozialtheoretische Perspektive. Zeitschrift für Soziologie, Jg. 32, Heft 4, S. 282–301.
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Pfurtscheller, Daniel (2019): Reizende Vorschau. Thumbnail-Bilder als Teil multimodaler Verweisbausteine und kontaktorientierter Medienlogik zwischen Teasing und Clickbaiting. In: Schwender, Clemens; Brantner, Cornelia; Graubner, Camilla; von Gottberg, Joachim (Hrsg.): Zeigen – Andeuten – Verstecken: Bilder zwischen Verantwortung und Provokation. Berlin: von Halem, S. 121–142.
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Schatzki, Theodore; Knorr Cetina, Karin; von Savigny, Eike (Hrsg.) (2001): The practice turn in contemporary theory. London: Routledge.
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Schegloff, Emanuel A. (2006): Interaction: The Infrastructure for Social Institutions, the Natural Ecological Niche for Language, and the Arena in which Culture is Enacted. In: Enfield, Nick J.; Levinson, Stephen C. (Hrsg.): Roots of Human Sociality. Culture, Cognition and Interaction. Oxford: Berg, S. 70–96.
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Schopf, Juliane (2025): Gespräche in der Impfsprechstunde. Linguistische Analysen einer Gesprächsgattung mit Anwendungsbezug für die Medizindidaktik. Berlin, Boston: De Gruyter.
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Schüttpelz, Erhard; Meyer, Christian (2017): Ein Glossar zur Praxistheorie. „Siegener Version“. In: Dang-Anh, Mark; Pfeifer, Simone; Reisner, Clemens; Villioth, Lisa (Hg.): Medienpraktiken. Situieren, erforschen, reflektieren. (=Navigationen. Zeitschrift für Medien- und Kulturwissenschaften, Jg. 17, Heft 1). Siegen: Universitätsverlag Siegen, S. 155–163.
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Selting, Margret (2016): Praktiken des Sprechens und Interagierens im Gespräch aus Sicht von Konversationsanalyse und Interaktionaler Linguistik. In: Deppermann, Arnulf; Feilke, Helmuth; Linke, Angelika (Hrsg.): Sprachliche und kommunikative Praktiken. Berlin: De Gruyter, S. 27–56.
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Vogel, Friedemann; Deus, Fabian (2024): Strategische Kommunikationspraktiken in digitalen Diskursarenen. In: Androutsopoulos, Jannis; Vogel, Friedemann (Hrsg.): Handbuch Sprache und digitale Kommunikation. Berlin: De Gruyter, S. 393–411.
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Wegner, Lars (2016): Lehrkraft-Eltern-Interaktionen am Elternsprechtag. Eine gesprächs- und gattungsanalytische Untersuchung. Berlin, Boston: De Gruyter.
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Weidner, Beate; König, Katharina; Imo, Wolfgang; Wegner, Lars (Hrsg.) (2021): Verfestigungen in der Interaktion. Konstruktionen, sequenzielle Muster, kommunikative Gattungen. Berlin: De Gruyter.
Zitiervorschlag
Hector, Tim; Gebhard, Christine (2025): Praktik. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 04.07.2025. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/praktik/.
DiskursGlossar
Grundbegriffe
Begriffsgeschichte
Die Begriffsgeschichte lässt sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten Ausdrücken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext größerer sprachlicher Zusammenhänge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).
Diskurssemantische Verschiebung
Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.
Domäne
Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.
Positionieren
Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.
Deutungsmuster
Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.
Sinnformel
‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.
Kontextualisieren
Kontextualisieren wird im allgemeineren bildungssprachlichen Begriffsgebrauch verwendet, um das Einordnen von etwas oder jemandem in einen bestimmten Zusammenhang zu bezeichnen.
Narrativ
Mit der diskursanalytischen Kategorie des Narrativs werden Vorstellungen von komplexen Denk- und Handlungsstrukturen erfasst. Narrative in diesem Sinne gehören wie Schlagwörter, Metaphern und Topoi zu den Grundkategorien der Analyse von Diskursen.
Argumentation
Argumentation bezeichnet jene sprachliche Tätigkeit, in der man sich mithilfe von Gründen darum bemüht, die Richtigkeit einer Antwort auf eine bestimmte Frage zu erweisen. Das kann in ganz verschiedenen Situationen und Bereichen nötig sein, namentlich um eine poli-tische, wissenschaftliche, rechtliche, unternehmerische oder private Angelegenheit zu klären.
Hegemonie
Wie der britische Politikwissenschaftler Perry Anderson 2018 in einer umfassenden, historisch weit ausgreifenden Studie zum Gebrauch des Begriffs Hegemonie und seinen Konjunkturen beschreibt, liegen die historischen Wurzeln des Begriffs im Griechischen, als Bezeichnung für Führung (eines Staatswesens) mit Anteilen von Konsens.
Techniken
AI-Washing/KI-Washing
Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle mit dem Etikett „Künstliche Intelligenz“ (KI bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsächlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark übertrieben, nur marginal vorhanden oder überhaupt nicht gegeben ist.
Dogwhistle
Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.
Boykottaufruf
Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.
Tabuisieren
Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.
Aus dem Zusammenhang reißen
Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie für ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.
Lobbying
Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primär an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein Bündel von kommunikativen Tätigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.
Karten
Karten dienen dazu, Raumausschnitte im Hinblick auf ausgewählte Charakteristika so darzustellen, dass die Informationen unmittelbar in ihrem Zusammenhang erfasst und gut kommuniziert werden können. Dazu ist es notwendig, Daten und Darstellungsweisen auszuwählen und komplexe und oft umkämpfte Prozesse der Wirklichkeit in einfachen Darstellungen zu fixieren.
Pressemitteilung
Pressemitteilungen sind standardisierte Mitteilungen von Organisationen, die sich an Journalist:innen und andere Multiplikator:innen richten. Sie dienen der offiziellen und zitierfähigen Informationsweitergabe und übernehmen zugleich strategische Funktionen in der öffentlichen Kommunikation und Meinungssteuerung.
Shitstorm
Der Begriff Shitstorm beschreibt eine relativ junge Diskurskonstellation, die seit den 2010er Jahren an Bedeutung gewonnen hat und gemeinhin als Online-Wutausbruch bezeichnet wer-den kann.
Tarnschrift
Als Tarnschrift bezeichnet man unter den Bedingungen von Zensur und Verfolgungsrisiko veröffentliche Texte, die insbesondere in der strategischen Kommunikation des NS-Widerstands eine zentrale Rolle spielten.
Schlagwörter
Brückentechnologie
Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der Brückentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschätzten anderen Technologie möglich ist.
Deindustrialisierung
Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch Rückgang von produzierendem Gewerbe.
Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, ähnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).
Echokammer
Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.
Relativieren
Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.
Massendemokratie
Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.
Social Bots
Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.
Kriegsmüdigkeit
Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.
Woke
Der Ausdruck woke stammt aus dem afroamerikanischen Englisch und bezeichnete dort zunächst den Bewusstseinszustand der Aufgeklärtheit über die Verbreitung von rassistischen Vorurteilen und Diskriminierung unter Angehörigen ethnischer Minderheiten.
Identität
Unter Identität versteht man allgemein die Summe von Merkmalen, die Individuen oder sozialen Kollektiven – etwa Nationen, Organisationen oder sozialen Gruppen – als charakteristisch oder gar als angeboren zugeordnet werden.
Verschiebungen
Dehumanisierung
Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.
Kriminalisierung
Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.
Versicherheitlichung
In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.
Ökonomisierung
Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren
Moralisierung
Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.
Konstellationen
Krise
Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.
Partizipatorischer Diskurs
Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.
Skandal
Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.
DiskursReview
Review-Artikel
Memes als moderne Propaganda – Eine sprach- und medienkritische Untersuchung
Digitale Kommunikationsformen prägen heutige gesellschaftliche Debatten weitaus stärker als die klassischen Medien. Ihr Einfluss auf die politische Meinungsbildung und die Ausbildung ideologischer Positionen ist inzwischen unverkennbar und zählt zu den markantesten Entwicklungen der digitalen Gegenwart. Besonders hervorzuheben sind Memes: Sie verbreiten sich schnell, arbeiten mit humoristischen Mitteln und verdichten komplexe Inhalte auf ein Minimum an Zeichen. In öffentlichen Diskursen werden sie daher nicht mehr als spielerisches Internetphänomen betrachtet, sondern als ernstzunehmendes Instrument politischer Kommunikation und den damit einhergehenden propagandistischen Strategien.
Zeitalter der Polykrisen – Was sagt die Polykrise über die Gegenwart und Zukunft?
Beim Durchscrollen der Tagesschlagzeilen ist einem in den letzten Jahr wahrscheinlich der Ausdruck Polykrise ins Blickfeld geraten. Solche Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien lauten beispielsweise (1) „Klimawandel, Krieg in der Ukraine, Abstiegsängste – die Welt ist aus den Fugen geraten: Drei Bücher zeigen Wege aus der Polykrise“ (Friedl 2026); (2) „Kritische Psychotherapie: Psychotherapie in der Polykrise“ (Dicks 2026); (3) „Optimismus in der Polykrise“ (Kolev 2025); (4) „Was tun gegen die …
„Genderwahn“ als sprachkritische Abwertung: Eine kritische Betrachtung
„Die Debatte über Gendern und Nicht-Gendern kann ich schon nicht mehr hören. Soll es doch jeder machen, wie er es selbst will.“ Dieses Zitat äußert der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz im Rahmen der Feier zugunsten des Grundgesetzes, welches im Jahre 2024 den 75. Geburtstag feierte (vgl. Steinkohl et al. 2024). Deutlich wird hierbei, dass die Thematik rund um das Gendern in der Politik aufgefasst wird. Allerdings wird gleichzeitig deutlich, dass die Debatte in der Öffentlichkeit stark kritisiert …
Klimaterroristen: Wie Sprache politische Fronten schafft
Der öffentliche Diskurs über Klimaaktivismus ist in den vergangenen Jahren zunehmend polarisiert. Vor diesem Hintergrund hat sich der Ausdruck Klimaterrorist zu einem politisch und gesellschaftlich stark aufgeladenen Schlagwort entwickelt, das im Jahr 2022 als „Unwort des Jahres“ gewählt wurde (vgl. 2020ff. – Unwort des Jahres). Seine Verwendung verweist auf Konflikte über Legitimität, Moral und Rechtmäßigkeit verschiedener Formen des Protests. Gleichzeitig fungiert der Begriff als sprachliches …
Negativ konnotierte Fremdzuschreibung durch diskriminierende Begriffe – Ein sprachkritischer Beitrag zur Bezeichnung „Kanake“ und dem Zukunftswort „Talahon“
„Gerade diese scheinbar ›milden‹ Formen des Rassismus, die über die Sprache transportiert werden, sind schwer zu bekämpfen, da vielen Menschen nicht klar zu sein scheint, welche Macht Sprache besitzt.“ (Kunz, 2021, S. 58).
Der Begriff „Kanake“ (teilweise auch „Kanacke“) bedeutet in seiner ursprünglichen Bedeutung Mensch und bezeichnete Bewohner*innen der Inselgruppe Neukaledoniens im südlichen Pazifik (vgl. Trost, 2002). Dem Gebrauch lag dabei die Charakterisierung einer spezifischen Gesellschaft …
Wenn aus Vielen Einer wird – Warum pauschale Nationsbezeichnungen sprachlich gefährlich sind
„In dieser Situation sind die Deutschen sehr unzufrieden mit der Arbeit der Politik.“ (Kinkartz, 2025), schreibt die Deutsche Welle im November 2025. Gemeint ist dabei keine einzelne Person oder klar definierte Gruppe, sondern eine ganze Nation, welche mit einem einzigen Artikel zu einem scheinbar einheitlichen Kollektiv zusammengefasst wurde. Solche Formulierungen sind kein Einzelfall. Ähnliche Beispiele, wie „Die Russen greifen an vielen Stellen an“ (Die Welt am Morgen, 2024), „Die Ukrainer …
Das Crazy, wenn Worte Brücken zwischen Generationen sprengen! – Eine sprachkritische Betrachtung von Jugendsprache: Mediale Darstellung, Generationenkonflikt und Pädagogische Einschätzung
Das Jugendwort des Jahres 2025 lautet „das Crazy“. Es meint: „Es gibt keine wirklich passende Antwort. Oder keine wirklich höfliche. Oder eine zu ausführliche, auf die der Antwortende aber gerade keine Lust hat. Oder einfach nur okay“ (Tagesschau, 2025). Torsten Sträter, Kabarettist und Vertreter der Generation X, hört es und stockt: „…das sind zwei Worte… [außerdem] fehlt eins… Vielleicht bin ich ein zu verknöcherter alter Mann geworden, dass ich mich über so eine Kacke… Wer es sagt – Ohrfeige“ …
„Stadtbild“ als politisches Schlagwort – Ein sprach- und medienkritischer Beitrag zur migrationspolitischen Äußerung von Friedrich Merz
Im Rahmen einer Pressekonferenz äußerte sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am 14. Oktober 2025 bei einem Besuch in Brandenburg zur Migrationspolitik. Er verwies dabei auf sinkende Migrationszahlen sowie auf bereits geplante und umgesetzte Maßnahmen, insbesondere Rückführungen. Merz verwendete dabei den Ausdruck „Stadtbild“, der im gegebenen Kontext negativ konnotiert wurde und sich daraufhin innerhalb kurzer Zeit zu einem politischen Schlagwort entwickelte.
Ausgangspunkt war eine journalistische …
Sprache im Scroll-Modus – Brainrot, Memes und medienkritische Deutungen der kindlichen Kommunikation
Laut der KIM-Studie im Jahr 2024 nutzten 54 Prozent der 6- bis 13-Jährigen täglich das Internet (mpfs, 2024). Das sind 7 Prozent mehr als im Jahr 2022 (mpfs, 2024). Besonders auffällig ist, dass 23 Prozent dieser Altersgruppe täglich oder fast täglich TikTok verwenden, während Instagram nur von 11 Prozent genutzt wird (mpfs, 2024). Mit der intensiveren Nutzung der sozialen Medien gewinnen auch Memes an Bedeutung: Dabei handelt es sich um multimodale Inhalte aus Texten, Bildern, Videos, GIFs, Sounds …
Wenn ein Wort mehr sagt als ein Satz: Der Begriff „Klimakleber“ als Beispiel sprachlicher Rahmung
In einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung erwähnt Mareen Linnarzt den Gedanken, dass Sprache lenkt, wie man denkt (vgl. Linnarzt und Steinke 2023). Diese Aussage verweist auf eine grundlegende Eigenschaft von Sprache, die im alltäglichen Mediengebrauch häufig wenig reflektiert wird. Medien verfügen über die Möglichkeit, einzelne Teilaspekte eines Themas hervorzuheben und andere in den Hintergrund zu rücken (vgl. Hasebrink). Auf diese Weise entstehen Deutungsrahmen, innerhalb derer Ereignisse …