DiskursGlossar

Hegemonie

Kategorie: Grundbegriffe
Verwandte Ausdrücke: (Vor-)Herrschaft, Führung, Weltherrschaft, Imperium
Siehe auch: Macht, Demokratie, Propaganda
Autorin: Susanna Weber
Version: 1.0 / Datum: 13.06.2024

Kurzzusammenfassung

Der Ausdruck Hegemonie lässt sich in zwei Gebrauchskontexte einordnen: (a) Als analytischer Begriff in politik- bzw. staatswissenschaftlichen Theorien wird er verwendet, um asymmetrische zwischenstaatliche Machtverhältnisse zu charakterisieren (Wer hat die Führungsrolle, wer ist Geführter in Bündnissen? Wie ist das Verhältnis zwischen Freiwilligkeit und Zwang?). Auf innerstaatliche Konstellationen bezogen, steht Hegemonie für die ambivalente Mischung von Konsens und Zwang, Zustimmung und Gewalt, mit der Klassen oder Parteien führenden Einfluss bzw. Mehrheiten gewinnen (siehe Gramsci 1991). (b) Als Schlagwort in politisch-strategischen Diskursen rechter Akteure gehört Hegemonie zu den Begriffen/Theorieelementen, die sowohl konservative (wie Andreas Rödder) als auch rechte Meinungsführer (wie Alain de Benoist) aus dem linken Theorie-Repertoire (Gramsci 1991) entlehnten und in eigene Parteistrategien einbauten (kulturelle Hegemonie).

Erweiterte Begriffsklärung

Wie der britische Politikwissenschaftler Perry Anderson 2018 in einer umfassenden, historisch weit ausgreifenden Studie zum Gebrauch des Begriffs Hegemonie und seinen Konjunkturen beschreibt, liegen die historischen Wurzeln des Begriffs im Griechischen, als Bezeichnung für Führung (eines Staatswesens) mit Anteilen von Konsens. Die (noch ältere) Entsprechung im Chinesischen trug unterschiedliche Bedeutungen: von Überredung über Zwangsausübung bis zum Hegemonismus als Kritik an Bestrebungen (konkurrierender Mächte) nach Vorherrschaft. Noch gegenwärtig findet sich der Ausdruck (in westliche Sprachen übersetzt als ba, badao, baquan) in der Verfassung Chinas (Anderson 2018: 156 f; 167; 187).

Eine neuzeitliche Konjunktur des Begriffsgebrauchs ist zur Mitte des 19. Jahrhunderts festzustellen und markiert hier vor allem die Politik Preußens, das sich die Vorherrschaft in den nationalen Einigungsbestrebungen Deutschlands und eine führende Rolle in Europa sichern wollte (Anderson 2018: 18– 23). Eine weitere Aktualisierung erfuhr Hegemonie am Anfang des 20. Jahrhunderts im Kontext der russischen Revolutionen, hier als Begriff für innerstaatliche Verhältnisse (zwischen Sozialdemokratie/Zarismus, Arbeiterklasse/Bourgeoisie). Damit verbunden waren grundsätzliche Strategiefragen in Bezug auf die weitere Entwicklung der revolutionären Umgestaltungen, um die erbittert und zum Teil gewaltvoll gestritten wurde (Anderson 2018: 26–40).

Der italienische Publizist, Philosoph und Mitbegründer der Kommunistischen Partei (KP) Italiens, Antonio Gramsci (1891-1937), entwarf in seinen Gefängnisheften (GH), so genannt, weil sie in den Jahren der Haft in Gefängnissen des faschistischen Staates entstanden, ein Verständnis von Hegemonie, das sowohl die russischen Kontroversen reflektierte als auch die konkrete politische Situation und die Kräfteverhältnisse (die faschistische Regierung Mussolinis) in Italien. Aus Andersons Sicht ist Hegemonie bei Gramsci „polyvalent“, nämlich „undenkbar ohne Zustimmung, undurchführbar ohne Gewalt“ (Anderson 2018: 40). Nach Gramsci ist sie nicht (nur) Zustand, sondern auch der Prozess des Überzeugens, der Gewinnung von Verbündeten und der Realisierung grundlegender Umgestaltungen der Gesellschaft. Gegenüber den verbündeten Klassen müsse die Arbeiterklasse „führend“ sein, gegenüber den gegnerischen aber „herrschend“ (Gramsci 1991: GH 1, § 44, 101–113), so formulierte es Gramsci. Spätere Kontroversen innerhalb der italienischen KP etwa um einen möglichen „historischen Kompromiss“ (zwischen der KP und Democrazia Christiana) nahmen auf Gramcsis Hegemonie-Konzept Bezug (Haug/Davidson 2004).

In den Zeiten des sogenannten ,Kalten Krieges‘ zwischen den USA und der UdSSR wurde in der politischen Theorie und Praxis der USA Hegemonie verstärkt unter ökonomischen Aspekten gesehen, wobei Begriffe wie leadership, soft power und ähnliche Bezeichnungen verdeckten, dass es um einen „nichtterritorialen Imperialismus“ durch Marktbeziehungen und Dominanz in internationalen Organisationen gehe (Anderson 2018: 101). Im Zuge der Reformulierung westlicher geopolitischer Strategien im Rahmen der Neuordnung der globalen Kräfteverhältnisse nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Staatengemeinschaft wurde das Thema Hegemonie, interpretiert als globale Vorherrschaft, auch wieder stärker in europäischen und deutschsprachigen Diskursen verwendet. Gegenüber den verwandten Ausdrücken wie Imperium oder Kolonialismus erschien Hegemonie als weniger mit negativen Konnotationen belastet und wurde in erster Linie zur Bezeichnung für ein zwischenstaatliches Verhältnis gebraucht. In den Interpretationen des Begriffs und vor allem in Publikationen, die Hegemonie und Imperium in Beziehung setzen, spiegeln sich die (geo-)politischen Konfliktlinien zwischen den Vorherrschaft beanspruchenden Blöcken.

Für die nationale Ebene zeigt sich in diesem Kontext die Bedeutung einer speziellen diskursiven ,Schnittstelle‘: die zwischen wissenschaftlicher Expertise und Politik, situiert als ,Politikberatung‘. Exemplarisch ist der für das Thema Hegemonie/Imperium einschlägig hervorgetretene Politikwissenschaftler Herfried Münkler zu nennen. 2005 veröffentlichte er den Titel Imperium. Die Logik der Weltherrschaft vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten, der viel diskutiert wurde und seine zuvor schon begonnene, offizielle und inoffizielle Beraterfunktion für Politiker/Regierungen (von der rot-grünen Regierung unter Bundeskanzler Schröder bis zu Bundeskanzlerin Merkel) festigte. Seine Hauptthesen: Imperien bieten „Ordnungsleistungen“ und „Problembearbeitungskapazitäten“, zu denen Staaten nicht fähig seien; Europa sei designiert, (neben den USA) imperiale Merkmale und Fähigkeiten zu entwickeln (Münkler 2005). 2015 spitzte er seine Position nochmals zu und verkündete, ganz im Sinne der deutschen Außenpolitik: „Wir sind der Hegemon, gemeint ist Deutschland, das nicht nur die Rolle des „Zahlmeisters, sondern auch die des „Zuchtmeisters einzunehmen habe (Münkler 2015b). Im Weißbuch der Bundesregierung von 2016 wurde dementsprechend von der „aktiven Gestaltungsmacht“ Deutschlands gesprochen, das (mehr) „Verantwortung und Führung“ übernehmen müsse (BMVg 2016). Die „Macht in der Mitte steht also wieder bereit (Münkler 2015a).

Während seine Positionen von Wissenschaftlern zum Teil stark kritisiert wurden (vgl. Zelik 2007; Anderson 2018), fanden sie in der politischen Öffentlichkeit Zustimmung und offizielle staatlich-politische Förderung. So wurden entsprechende Publikationen Münklers als Materialien der Bundeszentrale für politische Bildung breit streuend in Zirkulation gebracht. Er referierte in der Führungsakademie der Bundeswehr ebenso wie im Auswärtigen Amt.

Eine dezidiert kritische Sichtweise auf das Konzept Hegemonie vermittelt der US-amerikanische Sprachwissenschaftler und Philosoph Noam Chomsky (2017), dessen Hauptaugenmerk auf die Außenpolitik der USA seit dem Zweiten Weltkrieg gerichtet ist. Chomsky analysiert die geostrategischen und propagandistischen Aspekte, die der Gebrauch des Hegemonie-Konzeptes von Seiten der USA enthält. Als Ergänzung und Korrektiv zu Münklers ,eingebetteter‘ Interpretation imperialer Strategien gelesen, analysiert Chomsky präzise und konkret politische Entscheidungen der USA, die aus der Rolle der hegemonialen Weltmacht exekutiert wurden: von den zahllosen militärischen und nicht-militärischen Interventionen in Ländern Südamerikas und Asiens (Chile, Vietnam und andere) bis zu den Invasionen im Irak und Afghanistan und als NATO-Führungsmacht in Jugoslawien. Die gezielte Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch regierungsnahe Institutionen gehört nach Chomsky zur innenpolitischen Sicherung hegemonialer Politik. Die „Herstellung von Konsens“ sei ein wesentliches Merkmal des demokratischen Prozesses, formulierte schon Edward Bernays in den 1920er Jahren – allerdings war damit das Repertoire der im Ersten Weltkrieg entstandenen „Propaganda“ gemeint, Methoden der Öffentlichkeitsarbeit (Public Relations, PR) zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung (Bernays 2007). Als herausragendes Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit beschreibt Chomsky die Zusammenhänge zwischen der 2002 veröffentlichten Nationalen Sicherheitsstrategie der USA, in der die hegemonialen Ansprüche der USA (neu) formuliert wurden, der medialen Verbreitung der Unterstellung, der Irak verfüge über Massenvernichtungswaffen und dem damit begründeten Angriff der USA auf den Irak 2003.

Mit ausdrücklichem Bezug auf Gramsci (1991) wurde der Begriff der kulturellen Hegemonie von rechten Intellektuellen angeeignet und reformuliert (Meiering 2022). Hervorzuheben ist hier der französische Philosoph Alain de Benoist, der 1985 ein Buch unter dem Titel Kulturrevolution von rechts: Gramsci und die Nouvelle Drôite veröffentlichte, das auch in der deutschen Neuen Rechten vielfach rezipiert wurde. So bezeichnet z. B. Benedikt Kaiser, einer der gegenwärtigen Wortführer der Neuen Rechten, die Erringung kultureller Hegemonie als strategische Maßnahme (vgl. auch Hans-Böckler-Stiftung 2024). Unter dem Begriff Metapolitik firmieren hier Aktivitäten, die sich zum Beispiel ,soziale‘ Medien zunutze machen, um bestimmte Themen zu lancieren, neu zu rahmen und bei Bedarf zu skandalisieren sowie konkrete Praktiken, die den „vorpolitischen“ Raum für rechte Positionen und Forderungen erschließen soll (Meiering 2022: 75–115, darin die Beiträge zu Metapolitik). Ähnlich lautende Äußerungen von Björn Höcke und Thor von Waldstein unterstreichen die Wichtigkeit, die dieser Strategie beigemessen wird (vgl. Stahl 2019: Kap. 8 und Weiß 2017: 54 ff.).

Was bei Gramsci (1991) Ausdruck und Ergebnis der Analyse einer komplexen (innen-)politischen Situation war (die Suche nach möglichen strategischen Bündnissen für eine sozialistische Umgestaltung Italiens), wurde in der Neuen Rechten umgedeutet zum Aufruf, sich unter anderem Bruch- bzw. Leerstellen innerhalb der Zivilgesellschaft zunutze zu machen, um Einfluss zu gewinnen (z. B. in Protestbewegungen) und andere zivilgesellschaftliche Akteure als potentielle Bündnispartner zu rekrutieren (in lokalen Gemeinschaften, Gewerkschaften, Vereinen). Rechte Akteure nutzen dabei alle gängigen massenmedialen Manipulationspraktiken als Instrumente, um ,Meinungsführerschaft‘ zu gewinnen (vgl. Hans-Böckler-Stiftung 2024).

Beispiele

(1) Angehörige der Identitären Bewegung, einer Gruppierung der äußersten Rechten, die u. a. durch provozierende Aktionen auf sich aufmerksam macht und popkulturelle Inszenierungen aufgreift, besetzten im August 2016 das Brandenburger Tor und entrollten ein Banner ihrer Gruppe. Götz Kubitschek, Verleger und Autor des Antaios-Verlags, Mitbegründer des sogenannten Instituts für Staatspolitik in Schnellroda, war der Geldgeber der Aktion und ordnete sie so ein: Sie sei eine „Raum- und Wortergreifungsstrategie innerhalb der Medienmechanismen unserer Zeit“ (zitiert nach Weiß 2018: 95). Damit ist sehr treffend bezeichnet, was in der Neuen Rechten im Anschluss an Alain de Benoist als Instrument zur Erringung kultureller Hegemonie diskutiert und praktiziert wird: Die zielgerichtete Manipulation des öffentlichen Raumes, die Emotionalisierung von Ereignissen und ihre Skandalisierung.

(2) Hegemonie, imperialer Machtanspruch (auch wenn nicht immer exakt mit diesen Begriffen bezeichnet) gehörten zum Selbstverständnis und Ziel der US-Politik nach dem 2. Weltkrieg. Nach den Terroranschlägen des 11. September gilt seit 2002 die (manchmal Bush-Doktrin genannte) Neue Sicherheitsstrategie der USA (NSS), in der es heißt:

Wir werden Streitkräfte unterhalten, die zur Erfüllung unserer Verpflichtung fähig sind und die Freiheit verteidigen. Unsere Streitkräfte werden stark genug sein, potenzielle Gegner von ihren Aufrüstungsvorhaben abzubringen, die sie in der Hoffnung auf Überlegenheit oder Gleichstellung im Hinblick auf die Macht der Vereinigten Staaten betreiben. (Netzwerk Friedenskooperative 2003)

Der Anspruch auf Vorherrschaft wird so weit ausgedehnt, dass auch – völkerrechtlich geächtete – Präventiv- bzw. Präemptivschläge (zur Unterscheidung vgl. Kamp 2002) gegen einen mutmaßlichen Gegner angekündigt werden. Der kurze Zeit später erfolgte Angriff auf den Irak wurde auf diese Weise legitimiert.

(3) Während in öffentlichen Diskursen in jüngster Zeit dem russischen Regime vorgeworfen wird, sich ,imperialistischer‘ Strategien zu bedienen (Kritik an Imperialismus war einmal ein Kennzeichen linker Positionen!), setzt Herfried Münkler, Politologe und Regierungsberater, seit Jahren auf die ,Adelung‘ imperialer Strategien zur Begründung politischer Führungsansprüche westlicher Mächte. Europa „[…] wird nicht umhin kommen, selbst imperiale Merkmale zu übernehmen und imperiale Fähigkeiten zu entwickeln […]“ (Münkler 2005). Der „humanitäre Imperialismus“ (gemeint sind militärische Interventionen wie in Afghanistan, Kosovo, Irak) sei als „Nachsorge des neuerlichen Globalisierungsprozesses im 20. Jahrhundert zu betrachten (Münkler 2005: 48), also quasi moralisch geboten. Er spricht auch vom „demokratischen Imperium USA und vom

strukturelle(n) Zwang zur Inszenierung von Bedrohungen, um die demokratische Öffentlichkeit zur Übernahme imperialer Verpflichtungen zu motivieren. Die Politik der Inszenierungen und Täuschungen dient dazu, die Lücke zwischen Demokratie und Imperium zu schließen. (Münkler 2005: 238)

Aktuell brachte Münkler sich lautstark in Erinnerung durch die provozierende Forderung nach stärkerer atomarer Aufrüstung in Europa und der erweiterten (auf Deutschland!) Verfügungsmacht über die Atomwaffen. Es brauche einen „Koffer mit rotem Knopf, der zwischen großen EU-Ländern wandert“ (Deutschlandfunk 2023).

(4) Wie auch aus konservativer Richtung mit ausdrücklichem Bezug auf Gramsci (1991) der Begriff der kulturellen Hegemonie vereinnahmt und zurechtgebogen wird, zeigte in jüngster Zeit der Artikel des Historikers, Vorstandsmitglieds der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) und Leiters der sogenannten Denkfabrik R 21, Andreas Rödder. Zunächst veröffentlicht am 08.01. 2024 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wenige Tage später auf der Website von R 21 unter dem Titel Das Ende der grünen Hegemonie, vereinfacht und verkürzt der Autor die gegenwärtigen Krisen u. a. der demokratischen Repräsentation auf das, was er als „das grüne Paradigma, „grüne Diskurshoheit oder „grüne Deutungshegemonie bezeichnet und behauptet: „Das war es, was Antonio Gramsci mit kultureller Hegemonie gemeint hatte(Rödder 2024). Keine dieser Bezeichnungen wird erklärt, gleichzeitig aber legt er nahe, dass die (ursprünglich) ,grünen Themen‘ wie etwa Umweltschutz und Geschlechterparität mittlerweile vorherrschend geworden seien und andere dadurch marginalisiert würden (Wirtschaft, Sicherheit, Technologie). Seine tendenziöse Darstellung endet mit der Unterstellung, die aktuell starken populistischen Bewegungen hätten sich als „Reaktanz auf das „grüne Paradigma gebildet (Rödder 2024). Das ist Propaganda wie aus dem Lehrbuch.

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Buckel, Sonja; Fischer-Lescano, Andreas (Hrsg.) (2007): Hegemonie gepanzert mit Zwang. Baden-Baden: Nomos.

  • Neubert, Harald (2001): Antonio Gramsci: Hegemonie – Zivilgesellschaft – Partei. Eine Einführung. Hamburg: VSA.

Zitierte Literatur

Zitiervorschlag

Susanna, Weber (2024): Hegemonie. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 13.06.2024. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/hegemonie/.

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Diskurskompetenz

Im engeren, linguistischen Sinn bezeichnet Diskurskompetenz die individuelle sprachlich-kommunikative Fähigkeit, längere zusammenhängende sprachliche Äußerungen wie Erzählungen, Erklärungen, Argumentationen zu formulieren und zu verstehen.

Agenda Setting

Rassistisch motivierte Gewalt, Zerstörung des Regenwaldes, Gender pay gap: Damit politische Institutionen solche Probleme bearbeiten, müssen sie erst als Probleme erkannt und auf die politische Tagesordnung (Agenda) gesetzt werden. Agenda Setting wird in Kommunikations- und Politikwissenschaft als eine Form strategischer Kommunikation beschrieben, mithilfe derer Themen öffentlich Gehör verschafft und politischer Druck erzeugt werden kann.

Medien

Die Begriffe Medien/Massenmedien bezeichnen diverse Mittel zur Verbreitung von Informationen und Unterhaltung sowie von Bildungsinhalten. Medien schaffen damit eine wesentliche Grundlage für Meinungsbildung und Meinungsaustausch.

Macht

Macht ist die Fähigkeit, Verhalten oder Denken von Personen zu beeinflussen. Sie ist Bestandteil sozialer Beziehungen, ist an Kommunikation gebunden und konkretisiert sich situationsabhängig. Alle expliziten und impliziten Regeln, Normen, Kräfteverhältnisse und Wissensformationen können aus diskursanalytischer Perspektive als Machtstrukturen verstanden werden, die Einfluss auf Wahrheitsansprüche und (Sprach)Handlungen in einer Gesellschaft oder Gruppe nehmen.

Normalismus

Normalismus ist der zentrale Fachbegriff für die Diskurstheorie des Literaturwissenschaftlers Jürgen Link. Die Normalismus-Theorie fragt danach, wie sich Vorstellungen von ‚Normalität‘ und ‚Anormalität‘ als Leit- und Ordnungskategorien moderner Gesellschaften herausgebildet haben.

Wissen

Kollektives Wissen von sozialen Gruppen ist sowohl Voraussetzung als auch Ziel strategischer Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Es wird geprägt durch individuelle Erfahrung, aber auch in Diskursgemeinschaften kommunikativ geteilt – vor allem im Elternhaus, in Peergroups und Bildungseinrichtungen sowie durch Medienkonsum.

Werbung

Werbung ist ein Kommunikationsinstrument von Unternehmen, das der Positionierung im Markt dient und je nach Situation des Unternehmens auf Einführung, Erhalt oder Ausbau von Marktanteilen und damit letztlich auf ökonomischen Gewinn abzielt.

Mediale Kontrolle

Medien werden vielfältig zur Durchsetzung von Macht verwendet. So in der Zensur, wenn eine politische Selektion des Sagbaren und des Unsagbaren stattfindet; in der Propaganda, wenn eine Bevölkerung von den Ansichten oder wenigstens der Macht einer bestimmten Gruppe überzeugt werden soll; oder in der Überwachung, die unerwünschtes Verhalten nicht nur beobachten, sondern unwahrscheinlich machen soll.

Freund- und Feind-Begriffe

Freund-, Gegner- und Feindbegriffe sind Teil der Politischen Kommunikation. Sie bilden die Pole eines breiten Spektrums von kommunikativen Zeichen, mit denen politische Akteure sich selbst und ihre politischen Gegner im Kampf um beschränkte Ressourcen auf dem diskursiven Schlachtfeld positionieren.

Sprachpolitik / Sprachenpolitik

Sprachpolitik bezeichnet allgemein alle politischen Prozesse, die auf eine Beeinflussung der Sprachverwendung in einer Gesellschaft oder Sprachgemeinschaft abzielen. Unterschieden wird häufig zwischen Sprachenpolitik und Sprachpolitik im engeren Sinne.

Techniken

Redenschreiben

Wer Reden schreibt, bereitet die schriftliche Fassung von Reden vor, die bei besonderen Anlässen gehalten werden und bei denen es auf einen ausgearbeiteten Vortrag ankommt.

Offener Brief

Bei einem offenen Brief handelt es sich um eine strategische Praktik, die genutzt wird, um Anliegen einer Person oder Gruppe öffentlich sichtbar zu machen. Die Texte, die als offene Briefe bezeichnet werden, richten sich an eine Person oder Institution und werden über Medien veröffentlicht.

Kommunikationsverweigerung

Unter dem Begriff Kommunikationsverweigerung lässt sich ein Bündel von Praktiken und Strategien fassen, die den kommunikativen Austausch zu erschweren oder zu verhindern suchen.

Flugblatt

Unter Flugblättern versteht man einseitige Druckerzeugnisse, die ursprünglich meist illustriert waren. Eng verwandt sind die mehrseitigen Flugschriften. Während Flugschriften und Flugblätter heute kostenlos verteilt werden oder zur Mitnahme ausliegen, wurden sie in der Frühen Neuzeit zunächst als Handelswaren verkauft und gingen so als frühe Massenmedien den Zeitungen voraus.

Passivierung

Unter Passivierung versteht man die Formulierung eines Satzes in einer grammatischen Form des Passivs. Das Passiv ist gegenüber dem Aktiv durch die Verwendung von Hilfsverben formal komplexer. Seine Verwendung hat unter anderem zur Folge, dass handelnde Personen im Satz nicht genannt werden müssen, was beispielsweise in Gesetzestexten für eine (gewünschte) größtmögliche Abstraktion sorgt („Niemand darf wegen seines Geschlechts […] benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Art. 3 GG).

Aufopferungs-Topos

Als Aufopferungs-Topos wird in der Diskursforschung ein Argumentationsmuster bezeichnet, das zwei strategische Funktionen erfüllen kann: einerseits kann es dazu dienen, mit der Behauptung eines besonderen Ressourceneinsatzes (z.B. Einsatz von Geld, Zeit oder emotionaler Belastung) einen hohen Achtungswert für eine Person, eine Sache bzw. für ein Ziel zu plausibilisieren. Andererseits können Akteure besondere Privilegien (wie z.B. Wertschätzung, Entscheidungsbefugnisse und Mitspracherechte) reklamieren, wenn sie sich für eine bereits in der sozialen Bezugsgruppe hochgeschätzte Sache engagieren.

Opfer-Topos

Als Opfer-Topos bezeichnet man eine diskursive Argumentationsstrategie, bei der sich Akteure als ‚Opfer‘ gesellschaftlicher Urteilsbildung inszenieren und damit eigene Interessen – vor allem Aufmerksamkeit und Berücksichtigung von Bedürfnissen – geltend zu machen versuchen.

Analogie-Topos

Der Analogie-Topos zählt zu den allgemeinen bzw. kontextabstrakten Argumentationsmustern, die genutzt werden können, um für oder gegen eine Position zu argumentieren. Analogie-Topoi werden von verschiedenen Akteuren und Akteursgruppen strategisch eingesetzt, um eine zustimmende Haltung bei den Zielgruppen zu bewirken.

Topos der düsteren Zukunftsprognose

Der Topos der düsteren Zukunftsprognose beschreibt ein Argumentationsmuster, bei dem eine negative, dystopische Zukunft prognostiziert wird. Dabei wird auf die drohenden Folgen einer Krise oder einer allgemeinen Gefahr verwiesen, aus der eine negative Zukunft bei falschem Handeln resultieren wird.

Negativpreis

Ein Negativpreis ist eine Auszeichnung an Personen oder Organisationen (meist Unternehmen), die sich oder ihre Produkte positiv darstellen und vermarkten, ihre Versprechen aus Sicht des Preisverleihers allerdings nicht einhalten. Dabei dient der Preis durch seine Vergabe vor allem dem Zweck, Aufmerksamkeit zu erregen, mediale Präsenz auf ein Thema zu lenken und den Preisträger in seinem moralischen Image zu beschädigen.

Schlagwörter

Verfassung

Die Verfassung eines Landes (in Deutschland das Grundgesetz von 1949) steht für die höchste und letzte normative und Legitimität setzende Instanz einer staatlichen Rechtsordnung. In der offiziellen Version demokratischer Selbstbeschreibung ist es das Volk selbst, das sich in einem rituellen Gründungsakt eine Verfassung gibt.

Toxizität / das Toxische

Es ist nicht immer ganz eindeutig bestimmbar, was gemeint wird, wenn etwas als toxisch bezeichnet wird. Zeigen lässt sich zwar, dass sich die Bedeutung von ‚giftig‘ hin zu ‚schädlich‘ erweitert hat, doch die Umstände, unter denen etwas für jemanden toxisch, d. h. schädlich ist, müssen aus der diskursiven Situation heraus erschlossen werden.

Zivilgesellschaft

Im gegenwärtigen deutschen Sprachgebrauch werden so heterogene Organisationen, Bewegungen und Initiativen wie ADAC und Gewerkschaften, Trachtenvereine und Verbraucherschutzorganisationen, Umweltorganisationen und religiöse Gemeinschaften zur Zivilgesellschaft gezählt.

Demokratie

Der Ausdruck Demokratie dient häufig zur Bezeichnung einer (parlamentarischen) Staatsform und suggeriert die mögliche Beteiligung aller an den Öffentlichen Angelegenheiten. Dabei ist seine Bedeutung weniger eindeutig als es den Anschein hat.

Plagiat/Plagiarismus

Plagiarismus ist ein Begriff, der sich im öffentlichen Diskurs gegen Personen oder Produkte richten kann, um diese in zuweilen skandalisierender Absicht einer Praxis unerlaubter intermedialer Bezugnahme zu bezichtigen. Die Illegitimität dieser Praxis wird oft mit vermeintlichen moralischen Verfehlungen in Verbindung gebracht.

Fake News

Fake News wird als Schlagwort im Kampf um Macht und Deutungshoheit in politischen Auseinandersetzungen verwendet, in denen sich die jeweiligen politischen Gegenspieler und ihre Anhänger wechselseitig der Lüge und der Verbreitung von Falschnachrichten zum Zweck der Manipulation der öffentlichen Meinung und der Bevölkerung bezichtigen.

Lügenpresse

Der Ausdruck Lügenpresse ist ein politisch instrumentalisierter „Schlachtruf“ oder „Kampfbegriff“ gegen etablierte und traditionelle Medien. Dabei wird häufig nicht einzelnen Medien-Akteuren, sondern der gesamten Medienbranche vorgeworfen, gezielt die Unwahrheit zu publizieren.

Antisemitismus

Mit Antisemitismus werden gemeinhin alle jene Phänomene bezeichnet, die sich gegen das Judentum oder gegen Jüdinnen*Juden als Jüdinnen*Juden richten. Die entsprechenden Erscheinungen reichen von der bloßen Distanzierung und Behauptung jüdischer Andersartigkeit, über vollständig ausgearbeitete Weltbilder, die Jüdinnen*Juden für sämtliche Probleme verantwortlich machen, bis hin zu massiven Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Gewaltpraktiken.

Grammatiknazi / Grammar Nazi

Das überwiegend negativ konnotierte Schlagwort Grammatiknazi – als Übersetzung von engl. grammar nazi – wird zur Benennung von Personen verwendet, die meist in eher informellen Kontexten der öffentlichen Internetkommunikation (u. a. in Foren, Kommentarbereichen auf Nachrichtenportalen, sozialen Netzwerken) ungefragt Sprachkritik an den Äußerungen anderer (häufig fremder) Kommunikationsteilnehmer*innen üben.

Respekt

Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Neue Beiträge Zur Diskursforschung 2023

Mit Beginn des Wintersemesters laden die Forschungsgruppen CoSoDi und Diskursmonitor sowie die Akademie diskursiv ein zur Vortragsreihe Neue Beiträge Zur Diskursforschung. Als interdisziplinäres Forschungsfeld bietet die Diskursforschung eine Vielzahl an...

Tagung: Diskursintervention (31.01.2019–01.02.2019)

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Was ist ein Volk?

Dass „Volk“ ein höchst schillernder und vielschichtiger politischer Leitbegriff der vergangenen Jahrhunderte gewesen ist (und nach wie vor ist), kann man schon daran erkennen, dass der Eintrag „Volk, Nation“ in Brunner, Conze & Kosellecks großem Nachschlagwerk zur politischen Begriffsgeschichte mehr als 300 Seiten umfasst.

Antitotalitär? Antiextremistisch? Wehrhaft!

Im Herbst 2022 veranstalteten die Sender des Deutschlandradios eine Kampagne mit Hörerbeteiligung zur Auswahl eines Themas, mit dem sich ihre sogenannte „Denkfabrik“ über das kommende Jahr intensiv beschäftigen solle. Fünf Themen standen zur Auswahl, „wehrhafte Demokratie“ wurde gewählt, wenig überraschend angesichts des andauernden Krieges in der Ukraine…