DiskursGlossar

Hegemonie

Kategorie: Grundbegriffe
Verwandte AusdrĂŒcke: (Vor-)Herrschaft, FĂŒhrung, Weltherrschaft, Imperium
Siehe auch: Macht, Demokratie, Propaganda
Autorin: Susanna Weber
Version: 1.0 / Datum: 13.06.2024

Kurzzusammenfassung

Der Ausdruck Hegemonie lĂ€sst sich in zwei Gebrauchskontexte einordnen: (a) Als analytischer Begriff in politik- bzw. staatswissenschaftlichen Theorien wird er verwendet, um asymmetrische zwischenstaatliche MachtverhĂ€ltnisse zu charakterisieren (Wer hat die FĂŒhrungsrolle, wer ist GefĂŒhrter in BĂŒndnissen? Wie ist das VerhĂ€ltnis zwischen Freiwilligkeit und Zwang?). Auf innerstaatliche Konstellationen bezogen, steht Hegemonie fĂŒr die ambivalente Mischung von Konsens und Zwang, Zustimmung und Gewalt, mit der Klassen oder Parteien fĂŒhrenden Einfluss bzw. Mehrheiten gewinnen (siehe Gramsci 1991). (b) Als Schlagwort in politisch-strategischen Diskursen rechter Akteure gehört Hegemonie zu den Begriffen/Theorieelementen, die sowohl konservative (wie Andreas Rödder) als auch rechte MeinungsfĂŒhrer (wie Alain de Benoist) aus dem linken Theorie-Repertoire (Gramsci 1991) entlehnten und in eigene Parteistrategien einbauten (kulturelle Hegemonie).

Erweiterte BegriffsklÀrung

Wie der britische Politikwissenschaftler Perry Anderson 2018 in einer umfassenden, historisch weit ausgreifenden Studie zum Gebrauch des Begriffs Hegemonie und seinen Konjunkturen beschreibt, liegen die historischen Wurzeln des Begriffs im Griechischen, als Bezeichnung fĂŒr FĂŒhrung (eines Staatswesens) mit Anteilen von Konsens. Die (noch Ă€ltere) Entsprechung im Chinesischen trug unterschiedliche Bedeutungen: von Überredung ĂŒber ZwangsausĂŒbung bis zum Hegemonismus als Kritik an Bestrebungen (konkurrierender MĂ€chte) nach Vorherrschaft. Noch gegenwĂ€rtig findet sich der Ausdruck (in westliche Sprachen ĂŒbersetzt als ba, badao, baquan) in der Verfassung Chinas (Anderson 2018: 156 f; 167; 187).

Eine neuzeitliche Konjunktur des Begriffsgebrauchs ist zur Mitte des 19. Jahrhunderts festzustellen und markiert hier vor allem die Politik Preußens, das sich die Vorherrschaft in den nationalen Einigungsbestrebungen Deutschlands und eine fĂŒhrende Rolle in Europa sichern wollte (Anderson 2018: 18–23). Eine weitere Aktualisierung erfuhr Hegemonie am Anfang des 20. Jahrhunderts im Kontext der russischen Revolutionen, hier als Begriff fĂŒr innerstaatliche VerhĂ€ltnisse (zwischen Sozialdemokratie/Zarismus, Arbeiterklasse/Bourgeoisie). Damit verbunden waren grundsĂ€tzliche Strategiefragen in Bezug auf die weitere Entwicklung der revolutionĂ€ren Umgestaltungen, um die erbittert und zum Teil gewaltvoll gestritten wurde (Anderson 2018: 26–40).

Der italienische Publizist, Philosoph und MitbegrĂŒnder der Kommunistischen Partei (KP) Italiens, Antonio Gramsci (1891-1937), entwarf in seinen GefĂ€ngnisheften (GH), so genannt, weil sie in den Jahren der Haft in GefĂ€ngnissen des faschistischen Staates entstanden, ein VerstĂ€ndnis von Hegemonie, das sowohl die russischen Kontroversen reflektierte als auch die konkrete politische Situation und die KrĂ€fteverhĂ€ltnisse (die faschistische Regierung Mussolinis) in Italien. Aus Andersons Sicht ist Hegemonie bei Gramsci „polyvalent“, nĂ€mlich „undenkbar ohne Zustimmung, undurchfĂŒhrbar ohne Gewalt“ (Anderson 2018: 40). Nach Gramsci ist sie nicht (nur) Zustand, sondern auch der Prozess des Überzeugens, der Gewinnung von VerbĂŒndeten und der Realisierung grundlegender Umgestaltungen der Gesellschaft. GegenĂŒber den verbĂŒndeten Klassen mĂŒsse die Arbeiterklasse „fĂŒhrend“ sein, gegenĂŒber den gegnerischen aber „herrschend“ (Gramsci 1991: GH 1, § 44, 101–113), so formulierte es Gramsci. SpĂ€tere Kontroversen innerhalb der italienischen KP etwa um einen möglichen „historischen Kompromiss“ (zwischen der KP und Democrazia Christiana) nahmen auf Gramcsis Hegemonie-Konzept Bezug (Haug/Davidson 2004).

In den Zeiten des sogenannten ,Kalten Krieges‘ zwischen den USA und der UdSSR wurde in der politischen Theorie und Praxis der USA Hegemonie verstĂ€rkt unter ökonomischen Aspekten gesehen, wobei Begriffe wie leadership, soft power und Ă€hnliche Bezeichnungen verdeckten, dass es um einen „nichtterritorialen Imperialismus“ durch Marktbeziehungen und Dominanz in internationalen Organisationen gehe (Anderson 2018: 101). Im Zuge der Reformulierung westlicher geopolitischer Strategien im Rahmen der Neuordnung der globalen KrĂ€fteverhĂ€ltnisse nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Staatengemeinschaft wurde das Thema Hegemonie, interpretiert als globale Vorherrschaft, auch wieder stĂ€rker in europĂ€ischen und deutschsprachigen Diskursen verwendet. GegenĂŒber den verwandten AusdrĂŒcken wie Imperium oder Kolonialismus erschien Hegemonie als weniger mit negativen Konnotationen belastet und wurde in erster Linie zur Bezeichnung fĂŒr ein zwischenstaatliches VerhĂ€ltnis gebraucht. In den Interpretationen des Begriffs und vor allem in Publikationen, die Hegemonie und Imperium in Beziehung setzen, spiegeln sich die (geo-)politischen Konfliktlinien zwischen den Vorherrschaft beanspruchenden Blöcken.

FĂŒr die nationale Ebene zeigt sich in diesem Kontext die Bedeutung einer speziellen diskursiven ,Schnittstelle‘: die zwischen wissenschaftlicher Expertise und Politik, situiert als ,Politikberatung‘. Exemplarisch ist der fĂŒr das Thema Hegemonie/Imperium einschlĂ€gig hervorgetretene Politikwissenschaftler Herfried MĂŒnkler zu nennen. 2005 veröffentlichte er den Titel Imperium. Die Logik der Weltherrschaft vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten, der viel diskutiert wurde und seine zuvor schon begonnene, offizielle und inoffizielle Beraterfunktion fĂŒr Politiker/Regierungen (von der rot-grĂŒnen Regierung unter Bundeskanzler Schröder bis zu Bundeskanzlerin Merkel) festigte. Seine Hauptthesen: Imperien bieten „Ordnungsleistungen“ und „ProblembearbeitungskapazitĂ€ten“, zu denen Staaten nicht fĂ€hig seien; Europa sei designiert, (neben den USA) imperiale Merkmale und FĂ€higkeiten zu entwickeln (MĂŒnkler 2005). 2015 spitzte er seine Position nochmals zu und verkĂŒndete, ganz im Sinne der deutschen Außenpolitik: „Wir sind der Hegemon“, gemeint ist Deutschland, das nicht nur die Rolle des „Zahlmeisters“, sondern auch die des „Zuchtmeisters“ einzunehmen habe (MĂŒnkler 2015b). Im Weißbuch der Bundesregierung von 2016 wurde dementsprechend von der „aktiven Gestaltungsmacht“ Deutschlands gesprochen, das (mehr) „Verantwortung und FĂŒhrung“ ĂŒbernehmen mĂŒsse (BMVg 2016). Die „Macht in der Mitte“ steht also wieder bereit (MĂŒnkler 2015a).

WĂ€hrend seine Positionen von Wissenschaftlern zum Teil stark kritisiert wurden (vgl. Zelik 2007; Anderson 2018), fanden sie in der politischen Öffentlichkeit Zustimmung und offizielle staatlich-politische Förderung. So wurden entsprechende Publikationen MĂŒnklers als Materialien der Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung breit streuend in Zirkulation gebracht. Er referierte in der FĂŒhrungsakademie der Bundeswehr ebenso wie im AuswĂ€rtigen Amt.

Eine dezidiert kritische Sichtweise auf das Konzept Hegemonie vermittelt der US-amerikanische Sprachwissenschaftler und Philosoph Noam Chomsky (2017), dessen Hauptaugenmerk auf die Außenpolitik der USA seit dem Zweiten Weltkrieg gerichtet ist. Chomsky analysiert die geostrategischen und propagandistischen Aspekte, die der Gebrauch des Hegemonie-Konzeptes von Seiten der USA enthĂ€lt. Als ErgĂ€nzung und Korrektiv zu MĂŒnklers ,eingebetteter‘ Interpretation imperialer Strategien gelesen, analysiert Chomsky prĂ€zise und konkret politische Entscheidungen der USA, die aus der Rolle der hegemonialen Weltmacht exekutiert wurden: von den zahllosen militĂ€rischen und nicht-militĂ€rischen Interventionen in LĂ€ndern SĂŒdamerikas und Asiens (Chile, Vietnam und andere) bis zu den Invasionen im Irak und Afghanistan und als NATO-FĂŒhrungsmacht in Jugoslawien. Die gezielte Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch regierungsnahe Institutionen gehört nach Chomsky zur innenpolitischen Sicherung hegemonialer Politik. Die „Herstellung von Konsens“ sei ein wesentliches Merkmal des demokratischen Prozesses, formulierte schon Edward Bernays in den 1920er Jahren – allerdings war damit das Repertoire der im Ersten Weltkrieg entstandenen „Propaganda“ gemeint, Methoden der Öffentlichkeitsarbeit (Public Relations, PR) zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung (Bernays 2007). Als herausragendes Beispiel aus der jĂŒngeren Vergangenheit beschreibt Chomsky die ZusammenhĂ€nge zwischen der 2002 veröffentlichten Nationalen Sicherheitsstrategie der USA, in der die hegemonialen AnsprĂŒche der USA (neu) formuliert wurden, der medialen Verbreitung der Unterstellung, der Irak verfĂŒge ĂŒber Massenvernichtungswaffen und dem damit begrĂŒndeten Angriff der USA auf den Irak 2003.

Mit ausdrĂŒcklichem Bezug auf Gramsci (1991) wurde der Begriff der kulturellen Hegemonie von rechten Intellektuellen angeeignet und reformuliert (Meiering 2022). Hervorzuheben ist hier der französische Philosoph Alain de Benoist, der 1985 ein Buch unter dem Titel Kulturrevolution von rechts: Gramsci und die Nouvelle DrĂŽite veröffentlichte, das auch in der deutschen Neuen Rechten vielfach rezipiert wurde. So bezeichnet z. B. Benedikt Kaiser, einer der gegenwĂ€rtigen WortfĂŒhrer der Neuen Rechten, die Erringung kultureller Hegemonie als strategische Maßnahme (vgl. auch Hans-Böckler-Stiftung 2024). Unter dem Begriff Metapolitik firmieren hier AktivitĂ€ten, die sich zum Beispiel ,soziale‘ Medien zunutze machen, um bestimmte Themen zu lancieren, neu zu rahmen und bei Bedarf zu skandalisieren sowie konkrete Praktiken, die den „vorpolitischen“ Raum fĂŒr rechte Positionen und Forderungen erschließen soll (Meiering 2022: 75–115, darin die BeitrĂ€ge zu Metapolitik). Ähnlich lautende Äußerungen von Björn Höcke und Thor von Waldstein unterstreichen die Wichtigkeit, die dieser Strategie beigemessen wird (vgl. Stahl 2019: Kap. 8; Weiß 2017: 54 ff.).

Was bei Gramsci (1991) Ausdruck und Ergebnis der Analyse einer komplexen (innen-)politischen Situation war (die Suche nach möglichen strategischen BĂŒndnissen fĂŒr eine sozialistische Umgestaltung Italiens), wurde in der Neuen Rechten umgedeutet zum Aufruf, sich unter anderem Bruch- bzw. Leerstellen innerhalb der Zivilgesellschaft zunutze zu machen, um Einfluss zu gewinnen (z. B. in Protestbewegungen) und andere zivilgesellschaftliche Akteure als potentielle BĂŒndnispartner zu rekrutieren (in lokalen Gemeinschaften, Gewerkschaften, Vereinen). Rechte Akteure nutzen dabei alle gĂ€ngigen massenmedialen Manipulationspraktiken als Instrumente, um ,MeinungsfĂŒhrerschaft‘ zu gewinnen (vgl. Hans-Böckler-Stiftung 2024).

Beispiele

(1) Angehörige der IdentitĂ€ren Bewegung, einer Gruppierung der Ă€ußersten Rechten, die u. a. durch provozierende Aktionen auf sich aufmerksam macht und popkulturelle Inszenierungen aufgreift, besetzten im August 2016 das Brandenburger Tor und entrollten ein Banner ihrer Gruppe. Götz Kubitschek, Verleger und Autor des Antaios-Verlags, MitbegrĂŒnder des sogenannten Instituts fĂŒr Staatspolitik in Schnellroda, war der Geldgeber der Aktion und ordnete sie so ein: Sie sei eine „Raum- und Wortergreifungsstrategie innerhalb der Medienmechanismen unserer Zeit“ (zitiert nach Weiß 2018: 95). Damit ist sehr treffend bezeichnet, was in der Neuen Rechten im Anschluss an Alain de Benoist als Instrument zur Erringung kultureller Hegemonie diskutiert und praktiziert wird: Die zielgerichtete Manipulation des öffentlichen Raumes, die Emotionalisierung von Ereignissen und ihre Skandalisierung.

(2) Hegemonie, imperialer Machtanspruch (auch wenn nicht immer exakt mit diesen Begriffen bezeichnet) gehörten zum SelbstverstĂ€ndnis und Ziel der US-Politik nach dem 2. Weltkrieg. Nach den TerroranschlĂ€gen des 11. September gilt seit 2002 die (manchmal Bush-Doktrin genannte) Neue Sicherheitsstrategie der USA (NSS), in der es heißt:

Wir werden StreitkrĂ€fte unterhalten, die zur ErfĂŒllung unserer Verpflichtung fĂ€hig sind und die Freiheit verteidigen. Unsere StreitkrĂ€fte werden stark genug sein, potenzielle Gegner von ihren AufrĂŒstungsvorhaben abzubringen, die sie in der Hoffnung auf Überlegenheit oder Gleichstellung im Hinblick auf die Macht der Vereinigten Staaten betreiben. (Netzwerk Friedenskooperative 2003)

Der Anspruch auf Vorherrschaft wird so weit ausgedehnt, dass auch – völkerrechtlich geĂ€chtete – PrĂ€ventiv- bzw. PrĂ€emptivschlĂ€ge (zur Unterscheidung vgl. Kamp 2002) gegen einen mutmaßlichen Gegner angekĂŒndigt werden. Der kurze Zeit spĂ€ter erfolgte Angriff auf den Irak wurde auf diese Weise legitimiert.

(3) WĂ€hrend in öffentlichen Diskursen in jĂŒngster Zeit dem russischen Regime vorgeworfen wird, sich ,imperialistischer‘ Strategien zu bedienen (Kritik an Imperialismus war einmal ein Kennzeichen linker Positionen!), setzt Herfried MĂŒnkler, Politologe und Regierungsberater, seit Jahren auf die ,Adelung‘ imperialer Strategien zur BegrĂŒndung politischer FĂŒhrungsansprĂŒche westlicher MĂ€chte. Europa „[…] wird nicht umhin kommen, selbst imperiale Merkmale zu ĂŒbernehmen und imperiale FĂ€higkeiten zu entwickeln […]“ (MĂŒnkler 2005). Der „humanitĂ€re Imperialismus“ (gemeint sind militĂ€rische Interventionen wie in Afghanistan, Kosovo, Irak) sei als „Nachsorge des neuerlichen Globalisierungsprozesses“ im 20. Jahrhundert zu betrachten (MĂŒnkler 2005: 48), also quasi moralisch geboten. Er spricht auch vom „demokratischen Imperium“ USA und vom

strukturelle(n) Zwang zur Inszenierung von Bedrohungen, um die demokratische Öffentlichkeit zur Übernahme imperialer Verpflichtungen zu motivieren. Die Politik der Inszenierungen und TĂ€uschungen dient dazu, die LĂŒcke zwischen Demokratie und Imperium zu schließen. (MĂŒnkler 2005: 238)

Aktuell brachte MĂŒnkler sich lautstark in Erinnerung durch die provozierende Forderung nach stĂ€rkerer atomarer AufrĂŒstung in Europa und der erweiterten (auf Deutschland!) VerfĂŒgungsmacht ĂŒber die Atomwaffen. Es brauche einen „Koffer mit rotem Knopf, der zwischen großen EU-LĂ€ndern wandert“ (Deutschlandfunk 2023).

(4) Wie auch aus konservativer Richtung mit ausdrĂŒcklichem Bezug auf Gramsci (1991) der Begriff der kulturellen Hegemonie vereinnahmt und zurechtgebogen wird, zeigte in jĂŒngster Zeit der Artikel des Historikers, Vorstandsmitglieds der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) und Leiters der sogenannten Denkfabrik R 21, Andreas Rödder. ZunĂ€chst veröffentlicht am 08.01.2024 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wenige Tage spĂ€ter auf der Website von R 21 unter dem Titel Das Ende der grünen Hegemonie, vereinfacht und verkĂŒrzt der Autor die gegenwĂ€rtigen Krisen u. a. der demokratischen ReprĂ€sentation auf das, was er als „das grĂŒne Paradigma“, „grĂŒne Diskurshoheit“ oder „grĂŒne Deutungshegemonie“ bezeichnet und behauptet: „Das war es, was Antonio Gramsci mit kultureller Hegemonie gemeint hatte“ (Rödder 2024). Keine dieser Bezeichnungen wird erklĂ€rt, gleichzeitig aber legt er nahe, dass die (ursprĂŒnglich) ,grĂŒnen Themen‘ wie etwa Umweltschutz und GeschlechterparitĂ€t mittlerweile vorherrschend geworden seien und andere dadurch marginalisiert wĂŒrden (Wirtschaft, Sicherheit, Technologie). Seine tendenziöse Darstellung endet mit der Unterstellung, die aktuell starken populistischen Bewegungen hĂ€tten sich als „Reaktanz“ auf das „grĂŒne Paradigma“ gebildet (Rödder 2024). Das ist Propaganda wie aus dem Lehrbuch.

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Buckel, Sonja; Fischer-Lescano, Andreas (Hrsg.) (2007): Hegemonie gepanzert mit Zwang. Baden-Baden: Nomos.

  • Neubert, Harald (2001): Antonio Gramsci: Hegemonie – Zivilgesellschaft – Partei. Eine EinfĂŒhrung. Hamburg: VSA.

Zitierte Literatur und Belege

Zitiervorschlag

Susanna, Weber (2024): Hegemonie. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 13.06.2024. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/hegemonie/.

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Diskurssemantische Verschiebung

Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder lĂ€n-gerfristige VerĂ€nderung des Denkens, Handelns und/oder FĂŒhlens grĂ¶ĂŸerer Gesellschafts-gruppen hinweist.

DomÀne

Der Begriff der DomĂ€ne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung ĂŒbernommen worden. Hier wird der Begriff dafĂŒr verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsĂŒbergreifenden TĂ€tigkeitsbereichen zu sortieren.

Positionieren

Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, ĂŒber die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.

Deutungsmuster

Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer TatbestĂ€nde verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele fĂŒr Deutungsmuster genannt.

Sinnformel

‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und Ă€hnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.

Praktik

Eine Praktik ist ein spezifisches, situativ vollzogenes und sinnhaftes BĂŒndel von körperlichen Verhaltensweisen, an dem mehrere Menschen und Dinge beteiligt sein können (z. B. Seufzen, um Frust auszudrĂŒcken, oder einen Beschwerdebrief schreiben, Fußballspielen).

Kontextualisieren

Kontextualisieren wird im allgemeineren bildungssprachlichen Begriffsgebrauch verwendet, um das Einordnen von etwas oder jemandem in einen bestimmten Zusammenhang zu bezeichnen.

Narrativ

Mit der diskursanalytischen Kategorie des Narrativs werden Vorstellungen von komplexen Denk- und Handlungsstrukturen erfasst. Narrative in diesem Sinne gehören wie Schlagwörter, Metaphern und Topoi zu den Grundkategorien der Analyse von Diskursen.

Argumentation

Argumentation bezeichnet jene sprachliche TĂ€tigkeit, in der man sich mithilfe von GrĂŒnden darum bemĂŒht, die Richtigkeit einer Antwort auf eine bestimmte Frage zu erweisen. Das kann in ganz verschiedenen Situationen und Bereichen nötig sein, namentlich um eine poli-tische, wissenschaftliche, rechtliche, unternehmerische oder private Angelegenheit zu klĂ€ren.

Diskurskompetenz

Im engeren, linguistischen Sinn bezeichnet Diskurskompetenz die individuelle sprachlich-kommunikative FĂ€higkeit, lĂ€ngere zusammenhĂ€ngende sprachliche Äußerungen wie ErzĂ€hlungen, ErklĂ€rungen, Argumentationen zu formulieren und zu verstehen.

Techniken

Dogwhistle

Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.

Boykottaufruf

Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine VerhaltensĂ€nderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.

Tabuisieren

Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas UnerwĂŒnschtes, AnstĂ¶ĂŸiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.

Aus dem Zusammenhang reißen

Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie fĂŒr ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.

Lobbying

Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primĂ€r an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein BĂŒndel von kommunikativen TĂ€tigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.

Karten

Karten dienen dazu, Raumausschnitte im Hinblick auf ausgewÀhlte Charakteristika so darzustellen, dass die Informationen unmittelbar in ihrem Zusammenhang erfasst und gut kommuniziert werden können. Dazu ist es notwendig, Daten und Darstellungsweisen auszuwÀhlen und komplexe und oft umkÀmpfte Prozesse der Wirklichkeit in einfachen Darstellungen zu fixieren.

Pressemitteilung

Pressemitteilungen sind standardisierte Mitteilungen von Organisationen, die sich an Journalist:innen und andere Multiplikator:innen richten. Sie dienen der offiziellen und zitierfĂ€higen Informationsweitergabe und ĂŒbernehmen zugleich strategische Funktionen in der öffentlichen Kommunikation und Meinungssteuerung.

Shitstorm

Der Begriff Shitstorm beschreibt eine relativ junge Diskurskonstellation, die seit den 2010er Jahren an Bedeutung gewonnen hat und gemeinhin als Online-Wutausbruch bezeichnet wer-den kann.

Tarnschrift

Als Tarnschrift bezeichnet man unter den Bedingungen von Zensur und Verfolgungsrisiko veröffentliche Texte, die insbesondere in der strategischen Kommunikation des NS-Widerstands eine zentrale Rolle spielten.

Ortsbenennung

Die Benennung von Orten dient in erster Linie dazu, den jeweiligen geografischen Ort zu lokalisieren und ihn zu identifizieren. Doch Ortsnamen besitzen eine soziale Dimension und spielen eine entscheidende Rolle bei der sprachlich-kulturellen IdentitÀtskonstruktion.

Schlagwörter

Echokammer

Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestÀtigen, wÀhrend abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.

Relativieren

Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder PhÀnomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung prÀzisiert werden.

Massendemokratie

GeprĂ€gt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bĂŒrgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.

Social Bots

Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.

KriegsmĂŒdigkeit

Der Ausdruck KriegsmĂŒdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische ErmĂŒdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch fĂŒr das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.

Woke

Der Ausdruck woke stammt aus dem afroamerikanischen Englisch und bezeichnete dort zunĂ€chst den Bewusstseinszustand der AufgeklĂ€rtheit ĂŒber die Verbreitung von rassistischen Vorurteilen und Diskriminierung unter Angehörigen ethnischer Minderheiten.

IdentitÀt

Unter IdentitĂ€t versteht man allgemein die Summe von Merkmalen, die Individuen oder sozialen Kollektiven – etwa Nationen, Organisationen oder sozialen Gruppen – als charakteristisch oder gar als angeboren zugeordnet werden.

Wohlstand

Unter Wohlstand sind verschiedene Leitbilder (regulative Ideen) zu verstehen, die allgemein den Menschen, vor allem aber den Beteiligten an politischen und wissenschaftlichen Diskursen (politisch Verantwortliche, Forschende unterschiedlicher Disziplinen usw.) eine Orientierung darĂŒber geben sollen, was ein ‚gutes Leben‘ ausmacht.

Remigration

Der Begriff Remigration hat zwei Verwendungsweisen. Zum einen wird er politisch neutral verwendet, um die RĂŒckkehrwanderung von Emigrant:innen in ihr Herkunftsland zu bezeichnen; die meisten Verwendungen beziehen sich heute jedoch auf Rechtsaußendiskurse, wo das Wort der euphemistischen Umschreibung einer aggressiven Politik dient, mit der nicht ethnisch deutsche Immigrant:innen und ihren Nachfahr:innen zur Ausreise bewegt oder gezwungen werden sollen.

Radikalisierung

Das Adjektiv radikal ist ein mehrdeutiges Wort, das ohne spezifischen Kontext wertneutral gebraucht wird. Sprachhistorisch bezeichnete es etwas ‚tief Verwurzeltes‘ oder ‚Grundlegendes‘. Dementsprechend ist radikales Handeln auf die Ursache von etwas gerichtet, indem es beispielsweise zugrundeliegende Systeme, Strukturen oder Einstellungen infrage stellt und zu Ă€ndern sucht.

Verschiebungen

Dehumanisierung

Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder GegenstÀnden menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.

Kriminalisierung

KriminalitĂ€t meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstĂ¶ĂŸt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.

Versicherheitlichung

In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen SicherheitsverstĂ€ndnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurĂŒckzufĂŒhren ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlĂ€ssig agieren.

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwĂ€rtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-KalkĂŒle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche ĂŒbertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die SphÀre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Partizipatorischer Diskurs

Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, fĂŒr (mehr) Partizipation zu sorgen.

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsĂ€chlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Beobachtung zum Begriff „Diplomatie“ beim Thema Ukraine im EuropĂ€ischen Parlament

Von EU-Vertretern waren zur Ukraine seit 2022 vor allem Aussagen zu hören, die sich unter dem Motto „as long as it takes“ beziehungsweise „so lange wie nötig“ fĂŒr die Erweiterung der militĂ€rischen Ausstattung und der VerlĂ€ngerung des Krieges aussprachen. VorschlĂ€ge oder VorstĂ¶ĂŸe auf dem Gebiet der „Diplomatie“ im Sinne von ‚Verhandeln (mit Worten) zwischen Konfliktparteien‘ gab es dagegen wenige, obwohl die klare Mehrheit von Kriegen mit Diplomatie beendet wurden (vgl. z.B. Wallensteen 2015: 142)

Die Macht der Worte 4/4: So geht kultivierter Streit

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Die Macht der Worte 3/4: Sprachliche Denkschablonen

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Die Macht der Worte 2/4: Freund-Feind-Begriffe

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Die Macht der Worte 1/4: Wörter als Waffen

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Relativieren – kontextualisieren – differenzieren

Die drei Handlungsverben relativieren, kontextualisieren, differenzieren haben gemein, dass sie sowohl in Fachdiskursen als auch im mediopolitischen Interdiskurs gebraucht werden. In Fachdiskursen stehen sie unter anderem fĂŒr Praktiken, die das KerngeschĂ€ft wissenschaftlichen Arbeitens ausmachen: analytische GegenstĂ€nde miteinander in Beziehung zu setzen, einzuordnen, zu typisieren und zugleich Unterschiede zu erkennen und zu benennen.