DiskursGlossar

Inklusion

Kategorie: Schlagwörter
Verwandte AusdrĂŒcke:
Anerkennung, (Recht auf) Teilnahme, Teilhabe, Exklusion, Ausschließung, Diskriminierung
Siehe auch: Partizipatorischer Diskurs, Moralisierung
Autor: Clemens Knobloch
Version: 1.2 / Datum: 24.05.2020

Kurzzusammenfassung

Inklusion hat sich, ausgehend von einem soziologischen Fachterminus gleichen Namens, in den zwei vergangenen Jahrzehnten zu einem interdiskursiven und allgemeinen Programmbegriff gewandelt. Er steht fĂŒr die Forderung, reale und symbolische Zugangsbarrieren fĂŒr Angehörige diskriminierter Gruppen und Minderheiten abzubauen. Im Schulsystem ist der Inklusionsanspruch verrechtlicht: Eltern haben das Recht, Kinder mit Förderbedarf (wegen körperlicher, psychischer, sozialer und sonstiger Lernbehinderungen) im allgemeinen Schulsystem anzumelden. Im weiteren Sinne bezieht sich Inklusion auf die verbale und institutionelle Einbeziehung ehedem stigmatisierter und minderheitlicher Gruppen (sexuelle Minderheiten, Behinderte, Kinder, Migranten etc.) in die gesellschaftlichen Normalinstitutionen.

Erweiterte BegriffsklÀrung

​Der Anspruch auf Teilhabe aller wird in der Regel öffentlich begrĂŒndet mit der UN-Behindertenrechtskonvention von 2006 (von der deutschen Bundesregierung 2009 ratifiziert). Vor diesem Hintergrund gilt Inklusion als menschenrechtlicher Anspruch. Das verleiht dem Fahnenwort Inklusion moralische und juristische Schubkraft. Prominent ist die pĂ€dagogische SphĂ€re. Die meisten Menschen denken bei Inklusion zuerst an das Elternrecht, Kinder mit (psychischen, körperlichen, sozialen, sprachlichen, lernpsychologischen
.) Behinderungen im allgemeinen Schulsystem ausbilden zu lassen. Danach aber auch an das Teilnahmerecht aller marginalisierten Minderheiten an den ZusammenhĂ€ngen und Veranstaltungen der (normalistischen) Mehrheit. Unter Inklusion fallen aber auch andere SphĂ€ren der demonstrativen Zugangserleichterung fĂŒr Gruppen, die zuvor als diskriminiert kodiert worden sind. Etwa ,leichte Sprache‘ fĂŒr Parteiprogramme, Nachrichten, Behördenpost, barrierefreie ZugĂ€nge fĂŒr Rollstuhlfahrer, Gestendolmetscher fĂŒr Gehörlose bei öffentlichen Veranstaltungen etc. Auch Themen wie ,Wahlrecht fĂŒr Kinder‘ werden unter Inklusion abgehandelt.

In der Zwischenzeit hat sich um den Inklusionsbegriff herum ein Umfeld von Image-, PR- und Selbstdarstellungsinstitutionen etabliert. Betriebe installieren Inklusionsbeauftrage, Hochschulen veranstalten Inklusionstage. Inklusion wird Überschrift und Zusammenfassung fĂŒr alle AktivitĂ€ten, durch die sich Betriebe, Behörden und andere Institutionen ein weltoffenes moralisches Image beizulegen versuchen.

Inklusion hat enge implikative Beziehungen zum Programmbegriff ,DiversitĂ€t/Vielfalt‘. Aufgerufen wird in Inklusionsappellen immer der Leitgedanke, dass die Verschiedenheit innerhalb einer kollektiven Wirgruppe eine Produktivkraft sei, die fĂŒr bessere Lösungen sorgen könne. Wirksam ist hier das Modell der BiodiversitĂ€t, das (vereinfacht) besagt: Je mehr (in der Biologie: genetische) Optionen in einer Nische zur Auswahl stehen, desto grĂ¶ĂŸer die Wahrscheinlichkeit, dass Innovatives, Überlebenstaugliches etc. dabei ist.

War der ursprĂŒngliche soziologische Fachterminus logisch-systematisch, so ist die interdiskursive Programmversion von Inklusion eher ein moralischer Anspruch, der den analytischen Anspruch umkehrt, in sein Gegenteil verwandelt. FĂŒr die soziologische Systemperspektive gilt: Inkludiert sind in ein Funktionssystem (Recht, Wirtschaft, Wissenschaft etc.) alle systemrelevanten Handlungen. Und insofern die Handlung eines Teilnehmers zum Rechts- oder Wirtschaftssystem gerechnet werden muss, kann und darf man keine Eigenschaften in Anspruch nehmen, die zu einem anderen funktionalen System gehören. Was juristisch ,geht‘, braucht moralisch nicht makellos zu sein und umgekehrt. Im Rechtssystem wird alles binĂ€r kodiert auf zulĂ€ssig/unzulĂ€ssig, im Wissenschaftssystem auf wahr/falsch. Wer also in seiner Praxis als Wissenschaftler fĂŒr sich in Anspruch nehmen wollte, dass seine Befunde nicht nur ,wahr‘, sondern auch ,gut‘ seien, der hĂ€tte sich einer Entgleisung schuldig gemacht. Der interdiskursiv moralisierte Programmbegriff gleichen Namens macht diese Entgleisung zur Norm. Die LeistungsansprĂŒche des Gymnasiums schließen schwache, behinderte, intellektuell wenig leistungsfĂ€hige SchĂŒler aus? In der soziologischen Perspektive wĂ€re das ein Beleg fĂŒr ihre InklusivitĂ€t. Denn InklusivitĂ€t bedeutet: Alleinige BerĂŒcksichtigung derjenigen Kriterien, die fĂŒr die Systemzugehörigkeit einer Handlung relevant sind – und Ignorieren aller anderen, systemfremden Kriterien. Der programmatisch-interdiskursive Begriff der Inklusion ist also Aufhebung und Gegenteil des gleichnamigen soziologischen Fachterminus. Er fordert, was die Systemsoziologie grundsĂ€tzlich ausschließt: dass ganze Personen in die funktional differenzierten Teilsysteme aufgenommen werden sollen – und nicht nur Handlungen. FĂŒr die Systemsoziologie gehören wir als Personen zur ,Umwelt‘ der funktional differenzierten Systeme und nehmen an diesen nur durch einschlĂ€gige Handlungen teil.

Das Fahnenwort Inklusion formuliert einen grundsĂ€tzlich individuellen Anspruch: Jeder Einzelne hat das Recht auf Teilhabe an Bildung, Kultur, NormalitĂ€t etc. (vgl. Nassehi 2003, 331-352). Das Fahnenwort taugt aber auch dazu, eine moralisierte Wir-Gemeinschaft derjenigen Menschen zu bilden, die niemanden von den Segnungen der NormalitĂ€t ausschließen wollen. In der medienöffentlichen Debatte hat das zur Folge, dass Kritiker der Inklusionspraktiken befĂŒrchten mĂŒssen, als behinderten- oder minderheitenfeindlich dargestellt zu werden. Die Inklusionsdebatte ist eine hochgradig moralisierte Debatte. In der PĂ€dagogik löst Inklusion als Paradigma den alten Leitbegriff Integration ab, erbt aber dessen Paradoxien in verschĂ€rfter Form (vgl. Dammer 2011, 5-30). Wenn es in allen ZusammenhĂ€ngen selbstverstĂ€ndlich ist, dass alle dazugehören sollen und dĂŒrfen, dann werden vor allem die Grenzen der Inklusion unsichtbar gemacht. Zweifellos gehören nĂ€mlich die Minderheiten nicht dazu, die gar nicht als solche anerkannt sind oder nicht dazu gehören wollen. Niemand fordert die Inklusion von Dschihadisten oder Rechtspopulisten. Auch die Armen begegnen einem nicht im Inklusionsdiskurs. Sie sind keine anerkannte Minderheit mit Opferstatus. So gesehen ist Inklusion ein ,pseudouniversalistisches‘ Programm, das die Wohlhabenden und Wohlmeinenden installieren, um Zustimmung bei denjenigen zu erzeugen, die sich lieber den Gewinnern der globalen Marktwirtschaft zurechnen als den Verlierern. Inklusion zielt auf den ,Normalbereich‘. Die AttraktivitĂ€t und Reichweite dieses Programms schrumpft daher, sobald sich auch erhebliche Teile der ,Normalbevölkerung‘ entrechtet und ausgeschlossen fĂŒhlen, die sich in den Inklusionsformeln der Wohlmeinenden nicht wiedererkennen und wiederfinden. Eine gebrĂ€uchliche Gegenstrategie besteht also darin, die ,Normalbevölkerung‘ zum eigentlichen, aber eben nicht anerkannten Opfer zu erklĂ€ren.

Hochgehalten wird das Inklusionsprogramm sowohl von Moralagenturen innerhalb und außerhalb des Bildungssystems (allen voran die Aktion Mensch) als auch von progressiv-liberalen Medien, Parteien, Organisationen. Misst man das Programm der Inklusion an den wuchernden Praktiken der harten sozial-ökonomischen Exklusion (von ,gated communities‘ ĂŒber gentrifizierte Wohnviertel, private Bildungseinrichtungen bis zu unbezahlbaren Mieten und wachsender Obdachlosigkeit), dann wirkt es wie der Versuch, sich trotzdem, per weicher Inklusion, ein gutes Gewissen zu verschaffen. Jedes inkludierte Individuum wirkt dann als lebendiger Beweis dafĂŒr, dass jeder es schaffen kann dazuzugehören.

Beispiele

Am meisten öffentliche Aufmerksamkeit fĂŒr Inklusionsfragen gibt es im Bereich der schulischen Inklusion. Durch die werden allgemeinbildenden Schulen verpflichtet (mit erheblichen Unterschieden im Detail, je nach Bundesland), Kinder aufzunehmen und zu unterrichten, die nach bisherigen Kriterien ,Förderbedarf‘ haben und zuvor an speziellen Schulen (,fĂŒr Kinder mit Förderbedarf‘) von speziell ausgebildeten LehrkrĂ€ften unterrichtet wurden. In der Regel können Eltern ĂŒbergangsweise entscheiden, ob sie ihre Kinder auf allgemeine Schulen oder auf Förderschulen schicken. ErklĂ€rtes Ziel ist aber meist die Auflösung der Förderschulen. Die mĂŒssen dann von helfenden auf ausschließende und diskriminierende Institutionen umkodiert werden.

Jeder nĂŒchterne Betrachter wird hinter der erklĂ€rten guten Inklusionsabsicht das Ziel sehen, das differenzierte System der Förderschulen (und die kostspielige Ausbildung spezialisierter Förderschullehrer) einzusparen. Das Inklusionsprogramm bietet die einmalige Chance dazu, weil jeder Kritiker als behindertenfeindlich moralisch diskreditiert werden kann.

Der Nachdruck, mit dem die Propagandisten der Bildungsprivatisierung (allen voran die Bertelsmann Stiftung) das Programm der schulischen Inklusion vorantreiben (vgl. Klemm 2013), spricht BĂ€nde: Sie wissen, dass die Pflicht, Kinder mit diversen Lernbehinderungen, psychischen Problemen, sprachlichen und sozialen Schwierigkeiten etc. in allgemeine Schulen und Klassen aufzunehmen, das System der öffentlichen Schulbildung weiter diskreditieren und schwĂ€chen (und die Nachfrage nach privaten Bildungsinstitutionen stĂ€rken) wird (vgl. Knobloch 2018, 191-210). Das individuell erstreitbare Recht, eine allgemeine Hauptschule (anstatt einer Förderschule) zu besuchen, trifft auf eine Institution, die von der ,Normalbevölkerung‘ selbst bereits als stigmatisierend und ausschließend erfahren wird. Das individuell erstreitbare Recht, ein Gymnasium zu besuchen, dessen Leistungsziel (Abitur) nicht erreicht werden kann (man spricht dann von ,zieldifferenter‘ Inklusion), versetzt denjenigen, der es erstritten hat, in ein Umfeld, mit dem er nicht mithalten kann.

Literatur

Zitierte Literatur und Belege

  • Dammer, Karl-Heinz (2011): All inclusive? oder: Dabei sein ist alles? Ein Versuch, die Konjunktur des Inklusionsbegriffs in der PĂ€dagogik zu verstehen. In: PĂ€dagogische Korrespondenz, Heft 43, S. 5–30.
  • Knobloch, Clemens (2018): Wie man öffentlich ĂŒber Inklusion spricht (und was man daraus schließen kann). In: Ders.: Das sogenannte Gute. Zur Selbstmoralisierung der Meinungsmacht. Siegen: universi, S. 191–210.
  • Klemm, Klaus (2013): Inklusion in Deutschland – eine bildungsstatistische Analyse (im Auftrag der Bertelsmann Stiftung). GĂŒtersloh: Bertelsmann.
  • Nassehi, Armin (2003): Inklusion. Von der Ansprechbarkeit zur Anspruchsberechtigung. In: Lessenich, Stephan (Hrsg.): Wohlfahrtssprachliche Grundbegriffe. Historische und aktuelle Diskurse. Frankfurt a.M.: Campus, S. 331–352.

Zitiervorschlag

Knobloch, Clemens (2020): Inklusion. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 23.05.2020. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/inklusion.

 

Grundbegriffe

Akteur

Als Akteur oder Diskursakteur werden in der Diskursforschung meist Gruppen oder Grup-penstellvertreter verstanden, die mit kommunikativen Mitteln in der Öffentlichkeit versuchen, ihre Deutungen und RessourcenansprĂŒche gegen Rivalen durchzusetzen.

Diskursfigur

Diskursfiguren – wie der Held oder der Experte, das Genie, der GefĂ€hrder, Gutmensch, Nerd oder Psychopath – sind im medial-politischen Diskurs konstruierte und verbreitete Vorstellungen von HandlungstrĂ€gern, die stereotyp mit bestimmten Eigenschaften assoziiert werden. Sie erhalten durch musterhaften Sprachgebrauch, aber auch durch bildhafte Darstellungen eine kommunizierbare, wiedererkennbare Kontur.

ReprÀsentative Anekdote

ReprĂ€sentative Anekdote bezeichnet ein modellhaftes Kurznarrativ, das in Theorien, Weltanschauungen und komplexen ErklĂ€rungen selektiv reproduziert wird. So ist z.B. das „survival of the fittest“ (‚die StĂ€rksten ĂŒberleben‘) die reprĂ€sentative Anekdote, die in allen darwinistischen, sozialdarwinistischen und neodarwinistischen Theorien und Deutungsmustern als Modell dient und variabel ausgearbeitet wird.

Begriffsgeschichte

Die Begriffsgeschichte lĂ€sst sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten AusdrĂŒcken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext grĂ¶ĂŸerer sprachlicher ZusammenhĂ€nge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).

Diskurssemantische Verschiebung

Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder lĂ€n-gerfristige VerĂ€nderung des Denkens, Handelns und/oder FĂŒhlens grĂ¶ĂŸerer Gesellschafts-gruppen hinweist.

DomÀne

Der Begriff der DomĂ€ne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung ĂŒbernommen worden. Hier wird der Begriff dafĂŒr verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsĂŒbergreifenden TĂ€tigkeitsbereichen zu sortieren.

Ideologie

Der Begriff Ideologie weist im Wesentlichen drei unterschiedliche Bedeutungen auf: Erstens kann er ein trĂŒgerisches, realitĂ€tsfernes oder dogmatisches Denken bezeichnen; so eignet er sich auch als Schlagwort bzw. politischer Kampfbegriff. Zweitens kann er auf eine sozial bedingte Weltanschauung oder ein umfassendes Ideen- und Wertesystem verweisen. Drittens kann mit Ideologie ein politisches Programm gemeint sein, welches Vorstellungen ĂŒber gesellschaftliche Ordnung sowie Ziele fĂŒr politisches Handeln beinhaltet.

Positionieren

Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, ĂŒber die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.

Deutungsmuster

Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer TatbestĂ€nde verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele fĂŒr Deutungsmuster genannt.

Sinnformel

‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und Ă€hnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.

Techniken

Blocken

Digitale Plattformen stellen verschiedene Instrumente zur Regulierung von Kommunikation bereit, die sich unter anderem in Formen des Blockens und Formen der Reduktion von Sichtbarkeit unterscheiden lassen. WÀhrend das Blocken (bzw. von uns synonym gebraucht: das Blockieren) den Zugang zu Profilen oder Inhalten ganz oder teilweise unterbindet, zielen Reduktionsmechanismen darauf ab, deren Reichweite einzuschrÀnken, ohne sie vollstÀndig zu entfernen.

Whataboutism

Whataboutism (auch Whataboutismus) bezeichnet zum einen eine rhetorische Praktik, zum anderen wird der Ausdruck als Schlagwort verwendet.
Als Praktik zielt Whataboutism darauf ab, von Kritik oder von einem unerwĂŒnschten Thema abzulenken – typischerweise durch einen Gegenverweis auf einen anderen Sachverhalt, einen anderen Akteur oder einen anderen Kontext. Dabei ist die Grenze zu legitimen Vergleichen und RĂŒckfragen fließend und regelmĂ€ĂŸig Gegenstand diskursiver Aushandlung.

Politische Rede

Politische Reden sind schriftlich konzipierte oder verfasste, mĂŒndlich und monologisch vorgetragene Texte mittlerer LĂ€nge von einigen Minuten bis zu mehr als einer Stunde. Der Vortrag muss durch eine Person erfolgen, die erkennbar in politisches Handeln eingebunden ist. Politische Rede soll sowohl informieren als auch die Meinungsbildung beeinflussen.

Korruption

Korruption wird zum einen als Fachbegriff (Recht, Wissenschaft) verwendet und verweist auf ein Gebiet des Strafrechts und damit auf einen Teil des gesellschaftlichen Normensystems, das Delikte in Kontaktzonen von Politik und Ökonomie definiert.

Beschriftete Waffen

Das Betexten von Waffen, speziell Projektilen wie Schleuderbleien, Kanonenkugeln oder Bomben, mit an die Feindgruppe gerichteten Botschaften (Sarkasmus, Beleidigungen, TodeswĂŒnsche u. Ă€.) ist eine Praktik, die sich bis in die römische Antike zurĂŒckverfolgen lĂ€sst. Sie dient der Identifikation der Eigengruppe (Truppe oder Gefolgsleute) mit dem Ziel, die Moral vor einem Kampfansatz zu heben (emotional-psychologische BewĂ€ltigungsstrategie) sowie Gelassenheit und Siegesgewissheit propagandistisch gegenĂŒber der Eigen- und Fremdgruppe zu inszenieren.

Zitieren

Zitieren bezeichnet die Wiedergabe ausgewĂ€hlter Text(teil)e in unterschiedlichen Kommunikationskontexten wie Alltag, Wissenschaft, Journalismus und Politik. GrundsĂ€tzlich kann Zitieren der möglichst wertneutralen Wiedergabe bzw. Verweisung auf fremde Aussagen dienen, aber auch zur strategischen Positionierung eingesetzt werden. Auch in wissenschaftlichen Texten erfĂŒllt das Zitieren neben der formal korrekten Bezugnahme auf fremde Aussagen u.a. argumentationsstĂŒtzende Funktionen.

AI-Washing/KI-Washing

Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder GeschĂ€ftsmodelle mit dem Etikett „KĂŒnstliche Intelligenz“ (KI bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsĂ€chlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark ĂŒbertrieben, nur marginal vorhanden oder ĂŒberhaupt nicht gegeben ist.

Dogwhistle

Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.

Demonstrieren

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Boykottaufruf

Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine VerhaltensĂ€nderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.

Schlagwörter

Meinungsfreiheit

Meinungsfreiheit ist ein positiv konnotiertes Schlagwort. Das im Schlagwort kondensierte Pro-gramm wird allgemein zustimmend propagiert oder eingefordert, ohne dass immer verdeutlicht wird, welche Ausgestaltung von Meinungsfreiheit zugrunde liegt. Aufgrund dieser allgemeinen Zu-stimmung kann Meinungsfreiheit als Hochwertwort kategorisiert werden: In der öffentlichen Debat-te gibt es keine wahrnehmbaren Stimmen, die sich gegen Meinungsfreiheit (in dieser unbestimm-ten Form) aussprechen.

DiversitÀt / Vielfalt

DiversitĂ€t/Vielfalt ist ein aus einschlĂ€gigen US-Diskursen der (frĂŒhen) 1980er und der 1990er Jahre importiertes Schlagwort und ein Topos, der ethnische, sexuelle und körperliche (Behinderung etc.) Verschiedenheit positiv und programmatisch als Ressourcen der Mehrheitsgesellschaft kodiert. Vielfalt als Chance dĂŒrfte der hierzulande hĂ€ufigste Slogan des DiversitĂ€ts-Hypes sein. Qua DiversitĂ€t werden identitĂ€tsrelevante Unterschiede zwischen gesellschaftlichen Gruppen von Stigmata fĂŒr Minderheiten zu Ressourcen fĂŒr die Allgemeinheit umgedeutet.

BrĂŒckentechnologie

Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der BrĂŒckentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschĂ€tzten anderen Technologie möglich ist.

Deindustrialisierung

Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch RĂŒckgang von produzierendem Gewerbe.

Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, Àhnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).

Echokammer

Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestÀtigen, wÀhrend abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.

Relativieren

Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder PhÀnomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung prÀzisiert werden.

Massendemokratie

GeprĂ€gt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bĂŒrgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.

Social Bots

Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.

KriegsmĂŒdigkeit

Der Ausdruck KriegsmĂŒdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische ErmĂŒdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch fĂŒr das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.

Verschiebungen

Verrechtlichung

Verrechtlichung im Kontext der politischen Kommunikation bezeichnet die Verschiebung von politischen hin zu juridischen Argumentationsmustern. Sie findet immer dann statt, wenn Akteur*innen sich in der öffentlichen Diskussion auf Rechtsnormen beziehen.

Dehumanisierung

Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder GegenstÀnden menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.

Kriminalisierung

KriminalitĂ€t meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstĂ¶ĂŸt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.

Versicherheitlichung

In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen SicherheitsverstĂ€ndnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurĂŒckzufĂŒhren ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlĂ€ssig agieren.

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwĂ€rtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-KalkĂŒle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche ĂŒbertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die SphÀre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Krise

Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhĂ€ngig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur BegrĂŒndung von krisenĂŒberwindenden Handlungen eingebettet.

Partizipatorischer Diskurs

Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, fĂŒr (mehr) Partizipation zu sorgen.

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsĂ€chlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.