DiskursGlossar

Innovation

Kategorie: Schlagwörter
Verwandte Ausdrücke: 
(Neuerung, schöpferische Zerstörung, (sozialer) Wandel, Modernisierung, Reform, Disruption)
Siehe auch: (Technischer) Fortschritt
Autorin: Susanna Weber
Version: 1.0 / 09.05.2020

Kurzzusammenfassung

Innovation gehört seit den 60er Jahren zu den häufig verwendeten Schlag– bzw. Fahnenwörtern, vor allem in den Feldern von Ökonomie und Politik. Konzepte und Vorhaben mit der Überschrift Innovation werden oft als Sachzwänge dargestellt, gegen die Einwände als nicht legitim erscheinen. Eine der wichtigsten Rede-Figuren im Rahmen strategischer Kommunikation ist die, Innovation (als Prozess) oder Innovationen (technische) als universale Lösung für Probleme jeglicher Art zu präsentieren. Aktuell gilt die Kombination von Innovation und Digitalisierung als Schlüssel für alle Herausforderungen der Zukunft.

Erweiterte Begriffsklärung

Im frühen Mittelalter bedeutete innovatio religiöse Neuerung (die verboten wurde), und noch 1721 gab es im konservativ-ständischen Japan ein Gesetz zum Verbot von Innovationen.

Die Bewertung von Neuem hat sich seither drastisch gewandelt und gegenwärtig sind mit Innovation eher Gebote verbunden (be creative, invent yourself) als Verbote. Dieser Veränderung ging die Verbreitung von neuem Wissen und neuen Artefakten voran: Neue „nützliche und lustige“ Maschinen (de Caus) stärkten nicht nur Macht- und Repräsentationsansprüche der Herrschenden, sie wurden auch zu den wesentlichen materiellen Mitteln für den Umbau der gesellschaftlichen Verhältnisse. Im projecting age des ausgehenden 17. und 18. Jahrhunderts entstand eine neue Sozialfigur, der Projektmacher, und das Neue wurde mit Ökonomie, genauer: mit der Ökonomie des erstarkenden Kapitalismus, verbunden. Die Projektmacher mussten ihre Vorhaben noch aufwändig legitimieren und mit großen individuellen Risiken in die Welt bringen. Am Ende des 19. Jahrhunderts, nach der ersten industriellen Revolution war Innovation schon zu einer verallgemeinerten, positiv aufgeladenen Zukunftserwartung geworden: Erfindungen und Entdeckungen (von Artefakten und Verfahren) galten als Inbegriff von „Fortschritt“.

Mit teils ausdrücklichem, teils implizitem Bezug auf Marx entwickelte am Anfang des 20. Jahrhunderts der Ökonom Joseph A. Schumpeter eine Theorie der Entstehung des Neuen und der Neuerung als zentrales, evolutionäres Element der kapitalistischen Ökonomie. Das ökonomisch Neue erhielt einen Namen: Innovation. Zuvor hatte Marx den ursprünglich naturwissenschaftlich geprägten Revolutionsbegriff (bei Galilei, Kepler) zu einem politischen umbesetzt und mit der Entwicklung der Produktivkräfte verbunden. Schumpeter löste ein Element aus dieser Entwicklung heraus (Innovationen) und modellierte es zur Haupttriebkraft der kapitalistischen Ökonomie.

Vermittelt über den Schlüsselbegriff des technischen Fortschritts gelangte Innovation als Ausdruck und als Konzept in den späten 1960er und 1970er Jahren in die politischen Diskussionen um die Erklärung und Bewältigung der seinerzeit aktuellen ökonomischen Turbulenzen. Schumpeter hatte Innovation als klar definierten ökonomischen Fachterminus gebraucht. In den entstehenden politikberatenden Strukturen (Kommissionen, Forschungsinstitute) erhielt der Begriff nun zunehmend programmatisch-strategische Funktionen. Seither zirkuliert er als Fahnenwort in allen gesellschaftlichen Zentralgebieten. Was jedoch bei Schumpeter Teil einer Krise ist (die Konjunkturzyklen, verursacht durch Entstehung und Verbreitung von Innovationen), wurde zur Lösung für ökonomische Schwankungen umgebaut: Innovationen zur Stabilisierung der Wirtschaft. Aktuell ist das Deutungsmuster Fortschritt = Wachstum und Wohlstand durch Technik (= Innovation) so fest etabliert wie zuletzt vor den beginnenden Umwelt-Debatten und den Fragen nach möglichen „Grenzen des Wachstums“ am Beginn der 1970er Jahre. Dazu hat beigetragen, dass die akademische wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung auf einem seit Jahrzehnten stabilen Lehrbuchkanon ökonomischer Theorieelemente und Modelle beruht, der wachstumsfixierte, marktliberale Auffassungen festigt.

Mit dem ausgehenden 20. und dem beginnenden 21. Jahrhundert wurden erneut Haltungen begründungspflichtig, die die behauptete Notwendigkeit zur permanenten Innovation bezweifeln. So wurde etwa ein Topos aus der Frühzeit der Industrialisierung Europas wiederbelebt: Maschinenstürmerei. Er wurde am Ende der 1970er Jahre im Rahmen der ersten Automatisierungswelle reaktiviert und dient noch in jüngster Zeit zur vorauseilenden (Selbst-)Abgrenzung gegenüber technikskeptischen oder -kritischen Positionen (Hoffmann/Bogedan, 2015).

Die Eingängigkeit der Schumpeter’schen Metapher von der Innovation als schöpferischer Zerstörung wird inzwischen nicht nur verwendet um zu illustrieren, dass mit der Technologie der Digitalisierung eine neue, die vierte „industrielle Revolution“ bevorstehe. Sie dient auch zur Legitimation dafür, dass nun auch in Kultur und Kunst oder Bildung OutputEffizienz und Sichtbarkeit als Kriterien für Anerkennung gelten sollen und für die Bereitstellung der notwendigen Ressourcen. Diese gesellschaftlichen Bereiche wurden zuvor noch nicht vollständig über ökonomische Rationalitätskriterien regiert (d.h. als Knappheitsgüter). Humankapitaltheorien bilden hier die argumentativen Brücken zwischen Verwertungsinteressen und individuellen Autonomiebestrebungen. Dieser nicht nur semantische Umbau lässt sich exemplarisch an Texten zur „Kultur- und Kreativindustrie“ nachvollziehen.

Der Spezialdiskurs, der sich um die Wortkombination soziale Innovation formierte, spiegelt den Versuch, das Kompensationspotential als „sozial“ gekennzeichneter Konzepte zu retten. Schon in den Einschätzungen zu den Projekten zur Humanisierung der Arbeit (HdA) in den 1970er Jahren war umstritten, ob und inwiefern es um reale gesellschaftliche Fortschritte gehe oder eher um politische Befriedung. Diskurse um soziale Innovationen reagieren auf die Folgeerscheinungen von Entwicklungen, die Elmar Altvater mit Bezug auf Analysen Karl Polanyis als „Entbettung“ (der Wirtschaft aus der Gesellschaft) und als „Vermarktlichung“ aller Lebensbereiche bezeichnete. Dies spiegelt sich zum Beispiel in den programmatisch verwendeten Oppositionsbildungen „sozial-technisch“ und „sozial-ökonomisch“. Ein neues Attribut aus diesem Kontext, „soziodigital“ gibt eine Vorstellung davon, welche Gegensätze hier verklammert werden sollen.

Wenn gegenwärtig Innovation thematisiert wird, ist der dominierende Kontext die Digitalisierung (der Wirtschaft, der Gesellschaft, der Kultur, des Alltags), ihre Chancen und, weit weniger, Risiken. Im Gebrauch der Argumente lassen sich zahlreiche Parallelen finden zu den Auseinandersetzungen um die Automatisierungswelle in den 1970er Jahren, etwa bei der gegenseitigen Aufrechnung von potentiellen Arbeitsplatzzuwächsen und zu erwartenden Arbeitsplatzverlusten durch Digitalisierung. Was sich allerdings verändert hat, sind erstens die Kräfteverhältnisse zwischen organisierten Arbeitskräften und Unternehmen und zweitens das Entstehen einer Vielzahl von Grauzonen. In diesen werden technische Systeme und Prozeduren eingeführt, die auf die Selbstentmächtigung (Klaus Theweleit) der Subjekte zielen, wenngleich sie unter dem Label des „technischen Fortschritts“ offeriert werden (Smart Cities, Smart Homes und ähnliche Konzepte). Das geschieht oft unterhalb der Wahrnehmungsschwellen demokratischer Öffentlichkeiten und außerhalb ihrer Möglichkeiten zur Beeinflussung (s.u. Beispiel 3).

Beispiele

1. Deutungsmuster Innovation = Technischer Fortschritt = Wachstum = Wohlstand in Regierungsdokumenten

Ein zentrales Regierungsdokument zum Thema ist die so genannte High-Tech-Strategie (HTS), die seit 2010 fortgeschrieben wird, aktuell ist es die HTS 2025. Hier ist Innovation fest eingebaut in die Argumentationsfigur, die nationale Standort-Sachzwänge, technischen Fortschritt und Zukunft verknüpft: „Vom Erfinderland zur Innovationsnation: Fortschrittsgeschichte mit Zukunftsperspektive“ (HTS 2025). Ähnliche Formulierungen finden sich auch in allen früheren Versionen der HTS sowie begleitenden Dokumenten wie der Berliner Erklärung des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung (BMWI) von 2015 oder dem Grünbuch Arbeiten 4.0 aus dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2016.

Die jüngste Überbietungs-Figur der politischen Innovationsrhetorik kommt aus dem Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung (BMBF). Mit der Gründung einer außerordentlich üppig ausgestatteten (1 Mrd. Euro für 10 Jahre) „Agentur für Sprunginnovationen“ im August 2019 steigern die Akteure sprachlich die Dringlichkeit des Neuen noch einmal: die bisher in Fachkreisen durchaus schon gebräuchliche englische Bezeichnung „disruptive“ (Innovationen) wurde eingedeutscht, um nahezulegen, dass von nun an nicht mehr nur sehr viel mehr als bisher Neues in die Welt gebracht werde, sondern radikal Neues. Verfolgt man die Reaktionen auf diese Regierungsaktivität, so wird schnell deutlich, dass Innovation (wieder einmal) als Platzhalter dient: im beschriebenen Fall geht es in erster Linie um die schnellere Kommerzialisierung von Neuem, nicht um das Neue selbst.

2. Soziale Innovationen

Durch intensive Bemühungen aus den Sozialwissenschaften selbst und parallel zu Initiativen privater Investoren und von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) sind die Ausdrücke soziale Innovation/Sozialinnovationen inzwischen in den Sprachgebrauch von Politikern und in Regierungsdokumente eingegangen. Sie ersetzen in der Regel die mittlerweile ausstrahlungsarmen Begriffe wie Wandel oder Reform oder stehen für ältere demokratische Praktiken der Bürgerbeteiligung. Inzwischen sind Forscherinnen und Forscher mit dem Spezialgebiet Soziale Innovationen fest eingebunden in Aktivitäten der High-Tech-Initiative der Regierung. Die Redewendung „nicht nur technische, sondern auch soziale Innovationen“ ist zu einer Standardformel geworden.

Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang z.B. das neue Rahmenprogramm des BMBF „Zur Stärkung von Zusammenhalt, Innovationsfähigkeit und kulturellem Erbe“, das „sozialwissenschaftliche Forschung für praxistaugliche Anwendungen“ fördern soll. In bemerkenswerter Klarheit ist in diesem Zusammenhang von der beabsichtigten „Inwertsetzung“ die Rede. Auch wenn es sich hier um die „Kaperung“ eines Begriffes handelt, der von Karl Polanyi geprägt und u.a. von Elmar Altvater in definitiv kritischer Absicht verwendet wurde, wird deutlich, was gemeint ist: die Nutzung der positiven Ressourcen des Sozialen oder, wie ein Lehrstuhlinhaber der Zeppelin Universität 2012 bemerkenswert deutlich und schnörkellos formulierte: „Unsere gesellschaftlichen Herausforderungen und Krisen von heute sind die Geschäftsmodelle und Exportschlager von morgen. Soziale Innovationen sind Parasiten der Probleme und damit Kassenschlager von übermorgen.“ (brandeins 4/2012).

3. Innovation, Digitalisierung und Demokratie 

Gegenwärtig ist das Feld der Digitalisierung der Bereich, dem strategisch-politisch die höchste Dringlichkeit zugeschrieben wird. Die gängigen Begründungen operieren vornehmlich mit Sachzwang-Konstruktionen wie zum Beispiel „Ohne Innovationen werden wir den Herausforderungen der Zukunft und der globalen Konkurrenz nicht standhalten können.“ (HTS 2025) oder mit voraussetzungsvollen Behauptungen: „Wir werden die Weiterentwicklung eines modernen und nutzerfreundlichen E-Governments intensiv vorantreiben. Offene Daten sind ein wesentlicher Beitrag der Verwaltung auf dem Weg zur digitalen Gesellschaft.“ (HTS 2025, 50). Vor dem Hintergrund, dass Innovationen auf der Basis von Digitalisierung wie Smart Homes, Smart Cities, E-Government als ökonomisch äußerst erstrebenswert propagiert werden, bleiben kritische Positionen unterbelichtet.

Beispiele für die Erosion demokratischer Strukturen und Prozesse sind Landnahme-Prozesse etwa des Unternehmens Google in amerikanischen und kanadischen Großstädten (z.B. Toronto) durch kommerzielle Verwertung zahlreicher intransparenter Daten-Sammelvorgänge (ob zur Nutzung von Parkbänken oder zur Ausleihe von Büchern). Ihre Legitimität ist nicht einmal mehr Gegenstand demokratischer Erörterungen oder gar Entscheidungsprozesse gewesen. Dass die zurzeit von der chinesischen Regierung massiv vorangetriebenen Maßnahmen auf der Grundlage von social credit scores, (Verhaltensbeurteilungen, die zukünftig auch für Unternehmen gelten sollen) auf ähnlichen Datenbeständen und Algorithmen beruhen wie die hierzulande erlaubten, aber eher kritisch kommentiert werden, ist mindestens doppelzüngig.

Manchmal ist es auch die Bildsprache, die Zugang zu den auf Schlagwörter reduzierten Redeweisen verschafft. So wird in der HTS 2025 im Abschnitt „Zukunftskompetenzen“ unter der Überschrift „Gesellschaft. Wir befähigen Menschen zu aktiver Teilhabe und Teilnahme an gesellschaftlichen Fragen“ ein Foto präsentiert, auf dem vier Erwachsene, ein Schul- und ein Kleinkind aufgereiht nebeneinander in fünf verschiedene digitale Endgeräte blicken. Ein Beispiel für „aktive gesellschaftliche Teilhabe und Teilnahme“?

Literatur

Zitierte Literatur

  • Altvater, Elmar/Mahnkopf, Birgit (2002): Grenzen der Globalisierung. Ökonomie, Ökologie und Politik der Weltgesellschaft, Münster: Westfälisches Dampfboot.
  • Hoffmann, Reiner/ Bogedan, Claudia (Hrsg.) (2015): Arbeit der Zukunft, Frankfurt: Campus Verlag.
  • Polanyi, Karl (1978): The Great Transformation, Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen, Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • Schumpeter, Joseph A. (2006): Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, Berlin: Duncker und Humblot.
  • Schumpeter, Joseph A. (1987): Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, Tübingen: Francke.
  • Weber, Susanna (2018): Innovation. Zur Begriffsgeschichte eines modernen Fahnenworts, Baden-Baden: Tectum Verlag.

Online-Ressourcen

Zitiervorschlag

Weber, Susanna (2020): Artikel Innovation. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 09.05.2020. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/innovation.