
DiskursGlossar
Karten
Kategorie: Techniken
Verwandte Ausdrücke: Kartographie, Mapping, Counter-Mapping
Siehe auch: Ortsbenennung, Schlagbilder, Dehumanisierung, Demonstration
Autor: Bernd Belina
Version: 1.0 / Datum: 27.11.2025
Kurzzusammenfassung
Karten dienen dazu, Raumausschnitte im Hinblick auf ausgewählte Charakteristika so darzustellen, dass die Informationen unmittelbar in ihrem Zusammenhang erfasst und gut kommuniziert werden können. Dazu ist es notwendig, Daten und Darstellungsweisen auszuwählen und komplexe und oft umkämpfte Prozesse der Wirklichkeit in einfachen Darstellungen zu fixieren. Aufgrund ihrer Eigenschaften können Karten sowohl unbewusst als auch strategisch zur Beeinflussung von Diskursen genutzt werden.
Kommunikationsstrategisch können Karten Orientierung über ortsbezogene Sachverhalte geben oder als Teil von Argumentationen und Narrativen eine bestimmte Perspektive auf die Welt propagieren.
Erweiterte Begriffsklärung
Wir alle kennen und nutzen Karten. Waren es bis vor Kurzem noch fixe gedruckte Stadtpläne, Wanderkarten und Atlanten oder die Wetterkarte in Zeitungen oder am Ende der Fernsehnachrichten, die unseren Alltag geprägt haben, wurden diese in den letzten zwei Jahrzehnten zunehmend durch die flexible digitale Darstellung von Geoinformationen in zahlreichen Apps verdrängt. Insbesondere zur Orientierung im Raum, also bei der Suche nach Adressen und Wegen, nutzen die allermeisten Menschen die eine oder andere solche App. Karten, ob analog oder digital, sind im Alltag zuallererst nützliche Kulturtechniken. Sie werden nur selten kritisch hinterfragt, darin liegt auch ihr kommunikationsstrategisches Potential. Dabei wurde und wird schon länger auch in populären Sachbüchern auf Die Tricks und Lügen der Kartographen (Untertitel, vgl. Monmonier 1996) und Die Macht der Karten (Titel, vgl. Schneider 2006) hingewiesen, die unser Weltbild prägen (aus dem Untertitel von Rowińska 2024). In einem klassischen Beitrag der Kritischen Kartographie formuliert Brian Harley (1989: 13; Übers. B. B.):
Macht kommt von der Karte und durchzieht die Art und Weise, wie Karten erstellt werden. Der Schlüssel zu dieser inneren Macht ist somit der kartographische Prozess. Damit meine ich die Art und Weise, wie Karten zusammengestellt werden und welche Kategorien von Informationen ausgewählt werden; wie sie anhand einer Reihe von Regeln für die Abstraktion der Landschaft generalisiert werden; wie die Elemente der Landschaft in Hierarchien geordnet werden; und die Art und Weise, wie verschiedene rhetorische Stile, die ebenfalls Macht reproduzieren, zur Darstellung der Landschaft eingesetzt werden. (Harley 1989: 13)
Wie sich das in der Praxis des kartographischen Prozesses, d. h. beim Karten-Machen, darstellt, weiß jede*r, die oder der schon einmal eine Karte angefertigt hat. Auch wenn man sich an die Regeln und Standards hält, die sich in der Kartographie über die Jahrhunderte dafür herausgebildet haben, wie welcher Typus von Daten sinnvoll dargestellt werden kann (vgl. Hake et al. 2002; Dickmann 2018): Beim Karten-Machen sind unzählige Entscheidungen in Bezug auf Datenauswahl und -darstellung zu treffen. In der Kartographie hat sich dafür der Begriff „Generalisierung“ durchgesetzt. Versteht man Karten als „Modelle, die einen Ausschnitt der räumlichen Wirklichkeit beschreiben“ (ebd.: 13), und die auf Generalisierungen aus ebendieser Wirklichkeit basieren, gehören zu den Tätigkeiten, die in die Kartenproduktion eingehen, das Vereinfachen, Vergrößern, Verdrängen, Zusammenfassen, Auswählen, Klassifizieren und Bewerten (vgl. Hake et al. 2002: 166–174). Werden diese Tätigkeiten und der Prozess des Karten-Machens ausgeblendet und wird nur die fertige Karte betrachtet, besteht insbesondere bei der Kartierung gesellschaftlicher Phänomene die Gefahr der Verdinglichung der kartierten Phänomene (siehe auch Dehumanisierung). Ist Soziales erst einmal in Form von Punkten, Linien, Flächen und Kartensymbolen dargestellt, kann es leicht als das Gegenteil dessen erscheinen, was es tatsächlich ist: als Summe individualisierter Entitäten anstatt als durch Verhältnisse bestimmt; als in Zeit und Raum fixiert anstatt als durch Prozesse hervorgebracht und mobil; als evident anstatt als erklärungswürdig; als harmonisch anstatt als umkämpft.
Dass Karten im Diskurs häufig so überzeugend, objektiv und unhinterfragbar erscheinen, liegt daran, dass sie uns als ‚Ding‘ entgegentreten, als bedrucktes Papier oder Darstellung auf einem Bildschirm, wodurch ihr Gemacht-Sein in Vergessenheit zu geraten droht. Während bei Texten, Worten und Formulierungen immer präsent bleibt, dass sie von Menschen in sozialen Situationen und Strukturen produziert wurden, scheint Karten aus sich selbst heraus Autorität innezuwohnen.
Die ausgebildeten Kartograph*innen der oben genannten Stadtpläne, Wanderkarten und Atlanten haben ihre Karten üblicherweise nach bestem Wissen und Gewissen in vielen Arbeitsstunden so produziert, dass sie möglich genau, möglichst gut zu lesen und möglichst gute Repräsentationen der Wirklichkeit sind. Gute Karten sollen nützlich und dabei neutral sein. Zugleich gibt es eine Tradition, die Karten im Gegenteil explizit als Propagandamittel nutzt. So forderte der Begründer der Geopolitik, Karl Haushofer, gerade weil „der Kartenzeichner […] ja immer ‚auswählen‘ [muss]“ (1922: 18), angesichts „der großen erziehenden und beeinflussenden Kraft der Karte“ (ebd.) beim „Kampf ums Dasein auf der Erde“ (ebd.) dezidiert: „Die suggestive Karte!“ (ebd.: 17)
In der weitgehend technisch verstandenen Kartographie seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich, auch in Abgrenzung zu solch dezidiert suggestiven Karten, ein Ethos herausgebildet, der eine Objektivität und eine Neutralität von Karten anstrebt. Seit den 1980er Jahren wird im Rahmen der Kritischen Kartographie diskutiert, dass dabei sowohl die politische Seite der Entscheidungen beim Karten-Machen als auch die politischen Wirkungen der Karten zu kurz kommen (vgl. Glasze 2009; vgl. Harley 1989). In der Folge wurde zum einen die Kritik gedankenloser ebenso wie bewusster Suggestion mittels Karten stark gemacht, zum anderen wurden in explizit emanzipatorischen ‚Counter-Mappings‘ Prozesse des Karten-Machens dezidiert inklusiv und partizipatorisch und Karten als Mittel der Aufklärung genutzt (vgl. Dammann/Michel 2022; vgl. Dalton/Mason-Deese 2012; vgl. kollektiv orangotango 2018; vgl. Germes et al. 2023). Vor allem im Rahmen der Kartenkritik der Kritischen Kartographie wurde und wird sowohl in theoretischen Reflektionen als auch in zahlreichen empirischen Beispielen betont, wie die Macht der Karte in Diskursen wirkt und eingesetzt wird. Dabei werden grundlegende Fragen der Projektion, also der Art und Weise, wie die dreidimensionale annähernde Kugelform der Erde zweidimensional auf Papier oder Bildschirm dargestellt wird, ebenso adressiert wie Details – wie etwa (nicht) aufgenommene Daten, Kartenausschnitt, Farbgebung, gewählte Symbole und anderes mehr. Auch wird gezeigt, dass zwar jede Karte über Macht verfügt, auch die mit den besten Techniken und Intentionen hergestellten, dass es aber mindestens genauso häufig strategisch suggestive Karten gibt. Vor allem in Auseinandersetzungen im öffentlichen Diskurs und im Rahmen von Kampagnen werden Karten absichtlich so gestaltet, dass sie die eigene Position als normal, ja natürlich erscheinen lassen. Alle anderen Positionen werden so aktiv ausgeschlossen. So nutzen die Extremisten im Nahostkonflikt häufig Karten, die entweder nur Israel oder nur Palästina zeigen und das jeweils andere Gebiet inkorporieren.
Beispiele
Das erste der folgenden Beispiele bezieht sich auf grundlegende Fragen der Projektion, das zweite Beispiel kritisiert gängige Kriminalitätskartierungen.
(1) Auf den meistverwendeten Weltkarten, basierend auf der winkeltreuen Mercator-Projektion (vgl. Dickmann 2018: 84), sind die Weltgegenden um den Äquator im Verhältnis zu jenen in Richtung der Pole viel kleiner dargestellt. Auf solchen Karten wirkt das knapp 2,2 Mio. km² große Grönland in etwa genauso groß wie Afrika, das eine Fläche von über 30,3 Mio. km² hat, also gut 14 Mal so groß ist. Aus diesem Grund hat der Historiker Arno Peters in den 1970er Jahren eine flächentreue Projektion vorgeschlagen, die von zahlreichen UN-Organisationen genutzt wird (vgl. Sriskandaraja 2003). Die Peters-Projektion sollte die (damals noch sogenannte) ‚Dritte Welt‘ entsprechend ihrer Fläche prominenter repräsentieren. Genau deshalb wurde sie in der kartographischen Community häufig kritisiert (vgl. ebd.). Auch korrigiert die Peters-Projektion eine weitere Folge der Mercator-Projektion: Weil die Landmasse im Norden des Globus deutlich weiter reicht als im Süden, und weil die Polarmeere aufgrund ihrer extremen Verzerrung in vielen Karten abgeschnitten werden, liegt häufig ausgerechnet Deutschland im Zentrum der Welt – sofern, wie nicht nur in Europa üblich, durch die Mitte der Weltkarte der Nullmeridian verläuft, also die Linie zwischen Nord- und Südpol, die durch Greenwich in England läuft. Dass in vielen chinesischen Karten China in der Mitte liegt, und in vielen amerikanischen Karten Amerika, zeigt, wie wichtig es ist, ‚im Zentrum‘ zu liegen. Dasselbe gilt für eine ähnlich gestaltete australische Karte, bei der zudem der Südpol oben und der Nordpol unten liegt – und damit Australien obenauf ist.
Abb.1: Mercator-Projektion (Wikimedia Commons 2006).
Abb. 2: Peters-Projektion, hochgeladen auf Wikipedia (Strebe 2011).
(2) Das zweite Beispiel ist 2009 im Magazin der ZEIT erschienen. Dargestellt ist die Straßenkriminalität in Städten mit über 200.000 Einwohner*innen nach der Polizeilichen Kriminalstatistik 2008 (Bundeskriminalamt 2009: 242). Die Karte ist aus zwei Gründen suggestiv:
- Laut Legende links unten sind Fälle von Straßenkriminalität abgebildet, dabei sind es angezeigte Fälle. Was als Anzeige aufgenommen wird und was nicht, entscheidet die Polizei, was davon ein Verbrechen war, entscheidet die Justiz. Das, was als Verbrechen zählt, wird erst dort entschieden. Fälle klingt nach gesichertem Verbrechen.
- Straßenkriminalität beinhaltet in der PKS sehr viele verschiedene Delikte. Die Zeichnung in der Gegend von Ostfriesland legt aber nahe, es seien ausschließlich schwere Gewalttaten dargestellt. Den größten Teil der „Straßenkriminalität” machen aber „Diebstahl insgesamt aus Kfz“ (19,5 %), „Sachbeschädigung an Kfz“ (19 %) und „sonstige Sachbeschädigung auf Straßen, Wegen oder Plätzen“ (10 %) aus. Dass die ‚Fahrradstädte‘ Bremen und Münster die höchsten Werte haben, liegt auch daran, dass 4,8 % der „Straßenkriminalität“ 2008 „Diebstahl von Fahrrädern“ waren (vgl. ebd.).
Die Karte suggeriert also eine weit dramatischere Situation, als die Daten hergeben. Auch zementiert sie das Narrativ, dass es im Süden sicherer sei als im Norden, das in kriminologischen Untersuchungen deutlich relativiert wurde (vgl. Ostermeier 2008; Wetzels/Pfeiffer 1996). Die Karte zu Drogendelikten aus demselben Jahr der PKS (vgl. Bundeskriminalamt 2009: 262) diskutiere ich an anderer Stelle (vgl. Belina 2023: 312–318).
Abb. 3: Karte zur Straßenkriminalität (DIE ZEIT 2009) in Städten laut Bundeskriminalamt (2009: 242).
Literatur
Zum Weiterlesen
- Monmonier, Mark (1996): Eins zu einer Million. Die Tricks und Lügen der Kartographen. Basel: Birkhäuser.
- Rowińska, Paulina (2024): Mapmatics. Wie Karten unser Weltbild prägen. Berlin: Aufbau.
- Fritzsche, Julia (Regie) (2024): Wie mächtig sind Landkarten? In: 42 – Die Antwort auf fast alles. Online unter: https://www.arte.tv/de/videos/115510-015-A/wie-maechtig-sind-landkarten/ ; Zugriff: 05.11.2025.
Zitierte Literatur und Belege
- Belina, Bernd (2023): Gefährliche Abstraktionen. Regieren mittels Kriminalisierung und Raum. Münster: Westfälisches Dampfboot.
- Bundeskriminalamt (2009): Polizeiliche Kriminalstatistik 2008. Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden: Bundeskriminalamt.
- Dalton, Craig M.; Mason-Deese, Liz (2012): Counter (Mapping) Actions: Mapping as Militant Research. In: ACME, Jg. 11, Heft 3, S. 439–466.
- Dammann, Finn; Michel, Boris (Hrsg.) (2022): Handbuch Kritisches Kartieren. Bielefeld: transcript.
- Dickmann, Frank (2018): Kartographie. Braunschweig: Bildungshaus Schulbuchverlage.
- Germes, Mélina; Höhne, Stefan; Klaus, Luise (Hrsg.) (2023): Narcotic Cities. Counter Cartographies of Drugs and Space. Berlin: Jovis.
- Glasze, Georg (2009): Kritische Kartographie. In: Geographische Zeitschrift, Jg. 97, Heft 4, S. 181–191.
- Hake, Günter; Grünreich, Dietmar; Meng, Liqiu (2002): Kartographie. Berlin: De Gruyter.
- Harley, Brian (1989): Deconstructing the map. In: Cartographica, Jg. 26, Heft 2, S. 1–20.
- Haushofer, Karl (1922): „Die suggestive Karte“?. In: Die Grenzboten. Politik, Literatur und Kunst, Jg. 81, Heft 1, S. 17–19.
- kollektiv orangotango (Hrsg.) (2018): This Is Not an Atlas. A Global Collection of Counter-Cartographies. Bielefeld: transcript.
- Monmonier, Mark (1996): Eins zu einer Million. Die Tricks und Lügen der Kartographen. Basel: Birkhäuser.
- Ostermeier, Lars (2008): Die Polizei zwischen lokalen Kontrollkulturen und globalen Trends der Kriminalitätskontrolle. In: Kreissl, Reinhard; Bathelt, Christian; Ostermeier, Lars (Hrsg.): Policing in Context. Rechtliche, organisatorische, kulturelle Rahmenbedingungen polizeilichen Handelns. Wien: LIT, S. 103–123.
- Rowińska, Paulina (2024): Mapmatics. Wie Karten unser Weltbild prägen. Berlin: Aufbau.
- Schneider, Ute (2006): Die Macht der Karten. Eine Geschichte der Kartographie vom Mittelalter bis heute. 2. überarb. Aufl. Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft.
- Sriskandaraja, Dhananjayan (2003): Long Underwear on a Line? The Peters Projection and Thirty Years of Carto-controversy. In: Geography, Jg. 88, Heft 3, S. 236–244.
- Wetzels, Peter; Pfeiffer, Christian (1996): Regionale Unterschiede der Kriminalitätsbelastung in Westdeutschland. In: Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform, Jg. 79, Heft 6, S. 386–405.
Abbildungsverzeichnis
- Abb. 1: Die Zeit (2009): Die Kriminalität der Straße. In: Die Zeit. Online unter: https://www.zeit.de/2009/41/Deutschlandkarte-41 [Paywall] ; Zugriff: 24.11.2025.
- Abb. 2: Strebe, Daniel R. (2011): Gall-Peters-Projektion der Weltkarte. In: Wikipedia. Online unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Gall-Peters-Projektion#/media/Datei:Gall%E2%80%93Peters_projection_SW.jpg ; Zugriff: 24.11.2025.
- Abb. 3: Wikimedia Commons (2006): Mercator-proj.png. Originally from German language Wikipedia. Modified by jecowa. In Wikipedia. Online unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Mercator-proj.png ; Zugriff: 24.11.2025.
Zitiervorschlag
Bernd, Belina (2025): Karten. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am: 27.11.2025. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/karten/.
DiskursGlossar
Grundbegriffe
Diskurssemantische Verschiebung
Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.
Domäne
Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.
Positionieren
Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.
Deutungsmuster
Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.
Sinnformel
‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.
Praktik
Eine Praktik ist ein spezifisches, situativ vollzogenes und sinnhaftes Bündel von körperlichen Verhaltensweisen, an dem mehrere Menschen und Dinge beteiligt sein können (z. B. Seufzen, um Frust auszudrücken, oder einen Beschwerdebrief schreiben, Fußballspielen).
Kontextualisieren
Kontextualisieren wird im allgemeineren bildungssprachlichen Begriffsgebrauch verwendet, um das Einordnen von etwas oder jemandem in einen bestimmten Zusammenhang zu bezeichnen.
Narrativ
Mit der diskursanalytischen Kategorie des Narrativs werden Vorstellungen von komplexen Denk- und Handlungsstrukturen erfasst. Narrative in diesem Sinne gehören wie Schlagwörter, Metaphern und Topoi zu den Grundkategorien der Analyse von Diskursen.
Argumentation
Argumentation bezeichnet jene sprachliche Tätigkeit, in der man sich mithilfe von Gründen darum bemüht, die Richtigkeit einer Antwort auf eine bestimmte Frage zu erweisen. Das kann in ganz verschiedenen Situationen und Bereichen nötig sein, namentlich um eine poli-tische, wissenschaftliche, rechtliche, unternehmerische oder private Angelegenheit zu klären.
Hegemonie
Wie der britische Politikwissenschaftler Perry Anderson 2018 in einer umfassenden, historisch weit ausgreifenden Studie zum Gebrauch des Begriffs Hegemonie und seinen Konjunkturen beschreibt, liegen die historischen Wurzeln des Begriffs im Griechischen, als Bezeichnung für Führung (eines Staatswesens) mit Anteilen von Konsens.
Techniken
Dogwhistle
Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.
Boykottaufruf
Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.
Tabuisieren
Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.
Aus dem Zusammenhang reißen
Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie für ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.
Lobbying
Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primär an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein Bündel von kommunikativen Tätigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.
Pressemitteilung
Pressemitteilungen sind standardisierte Mitteilungen von Organisationen, die sich an Journalist:innen und andere Multiplikator:innen richten. Sie dienen der offiziellen und zitierfähigen Informationsweitergabe und übernehmen zugleich strategische Funktionen in der öffentlichen Kommunikation und Meinungssteuerung.
Shitstorm
Der Begriff Shitstorm beschreibt eine relativ junge Diskurskonstellation, die seit den 2010er Jahren an Bedeutung gewonnen hat und gemeinhin als Online-Wutausbruch bezeichnet wer-den kann.
Tarnschrift
Als Tarnschrift bezeichnet man unter den Bedingungen von Zensur und Verfolgungsrisiko veröffentliche Texte, die insbesondere in der strategischen Kommunikation des NS-Widerstands eine zentrale Rolle spielten.
Ortsbenennung
Die Benennung von Orten dient in erster Linie dazu, den jeweiligen geografischen Ort zu lokalisieren und ihn zu identifizieren. Doch Ortsnamen besitzen eine soziale Dimension und spielen eine entscheidende Rolle bei der sprachlich-kulturellen Identitätskonstruktion.
Finanz-Topos
Mit dem Finanz-Topos werden im Diskurs Argumente gebildet, mit denen Akteure bestimmte Maßnahmen als finanziell sinnvoll befürworten oder als unrentabel zurückzuweisen.
Schlagwörter
Echokammer
Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.
Relativieren
Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.
Massendemokratie
Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.
Social Bots
Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.
Kriegsmüdigkeit
Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.
Woke
Der Ausdruck woke stammt aus dem afroamerikanischen Englisch und bezeichnete dort zunächst den Bewusstseinszustand der Aufgeklärtheit über die Verbreitung von rassistischen Vorurteilen und Diskriminierung unter Angehörigen ethnischer Minderheiten.
Identität
Unter Identität versteht man allgemein die Summe von Merkmalen, die Individuen oder sozialen Kollektiven – etwa Nationen, Organisationen oder sozialen Gruppen – als charakteristisch oder gar als angeboren zugeordnet werden.
Wohlstand
Unter Wohlstand sind verschiedene Leitbilder (regulative Ideen) zu verstehen, die allgemein den Menschen, vor allem aber den Beteiligten an politischen und wissenschaftlichen Diskursen (politisch Verantwortliche, Forschende unterschiedlicher Disziplinen usw.) eine Orientierung darüber geben sollen, was ein ‚gutes Leben‘ ausmacht.
Remigration
Der Begriff Remigration hat zwei Verwendungsweisen. Zum einen wird er politisch neutral verwendet, um die Rückkehrwanderung von Emigrant:innen in ihr Herkunftsland zu bezeichnen; die meisten Verwendungen beziehen sich heute jedoch auf Rechtsaußendiskurse, wo das Wort der euphemistischen Umschreibung einer aggressiven Politik dient, mit der nicht ethnisch deutsche Immigrant:innen und ihren Nachfahr:innen zur Ausreise bewegt oder gezwungen werden sollen.
Radikalisierung
Das Adjektiv radikal ist ein mehrdeutiges Wort, das ohne spezifischen Kontext wertneutral gebraucht wird. Sprachhistorisch bezeichnete es etwas ‚tief Verwurzeltes‘ oder ‚Grundlegendes‘. Dementsprechend ist radikales Handeln auf die Ursache von etwas gerichtet, indem es beispielsweise zugrundeliegende Systeme, Strukturen oder Einstellungen infrage stellt und zu ändern sucht.
Verschiebungen
Dehumanisierung
Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.
Kriminalisierung
Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.
Versicherheitlichung
In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.
Ökonomisierung
Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren
Moralisierung
Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.
Konstellationen
Krise
Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.
Partizipatorischer Diskurs
Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.
Skandal
Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.
DiskursReview
Review-Artikel
„Stadtbild“ – Eine gedankliche Chiffre im politischen Diskurs
Fragen Sie mal Ihre Töchter, was ich damit gemeint haben könnte, und wiederholte, er habe gar nichts zurückzunehmen und wolle an dieser Politik festhalten
Musk, Zuckerberg, Döpfner – Wie digitale Monopole die Demokratie bedrohen und wie könnte eine demokratische Alternative dazu aussehen?
Die Tech-Milliardäre Musk (Tesla, X,xAI) Zuckerberg (Meta), Bezos (Amazon) oder Pichai (Alphabet) sind nicht Spielball der Märkte, sondern umgekehrt sind die Märkte Spielball der Tech-Oligopolisten geworden.
Beobachtung zum Begriff „Diplomatie“ beim Thema Ukraine im Europäischen Parlament
Von EU-Vertretern waren zur Ukraine seit 2022 vor allem Aussagen zu hören, die sich unter dem Motto „as long as it takes“ beziehungsweise „so lange wie nötig“ für die Erweiterung der militärischen Ausstattung und der Verlängerung des Krieges aussprachen. Vorschläge oder Vorstöße auf dem Gebiet der „Diplomatie“ im Sinne von ‚Verhandeln (mit Worten) zwischen Konfliktparteien‘ gab es dagegen wenige, obwohl die klare Mehrheit von Kriegen mit Diplomatie beendet wurden (vgl. z.B. Wallensteen 2015: 142)
Die Macht der Worte 4/4: So geht kultivierter Streit
DiskursReview Die Macht der Worte (4/4):So geht kultivierter Streit Begleittext zum Podcast im Deutschlandfunk (1) Wörter als Waffen (2) Freund-Feind-Begriffe (3) Sprachliche Denkschablonen (4) So geht kultivierter StreitEin Text vonvon Friedemann VogelVersion: 1.0 /...
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Die Macht der Worte 2/4: Freund-Feind-Begriffe
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Die Macht der Worte 1/4: Wörter als Waffen
DiskursReviewDie Macht der Worte (1/4): Wörter als Waffen Begleittext zum Podcast im Deutschlandfunk (1) Wörter als Waffen (2) Freund-Feind-Begriffe (3) Sprachliche Denkschablonen (4) So geht kultivierter StreitEin Text vonvon Friedemann VogelVersion: 1.0 / 06.03.2025...
Relativieren – kontextualisieren – differenzieren
Die drei Handlungsverben relativieren, kontextualisieren, differenzieren haben gemein, dass sie sowohl in Fachdiskursen als auch im mediopolitischen Interdiskurs gebraucht werden. In Fachdiskursen stehen sie unter anderem für Praktiken, die das Kerngeschäft wissenschaftlichen Arbeitens ausmachen: analytische Gegenstände miteinander in Beziehung zu setzen, einzuordnen, zu typisieren und zugleich Unterschiede zu erkennen und zu benennen.
Wehrhafte Demokratie: Vom Wirtschaftskrieg zur Kriegswirtschaft
Weitgehend ohne Öffentlichkeit und situiert in rechtlichen Grauzonen findet derzeit die Militarisierung der ursprünglich als „Friedensprojekt“ gedachten EU statt.
Tagung 2025: „Das geht zu weit!“ Sprachlich-kommunikative Strategien der Legitimierung und Delegitimierung von Protest in öffentlichen, medialen und politischen Diskursen
„Das geht zu weit!“ Sprachlich-kommunikative Strategien der Legitimierung undDelegitimierung von Protest in öffentlichen, medialen und politischen Diskursen Tagung der Forschungsgruppe Diskursmonitor Tagung: 04. bis 5. Juni 2025 | Ort: Freie Universität Berlin...