DiskursGlossar

Adbusting

Kategorie: Techniken
Verwandte Ausdrücke: Wahlplakatbusting, Sniping, Culture Jamming, Brandalism, Rebranding, Subvertising, Demarketing, De/Montage, Collage, Rekomposition, Brandjacking
Siehe auch: Subversion, Guerillakommunikation, Fake, Entlarven
Autor: Steffen Pappert
Version: 1.2 / 27.04.2021

Kurzzusammenfassung

Adbusting (Englisch: aus ‚ad‘ – Kurzform von ‚advertisement‘ = ‚Werbung‘ und ‚to bust‘ = ugs. ‚zerschlagen‘) ist die Bezeichnung für eine Reihe von kommunikativen Praktiken, die zur Verfremdung kommerzieller und politischer Werbung im öffentlichen Raum eingesetzt werden. Heutzutage spielen die Sozialen Medien eine zunehmende Rolle, da erstens digitale Bearbeitungstechniken eingesetzt werden können und zweitens durch jene ein ungleich größeres Publikum erreicht wird. Prinzipiell geht es beim Adbusting um die Demaskierung vorherrschender Machtverhältnisse innerhalb öffentlicher Kommunikationsräume. Dazu werden Sehflächen, in der Regel Werbeplakate, insofern umgedeutet, als durch die Modifikation bereits vorhandener Zeichen jedweder Ausprägung diesen eine andere als die ursprüngliche Bedeutung eingeschrieben wird. Solcherlei Aktionen können gegen Konzerne, Parteien bzw. Politiker:innen oder staatliche Institutionen gerichtet sein. Für die einen ist Adbusting eine kreative Ausdrucksform politisch-gesellschaftlichen Protests, für die derart Angegriffenen und die Ermittlungsbehörden hingegen erfüllt Adbusting nicht selten den Tatbestand zumindest einer Sachbeschädigung.

Erweiterte Begriffsklärung

Adbusting ist eine Spielart des Cultural Jamming (Lasn 2000), worunter man „symbolische Strategien der Subversion [versteht], mit der alltägliche, durch hegemoniale Konsum- und Medienkulturen geprägte Wahrnehmungen und Einstellungen durch medienaktivistische Praxen kommunikativer Störungen irritiert werden“ (Baringhorst 2012, 106). Ziel dieser übergeordneten Strategien ist es, die hegemoniale ‚Ordnung des Diskurses‘ (Foucault) partiell zu unterwandern. Das zentrale Regelsystem, das durch unterschiedliche Arten von Bewusstmachung entlarvt werden soll, umfasst alle Form- und Normsysteme, mit denen gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsbeziehungen manifest und somit von jedem erfahrbar werden. Beim Adbusting geht es aber weniger um die Etablierung von Gegendiskursen, sondern vielmehr um kreative Umdeutung bereits vorhandener Werbekommunikate, die als Zeichen der herrschenden Ordnung angesehen werden. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um „Umgestaltungen von Werbeplakaten […], die von anonymen Urhebern in einem agonal-spielerischen, mithin kommunikativen Prozess im urbanen Raum sichtbar eingebracht werden“ (Smolarski 2013, 2). Auf diese Weise kann man die im öffentlichen Raum präsenten Ausdrucksformen für eigene Zwecke nutzen, instrumentalisieren oder in sein Gegenteil verkehren, indem man sie verändert, umdeutet oder in andere Nutzungskontexte stellt. Die hierzu verwendeten Verfahren lassen sich durch eine Reihe von Methoden und Techniken umsetzen. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um Techniken der Verfremdung, also um verändernde Zeichenpraktiken, mit denen bestehende Formen, kommunikative Räume und Sehflächen, Bilder, Symbole und Vorstellungen in oft verstörender Weise umgedeutet werden. Dazu wird „der Kommunikationsversuch der entscheidungs- und/oder handlungsmächtigen Instanz unterwandert, um durch diese Störung bzw. Dekonstruktion die eigentliche Botschaft lächerlich zu machen und so die Kritik zu artikulieren“ (Gherairi 2015, 504).

Häufig verwendete Techniken beim Adbusting sind das Faken, das Sniping und das Subvertising. So spielt Faken mit der Zuordnung von Produzent:in und Text und ist vor allem dann erfolgreich, „wenn sich keine eindeutige Beziehung zwischen beiden mehr herstellten lässt“ (Autonome a.f.r.i.k.a. gruppe/Blisset/Brünzels 2001, 67). Entscheidend ist dabei: „Das Fake muß aufgedeckt werden. Kurzgefaßt lautet die Formel: Fake = Fälschung + Aufdeckung/Dementi/Bekenntnis.“ (Autonome a.f.r.i.k.a. gruppe/Blisset/Brünzels 2001, 68-69). Bevorzugt benutzt wird das Faken in der digitalen Bearbeitung von Werbeplakaten mittels akribischer Simulation der formalen Plakat-Bausteine, die aufgrund der visuellen Ähnlichkeit die modifizierten und teils absurden Aussagen des Adbustingprodukts oftmals erst auf den zweiten Blick erkennen lassen.

Sniping nennt man „die Veränderung, Kommentierung, Korrektur oder Verdeutlichung der (häufig unausgesprochenen) Aussagen von Plakaten“ (Autonome a.f.r.i.k.a. gruppe/Blisset/Brünzels 2001, 94). So kursieren in den Wahlkämpfen immer wieder bearbeitete Plakate, auf denen die verbalen Bestandteile überschrieben bzw. ersetzt werden, sodass die eigentliche Aussage ad absurdum geführt wird.

Subvertising hingegen meint „die Produktion und Verbreitung von Anti-Werbung oder Werbeparodien“ (Autonome a.f.r.i.k.a. gruppe/Blisset/Brünzels 2001, 104), indem durch die Verfremdung von Text- und/oder Bildelementen die (Wahl-)Werbung dekonstruiert wird. Wie auch immer die Praktiken benannt werden, letztlich ist es das Ziel, die multimodalen Persuasionsversuche der Konzerne oder der Parteien zu verfremden, zu entfremden oder umzukodieren, wobei sowohl die Produkte oder die Unternehmen, als auch die politischen Inhalte oder die jeweils abgebildeten Politiker:innen bzw. Parteien angegriffen werden können.

Mit welchen Mitteln welche Zeichen in welcher Weise verändert werden, ist zweifellos abhängig zum einen vom ‚Professionalisierungsgrad‘ der Akteure, d.h. Verfremdungen kritischer Künstler:innenkollektive und Medienaktivist:innen sehen sicherlich anders aus und erfüllen in den meisten Fällen wohl auch andere Funktionen als die von nachtaktiven ‚Einzelkämpfern‘, die sich an den Plakaten unliebsamer Parteien abarbeiten. Zum anderen ist es ein großer Unterschied, ob die Werbeplakate ‚vor Ort‘ oder digital verändert werden. Dies betrifft einerseits die vom Original zur Verfügung gestellten Ressourcen (Papier/Pixel) und andererseits den Verfremdungsakt, der im ungeschützten öffentlichen Raum aufgrund der Illegalität nicht nur im Verborgenen und zügig erfolgen muss, sondern sich auch dadurch auszeichnet, dass die zur Verfügung stehenden technischen Hilfsmittel zur Bearbeitung (Pinsel, Stifte, Klingen, Farbe, Aufkleber, Spray) eher begrenzt sind bzw. sich für eine elaborierte oder gar gestalterisch ansprechende Auseinandersetzung mit dem Original wohl kaum eignen. Demgegenüber bieten ‚sichere‘ Räume und die nahezu grenzenlosen Potenziale digitaler Adaption nicht nur mehr Zeit, sondern ermöglichen – zumindest auf formaler Ebene – die Produktion von täuschend echt aussehenden Fakes, die anschließend im Zuge einer viralen Vervielfältigung potenziell weltweit distribuiert werden können.

Beispiele

1) Adbustings von Künstler:innenkollektiven, die nahezu professionell geplant und durchgeführt werden, laufen oft als eine Art konzertierte Aktion ab und werden von Anfang an in die Sozialen Medien eingespeist. Darüber hinaus erregen sie – wenn auch mit unterschiedlichen Vorzeichen, nämlich Kunst vs. Kriminalität – auch die Aufmerksamkeit der massenmedialen Berichterstattung. So zum Beispiel die #wirzuerst Fake-SPD-Plakatkampagne, hinter der vermutlich das Künstlerkollektiv Rocco und seine Brüder steht. In Berlin, Frankfurt/Main sowie in mehreren Städten Nordrhein-Westfalens tauchten Plakate auf, die täuschend echt aussahen, beim zweiten Hinsehen aber für Verwirrung sorgten, denn die darauf zu lesenden Textbausteine waren eher populistischer bzw. satirischer Natur, womit die Urheber:innen offensichtlich die Politik der SPD anprangerten. Auch die Adbustings des anonymen Künstler- und Aktionskollektivs Dies Irae oder des Peng-Kollektivs sorgen des Öfteren für massenmediale Aufmerksamkeit. Seien es gefakte Plakate gegen den AfD-Politiker Björn Höcke, der als nationalistischer Rattenfänger abgebildet wird, die entlarvenden Anti-RWE-Plakate vor dem Konzernsitz in Essen oder die täuschend echt nachgemachten Bundeswehr-Plakate, die nicht nur in den Medien, sondern auch bei Polizei und Gerichten für ziemlichen Wirbel sorgten.
Vgl. z.B.:
www.sueddeutsche.de/kultur/adbusting-unverhaeltnismaessigkeit-der-mittel
taz.de/Repression-gegen-Adbusting oder
www.focus.de/politik/deutschland/adbusting-in-berlin
Einige solcher Kampagnen sind knapp dokumentiert unter:
urbanshit.de/category/adbusting/.

2) Adbustings von Unbekannten, die vor allem in Wahlkämpfen ein bekanntes Phänomen darstellen, sind ob mangelnder technischer Hilfsmittel oder aufgrund ihrer Spontaneität zwar unprofessioneller, vermitteln mitunter aber ähnliche Botschaften, wie die unter a) aufgeführten. Sie sind weniger subtil, oftmals erwecken sie eher den Eindruck von Vandalismus. Beim manuellen Wahlplakatbusting zielen die verwendeten Praktiken wohl nicht in erster Linie auf diskursive Auseinandersetzung, sondern auf Aufmerksamkeit, die durch das Umformen, das Umdeuten und das Umnutzen der öffentlich-staatlichen Zeichenwelt hervorgerufen wird. Gleichwohl scheint die Annahme plausibel, dass sich die individuell-analogen Praktiken – die ja definitiv an die Wahlplakate und nicht an andere öffentliche Sehflächen gebunden sind – einerseits gegen die Besetzung des öffentlichen Raumes durch die Parteien während der Wahlkämpfe, andererseits – meist eher diffus als konkret – gegen die Politik und ihre Akteure richten. Das folgende Beispiel mag das verdeutlichen. Zwar handwerklich unbeholfen, aber inhaltlich recht deutlich.

Bild1 Adbusting AFD
Abb. 1: Adbusting von Afd-Wahlplakat ; Quelle: Steffen Pappert

Durch die Überschreibung/Übersprühung des zweiten Teils des AfD-Slogans „Unser Programm heißt Realität“ wird, ob beabsichtigt oder nicht, im Grunde zweierlei erreicht, und zwar abhängig davon, ob man den Originalslogan kennt. Zum einen wird der AfD offensichtlich unterstellt, rassistisch zu sein, zum anderen wird das Realitätsverständnis der AfD in Frage gestellt. Zusätzlich zum Akt der Überschreibung finden wir im Beispiel auch eine Praktik, die bei vielen Betrachter:innen wahrscheinlich als pure Zerstörung gilt. So sehen wir unten links das Ergebnis eines (gescheiterten) Versuchs, das Plakat abzureißen. Wenn man nun davon ausgeht, dass der/die Handelnde bewusst dieses Plakat gewählt hat, so könnten das abgerissene Plakatteil darauf hindeuten, dass sich die Aktion gegen die abgebildete Person bzw. die Partei, die die Person vertritt, richtet und wäre demnach auch ein Akt der Verfremdung inklusive Botschaft. Ob hier mehrere Personen am Werke waren, ist nicht nachzuweisen. Was man aber mitunter beobachten kann, ist, dass Parteien oder Passant:innen auf die Verfremdungen reagieren und somit versuchen, den Angriff der Adbuster:innen abzuwehren, was bisweilen dazu führt, dass der Verlauf der Auseinandersetzung für die Betrachtenden nur noch schwerlich nachvollziehbar ist.

Bild 2 Adbusting
Abb. 2: Adbusting von Wahlplakaten (Quelle: http://www.heute.de/vor-der-wahl-in-mecklenburg-vorpommern-sehnsucht-nach-den-wendetagen-bei-anhaengern-der-afd-44926382.html ; Zugriff; 20.09.16)

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Beaugrand, Andreas & Pierre Smolarski (Hrsg.) (2016): Adbusting. Ein designrhetorisches Strategiehandbuch. Bielefeld: Transcript.
  • Michel, Sascha/Pappert, Steffen (2018): Wahlplakat-Busting. Formen und Funktionen einer (neuen) Textmustermischung. In: Zeitschrift für Angewandte Linguistik, Band. 68/2018, 3-33.

Zitierte Literatur

  • Autonome a.f.r.i.k.a. gruppe/Blisset, Luther/Brünzels, Sonja (2001): Handbuch der Kommunikationsguerilla. 4. Auflage. Berlin, Hamburg & Göttingen: Assoziation A.
  • Baringhorst, Sigrid (2012): Culture Jamming – Dekonstruktion kommerzieller Marken im politischen Protest. In: Besand, Anja (Hrsg.): Politik trifft Kunst. Zum Verhältnis von politischer und kultureller Bildung. Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung, 105-117.
  • Gherairi, Jasmina (2015): Persuasion durch Protest. Protest als Form erfolgsorientierter, strategischer Kommunikation. Wiesbaden: Springer VS.
  • Lasn, Kalle (2000): Culture Jam: How to reverse America’s suicidal consumer binge – and why we must. New York: HarperCollins.
  • Smolarski, Pierre (2013): Crossing Codes. Zur Rhetorik des Adbust. In Sprache für die Form. Ausgabe 2. 2013, 1-6, (http://www.designrhetorik.de/crossing-codes-zur-rhetorik-des-adbust/ [14.04.2021]).

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1: Adbusting von Afd-Wahlplakat

  • Abb. 2: Adbusting von Wahlplakaten (Quelle: http://www.heute.de/vor-der-wahl-in-mecklenburg-vorpommern-sehnsucht-nach-den-wendetagen-bei-anhaengern-der-afd-44926382.html ; Zugriff; 20.09.16)

Zitiervorschlag

Pappert, Steffen (2021): Adbusting. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 27.04.2021. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/adbusting.

Grundbegriffe

Sprachpolitik / Sprachenpolitik

Sprachpolitik bezeichnet allgemein alle politischen Prozesse, die auf eine Beeinflussung der Sprachverwendung in einer Gesellschaft oder Sprachgemeinschaft abzielen. Unterschieden wird häufig zwischen Sprachenpolitik und Sprachpolitik im engeren Sinne.

Sagbarkeit

Im öffentlichen Diskurs findet sich häufig die strategische Behauptung, dass bestimmte Fakten oder Meinungen unsagbar seien. Auf diese Weise wird zum Ausdruck gebracht, dass es Grenzen des Sagbaren gebe, die im öffentlichen Diskurs Geltung hätten.

Kulturelle Grammatik

Kulturelle Grammatik steht für ein System von Regeln und/oder etablierten Regelmäßigkeiten, die Formen richtiger und/oder normaler Kommunikation und Interaktion auszeichnen.

Epistemischer Status

Als epistemischen Status bezeichnet man die Wissensbestände und -zugänge zu Ereignissen, Sachverhalten und Personen, die Gesprächsteilnehmer*innen ihrem Gegenüber in der Interaktion zuschreiben.

Politische Kommunikation

Politische Kommunikation findet überall dort statt, wo Menschen als Teil von sozialen Gruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen aufeinandertreffen und über das einzelne Individuum hinaus geltende Regeln des Zusammenlebens aushandeln.

Topos

Ein Topos (Plural: Topoi) ist als ein Argumentationsmuster ein allgemeines Formprinzip, nach dem Argumente gebildet werden können. Als allgemeiner, formaler bzw. kontextabstrakter Topos kann er für oder gegen jede in Frage stehende Position angeführt werden. Topoi gehören zum kollektiven Wissen aller, die sich argumentativ äußern.

Bedeutung

Der Ausdruck Bedeutung wird sowohl in der Alltagssprache als auch in der Fachsprache nicht einheitlich verwendet. Alltagssprachlich wird auf die Bedeutung von etwas – zum Beispiel einem Wort, Gegenstand oder Gesichtsausdruck – verwiesen, wenn dessen Status in der Welt unklar ist (‚was bedeutet es, dass X‘) oder seine Wichtigkeit hervorgehoben werden soll (‚X ist bedeutend‘).

Kollektivsymbol

Zur Kollektivsymbolik einer Kultur rechnet man den gesellschaftlich geteilten Vorrat an sprachlichen, bildlichen, schematischen und anderen Ressourcen, derer sich politische und mediale Akteure bedienen, um Ereignisse und Handlungen für die Allgemeinheit deutbar und verständlich zu machen.

Strategische Kommunikation

Der Ausdruck Strategische Kommunikation bezeichnet ein Bündel an zeichenbasierten und in der Regel mediengestützten Aktivitäten, mit denen Individuen, Gruppen oder Organisationen versuchen, die Akzeptanz für ihre politischen, ökonomischen, rechtlichen oder anderweitig motivierten Interessen bei ausgewählten Zielgruppen zu halten oder zu erhöhen.

Techniken

Petition

Petitionen sind eine der am meisten genutzten Partizipationsformen nach Wahlen. Sie sind sowohl ein Mittel der politischen Beteiligung als auch ein Protestmittel und damit Zwitterwesen in der politischen Landschaft. Durch die Digitalisierung haben sich Petitionen zudem maßgeblich verändert, ihre Zahl hat zugenommen, ebenso wie die Zahl der Plattformen, auf denen sich Petitionen starten lassen.

Influencer / Influencerin

Influencer:innen sind Personen, die auf Social-Media-Plattformen regelmäßig selbst produzierte Inhalte publizieren und damit eine öffentliche Reichweite über ihre Follower:innen aufbauen. Influencer:innen haben das Potenzial, Rezipient:innen in ihrem Wissen, Einstellungen und Verhalten zu beeinflussen (engl. to influence).

Litigation PR

Der Begriff Litigation PR kombiniert das englische Wort litigation, das auf lat. ,lītigātiō‘ zurückgeht und für Rechtsstreitigkeit bzw. (Gerichts )Verfahren/Prozess steht, mit dem bekannten Begriff PR (Public Relations).

Memes

Der Begriff des Internet-Memes fasst eine relativ heterogene Gruppe digitaler – und zumeist multimodaler – Texte zusammen (zum Beispiel Videos, GIFs, Image Macros), die sich durch formale oder inhaltliche Gemeinsamkeiten auszeichnen und durch Imitations- und Aneignungsprozesse verbreiten.

Aufwertung/Meliorisierung

Von Aufwertung/Meliorisierung wird in der Linguistik dann gesprochen, wenn ein Wort, das ursprünglich als Fremdbezeichnung der Diffamierung einer bestimmten Volks- oder Personengruppe diente, von dieser selbst dann als positive Eigenbezeichnung verwendet wird.

Domain-Grabbing

In der Internetkommunikation finden sich verschiedene Praktiken, die aus Sicht von Dritten (v.a. Markenhaltern) als illegitime oder gar rechtswidrige Inanspruchnahme von Domain-Namen und damit verbundener Aufmerksamkeitssteuerung kritisiert werden.

Suchmaschinenoptimierung

Durch Suchmaschinenoptimierung (search engine optimization; SEO) wird versucht, Webseiten so zu verändern, dass sie von Suchmaschinen als besonders relevant betrachtet und entsprechend hoch in den Suchergebnissen gelistet werden.

Search Engine Advertising

Als Search Engine Advertising wird die Werbung auf den Ergebnisseiten von Suchmaschinen bezeichnet. Besondere Merkmale dieser Werbeform sind, dass die Anzeigen kontextbasiert sind und in Textform dargestellt werden.

Organizing

Unter Organizing versteht man ein Bündel von Praktiken, die zur gewerkschaftlichen oder politischen Organisierung bzw. Mobilisierung dienen. Beim methodisch reflektierten Organizing spielen Recherche, Strategieentwicklung, mehr oder minder standardisierte 1:1-Gespräche, Mapping (Erstellung einer Übersicht der Beteiligten im Betrieb oder sonstigen Aktionsfeld) und einiges mehr eine Rolle.

Affirmation

Im sprachwissenschaftlichen Sinne bezeichnet Affirmation die Behauptung oder Bejahung einer Aussage. Die affirmative Form eines Wortes oder Satzes ist das Gegenteil zur Verneinung (Negation).

Schlagwörter

Antisemitismus

Mit Antisemitismus werden gemeinhin alle jene Phänomene bezeichnet, die sich gegen das Judentum oder gegen Jüdinnen*Juden als Jüdinnen*Juden richten. Die entsprechenden Erscheinungen reichen von der bloßen Distanzierung und Behauptung jüdischer Andersartigkeit, über vollständig ausgearbeitete Weltbilder, die Jüdinnen*Juden für sämtliche Probleme verantwortlich machen, bis hin zu massiven Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Gewaltpraktiken.

Grammatiknazi / Grammar Nazi

Das überwiegend negativ konnotierte Schlagwort Grammatiknazi – als Übersetzung von engl. grammar nazi – wird zur Benennung von Personen verwendet, die meist in eher informellen Kontexten der öffentlichen Internetkommunikation (u. a. in Foren, Kommentarbereichen auf Nachrichtenportalen, sozialen Netzwerken) ungefragt Sprachkritik an den Äußerungen anderer (häufig fremder) Kommunikationsteilnehmer*innen üben.

Respekt

Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität.

Geschlechtergerechte Sprache

Mit dem heute als Fahnenwort gebrauchten Ausdruck geschlechtergerechte Sprache ist die Forderung verbunden, bei Personenbezeichnungen die einseitige, für diskriminierend erklärte Bezugnahme auf einen bestimmten Sexus, konkret: auf das männliche Geschlecht, zu unterlassen.

Identitätspolitik

Der Ausdruck steht heute für eine politische Konstellation, in der konkurrierende Wir-Gemeinschaften mit einer Diskriminierungs- und Benachteiligungsgeschichte in der Öffentlichkeit um Anerkennung konkurrieren. An der Oberfläche geht es ‚identitären‘ Wir-Gemeinschaften darum, die eigene Diskriminierung als Ermächtigungsmotiv an die Öffentlichkeit zu tragen.

Cancel Culture

Cancel Culture ist ein Kampf- und Stigmawort, das sich in skandalisierender Absicht gegen die Praxis (und oft auch bereits gegen die Forderung) des Absagens, Ausladens, Boykottierens moralisch missliebiger und politisch bekämpfter Personen, Organisationen und Positionen in Wissenschaft, Kultur und Politik wendet.

Elite

Einmal wird unter Elite eine Auswahl der Besten und Leistungsfähigsten verstanden, einmal in distanzierender Weise eine abgehobene ‚Kaste‘ der Reichen und Mächtigen im Gegensatz zum Volk. Erstere Variante wird in der Regel zur Verteidigung der etablierten Ordnung verwendet, letztere vor allem von Rechtspopulisten.

Altpartei

Der Ausdruck Altpartei wird in jüngerer Zeit häufig im Kontext des Aufstiegs des Rechtspopulismus und der AfD gebraucht. Dabei lassen sich hauptsächlich zwei Gebrauchsvarianten beobachten: Einerseits richtet sich der Ausdruck in abwertender Weise gegen etablierte Parteien, andererseits taucht er oft in sprachkritischen Kontexten auf, wo seine Verwendung und seine Sprecher kritisiert oder diskreditiert werden.

Verschwörungstheorie

Der Ausdruck gibt sich in der medialen Öffentlichkeit als analytisches Konzept, ist aber zugleich performativ hoch wirksam als Ausschluss aller erfolgreich so benannten Konzepte aus der rationalen öffentlichen Kommunikation.

Inklusion

Inklusion hat sich, ausgehend von einem soziologischen Fachterminus gleichen Namens, in den zwei vergangenen Jahrzehnten zu einem interdiskursiven und allgemeinen Programmbegriff gewandelt.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.