DiskursGlossar

Lexikalisches Diffundieren

Kategorie: Techniken
Verwandte Ausdrücke: Bezeichnungskonkurrenz, Dissimilation
Siehe auch: Framing, Wahlkampf, Begriffe besetzen, Konnotation, Kampagne
Autor: Josef Klein
Version: 1.1 / Datum: 21.07.2021

Kurzzusammenfassung

Lexikalisches Diffundieren besteht darin, Begriffe – vor allem Positivbegriffe, die eng mit dem politischen Gegner assoziiert werden – zu meiden und zu ‚ersetzen‘ durch eine Anzahl wechselnder bedeutungsähnlicher Begriffe jenseits des Vokabulars, das dem politischen Gegner zugerechnet wird. Das zielt darauf, insbesondere gegnerische ,Fahnenwörter‘ – das sind Begriffe, die eine politische Gruppierung als ihre sprachlichen „Erkennungszeichen“ nutzt (Hermanns 1994, 16) – möglichst unwirksam werden zu lassen.

Erweiterte Begriffsklärung

Wer in wertgeladenen Begriffen des politischen Gegners spricht, die im allgemeinen Bewusstsein fest mit diesem verknüpft sind, festigt diese Verknüpfung, selbst wenn man sich kritisch zu ihnen äußert. Die naheliegende Konsequenz aus diesem Lehrsatz der Schule der ,kognitiven Semantik‘ (vor allem Lakoff 2004) lautet, solche Begriffe möglichst nicht selber zu verwenden. Doch die bloße Vermeidung ist dann keine sinnvolle strategische Option, wenn diese Begriffe zum Kernbestand politischer Diskurse gehören und kaum verzichtbar sind. Da stellt sich die Frage: Wie lässt man einen relevanten Begriff gleichzeitig verschwinden und nicht verschwinden? Mit dem Verfahren des Lexikalischen Diffundierens wird versucht, dem Dilemma zu entkommen. Wenn sich das gedankliche Konzept, das mit dem Begriff verbunden ist, thematisch nicht vermeiden lässt, wird auf ein Wort aus einem Arsenal möglichst unauffällig-alltäglicher Begriffe zurückgegriffen, die – vor allem bei oberflächlicher Betrachtung – eine enge semantische Verwandtschaft mit dem tabuisierten Begriff aufweisen, ohne dabei mit dem politischen Gegner assoziiert zu sein.

Warum mehrere Begriffe und warum Alltagsbegriffe? Würde stets der gleiche Alternativbegriff zur Substitution des tabuisierten Begriffs verwendet, wie es Hermanns (1989: 81) unter dem Terminus „Dissimilation“ thematisiert, wäre allzu leicht bemerkbar, dass es um die Vermeidung des beliebten gegnerischen Fahnenworts geht. Ähnliches gilt bei der Präferenz für unauffällige Alltagsbegriffe jenseits des parteilich-ideologischen Begriffsarsenals. Sie zielt darauf, die Thematik aus der Relevanzsphäre zu lösen, die für politische Symbol- und Hochwertbegriffe charakteristisch ist.

Lexikalisches Diffundieren zielt darauf, gegnerisches Framing zu konterkarieren und möglichst zu marginalisieren. Wird – etwa in einer Wahlkampagne – das Fehlen des gegnerischen Begriffs in nennenswerten Teilen der Wählerschaft nicht bemerkt und/oder problemlos akzeptiert, so ist die Strategie aufgegangen.

Beispiele

(1) Erstmalig beobachtet und politolinguistisch beschrieben wurde die Strategie des Lexikalischen Diffundierens im Rahmen einer Analyse der Wahlkampagne der CDU zur Bundestagswahl 2013 (vgl. Klein 2014: 330-332). Zu Beginn des Wahljahres 2013 stand die Union angesichts der frühen Festlegung der SPD auf soziale Gerechtigkeit als Schlüsselbegriff ihrer Kampagne vor dem Problem, dem zu begegnen, zumal es mehrere aktuelle Indikatoren dafür gab, dass Gerechtigkeit, insbesondere soziale Gerechtigkeit in breiten Bevölkerungskreisen einen hohen Stellenwert einnahm. Aus Umfragen wusste die CDU: (1) dass auch die Einzelwörter sozial und Gerechtigkeit in der Bevölkerung besonders hochgeschätzt wurden, (2) dass sie sehr viel mehr der SPD als der CDU zugeordnet wurden. Es erschien für die CDU daher dem Lakoffschen Lehrsatz entsprechend chancenlos zu versuchen, den Begriff soziale Gerechtigkeit und seine lexikalischen Bestandteile durch besonders häufige Nennung und/oder Umdeutung zu ‚besetzen‘ und zum eigenen Fahnenwort umzufunktionieren. Je öfter man den Ausdruck soziale Gerechtigkeit in den Mund nehmen würde, desto mehr käme die SPD konnotativ ins Spiel.

Andererseits kann keine größere Partei es sich erlauben, den Begriff ganz aus ihrem Wortschatz zu tilgen, und erst recht nicht, die mit dem Begriff adressierte sozialpolitische Thematik auszuklammern. Dazu sind beide für Deutschland als Sozialstaat zu zentral. Vor diesem Hintergrund wurde eine komplexe lexikalisch-semantische Strategie entwickelt:

  1. Minimalübernahme: Da sich der Begriff nicht vermeiden lässt, sollte er möglichst selten verwendet werden. Er kommt in der ganzen Kampagne tatsächlich nur einmal vor: im Grundsatzteil des Wahlprogramms. Dort heißt es: „Die Soziale Marktwirtschaft verpflichtet zur sozialen Gerechtigkeit“ – eine Platzierung an politisch relevanter, aber von Wählerinnen und Wählern kaum wahrgenommener Stelle.
  2. Umgehung durch Konkretisierung: Man verlässt sich ganz auf die Attraktivität der schlagwortartigen Bezeichnungen für konkrete sozialpolitische Programmpunkte der CDU wie Mütterrente, tariflicher Mindestlohn etc. und verzichtet darauf, ihnen ein Grundprinzip – als das am ehesten soziale Gerechtigkeit infrage gekommen wäre – überzuordnen, z. B. in einer Überschrift.
  3. Lexikalische Diffusion: Dem gegnerischen Fahnenwort und seinen Bestandteilen wird nicht ein bestimmtes Wort als Konkurrent entgegengesetzt (vgl. Klein 2014: 73-76), sondern sie werden, ohne sie ganz aus dem eigenen Sprachgebrauch zu tilgen, überwiegend durch mehrere bedeutungsähnliche Wörter mal so, mal so ersetzt: gerecht vorrangig durch fair und anständig sowie sozial durch anständig, sicher, verantwortungsvoll u. Ä. Es ist der Versuch, Markenwörter aus dem Ideologievokabular der SPD durch einen Schwall von Allerweltswörtern zu marginalisieren.

(2) Nicht erst, seit die kognitive Linguistik die theoretische Basis für den strategischen Einsatz geliefert hat, wird Lexikalisches Diffundieren praktiziert. Den bemerkenswertesten und in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland vielleicht bedeutendsten Fall bildet der Umgang bzw. Nicht-Umgang der SPD mit dem Begriff Soziale Marktwirtschaft über beinahe ein halbes Jahrhundert (1949–1998).

Mit der Prägung des Begriffs Soziale Marktwirtschaft gelang eines der erfolgreichsten politischen Framings in der Geschichte der Bundesrepublik. Die CDU machte ihn zum Leitbegriff ihrer Wahlkampagne im ersten – für sie erfolgreichen – Bundestagwahlkampf 1949 (vgl. Wengeler 1995: 42-49). Er ist als Leit- und Schlüsselbegriff zur Bezeichnung des sozio-ökonomischen Systems der Bundesrepublik verbales Markenzeichen und Fahnenwort der CDU/CSU bis in die Gegenwart geblieben.

Die Begriffsprägung stellt eine große sprachstrategische Leistung dar. Warum? Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die bisherigen Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme diskreditiert: der (alt)liberale Kapitalismus schon in den 1920er Jahren, und der Sozialismus sowohl in seiner kommunistischen, vom Stalinismus geprägten Spielart als auch in der Spielart der national-sozialistischen Staatswirtschaft während der Kriegsjahre. (Es wird leicht übersehen, dass der zweite Bestandteil des Kompositums Nationalsozialismussozialismus lautet). Etwas anderes, Neues musste her. Ökonomen aus mehreren Ländern, in Deutschland vor allem die sog. Freiburger Schule, hatten schon länger ein Konzept für die Zeit nach dem Krieg entwickelt, das man einen ,sozial gezähmten Kapitalismus‘ nennen könnte. In dem Begriff Soziale Marktwirtschaft sind die gescheiterten, miteinander unverträglichen Systeme durchaus präsent, aber lediglich assoziativ als negative Kontrastfolie: sozial statt sozialistisch und Marktwirtschaft statt Kapitalismus. Der Begriff bot die Aussicht, nun endlich das Soziale mit dem Marktwirtschaftlichen zu versöhnen. Er war zunächst ein Programmbegriff, der sich in den 1950er Jahren mehr und mehr, auch weit über die CDU/CSU hinaus, als Deutungsbegriff und Bezeichnung für das sich entwickelnde sozio-ökonomische System der Bundesrepublik durchsetzte.

Für die SPD, die für den Aufbau der Bundesrepublik eine – demokratisch kontrollierte – Planwirtschaft favorisierte, war das zunächst nichts anderes als eine bekämpfte Spielart des Kapitalismus. Doch mit dem weitgehenden Einschwenken der SPD auf die Grundlinien der Adenauerschen Politik im Godesberger Grundsatzprogramm 1959 (vgl. Hermanns 1989), auch in der Wirtschafts- und Sozialpolitik, war es nicht mehr angezeigt, die Soziale Marktwirtschaft weiterhin mit Negativ-Begriffen wie kapitalistisches Gesellschaftssystem abwertend zu markieren.

Doch weiterhin blieb Soziale Marktwirtschaft ein Tabuwort für die SPD – obwohl seit Godesberg sämtliche SPD-Wahlprogramme sowie die Regierungserklärungen der sozialdemokratischen Bundeskanzler Brandt und Schmidt stets die Prinzipien betonen, die charakteristisch und systemrelevant sind für das, was außerhalb der SPD weithin als Soziale Marktwirtschaft bezeichnet wird. Man setzte vielmehr auf Lexikalisches Diffundieren. Das beginnt mit dem Godesberger Programm selber: Da werden unter der Kapitel-Überschrift „Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung“ die für die Soziale Marktwirtschaft prägenden Merkmale aufgeführt, doch als Bezeichnung dafür ist freiheitliche Ordnung gewählt. Kollokationen mit Ordnung, einem Begriff sowohl der Alltags- als auch der ökonomischen Fachsprache, bleiben über die Jahrzehnte besonders beliebt: unsere wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung, die gesellschaftliche Ordnung der Gegenwart, marktwirtschaftliche Ordnung, unsere Wirtschaftsordnung, unsere Wirtschafts- und Sozialordnung, gemischte Wirtschaftsordnung. Weitere Bezeichnungen sind: unser Wirtschaftssystem, gemischtes System, unsere Wirtschaft, unsere Volkswirtschaft, Marktwirtschaft, marktwirtschaftliche Volkswirtschaft. Es fällt auf: Mehrfach werden die Wörter Marktwirtschaft und marktwirtschaftlich verwendet, doch nicht in Kollokation mit sozial.

Die gewählten Begriffe sind bedeutungsähnlich, aber nicht synonym mit Soziale Marktwirtschaft. Sie entstammen entweder einer höheren Abstraktionsebene (Ordnung, System) und/oder stimmen lediglich in etlichen inhaltlichen Merkmalen mit Soziale Marktwirtschaft überein (gemischte Wirtschaftsordnung, marktwirtschaftliche Volkswirtschaft). Vor allem aber fehlt ihnen die (oben erwähnte) emotional und normativ aufwertende Konnotation der Verknüpfung von Ökonomischem und Sozialem.

Nachdem CDU und CSU samt verbündeten Gruppierungen 1990 bei den ersten freien Volkskammerwahlen in der DDR mit der Propagierung der Soziale Marktwirtschaft einen gewaltigen Wahlerfolg erzielt hatten, beginnt die SPD ihren Umgang mit dem bis dahin tabuisierten Begriff zu ändern. In den Wahlprogrammen für die Bundestagswahlen 1990 und 1994 wird noch versucht, eine gewisse Distanz zum Fahnenwort der Union durch Kombination mit ökologisch sowie durch Kleinschreibung von soziale zu markieren (1990: ökologisch-soziale Marktwirtschaft; 1994: soziale und ökologische Marktwirtschaft). 1998 fallen die Distanzmarker weg: sowohl im Wahlprogramm der SPD als auch in der Regierungserklärung des SPD-Bundeskanzlers Schröder. Das bleibt zwei Jahrzehnte so. Erst zur Bundestagswahl 2021 verschwindet der Begriff – diesmal ersatzlos – aus dem Wahlprogramm der SPD.

Literatur

Zitierte Literatur

  • Hermanns, Fritz (1994): Schlüssel-, Schlag- und Fahnenwörter. Heidelberg; Mannheim: Univ. Mannheim.
  • Hermanns, Fritz (1989): Deontische Tautologien. Ein linguistischer Beitrag zur Interpretation des Godesberger Programms (1959) der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. In: Klein, Josef (Hrsg.): Politische Semantik. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 69–149.
  • Klein, Josef (2014): Grundlagen der Politolinguistik. Berlin: Frank & Timme.
  • Lakoff, George (2004): Don’t Think of an Elefant! Know Your Values and Frame the Debate. Vermont: White River Junction.
  • Wengler, Martin (1995): „Der alte Streit >Hier Marktwirtschaft, dort Planwirtschaft< ist vorbei.“ Ein Rückblick auf die sprachlichen Aspekte wirtschaftspolitischer Diskussionen. In: Stötzel, Georg; Wengeler, Martin: Kontroverse Begriffe. Berlin; New York: de Gruyter, S. 35–91.

Zitiervorschlag

Klein, Josef (2021): Lexikalisches Diffundieren. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 21.07.2021. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/lexikalisches-diffundieren.

Grundbegriffe

Diskurskompetenz

Im engeren, linguistischen Sinn bezeichnet Diskurskompetenz die individuelle sprachlich-kommunikative Fähigkeit, längere zusammenhängende sprachliche Äußerungen wie Erzählungen, Erklärungen, Argumentationen zu formulieren und zu verstehen.

Agenda Setting

Rassistisch motivierte Gewalt, Zerstörung des Regenwaldes, Gender pay gap: Damit politische Institutionen solche Probleme bearbeiten, müssen sie erst als Probleme erkannt und auf die politische Tagesordnung (Agenda) gesetzt werden. Agenda Setting wird in Kommunikations- und Politikwissenschaft als eine Form strategischer Kommunikation beschrieben, mithilfe derer Themen öffentlich Gehör verschafft und politischer Druck erzeugt werden kann.

Medien

Die Begriffe Medien/Massenmedien bezeichnen diverse Mittel zur Verbreitung von Informationen und Unterhaltung sowie von Bildungsinhalten. Medien schaffen damit eine wesentliche Grundlage für Meinungsbildung und Meinungsaustausch.

Macht

Macht ist die Fähigkeit, Verhalten oder Denken von Personen zu beeinflussen. Sie ist Bestandteil sozialer Beziehungen, ist an Kommunikation gebunden und konkretisiert sich situationsabhängig. Alle expliziten und impliziten Regeln, Normen, Kräfteverhältnisse und Wissensformationen können aus diskursanalytischer Perspektive als Machtstrukturen verstanden werden, die Einfluss auf Wahrheitsansprüche und (Sprach)Handlungen in einer Gesellschaft oder Gruppe nehmen.

Normalismus

Normalismus ist der zentrale Fachbegriff für die Diskurstheorie des Literaturwissenschaftlers Jürgen Link. Die Normalismus-Theorie fragt danach, wie sich Vorstellungen von ‚Normalität‘ und ‚Anormalität‘ als Leit- und Ordnungskategorien moderner Gesellschaften herausgebildet haben.

Wissen

Kollektives Wissen von sozialen Gruppen ist sowohl Voraussetzung als auch Ziel strategischer Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Es wird geprägt durch individuelle Erfahrung, aber auch in Diskursgemeinschaften kommunikativ geteilt – vor allem im Elternhaus, in Peergroups und Bildungseinrichtungen sowie durch Medienkonsum.

Werbung

Werbung ist ein Kommunikationsinstrument von Unternehmen, das der Positionierung im Markt dient und je nach Situation des Unternehmens auf Einführung, Erhalt oder Ausbau von Marktanteilen und damit letztlich auf ökonomischen Gewinn abzielt.

Mediale Kontrolle

Medien werden vielfältig zur Durchsetzung von Macht verwendet. So in der Zensur, wenn eine politische Selektion des Sagbaren und des Unsagbaren stattfindet; in der Propaganda, wenn eine Bevölkerung von den Ansichten oder wenigstens der Macht einer bestimmten Gruppe überzeugt werden soll; oder in der Überwachung, die unerwünschtes Verhalten nicht nur beobachten, sondern unwahrscheinlich machen soll.

Freund- und Feind-Begriffe

Freund-, Gegner- und Feindbegriffe sind Teil der Politischen Kommunikation. Sie bilden die Pole eines breiten Spektrums von kommunikativen Zeichen, mit denen politische Akteure sich selbst und ihre politischen Gegner im Kampf um beschränkte Ressourcen auf dem diskursiven Schlachtfeld positionieren.

Sprachpolitik / Sprachenpolitik

Sprachpolitik bezeichnet allgemein alle politischen Prozesse, die auf eine Beeinflussung der Sprachverwendung in einer Gesellschaft oder Sprachgemeinschaft abzielen. Unterschieden wird häufig zwischen Sprachenpolitik und Sprachpolitik im engeren Sinne.

Techniken

Redenschreiben

Wer Reden schreibt, bereitet die schriftliche Fassung von Reden vor, die bei besonderen Anlässen gehalten werden und bei denen es auf einen ausgearbeiteten Vortrag ankommt.

Offener Brief

Bei einem offenen Brief handelt es sich um eine strategische Praktik, die genutzt wird, um Anliegen einer Person oder Gruppe öffentlich sichtbar zu machen. Die Texte, die als offene Briefe bezeichnet werden, richten sich an eine Person oder Institution und werden über Medien veröffentlicht.

Kommunikationsverweigerung

Unter dem Begriff Kommunikationsverweigerung lässt sich ein Bündel von Praktiken und Strategien fassen, die den kommunikativen Austausch zu erschweren oder zu verhindern suchen.

Flugblatt

Unter Flugblättern versteht man einseitige Druckerzeugnisse, die ursprünglich meist illustriert waren. Eng verwandt sind die mehrseitigen Flugschriften. Während Flugschriften und Flugblätter heute kostenlos verteilt werden oder zur Mitnahme ausliegen, wurden sie in der Frühen Neuzeit zunächst als Handelswaren verkauft und gingen so als frühe Massenmedien den Zeitungen voraus.

Passivierung

Unter Passivierung versteht man die Formulierung eines Satzes in einer grammatischen Form des Passivs. Das Passiv ist gegenüber dem Aktiv durch die Verwendung von Hilfsverben formal komplexer. Seine Verwendung hat unter anderem zur Folge, dass handelnde Personen im Satz nicht genannt werden müssen, was beispielsweise in Gesetzestexten für eine (gewünschte) größtmögliche Abstraktion sorgt („Niemand darf wegen seines Geschlechts […] benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Art. 3 GG).

Aufopferungs-Topos

Als Aufopferungs-Topos wird in der Diskursforschung ein Argumentationsmuster bezeichnet, das zwei strategische Funktionen erfüllen kann: einerseits kann es dazu dienen, mit der Behauptung eines besonderen Ressourceneinsatzes (z.B. Einsatz von Geld, Zeit oder emotionaler Belastung) einen hohen Achtungswert für eine Person, eine Sache bzw. für ein Ziel zu plausibilisieren. Andererseits können Akteure besondere Privilegien (wie z.B. Wertschätzung, Entscheidungsbefugnisse und Mitspracherechte) reklamieren, wenn sie sich für eine bereits in der sozialen Bezugsgruppe hochgeschätzte Sache engagieren.

Opfer-Topos

Als Opfer-Topos bezeichnet man eine diskursive Argumentationsstrategie, bei der sich Akteure als ‚Opfer‘ gesellschaftlicher Urteilsbildung inszenieren und damit eigene Interessen – vor allem Aufmerksamkeit und Berücksichtigung von Bedürfnissen – geltend zu machen versuchen.

Analogie-Topos

Der Analogie-Topos zählt zu den allgemeinen bzw. kontextabstrakten Argumentationsmustern, die genutzt werden können, um für oder gegen eine Position zu argumentieren. Analogie-Topoi werden von verschiedenen Akteuren und Akteursgruppen strategisch eingesetzt, um eine zustimmende Haltung bei den Zielgruppen zu bewirken.

Topos der düsteren Zukunftsprognose

Der Topos der düsteren Zukunftsprognose beschreibt ein Argumentationsmuster, bei dem eine negative, dystopische Zukunft prognostiziert wird. Dabei wird auf die drohenden Folgen einer Krise oder einer allgemeinen Gefahr verwiesen, aus der eine negative Zukunft bei falschem Handeln resultieren wird.

Negativpreis

Ein Negativpreis ist eine Auszeichnung an Personen oder Organisationen (meist Unternehmen), die sich oder ihre Produkte positiv darstellen und vermarkten, ihre Versprechen aus Sicht des Preisverleihers allerdings nicht einhalten. Dabei dient der Preis durch seine Vergabe vor allem dem Zweck, Aufmerksamkeit zu erregen, mediale Präsenz auf ein Thema zu lenken und den Preisträger in seinem moralischen Image zu beschädigen.

Schlagwörter

Verfassung

Die Verfassung eines Landes (in Deutschland das Grundgesetz von 1949) steht für die höchste und letzte normative und Legitimität setzende Instanz einer staatlichen Rechtsordnung. In der offiziellen Version demokratischer Selbstbeschreibung ist es das Volk selbst, das sich in einem rituellen Gründungsakt eine Verfassung gibt.

Toxizität / das Toxische

Es ist nicht immer ganz eindeutig bestimmbar, was gemeint wird, wenn etwas als toxisch bezeichnet wird. Zeigen lässt sich zwar, dass sich die Bedeutung von ‚giftig‘ hin zu ‚schädlich‘ erweitert hat, doch die Umstände, unter denen etwas für jemanden toxisch, d. h. schädlich ist, müssen aus der diskursiven Situation heraus erschlossen werden.

Zivilgesellschaft

Im gegenwärtigen deutschen Sprachgebrauch werden so heterogene Organisationen, Bewegungen und Initiativen wie ADAC und Gewerkschaften, Trachtenvereine und Verbraucherschutzorganisationen, Umweltorganisationen und religiöse Gemeinschaften zur Zivilgesellschaft gezählt.

Demokratie

Der Ausdruck Demokratie dient häufig zur Bezeichnung einer (parlamentarischen) Staatsform und suggeriert die mögliche Beteiligung aller an den Öffentlichen Angelegenheiten. Dabei ist seine Bedeutung weniger eindeutig als es den Anschein hat.

Plagiat/Plagiarismus

Plagiarismus ist ein Begriff, der sich im öffentlichen Diskurs gegen Personen oder Produkte richten kann, um diese in zuweilen skandalisierender Absicht einer Praxis unerlaubter intermedialer Bezugnahme zu bezichtigen. Die Illegitimität dieser Praxis wird oft mit vermeintlichen moralischen Verfehlungen in Verbindung gebracht.

Fake News

Fake News wird als Schlagwort im Kampf um Macht und Deutungshoheit in politischen Auseinandersetzungen verwendet, in denen sich die jeweiligen politischen Gegenspieler und ihre Anhänger wechselseitig der Lüge und der Verbreitung von Falschnachrichten zum Zweck der Manipulation der öffentlichen Meinung und der Bevölkerung bezichtigen.

Lügenpresse

Der Ausdruck Lügenpresse ist ein politisch instrumentalisierter „Schlachtruf“ oder „Kampfbegriff“ gegen etablierte und traditionelle Medien. Dabei wird häufig nicht einzelnen Medien-Akteuren, sondern der gesamten Medienbranche vorgeworfen, gezielt die Unwahrheit zu publizieren.

Antisemitismus

Mit Antisemitismus werden gemeinhin alle jene Phänomene bezeichnet, die sich gegen das Judentum oder gegen Jüdinnen*Juden als Jüdinnen*Juden richten. Die entsprechenden Erscheinungen reichen von der bloßen Distanzierung und Behauptung jüdischer Andersartigkeit, über vollständig ausgearbeitete Weltbilder, die Jüdinnen*Juden für sämtliche Probleme verantwortlich machen, bis hin zu massiven Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Gewaltpraktiken.

Grammatiknazi / Grammar Nazi

Das überwiegend negativ konnotierte Schlagwort Grammatiknazi – als Übersetzung von engl. grammar nazi – wird zur Benennung von Personen verwendet, die meist in eher informellen Kontexten der öffentlichen Internetkommunikation (u. a. in Foren, Kommentarbereichen auf Nachrichtenportalen, sozialen Netzwerken) ungefragt Sprachkritik an den Äußerungen anderer (häufig fremder) Kommunikationsteilnehmer*innen üben.

Respekt

Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.