DiskursGlossar

Lexikalisches Diffundieren

Kategorie: Techniken
Verwandte Ausdrücke: Bezeichnungskonkurrenz, Dissimilation
Siehe auch: Fahnenwort, Hochwertwort, Framing
Autor: Josef Klein
Version: 1.0 / Datum: 21.07.2021

Kurzzusammenfassung

Lexikalisches Diffundieren besteht darin, Begriffe – vor allem Positivbegriffe, die eng mit dem politischen Gegner assoziiert werden – zu meiden und zu ‚ersetzen‘ durch eine Anzahl wechselnder bedeutungsähnlicher Begriffe jenseits des Vokabulars, das dem politischen Gegner zugerechnet wird. Das zielt darauf, insbesondere gegnerische ,Fahnenwörter‘ – das sind Begriffe, die eine politische Gruppierung als ihre sprachlichen „Erkennungszeichen“ nutzt (Hermanns 1994, 16) – möglichst unwirksam werden zu lassen.

Erweiterte Begriffsklärung

Wer in wertgeladenen Begriffen des politischen Gegners spricht, die im allgemeinen Bewusstsein fest mit diesem verknüpft sind, festigt diese Verknüpfung, selbst wenn man sich kritisch zu ihnen äußert. Die naheliegende Konsequenz aus diesem Lehrsatz der Schule der ,kognitiven Semantik‘ (vor allem Lakoff 2004) lautet, solche Begriffe möglichst nicht selber zu verwenden. Doch die bloße Vermeidung ist dann keine sinnvolle strategische Option, wenn diese Begriffe zum Kernbestand politischer Diskurse gehören und kaum verzichtbar sind. Da stellt sich die Frage: Wie lässt man einen relevanten Begriff gleichzeitig verschwinden und nicht verschwinden? Mit dem Verfahren des Lexikalischen Diffundierens wird versucht, dem Dilemma zu entkommen. Wenn sich das gedankliche Konzept, das mit dem Begriff verbunden ist, thematisch nicht vermeiden lässt, wird auf ein Wort aus einem Arsenal möglichst unauffällig-alltäglicher Begriffe zurückgegriffen, die – vor allem bei oberflächlicher Betrachtung – eine enge semantische Verwandtschaft mit dem tabuisierten Begriff aufweisen, ohne dabei mit dem politischen Gegner assoziiert zu sein.

Warum mehrere Begriffe und warum Alltagsbegriffe? Würde stets der gleiche Alternativbegriff zur Substitution des tabuisierten Begriffs verwendet, wie es Hermanns (1989, 81) unter dem Terminus „Dissimilation“ thematisiert, wäre allzu leicht bemerkbar, dass es um die Vermeidung des beliebten gegnerischen Fahnenworts geht. Ähnliches gilt bei der Präferenz für unauffällige Alltagsbegriffe jenseits des parteilich-ideologischen Begriffsarsenals. Sie zielt darauf, die Thematik aus der Relevanzsphäre zu lösen, die für politische Symbol- und Hochwertbegriffe charakteristisch ist.

Lexikalisches Diffundieren zielt darauf, gegnerisches Framing zu konterkarieren und möglichst zu marginalisieren. Wird – etwa in einer Wahlkampagne – das Fehlen des gegnerischen Begriffs in nennenswerten Teilen der Wählerschaft nicht bemerkt und/oder problemlos akzeptiert, so ist die Strategie aufgegangen.

Beispiele

(1) Erstmalig beobachtet und politolinguistisch beschrieben wurde die Strategie des Lexikalischen Diffundierens im Rahmen einer Analyse der Wahlkampagne der CDU zur Bundestagswahl 2013 (Klein 2014, 330-332). Zu Beginn des Wahljahres 2013 stand die Union angesichts der frühen Festlegung der SPD auf soziale Gerechtigkeit als Schlüsselbegriff ihrer Kampagne vor dem Problem, dem zu begegnen, zumal es mehrere aktuelle Indikatoren dafür gab, dass Gerechtigkeit, insbesondere soziale Gerechtigkeit in breiten Bevölkerungskreisen einen hohen Stellenwert einnahm. Aus Umfragen wusste die CDU: (1) dass auch die Einzelwörter sozial und Gerechtigkeit in der Bevölkerung besonders hochgeschätzt wurden, (2) dass sie sehr viel mehr der SPD als der CDU zugeordnet wurden. Es erschien für die CDU daher dem Lakoffschen Lehrsatz entsprechend chancenlos zu versuchen, den Begriff soziale Gerechtigkeit und seine lexikalischen Bestandteile durch besonders häufige Nennung und/oder Umdeutung zu ‚besetzen‘ und zum eigenen Fahnenwort umzufunktionieren. Je öfter man den Ausdruck soziale Gerechtigkeit in den Mund nehmen würde, desto mehr käme die SPD konnotativ ins Spiel.

Andererseits kann keine größere Partei es sich erlauben, den Begriff ganz aus ihrem Wortschatz zu tilgen, und erst recht nicht, die mit dem Begriff adressierte sozialpolitische Thematik auszuklammern. Dazu sind beide für Deutschland als Sozialstaat zu zentral. Vor diesem Hintergrund wurde eine komplexe lexikalisch-semantische Strategie entwickelt:

  1. Minimalübernahme: Da sich der Begriff nicht vermeiden lässt, sollte er möglichst selten verwendet werden. Er kommt in der ganzen Kampagne tatsächlich nur einmal vor: im Grundsatzteil des Wahlprogramms. Dort heißt es: „Die Soziale Marktwirtschaft verpflichtet zur sozialen Gerechtigkeit“ – eine Platzierung an politisch relevanter, aber von Wählerinnen und Wählern kaum wahrgenommener Stelle.
  2. Umgehung durch Konkretisierung: Man verlässt sich ganz auf die Attraktivität der schlagwortartigen Bezeichnungen für konkrete sozialpolitische Programmpunkte der CDU wie Mütterrente, tariflicher Mindestlohn etc. und verzichtet darauf, ihnen ein Grundprinzip – als das am Ehesten soziale Gerechtigkeit infrage gekommen wäre – überzuordnen, z. B. in einer Überschrift.
  3. Lexikalische Diffusion: Dem gegnerischen Fahnenwort und seinen Bestandteilen wird nicht ein bestimmtes Wort als Konkurrent entgegengesetzt (vgl. Klein 2014, 73-76), sondern sie werden, ohne sie ganz aus dem eigenen Sprachgebrauch zu tilgen, überwiegend durch mehrere bedeutungsähnliche Wörter mal so, mal so ersetzt: gerecht vorrangig durch fair und anständig sowie sozial durch anständig, sicher, verantwortungsvoll u. Ä. Es ist der Versuch, Markenwörter aus dem Ideologievokabular der SPD durch einen Schwall von Allerweltswörtern zu marginalisieren.

(2) Nicht erst, seit die kognitive Linguistik die theoretische Basis für den strategischen Einsatz geliefert hat, wird Lexikalisches Diffundieren praktiziert. Den bemerkenswertesten und in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland vielleicht bedeutendsten Fall bildet der Umgang bzw. Nicht-Umgang der SPD mit dem Begriff Soziale Marktwirtschaft über beinahe ein halbes Jahrhundert (1949 – 1998).

Mit der Prägung des Begriffs Soziale Marktwirtschaft gelang eines der erfolgreichsten politischen Framings in der Geschichte der Bundesrepublik. Die CDU machte ihn zum Leitbegriff ihrer Wahlkampagne im ersten – für sie erfolgreichen – Bundestagwahlkampf 1949 (vgl. Wengeler 1995, S. 42-49). Er ist als Leit- und Schlüsselbegriff zur Bezeichnung des sozio-ökonomischen Systems der Bundesrepublik verbales Markenzeichen und Fahnenwort der CDU/CSU bis in die Gegenwart geblieben.

Die Begriffsprägung stellt eine große sprachstrategische Leistung dar. Warum? Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die bisherigen Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme diskreditiert: der (alt)liberale Kapitalismus schon in den 1920er Jahren, und der Sozialismus sowohl in seiner kommunistischen, vom Stalinismus geprägten Spielart als auch in der Spielart der national-sozialistischen Staatswirtschaft während der Kriegsjahre. (Es wird leicht übersehen, dass der zweite Bestandteil des Kompositums Nationalsozialismus  –sozialismus lautet.)  Etwas anderes, Neues musste her. Ökonomen aus mehreren Ländern, in Deutschland vor allem die sog. ,Freiburger Schule‘, hatten schon länger ein Konzept für die Zeit nach dem Krieg entwickelt, das man einen ,sozial gezähmten Kapitalismus‘ nennen könnte. In dem Begriff Soziale Marktwirtschaft sind die gescheiterten, miteinander unverträglichen Systeme durchaus präsent, aber lediglich assoziativ als negative Kontrastfolie: sozial statt sozialistisch und Marktwirtschaft statt Kapitalismus. Der Begriff bot die Aussicht, nun endlich das Soziale mit dem Marktwirtschaftlichen zu versöhnen. Er war zunächst ein Programmbegriff, der sich in den 1950er Jahren mehr und mehr, auch weit über die CDU/CSU hinaus, als Deutungsbegriff und Bezeichnung für das sich entwickelnde sozio-ökonomische System der Bundesrepublik durchsetzte.

Für die SPD, die für den Aufbau der Bundesrepublik eine – demokratisch kontrollierte – Planwirtschaft favorisierte, war das zunächst nichts anderes als eine bekämpfte Spielart des Kapitalismus.  Doch mit dem weitgehenden Einschwenken der SPD auf die Grundlinien der Adenauerschen Politik im Godesberger Grundsatzprogramm 1959 (vgl. Hermanns 1989), auch in der Wirtschafts- und Sozialpolitik, war es nicht mehr angezeigt, die Soziale Marktwirtschaft weiterhin mit Negativ-Begriffen wie kapitalistisches Gesellschaftssystem abwertend zu markieren.

Doch weiterhin blieb Soziale Marktwirtschaft ein Tabuwort für die SPD – obwohl seit Godesberg sämtliche SPD-Wahlprogramme sowie die Regierungserklärungen der sozialdemokratischen Bundeskanzler Brandt und Schmidt stets die Prinzipien betonen, die charakteristisch und systemrelevant sind für das, was außerhalb der SPD weithin als Soziale Marktwirtschaft bezeichnet wird. Man setzte vielmehr auf Lexikalisches Diffundieren. Das beginnt mit dem Godesberger Programm selber: Da werden unter der Kapitel-Überschrift „Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung“ die für die Soziale Marktwirtschaft prägenden Merkmale aufgeführt, doch als Bezeichnung dafür ist freiheitliche Ordnung gewählt. Kollokationen mit Ordnung, einem Begriff sowohl der Alltags- als auch der ökonomischen Fachsprache, bleiben über die Jahrzehnte besonders beliebt: unsere wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung, die gesellschaftliche Ordnung der Gegenwart, marktwirtschaftliche Ordnung, unsere Wirtschaftsordnung, unsere Wirtschafts- und Sozialordnung, gemischte Wirtschaftsordnung. Weitere Bezeichnungen sind: unser Wirtschaftssystem, gemischtes System, unsere Wirtschaft, unsere Volkswirtschaft, Marktwirtschaft, marktwirtschaftliche Volkswirtschaft. Es fällt auf: Mehrfach werden die Wörter Marktwirtschaft und marktwirtschaftlich verwendet, doch nicht in Kollokation mit sozial.

Die gewählten Begriffe sind bedeutungsähnlich, aber nicht synonym mit Soziale Marktwirtschaft. Sie entstammen entweder einer höheren Abstraktionsebene (Ordnung, System) und/oder stimmen lediglich in etlichen inhaltlichen Merkmalen mit Soziale Marktwirtschaft überein (gemischte Wirtschaftsordnung, marktwirtschaftliche Volkswirtschaft). Vor allem aber fehlt ihnen die (oben erwähnte) emotional und normativ aufwertende Konnotation der Verknüpfung von Ökonomischem und Sozialem.

Nachdem CDU und CSU samt verbündeten Gruppierungen 1990 bei den ersten freien Volkskammerwahlen in der DDR mit der Propagierung der Soziale Marktwirtschaft einen gewaltigen Wahlerfolg erzielt hatten, beginnt die SPD ihren Umgang mit dem bis dahin tabuisierten Begriff zu ändern. In den Wahlprogrammen für die Bundestagswahlen 1990 und 1994 wird noch versucht, eine gewisse Distanz zum Fahnenwort der Union durch Kombination mit ökologisch sowie durch Kleinschreibung von soziale zu markieren (1990: ökologisch-soziale Marktwirtschaft; 1994: soziale und ökologische Marktwirtschaft). 1998 fallen die Distanzmarker weg:  sowohl im Wahlprogramm der SPD als auch in der Regierungserklärung des SPD-Bundeskanzlers Schröder. Das bleibt zwei Jahrzehnte so.  Erst zur Bundestagswahl 2021 verschwindet der Begriff – diesmal ersatzlos – aus dem Wahlprogramm der SPD.

Literatur

Zitierte Literatur

  • Hermanns, Fritz:  Schlüssel-, Schlag- und Fahnenwörter. Heidelberg/Mannheim: 1994
  • Hermanns, Fritz: Deontische Tautologien. Ein linguistischer Beitrag zur Interpretation des Godesberger Programms (1959) der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. In: Klein, Josef (Hg.): Politische Semantik. Opladen: Westdeutscher Verlag. 1989, 69–149.
  • Klein, Josef: Grundlagen der Politolinguistik. Berlin: Frank & Timme.  2014.
  • Lakoff, George: Don’t Think of an Elefant! Know Your Values and Frame the Debate. Vermont: White River Junction. 2004.
  • Wengler, Martin: „Der alte Streit >Hier Marktwirtschaft, dort Planwirtschaft< ist vorbei.“ Ein Rückblick auf die sprachlichen Aspekte wirtschaftspolitischer Diskussionen. In: Stötzel, Georg / Wengeler, Martin: Kontroverse Begriffe. Berlin/New York: de Gruyter. 1995, 35-91.

Zitiervorschlag

Klein, Josef (2021): Artikel Lexikalisches Diffundieren. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 21.07.2021. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/lexikalisches-diffundieren.

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