DiskursGlossar

Be-/Überlastungs-Topos

Kategorie: Techniken
Verwandte Ausdrücke: Belastungstopos, Belastungsgrenze, Entlastung, Argumentationsmuster
Siehe auch: Topos, Autoritäts-Topos, Differenzierungstopos, Konsequenz-Topos, Opfer-Topos, Topos der düsteren Zukunft, Topos vom wirtschaftlichen Nutzen
Autor: Lina Sophie Giebeler
Version: 1.2 / Datum: 12.12.2022

Kurzzusammenfassung

Der Be-/Überlastungstopos ist ein Argumentationsmuster, das vorwiegend in der politischen Kommunikation eingesetzt wird. Als analytisches Konzept wurde er von Martin Wengeler im Kontext der Analyse des deutschen Migrationsdiskurses benannt und geprägt (vgl. z.B. Wengeler 2003). Wengeler beschreibt die grundlegende Struktur des Be-/Überlastungstopos wie folgt:

Weil eine Person/eine Institution/ein Land mit bestimmten Problemen stark belastet oder überlastet ist oder weil eine solche Belastung droht, sollten Handlungen ausgeführt werden, die diese Belastung vermindern bzw. verhindern. (Wengeler 2007: 178)

Als zu vermeidende Konsequenz einer konkreten Situation wird mit dem Be-/Überlastungstopos also ein Be- bzw. Überlastungs-Szenario skizziert. Der Topos dient dabei der Legitimation (politischer) Handlungen oder Maßnahmen, die vorgeblich der Entlastung bzw. der Vermeidung eines durch Überlastung drohenden Krisenfalls dienen sollen. Das Konzept des ‚Erreichens/Überschreitens‘ einer Belastungsgrenze ist jedoch ein konstruierter, d.h. gesellschaftlich und politisch bestimmter Maßstab, der in aller Regel nicht oder nur begrenzt empirisch überprüft werden kann.

Erweiterte Begriffsklärung

Der Be-/Überlastungs-Topos als analytisches Konzept wurde von Martin Wengeler im Kontext der Analyse des deutschen Migrationsdiskurses benannt und geprägt (vgl. z.B. Wengeler 2003). Er wird zu den spezifischen Argumentationsmustern gezählt. Dabei bezieht sich seine Musterhaftigkeit weniger auf die formale Struktur, sondern vielmehr auf den inhaltlichen Gesichtspunkt einer Be-/Überlastungssituation, die es durch eine bestimmte Maßnahme zu verhindern oder abzuschwächen gilt. Typischerweise wird dieser Topos mithilfe zweier verschiedener Äußerungsmuster realisiert. Entweder wird etwas Bestimmtes explizit als be-/überlastet bezeichnet bzw. mit einer möglichen zukünftigen Be-/Überlastung charakterisiert, oder es ist von Belastungsgrenzen (oder Varianten dieses Ausdrucks) die Rede, die schon oder zukünftig erreicht/überschritten werden. Argumentierende fordern aber auch direkt eine Entlastung eines Gegenstandes, womit sie ihn implizit als be-/überlastet perspektivieren.

Klein (2000) zufolge kann man diesen Topos als eine spezifische Form des Konsequenz-Topos interpretieren. Eine Ausgangslage wird demnach nicht direkt bewertet, sondern erst in Bezug auf ihre möglichen Konsequenzen. Aus dieser Bewertung wird dann eine Handlungsaufforderung (quasilogisch) geschlussfolgert (vgl. Klein 2000: 637). Im Falle des Be-/Überlastungs-Topos ist die Konsequenz inhaltlich auf eine Be-/Überlastung eines Gegenstands festgelegt und wird naturgemäß stets negativ bewertet. Die Handlungsaufforderung ist die scheinbar notwendige bzw. alternativlose Maßnahme zur Entlastung des Gegenstands. Nach Kienpointner handelt es sich (aus logischer Perspektive) bei Argumenten, denen dieser Typ Topos zugrunde liegt, nicht um reale, sondern um fiktive Argumente. Sie sind fiktiv, da der Ausgang (also ob die Maßnahme zur Entlastung führt oder nicht) in der Zukunft liegt und somit ungewiss ist (vgl. Kienpointner 2011: 529 f.). Somit lässt sich an dieser Stelle auch die diskursive Funktion des Topos beschreiben. Man kann ihn als Technik der strategischen Kommunikation einsetzen, um eine bestimmte Handlung plausibel zu legitimieren, indem man auf die negativen Konsequenzen einer fiktiven Be-/Überlastungssituation verweist, sollte diese Handlung nicht ausgeführt werden.

Vor dem Hintergrund dieses strategischen Potenzials ist es nicht verwunderlich, dass einem der Topos häufiger in politischen Debatten oder Pressemitteilungen über politische Zusammenhänge begegnet. Er kann naturgemäß von Personen eingesetzt werden, die sich in der Position befinden, Entscheidungen über bestimmte Handlungen zu treffen oder anzuregen. Dies begründet sich vor allem im Praxisbezug der politischen Debatte: „sie dient nicht bloß der kognitiven Erschließung der Wirklichkeit, sondern dem Eingriff in sie“ (Ueding 2000: 495). Besonders erfolgreich lässt sich mit dieser Technik der Handlungslegitimierung operieren, wenn in dem Diskurs, in dem sie verwendet wird, bereits Optionen für drastische Konsequenzen prominent sind, wie es z.B. häufig in Krisen-Diskursen der Fall ist. Die politische Ausrichtung der jeweiligen Akteure kann dabei durchaus divers sein. Im Migrationsdiskurs bspw. entstammen Akteure, die auf diesen Topos zurückgreifen, vorwiegend dem konservativen, aber auch dem sozialliberalen Spektrum (vgl. Wengeler 2003: 425).

Wengeler macht darauf aufmerksam, dass die Verwendung des Be-/Überlastungs-Topos intensive Auswirkungen auf die gesellschaftliche Wahrnehmung der Wirklichkeit hat. Durch die sprachliche Konstruktion einer Belastungsgrenze, ggf. sogar mithilfe numerischer Größen, wie z.B. Zuwanderungszahlen, wird diese faktisch nicht existente Grenze zu einer wahrgenommenen Wirklichkeit, sobald sie sich im jeweiligen Diskurs durchsetzt (vgl. Wengeler 2003: 425). Dies gilt insbesondere im Zusammenhang globalpolitischer Themen.

Dadurch, dass häufig Personen in gefestigten und mächtigen Positionen diesen Topos verwenden, ist es schwierig, seine Plausibilität innerhalb eines Diskurses zu destabilisieren. Eine mögliche Gegenstrategie, die auf nicht-diskursiver Ebene valide funktionieren kann, ist die kritische Reflexion der konstruierten Belastungsgrenze: Warum genau sind bspw. 4000 geflüchtete Menschen im Zeitraum x die Belastungs(,ober‘)grenze? Was genau bedeutet die Überlastung des bürokratischen Apparates? Wer legt fest, dass hier tatsächlich eine Grenze vorliegen soll? Solche und ähnliche Fragen decken auf, dass es sich bei so etablierten Belastungsgrenzen in aller Regel um von Menschen festgelegte Maßstäbe handelt und eben nicht um empirisch überprüfbare tatsächliche Kontingente. Möglichkeiten zu wirkungsmächtigen Reflexionen dieser Form bestehen auf diskursiver Ebene nur begrenzt, bspw. im Rahmen von Guerillakommunikation. Zudem kann dem Be-/Überlastungs-Topos mit geeigneten Topoi, bspw. mit dem Analogie-Topos, begegnet werden. Den Analogie-Topos kann man auf Grundlage von Wengeler wie folgt paraphrasieren: ,Weil in einem anderen Kontext eine vergleichbare Handlung zu den Konsequenzen x geführt hat, sollte die Handlung in diesem Kontext (nicht) ausgeführt werden‘ (vgl. Wengeler 2003: 321). Salopp und mit dem Ziel, den Be-/Überlastungstopos zu destabilisieren formuliert: ,Es ist auch schon der Gegenstand y be-/überlastet gewesen und es ist auch ohne die Handlung z auszuführen gut ausgegangen‘.

Beispiele

(1)  Im Diskurs um die Covid-19-Pandemie finden sich zahlreiche Beispiele, in denen der Be-/Überlastungs-Topos in Bezugnahme auf das Gesundheitssystem konkrete Anwendung erfährt. Dies geschieht im folgenden Beispiel im Rahmen der politischen Kommunikation, mit dem Ziel, eine Einzelmaßnahme des Infektionsschutzes zu legitimieren bzw. ihre Durchsetzung zu erwirken. Die SPD-Politikerin Heike Baehrens argumentiert am 17. März 2022 wie folgt für das Einführen einer allgemeinen Impfpflicht für erwachsene Personen in Deutschland:

Wir wollen unsere Gesellschaft und unser Gesundheitswesen vor Überlastung schützen.      Dazu müssen wir eine hohe Grundimmunisierung aufbauen. (Deutscher Bundestag 2022: 1503)

Ein wenig abstrakter und ergänzend paraphrasiert meint diese Aussage in ihrem Äußerungskontext: ,Es droht in der Zukunft eine Überlastung des Gesundheitssystems, die verhindert werden muss. Grund dafür ist eine zu geringe Immunisierungsquote.  Also muss eine allgemeine Impfpflicht eingeführt werden, um die Immunisierungsquote zu steigern‘. Baehrens argumentiert zwar formallogisch nicht korrekt, aber die Schlussfolgerung erscheint plausibel. Allerdings werden dabei mögliche andere Schlussfolgerungen, also Alternativen zur allgemeinen Impfpflicht, nicht berücksichtigt.

(2) Wengeler zeichnet die Verwendung des Be-/Überlastungs-Topos historisch als Konstante des Migrationsdiskurses nach. Dabei sind es unterschiedliche Systeme, Institutionen oder auch Regionen, die seit den 1970ern als be-/überlastet dargestellt werden (vgl. Wengeler 2007: 178). Auch in der Gegenwart ist der Topos in Politik und Presse präsent und wird teils sogar als sprachliches Muster reflektiert. Im Tagesspiegel äußerte sich am 25. April 2017 der Diskursakteur und Historiker Klaus Bade folgendermaßen:

 Die ,Grenzen der Belastbarkeit durch Zuwanderung‘ waren in den Reden politisch Verantwortlicher praktisch immer erreicht, gern auch, wie der damalige sozialdemokratische Innenminister Otto Schily 1999 unermüdlich verbreitete, schon ,überschritten‘. (Tagesspiegel 2017)

(3) Auch im Diskurs der Energiekrise ist der Be-/Überlastungs-Topos prominent und wird häufig mittels des Ausdrucks Belastungsgrenze realisiert. Der Deutsche Handelsverband HDE versucht im folgenden Twitter-Post vom 28.09.2022 der „Forderung nach Wirtschaftshilfen“ Nachdruck zu verleihen, indem er den Einzelhandel als be-/überlastet perspektiviert. Dabei sind die einzelnen Bestandteile des Topos (das be-/überlastete Element, die Belastungssituation, die zu erwartenden negativen Konsequenzen, die entlastende Maßnahme) vage formuliert, was Rezipienten einen breiten Spielraum für Spekulationen lässt und so die Gesamtaussage konsensfähiger macht.

Abb. 1.: Handelsverband HDE: #Einzelhandel gerät an Belastungsgrenze und bekräftigt Forderung nach #Wirtschaftshilfen.  Twitter-Post vom 28.09.2022.

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Wengeler, Martin (2000): Von »Belastungen«, »wirtschaftlichem Nutzen« und »politischen Zielen«. Die öffentliche Einwanderungsdiskussion in Deutschland, Österreich und der Schweiz Anfang der 70er Jahre. Einwanderungsdiskurse. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 135-157.

Zitierte Literatur

  • Der Tagesspiegel (2017): Migrationsforscher und Berater Bade zieht Bilanz – Achtung, Ausländer! Online unter: https://www.tagesspiegel.de/meinung/migrationsforscher-und-berater-bade-zieht-bilanz-achtung-auslaender/19711722.html ; Zugriff: 22.08.2022.
  • Deutscher Bundestag (2022): Plenarprotokoll. 20. Wahlperiode, 21. Sitzung am 17.03.2022. Online unter: https://dserver.bundestag.de/btp/20/20021.pdf#P.1503 ; Zugriff: 14.08.2022.
  • Kienpointner, Manfred (2011): Fiktive Argumente. Deutsches Jahrbuch Philosophie, vol. 2, S. 505-538.
  • Klein, Josef (2000): Komplexe topische Muster – Vom Einzeltopos zur diskurstyp-spezifischen Topos-Konfiguration. In: Schirren, Thomas; Ueding, Gert (Hrsg.): Topik und Rhetorik – Ein interdisziplinäres Symposium. Tübingen: Niemeyer, S. 623-649.
  • Ueding, Gert (2000): Politische Topik. In: Schirren, Thomas; Ueding, Gert (Hrsg.): Topik und Rhetorik – Ein interdisziplinäres Symposium. Berlin; Boston: De Gruyter, S. 487-497.
  • Wengeler, Martin (2007): Topos und Diskurs – Möglichkeiten und Grenzen der topologischen Analyse gesellschaftlicher Debatten. Warnke, Ingo H. (Hrsg.): Diskurslinguistik nach Foucault: Theorie und Gegenstände. Berlin; Boston: De Gruyter.
  • Wengeler, Martin (2003): Topos und Diskurs: Begründung einer argumentationsanalytischen Methode und ihre Anwendung auf den Migrationsdiskurs (1960 – 1985). Tübingen: Niemeyer.

Abbildungsverzeichnis

Zitiervorschlag

Giebeler, Lina Sophie (2022): Be-/Überlastungs-Topos. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 12.12.2022. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/be-ueberlastungs-topos.  

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Agenda Setting

Rassistisch motivierte Gewalt, Zerstörung des Regenwaldes, Gender pay gap: Damit politische Institutionen solche Probleme bearbeiten, müssen sie erst als Probleme erkannt und auf die politische Tagesordnung (Agenda) gesetzt werden. Agenda Setting wird in Kommunikations- und Politikwissenschaft als eine Form strategischer Kommunikation beschrieben, mithilfe derer Themen öffentlich Gehör verschafft und politischer Druck erzeugt werden kann.

Medien

Die Begriffe Medien/Massenmedien bezeichnen diverse Mittel zur Verbreitung von Informationen und Unterhaltung sowie von Bildungsinhalten. Medien schaffen damit eine wesentliche Grundlage für Meinungsbildung und Meinungsaustausch.

Macht

Macht ist die Fähigkeit, Verhalten oder Denken von Personen zu beeinflussen. Sie ist Bestandteil sozialer Beziehungen, ist an Kommunikation gebunden und konkretisiert sich situationsabhängig. Alle expliziten und impliziten Regeln, Normen, Kräfteverhältnisse und Wissensformationen können aus diskursanalytischer Perspektive als Machtstrukturen verstanden werden, die Einfluss auf Wahrheitsansprüche und (Sprach)Handlungen in einer Gesellschaft oder Gruppe nehmen.

Normalismus

Normalismus ist der zentrale Fachbegriff für die Diskurstheorie des Literaturwissenschaftlers Jürgen Link. Die Normalismus-Theorie fragt danach, wie sich Vorstellungen von ‚Normalität‘ und ‚Anormalität‘ als Leit- und Ordnungskategorien moderner Gesellschaften herausgebildet haben.

Wissen

Kollektives Wissen von sozialen Gruppen ist sowohl Voraussetzung als auch Ziel strategischer Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Es wird geprägt durch individuelle Erfahrung, aber auch in Diskursgemeinschaften kommunikativ geteilt – vor allem im Elternhaus, in Peergroups und Bildungseinrichtungen sowie durch Medienkonsum.

Werbung

Werbung ist ein Kommunikationsinstrument von Unternehmen, das der Positionierung im Markt dient und je nach Situation des Unternehmens auf Einführung, Erhalt oder Ausbau von Marktanteilen und damit letztlich auf ökonomischen Gewinn abzielt.

Mediale Kontrolle

Medien werden vielfältig zur Durchsetzung von Macht verwendet. So in der Zensur, wenn eine politische Selektion des Sagbaren und des Unsagbaren stattfindet; in der Propaganda, wenn eine Bevölkerung von den Ansichten oder wenigstens der Macht einer bestimmten Gruppe überzeugt werden soll; oder in der Überwachung, die unerwünschtes Verhalten nicht nur beobachten, sondern unwahrscheinlich machen soll.

Freund- und Feind-Begriffe

Freund-, Gegner- und Feindbegriffe sind Teil der Politischen Kommunikation. Sie bilden die Pole eines breiten Spektrums von kommunikativen Zeichen, mit denen politische Akteure sich selbst und ihre politischen Gegner im Kampf um beschränkte Ressourcen auf dem diskursiven Schlachtfeld positionieren.

Sprachpolitik / Sprachenpolitik

Sprachpolitik bezeichnet allgemein alle politischen Prozesse, die auf eine Beeinflussung der Sprachverwendung in einer Gesellschaft oder Sprachgemeinschaft abzielen. Unterschieden wird häufig zwischen Sprachenpolitik und Sprachpolitik im engeren Sinne.

Sagbarkeit

Im öffentlichen Diskurs findet sich häufig die strategische Behauptung, dass bestimmte Fakten oder Meinungen unsagbar seien. Auf diese Weise wird zum Ausdruck gebracht, dass es Grenzen des Sagbaren gebe, die im öffentlichen Diskurs Geltung hätten.

Techniken

Flugblatt

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Passivierung

Unter Passivierung versteht man die Formulierung eines Satzes in einer grammatischen Form des Passivs. Das Passiv ist gegenüber dem Aktiv durch die Verwendung von Hilfsverben formal komplexer. Seine Verwendung hat unter anderem zur Folge, dass handelnde Personen im Satz nicht genannt werden müssen, was beispielsweise in Gesetzestexten für eine (gewünschte) größtmögliche Abstraktion sorgt („Niemand darf wegen seines Geschlechts […] benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Art. 3 GG).

Aufopferungs-Topos

Als Aufopferungs-Topos wird in der Diskursforschung ein Argumentationsmuster bezeichnet, das zwei strategische Funktionen erfüllen kann: einerseits kann es dazu dienen, mit der Behauptung eines besonderen Ressourceneinsatzes (z.B. Einsatz von Geld, Zeit oder emotionaler Belastung) einen hohen Achtungswert für eine Person, eine Sache bzw. für ein Ziel zu plausibilisieren. Andererseits können Akteure besondere Privilegien (wie z.B. Wertschätzung, Entscheidungsbefugnisse und Mitspracherechte) reklamieren, wenn sie sich für eine bereits in der sozialen Bezugsgruppe hochgeschätzte Sache engagieren.

Opfer-Topos

Als Opfer-Topos bezeichnet man eine diskursive Argumentationsstrategie, bei der sich Akteure als ‚Opfer‘ gesellschaftlicher Urteilsbildung inszenieren und damit eigene Interessen – vor allem Aufmerksamkeit und Berücksichtigung von Bedürfnissen – geltend zu machen versuchen.

Analogie-Topos

Der Analogie-Topos zählt zu den allgemeinen bzw. kontextabstrakten Argumentationsmustern, die genutzt werden können, um für oder gegen eine Position zu argumentieren. Analogie-Topoi werden von verschiedenen Akteuren und Akteursgruppen strategisch eingesetzt, um eine zustimmende Haltung bei den Zielgruppen zu bewirken.

Negativpreis

Ein Negativpreis ist eine Auszeichnung an Personen oder Organisationen (meist Unternehmen), die sich oder ihre Produkte positiv darstellen und vermarkten, ihre Versprechen aus Sicht des Preisverleihers allerdings nicht einhalten. Dabei dient der Preis durch seine Vergabe vor allem dem Zweck, Aufmerksamkeit zu erregen, mediale Präsenz auf ein Thema zu lenken und den Preisträger in seinem moralischen Image zu beschädigen.

Wahlkampf

Wahlkämpfe sind Zeiten stark intensivierter politischer Kommunikation. Politische Parteien entwickeln Programme für die nächste Legislaturperiode in der Hoffnung, durch entsprechenden Stimmengewinn zu deren Umsetzung ermächtigt zu werden.

Wir

Das Pronomen wir erfüllt aber noch eine weitere diskursive Funktion: Ein Fundament des politischen Diskurses sind dynamische politische Ideologien: Glaubens- und Wissenssysteme von politischen und sozialen Gruppen.

Petition

Petitionen sind eine der am meisten genutzten Partizipationsformen nach Wahlen. Sie sind sowohl ein Mittel der politischen Beteiligung als auch ein Protestmittel und damit Zwitterwesen in der politischen Landschaft. Durch die Digitalisierung haben sich Petitionen zudem maßgeblich verändert, ihre Zahl hat zugenommen, ebenso wie die Zahl der Plattformen, auf denen sich Petitionen starten lassen.

Influencer / Influencerin

Influencer:innen sind Personen, die auf Social-Media-Plattformen regelmäßig selbst produzierte Inhalte publizieren und damit eine öffentliche Reichweite über ihre Follower:innen aufbauen. Influencer:innen haben das Potenzial, Rezipient:innen in ihrem Wissen, Einstellungen und Verhalten zu beeinflussen (engl. to influence).

Schlagwörter

Toxizität / das Toxische

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Zivilgesellschaft

Im gegenwärtigen deutschen Sprachgebrauch werden so heterogene Organisationen, Bewegungen und Initiativen wie ADAC und Gewerkschaften, Trachtenvereine und Verbraucherschutzorganisationen, Umweltorganisationen und religiöse Gemeinschaften zur Zivilgesellschaft gezählt.

Demokratie

Der Ausdruck Demokratie dient häufig zur Bezeichnung einer (parlamentarischen) Staatsform und suggeriert die mögliche Beteiligung aller an den Öffentlichen Angelegenheiten. Dabei ist seine Bedeutung weniger eindeutig als es den Anschein hat.

Plagiat/Plagiarismus

Plagiarismus ist ein Begriff, der sich im öffentlichen Diskurs gegen Personen oder Produkte richten kann, um diese in zuweilen skandalisierender Absicht einer Praxis unerlaubter intermedialer Bezugnahme zu bezichtigen. Die Illegitimität dieser Praxis wird oft mit vermeintlichen moralischen Verfehlungen in Verbindung gebracht.

Fake News

Fake News wird als Schlagwort im Kampf um Macht und Deutungshoheit in politischen Auseinandersetzungen verwendet, in denen sich die jeweiligen politischen Gegenspieler und ihre Anhänger wechselseitig der Lüge und der Verbreitung von Falschnachrichten zum Zweck der Manipulation der öffentlichen Meinung und der Bevölkerung bezichtigen.

Lügenpresse

Der Ausdruck Lügenpresse ist ein politisch instrumentalisierter „Schlachtruf“ oder „Kampfbegriff“ gegen etablierte und traditionelle Medien. Dabei wird häufig nicht einzelnen Medien-Akteuren, sondern der gesamten Medienbranche vorgeworfen, gezielt die Unwahrheit zu publizieren.

Antisemitismus

Mit Antisemitismus werden gemeinhin alle jene Phänomene bezeichnet, die sich gegen das Judentum oder gegen Jüdinnen*Juden als Jüdinnen*Juden richten. Die entsprechenden Erscheinungen reichen von der bloßen Distanzierung und Behauptung jüdischer Andersartigkeit, über vollständig ausgearbeitete Weltbilder, die Jüdinnen*Juden für sämtliche Probleme verantwortlich machen, bis hin zu massiven Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Gewaltpraktiken.

Grammatiknazi / Grammar Nazi

Das überwiegend negativ konnotierte Schlagwort Grammatiknazi – als Übersetzung von engl. grammar nazi – wird zur Benennung von Personen verwendet, die meist in eher informellen Kontexten der öffentlichen Internetkommunikation (u. a. in Foren, Kommentarbereichen auf Nachrichtenportalen, sozialen Netzwerken) ungefragt Sprachkritik an den Äußerungen anderer (häufig fremder) Kommunikationsteilnehmer*innen üben.

Respekt

Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität.

Geschlechtergerechte Sprache

Mit dem heute als Fahnenwort gebrauchten Ausdruck geschlechtergerechte Sprache ist die Forderung verbunden, bei Personenbezeichnungen die einseitige, für diskriminierend erklärte Bezugnahme auf einen bestimmten Sexus, konkret: auf das männliche Geschlecht, zu unterlassen.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Neue Beiträge Zur Diskursforschung 2023

Mit Beginn des Wintersemesters laden die Forschungsgruppen CoSoDi und Diskursmonitor sowie die Akademie diskursiv ein zur Vortragsreihe Neue Beiträge Zur Diskursforschung. Als interdisziplinäres Forschungsfeld bietet die Diskursforschung eine Vielzahl an...

Tagung: Diskursintervention (31.01.2019–01.02.2019)

Welchen Beitrag kann (bzw. muss) die Diskursforschung zur Kultivierung öffentlicher Diskurse leisten? Was kann ein transparenter, normativer Maßstab zur Bewertung sozialer und gesellschaftlicher Diskursverhältnisse sein?

Was ist ein Volk?

Dass „Volk“ ein höchst schillernder und vielschichtiger politischer Leitbegriff der vergangenen Jahrhunderte gewesen ist (und nach wie vor ist), kann man schon daran erkennen, dass der Eintrag „Volk, Nation“ in Brunner, Conze & Kosellecks großem Nachschlagwerk zur politischen Begriffsgeschichte mehr als 300 Seiten umfasst.

Antitotalitär? Antiextremistisch? Wehrhaft!

Im Herbst 2022 veranstalteten die Sender des Deutschlandradios eine Kampagne mit Hörerbeteiligung zur Auswahl eines Themas, mit dem sich ihre sogenannte „Denkfabrik“ über das kommende Jahr intensiv beschäftigen solle. Fünf Themen standen zur Auswahl, „wehrhafte Demokratie“ wurde gewählt, wenig überraschend angesichts des andauernden Krieges in der Ukraine…