DiskursGlossar

Autoritäts-Topos

Kategorie: Techniken
Verwandte Ausdrücke: Experten-Topos, Argumentationsmuster
Siehe auch: Topos, Analogie- /Exemplum-Topos, Konsequenz-Topos, Topos der düsteren Zukunft, Topos vom wirtschaftlichen Nutzen, Be(Über)lastungs-Topos, Gerechtigkeitsargument, Differenzierungstopos, Opfer-Topos
Autor: Martin Wengeler
Version: 1.0 / Datum: 18.10.2021

Kurzzusammenfassung

Was die Autorität X über die normative These Y sagt, stimmt.
X sagt, daß Y anzunehmen/abzulehnen ist.
Also: Y ist anzunehmen/abzulehnen. (Kienpointner 1996, S. 168f.)

So wird – angelehnt an formallogische Darstellungen von Argumentationen (Oberprämisse plus Unterprämisse ergeben die Konklusion) – mit Bezug oder unter Berufung auf Autoritäten, oft auf Wissenschaftlerinnen/Experten in politischen Debatten häufig argumentiert, in diesem Fall bezüglich der Richtigkeit/Angemessenheit einer Bewertung. Übertragbar ist das Schema auch auf die Rechtfertigung der Wahrheit eines Sachverhalts: Wenn oder weil Autorität X über den Sachverhalt Y aussagt, dass er wahr/wahrscheinlich ist, ist der Sachverhalt Y wahr/wahrscheinlich. In den letzten Jahren ist die Leerstelle X oft gefüllt gewesen mit dem Virologen A, dem Robert Koch-Institut, der Klimawissenschaftlerin B oder dem Weltklimarat. Aber Autoritätsargumentationen sind nicht unumstritten. Denn oft gibt es nicht ,die Wissenschaft‘, auf die man sich berufen kann, wissenschaftliche Erkenntnisse sind nicht allgemein anerkannt, es gibt Expertinnen und Gegenexperten. Insofern wird politisch darum gestritten, auf welche Autorität sich zu Recht berufen werden kann. Und es gibt – geschichtlich wie aktuell – Autoritäten jenseits des wissenschaftlich-aufgeklärten Weltbildes, auf die sich berufen werden kann, z.B. auf die Bibel oder auf den Koran. Gerade bezüglich der aktuellen Themen Corona und Klima aber ist der Autoritäts-Topos allgegenwärtig.

Erweiterte Begriffsklärung

Beim Autoritäts-Topos nun werden Autoritäten/Experten angeführt, um von der Wahrheit oder Richtigkeit einer Aussage oder einer Bewertung zu überzeugen: Wenn Autorität X etwas sagt oder etwas so und so bewertet, dann ist das der Fall bzw. dann ist die Bewertung richtig. Während etwa im christlichen Mittelalter und in der frühen Neuzeit vieles unter Berufung auf die Autorität der Bibel behauptet oder für richtig oder falsch bewertet werden konnte (vgl. Schwitalla 1983 für Flugschriften der Reformationszeit oder Klein 2003 für die Rechtfertigung von Kreuzzügen), ist heute die Berufung auf wissenschaftliche Erkenntnisse, auf bestimmte WissenschaftlerInnen bzw. ,die Wissenschaft‘ im europäischen Kulturraum die häufigste Ausprägung einer Argumentation mit Autoritäten. Insbesondere bezüglich der Corona- und der Klima-Krise ist der Autoritäts-Topos in den letzten Jahren omnipräsent und weithin als wesentliche Berufungsinstanz für die Begründung/Rechtfertigung politischer Entscheidungen anerkannt – von Angela Merkels „Wir hören auf die Wissenschaft“ und der damit einhergehenden öffentlichen Wahrnehmung von VirologInnen und des Robert Koch-Instituts als politische Entscheidungsträger bis hin zu Greta Thunbergs und fridays for futures zentraler Argumentation, dass die Klimawissenschaft oder der Weltklimarat bestimmte Diagnosen und Prognosen bereithalten, aus denen politische Entscheidungen/Handlungen etc. quasi-logisch abzuleiten seien: ‚Weil der Weltklimarat sagt, dass die Erderwärmung im Jahre X so und so hoch sein wird und daraus bestimmte Gefahren erwachsen, denen mit einem schnelleren Kohleausstieg begegnet werden muss, soll die Politik den Kohleausstieg bis 2030 beschließen‘ [oder ähnlich im Original: „[…] braucht es einen Kohleausstieg im Jahr 2030 – der laut zahlreichen Studien eindeutig möglich und zwingend notwendig ist.“ (fridays for future 2020)] Und gerade populäre wissenschaftsjournalistische Formate und Erklärer wie Harald Lesch, Ranga Yogeshwar, Quarks oder maiLab, aber auch ,Influencer‘ als Politik-Erklärer wie Rezo nutzen intensiv den Autoritäts-Topos, insofern immer wieder Bezug genommen wird darauf, dass Studien das Gesagte belegt hätten, etwas wissenschaftlich erwiesen sei oder dass Gutachten, Untersuchungsausschüsse o.Ä. das Gesagte/Behauptete/die Bewertung des Gesagten so herausgefunden oder bestätigt hätten. Wichtig ist: Damit soll diese Argumentation weder inhaltlich noch grundsätzlich beurteilt, sondern nur angedeutet werden, wie zentral gerade in Krisen-Diskussionen der Gegenwart vor allem der Experten-Topos ist.

Wie etwas, das jahrelang u.a. auch mit Berufung auf Experten als wahr und richtig in einem Bereich öffentlich vermittelt worden ist, politische Entscheidungen legitimiert, zeigt David Römer (2017) in seiner Arbeit über Wirtschaftskrisendiskurse. Es wird deutlich, wie hier WissenschaftlerInnen, in dem Fall ÖkonomInnen, durchaus unterschiedliche Wahrheiten/Erkenntnisse/Studien/Forschungsergebnisse haben, dass sich aber eine Sichtweise, die auch mit Berufung auf die Wissenschaft als ,wahr‘ und ,richtig‘ begründet wird, für die Rechtfertigung z.B. der Agenda 2010 durchgesetzt hat: Der dabei mit vermittelte Glaube an einen angeblich ausgeuferten Sozialstaat, daran, dass Staatsverschuldung des Teufels ist, und somit an die sog. ,Schwarze Null‘ wird z.B. im Podcast Wohlstand für alle von Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt seit einiger Zeit mit Berufung auf eine alternative Autorität, eine andere ökonomische Theorie, die modern monetary theory, infrage gestellt (für den Podcast siehe hier). Und so gibt es auch bezüglich Corona und Klima (leider) z.T. alternative Experten, auf die sich gerade in Netzformaten mit dem gleichen Argumentations-Topos berufen wird.

Neben einzelnen Experten oder einer Wissenschaft sowie den genannten religiösen Autoritäten können Argumentierende sich auch auf allgemein anerkannte Texte wie Verfassungen, Vorschriften, die UN-Charta der Menschenrechte, die Genfer Flüchtlingskonvention oder kanonische Werke von Luther über Kant bis zu Marx oder Habermas berufen sowie auch auf unbestimmte Autoritäten wie ,die Mehrheit‘, ,alle politisch Verantwortlichen‘ oder ,die Ökonomen‘. Ottmers (1996, S. 111 f.) erwähnt auch fiktive Autoritäten wie Verstorbene (wenn X mich jetzt hören könnte, würde sie mich unterstützen) oder Tiere (Katzen würden Whiskas kaufen) oder die argumentierende Person selbst als Autorität (weil ich das erfahren/selbst gesehen habe/mich da besonders gut auskenne).

Das zuletzt Angesprochene führt zur Frage, inwieweit solche Autoritäts-Argumentationen kritisch hinterfragt werden können und wie zu erkennen oder zu beurteilen ist, ob Argumentationen mit Berufung auf (wissenschaftliche) Autoritäten anzuerkennen sind. Die Tatsache etwa, dass sich in den Debatten um angemessene Maßnahmen zur Bekämpfung des Corona-Virus die einen schon einmal auf den Virologen X, die anderen auf Virologin Y berufen haben, zeigt die Notwendigkeit solcher Überlegungen.

Grundsätzlich gibt es in der Theorie der Fehlschlüsse, wie sie auch schon seit der Antike in der Rhetorik entwickelt wird und in der Neuen Rhetorik systematischer u.a. von van Eemeren/Grootendorst (2016) und Reisigl (2007) ausgearbeitet wird, das ,argumentum ad verecundiam‘, also den ,Appell an die Ehrfurcht‘ gegenüber angeführten Autoritäten, bei dem durch die Nennung von Titeln, Verdiensten, gesellschaftlichen (Macht-)Positionen u.Ä. allein schon die Wahrheit oder Richtigkeit eines Arguments beglaubigt, überzeugungskräftig gemacht werden soll. „Die blinde und uneingeschränkt autoritätsgläubige Berufung auf das Wissen von Fachleuten oder die moralische Kompetenz von Respektspersonen wird zu Recht als Trugschluß eingestuft“, leitet Kienpointner (1996, S. 170) in seiner populärwissenschaftlichen Anleitung „Vernünftig argumentieren“ seine Überlegungen dazu ein, was plausible von trugschlüssigen Autoritätsargumenten unterscheide. Ich referiere seine Kriterien, weil ich sie als Leitfaden für eine Beurteilung von Autoritätsargumenten für sinnvoll halte, auch wenn sie keine endgültige Klarheit darüber geben (können), wessen Autoritäts-Topos Zuhörende zu Recht überzeugen kann: Die Autoritätsperson müsse „korrekt zitiert werden“, „sollte auf ihrem Fachgebiet anerkannt sein“, „sollte das betreffende Urteil auf ihrem Fachgebiet abge[ge]ben [haben]“, „ihr Urteil unvoreingenommen abge[ge]ben [haben]“, „durch andere Autoritäten überprüfbar sein“ und „durch das Einholen von Ansichten von Gegenautoritäten überprüft werden“ (ebd., S. 170f.).

Beispiele

(1) Es müsse bei den Koalitionsverhandlungen, sagt ein FDP-Politiker, „die Bepreisung von Kohlendioxid in den Vordergrund gerückt werden […]. Er bezog sich dabei ausdrücklich auf den Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Ottmar Edenhofer. Dieser schlägt vor, den CO2-Preis für Gas, Heizöl, Benzin und Diesel in mehreren Schritten deutlich zu erhöhen und zugleich ärmere Haushalte zu entlasten.“ (Frankfurter Rundschau 28.9.2021, S. 3) In prototypischer Weise für den Klimadiskurs spricht sich ein FDP-Politiker für etwas aus, weil ein renommierter Klimaforscher dies vorgeschlagen hat. Prototypisch für politische Debatten ist auch, dass der Autoritäts-Topos (wie andere Topoi auch) nicht ausdrücklich ausgeführt wird, sondern dass der Bezug auf Aussagen eines Klimaforschers ausreicht, um das implikatierte Muster (Vorwissen) beim Rezipienten abzurufen. Auf der Startseite der fridays for future ist der Autoritäts-Topos zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Artikels weitaus prominenter platziert: „Wissenschaftler*innen sagen: Kohleausstieg muss schneller passieren“ (fridays for future 2020). Sie sagen dies auf der Grundlage von ,Studien‘ und deshalb muss, so die Argumentation der fridays for future, der Kohleausstieg auch früher erfolgen – eine doppelte Autoritätsargumentation mit Berufung auf die Personen, also die Experten, die sich wiederum auf ihre ,Studien‘ berufen. Während in diesem Themenfeld die allen politischen Entscheidungen zugrundeliegende Tatsache des menschengemachten Klimawandels nur von wenigen Experten, auf die sich AfD und andere Rechtspopulisten berufen, bestritten wird, geht die politische Auseinandersetzung darum, welche politischen Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels beschlossen werden müssen – und da können sich verschiedene Positionen wiederum auf konkurrierende ExpertInnen berufen.

(2) Dies war auch bezüglich der Angemessenheit von Maßnahmen gegen die Verbreitung des Corona-Virus möglich, bei der sich nicht nur das wissenschaftliche Wissen schnell änderte und daher im Zeitverlauf unterschiedliche Maßnahmen unter Berufung auf ,die Virologen‘ gerechtfertigt wurden, sondern auch zeitgleich aus ,der Wissenschaft‘ unterschiedliche Ratschläge kamen. Bemerkenswert war hier jedenfalls, dass – anders als beim Thema ‚Maßnahmen zum Klimaschutz‘ – maßgebliche politische AkteurInnen von Beginn an auf die Wissenschaft, die VirologInnen beriefen, um ihre Entscheidungen und Empfehlungen zu rechtfertigen – prototypisch bereits in Angela Merkels Fernsehansprache zu Beginn der Pandemie am 18.3.2020: „Zur Epidemie – und alles was ich Ihnen dazu sage, kommt aus den ständigen Beratungen der Bundesregierung mit den Experten des Robert-Koch-Instituts und anderen Wissenschaftlern und Virologen […]. Der Rat der Virologen ist ja eindeutig: Kein Handschlag mehr, gründlich und oft die Hände waschen, mindestens eineinhalb Meter Abstand zum Nächsten und am besten kaum noch Kontakte zu den ganz Alten, weil sie eben besonders gefährdet sind.“ (nwzonline 2020) Dieses eindeutige „Wir hören auf die Wissenschaft“ der Kanzlerin bzw. der Bundesregierung hatten und haben viele bezüglich Entscheidungen zur Abwendung der Klimakatastrophe vermisst, aber auch hinsichtlich der Bewältigung der Corona-Krise wurde in der öffentlich-politischen Diskussion immer wieder klar, dass solche Berufungen auf eine scheinbar eindeutige Stimme ,der Wissenschaft‘ auch diskutabel sind. Nicht nur gibt es andere Wissenschaften als die Virologie, die etwas zur Bewältigung der Probleme beitragen können, sondern auch die Virologie konnte oft nicht mit eindeutigen Ergebnissen, aus denen sich unmittelbar politische Entscheidungen ableiten ließen, aufwarten.

(3) Ein dritter Bereich, in dem sich aktuell für verschiedene Positionen auf Expertise berufen wird, ist die Frage gendergerechter Sprache. Diejenigen, die das generische Maskulinum für problematisch halten, die also alternative grammatische Formen zur Referenz auf gemischtgeschlechtliche Personengruppen bevorzugen bzw. fordern, um Frauen und in den letzten Jahren auch nicht-binär zuzuordnende Personen sprachlich mitzurepräsentieren, also nicht nur implizit mitzumeinen, sondern sie auch explizit zu benennen – die also neben Doppelschreibungen wie Lehrerinnen und Lehrer auch das Binnen-I (AnhängerInnen) oder Zeichen, mit denen alle geschlechtlichen Identitäten sichtbar gemacht werden sollen, also etwa den Stern, den Unterstrich oder den Doppelpunkt (Student*innen, Student_innen, Student:innen) –, berufen sich, zumindest was die Ablehnung des generischen Maskulinums angeht, ebenfalls auf wissenschaftliche Studien: Psycholinguistische Experimente/Studien/Untersuchungen bewiesen, dass mit der grammatischen Form Maskulinum Frauen nicht oder jedenfalls nicht in gleichem Maße wie Männer mitgemeint oder mitgedacht würden. Ein beliebiges prototypisches Beispiel: „Auch psychologische Experimente zeigen, dass männliche Personenbezeichnungen und Maskulina allgemein zunächst männlich interpretiert werden […].“ (Stefanowitsch 2018, S. 36) Auf der anderen Seite berufen sich GegnerInnen bestimmter Vorschläge zu gendergerechten Schreibweisen häufig auf die Autorität des Duden oder des Rats für deutsche Rechtschreibung, um bestimmte Schreibweisen als falsch, nicht erlaubt oder als zu kompliziert abzulehnen. Das geht bis hin zu behördlichen Vorschriften, gendergerechte Sprache nicht zu verwenden, weil der Rat für deutsche Rechtschreibung sie nicht erlaube: „Laut Karin Prien (CDU), Bildungsministerin von Schleswig-Holstein, darf in Schulaufsätzen und Klassenarbeiten keine Gendersprache benutzt werden. […] Gendersternchen, Binnen-I und Unterstrich entsprächen nicht den Regeln des Rates für deutsche Rechtschreibung und seien daher nicht korrekt […].“ (Redaktionsnetzwerk Deutschland 2021).

 

Literatur

Zitierte Literatur

  • Bornscheuer, Lothar (1976): Topik. Zur Struktur der gesellschaftlichen Einbildungskraft. Frankfurt a.M.: suhrkamp.
  • Kienpointner, Manfred (1992): Alltagslogik. Struktur und Funktion von Argumentationsmustern. Stuttgart-Bad Cannstatt: frommann-holzboog.
  • Kienpointner, Manfred (1996): Vernünftig argumentieren. Regeln und Techniken der Diskussion. Reinbek: rororo.
  • Kienpointner, Manfred (2017): Topoi. In: Roth, Kersten Sven/Wengeler, Martin/Ziem, Alexander (Hg.): Handbuch Sprache in Politik und Gesellschaft. Berlin/Boston: de Gruyter, 187-211.
  • Klein, Josef (2003): Politische Rede. In: Ueding, Gert (Hg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Tübingen: Niemeyer, Band 6, 1469-1517.
  • Ottmers, Clemens (1996): Rhetorik. Stuttgart/Weimar: Metzler.
  • Reisigl, Martin (2007): Nationale Rhetorik in Fest- und Gedenkreden. Eine diskursanalytische Studie zum ‘österreichischen Millenium’ in den Jahren 1946 und 1996. Tübingen: Stauffenburg.
  • Römer, David (2017): Wirtschaftskrisen. Eine linguistische Diskursgeschichte. Berlin/Boston: de Gruyter.
  • Schwitalla, Johannes (1983): Deutsche Flugschriften 1460-1525. Textsortengeschichtliche Studien. Tübingen: Niemeyer.
  • Stefanowitsch, Anatol (2018): Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen. Berlin: Duden.
  • Toulmin, Stephen (1975): Der Gebrauch von Argumenten. Kronberg/Ts.
  • van Eemeren, Frans H./Gootendorst, Rob (2016): Argumentation, Communication, and Fallacies. A pragma-dialectical approach. London/New York: Routledge.
  • Fridaysfortuture (2020): Wissenschaftler*innen sagen: Kohleausstieg muss schneller passieren. Unter: https://fridaysforfuture.de/sff-statement-kohleeinstieg/. Zugriff 04.10.2021.
  • Redaktionsnetzwerk Deutschland (2021): Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Prien: Gendern in der Schule ist falsch. Unter: https://www.rnd.de/politik/schleswig-holsteins-bildungsministerin-prien-gendern-in-der-schule-ist-falsch-NLJ3TGNOCJCTPFNR2Y7IYTNB2E.html. Zugriff 04.10.2021
  • Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt: Modern Monetary Theory (2020): Warum ein Staat nie pleite geht – WOHLSTAND FÜR ALLE Ep. 25. Podcast. Unter: https://www.youtube.com/watch?v=N6q0UWgdmbQ. Zugriff:14.10.2021.
  • Nordwest-Zeitung Online (2020): Coroma-Rede im Wortlaut. Unter: https://www.nwzonline.de/politik/berlin-corona-rede-im-wortlaut-lesen-sie-hier-merkels-ansprache-an-die-nation_a_50,7,2821516659.html#. Zugriff 14.10.21

Zum Weiterlesen

  • Kienpointner, Manfred (1992): Alltagslogik. Struktur und Funktion von Argumentationsmustern. Stuttgart-Bad Cannstatt: frommann-holzboog. S. 393-402.
  • Kienpointner, Manfred (1996): Vernünftig argumentieren. Regeln und Techniken der Diskussion. Reinbek: rororo. S. 168-176.

Zitiervorschlag

Wengeler, Martin (2021): Autoritäts-Topos. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 18.10.2021. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/Autoritätstopos-Expertentopos.

Grundbegriffe

Topos

Ein Topos (Plural: Topoi) ist als ein Argumentationsmuster ein allgemeines Formprinzip, nach dem Argumente gebildet werden können. Als allgemeiner, formaler bzw. kontextabstrakter Topos kann er für oder gegen jede in Frage stehende Position angeführt werden. Topoi gehören zum kollektiven Wissen aller, die sich argumentativ äußern.

Strategische Kommunikation

Der Ausdruck Strategische Kommunikation bezeichnet ein Bündel an zeichenbasierten und in der Regel mediengestützten Aktivitäten, mit denen Individuen, Gruppen oder Organisationen versuchen, die Akzeptanz für ihre politischen, ökonomischen, rechtlichen oder anderweitig motivierten Interessen bei ausgewählten Zielgruppen zu halten oder zu erhöhen.

Korpus

In den Sprach- als auch Literaturwissenschaften versteht man unter Korpora ganz allgemein Textsammlungen.

Protest

Protest ist die kollektive Artikulation von Unbehagen, Kritik oder Veränderungswillen, der sich in bestimmten Handlungen außerhalb etablierter institutioneller Kanäle des politischen Systems äußert. Organisiert wird Protest meist von Initiativen, politischen Gruppierungen oder sozialen Bewegungen in Form von Petitionen, Flugblattaktionen, Demonstrationen, Blockaden, Streiks, Happenings und andere Interventionen in der Öffentlichkeit – in direkter Präsenz, unter Einsatz des Körpers oder auch im virtuellen Raum.

Erzählen

Erzählen ist eine rekonstruktive und kommunikative Tätigkeit, in der für gewöhnlich eine vermittelnde Instanz ein Geschehen darstellt. Die Darstellung kann ein/e ErzählerIn vornehmen (entspricht einer engen Definition des Erzählens) oder sie kann medial anders – beispielsweise filmisch – dargeboten werden (entspricht einer weiten Definition des Erzählens). Dabei beruht das dargestellte Geschehen auf mindestens einem Ereignis.

Konnotation

Konnotation ist ein Fachbegriff, mit dem in der Sprachwissenschaft und benachbarten Disziplinen die Nebenbedeutung (oder der ‚Nebensinn‘) eines Ausdrucks bezeichnet wird. Die konnotative Bedeutung umfasst oft wertende (evaluative) oder handlungsauffordernde (deontische) Aspekte, die mit dem Gebrauch eines Ausdrucks aufgerufen werden können.

Framing

Kommunikationswissenschaftlicher Fachausdruck für den Deutungs- und Bewertungsrahmen, der durch einen politischen Begriff aufgerufen oder ihm fallweise beigegeben wird.

Dramaturgie

Im Rahmen strategischer Kommunikation steht Dramaturgie als Beschreibungsbegriff für den gezielten Rückgriff auf typische dramatische Muster bei der Inszenierung von Ereignissen.

Schlagwort

Im Feld der politischen Kommunikation sind Schlagwörter Ausdrücke, mit denen Positionen, Programme, Tendenzen oder Sachverhalte in verdichteter Form, wertend und mit emotionaler Aufladung präsentiert werden, z.B. als (positiv besetzte) Fahnenwörter wie Demokratie, als (negativ besetzte) Stigmawörter wie Chaot oder als Hochwertwörter wie Kultur.

Guerillakommunikation

Guerillakommunikation steht für die Beobachtung, dass es Formen der Kommunikation gibt, die von normalen bzw. als normal geltenden Kommunikationsformen abweichen und mit diesen in Konflikt stehen. Die Markierung als Guerillakommunikation (von span. guerrilla = Kleinkrieg) verweist dabei auf asymmetrische Konflikte, die aus einer unterlegenen Position heraus kommunikativ ausgetragen werden.

Techniken

Gewaltaufruf

Gewaltaufrufe initiieren und unterstützen eine von nahezu allen sozialen Gruppen ausgeübte kulturelle Praxis, individuelle wie kollektive Konfliktsituationen nicht mit diskursiven, friedlichen Mitteln zu lösen, sondern durch aggressives, repressives, verletzendes und zerstörendes bzw. Verletzung androhendes Handeln, das sowohl auf den Körper wie auf die Psyche von Menschen einwirken kann.

Untersuchungsausschuss

Untersuchungsausschüsse sind ein Kernbestandteil parlamentarischer Kontrolle in Deutschland. Als Verfahren, die zu einem großen Teil öffentlich durchgeführt werden, dienen sie dazu, politische Skandale der Regierung und Verwaltung aufzuarbeiten. Durch ihre Abschlussberichte, die dem Parlament vorgelegt werden, sollen Fehler der Exekutive sichtbar gemacht und Handlungsempfehlungen beschlossen werden.

Kalkulierter Verfassungsverstoß

Der Ausdruck ist paradox und insofern ein Prädikat aus der Beobachtung zweiter Ordnung. Handelnde pflegen ihrem eigenen Verständnis nach nicht kalkuliert – also rechtlich gesprochen: vorsätzlich – gegen die Verfassung zu verstoßen. Ein kalkulierter Verfassungsverstoß ist einem kalkulierten Mord nicht ähnlich.

Lexikalisches Diffundieren

Lexikalisches Diffundieren besteht darin, Begriffe – vor allem Positivbegriffe, die eng mit dem politischen Gegner assoziiert werden – zu meiden und zu ‚ersetzen‘ durch eine Anzahl wechselnder bedeutungsähnlicher Begriffe jenseits des Vokabulars, das dem politischen Gegner zugerechnet wird.

Berichterstattungsmuster

Die Komplexität entsteht aus den unterschiedlichen Ebenen , die zusammengeführt werden in Berichterstattungsmustern. Sie symbolisieren Funktionen des Journalismus (informieren, kritisieren und kontrollieren, unterhalten) ebenso wie Ziele und Praktiken von Redaktionen (Gewinnmaximierung) und sie verweisen auf berufsstrukturelle Aspekte (Rollenselbstverständnis, Wert- und Normvorstellungen).

Euphemismus

Der Ausdruck Euphemisierung ist eine sprachliche Strategie, die den Einsatz von sprachlichen Mitteln mit verhüllender, verschleiernder, beschönigender, abschwächender Funktion im öffentlichen Sprachgebrauch meint.

Adbusting

Adbusting (Englisch: aus „ad“ – Kurzform von „advertisement“ = ‚Werbung‘ und „to bust“ = ugs. ‚zerschlagen‘) ist die Bezeichnung für eine Reihe von kommunikativen Praktiken, die zur Verfremdung kommerzieller und politischer Werbung im öffentlichen Raum eingesetzt werden. Heutzutage spielen die Sozialen Medien eine zunehmende Rolle, da erstens digitale Bearbeitungstechniken eingesetzt werden können und zweitens durch jene ein ungleich größeres Publikum erreicht wird.

False Flag

« Zurück zur ArtikelübersichtFalse Flag (Operation) Kategorie: TechnikenVerwandte Ausdrücke: Lockspitzel, agent provocateurSiehe auch: Guerillakommunikation, Propaganda, Fake-News, Täuschung, CamouflageAutorin: Christin Kölsch, Friedemann VogelVersion: 1.0 / Datum:...

Greenwashing

Unternehmen, Regierungen, Parteien oder Organisationen bedienen sich verschiedener Praktiken, um ihr Handeln in der Öffentlichkeit ökologischer und nachhaltiger darzustellen, als es tatsächlich ist.

Entlarven

Entlarven ist als kritische Alltagstechnik zentral und allgegenwärtig, und aus diesem Grund so gut wie unsichtbar und wenig reflektiert. Entlarven besteht darin, das erklärte hohe Motiv einer Handlung durch Zuschreibung eines niedrigeren Motivs zu ersetzen.

Schlagwörter

Geschlechtergerechte Sprache

Mit dem heute als Fahnenwort gebrauchten Ausdruck geschlechtergerechte Sprache ist die Forderung verbunden, bei Personenbezeichnungen die einseitige, für diskriminierend erklärte Bezugnahme auf einen bestimmten Sexus, konkret: auf das männliche Geschlecht, zu unterlassen.

Identitätspolitik

Der Ausdruck steht heute für eine politische Konstellation, in der konkurrierende Wir-Gemeinschaften mit einer Diskriminierungs- und Benachteiligungsgeschichte in der Öffentlichkeit um Anerkennung konkurrieren. An der Oberfläche geht es ‚identitären‘ Wir-Gemeinschaften darum, die eigene Diskriminierung als Ermächtigungsmotiv an die Öffentlichkeit zu tragen.

Cancel Culture

Cancel Culture ist ein Kampf- und Stigmawort, das sich in skandalisierender Absicht gegen die Praxis (und oft auch bereits gegen die Forderung) des Absagens, Ausladens, Boykottierens moralisch missliebiger und politisch bekämpfter Personen, Organisationen und Positionen in Wissenschaft, Kultur und Politik wendet.

Elite

Einmal wird unter Elite eine Auswahl der Besten und Leistungsfähigsten verstanden, einmal in distanzierender Weise eine abgehobene ‚Kaste‘ der Reichen und Mächtigen im Gegensatz zum Volk. Erstere Variante wird in der Regel zur Verteidigung der etablierten Ordnung verwendet, letztere vor allem von Rechtspopulisten.

Altpartei

Der Ausdruck Altpartei wird in jüngerer Zeit häufig im Kontext des Aufstiegs des Rechtspopulismus und der AfD gebraucht. Dabei lassen sich hauptsächlich zwei Gebrauchsvarianten beobachten: Einerseits richtet sich der Ausdruck in abwertender Weise gegen etablierte Parteien, andererseits taucht er oft in sprachkritischen Kontexten auf, wo seine Verwendung und seine Sprecher kritisiert oder diskreditiert werden.

Verschwörungstheorie

Der Ausdruck gibt sich in der medialen Öffentlichkeit als analytisches Konzept, ist aber zugleich performativ hoch wirksam als Ausschluss aller erfolgreich so benannten Konzepte aus der rationalen öffentlichen Kommunikation.

Inklusion

Inklusion hat sich, ausgehend von einem soziologischen Fachterminus gleichen Namens, in den zwei vergangenen Jahrzehnten zu einem interdiskursiven und allgemeinen Programmbegriff gewandelt.

Innovation

Innovation gehört seit den 60er Jahren zu den häufig verwendeten Schlag– bzw. Fahnenwörtern, vor allem in den Feldern von Ökonomie und Politik. Konzepte und Vorhaben mit der Überschrift Innovation werden oft als Sachzwänge dargestellt, gegen die Einwände als nicht legitim erscheinen.

Postwachstum

Postwachstum ist im deutschsprachigen Diskurs Beschreibungsbegriff und Forderung zugleich: In einer Welt mit endlichen natürlichen Ressourcen müsse die bisher von Wirtschaftswachstum und Ausbeutung abhängige globale Ökonomie radikal verändert werden, um langfristig die menschliche Existenz zu sichern.

Propaganda

Propaganda als Kommunikationstechnik und -praxis umfasst eine Vielzahl von sprachlichen und visuellen, meist mediengestützten Formen der gezielten Beeinflussung und Steuerung des Denkens, Fühlens und Handelns von Menschen.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen