DiskursGlossar

Autoritäts-Topos

Kategorie: Techniken
Verwandte Ausdrücke: Experten-Topos, Argumentationsmuster
Siehe auch: Topos, Analogie- /Exemplum-Topos, Konsequenz-Topos, Topos der düsteren Zukunft, Topos vom wirtschaftlichen Nutzen, Be(Über)lastungs-Topos, Gerechtigkeitsargument, Differenzierungstopos, Opfer-Topos
Autor: Martin Wengeler
Version: 1.1 / Datum: 18.10.2021

Kurzzusammenfassung

Mit dem Autoritäts-Topos wird – angelehnt an formallogische Darstellungen von Argumentationen (Oberprämisse plus Unterprämisse ergeben die Konklusion) – mit Bezug oder unter Berufung auf Autoritäten, oft auf Wissenschaftlerinnen/Experten, in politischen Debatten häufig argumentiert, in diesem Fall bezüglich der Richtigkeit/Angemessenheit einer Bewertung:

Was die Autorität X über die normative These Y sagt, stimmt.
X sagt, daß Y anzunehmen/abzulehnen ist.
Also: Y ist anzunehmen/abzulehnen.
(Kienpointner 1996: 168 f.)

Übertragbar ist das Schema auch auf die Rechtfertigung der Wahrheit eines Sachverhalts: Wenn oder weil Autorität X über den Sachverhalt Y aussagt, dass er wahr/wahrscheinlich ist, ist der Sachverhalt Y wahr/wahrscheinlich. In den letzten Jahren ist die Leerstelle X oft gefüllt gewesen mit dem Virologen A, dem Robert Koch-Institut, der Klimawissenschaftlerin B oder dem Weltklimarat. Aber Autoritätsargumentationen sind nicht unumstritten. Denn oft gibt es nicht ,die Wissenschaft‘, auf die man sich berufen kann, wissenschaftliche Erkenntnisse sind nicht allgemein anerkannt, es gibt Expertinnen und Gegenexperten. Insofern wird politisch darum gestritten, auf welche Autorität sich zu Recht berufen werden kann. Und es gibt – geschichtlich wie aktuell – Autoritäten jenseits des wissenschaftlich-aufgeklärten Weltbildes, auf die sich berufen werden kann, z.B. auf die Bibel oder auf den Koran. Gerade bezüglich der aktuellen Themen Corona und Klima aber ist der Autoritäts-Topos allgegenwärtig.

Erweiterte Begriffsklärung

Beim Autoritäts-Topos nun werden Autoritäten/Experten angeführt, um von der Wahrheit oder Richtigkeit einer Aussage oder einer Bewertung zu überzeugen: Wenn Autorität X etwas sagt oder etwas so und so bewertet, dann ist das der Fall bzw. dann ist die Bewertung richtig. Während etwa im christlichen Mittelalter und in der frühen Neuzeit vieles unter Berufung auf die Autorität der Bibel behauptet oder für richtig oder falsch bewertet werden konnte (vgl. Schwitalla 1983 für Flugschriften der Reformationszeit oder Klein 2003 für die Rechtfertigung von Kreuzzügen), ist heute die Berufung auf wissenschaftliche Erkenntnisse, auf bestimmte WissenschaftlerInnen bzw. ,die Wissenschaft‘ im europäischen Kulturraum die häufigste Ausprägung einer Argumentation mit Autoritäten. Insbesondere bezüglich der Corona- und der Klima-Krise ist der Autoritäts-Topos in den letzten Jahren omnipräsent und weithin als wesentliche Berufungsinstanz für die Begründung/Rechtfertigung politischer Entscheidungen anerkannt – von Angela Merkels „Wir hören auf die Wissenschaft“ und der damit einhergehenden öffentlichen Wahrnehmung von VirologInnen und des Robert Koch-Instituts als politische Entscheidungsträger bis hin zu Greta Thunbergs und Fridays For Futures zentraler Argumentation, dass die Klimawissenschaft oder der Weltklimarat bestimmte Diagnosen und Prognosen bereithalten, aus denen politische Entscheidungen/Handlungen etc. quasi-logisch abzuleiten seien: ‚Weil der Weltklimarat sagt, dass die Erderwärmung im Jahre X so und so hoch sein wird und daraus bestimmte Gefahren erwachsen, denen mit einem schnelleren Kohleausstieg begegnet werden muss, soll die Politik den Kohleausstieg bis 2030 beschließen‘ [oder ähnlich im Original: „[…] braucht es einen Kohleausstieg im Jahr 2030 – der laut zahlreichen Studien eindeutig möglich und zwingend notwendig ist.“ (Fridays For Future 2020)] Und gerade populäre wissenschaftsjournalistische Formate und Erklärer wie Harald Lesch, Ranga Yogeshwar, Quarks oder maiLab, aber auch ,Influencer‘ als Politik-Erklärer wie Rezo nutzen intensiv den Autoritäts-Topos, insofern immer wieder Bezug genommen wird darauf, dass Studien das Gesagte belegt hätten, etwas wissenschaftlich erwiesen sei oder dass Gutachten, Untersuchungsausschüsse o.Ä. das Gesagte/Behauptete/die Bewertung des Gesagten so herausgefunden oder bestätigt hätten. Wichtig ist: Damit soll diese Argumentation weder inhaltlich noch grundsätzlich beurteilt, sondern nur angedeutet werden, wie zentral gerade in Krisen-Diskussionen der Gegenwart vor allem der Experten-Topos ist.

Wie etwas, das jahrelang u.a. auch mit Berufung auf Experten als wahr und richtig in einem Bereich öffentlich vermittelt worden ist, politische Entscheidungen legitimiert, zeigt David Römer (2017) in seiner Arbeit über Wirtschaftskrisendiskurse. Es wird deutlich, wie hier WissenschaftlerInnen, in dem Fall ÖkonomInnen, durchaus unterschiedliche Wahrheiten/Erkenntnisse/Studien/Forschungsergebnisse haben, dass sich aber eine Sichtweise, die auch mit Berufung auf die Wissenschaft als ,wahr‘ und ,richtig‘ begründet wird, für die Rechtfertigung z.B. der Agenda 2010 durchgesetzt hat: Der dabei mit vermittelte Glaube an einen angeblich ausgeuferten Sozialstaat, daran, dass Staatsverschuldung des Teufels ist, und somit an die sog. ,Schwarze Null‘ wird z.B. im Podcast Wohlstand für alle von Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt seit einiger Zeit mit Berufung auf eine alternative Autorität, eine andere ökonomische Theorie, die modern monetary theory, infrage gestellt (für den Podcast siehe hier). Und so gibt es auch bezüglich Corona und Klima (leider) z.T. alternative Experten, auf die sich gerade in Netzformaten mit dem gleichen Argumentations-Topos berufen wird.

Neben einzelnen Experten oder einer Wissenschaft sowie den genannten religiösen Autoritäten können Argumentierende sich auch auf allgemein anerkannte Texte wie Verfassungen, Vorschriften, die UN-Charta der Menschenrechte, die Genfer Flüchtlingskonvention oder kanonische Werke von Luther über Kant bis zu Marx oder Habermas berufen sowie auch auf unbestimmte Autoritäten wie ,die Mehrheit‘, ,alle politisch Verantwortlichen‘ oder ,die Ökonomen‘. Ottmers (1996: 111 f.) erwähnt auch fiktive Autoritäten wie Verstorbene (wenn X mich jetzt hören könnte, würde sie mich unterstützen) oder Tiere (Katzen würden Whiskas kaufen) oder die argumentierende Person selbst als Autorität (weil ich das erfahren/selbst gesehen habe/mich da besonders gut auskenne).

Das zuletzt Angesprochene führt zur Frage, inwieweit solche Autoritäts-Argumentationen kritisch hinterfragt werden können und wie zu erkennen oder zu beurteilen ist, ob Argumentationen mit Berufung auf (wissenschaftliche) Autoritäten anzuerkennen sind. Die Tatsache etwa, dass sich in den Debatten um angemessene Maßnahmen zur Bekämpfung des Corona-Virus die einen schon einmal auf den Virologen X, die anderen auf Virologin Y berufen haben, zeigt die Notwendigkeit solcher Überlegungen.

Grundsätzlich gibt es in der Theorie der Fehlschlüsse, wie sie auch schon seit der Antike in der Rhetorik entwickelt wird und in der Neuen Rhetorik systematischer u.a. von van Eemeren/Grootendorst (2016) und Reisigl (2007) ausgearbeitet wird, das ,argumentum ad verecundiam‘, also den ,Appell an die Ehrfurcht‘ gegenüber angeführten Autoritäten, bei dem durch die Nennung von Titeln, Verdiensten, gesellschaftlichen (Macht-)Positionen u.Ä. allein schon die Wahrheit oder Richtigkeit eines Arguments beglaubigt, überzeugungskräftig gemacht werden soll. „Die blinde und uneingeschränkt autoritätsgläubige Berufung auf das Wissen von Fachleuten oder die moralische Kompetenz von Respektspersonen wird zu Recht als Trugschluß eingestuft“, leitet Kienpointner (1996: 170) in seiner populärwissenschaftlichen Anleitung „Vernünftig argumentieren“ seine Überlegungen dazu ein, was plausible von trugschlüssigen Autoritätsargumenten unterscheide. Ich referiere seine Kriterien, weil ich sie als Leitfaden für eine Beurteilung von Autoritätsargumenten für sinnvoll halte, auch wenn sie keine endgültige Klarheit darüber geben (können), wessen Autoritäts-Topos Zuhörende zu Recht überzeugen kann: Die Autoritätsperson müsse „korrekt zitiert werden“, „sollte auf ihrem Fachgebiet anerkannt sein“, „sollte das betreffende Urteil auf ihrem Fachgebiet abge[ge]ben [haben]“, „ihr Urteil unvoreingenommen abge[ge]ben [haben]“, „durch andere Autoritäten überprüfbar sein“ und „durch das Einholen von Ansichten von Gegenautoritäten überprüft werden“ (ebd.: 170 f.).

Beispiele

(1) Es müsse bei den Koalitionsverhandlungen, sagt ein FDP-Politiker, „die Bepreisung von Kohlendioxid in den Vordergrund gerückt werden […]. Er bezog sich dabei ausdrücklich auf den Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Ottmar Edenhofer. Dieser schlägt vor, den CO2-Preis für Gas, Heizöl, Benzin und Diesel in mehreren Schritten deutlich zu erhöhen und zugleich ärmere Haushalte zu entlasten.“ (Frankfurter Rundschau 28.9.2021: 3) In prototypischer Weise für den Klimadiskurs spricht sich ein FDP-Politiker für etwas aus, weil ein renommierter Klimaforscher dies vorgeschlagen hat. Prototypisch für politische Debatten ist auch, dass der Autoritäts-Topos (wie andere Topoi auch) nicht ausdrücklich ausgeführt wird, sondern dass der Bezug auf Aussagen eines Klimaforschers ausreicht, um das implikatierte Muster (Vorwissen) beim Rezipienten abzurufen. Auf der Startseite der Fridays For Future ist der Autoritäts-Topos zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Artikels weitaus prominenter platziert: „Wissenschaftler*innen sagen: Kohleausstieg muss schneller passieren“ (Fridays For Future 2020). Sie sagen dies auf der Grundlage von ,Studien‘ und deshalb muss, so die Argumentation der Fridays For Future, der Kohleausstieg auch früher erfolgen – eine doppelte Autoritätsargumentation mit Berufung auf die Personen, also die Experten, die sich wiederum auf ihre ,Studien‘ berufen. Während in diesem Themenfeld die allen politischen Entscheidungen zugrundeliegende Tatsache des menschengemachten Klimawandels nur von wenigen Experten, auf die sich AfD und andere Rechtspopulisten berufen, bestritten wird, geht die politische Auseinandersetzung darum, welche politischen Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels beschlossen werden müssen – und da können sich verschiedene Positionen wiederum auf konkurrierende ExpertInnen berufen.

(2) Dies war auch bezüglich der Angemessenheit von Maßnahmen gegen die Verbreitung des Corona-Virus möglich, bei der sich nicht nur das wissenschaftliche Wissen schnell änderte und daher im Zeitverlauf unterschiedliche Maßnahmen unter Berufung auf ,die Virologen‘ gerechtfertigt wurden, sondern auch zeitgleich aus ,der Wissenschaft‘ unterschiedliche Ratschläge kamen. Bemerkenswert war hier jedenfalls, dass – anders als beim Thema ‚Maßnahmen zum Klimaschutz‘ – maßgebliche politische AkteurInnen von Beginn an auf die Wissenschaft, die VirologInnen beriefen, um ihre Entscheidungen und Empfehlungen zu rechtfertigen – prototypisch bereits in Angela Merkels Fernsehansprache zu Beginn der Pandemie am 18.3.2020:

„Zur Epidemie – und alles was ich Ihnen dazu sage, kommt aus den ständigen Beratungen der Bundesregierung mit den Experten des Robert-Koch-Instituts und anderen Wissenschaftlern und Virologen […]. Der Rat der Virologen ist ja eindeutig: Kein Handschlag mehr, gründlich und oft die Hände waschen, mindestens eineinhalb Meter Abstand zum Nächsten und am besten kaum noch Kontakte zu den ganz Alten, weil sie eben besonders gefährdet sind.“ (nwzonline 2020)

Dieses eindeutige „Wir hören auf die Wissenschaft“ der Kanzlerin bzw. der Bundesregierung hatten und haben viele bezüglich Entscheidungen zur Abwendung der Klimakatastrophe vermisst, aber auch hinsichtlich der Bewältigung der Corona-Krise wurde in der öffentlich-politischen Diskussion immer wieder klar, dass solche Berufungen auf eine scheinbar eindeutige Stimme ,der Wissenschaft‘ auch diskutabel sind. Nicht nur gibt es andere Wissenschaften als die Virologie, die etwas zur Bewältigung der Probleme beitragen können, sondern auch die Virologie konnte oft nicht mit eindeutigen Ergebnissen, aus denen sich unmittelbar politische Entscheidungen ableiten ließen, aufwarten.

(3) Ein dritter Bereich, in dem sich aktuell für verschiedene Positionen auf Expertise berufen wird, ist die Frage gendergerechter Sprache. Diejenigen, die das generische Maskulinum für problematisch halten, die also alternative grammatische Formen zur Referenz auf gemischtgeschlechtliche Personengruppen bevorzugen bzw. fordern, um Frauen und in den letzten Jahren auch nicht-binär zuzuordnende Personen sprachlich mitzurepräsentieren, also nicht nur implizit mitzumeinen, sondern sie auch explizit zu benennen – die also neben Doppelschreibungen wie Lehrerinnen und Lehrer auch das Binnen-I (AnhängerInnen) oder Zeichen, mit denen alle geschlechtlichen Identitäten sichtbar gemacht werden sollen, also etwa den Stern, den Unterstrich oder den Doppelpunkt (Student*innen, Student_innen, Student:innen) –, berufen sich, zumindest was die Ablehnung des generischen Maskulinums angeht, ebenfalls auf wissenschaftliche Studien: Psycholinguistische Experimente/Studien/Untersuchungen bewiesen, dass mit der grammatischen Form Maskulinum Frauen nicht oder jedenfalls nicht in gleichem Maße wie Männer mitgemeint oder mitgedacht würden. Ein beliebiges prototypisches Beispiel: „Auch psychologische Experimente zeigen, dass männliche Personenbezeichnungen und Maskulina allgemein zunächst männlich interpretiert werden […].“ (Stefanowitsch 2018: 36) Auf der anderen Seite berufen sich GegnerInnen bestimmter Vorschläge zu gendergerechten Schreibweisen häufig auf die Autorität des Duden oder des Rats für deutsche Rechtschreibung, um bestimmte Schreibweisen als falsch, nicht erlaubt oder als zu kompliziert abzulehnen. Das geht bis hin zu behördlichen Vorschriften, gendergerechte Sprache nicht zu verwenden, weil der Rat für deutsche Rechtschreibung sie nicht erlaube: „Laut Karin Prien (CDU), Bildungsministerin von Schleswig-Holstein, darf in Schulaufsätzen und Klassenarbeiten keine Gendersprache benutzt werden. […] Gendersternchen, Binnen-I und Unterstrich entsprächen nicht den Regeln des Rates für deutsche Rechtschreibung und seien daher nicht korrekt […].“ (Redaktionsnetzwerk Deutschland 2021).

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Kienpointner, Manfred (1992): Alltagslogik. Struktur und Funktion von Argumentationsmustern. Stuttgart-Bad Cannstatt: frommann-holzboog. S. 393–402.

  • Kienpointner, Manfred (1996): Vernünftig argumentieren. Regeln und Techniken der Diskussion. Reinbek: rororo. S. 168–176.

Zitierte Literatur

  • Bornscheuer, Lothar (1976): Topik. Zur Struktur der gesellschaftlichen Einbildungskraft. Frankfurt a.M.: suhrkamp.

  • Frankfurter Rundschau (2021): Knackpunkte und Schnittmengen. Online unter: https://www.fr.de/politik/knackpunkte-und-schnittmengen-91017657.html ; Zugriff: 04.03.2023.

  • Fridays for Future (2020): Wissenschaftler*innen sagen: Kohleausstieg muss schneller passieren. Online unter: https://fridaysforfuture.de/sff-statement-kohleeinstieg/ ; Zugriff: 04.10.2021.

  • Kienpointner, Manfred (1992): Alltagslogik. Struktur und Funktion von Argumentationsmustern. Stuttgart-Bad Cannstatt: frommann-holzboog.

  • Kienpointner, Manfred (1996): Vernünftig argumentieren. Regeln und Techniken der Diskussion. Reinbek: rororo.

  • Kienpointner, Manfred (2017): Topoi. In: Roth, Kersten S.; Wengeler, Martin; Ziem, Alexander (Hrsg.): Handbuch Sprache in Politik und Gesellschaft. Berlin, Boston: de Gruyter, S. 187–211.

  • Klein, Josef (2003): Politische Rede. In: Ueding, Gert (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Tübingen: Niemeyer, S. 1469–1517.

  • Nymoen, Ole; Schmitt, Wolfgang M.: Modern Monetary Theory (2020): Warum ein Staat nie pleite geht – WOHLSTAND FÜR ALLE Ep. 25. Podcast. Online unter: https://www.youtube.com/watch?v=N6q0UWgdmbQ ; Zugriff: 14.10.2021.

  • Nordwest-Zeitung Online (2020): Corona-Rede im Wortlaut. Online unter: https://www.nwzonline.de/politik/berlin-corona-rede-im-wortlaut-lesen-sie-hier-merkels-ansprache-an-die-nation_a_50,7,2821516659.html# ; Zugriff: 14.10.2021.

  • Ottmers, Clemens (1996): Rhetorik. Stuttgart; Weimar: Metzler.

  • Redaktionsnetzwerk Deutschland (2021): Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Prien: Gendern in der Schule ist falsch. Online unter: https://www.rnd.de/politik/schleswig-holsteins-bildungsministerin-prien-gendern-in-der-schule-ist-falsch-NLJ3TGNOCJCTPFNR2Y7IYTNB2E.html ; Zugriff: 04.10.2021.

  • Reisigl, Martin (2007): Nationale Rhetorik in Fest- und Gedenkreden. Eine diskursanalytische Studie zum ‘österreichischen Millenium’ in den Jahren 1946 und 1996. Tübingen: Stauffenburg.

  • Römer, David (2017): Wirtschaftskrisen. Eine linguistische Diskursgeschichte. Berlin, Boston: de Gruyter.

  • Schwitalla, Johannes (1983): Deutsche Flugschriften 1460-1525. Textsortengeschichtliche Studien. Tübingen: Niemeyer.

  • Stefanowitsch, Anatol (2018): Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen. Berlin: Duden.

  • Toulmin, Stephen (1975): Der Gebrauch von Argumenten. Kronberg/Ts: Scriptor-Verl.

  • van Eemeren, Frans H.; Gootendorst, Rob (2016): Argumentation, Communication, and Fallacies. A pragma-dialectical approach. London, New York: Routledge.

     

Zitiervorschlag

Wengeler, Martin (2021): Autoritäts-Topos. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 18.10.2021. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/Autoritaets-Topos/.

Grundbegriffe

Hegemonie

Wie der britische Politikwissenschaftler Perry Anderson 2018 in einer umfassenden, historisch weit ausgreifenden Studie zum Gebrauch des Begriffs Hegemonie und seinen Konjunkturen beschreibt, liegen die historischen Wurzeln des Begriffs im Griechischen, als Bezeichnung für Führung (eines Staatswesens) mit Anteilen von Konsens.

Diskurskompetenz

Im engeren, linguistischen Sinn bezeichnet Diskurskompetenz die individuelle sprachlich-kommunikative Fähigkeit, längere zusammenhängende sprachliche Äußerungen wie Erzählungen, Erklärungen, Argumentationen zu formulieren und zu verstehen.

Agenda Setting

Rassistisch motivierte Gewalt, Zerstörung des Regenwaldes, Gender pay gap: Damit politische Institutionen solche Probleme bearbeiten, müssen sie erst als Probleme erkannt und auf die politische Tagesordnung (Agenda) gesetzt werden. Agenda Setting wird in Kommunikations- und Politikwissenschaft als eine Form strategischer Kommunikation beschrieben, mithilfe derer Themen öffentlich Gehör verschafft und politischer Druck erzeugt werden kann.

Medien

Die Begriffe Medien/Massenmedien bezeichnen diverse Mittel zur Verbreitung von Informationen und Unterhaltung sowie von Bildungsinhalten. Medien schaffen damit eine wesentliche Grundlage für Meinungsbildung und Meinungsaustausch.

Macht

Macht ist die Fähigkeit, Verhalten oder Denken von Personen zu beeinflussen. Sie ist Bestandteil sozialer Beziehungen, ist an Kommunikation gebunden und konkretisiert sich situationsabhängig. Alle expliziten und impliziten Regeln, Normen, Kräfteverhältnisse und Wissensformationen können aus diskursanalytischer Perspektive als Machtstrukturen verstanden werden, die Einfluss auf Wahrheitsansprüche und (Sprach)Handlungen in einer Gesellschaft oder Gruppe nehmen.

Normalismus

Normalismus ist der zentrale Fachbegriff für die Diskurstheorie des Literaturwissenschaftlers Jürgen Link. Die Normalismus-Theorie fragt danach, wie sich Vorstellungen von ‚Normalität‘ und ‚Anormalität‘ als Leit- und Ordnungskategorien moderner Gesellschaften herausgebildet haben.

Wissen

Kollektives Wissen von sozialen Gruppen ist sowohl Voraussetzung als auch Ziel strategischer Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Es wird geprägt durch individuelle Erfahrung, aber auch in Diskursgemeinschaften kommunikativ geteilt – vor allem im Elternhaus, in Peergroups und Bildungseinrichtungen sowie durch Medienkonsum.

Werbung

Werbung ist ein Kommunikationsinstrument von Unternehmen, das der Positionierung im Markt dient und je nach Situation des Unternehmens auf Einführung, Erhalt oder Ausbau von Marktanteilen und damit letztlich auf ökonomischen Gewinn abzielt.

Mediale Kontrolle

Medien werden vielfältig zur Durchsetzung von Macht verwendet. So in der Zensur, wenn eine politische Selektion des Sagbaren und des Unsagbaren stattfindet; in der Propaganda, wenn eine Bevölkerung von den Ansichten oder wenigstens der Macht einer bestimmten Gruppe überzeugt werden soll; oder in der Überwachung, die unerwünschtes Verhalten nicht nur beobachten, sondern unwahrscheinlich machen soll.

Freund- und Feind-Begriffe

Freund-, Gegner- und Feindbegriffe sind Teil der Politischen Kommunikation. Sie bilden die Pole eines breiten Spektrums von kommunikativen Zeichen, mit denen politische Akteure sich selbst und ihre politischen Gegner im Kampf um beschränkte Ressourcen auf dem diskursiven Schlachtfeld positionieren.

Techniken

Redenschreiben

Wer Reden schreibt, bereitet die schriftliche Fassung von Reden vor, die bei besonderen Anlässen gehalten werden und bei denen es auf einen ausgearbeiteten Vortrag ankommt.

Offener Brief

Bei einem offenen Brief handelt es sich um eine strategische Praktik, die genutzt wird, um Anliegen einer Person oder Gruppe öffentlich sichtbar zu machen. Die Texte, die als offene Briefe bezeichnet werden, richten sich an eine Person oder Institution und werden über Medien veröffentlicht.

Kommunikationsverweigerung

Unter dem Begriff Kommunikationsverweigerung lässt sich ein Bündel von Praktiken und Strategien fassen, die den kommunikativen Austausch zu erschweren oder zu verhindern suchen.

Flugblatt

Unter Flugblättern versteht man einseitige Druckerzeugnisse, die ursprünglich meist illustriert waren. Eng verwandt sind die mehrseitigen Flugschriften. Während Flugschriften und Flugblätter heute kostenlos verteilt werden oder zur Mitnahme ausliegen, wurden sie in der Frühen Neuzeit zunächst als Handelswaren verkauft und gingen so als frühe Massenmedien den Zeitungen voraus.

Passivierung

Unter Passivierung versteht man die Formulierung eines Satzes in einer grammatischen Form des Passivs. Das Passiv ist gegenüber dem Aktiv durch die Verwendung von Hilfsverben formal komplexer. Seine Verwendung hat unter anderem zur Folge, dass handelnde Personen im Satz nicht genannt werden müssen, was beispielsweise in Gesetzestexten für eine (gewünschte) größtmögliche Abstraktion sorgt („Niemand darf wegen seines Geschlechts […] benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Art. 3 GG).

Aufopferungs-Topos

Als Aufopferungs-Topos wird in der Diskursforschung ein Argumentationsmuster bezeichnet, das zwei strategische Funktionen erfüllen kann: einerseits kann es dazu dienen, mit der Behauptung eines besonderen Ressourceneinsatzes (z.B. Einsatz von Geld, Zeit oder emotionaler Belastung) einen hohen Achtungswert für eine Person, eine Sache bzw. für ein Ziel zu plausibilisieren. Andererseits können Akteure besondere Privilegien (wie z.B. Wertschätzung, Entscheidungsbefugnisse und Mitspracherechte) reklamieren, wenn sie sich für eine bereits in der sozialen Bezugsgruppe hochgeschätzte Sache engagieren.

Opfer-Topos

Als Opfer-Topos bezeichnet man eine diskursive Argumentationsstrategie, bei der sich Akteure als ‚Opfer‘ gesellschaftlicher Urteilsbildung inszenieren und damit eigene Interessen – vor allem Aufmerksamkeit und Berücksichtigung von Bedürfnissen – geltend zu machen versuchen.

Analogie-Topos

Der Analogie-Topos zählt zu den allgemeinen bzw. kontextabstrakten Argumentationsmustern, die genutzt werden können, um für oder gegen eine Position zu argumentieren. Analogie-Topoi werden von verschiedenen Akteuren und Akteursgruppen strategisch eingesetzt, um eine zustimmende Haltung bei den Zielgruppen zu bewirken.

Topos der düsteren Zukunftsprognose

Der Topos der düsteren Zukunftsprognose beschreibt ein Argumentationsmuster, bei dem eine negative, dystopische Zukunft prognostiziert wird. Dabei wird auf die drohenden Folgen einer Krise oder einer allgemeinen Gefahr verwiesen, aus der eine negative Zukunft bei falschem Handeln resultieren wird.

Negativpreis

Ein Negativpreis ist eine Auszeichnung an Personen oder Organisationen (meist Unternehmen), die sich oder ihre Produkte positiv darstellen und vermarkten, ihre Versprechen aus Sicht des Preisverleihers allerdings nicht einhalten. Dabei dient der Preis durch seine Vergabe vor allem dem Zweck, Aufmerksamkeit zu erregen, mediale Präsenz auf ein Thema zu lenken und den Preisträger in seinem moralischen Image zu beschädigen.

Schlagwörter

Verfassung

Die Verfassung eines Landes (in Deutschland das Grundgesetz von 1949) steht für die höchste und letzte normative und Legitimität setzende Instanz einer staatlichen Rechtsordnung. In der offiziellen Version demokratischer Selbstbeschreibung ist es das Volk selbst, das sich in einem rituellen Gründungsakt eine Verfassung gibt.

Toxizität / das Toxische

Es ist nicht immer ganz eindeutig bestimmbar, was gemeint wird, wenn etwas als toxisch bezeichnet wird. Zeigen lässt sich zwar, dass sich die Bedeutung von ‚giftig‘ hin zu ‚schädlich‘ erweitert hat, doch die Umstände, unter denen etwas für jemanden toxisch, d. h. schädlich ist, müssen aus der diskursiven Situation heraus erschlossen werden.

Zivilgesellschaft

Im gegenwärtigen deutschen Sprachgebrauch werden so heterogene Organisationen, Bewegungen und Initiativen wie ADAC und Gewerkschaften, Trachtenvereine und Verbraucherschutzorganisationen, Umweltorganisationen und religiöse Gemeinschaften zur Zivilgesellschaft gezählt.

Demokratie

Der Ausdruck Demokratie dient häufig zur Bezeichnung einer (parlamentarischen) Staatsform und suggeriert die mögliche Beteiligung aller an den Öffentlichen Angelegenheiten. Dabei ist seine Bedeutung weniger eindeutig als es den Anschein hat.

Plagiat/Plagiarismus

Plagiarismus ist ein Begriff, der sich im öffentlichen Diskurs gegen Personen oder Produkte richten kann, um diese in zuweilen skandalisierender Absicht einer Praxis unerlaubter intermedialer Bezugnahme zu bezichtigen. Die Illegitimität dieser Praxis wird oft mit vermeintlichen moralischen Verfehlungen in Verbindung gebracht.

Fake News

Fake News wird als Schlagwort im Kampf um Macht und Deutungshoheit in politischen Auseinandersetzungen verwendet, in denen sich die jeweiligen politischen Gegenspieler und ihre Anhänger wechselseitig der Lüge und der Verbreitung von Falschnachrichten zum Zweck der Manipulation der öffentlichen Meinung und der Bevölkerung bezichtigen.

Lügenpresse

Der Ausdruck Lügenpresse ist ein politisch instrumentalisierter „Schlachtruf“ oder „Kampfbegriff“ gegen etablierte und traditionelle Medien. Dabei wird häufig nicht einzelnen Medien-Akteuren, sondern der gesamten Medienbranche vorgeworfen, gezielt die Unwahrheit zu publizieren.

Antisemitismus

Mit Antisemitismus werden gemeinhin alle jene Phänomene bezeichnet, die sich gegen das Judentum oder gegen Jüdinnen*Juden als Jüdinnen*Juden richten. Die entsprechenden Erscheinungen reichen von der bloßen Distanzierung und Behauptung jüdischer Andersartigkeit, über vollständig ausgearbeitete Weltbilder, die Jüdinnen*Juden für sämtliche Probleme verantwortlich machen, bis hin zu massiven Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Gewaltpraktiken.

Grammatiknazi / Grammar Nazi

Das überwiegend negativ konnotierte Schlagwort Grammatiknazi – als Übersetzung von engl. grammar nazi – wird zur Benennung von Personen verwendet, die meist in eher informellen Kontexten der öffentlichen Internetkommunikation (u. a. in Foren, Kommentarbereichen auf Nachrichtenportalen, sozialen Netzwerken) ungefragt Sprachkritik an den Äußerungen anderer (häufig fremder) Kommunikationsteilnehmer*innen üben.

Respekt

Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.