DiskursGlossar

Autoritäts-Topos

Kategorie: Techniken
Verwandte Ausdrücke: Experten-Topos, Argumentationsmuster
Siehe auch: Topos, Analogie- /Exemplum-Topos, Konsequenz-Topos, Topos der düsteren Zukunft, Topos vom wirtschaftlichen Nutzen, Be(Über)lastungs-Topos, Gerechtigkeitsargument, Differenzierungstopos, Opfer-Topos
Autor: Martin Wengeler
Version: 1.0 / Datum: 18.10.2021

Kurzzusammenfassung

Was die Autorität X über die normative These Y sagt, stimmt.
X sagt, daß Y anzunehmen/abzulehnen ist.
Also: Y ist anzunehmen/abzulehnen. (Kienpointner 1996, S. 168f.)

So wird – angelehnt an formallogische Darstellungen von Argumentationen (Oberprämisse plus Unterprämisse ergeben die Konklusion) – mit Bezug oder unter Berufung auf Autoritäten, oft auf Wissenschaftlerinnen/Experten in politischen Debatten häufig argumentiert, in diesem Fall bezüglich der Richtigkeit/Angemessenheit einer Bewertung. Übertragbar ist das Schema auch auf die Rechtfertigung der Wahrheit eines Sachverhalts: Wenn oder weil Autorität X über den Sachverhalt Y aussagt, dass er wahr/wahrscheinlich ist, ist der Sachverhalt Y wahr/wahrscheinlich. In den letzten Jahren ist die Leerstelle X oft gefüllt gewesen mit dem Virologen A, dem Robert Koch-Institut, der Klimawissenschaftlerin B oder dem Weltklimarat. Aber Autoritätsargumentationen sind nicht unumstritten. Denn oft gibt es nicht ,die Wissenschaft‘, auf die man sich berufen kann, wissenschaftliche Erkenntnisse sind nicht allgemein anerkannt, es gibt Expertinnen und Gegenexperten. Insofern wird politisch darum gestritten, auf welche Autorität sich zu Recht berufen werden kann. Und es gibt – geschichtlich wie aktuell – Autoritäten jenseits des wissenschaftlich-aufgeklärten Weltbildes, auf die sich berufen werden kann, z.B. auf die Bibel oder auf den Koran. Gerade bezüglich der aktuellen Themen Corona und Klima aber ist der Autoritäts-Topos allgegenwärtig.

Erweiterte Begriffsklärung

Beim Autoritäts-Topos nun werden Autoritäten/Experten angeführt, um von der Wahrheit oder Richtigkeit einer Aussage oder einer Bewertung zu überzeugen: Wenn Autorität X etwas sagt oder etwas so und so bewertet, dann ist das der Fall bzw. dann ist die Bewertung richtig. Während etwa im christlichen Mittelalter und in der frühen Neuzeit vieles unter Berufung auf die Autorität der Bibel behauptet oder für richtig oder falsch bewertet werden konnte (vgl. Schwitalla 1983 für Flugschriften der Reformationszeit oder Klein 2003 für die Rechtfertigung von Kreuzzügen), ist heute die Berufung auf wissenschaftliche Erkenntnisse, auf bestimmte WissenschaftlerInnen bzw. ,die Wissenschaft‘ im europäischen Kulturraum die häufigste Ausprägung einer Argumentation mit Autoritäten. Insbesondere bezüglich der Corona- und der Klima-Krise ist der Autoritäts-Topos in den letzten Jahren omnipräsent und weithin als wesentliche Berufungsinstanz für die Begründung/Rechtfertigung politischer Entscheidungen anerkannt – von Angela Merkels „Wir hören auf die Wissenschaft“ und der damit einhergehenden öffentlichen Wahrnehmung von VirologInnen und des Robert Koch-Instituts als politische Entscheidungsträger bis hin zu Greta Thunbergs und fridays for futures zentraler Argumentation, dass die Klimawissenschaft oder der Weltklimarat bestimmte Diagnosen und Prognosen bereithalten, aus denen politische Entscheidungen/Handlungen etc. quasi-logisch abzuleiten seien: ‚Weil der Weltklimarat sagt, dass die Erderwärmung im Jahre X so und so hoch sein wird und daraus bestimmte Gefahren erwachsen, denen mit einem schnelleren Kohleausstieg begegnet werden muss, soll die Politik den Kohleausstieg bis 2030 beschließen‘ [oder ähnlich im Original: „[…] braucht es einen Kohleausstieg im Jahr 2030 – der laut zahlreichen Studien eindeutig möglich und zwingend notwendig ist.“ (fridays for future 2020)] Und gerade populäre wissenschaftsjournalistische Formate und Erklärer wie Harald Lesch, Ranga Yogeshwar, Quarks oder maiLab, aber auch ,Influencer‘ als Politik-Erklärer wie Rezo nutzen intensiv den Autoritäts-Topos, insofern immer wieder Bezug genommen wird darauf, dass Studien das Gesagte belegt hätten, etwas wissenschaftlich erwiesen sei oder dass Gutachten, Untersuchungsausschüsse o.Ä. das Gesagte/Behauptete/die Bewertung des Gesagten so herausgefunden oder bestätigt hätten. Wichtig ist: Damit soll diese Argumentation weder inhaltlich noch grundsätzlich beurteilt, sondern nur angedeutet werden, wie zentral gerade in Krisen-Diskussionen der Gegenwart vor allem der Experten-Topos ist.

Wie etwas, das jahrelang u.a. auch mit Berufung auf Experten als wahr und richtig in einem Bereich öffentlich vermittelt worden ist, politische Entscheidungen legitimiert, zeigt David Römer (2017) in seiner Arbeit über Wirtschaftskrisendiskurse. Es wird deutlich, wie hier WissenschaftlerInnen, in dem Fall ÖkonomInnen, durchaus unterschiedliche Wahrheiten/Erkenntnisse/Studien/Forschungsergebnisse haben, dass sich aber eine Sichtweise, die auch mit Berufung auf die Wissenschaft als ,wahr‘ und ,richtig‘ begründet wird, für die Rechtfertigung z.B. der Agenda 2010 durchgesetzt hat: Der dabei mit vermittelte Glaube an einen angeblich ausgeuferten Sozialstaat, daran, dass Staatsverschuldung des Teufels ist, und somit an die sog. ,Schwarze Null‘ wird z.B. im Podcast Wohlstand für alle von Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt seit einiger Zeit mit Berufung auf eine alternative Autorität, eine andere ökonomische Theorie, die modern monetary theory, infrage gestellt (für den Podcast siehe hier). Und so gibt es auch bezüglich Corona und Klima (leider) z.T. alternative Experten, auf die sich gerade in Netzformaten mit dem gleichen Argumentations-Topos berufen wird.

Neben einzelnen Experten oder einer Wissenschaft sowie den genannten religiösen Autoritäten können Argumentierende sich auch auf allgemein anerkannte Texte wie Verfassungen, Vorschriften, die UN-Charta der Menschenrechte, die Genfer Flüchtlingskonvention oder kanonische Werke von Luther über Kant bis zu Marx oder Habermas berufen sowie auch auf unbestimmte Autoritäten wie ,die Mehrheit‘, ,alle politisch Verantwortlichen‘ oder ,die Ökonomen‘. Ottmers (1996, S. 111 f.) erwähnt auch fiktive Autoritäten wie Verstorbene (wenn X mich jetzt hören könnte, würde sie mich unterstützen) oder Tiere (Katzen würden Whiskas kaufen) oder die argumentierende Person selbst als Autorität (weil ich das erfahren/selbst gesehen habe/mich da besonders gut auskenne).

Das zuletzt Angesprochene führt zur Frage, inwieweit solche Autoritäts-Argumentationen kritisch hinterfragt werden können und wie zu erkennen oder zu beurteilen ist, ob Argumentationen mit Berufung auf (wissenschaftliche) Autoritäten anzuerkennen sind. Die Tatsache etwa, dass sich in den Debatten um angemessene Maßnahmen zur Bekämpfung des Corona-Virus die einen schon einmal auf den Virologen X, die anderen auf Virologin Y berufen haben, zeigt die Notwendigkeit solcher Überlegungen.

Grundsätzlich gibt es in der Theorie der Fehlschlüsse, wie sie auch schon seit der Antike in der Rhetorik entwickelt wird und in der Neuen Rhetorik systematischer u.a. von van Eemeren/Grootendorst (2016) und Reisigl (2007) ausgearbeitet wird, das ,argumentum ad verecundiam‘, also den ,Appell an die Ehrfurcht‘ gegenüber angeführten Autoritäten, bei dem durch die Nennung von Titeln, Verdiensten, gesellschaftlichen (Macht-)Positionen u.Ä. allein schon die Wahrheit oder Richtigkeit eines Arguments beglaubigt, überzeugungskräftig gemacht werden soll. „Die blinde und uneingeschränkt autoritätsgläubige Berufung auf das Wissen von Fachleuten oder die moralische Kompetenz von Respektspersonen wird zu Recht als Trugschluß eingestuft“, leitet Kienpointner (1996, S. 170) in seiner populärwissenschaftlichen Anleitung „Vernünftig argumentieren“ seine Überlegungen dazu ein, was plausible von trugschlüssigen Autoritätsargumenten unterscheide. Ich referiere seine Kriterien, weil ich sie als Leitfaden für eine Beurteilung von Autoritätsargumenten für sinnvoll halte, auch wenn sie keine endgültige Klarheit darüber geben (können), wessen Autoritäts-Topos Zuhörende zu Recht überzeugen kann: Die Autoritätsperson müsse „korrekt zitiert werden“, „sollte auf ihrem Fachgebiet anerkannt sein“, „sollte das betreffende Urteil auf ihrem Fachgebiet abge[ge]ben [haben]“, „ihr Urteil unvoreingenommen abge[ge]ben [haben]“, „durch andere Autoritäten überprüfbar sein“ und „durch das Einholen von Ansichten von Gegenautoritäten überprüft werden“ (ebd., S. 170f.).

Beispiele

(1) Es müsse bei den Koalitionsverhandlungen, sagt ein FDP-Politiker, „die Bepreisung von Kohlendioxid in den Vordergrund gerückt werden […]. Er bezog sich dabei ausdrücklich auf den Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Ottmar Edenhofer. Dieser schlägt vor, den CO2-Preis für Gas, Heizöl, Benzin und Diesel in mehreren Schritten deutlich zu erhöhen und zugleich ärmere Haushalte zu entlasten.“ (Frankfurter Rundschau 28.9.2021, S. 3) In prototypischer Weise für den Klimadiskurs spricht sich ein FDP-Politiker für etwas aus, weil ein renommierter Klimaforscher dies vorgeschlagen hat. Prototypisch für politische Debatten ist auch, dass der Autoritäts-Topos (wie andere Topoi auch) nicht ausdrücklich ausgeführt wird, sondern dass der Bezug auf Aussagen eines Klimaforschers ausreicht, um das implikatierte Muster (Vorwissen) beim Rezipienten abzurufen. Auf der Startseite der fridays for future ist der Autoritäts-Topos zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Artikels weitaus prominenter platziert: „Wissenschaftler*innen sagen: Kohleausstieg muss schneller passieren“ (fridays for future 2020). Sie sagen dies auf der Grundlage von ,Studien‘ und deshalb muss, so die Argumentation der fridays for future, der Kohleausstieg auch früher erfolgen – eine doppelte Autoritätsargumentation mit Berufung auf die Personen, also die Experten, die sich wiederum auf ihre ,Studien‘ berufen. Während in diesem Themenfeld die allen politischen Entscheidungen zugrundeliegende Tatsache des menschengemachten Klimawandels nur von wenigen Experten, auf die sich AfD und andere Rechtspopulisten berufen, bestritten wird, geht die politische Auseinandersetzung darum, welche politischen Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels beschlossen werden müssen – und da können sich verschiedene Positionen wiederum auf konkurrierende ExpertInnen berufen.

(2) Dies war auch bezüglich der Angemessenheit von Maßnahmen gegen die Verbreitung des Corona-Virus möglich, bei der sich nicht nur das wissenschaftliche Wissen schnell änderte und daher im Zeitverlauf unterschiedliche Maßnahmen unter Berufung auf ,die Virologen‘ gerechtfertigt wurden, sondern auch zeitgleich aus ,der Wissenschaft‘ unterschiedliche Ratschläge kamen. Bemerkenswert war hier jedenfalls, dass – anders als beim Thema ‚Maßnahmen zum Klimaschutz‘ – maßgebliche politische AkteurInnen von Beginn an auf die Wissenschaft, die VirologInnen beriefen, um ihre Entscheidungen und Empfehlungen zu rechtfertigen – prototypisch bereits in Angela Merkels Fernsehansprache zu Beginn der Pandemie am 18.3.2020: „Zur Epidemie – und alles was ich Ihnen dazu sage, kommt aus den ständigen Beratungen der Bundesregierung mit den Experten des Robert-Koch-Instituts und anderen Wissenschaftlern und Virologen […]. Der Rat der Virologen ist ja eindeutig: Kein Handschlag mehr, gründlich und oft die Hände waschen, mindestens eineinhalb Meter Abstand zum Nächsten und am besten kaum noch Kontakte zu den ganz Alten, weil sie eben besonders gefährdet sind.“ (nwzonline 2020) Dieses eindeutige „Wir hören auf die Wissenschaft“ der Kanzlerin bzw. der Bundesregierung hatten und haben viele bezüglich Entscheidungen zur Abwendung der Klimakatastrophe vermisst, aber auch hinsichtlich der Bewältigung der Corona-Krise wurde in der öffentlich-politischen Diskussion immer wieder klar, dass solche Berufungen auf eine scheinbar eindeutige Stimme ,der Wissenschaft‘ auch diskutabel sind. Nicht nur gibt es andere Wissenschaften als die Virologie, die etwas zur Bewältigung der Probleme beitragen können, sondern auch die Virologie konnte oft nicht mit eindeutigen Ergebnissen, aus denen sich unmittelbar politische Entscheidungen ableiten ließen, aufwarten.

(3) Ein dritter Bereich, in dem sich aktuell für verschiedene Positionen auf Expertise berufen wird, ist die Frage gendergerechter Sprache. Diejenigen, die das generische Maskulinum für problematisch halten, die also alternative grammatische Formen zur Referenz auf gemischtgeschlechtliche Personengruppen bevorzugen bzw. fordern, um Frauen und in den letzten Jahren auch nicht-binär zuzuordnende Personen sprachlich mitzurepräsentieren, also nicht nur implizit mitzumeinen, sondern sie auch explizit zu benennen – die also neben Doppelschreibungen wie Lehrerinnen und Lehrer auch das Binnen-I (AnhängerInnen) oder Zeichen, mit denen alle geschlechtlichen Identitäten sichtbar gemacht werden sollen, also etwa den Stern, den Unterstrich oder den Doppelpunkt (Student*innen, Student_innen, Student:innen) –, berufen sich, zumindest was die Ablehnung des generischen Maskulinums angeht, ebenfalls auf wissenschaftliche Studien: Psycholinguistische Experimente/Studien/Untersuchungen bewiesen, dass mit der grammatischen Form Maskulinum Frauen nicht oder jedenfalls nicht in gleichem Maße wie Männer mitgemeint oder mitgedacht würden. Ein beliebiges prototypisches Beispiel: „Auch psychologische Experimente zeigen, dass männliche Personenbezeichnungen und Maskulina allgemein zunächst männlich interpretiert werden […].“ (Stefanowitsch 2018, S. 36) Auf der anderen Seite berufen sich GegnerInnen bestimmter Vorschläge zu gendergerechten Schreibweisen häufig auf die Autorität des Duden oder des Rats für deutsche Rechtschreibung, um bestimmte Schreibweisen als falsch, nicht erlaubt oder als zu kompliziert abzulehnen. Das geht bis hin zu behördlichen Vorschriften, gendergerechte Sprache nicht zu verwenden, weil der Rat für deutsche Rechtschreibung sie nicht erlaube: „Laut Karin Prien (CDU), Bildungsministerin von Schleswig-Holstein, darf in Schulaufsätzen und Klassenarbeiten keine Gendersprache benutzt werden. […] Gendersternchen, Binnen-I und Unterstrich entsprächen nicht den Regeln des Rates für deutsche Rechtschreibung und seien daher nicht korrekt […].“ (Redaktionsnetzwerk Deutschland 2021).

 

Literatur

Zitierte Literatur

  • Bornscheuer, Lothar (1976): Topik. Zur Struktur der gesellschaftlichen Einbildungskraft. Frankfurt a.M.: suhrkamp.
  • Kienpointner, Manfred (1992): Alltagslogik. Struktur und Funktion von Argumentationsmustern. Stuttgart-Bad Cannstatt: frommann-holzboog.
  • Kienpointner, Manfred (1996): Vernünftig argumentieren. Regeln und Techniken der Diskussion. Reinbek: rororo.
  • Kienpointner, Manfred (2017): Topoi. In: Roth, Kersten Sven/Wengeler, Martin/Ziem, Alexander (Hg.): Handbuch Sprache in Politik und Gesellschaft. Berlin/Boston: de Gruyter, 187-211.
  • Klein, Josef (2003): Politische Rede. In: Ueding, Gert (Hg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Tübingen: Niemeyer, Band 6, 1469-1517.
  • Ottmers, Clemens (1996): Rhetorik. Stuttgart/Weimar: Metzler.
  • Reisigl, Martin (2007): Nationale Rhetorik in Fest- und Gedenkreden. Eine diskursanalytische Studie zum ‘österreichischen Millenium’ in den Jahren 1946 und 1996. Tübingen: Stauffenburg.
  • Römer, David (2017): Wirtschaftskrisen. Eine linguistische Diskursgeschichte. Berlin/Boston: de Gruyter.
  • Schwitalla, Johannes (1983): Deutsche Flugschriften 1460-1525. Textsortengeschichtliche Studien. Tübingen: Niemeyer.
  • Stefanowitsch, Anatol (2018): Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen. Berlin: Duden.
  • Toulmin, Stephen (1975): Der Gebrauch von Argumenten. Kronberg/Ts.
  • van Eemeren, Frans H./Gootendorst, Rob (2016): Argumentation, Communication, and Fallacies. A pragma-dialectical approach. London/New York: Routledge.
  • Fridaysfortuture (2020): Wissenschaftler*innen sagen: Kohleausstieg muss schneller passieren. Unter: https://fridaysforfuture.de/sff-statement-kohleeinstieg/. Zugriff 04.10.2021.
  • Redaktionsnetzwerk Deutschland (2021): Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Prien: Gendern in der Schule ist falsch. Unter: https://www.rnd.de/politik/schleswig-holsteins-bildungsministerin-prien-gendern-in-der-schule-ist-falsch-NLJ3TGNOCJCTPFNR2Y7IYTNB2E.html. Zugriff 04.10.2021
  • Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt: Modern Monetary Theory (2020): Warum ein Staat nie pleite geht – WOHLSTAND FÜR ALLE Ep. 25. Podcast. Unter: https://www.youtube.com/watch?v=N6q0UWgdmbQ. Zugriff:14.10.2021.
  • Nordwest-Zeitung Online (2020): Coroma-Rede im Wortlaut. Unter: https://www.nwzonline.de/politik/berlin-corona-rede-im-wortlaut-lesen-sie-hier-merkels-ansprache-an-die-nation_a_50,7,2821516659.html#. Zugriff 14.10.21

Zum Weiterlesen

  • Kienpointner, Manfred (1992): Alltagslogik. Struktur und Funktion von Argumentationsmustern. Stuttgart-Bad Cannstatt: frommann-holzboog. S. 393-402.
  • Kienpointner, Manfred (1996): Vernünftig argumentieren. Regeln und Techniken der Diskussion. Reinbek: rororo. S. 168-176.

Zitiervorschlag

Wengeler, Martin (2021): Autoritäts-Topos. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 18.10.2021. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/Autoritätstopos-Expertentopos.

Grundbegriffe

Sprachpolitik / Sprachenpolitik

Sprachpolitik bezeichnet allgemein alle politischen Prozesse, die auf eine Beeinflussung der Sprachverwendung in einer Gesellschaft oder Sprachgemeinschaft abzielen. Unterschieden wird häufig zwischen Sprachenpolitik und Sprachpolitik im engeren Sinne.

Sagbarkeit

Im öffentlichen Diskurs findet sich häufig die strategische Behauptung, dass bestimmte Fakten oder Meinungen unsagbar seien. Auf diese Weise wird zum Ausdruck gebracht, dass es Grenzen des Sagbaren gebe, die im öffentlichen Diskurs Geltung hätten.

Kulturelle Grammatik

Kulturelle Grammatik steht für ein System von Regeln und/oder etablierten Regelmäßigkeiten, die Formen richtiger und/oder normaler Kommunikation und Interaktion auszeichnen.

Epistemischer Status

Als epistemischen Status bezeichnet man die Wissensbestände und -zugänge zu Ereignissen, Sachverhalten und Personen, die Gesprächsteilnehmer*innen ihrem Gegenüber in der Interaktion zuschreiben.

Politische Kommunikation

Politische Kommunikation findet überall dort statt, wo Menschen als Teil von sozialen Gruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen aufeinandertreffen und über das einzelne Individuum hinaus geltende Regeln des Zusammenlebens aushandeln.

Topos

Ein Topos (Plural: Topoi) ist als ein Argumentationsmuster ein allgemeines Formprinzip, nach dem Argumente gebildet werden können. Als allgemeiner, formaler bzw. kontextabstrakter Topos kann er für oder gegen jede in Frage stehende Position angeführt werden. Topoi gehören zum kollektiven Wissen aller, die sich argumentativ äußern.

Bedeutung

Der Ausdruck Bedeutung wird sowohl in der Alltagssprache als auch in der Fachsprache nicht einheitlich verwendet. Alltagssprachlich wird auf die Bedeutung von etwas – zum Beispiel einem Wort, Gegenstand oder Gesichtsausdruck – verwiesen, wenn dessen Status in der Welt unklar ist (‚was bedeutet es, dass X‘) oder seine Wichtigkeit hervorgehoben werden soll (‚X ist bedeutend‘).

Kollektivsymbol

Zur Kollektivsymbolik einer Kultur rechnet man den gesellschaftlich geteilten Vorrat an sprachlichen, bildlichen, schematischen und anderen Ressourcen, derer sich politische und mediale Akteure bedienen, um Ereignisse und Handlungen für die Allgemeinheit deutbar und verständlich zu machen.

Strategische Kommunikation

Der Ausdruck Strategische Kommunikation bezeichnet ein Bündel an zeichenbasierten und in der Regel mediengestützten Aktivitäten, mit denen Individuen, Gruppen oder Organisationen versuchen, die Akzeptanz für ihre politischen, ökonomischen, rechtlichen oder anderweitig motivierten Interessen bei ausgewählten Zielgruppen zu halten oder zu erhöhen.

Techniken

Petition

Petitionen sind eine der am meisten genutzten Partizipationsformen nach Wahlen. Sie sind sowohl ein Mittel der politischen Beteiligung als auch ein Protestmittel und damit Zwitterwesen in der politischen Landschaft. Durch die Digitalisierung haben sich Petitionen zudem maßgeblich verändert, ihre Zahl hat zugenommen, ebenso wie die Zahl der Plattformen, auf denen sich Petitionen starten lassen.

Influencer / Influencerin

Influencer:innen sind Personen, die auf Social-Media-Plattformen regelmäßig selbst produzierte Inhalte publizieren und damit eine öffentliche Reichweite über ihre Follower:innen aufbauen. Influencer:innen haben das Potenzial, Rezipient:innen in ihrem Wissen, Einstellungen und Verhalten zu beeinflussen (engl. to influence).

Litigation PR

Der Begriff Litigation PR kombiniert das englische Wort litigation, das auf lat. ,lītigātiō‘ zurückgeht und für Rechtsstreitigkeit bzw. (Gerichts )Verfahren/Prozess steht, mit dem bekannten Begriff PR (Public Relations).

Memes

Der Begriff des Internet-Memes fasst eine relativ heterogene Gruppe digitaler – und zumeist multimodaler – Texte zusammen (zum Beispiel Videos, GIFs, Image Macros), die sich durch formale oder inhaltliche Gemeinsamkeiten auszeichnen und durch Imitations- und Aneignungsprozesse verbreiten.

Aufwertung/Meliorisierung

Von Aufwertung/Meliorisierung wird in der Linguistik dann gesprochen, wenn ein Wort, das ursprünglich als Fremdbezeichnung der Diffamierung einer bestimmten Volks- oder Personengruppe diente, von dieser selbst dann als positive Eigenbezeichnung verwendet wird.

Domain-Grabbing

In der Internetkommunikation finden sich verschiedene Praktiken, die aus Sicht von Dritten (v.a. Markenhaltern) als illegitime oder gar rechtswidrige Inanspruchnahme von Domain-Namen und damit verbundener Aufmerksamkeitssteuerung kritisiert werden.

Suchmaschinenoptimierung

Durch Suchmaschinenoptimierung (search engine optimization; SEO) wird versucht, Webseiten so zu verändern, dass sie von Suchmaschinen als besonders relevant betrachtet und entsprechend hoch in den Suchergebnissen gelistet werden.

Search Engine Advertising

Als Search Engine Advertising wird die Werbung auf den Ergebnisseiten von Suchmaschinen bezeichnet. Besondere Merkmale dieser Werbeform sind, dass die Anzeigen kontextbasiert sind und in Textform dargestellt werden.

Organizing

Unter Organizing versteht man ein Bündel von Praktiken, die zur gewerkschaftlichen oder politischen Organisierung bzw. Mobilisierung dienen. Beim methodisch reflektierten Organizing spielen Recherche, Strategieentwicklung, mehr oder minder standardisierte 1:1-Gespräche, Mapping (Erstellung einer Übersicht der Beteiligten im Betrieb oder sonstigen Aktionsfeld) und einiges mehr eine Rolle.

Affirmation

Im sprachwissenschaftlichen Sinne bezeichnet Affirmation die Behauptung oder Bejahung einer Aussage. Die affirmative Form eines Wortes oder Satzes ist das Gegenteil zur Verneinung (Negation).

Schlagwörter

Antisemitismus

Mit Antisemitismus werden gemeinhin alle jene Phänomene bezeichnet, die sich gegen das Judentum oder gegen Jüdinnen*Juden als Jüdinnen*Juden richten. Die entsprechenden Erscheinungen reichen von der bloßen Distanzierung und Behauptung jüdischer Andersartigkeit, über vollständig ausgearbeitete Weltbilder, die Jüdinnen*Juden für sämtliche Probleme verantwortlich machen, bis hin zu massiven Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Gewaltpraktiken.

Grammatiknazi / Grammar Nazi

Das überwiegend negativ konnotierte Schlagwort Grammatiknazi – als Übersetzung von engl. grammar nazi – wird zur Benennung von Personen verwendet, die meist in eher informellen Kontexten der öffentlichen Internetkommunikation (u. a. in Foren, Kommentarbereichen auf Nachrichtenportalen, sozialen Netzwerken) ungefragt Sprachkritik an den Äußerungen anderer (häufig fremder) Kommunikationsteilnehmer*innen üben.

Respekt

Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität.

Geschlechtergerechte Sprache

Mit dem heute als Fahnenwort gebrauchten Ausdruck geschlechtergerechte Sprache ist die Forderung verbunden, bei Personenbezeichnungen die einseitige, für diskriminierend erklärte Bezugnahme auf einen bestimmten Sexus, konkret: auf das männliche Geschlecht, zu unterlassen.

Identitätspolitik

Der Ausdruck steht heute für eine politische Konstellation, in der konkurrierende Wir-Gemeinschaften mit einer Diskriminierungs- und Benachteiligungsgeschichte in der Öffentlichkeit um Anerkennung konkurrieren. An der Oberfläche geht es ‚identitären‘ Wir-Gemeinschaften darum, die eigene Diskriminierung als Ermächtigungsmotiv an die Öffentlichkeit zu tragen.

Cancel Culture

Cancel Culture ist ein Kampf- und Stigmawort, das sich in skandalisierender Absicht gegen die Praxis (und oft auch bereits gegen die Forderung) des Absagens, Ausladens, Boykottierens moralisch missliebiger und politisch bekämpfter Personen, Organisationen und Positionen in Wissenschaft, Kultur und Politik wendet.

Elite

Einmal wird unter Elite eine Auswahl der Besten und Leistungsfähigsten verstanden, einmal in distanzierender Weise eine abgehobene ‚Kaste‘ der Reichen und Mächtigen im Gegensatz zum Volk. Erstere Variante wird in der Regel zur Verteidigung der etablierten Ordnung verwendet, letztere vor allem von Rechtspopulisten.

Altpartei

Der Ausdruck Altpartei wird in jüngerer Zeit häufig im Kontext des Aufstiegs des Rechtspopulismus und der AfD gebraucht. Dabei lassen sich hauptsächlich zwei Gebrauchsvarianten beobachten: Einerseits richtet sich der Ausdruck in abwertender Weise gegen etablierte Parteien, andererseits taucht er oft in sprachkritischen Kontexten auf, wo seine Verwendung und seine Sprecher kritisiert oder diskreditiert werden.

Verschwörungstheorie

Der Ausdruck gibt sich in der medialen Öffentlichkeit als analytisches Konzept, ist aber zugleich performativ hoch wirksam als Ausschluss aller erfolgreich so benannten Konzepte aus der rationalen öffentlichen Kommunikation.

Inklusion

Inklusion hat sich, ausgehend von einem soziologischen Fachterminus gleichen Namens, in den zwei vergangenen Jahrzehnten zu einem interdiskursiven und allgemeinen Programmbegriff gewandelt.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.