
DiskursGlossar
Analogie-Topos
Kategorie: Techniken
Verwandte Ausdrücke: Exemplum-Topos, Argumentationsmuster, Analogie, Analogieargument, (Gegen)Beispiel
Siehe auch: Topos, Autoritäts-Topos, Gefahren-Topos, Topos der düsteren Zukunftsprognose
Autor: Denis Gerner
Version: 1.1 / Datum: 07.03.2023
Kurzzusammenfassung
Der Analogie-Topos zählt zu den allgemeinen bzw. kontextabstrakten Argumentationsmustern, die genutzt werden können, um für oder gegen eine Position zu argumentieren. Analogie-Topoi werden von verschiedenen Akteuren und Akteursgruppen strategisch eingesetzt, um eine zustimmende Haltung bei den Zielgruppen zu bewirken. Sachverhalte und Referenzphänomene gelten dabei als analog, wenn sie als ‚vergleichbar‘ oder ‚gleichartig‘ perspektiviert werden können. Wengeler gibt die allgemeine Form des Topos wie folgt an:
Weil in einem anderen Sachbereich/in einem anderen Land eine in relevanter
Hinsicht mit der anstehenden Handlung vergleichbare Handlung zu positiven
bzw. negativen Folgen geführt hat, sollte die in Frage stehende Handlung
ausgeführt / nicht ausgeführt werden (Wengeler 2003: 321).
Akteure behaupten dabei in einem Diskurs mit dem Analogie-Topos die Vergleichbarkeit von zwei Sachverhalten: Die Analogie vermag eine Argumentation zu stützen, insofern der Vergleichbarkeit zugestimmt wird, scheitert aber, wenn die Vergleichbarkeit (erfolgreich) infrage gestellt werden kann. Der vergleichbare Fall kann sich auf ein reales oder auch kontrafaktisches oder fiktives Szenario beziehen. Häufig wird der Analogie-Topos in einer Argumentation von (z.B. politischen) Akteuren genutzt, um einen anderen Topos zu bekräftigen bzw. diesen zu veranschaulichen und damit bei der Zielgruppe die (un)erwünschte Handlung als eine (un)plausible Konsequenz aussehen zu lassen.
Erweiterte Begriffsklärung
In der klassischen formalen Logik der Philosophie besteht ein gültiges Argument aus einer oder mehreren Prämissen und mindestens einer Konklusion. Wenn das Argument eine gültige Form besitzt, dann ist die Konklusion zwingend. Will man ein Argument logisch entkräften, so gilt es, eine oder mehrere Prämissen zu widerlegen. Bei dem Argumentationsmuster des Analogie-Topos kann das zugrundeliegende Schema wie folgt dargestellt werden:
- Prämisse: Wenn Fall A analog ist zu Fall B und wenn Fall A Wirkung P hat, dann ist es erwartbar, dass Fall B ebenfalls zur Wirkung P hat.
- Prämisse: Fall A ist analog zu Fall B und Fall A hat zur Wirkung P.
Konklusion: Es ist erwartbar, dass auch Fall B die Wirkung P hat.
Während die logisch-gültige Form sicherstellt, dass das Argument einem anerkannten Schlussmuster folgt (d.h. bei allen formgleichen Argumenten ebenso aus wahren Prämissen eine wahre Konklusion folgt), so sind es die Inhalte (und ihre Bewertung), die das Argument zu einem guten oder sog. ‚triftigen‘ Argument machen. Das bedeutet, eine Analogie wird dann als einleuchtend (triftig) erachtet, wenn die Fälle vergleichbar sind und erwartbar ist, dass im analogen Fall die analoge Wirkung eintritt. Oder auf das Schema bezogen, wenn den Prämissen eins und zwei zugestimmt wird. Es ist hierbei wichtig zu betonen, dass der Analogie-Topos (im Gegensatz zur logischen Argumentation) keinem z.B. aussagenlogischen Schlussmuster folgen muss, nicht einmal ,wahr‘ zu sein braucht, um zu ,funktionieren‘ und seinen (strategischen) Zweck zu erfüllen – im Gegensatz etwa zum sogenannten Analogieargument aus der philosophischen Logik.
Der Gebrauch des Argumentationsmusters findet sich in der Alltagskommunikation in trivialen Kontexten (Stell dir vor, wir wären in dieser Situation) und reicht bis zu den Debatten im Bundestag oder in Expertenausschüssen. Die Anwendung von Analogie- und anderen Topoi setzt zwar Weltwissen voraus, bedarf aber keiner expliziten Kenntnisse der impliziten Argumentationsstrukturen, da diese von Sprechern intuitiv angewandt werden.
Ein konkretes Beispiel: In der Debatte um die Legalisierung von Cannabis finden sich regelmäßig Analogien. Eine dieser Analogien wird häufig von Cannabis-Befürwortern vorgebracht und hat folgendes prototypisches Muster:
- Alkohol ist schädlich(er als Cannabis), aber legal.
- Cannabis ist weniger schädlich (als Alkohol), aber verboten.
Also: Cannabis sollte ebenfalls legal sein.
Die implizite Voraussetzung ist hierbei, dass der Status der Legalität abhängig von der Schädlichkeit einer Droge sei. In der politischen Kommunikation läuft die Analogie darauf hinaus: Würde man dem Vergleich zustimmen, wäre von der Gesetzgebung nun zu erwarten, konsequent zu sein, indem der Gesetzgeber Gleiches gleichbehandelt. Hierbei wird bereits deutlich, dass der Analogie-Topos eine argumentationsstützende Funktion besitzt und häufig im Zusammenspiel mit anderen Topoi eingesetzt wird – hier mit dem Fairness/Gerechtigkeits-Topos. Nach Wengeler fungiert der Analogie-Topos i.d.R. „als zusätzliche Stütze eines bereits hergestellten Sachverhaltzusammenhangs“, häufig im Zusammenhang mit dem „Gefahren-Topos“ (Wengeler 2003: 321) oder anderen Topoi (siehe hierzu auch Beispielsektion).
Nun ließe sich bei der Beispielargumentation anführen, dass die Analogie der Sache nicht gerecht wird: In einer beispielhaften Erwiderung könnte entgegnet werden, dass Alkohol zwar schädlich sei, aber durch die langjährige Tradition ein bedeutsames Kulturgut darstelle und deshalb legal sei. Das Argument zielt darauf ab, die Vergleichbarkeit zurückzuweisen und den Aspekt des ‚Verboten, wegen der Schädlichkeit‘ zu eliminieren und stattdessen darauf zu verweisen, dass legal ist, was auf einer Kulturtradition beruht. Eine andere Argumentationsstrategie könnte die Vergleichbarkeit akzeptieren und die Schädlichkeit in den Vordergrund rücken: Weil es so viele Probleme mit Alkohol gibt, sollte nicht auch noch Cannabis legal sein, da es dann damit (noch mehr) Probleme gibt. Hier liefe die Erwiderung auf die ungewünschten Folgen aus dem bekannten Fall hinaus (siehe Konsequenz-Topos).
Unabhängig davon, welcher Argumentation man folgen möchte, das wiederkehrende Muster des Analogie-Topos ist ein vergleichbarer Fall, welcher die gewünschten/ungewünschten Wirkungen auf den zu diskutierenden Fall erwartbar machen soll. Will man der Analogie nicht folgen, so müssen Gründe aufgezeigt werden, warum der Fall nicht vergleichbar ist und somit auch die Konsequenz nicht erwartbar (oder eine andere) ist.
In der strategischen Kommunikation werden Analogien (gezielt) als Technik eingesetzt, um bei einer Zielgruppe eine zustimmende Haltung für eine bestimmte Position zu gewinnen. Diese Strategie ist umso erfolgversprechender, je einleuchtender und intuitiver die gewählte Analogie bei der Zielgruppe ist. Dabei funktioniert der Analogie-Topos in ‚verschiedene Richtungen‘, d.h. die Analogie kann darauf abzielen, zu zeigen, warum eine nicht wünschenswerte Konsequenz erwartbar wäre, da eine ungewollte Wirkung bereits im vergleichbaren Fall auftritt oder vice versa. Ein gescheiterter Analogie-Topos kann hingegen bewirken, dass ein sonst valider Punkt entkräftet oder sogar ins Lächerliche gezogen wird. Will man nun der Analogie nicht folgen oder den strategischen Einsatz des Analogie-Topos aufdecken (siehe auch entlarven), so besteht die Möglichkeit, entweder aufzuzeigen, dass die Analogie in der Sache nicht vergleichbar ist und somit in relevanten Punkten vom zur Diskussion stehenden Fall abweicht, oder man verweist auf die Gegenargumente, welche beim analogen Fall gegen die zu erwartende Konsequenz vorgebracht werden. Schaut man sich das Schema an, so ist es entweder die erste Prämisse, welche im Fokus steht – also warum es eben nicht erwartbar ist, dass im Fall B die analoge Wirkung auftritt – oder die zweite Prämisse, warum die Vergleichbarkeit nicht gegeben ist. Da der Analogie-Topos häufig mit anderen Topoi zusammen auftritt, so lässt sich auch der strategische Einsatz von dem anderen eingesetzten Topos aufdecken und erwidern. Die Infragestellung des Argumentationsmusters drückt sich häufig auch in Äußerungen aus wie Der Vergleich hinkt oder in Form von Redewendungen wie Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen.
Beispiele
(1) Ukraine-Konflikt: Verschiebung von Grenzen
In dem folgenden Beispiel aus der Politik in einem Artikel des Bayerischen Rundfunks über den Ukraine-Konflikt findet sich ein wiederkehrend vorgetragener Analogie-Topos. Hier wird zunächst das zu entkräftende Argument paraphrasiert wiedergegeben:
Bereits vergangenes Jahr erklärte Wladimir Putin in einem Artikel auf der Kreml-Website, dass Russen und Ukrainer historisch gesehen eigentlich ein gemeinsames Volk seien. Deshalb betont er auch jetzt, dass die Ukraine nie eine echte Staatlichkeit besessen habe. Und Putin sagt: Das Land sei eine westliche „Kolonie mit einem Marionettenregime“, in der gegen die russischsprachige Bevölkerung eine Politik der „Zwangsassimilierung“ geführt werde. (BR 2022)
Die daraus resultierende Konsequenz wird nun im Anschluss von einem Historiker durch einen Vergleich aufgegriffen:
In der Tat: Russland und die Ukraine haben eine sehr miteinander verflochtene Geschichte. Beide sind aus dem ersten ostslawischen Staat entstanden, der Kiewer Rus. Allerdings hatten auch Deutschland und Frankreich im Mittelalter eine gemeinsame Geschichte, erklärt Historiker Schulze Wessel: „Niemand würde behaupten, dass deswegen Frankreich keine Nation oder Deutschland keine Nation wäre.“ (BR 2022)
Der Historiker zeigt mit seiner Analogie, dass diese eine unhaltbare Konsequenz zur Folge hätte, und zwar wäre nach der Argumentation des Kremls auch die staatliche Integrität von Deutschland oder Frankreich anzweifelbar. Durch den analogen Fall, hier die Geschichte Deutschland-Frankreich, und die unhaltbare Konsequenz, die Anzweiflung der Integrität Deutschlands und Frankreichs, kann die Plausibilität der Argumentation des Kremls abgewiesen werden.
(2) Gescheiterter Analogie-Topos im Bundestag aufgegriffen von der Heute Show
Der Moderator der Heute Show, Oliver Welke, leitet einen Beitrag aus dem Bundestag ein mit: „Hier, beklopptester Vergleich des Jahres!“. In dem daraufhin gezeigten Beitrag spricht Tino Sorge (CDU/CSU) zum Bundestag über die Corona-Impfpflicht:
Wir sagen eben, man kann bei der Frage: Impfpflicht ja oder nein, nicht sofort und gleich, pauschal entscheiden. Ich sage Ihnen, das ist wie bei der Frage: Sind Sie/bist Du für die Ehe – ja oder nein? Da kann man nur sagen: Es kommt darauf an. Es muss die richtige Frau da sein, es muss der richtige Zeitpunkt da sein und es müssen die Umstände passen. (Heute Show 2022)
Während dieser Analogie-Topos von Tino Sorge vorgetragen wird, sind in der Aufnahme immer wieder schüttelnde Köpfe von Abgeordneten des Bundestags zu sehen. Die Heute Show nutzt diesen Umstand gezielt als Gegenstrategie gegen den vorgetragenen Vergleich, um zusätzlich die Lächerlichkeit des eingesetzten Vergleichs zu inszenieren. Die Reaktionen aus dem Bundestag lassen absehen, dass die Analogie als nicht erfolgreich erachtet wurde.
(3) Markus Söder: Master und Meister Analogie
Abb. 1: Instragramm-Post von Markus Söder zum kostenlosen Meister in Bayern.
In diesem Instagram-Post vergleicht Bayerns Ministerpräsident Markus Söder den Hochschul-Master mit der Meister-Ausbildung im Handwerk. Schlüsselt man die Strategie auf, so geht es darum, Zustimmung bei einer bestimmten Wählergruppe durch den kostenlosen Meister zu erzielen. Strategisch wird dabei ein Gefühl der Unfairness über einen Vergleich gegenüber dem Hochschul-Master erzeugt: Es ist unfair, dass der Master gratis ist, die Meisterausbildung dagegen viel Geld kostet. Bei der Zielgruppe (Personen und Auszubildende im Handwerk; nicht-Akademiker usw.) kann eine zustimmende Haltung für die konstatierte Unfairness und das politische Ziel eines kostenlosen Meisters antizipiert werden. Die Gegenstrategie würde sich hierbei weniger auf die Analogie beziehen – die Konsequenz, den Meister kostenlos zu machen, kann sogar für beide Seiten als durchaus wünschenswert erachtet werden – sondern auf die konstatierte Unfairness (vgl. Gerechtigkeits-Topos): Der Hochschul-Master ist keineswegs „gratis“, Studierende zahlen Semesterbeiträge, müssen teure Mieten in der Großstadt zahlen usw.
Literatur
Zum Weiterlesen
- Kienpointer, Manfred (1992): Alltagslogik: Struktur und Funktion von Argumentationsmustern. Stutt-gart-Bad Cannstatt: Frommann-Holzboog.
Zitierte Literatur und Belege
- Bayerischer Rundfunk (2022): Putins Kriegsgründe: Was es damit auf sich hat. Online unter: https://www.br.de/nachrichten/wissen/russland-ukraine-krieg-putins-argumente-possoch-klaert,SyLydog ; Zugriff: 02.03.2023.
- Heute Show (2022): So hat der Bundestag die Impfpflicht verbockt | heute-show vom 08.04.2022. Online unter: https://www.youtube.com/watch?v=dBllYq4OwDE ; Zugriff: 02.03.2023
- Wengeler, Martin (2003): Topos und Diskurs: Begründung einer argumentationsanalytischen Methode und ihre Anwendung auf den Migrationsdiskurs (1960 – 1985). Tübingen: Niemeyer.
Abbildungsverzeichnis
- Abb. 1: Instagram-Post von Markus Söder zum kostenlosen Meister in Bayern. URL: https://www.instagram.com/p/Cnj0SoBoj39/?igshid=YmMyMTA2M2Y%3D ; Zugriff: 02.03.2023.
Zitiervorschlag
Gerner, Denis (2023): Analogie-Topos. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 07.03.2023. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/analogie-topos.
DiskursGlossar
Grundbegriffe
Akteur
Als Akteur oder Diskursakteur werden in der Diskursforschung meist Gruppen oder Grup-penstellvertreter verstanden, die mit kommunikativen Mitteln in der Öffentlichkeit versuchen, ihre Deutungen und Ressourcenansprüche gegen Rivalen durchzusetzen.
Diskursfigur
Diskursfiguren – wie der Held oder der Experte, das Genie, der Gefährder, Gutmensch, Nerd oder Psychopath – sind im medial-politischen Diskurs konstruierte und verbreitete Vorstellungen von Handlungsträgern, die stereotyp mit bestimmten Eigenschaften assoziiert werden. Sie erhalten durch musterhaften Sprachgebrauch, aber auch durch bildhafte Darstellungen eine kommunizierbare, wiedererkennbare Kontur.
Repräsentative Anekdote
Repräsentative Anekdote bezeichnet ein modellhaftes Kurznarrativ, das in Theorien, Weltanschauungen und komplexen Erklärungen selektiv reproduziert wird. So ist z.B. das „survival of the fittest“ (‚die Stärksten überleben‘) die repräsentative Anekdote, die in allen darwinistischen, sozialdarwinistischen und neodarwinistischen Theorien und Deutungsmustern als Modell dient und variabel ausgearbeitet wird.
Begriffsgeschichte
Die Begriffsgeschichte lässt sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten Ausdrücken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext größerer sprachlicher Zusammenhänge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).
Diskurssemantische Verschiebung
Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.
Domäne
Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.
Ideologie
Der Begriff Ideologie weist im Wesentlichen drei unterschiedliche Bedeutungen auf: Erstens kann er ein trügerisches, realitätsfernes oder dogmatisches Denken bezeichnen; so eignet er sich auch als Schlagwort bzw. politischer Kampfbegriff. Zweitens kann er auf eine sozial bedingte Weltanschauung oder ein umfassendes Ideen- und Wertesystem verweisen. Drittens kann mit Ideologie ein politisches Programm gemeint sein, welches Vorstellungen über gesellschaftliche Ordnung sowie Ziele für politisches Handeln beinhaltet.
Positionieren
Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.
Deutungsmuster
Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.
Sinnformel
‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.
Techniken
Whataboutism
Whataboutism (auch Whataboutismus) bezeichnet zum einen eine rhetorische Praktik, zum anderen wird der Ausdruck als Schlagwort verwendet.
Als Praktik zielt Whataboutism darauf ab, von Kritik oder von einem unerwünschten Thema abzulenken – typischerweise durch einen Gegenverweis auf einen anderen Sachverhalt, einen anderen Akteur oder einen anderen Kontext. Dabei ist die Grenze zu legitimen Vergleichen und Rückfragen fließend und regelmäßig Gegenstand diskursiver Aushandlung.
Politische Rede
Politische Reden sind schriftlich konzipierte oder verfasste, mündlich und monologisch vorgetragene Texte mittlerer Länge von einigen Minuten bis zu mehr als einer Stunde. Der Vortrag muss durch eine Person erfolgen, die erkennbar in politisches Handeln eingebunden ist. Politische Rede soll sowohl informieren als auch die Meinungsbildung beeinflussen.
Korruption
Korruption wird zum einen als Fachbegriff (Recht, Wissenschaft) verwendet und verweist auf ein Gebiet des Strafrechts und damit auf einen Teil des gesellschaftlichen Normensystems, das Delikte in Kontaktzonen von Politik und Ökonomie definiert.
Beschriftete Waffen
Das Betexten von Waffen, speziell Projektilen wie Schleuderbleien, Kanonenkugeln oder Bomben, mit an die Feindgruppe gerichteten Botschaften (Sarkasmus, Beleidigungen, Todeswünsche u. ä.) ist eine Praktik, die sich bis in die römische Antike zurückverfolgen lässt. Sie dient der Identifikation der Eigengruppe (Truppe oder Gefolgsleute) mit dem Ziel, die Moral vor einem Kampfansatz zu heben (emotional-psychologische Bewältigungsstrategie) sowie Gelassenheit und Siegesgewissheit propagandistisch gegenüber der Eigen- und Fremdgruppe zu inszenieren.
Zitieren
Zitieren bezeichnet die Wiedergabe ausgewählter Text(teil)e in unterschiedlichen Kommunikationskontexten wie Alltag, Wissenschaft, Journalismus und Politik. Grundsätzlich kann Zitieren der möglichst wertneutralen Wiedergabe bzw. Verweisung auf fremde Aussagen dienen, aber auch zur strategischen Positionierung eingesetzt werden. Auch in wissenschaftlichen Texten erfüllt das Zitieren neben der formal korrekten Bezugnahme auf fremde Aussagen u.a. argumentationsstützende Funktionen.
AI-Washing/KI-Washing
Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle mit dem Etikett „Künstliche Intelligenz“ (KI bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsächlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark übertrieben, nur marginal vorhanden oder überhaupt nicht gegeben ist.
Dogwhistle
Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.
Demonstrieren
« Zurück zur ArtikelübersichtDemonstrieren Kategorie: TechnikenVerwandte Ausdrücke: Auf die Straße gehen, Straßenprotest, Kundgebung, öffentliche Versammlung, Mahnwache, Menschenkette, Marsch, SitzblockadenSiehe auch: Protest, Politische Aktion, Politische Bildung,...
Boykottaufruf
Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.
Tabuisieren
Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.
Schlagwörter
Meinungsfreiheit
Meinungsfreiheit ist ein positiv konnotiertes Schlagwort. Das im Schlagwort kondensierte Pro-gramm wird allgemein zustimmend propagiert oder eingefordert, ohne dass immer verdeutlicht wird, welche Ausgestaltung von Meinungsfreiheit zugrunde liegt. Aufgrund dieser allgemeinen Zu-stimmung kann Meinungsfreiheit als Hochwertwort kategorisiert werden: In der öffentlichen Debat-te gibt es keine wahrnehmbaren Stimmen, die sich gegen Meinungsfreiheit (in dieser unbestimm-ten Form) aussprechen.
Diversität / Vielfalt
Diversität/Vielfalt ist ein aus einschlägigen US-Diskursen der (frühen) 1980er und der 1990er Jahre importiertes Schlagwort und ein Topos, der ethnische, sexuelle und körperliche (Behinderung etc.) Verschiedenheit positiv und programmatisch als Ressourcen der Mehrheitsgesellschaft kodiert. Vielfalt als Chance dürfte der hierzulande häufigste Slogan des Diversitäts-Hypes sein. Qua Diversität werden identitätsrelevante Unterschiede zwischen gesellschaftlichen Gruppen von Stigmata für Minderheiten zu Ressourcen für die Allgemeinheit umgedeutet.
Brückentechnologie
Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der Brückentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschätzten anderen Technologie möglich ist.
Deindustrialisierung
Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch Rückgang von produzierendem Gewerbe.
Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, ähnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).
Echokammer
Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.
Relativieren
Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.
Massendemokratie
Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.
Social Bots
Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.
Kriegsmüdigkeit
Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.
Verschiebungen
Dehumanisierung
Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.
Kriminalisierung
Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.
Versicherheitlichung
In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.
Ökonomisierung
Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren
Moralisierung
Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.
Konstellationen
Krise
Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.
Partizipatorischer Diskurs
Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.
Skandal
Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.
DiskursReview
Review-Artikel
„Künstliche Intelligenz“: Notbremse, Trump, Bundestag
„Notbremse“ bei KI-Gefahr? Keine „Künstliche Intelligenz“ in Bundestagsreden? Und Trump benennt „KI“ in „Superintelligenz“ um.
„Hybrid“ – Diffuse Gefahr im Anstrich fachsprachlicher Präzision
Vor allem in den letzten Monaten und im Kontext des Russland-Ukraine-Krieges steht in der öffentlichen Debatte die „hybride Bedrohung“ im Fokus.
„Clan“
Versuche, politische Gegner durch Behauptung von „Nähe zu“ Kriminellen in Misskredit zu bringen, haben eine lange Tradition.
„Antisemitismus“ / „Antisemit“
Die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Nahost-Konflikt hat den Ausdruck „Antisemitismus“ (bzw. „antisemitisch“ und „Antisemit“) zum Gegenstand von Deutungskämpfen gemacht. Dabei konkurrieren Versuche, den Ausdruck fachlich zu definieren, mit Versuchen politischer Instrumentalisierung.
„kapitalgedeckt“ – Eine Perle der Finanz-Propaganda
Ungeachtet der Finanzkrise 2008 und regelmäßiger „Finanzskandale“ wie „Cum-Ex“, Wirecard und ähnlichen, wird im politischen Raum, angeblich wegen, tatsächlich aber z u r Schwächung der staatlichen Sicherungssysteme verstärkt auf private Vorsorge gesetzt.
Tagung 2027: Politisches Lobbying
Sprache und Lobbyismus- Strategische Kommunikation in Politik und Medien Tagung der Forschungsgruppe Diskursmonitor Tagung: 10. und 11. Juni 2027 | Ort: Universität Siegen [Map]Kontakt: Prof. Dr. Friedemann Vogel, Joline Schmallenbach Call for Papers: 31.10.2026...
Der Totalverweigerer – Anmerkungen zu einer Diskursfigur der Feindbildproduktion im Sicherheits- und Sozialdiskurs
Die Bezeichnung Totalverweigerer wurde ursprünglich in den späten 70er Jahren im Rahmen der Auseinandersetzungen um die Inanspruchnahme des Rechtes auf Kriegsdienstverweigerung nach § 4.3 GG verwendet. Mit diesem Ausdruck wurden junge Männer stigmatisiert, die nicht nur den Wehrdienst, sondern auch den (längeren) zivilen „Ersatzdienst“ (später „Zivildienst“) verweigerten und damit, wie auch nicht-anerkannte Kriegsdienstverweigerer, Haftstrafen riskierten…
Memes als moderne Propaganda – Eine sprach- und medienkritische Untersuchung
Digitale Kommunikationsformen prägen heutige gesellschaftliche Debatten weitaus stärker als die klassischen Medien. Ihr Einfluss auf die politische Meinungsbildung und die Ausbildung ideologischer Positionen ist inzwischen unverkennbar und zählt zu den markantesten Entwicklungen der digitalen Gegenwart. Besonders hervorzuheben sind Memes: Sie verbreiten sich schnell, arbeiten mit humoristischen Mitteln und verdichten komplexe Inhalte auf ein Minimum an Zeichen. In öffentlichen Diskursen werden sie daher nicht mehr als spielerisches Internetphänomen betrachtet, sondern als ernstzunehmendes Instrument politischer Kommunikation und den damit einhergehenden propagandistischen Strategien.
Zeitalter der Polykrisen – Was sagt die Polykrise über die Gegenwart und Zukunft?
Beim Durchscrollen der Tagesschlagzeilen ist einem in den letzten Jahr wahrscheinlich der Ausdruck Polykrise ins Blickfeld geraten. Solche Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien lauten beispielsweise (1) „Klimawandel, Krieg in der Ukraine, Abstiegsängste – die Welt ist aus den Fugen geraten: Drei Bücher zeigen Wege aus der Polykrise“ (Friedl 2026); (2) „Kritische Psychotherapie: Psychotherapie in der Polykrise“ (Dicks 2026); (3) „Optimismus in der Polykrise“ (Kolev 2025); (4) „Was tun gegen die …
„Genderwahn“ als sprachkritische Abwertung: Eine kritische Betrachtung
„Die Debatte über Gendern und Nicht-Gendern kann ich schon nicht mehr hören. Soll es doch jeder machen, wie er es selbst will.“ Dieses Zitat äußert der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz im Rahmen der Feier zugunsten des Grundgesetzes, welches im Jahre 2024 den 75. Geburtstag feierte (vgl. Steinkohl et al. 2024). Deutlich wird hierbei, dass die Thematik rund um das Gendern in der Politik aufgefasst wird. Allerdings wird gleichzeitig deutlich, dass die Debatte in der Öffentlichkeit stark kritisiert …