DiskursGlossar

Analogie-Topos

Kategorie: Techniken
Verwandte Ausdrücke: Exemplum-Topos, Argumentationsmuster, Analogie, Analogieargument, (Gegen)Beispiel
Siehe auch: Topos, Autoritäts-Topos, Gefahren-Topos, Topos der düsteren Zukunftsprognose
Autor: Denis Gerner
Version: 1.1 / Datum: 07.03.2023

Kurzzusammenfassung

Der Analogie-Topos zählt zu den allgemeinen bzw. kontextabstrakten Argumentationsmustern, die genutzt werden können, um für oder gegen eine Position zu argumentieren. Analogie-Topoi werden von verschiedenen Akteuren und Akteursgruppen strategisch eingesetzt, um eine zustimmende Haltung bei den Zielgruppen zu bewirken. Sachverhalte und Referenzphänomene gelten dabei als analog, wenn sie als ‚vergleichbar‘ oder ‚gleichartig‘ perspektiviert werden können. Wengeler gibt die allgemeine Form des Topos wie folgt an:

Weil in einem anderen Sachbereich/in einem anderen Land eine in relevanter
Hinsicht mit der anstehenden Handlung vergleichbare Handlung zu positiven
bzw. negativen Folgen geführt hat, sollte die in Frage stehende Handlung
ausgeführt / nicht ausgeführt werden
(Wengeler 2003: 321).

Akteure behaupten dabei in einem Diskurs mit dem Analogie-Topos die Vergleichbarkeit von zwei Sachverhalten: Die Analogie vermag eine Argumentation zu stützen, insofern der Vergleichbarkeit zugestimmt wird, scheitert aber, wenn die Vergleichbarkeit (erfolgreich) infrage gestellt werden kann. Der vergleichbare Fall kann sich auf ein reales oder auch kontrafaktisches oder fiktives Szenario beziehen. Häufig wird der Analogie-Topos in einer Argumentation von (z.B. politischen) Akteuren genutzt, um einen anderen Topos zu bekräftigen bzw. diesen zu veranschaulichen und damit bei der Zielgruppe die (un)erwünschte Handlung als eine (un)plausible Konsequenz aussehen zu lassen.

Erweiterte Begriffsklärung

In der klassischen formalen Logik der Philosophie besteht ein gültiges Argument aus einer oder mehreren Prämissen und mindestens einer Konklusion. Wenn das Argument eine gültige Form besitzt, dann ist die Konklusion zwingend. Will man ein Argument logisch entkräften, so gilt es, eine oder mehrere Prämissen zu widerlegen. Bei dem Argumentationsmuster des Analogie-Topos kann das zugrundeliegende Schema wie folgt dargestellt werden:

  1. Prämisse: Wenn Fall A analog ist zu Fall B und wenn Fall A Wirkung P hat, dann ist es erwartbar, dass Fall B ebenfalls zur Wirkung P hat.
  2. Prämisse: Fall A ist analog zu Fall B und Fall A hat zur Wirkung P.
    Konklusion: Es ist erwartbar, dass auch Fall B die Wirkung P hat.

Während die logisch-gültige Form sicherstellt, dass das Argument einem anerkannten Schlussmuster folgt (d.h. bei allen formgleichen Argumenten ebenso aus wahren Prämissen eine wahre Konklusion folgt), so sind es die Inhalte (und ihre Bewertung), die das Argument zu einem guten oder sog. ‚triftigen‘ Argument machen. Das bedeutet, eine Analogie wird dann als einleuchtend (triftig) erachtet, wenn die Fälle vergleichbar sind und erwartbar ist, dass im analogen Fall die analoge Wirkung eintritt. Oder auf das Schema bezogen, wenn den Prämissen eins und zwei zugestimmt wird. Es ist hierbei wichtig zu betonen, dass der Analogie-Topos (im Gegensatz zur logischen Argumentation) keinem z.B. aussagenlogischen Schlussmuster folgen muss, nicht einmal ,wahr‘ zu sein braucht, um zu ,funktionieren‘ und seinen (strategischen) Zweck zu erfüllen – im Gegensatz etwa zum sogenannten Analogieargument aus der philosophischen Logik.

Der Gebrauch des Argumentationsmusters findet sich in der Alltagskommunikation in trivialen Kontexten (Stell dir vor, wir wären in dieser Situation) und reicht bis zu den Debatten im Bundestag oder in Expertenausschüssen. Die Anwendung von Analogie- und anderen Topoi setzt zwar Weltwissen voraus, bedarf aber keiner expliziten Kenntnisse der impliziten Argumentationsstrukturen, da diese von Sprechern intuitiv angewandt werden.

Ein konkretes Beispiel: In der Debatte um die Legalisierung von Cannabis finden sich regelmäßig Analogien. Eine dieser Analogien wird häufig von Cannabis-Befürwortern vorgebracht und hat folgendes prototypisches Muster:

  1. Alkohol ist schädlich(er als Cannabis), aber legal.
  2. Cannabis ist weniger schädlich (als Alkohol), aber verboten.

    Also: Cannabis sollte ebenfalls legal sein.

Die implizite Voraussetzung ist hierbei, dass der Status der Legalität abhängig von der Schädlichkeit einer Droge sei. In der politischen Kommunikation läuft die Analogie darauf hinaus: Würde man dem Vergleich zustimmen, wäre von der Gesetzgebung nun zu erwarten, konsequent zu sein, indem der Gesetzgeber Gleiches gleichbehandelt. Hierbei wird bereits deutlich, dass der Analogie-Topos eine argumentationsstützende Funktion besitzt und häufig im Zusammenspiel mit anderen Topoi eingesetzt wird – hier mit dem Fairness/Gerechtigkeits-Topos. Nach Wengeler fungiert der Analogie-Topos i.d.R. „als zusätzliche Stütze eines bereits hergestellten Sachverhaltzusammenhangs“, häufig im Zusammenhang mit dem „Gefahren-Topos“ (Wengeler 2003: 321) oder anderen Topoi (siehe hierzu auch Beispielsektion). 

Nun ließe sich bei der Beispielargumentation anführen, dass die Analogie der Sache nicht gerecht wird: In einer beispielhaften Erwiderung könnte entgegnet werden, dass Alkohol zwar schädlich sei, aber durch die langjährige Tradition ein bedeutsames Kulturgut darstelle und deshalb legal sei. Das Argument zielt darauf ab, die Vergleichbarkeit zurückzuweisen und den Aspekt des ‚Verboten, wegen der Schädlichkeit‘ zu eliminieren und stattdessen darauf zu verweisen, dass legal ist, was auf einer Kulturtradition beruht. Eine andere Argumentationsstrategie könnte die Vergleichbarkeit akzeptieren und die Schädlichkeit in den Vordergrund rücken: Weil es so viele Probleme mit Alkohol gibt, sollte nicht auch noch Cannabis legal sein, da es dann damit (noch mehr) Probleme gibt. Hier liefe die Erwiderung auf die ungewünschten Folgen aus dem bekannten Fall hinaus (siehe Konsequenz-Topos).

Unabhängig davon, welcher Argumentation man folgen möchte, das wiederkehrende Muster des Analogie-Topos ist ein vergleichbarer Fall, welcher die gewünschten/ungewünschten Wirkungen auf den zu diskutierenden Fall erwartbar machen soll. Will man der Analogie nicht folgen, so müssen Gründe aufgezeigt werden, warum der Fall nicht vergleichbar ist und somit auch die Konsequenz nicht erwartbar (oder eine andere) ist.

In der strategischen Kommunikation werden Analogien (gezielt) als Technik eingesetzt, um bei einer Zielgruppe eine zustimmende Haltung für eine bestimmte Position zu gewinnen. Diese Strategie ist umso erfolgversprechender, je einleuchtender und intuitiver die gewählte Analogie bei der Zielgruppe ist. Dabei funktioniert der Analogie-Topos in ‚verschiedene Richtungen‘, d.h. die Analogie kann darauf abzielen, zu zeigen, warum eine nicht wünschenswerte Konsequenz erwartbar wäre, da eine ungewollte Wirkung bereits im vergleichbaren Fall auftritt oder vice versa. Ein gescheiterter Analogie-Topos kann hingegen bewirken, dass ein sonst valider Punkt entkräftet oder sogar ins Lächerliche gezogen wird. Will man nun der Analogie nicht folgen oder den strategischen Einsatz des Analogie-Topos aufdecken (siehe auch entlarven), so besteht die Möglichkeit, entweder aufzuzeigen, dass die Analogie in der Sache nicht vergleichbar ist und somit in relevanten Punkten vom zur Diskussion stehenden Fall abweicht, oder man verweist auf die Gegenargumente, welche beim analogen Fall gegen die zu erwartende Konsequenz vorgebracht werden. Schaut man sich das Schema an, so ist es entweder die erste Prämisse, welche im Fokus steht – also warum es eben nicht erwartbar ist, dass im Fall B die analoge Wirkung auftritt – oder die zweite Prämisse, warum die Vergleichbarkeit nicht gegeben ist. Da der Analogie-Topos häufig mit anderen Topoi zusammen auftritt, so lässt sich auch der strategische Einsatz von dem anderen eingesetzten Topos aufdecken und erwidern. Die Infragestellung des Argumentationsmusters drückt sich häufig auch in Äußerungen aus wie Der Vergleich hinkt oder in Form von Redewendungen wie Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen.

Beispiele

(1) Ukraine-Konflikt: Verschiebung von Grenzen

In dem folgenden Beispiel aus der Politik in einem Artikel des Bayerischen Rundfunks über den Ukraine-Konflikt findet sich ein wiederkehrend vorgetragener Analogie-Topos. Hier wird zunächst das zu entkräftende Argument paraphrasiert wiedergegeben:

Bereits vergangenes Jahr erklärte Wladimir Putin in einem Artikel auf der Kreml-Website, dass Russen und Ukrainer historisch gesehen eigentlich ein gemeinsames Volk seien. Deshalb betont er auch jetzt, dass die Ukraine nie eine echte Staatlichkeit besessen habe. Und Putin sagt: Das Land sei eine westliche „Kolonie mit einem Marionettenregime“, in der gegen die russischsprachige Bevölkerung eine Politik der „Zwangsassimilierung“ geführt werde. (BR 2022)

Die daraus resultierende Konsequenz wird nun im Anschluss von einem Historiker durch einen Vergleich aufgegriffen:

In der Tat: Russland und die Ukraine haben eine sehr miteinander verflochtene Geschichte. Beide sind aus dem ersten ostslawischen Staat entstanden, der Kiewer Rus. Allerdings hatten auch Deutschland und Frankreich im Mittelalter eine gemeinsame Geschichte, erklärt Historiker Schulze Wessel: „Niemand würde behaupten, dass deswegen Frankreich keine Nation oder Deutschland keine Nation wäre.“ (BR 2022)

Der Historiker zeigt mit seiner Analogie, dass diese eine unhaltbare Konsequenz zur Folge hätte, und zwar wäre nach der Argumentation des Kremls auch die staatliche Integrität von Deutschland oder Frankreich anzweifelbar. Durch den analogen Fall, hier die Geschichte Deutschland-Frankreich, und die unhaltbare Konsequenz, die Anzweiflung der Integrität Deutschlands und Frankreichs, kann die Plausibilität der Argumentation des Kremls abgewiesen werden.

(2) Gescheiterter Analogie-Topos im Bundestag aufgegriffen von der Heute Show

Der Moderator der Heute Show, Oliver Welke, leitet einen Beitrag aus dem Bundestag ein mit: „Hier, beklopptester Vergleich des Jahres!“. In dem daraufhin gezeigten Beitrag spricht Tino Sorge (CDU/CSU) zum Bundestag über die Corona-Impfpflicht:

Wir sagen eben, man kann bei der Frage: Impfpflicht ja oder nein, nicht sofort und gleich, pauschal entscheiden. Ich sage Ihnen, das ist wie bei der Frage: Sind Sie/bist Du für die Ehe – ja oder nein? Da kann man nur sagen: Es kommt darauf an. Es muss die richtige Frau da sein, es muss der richtige Zeitpunkt da sein und es müssen die Umstände passen. (Heute Show 2022)

Während dieser Analogie-Topos von Tino Sorge vorgetragen wird, sind in der Aufnahme immer wieder schüttelnde Köpfe von Abgeordneten des Bundestags zu sehen. Die Heute Show nutzt diesen Umstand gezielt als Gegenstrategie gegen den vorgetragenen Vergleich, um zusätzlich die Lächerlichkeit des eingesetzten Vergleichs zu inszenieren. Die Reaktionen aus dem Bundestag lassen absehen, dass die Analogie als nicht erfolgreich erachtet wurde.

(3) Markus Söder: Master und Meister Analogie

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Abb. 1: Instragramm-Post von Markus Söder zum kostenlosen Meister in Bayern.

In diesem Instagram-Post vergleicht Bayerns Ministerpräsident Markus Söder den Hochschul-Master mit der Meister-Ausbildung im Handwerk. Schlüsselt man die Strategie auf, so geht es darum, Zustimmung bei einer bestimmten Wählergruppe durch den kostenlosen Meister zu erzielen. Strategisch wird dabei ein Gefühl der Unfairness über einen Vergleich gegenüber dem Hochschul-Master erzeugt: Es ist unfair, dass der Master gratis ist, die Meisterausbildung dagegen viel Geld kostet. Bei der Zielgruppe (Personen und Auszubildende im Handwerk; nicht-Akademiker usw.) kann eine zustimmende Haltung für die konstatierte Unfairness und das politische Ziel eines kostenlosen Meisters antizipiert werden. Die Gegenstrategie würde sich hierbei weniger auf die Analogie beziehen – die Konsequenz, den Meister kostenlos zu machen, kann sogar für beide Seiten als durchaus wünschenswert erachtet werden – sondern auf die konstatierte Unfairness (vgl. Gerechtigkeits-Topos): Der Hochschul-Master ist keineswegs „gratis“, Studierende zahlen Semesterbeiträge, müssen teure Mieten in der Großstadt zahlen usw.

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Kienpointer, Manfred (1992): Alltagslogik: Struktur und Funktion von Argumentationsmustern. Stutt-gart-Bad Cannstatt: Frommann-Holzboog.

Zitierte Literatur

  • Bayerischer Rundfunk (2022): Putins Kriegsgründe: Was es damit auf sich hat. Online unter: https://www.br.de/nachrichten/wissen/russland-ukraine-krieg-putins-argumente-possoch-klaert,SyLydog ; Zugriff: 02.03.2023.
  • Heute Show (2022): So hat der Bundestag die Impfpflicht verbockt | heute-show vom 08.04.2022. Online unter: https://www.youtube.com/watch?v=dBllYq4OwDE ; Zugriff: 02.03.2023
  • Wengeler, Martin (2003): Topos und Diskurs: Begründung einer argumentationsanalytischen Methode und ihre Anwendung auf den Migrationsdiskurs (1960 – 1985). Tübingen: Niemeyer.

Abbildungsverzeichnis

Zitiervorschlag

Gerner, Denis (2023): Analogie-Topos. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 07.03.2023. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/analogie-topos.

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Hegemonie

Wie der britische Politikwissenschaftler Perry Anderson 2018 in einer umfassenden, historisch weit ausgreifenden Studie zum Gebrauch des Begriffs Hegemonie und seinen Konjunkturen beschreibt, liegen die historischen Wurzeln des Begriffs im Griechischen, als Bezeichnung für Führung (eines Staatswesens) mit Anteilen von Konsens.

Diskurskompetenz

Im engeren, linguistischen Sinn bezeichnet Diskurskompetenz die individuelle sprachlich-kommunikative Fähigkeit, längere zusammenhängende sprachliche Äußerungen wie Erzählungen, Erklärungen, Argumentationen zu formulieren und zu verstehen.

Agenda Setting

Rassistisch motivierte Gewalt, Zerstörung des Regenwaldes, Gender pay gap: Damit politische Institutionen solche Probleme bearbeiten, müssen sie erst als Probleme erkannt und auf die politische Tagesordnung (Agenda) gesetzt werden. Agenda Setting wird in Kommunikations- und Politikwissenschaft als eine Form strategischer Kommunikation beschrieben, mithilfe derer Themen öffentlich Gehör verschafft und politischer Druck erzeugt werden kann.

Medien

Die Begriffe Medien/Massenmedien bezeichnen diverse Mittel zur Verbreitung von Informationen und Unterhaltung sowie von Bildungsinhalten. Medien schaffen damit eine wesentliche Grundlage für Meinungsbildung und Meinungsaustausch.

Macht

Macht ist die Fähigkeit, Verhalten oder Denken von Personen zu beeinflussen. Sie ist Bestandteil sozialer Beziehungen, ist an Kommunikation gebunden und konkretisiert sich situationsabhängig. Alle expliziten und impliziten Regeln, Normen, Kräfteverhältnisse und Wissensformationen können aus diskursanalytischer Perspektive als Machtstrukturen verstanden werden, die Einfluss auf Wahrheitsansprüche und (Sprach)Handlungen in einer Gesellschaft oder Gruppe nehmen.

Normalismus

Normalismus ist der zentrale Fachbegriff für die Diskurstheorie des Literaturwissenschaftlers Jürgen Link. Die Normalismus-Theorie fragt danach, wie sich Vorstellungen von ‚Normalität‘ und ‚Anormalität‘ als Leit- und Ordnungskategorien moderner Gesellschaften herausgebildet haben.

Wissen

Kollektives Wissen von sozialen Gruppen ist sowohl Voraussetzung als auch Ziel strategischer Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Es wird geprägt durch individuelle Erfahrung, aber auch in Diskursgemeinschaften kommunikativ geteilt – vor allem im Elternhaus, in Peergroups und Bildungseinrichtungen sowie durch Medienkonsum.

Werbung

Werbung ist ein Kommunikationsinstrument von Unternehmen, das der Positionierung im Markt dient und je nach Situation des Unternehmens auf Einführung, Erhalt oder Ausbau von Marktanteilen und damit letztlich auf ökonomischen Gewinn abzielt.

Mediale Kontrolle

Medien werden vielfältig zur Durchsetzung von Macht verwendet. So in der Zensur, wenn eine politische Selektion des Sagbaren und des Unsagbaren stattfindet; in der Propaganda, wenn eine Bevölkerung von den Ansichten oder wenigstens der Macht einer bestimmten Gruppe überzeugt werden soll; oder in der Überwachung, die unerwünschtes Verhalten nicht nur beobachten, sondern unwahrscheinlich machen soll.

Freund- und Feind-Begriffe

Freund-, Gegner- und Feindbegriffe sind Teil der Politischen Kommunikation. Sie bilden die Pole eines breiten Spektrums von kommunikativen Zeichen, mit denen politische Akteure sich selbst und ihre politischen Gegner im Kampf um beschränkte Ressourcen auf dem diskursiven Schlachtfeld positionieren.

Techniken

Redenschreiben

Wer Reden schreibt, bereitet die schriftliche Fassung von Reden vor, die bei besonderen Anlässen gehalten werden und bei denen es auf einen ausgearbeiteten Vortrag ankommt.

Offener Brief

Bei einem offenen Brief handelt es sich um eine strategische Praktik, die genutzt wird, um Anliegen einer Person oder Gruppe öffentlich sichtbar zu machen. Die Texte, die als offene Briefe bezeichnet werden, richten sich an eine Person oder Institution und werden über Medien veröffentlicht.

Kommunikationsverweigerung

Unter dem Begriff Kommunikationsverweigerung lässt sich ein Bündel von Praktiken und Strategien fassen, die den kommunikativen Austausch zu erschweren oder zu verhindern suchen.

Flugblatt

Unter Flugblättern versteht man einseitige Druckerzeugnisse, die ursprünglich meist illustriert waren. Eng verwandt sind die mehrseitigen Flugschriften. Während Flugschriften und Flugblätter heute kostenlos verteilt werden oder zur Mitnahme ausliegen, wurden sie in der Frühen Neuzeit zunächst als Handelswaren verkauft und gingen so als frühe Massenmedien den Zeitungen voraus.

Passivierung

Unter Passivierung versteht man die Formulierung eines Satzes in einer grammatischen Form des Passivs. Das Passiv ist gegenüber dem Aktiv durch die Verwendung von Hilfsverben formal komplexer. Seine Verwendung hat unter anderem zur Folge, dass handelnde Personen im Satz nicht genannt werden müssen, was beispielsweise in Gesetzestexten für eine (gewünschte) größtmögliche Abstraktion sorgt („Niemand darf wegen seines Geschlechts […] benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Art. 3 GG).

Aufopferungs-Topos

Als Aufopferungs-Topos wird in der Diskursforschung ein Argumentationsmuster bezeichnet, das zwei strategische Funktionen erfüllen kann: einerseits kann es dazu dienen, mit der Behauptung eines besonderen Ressourceneinsatzes (z.B. Einsatz von Geld, Zeit oder emotionaler Belastung) einen hohen Achtungswert für eine Person, eine Sache bzw. für ein Ziel zu plausibilisieren. Andererseits können Akteure besondere Privilegien (wie z.B. Wertschätzung, Entscheidungsbefugnisse und Mitspracherechte) reklamieren, wenn sie sich für eine bereits in der sozialen Bezugsgruppe hochgeschätzte Sache engagieren.

Opfer-Topos

Als Opfer-Topos bezeichnet man eine diskursive Argumentationsstrategie, bei der sich Akteure als ‚Opfer‘ gesellschaftlicher Urteilsbildung inszenieren und damit eigene Interessen – vor allem Aufmerksamkeit und Berücksichtigung von Bedürfnissen – geltend zu machen versuchen.

Topos der düsteren Zukunftsprognose

Der Topos der düsteren Zukunftsprognose beschreibt ein Argumentationsmuster, bei dem eine negative, dystopische Zukunft prognostiziert wird. Dabei wird auf die drohenden Folgen einer Krise oder einer allgemeinen Gefahr verwiesen, aus der eine negative Zukunft bei falschem Handeln resultieren wird.

Negativpreis

Ein Negativpreis ist eine Auszeichnung an Personen oder Organisationen (meist Unternehmen), die sich oder ihre Produkte positiv darstellen und vermarkten, ihre Versprechen aus Sicht des Preisverleihers allerdings nicht einhalten. Dabei dient der Preis durch seine Vergabe vor allem dem Zweck, Aufmerksamkeit zu erregen, mediale Präsenz auf ein Thema zu lenken und den Preisträger in seinem moralischen Image zu beschädigen.

Be-/Überlastungs-Topos

Der Be-/Überlastungstopos ist ein Argumentationsmuster, das vorwiegend in der politischen Kommunikation eingesetzt wird. Als zu vermeidende Konsequenz einer konkreten Situation wird mit dem Be-/Überlastungstopos ein Be- bzw. Überlastungs-Szenario skizziert.

Schlagwörter

Verfassung

Die Verfassung eines Landes (in Deutschland das Grundgesetz von 1949) steht für die höchste und letzte normative und Legitimität setzende Instanz einer staatlichen Rechtsordnung. In der offiziellen Version demokratischer Selbstbeschreibung ist es das Volk selbst, das sich in einem rituellen Gründungsakt eine Verfassung gibt.

Toxizität / das Toxische

Es ist nicht immer ganz eindeutig bestimmbar, was gemeint wird, wenn etwas als toxisch bezeichnet wird. Zeigen lässt sich zwar, dass sich die Bedeutung von ‚giftig‘ hin zu ‚schädlich‘ erweitert hat, doch die Umstände, unter denen etwas für jemanden toxisch, d. h. schädlich ist, müssen aus der diskursiven Situation heraus erschlossen werden.

Zivilgesellschaft

Im gegenwärtigen deutschen Sprachgebrauch werden so heterogene Organisationen, Bewegungen und Initiativen wie ADAC und Gewerkschaften, Trachtenvereine und Verbraucherschutzorganisationen, Umweltorganisationen und religiöse Gemeinschaften zur Zivilgesellschaft gezählt.

Demokratie

Der Ausdruck Demokratie dient häufig zur Bezeichnung einer (parlamentarischen) Staatsform und suggeriert die mögliche Beteiligung aller an den Öffentlichen Angelegenheiten. Dabei ist seine Bedeutung weniger eindeutig als es den Anschein hat.

Plagiat/Plagiarismus

Plagiarismus ist ein Begriff, der sich im öffentlichen Diskurs gegen Personen oder Produkte richten kann, um diese in zuweilen skandalisierender Absicht einer Praxis unerlaubter intermedialer Bezugnahme zu bezichtigen. Die Illegitimität dieser Praxis wird oft mit vermeintlichen moralischen Verfehlungen in Verbindung gebracht.

Fake News

Fake News wird als Schlagwort im Kampf um Macht und Deutungshoheit in politischen Auseinandersetzungen verwendet, in denen sich die jeweiligen politischen Gegenspieler und ihre Anhänger wechselseitig der Lüge und der Verbreitung von Falschnachrichten zum Zweck der Manipulation der öffentlichen Meinung und der Bevölkerung bezichtigen.

Lügenpresse

Der Ausdruck Lügenpresse ist ein politisch instrumentalisierter „Schlachtruf“ oder „Kampfbegriff“ gegen etablierte und traditionelle Medien. Dabei wird häufig nicht einzelnen Medien-Akteuren, sondern der gesamten Medienbranche vorgeworfen, gezielt die Unwahrheit zu publizieren.

Antisemitismus

Mit Antisemitismus werden gemeinhin alle jene Phänomene bezeichnet, die sich gegen das Judentum oder gegen Jüdinnen*Juden als Jüdinnen*Juden richten. Die entsprechenden Erscheinungen reichen von der bloßen Distanzierung und Behauptung jüdischer Andersartigkeit, über vollständig ausgearbeitete Weltbilder, die Jüdinnen*Juden für sämtliche Probleme verantwortlich machen, bis hin zu massiven Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Gewaltpraktiken.

Grammatiknazi / Grammar Nazi

Das überwiegend negativ konnotierte Schlagwort Grammatiknazi – als Übersetzung von engl. grammar nazi – wird zur Benennung von Personen verwendet, die meist in eher informellen Kontexten der öffentlichen Internetkommunikation (u. a. in Foren, Kommentarbereichen auf Nachrichtenportalen, sozialen Netzwerken) ungefragt Sprachkritik an den Äußerungen anderer (häufig fremder) Kommunikationsteilnehmer*innen üben.

Respekt

Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Neue Beiträge Zur Diskursforschung 2023

Mit Beginn des Wintersemesters laden die Forschungsgruppen CoSoDi und Diskursmonitor sowie die Akademie diskursiv ein zur Vortragsreihe Neue Beiträge Zur Diskursforschung. Als interdisziplinäres Forschungsfeld bietet die Diskursforschung eine Vielzahl an...

Tagung: Diskursintervention (31.01.2019–01.02.2019)

Welchen Beitrag kann (bzw. muss) die Diskursforschung zur Kultivierung öffentlicher Diskurse leisten? Was kann ein transparenter, normativer Maßstab zur Bewertung sozialer und gesellschaftlicher Diskursverhältnisse sein?

Was ist ein Volk?

Dass „Volk“ ein höchst schillernder und vielschichtiger politischer Leitbegriff der vergangenen Jahrhunderte gewesen ist (und nach wie vor ist), kann man schon daran erkennen, dass der Eintrag „Volk, Nation“ in Brunner, Conze & Kosellecks großem Nachschlagwerk zur politischen Begriffsgeschichte mehr als 300 Seiten umfasst.

Antitotalitär? Antiextremistisch? Wehrhaft!

Im Herbst 2022 veranstalteten die Sender des Deutschlandradios eine Kampagne mit Hörerbeteiligung zur Auswahl eines Themas, mit dem sich ihre sogenannte „Denkfabrik“ über das kommende Jahr intensiv beschäftigen solle. Fünf Themen standen zur Auswahl, „wehrhafte Demokratie“ wurde gewählt, wenig überraschend angesichts des andauernden Krieges in der Ukraine…