
DiskursGlossar
Kriminalisierung
Kategorie: Diskurssemantische Verschiebungen
Verwandte Ausdrücke: Strafverschärfung, Null-Toleranz-Politik, Law-and-Order, Entkriminalisierung, Liberalisierung, Strafmilderung
Siehe auch: Strategische Prozessführung
Autorin: Nicole Bögelein
Version: 1.0 / Datum: 30.09.2025
Kurzzusammenfassung
Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden. Im weiteren Sinne fragt man bei Kriminalisierung danach, welche Individuen, Gruppen und Verhaltensweisen überhaupt in den Blickpunkt der Strafverfolgung bzw. der Justiz geraten und welche Rolle dabei Diskurse in Medien und Politik spielen. Entkriminalisierung meint, ein Verhalten aus dem Gebiet des Rechts herauszunehmen, indem man ein Gesetz abschafft (jüngstes Beispiel: Cannabis-Freigabe in bestimmten Grenzen).
Erweiterte Begriffsklärung
Hinter dem Begriff der Kriminalisierung steht die Frage, wie es dazu kommt, dass ein Verhalten kriminalpolitisch, sicherheitsbehördlich oder durch die Justiz behandelt und bearbeitet wird (vgl. im Folgenden Negnal/Gomille 2025). Beispielsweise ist zu fragen, inwiefern Stereotype und Vorurteile bedient werden (Rassismus, Klassismus oder beide beim Racial oder Social Profiling; ersteres bedeutet die vermehrte polizeiliche Kontrolle aufgrund des als nicht-deutsch gelesenen Aussehens, zweiteres aufgrund einer wahrgenommenen Zugehörigkeit zu einer marginalisierten Gruppe, z. B. Menschen in Obdachlosigkeit). Entkriminalisierung hingegen fragt, wie bestimmte Gruppen aus dem Blickfeld geraten und nicht mehr verfolgt werden. Im weiteren Sinne fragen die Konzepte Kriminalisierung und Entkriminalisierung, wie es dazu kommt, dass Gesellschaftsmitglieder zu bedrohlichen Menschen konstruiert werden und umgekehrt.
An der Kriminalisierung beteiligte Akteur:innen sind im engeren Sinne Gesetzgebende – welche die Grundlagen schaffen, um Menschen kontrollieren zu können. Im konkreten Sinne sind es Polizei, Staatsanwaltschaften, Gerichte und Gefängnisse, die mit ‚straffälligen‘ Menschen umgehen. Allerdings entstehen Gesetze in einem gesellschaftlichen Klima. Das gleiche gilt für polizeiliche Kontrollen, Einstellungspraxen bei Staatsanwaltschaften und die Wissensproduktion vor Gericht.
Medien leisten einen Beitrag, wenn sie bestimmte Gruppen systematisch als Problemgruppe präsentieren. Wird eine bestimmte Gruppe als gefährlich für die Ordnung der Gesellschaft konstruiert, so spricht man im Fachdiskurs von „Moralpanik“ („moral panic“, vgl. Cohen 2002). Diese Konstruktion lässt sich beim Komplex ‚Migration und Kriminalität‘ beobachten, wo als Nicht-Deutsch markierte Menschen als Bedrohung konstruiert werden – auch wenn das nicht den wissenschaftlichen Tatsachen entspricht (vgl. Wollinger/Bögelein 2025). Im Diskurs wird um die Bearbeitung der Problemlage gerungen. Welche Institution welches Verhalten wann als ‚kriminell‘ bewertet, zeigt, wie kontextabhängig ‚Kriminalität‘ ist. Ebenso ist sie von der Definition, von der Kontrolle und der Anwendung des Rechts abhängig; das beschreibt der sogenannte Labeling Approach bzw. Etikettierungsansatz (vgl. im Folgenden Neubacher 2023, S. 119 ff.). Diesem Theoriekonzept zufolge entscheidet eben auch gerade die Kontrolle darüber, was als ‚kriminell‘ betrachtet wird und welche Interessen hier bedeutsam sind.
Die kritische Kriminologie geht davon aus, dass ‚Kriminalität‘ gleich verteilt ist über die Gesellschaft, aber die Ahndung von Gesetzesabweichung nicht. Illustrieren lässt sich das daran, dass Schätzungen zufolge nur rund zwei Prozent aller Ladendiebstähle entdeckt werden. Dabei ist es auffällig, dass vor Gericht wegen Ladendiebstahls fast ausschließlich Menschen stehen, die von Armut und anderen sozialen Problemlagen betroffen sind. Auf wen achten also Ladendetektiv:innen – und auf wen nicht? Die ehemalige Staatsanwältin Anne Brorhilker verließ den Staatsdienst, nachdem sie jahrelang im Cum Ex Verfahren ermittelt hatte. Ihrem Dafürhalten nach ist der Staat nicht gerüstet für das Verfolgen internationaler Investment Banken (siehe Spiegel 2025).
In Zeiten, in denen der Ruf nach einem starken – kriminalisierenden – Staat laut ist, herrscht üblicherweise eine Diskurskonstellation, in der soziale Gruppen, die ihre Interessen bislang als gesellschaftlich bindend durchsetzen konnten (Hegemonie), einen – sozialen und politischen – Machtverlust fürchten. Beispielsweise auch deshalb, weil ihre bislang fraglos akzeptierte Vorherrschaft nicht mehr als selbstverständlich akzeptiert, sondern hinterfragt und herausgefordert wird. Auf diese Entwicklungen reagieren diese Gruppen mit Repression bis hin zum Autoritarismus. Gesellschaftliche Phasen, in denen eher der Wunsch und der Diskurs um Entkriminalisierungen vorherrschen, stehen im Zeichen liberalerer Diskurskonstellationen und verweisen darauf, dass die sozialen und politischen Machtverhältnisse ‚stabiler‘ sind.
Beispiele
(1) Geschichtlich sieht man, dass nicht stabil bleibt, welches Verhalten als ‚Kriminalität‘ eingeordnet wird. So war eine Vergewaltigung in der Ehe vor 1997 ein akzeptables Verhalten und keine Straftat – bis 1994 war Homosexualität eine Straftat. Auch die Debatte um die Kriminalisierung und Forderung nach Entkriminalisierung des § 218 Strafgesetzbuch (StGB), der die Strafbarkeit von Schwangerschaftsabbrüchen regelt, ist hier zu nennen (Diskussion siehe Becker 2025).
(2) Ein weiteres Beispiel ist die Diskussion um Gewalt und Polizei; dabei wird von einer Seite die Gewalt gegen Polizeibeamt:innen als das zentrale Problem ‚erkannt‘. Seit Jahren werden Angriffe auf diese gesetzlich immer stärker bestraft und die Gruppen, die geschützt werden sollen, ausgeweitet (Rettungssanitäter:innen, Ordnungskräfte; im jüngsten Koalitionsvertrag wird weiter ausgeweitet). Zugleich gibt es Verfügungen in den Ländern (wie in Rundverfügung des Justizministerium Nordrhein-Westfalen, 2021 besagt, bei Straftaten gegen Amts- und Mandatsträger*innen komme eine Einstellung „regelmäßig nicht in Betracht“; vgl. Kempen 2025), die bestimmen, dass in solchen Verfahren eine Einstellung (§§ 153/153a) nicht möglich ist, was Polizist:innen als Opfer besserstellt als andere – bei allen anderen Delikten können Verfahren eingestellt werden. Zugleich ist die Anzeige von Gewalt durch Polizist:innen schwierig – was viele Menschen abzuschrecken scheint, solche Gewalt überhaupt zu melden. Nur neun Prozent der Betroffenen erstatten Anzeige (vgl. Abdul-Rahman et al. 2023).
(3) Das ‚Containern‘, die Herausnahme genießbarer Lebensmittel aus Müllbehältern zur eigenen Verwertung, ist ein Beispiel für eine Entkriminalisierungsdebatte. Aus moralischer und nachhaltiger Sicht erscheint das unstrittig positiv – auch medial wird es vor allem positiv debattiert. Jedoch kann Containern gleich mehrere Straftatbestände erfüllen (z. B. Diebstahl, Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung). Insofern beschäftigt sich die Politik derzeit damit, wie dies entkriminalisiert werden kann (z. B. indem man Lebensmittelabfälle als ‚herrenlos‘ definiert oder von der Strafverfolgung absieht; vgl. Lorenz/Baldauf 2024).
(4) Schließlich zeigt die Debatte um die mögliche und umstrittene Einordung der ‚Letzten Generation‘ als „kriminelle Vereinigung“, wie die – durchaus politische und mediale – Bewertung der Schwere von Delikten gerahmt wird. Mitglieder einer kriminellen Vereinigung werden nach § 129 StGB verurteilt. Dabei handelt es sich um ein sogenanntes „abstraktes Gefährdungsdelikt“, es wird also nicht eine konkret begangene Tat bestraft, sondern bereits die Mitgliedschaft bei der Vereinigung. Dadurch wird die Strafbarkeit weit ins Vorfeld konkreter Kriminalität verlagert (vgl. Höffler et al. 2025). Inwiefern diese Einordnung in der öffentlichen Debatte medial begrüßt oder kritisiert wird, hängt damit zusammen, wie die Legitimität der Bewegung an sich medial und politisch konstruiert wird (Klima-Chaoten; Klima-Kleber; Klima-Extremisten in der Bild-Zeitung 2022 und 2023, vgl. Riffler 2022; Wachs/Rühle 2023; dagegen: Klimademonstrantinnen Zeit 2023 oder Klima-Aktivist*innen in der taz 2023, vgl. Biermann 2023; Joswig 2023).
Literatur
Zum Weiterlesen
- Neubacher, Frank (2023): Kapitel 10: Labeling approach (Etikettierungsansatz). In: Ders. (Hrsg.): Kriminologie. 5. Auflage. Baden-Baden: Nomos, S. 119–125.
- Saliger, Frank (2025): Entkriminalisierung und ihre Tücken – Am Beispiel des Gesetzentwurfs der FDP-Fraktion zur Modernisierung des Strafrechts. In: Neue Kriminalpolitik, Jg. 37, Heft 1, S. 21–38.
Zitierte Literatur
- Abdul-Rahman, Laila; Espín Grau, Hannah; Klaus, Luise; Singelnstein, Tobias (2023): Gewalt im Amt. Übermäßige polizeiliche Gewaltanwendung und ihre Aufarbeitung. Frankfurt a. M.: Campus.
- Becker, Christian (2025): Der Schwangerschaftsabbruch zwischen strafrechtlicher (Über-)Regulierung und moralischer Reflexion. Überlegungen zur Reform der §§ 218 ff. StGB. In: Neue Kriminalpolitik, Jg. 37, Heft 1, S. 29–50.
- Biermann, Kai (2023): 27 Klimademonstrantinnen in Bayern präventiv in Haft. In Die Zeit. Online unter: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2023-09/letzte-generation-bayern-praeventivhaft-gewahrsam ; Zugriff: 22.09.2025.
- Riffler, Zara (2022): Die Klima-Kleber sind auf dem Weg der RAF. In Bild.de. Online unter: https://www.bild.de/politik/inland/politik-inland/so-radikal-sind-die-klima-kleber-sie-schicken-ihre-mitglieder-ins-gefaengnis-81812968.bild.html ; Zugriff: 22.09.2025.
- Cohen, Stanley (2002): Folk Devils and Moral Panics. The Creation of Mods and Rockers. 3. Auflage, London: Routledge.
- Höffler, Katrin; Kaspar, Johannes; Reinacher, Tobias; Werkmeister, Andreas (2025): Die letzte Generation als „kriminelle Vereinigung“? In: Neue Kriminalpolitik, Jg. 37, Heft 2, S. 175–193.
- Joswig, Gareth (2023): Überbordender autoritärer Eifer. In taz.de. Online unter: https://taz.de/Razzien-bei-Letzte-Generation/!5936972/ ; Zugriff: 22.09.2025.
- Kempen, Aiko (2025): Wie Polizist*innen vor dem Gesetz besser gestellt werden. Online unter: https://fragdenstaat.de/artikel/exklusiv/2025/04/wie-polizistinnen-vor-dem-gesetz-besser-gestellt-werden/ ; Zugriff: 22.09.2025.
- Lorenz, Henning; Baldauf, Anne (2024): Ist das Recht oder kann das weg? Zur Entkriminalisierung des sog. Containerns. In: Neue Kriminalpolitik, Jg. 36, Heft 2, S. 227–249.
- Negnal, Dörte; Gomille, Anika (2025): (Ent-)Kriminalisierung. Einleitung zum Special Issue. In: Kriminologie – Das Online-Journal | Criminology – The Online Journal, Jg. 7, Heft 1, S. 1–4.
- Neubacher, Frank (2023): Kriminologie. 5. Auflage. Baden-Baden: Nomos.
- Spiegel (2025): Frühere Oberstaatsanwältin hält Cum-Ex-Betrug für weiterhin möglich. Online unter: https://www.spiegel.de/wirtschaft/cum-ex-skandal-fruehere-oberstaatsanwaeltin-anne-brorhilker-haelt-betrug-fuer-weiterhin-moeglich-a-dda73d63-dd62-4293-8a84-58a50e1d9561 ; Zugriff: 22.09.2025.
- Wachs, Carl-Viktor; Rühle, Marc Oliver (2023):Klima-Extremisten drohen DeutschlandOnline unter: https://www.bild.de/politik/inland/politik-inland/letzte-generation-droht-deutschland-widerstand-wird-groesser-als-je-zuvor-82655874.bild.html ; Zugriff: 22.09.2025.
- Wollinger, Gina; Bögelein, Nicole (2025): Kriminalität im Kontext von Migration: Eine kritische Analyse. In: Informationsdienst Straffälligenhilfe, Heft 1, S. 2–9.
Zitiervorschlag
Bögelein, Nicole (2025): Kriminalisierung. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 30.09.2025. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/kriminalisierung/.
DiskursGlossar
Grundbegriffe
Akteur
Als Akteur oder Diskursakteur werden in der Diskursforschung meist Gruppen oder Grup-penstellvertreter verstanden, die mit kommunikativen Mitteln in der Öffentlichkeit versuchen, ihre Deutungen und Ressourcenansprüche gegen Rivalen durchzusetzen.
Diskursfigur
Diskursfiguren – wie der Held oder der Experte, das Genie, der Gefährder, Gutmensch, Nerd oder Psychopath – sind im medial-politischen Diskurs konstruierte und verbreitete Vorstellungen von Handlungsträgern, die stereotyp mit bestimmten Eigenschaften assoziiert werden. Sie erhalten durch musterhaften Sprachgebrauch, aber auch durch bildhafte Darstellungen eine kommunizierbare, wiedererkennbare Kontur.
Repräsentative Anekdote
Repräsentative Anekdote bezeichnet ein modellhaftes Kurznarrativ, das in Theorien, Weltanschauungen und komplexen Erklärungen selektiv reproduziert wird. So ist z.B. das „survival of the fittest“ (‚die Stärksten überleben‘) die repräsentative Anekdote, die in allen darwinistischen, sozialdarwinistischen und neodarwinistischen Theorien und Deutungsmustern als Modell dient und variabel ausgearbeitet wird.
Begriffsgeschichte
Die Begriffsgeschichte lässt sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten Ausdrücken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext größerer sprachlicher Zusammenhänge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).
Diskurssemantische Verschiebung
Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.
Domäne
Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.
Ideologie
Der Begriff Ideologie weist im Wesentlichen drei unterschiedliche Bedeutungen auf: Erstens kann er ein trügerisches, realitätsfernes oder dogmatisches Denken bezeichnen; so eignet er sich auch als Schlagwort bzw. politischer Kampfbegriff. Zweitens kann er auf eine sozial bedingte Weltanschauung oder ein umfassendes Ideen- und Wertesystem verweisen. Drittens kann mit Ideologie ein politisches Programm gemeint sein, welches Vorstellungen über gesellschaftliche Ordnung sowie Ziele für politisches Handeln beinhaltet.
Positionieren
Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.
Deutungsmuster
Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.
Sinnformel
‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.
Techniken
Whataboutism
Whataboutism (auch Whataboutismus) bezeichnet zum einen eine rhetorische Praktik, zum anderen wird der Ausdruck als Schlagwort verwendet.
Als Praktik zielt Whataboutism darauf ab, von Kritik oder von einem unerwünschten Thema abzulenken – typischerweise durch einen Gegenverweis auf einen anderen Sachverhalt, einen anderen Akteur oder einen anderen Kontext. Dabei ist die Grenze zu legitimen Vergleichen und Rückfragen fließend und regelmäßig Gegenstand diskursiver Aushandlung.
Politische Rede
Politische Reden sind schriftlich konzipierte oder verfasste, mündlich und monologisch vorgetragene Texte mittlerer Länge von einigen Minuten bis zu mehr als einer Stunde. Der Vortrag muss durch eine Person erfolgen, die erkennbar in politisches Handeln eingebunden ist. Politische Rede soll sowohl informieren als auch die Meinungsbildung beeinflussen.
Korruption
Korruption wird zum einen als Fachbegriff (Recht, Wissenschaft) verwendet und verweist auf ein Gebiet des Strafrechts und damit auf einen Teil des gesellschaftlichen Normensystems, das Delikte in Kontaktzonen von Politik und Ökonomie definiert.
Beschriftete Waffen
Das Betexten von Waffen, speziell Projektilen wie Schleuderbleien, Kanonenkugeln oder Bomben, mit an die Feindgruppe gerichteten Botschaften (Sarkasmus, Beleidigungen, Todeswünsche u. ä.) ist eine Praktik, die sich bis in die römische Antike zurückverfolgen lässt. Sie dient der Identifikation der Eigengruppe (Truppe oder Gefolgsleute) mit dem Ziel, die Moral vor einem Kampfansatz zu heben (emotional-psychologische Bewältigungsstrategie) sowie Gelassenheit und Siegesgewissheit propagandistisch gegenüber der Eigen- und Fremdgruppe zu inszenieren.
Zitieren
Zitieren bezeichnet die Wiedergabe ausgewählter Text(teil)e in unterschiedlichen Kommunikationskontexten wie Alltag, Wissenschaft, Journalismus und Politik. Grundsätzlich kann Zitieren der möglichst wertneutralen Wiedergabe bzw. Verweisung auf fremde Aussagen dienen, aber auch zur strategischen Positionierung eingesetzt werden. Auch in wissenschaftlichen Texten erfüllt das Zitieren neben der formal korrekten Bezugnahme auf fremde Aussagen u.a. argumentationsstützende Funktionen.
AI-Washing/KI-Washing
Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle mit dem Etikett „Künstliche Intelligenz“ (KI bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsächlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark übertrieben, nur marginal vorhanden oder überhaupt nicht gegeben ist.
Dogwhistle
Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.
Demonstrieren
« Zurück zur ArtikelübersichtDemonstrieren Kategorie: TechnikenVerwandte Ausdrücke: Auf die Straße gehen, Straßenprotest, Kundgebung, öffentliche Versammlung, Mahnwache, Menschenkette, Marsch, SitzblockadenSiehe auch: Protest, Politische Aktion, Politische Bildung,...
Boykottaufruf
Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.
Tabuisieren
Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.
Schlagwörter
Meinungsfreiheit
Meinungsfreiheit ist ein positiv konnotiertes Schlagwort. Das im Schlagwort kondensierte Pro-gramm wird allgemein zustimmend propagiert oder eingefordert, ohne dass immer verdeutlicht wird, welche Ausgestaltung von Meinungsfreiheit zugrunde liegt. Aufgrund dieser allgemeinen Zu-stimmung kann Meinungsfreiheit als Hochwertwort kategorisiert werden: In der öffentlichen Debat-te gibt es keine wahrnehmbaren Stimmen, die sich gegen Meinungsfreiheit (in dieser unbestimm-ten Form) aussprechen.
Diversität / Vielfalt
Diversität/Vielfalt ist ein aus einschlägigen US-Diskursen der (frühen) 1980er und der 1990er Jahre importiertes Schlagwort und ein Topos, der ethnische, sexuelle und körperliche (Behinderung etc.) Verschiedenheit positiv und programmatisch als Ressourcen der Mehrheitsgesellschaft kodiert. Vielfalt als Chance dürfte der hierzulande häufigste Slogan des Diversitäts-Hypes sein. Qua Diversität werden identitätsrelevante Unterschiede zwischen gesellschaftlichen Gruppen von Stigmata für Minderheiten zu Ressourcen für die Allgemeinheit umgedeutet.
Brückentechnologie
Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der Brückentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschätzten anderen Technologie möglich ist.
Deindustrialisierung
Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch Rückgang von produzierendem Gewerbe.
Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, ähnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).
Echokammer
Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.
Relativieren
Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.
Massendemokratie
Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.
Social Bots
Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.
Kriegsmüdigkeit
Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.
Verschiebungen
Dehumanisierung
Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.
Versicherheitlichung
In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.
Ökonomisierung
Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren
Moralisierung
Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.
Konstellationen
Krise
Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.
Partizipatorischer Diskurs
Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.
Skandal
Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.
DiskursReview
Review-Artikel
„Künstliche Intelligenz“: Notbremse, Trump, Bundestag
„Notbremse“ bei KI-Gefahr? Keine „Künstliche Intelligenz“ in Bundestagsreden? Und Trump benennt „KI“ in „Superintelligenz“ um.
„Hybrid“ – Diffuse Gefahr im Anstrich fachsprachlicher Präzision
Vor allem in den letzten Monaten und im Kontext des Russland-Ukraine-Krieges steht in der öffentlichen Debatte die „hybride Bedrohung“ im Fokus.
„Clan“
Versuche, politische Gegner durch Behauptung von „Nähe zu“ Kriminellen in Misskredit zu bringen, haben eine lange Tradition.
„Antisemitismus“ / „Antisemit“
Die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Nahost-Konflikt hat den Ausdruck „Antisemitismus“ (bzw. „antisemitisch“ und „Antisemit“) zum Gegenstand von Deutungskämpfen gemacht. Dabei konkurrieren Versuche, den Ausdruck fachlich zu definieren, mit Versuchen politischer Instrumentalisierung.
„kapitalgedeckt“ – Eine Perle der Finanz-Propaganda
Ungeachtet der Finanzkrise 2008 und regelmäßiger „Finanzskandale“ wie „Cum-Ex“, Wirecard und ähnlichen, wird im politischen Raum, angeblich wegen, tatsächlich aber z u r Schwächung der staatlichen Sicherungssysteme verstärkt auf private Vorsorge gesetzt.
Tagung 2027: Politisches Lobbying
Sprache und Lobbyismus- Strategische Kommunikation in Politik und Medien Tagung der Forschungsgruppe Diskursmonitor Tagung: 10. und 11. Juni 2027 | Ort: Universität Siegen [Map]Kontakt: Prof. Dr. Friedemann Vogel, Joline Schmallenbach Call for Papers: 31.10.2026...
Der Totalverweigerer – Anmerkungen zu einer Diskursfigur der Feindbildproduktion im Sicherheits- und Sozialdiskurs
Die Bezeichnung Totalverweigerer wurde ursprünglich in den späten 70er Jahren im Rahmen der Auseinandersetzungen um die Inanspruchnahme des Rechtes auf Kriegsdienstverweigerung nach § 4.3 GG verwendet. Mit diesem Ausdruck wurden junge Männer stigmatisiert, die nicht nur den Wehrdienst, sondern auch den (längeren) zivilen „Ersatzdienst“ (später „Zivildienst“) verweigerten und damit, wie auch nicht-anerkannte Kriegsdienstverweigerer, Haftstrafen riskierten…
Memes als moderne Propaganda – Eine sprach- und medienkritische Untersuchung
Digitale Kommunikationsformen prägen heutige gesellschaftliche Debatten weitaus stärker als die klassischen Medien. Ihr Einfluss auf die politische Meinungsbildung und die Ausbildung ideologischer Positionen ist inzwischen unverkennbar und zählt zu den markantesten Entwicklungen der digitalen Gegenwart. Besonders hervorzuheben sind Memes: Sie verbreiten sich schnell, arbeiten mit humoristischen Mitteln und verdichten komplexe Inhalte auf ein Minimum an Zeichen. In öffentlichen Diskursen werden sie daher nicht mehr als spielerisches Internetphänomen betrachtet, sondern als ernstzunehmendes Instrument politischer Kommunikation und den damit einhergehenden propagandistischen Strategien.
Zeitalter der Polykrisen – Was sagt die Polykrise über die Gegenwart und Zukunft?
Beim Durchscrollen der Tagesschlagzeilen ist einem in den letzten Jahr wahrscheinlich der Ausdruck Polykrise ins Blickfeld geraten. Solche Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien lauten beispielsweise (1) „Klimawandel, Krieg in der Ukraine, Abstiegsängste – die Welt ist aus den Fugen geraten: Drei Bücher zeigen Wege aus der Polykrise“ (Friedl 2026); (2) „Kritische Psychotherapie: Psychotherapie in der Polykrise“ (Dicks 2026); (3) „Optimismus in der Polykrise“ (Kolev 2025); (4) „Was tun gegen die …
„Genderwahn“ als sprachkritische Abwertung: Eine kritische Betrachtung
„Die Debatte über Gendern und Nicht-Gendern kann ich schon nicht mehr hören. Soll es doch jeder machen, wie er es selbst will.“ Dieses Zitat äußert der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz im Rahmen der Feier zugunsten des Grundgesetzes, welches im Jahre 2024 den 75. Geburtstag feierte (vgl. Steinkohl et al. 2024). Deutlich wird hierbei, dass die Thematik rund um das Gendern in der Politik aufgefasst wird. Allerdings wird gleichzeitig deutlich, dass die Debatte in der Öffentlichkeit stark kritisiert …