DiskursGlossar

Echokammer

Kategorie: Grundbegriffe
Verwandte Ausdrücke: Blase, Bubble, Filterblase
Siehe auch: Diskurs, Identität, Medien, Framing, Positionieren
Autorin: Vanessa Kanz
Version: 1.0 / Datum: 27.11.2025

Kurzzusammenfassung

Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden. Es entsteht ein Verstärkungseffekt der eigenen (Gruppen-)Position durch die echohafte, d. h. sich stets wiederholende Bestätigung dieser.

Das Phänomen der Echokammer wird in der Forschung allerdings kontrovers diskutiert. Einige Studien bestätigen am Beispiel bestimmter Plattformen und Gruppen die Formierung von Echokammern und damit ihr Potential, den öffentlichen Diskurs zu zersplittern und zu (Ab-)Spaltungen gesellschaftlicher Gruppen zu führen (vgl. z. B. Schmidt et al. 2018). Andere Studien relativieren ihren polarisierenden Einfluss auf Meinungsbildungsprozesse bzw. verneinen den digitalen Abschottungseffekt in und durch Echokammern vor dem Hintergrund eines diversen plattformübergreifenden Medienangebots (vgl. Dubois/Blank 2018; Bruns 2021; für einen Forschungsüberblick siehe Hartmann et al. 2025).

Erweiterte Begriffsklärung

In Sozialen Medien bilden sich digitale Kommunikationsräume, die sich z. B. durch (Einzel-)Accounts, Gruppenseiten, Kommentarspalten oder Foren ergeben und in denen sich Menschen untereinander austauschen und miteinander interagieren. Die Tendenz, sich mit anderen Menschen zu verbinden, die ähnliche Interessen, Werte und Einstellungen teilen – und die sich auch in analogen menschlichen Interaktionen zeigt bzw. zeigen kann –, wird durch algorithmische Filter und personalisierte Anzeigeeinstellungen in Sozialen Medien aufgegriffen bzw. von diesen ergänzt oder auch verstärkt (vgl. Magin et al. 2019: 99). Dies kann zu sogenannten „Filterblasen“ (Pariser 2011) führen, in denen Mediennutzer*innen vorrangig Inhalte angezeigt werden, die ihrem bisherigen Rezeptions- und Klickverhalten, ihren (angegebenen) Präferenzen und denen ihrer Online-Freund*innen entsprechen.

Die Fragen, ob und wie Echokammern mit Filterblasen zusammenhängen, wer davon (primär) betroffen ist und welchen konkreten Einfluss Echokammern auf die politische Meinungsbildung und auf gesellschaftlich-politische Fragmentierungs- und Polarisierungstendenzen haben (können), werden unterschiedlich bearbeitet und beantwortet (vgl. Khosravinik 2017; Bruns 2021; Stark/Stegmann 2023). Das liegt in erster Linie daran, dass ,Echokammer ein metaphorisches Konzept für ein Phänomen ist, dessen Existenz und Natur sich damit nicht unmittelbar empirisch erfassen lässt, weshalb Forschende ,indirect indicators untersuchen, die für eine Echokammer sprechen (könnten) (vgl. Hartmann et al. 2025: 20). Außerdem resultieren die variierenden Ergebnisse daraus, dass Forschende

a) das Konzept ,Echokammer unterschiedlich auslegen,

b) unterschiedliche methodische Ansätze in der Beschreibung verfolgen und

c) verschiedene Untersuchungsgegenstände bzw. Daten (Gruppen vs. Einzelpersonen, eine Plattform vs. mehrere Plattformen) heranziehen, anhand derer sie potentielle Echokammern als segregierte Cluster bzw. Netzwerke bzw. Communities von User*innen herausstellen (vgl. Hartmann et al. 2025: 9, 13).

Punkt a) und b) ergeben sich aus den unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen, die sich mit dem Phänomen beschäftigen: Medien- und kommunikationswissenschaftliche, (computergestützte) sozial-, politik- und rechtswissenschaftliche Arbeiten verwenden unterschiedliche Beschreibungsansätze und Methodiken (z. B. (quantitative) Netzwerkanalysen mit großen Datensätzen, (qualitative) Inhaltsanalysen, Umfragen oder Sentimentanalysen). Relevant sind dabei die Verbindungen und die Interaktion von Mediennutzer*innen untereinander, z. B. ablesbar in Form von Follower*innenschaft und geteilten oder gelikten Beiträgen, sowie die Interaktion von User*innen mit Inhalten, z. B. durch verwendete Schlagwörter und Hashtags (vgl. Hartmann et al. 2025: 23–25).

Auch wenn die technische Infrastruktur Sozialer Medien und algorithmisch initiierte Filterblasen die Bildung von Echokammern beeinflussen und begünstigen, wird die Herstellung und Bestätigung einer Gruppenidentität, die Abgrenzung zu abweichenden Inhalten sowie die Konstruktion von Fremd- und Feindbildern durch die Kommunikationsbeteiligten selbst geleistet: Sie bestätigen sich kommunikativ und aktiv durch ihre Beiträge und Kommentare (vgl. Struck et al. 2020: 315–316; Raabe 2019). Während Filterblasen eher das individuelle Mediennutzungsverhalten betreffen, handelt es sich bei Echokammern vielmehr um überindividuelle, gruppendynamische Prozesse (vgl. Struck et al. 2020: 317; Stark et al. 2022: 222). Die Beschreibung einer Echokammer kann damit aus unterschiedlichen Perspektiven erfolgen, die sich auch in den unterschiedlichen Studienergebnissen spiegeln: Eine Echokammer stellt einerseits einen digitalen Raum dar, der durch die technischen Bedingungen das selektive Mediennutzungsverhalten in Bezug auf Inhalte sowie auf Personen mit abweichenden Einstellungen realisiert und verstärkt. Damit einher geht die bereits erwähnte und häufig geäußerte Kritik an der Annahme einer vermeintlich vollständigen virtuell-räumlichen Abgrenzung der Mediennutzer*innen  (vgl. Bruns 2021: 42), da eine komplette Abschottung nur eingeschränkt möglich ist (z. B. zeitlich begrenzt oder in tatsächlich abgetrennten, d. h. nicht-öffentlichen digitalen Räumen wie z. B. Telegram-Chats) (vgl. Struck et al. 2020: 317). Andererseits zeichnet sich eine Echokammer durch ein spezifisches Kommunikations- und Interaktionsverhalten aus, das den entsprechenden digitalen Raum bzw. die darin (inter-)agierenden Kommunikationsbeteiligten von anderen digitalen Räumen und User*innen unterscheidet. Der Unterschied liegt vor allem in der kommunikativ geäußerten Ablehnung und Negierung abweichender Ansichten und Perspektiven und in der spezifischen (ideologischen) Ausrichtung und Anpassung der Kommunikationsbeteiligten untereinander, wodurch die Gruppenbestätigung signalisiert wird. Studien zeigen, dass vor allem Menschen mit extremeren (politischen) Einstellungen eher geneigt sind, sich in Echokammern zu bewegen (vgl. Dubois/Bank 2018; z. B. rechtsextreme Akteure vgl. Bryant 2020). Trotzdem ist eine Echokammer nicht auf eine spezifische ideologisch-politische Ausrichtung beschränkt. Bestätigungspraktiken können sich in unterschiedlichen digitalen Kommunikationsräumen gruppenübergreifend ähneln, aber auch (vor allem inhaltlich) voneinander unterscheiden.

Eine digitale Echokammer lässt sich damit als diskursiver und ideologiegebundener Resonanzraum beschreiben, in dem sich das Resonanzverhalten der Kommunikationsbeteiligten durch eine gegenseitige sprachliche und ideologische Anpassung auszeichnet. Der Begriff der Resonanz verweist darauf, dass die Kommunizierenden auf Beiträge und Kommentare reagieren, indem sie Elemente aus den Vorgängeräußerungen explizit (wieder)verwenden oder implizit darauf Bezug nehmen. Die sprachliche Anpassung kann beispielsweise durch die Wiederholung von Lexemen, Phrasen oder von syntaktischen Strukturen erfolgen. Nicht-explizite Bezugnahmen vollziehen sich u. a. durch die Aktualisierung von Deutungsmustern bzw. Frames (vgl. Zima 2013: 60–69). Eine Echokammer kann sich aus Beiträgen und Kommentaren zusammensetzen, die direkt (sequenziell) aufeinanderfolgen, aber nicht zwangsläufig müssen, solange sie diskursive Relationen aufweisen (z. B. durch ein gemeinsames Thema). Zudem zeichnen sich die Texte, d. h. die Kommentare und Beiträge, durch ihre ideologische Gebundenheit aus: Nur die Texte, die den Einstellungen der Gruppe entsprechen, werden integriert und akzeptiert. Das bedeutet nicht, dass eine Echokammer zwangsläufig frei von äußeren Einflüssen, d. h. von abweichenden Kommentaren und Inhalten, sein muss. Vielmehr kann eine Echokammer von äußeren Reizen insofern profitieren, als durch Fremdäußerungen erst alternative Darstellungen und Abgrenzungen möglich sind (vgl. Kanz 2021). Auf Aussagen und Texte, die innerhalb oder außerhalb der Echokammer produziert und geteilt werden und nicht den Gruppeneinstellungen entsprechen, können die Kommunikationsbeteiligten z. B. mit Gegen-Behauptungen und alternativen Darstellungen reagieren. Relevant für die Verfestigung einer Echokammer ist jedoch eine andauernde und mehrheitlich überwiegende Bestätigung der Interagierenden und ihrer Positionen, um die abweichenden, aber quantitativ geringeren Kommentare übertönen zu können. Die Bestätigung kann dabei auch durch unechte Accounts, d. h. durch Zweit-Accounts oder durch Social Bots, erfolgen bzw. quantitativ erhöht werden.

Beispiele

Die nachfolgenden Erläuterungen basieren auf der Annahme, dass es sich bei einer Echokammer um ein Phänomen in Sozialen Medien handelt, das kommunikativ und interaktiv durch die Mediennutzer*innen hergestellt wird. Die Beispiele stammen aus dem Kommunikations- und Resonanzraum, der sich durch die Facebook-Accountseite der Bundespartei Alternative für Deutschland (facebook.com/alternativefuerde) bzw. durch die AfD-Beiträge und die jeweils anschließenden Kommentarspalten konstituiert (Beispiele und Analysen aus Kanz (in Vorbereitung)). Auch wenn die in den Beispielen aufgezeigten Phänomene als typisch für Echokammern insgesamt aufzufassen sind, ist der AfD-Facebook-Account doch aus strukturellen Gründen exemplarisch prädestiniert: Die AfD inszeniert den Facebook-Raum, im Gegensatz zu den anderen Bundestagsparteien, als alternative Gegenöffentlichkeit (vgl. Niehr 2019), die sich eindeutig von der angeblich defizitären Öffentlichkeit abgrenzt, die durch die publizistischen Massenmedien hergestellt wird. Sie teilt Darstellungen und Behauptungen, die häufig im Widerspruch zu den Inhalten der Mainstream-Öffentlichkeit stehen, wodurch sie ein alternatives Realitätsbild konstruiert. Darstellungen, die nicht dem Realitätsbild der Ingroup entsprechen, werden in der Regel von der AfD und von der Mehrheit der Kommentator*innen abgelehnt. Diese Aspekte – die ständige Bestätigung der eigenen und die wiederholte Ablehnung der gegnerischen Position(en) – entsprechen einer Echokammer(-Kommunikation) (wie z. B. auch bei Impfgegner*innen oder Verschwörungstheoretiker*innen).

(1) Eine Echokammer kann sich durch eine Häufung an Bestätigungsfloskeln und -äußerungen wie Genau (so), So sieht es aus, So ist es zeigen. Mit ihnen nehmen User*innen keine inhaltliche Erweiterung vor und sie beteiligen sich auch nicht an der Wissensaushandlung. Die pauschalen Bestätigungsfloskeln können kontextübergreifend verwendet werden und finden sich sowohl in Kommentaren, die direkten Bezug auf den initialen Beitrag nehmen (a), als auch in solchen, die auf User*innen-Kommentare reagieren (b).

(a)

Abb. 1: So sähen Abschiebungen mit der AfD aus (afdfuerde 2022).

DD: So und nicht anders.

JK: So ist es.

BB: So ist es!

HM: genau so

MW: Genauso muss es sein, aber mit der Ampel wird das nichts.

PW: Genau so

LSS: Genau so muss das sein.

WK: Genau so müsste es sein

[Kommentarbereich_Abschiebungen_161122]

(b)

Abb. 2: Deutscher Immobilienunternehmer von syrischem
„Vorzeigebeispiel für gelungene Integration“ ermordet (afdfuerde 2018).

VC: Tja , da kann man wohl nur sagen, selbst schuld.

Immernoch besser, als wenn es ein unschuldiges Mädchen im Supermarkt oder nen Jungen auf nem Stadtfest getroffen hätte

JG: @VC genau das denke ich auch

 

LG: Anstatt Frau mit Kind aufzunehmen… wäre sicherer und humaner…

AR: @SG…Frau und Kind hätten ihm aber nicht kostenlos das Haus renoviert. Die handeln alle nur eigennützig.

LG: Genau so ist es, von wegen hilfsbereit…

 

NP: hat doch endlich mal einen richtigen getroffen.

EW: Genau!!

[Kommentarbereich_Asylbewerber_13112018]

Bestätigungsfloskeln schließen häufig die (mindestens zweischrittige) Bestätigungssequenz ab: Sie stellen daher Resonanzphänomene dar, mit denen die Interagierenden signalisieren, dass sie in dieser Minimal-Interaktion keinen (weiteren) thematischen Austausch suchen. In den Kommentarbereichen dieses Resonanzraums hallt eine Vielzahl solcher (einfachen) Bestätigungen nach, ohne dass a) eindeutig ist, auf welche Sprachhandlung oder Äußerung sich die Bestätigungsfloskel konkret bezieht und b) ohne dass die Kommunizierenden die Vagheit oder Redundanz problematisieren. Auch ohne inhaltliche Erweiterung und Ergänzung dienen die Bestätigungsfloskeln als Kohäsion erzeugendes und ökonomisches Mittel, mit dem die Interagierenden die Gruppeneinstellungen generalisierend bestätigen und eine Echokammer auf der Beziehungsebene stabilisieren können.

(2) Eine Bestätigungsform auf der Handlungsebene stellt die Eskalierung dar: Kommunikationsbeteiligte bestätigen eine erste, vorausgehende Bewertung, indem sie diese im Rahmen ihrer anschließenden zweiten Bewertung intensivieren (vgl. Auer/Uhmann 1982). Beispielsweise dient ein ‚eskalierendes Negativieren‘ dazu, auf eine erste negative Behauptung oder Darstellung eine gesteigerte – negativere – Behauptung oder Darstellung zu formulieren, um die erste Behauptung nicht nur zu bestätigen, sondern zu bekräftigen.

(a)

AfD: Mit dem Einfall von Millionen Dauergästen in die soziale Hängematte wird der Wohlfahrtsstaat inklusive der Solidargemeinschaft derart geschröpft, dass der Crash nur eine Frage der Zeit ist. Das große Plündern hat gerade erst begonnen. Es wird dann vorüber sein, wenn die letzten Sicherungssysteme gänzlich in Trümmern liegen. Angesichts der notleidenden Schwachen der Gesellschaft mit deutschem Pass ist der Luxus, sich Milliarden zur Alimentierung von Glücksrittern aus aller Welt zu leisten, geradezu obszön. (afdfuerde 2018)

 

GH: Man braucht keine allzu große Vorstellungskraft, um sich auszumalen, was ab dem Zeitpunkt passieren wird, an dem UNSERE Sozialkassen leer sein werden: Ab dann werden brutale Verteilungskämpfe losgehen und massive Plünderungen an der Tagesordnung sein. Dabei ist jetzt schon abzusehen, dass die Stärkeren ohne Rücksicht auf alte und schwache Menschen vorgehen werden. Der sogenannte Rechtsstaat wird dann nur hilf- und wehrlos zusehen können. Mir graust es jetzt schon vor diesen Zuständen, die wir alle in wahrscheinlich nicht allzu langer Zeit erleben werden. Danke Regierung, danke Merkel. Für nichts.

[Kommentarbereich_Migranten_060418]

Um die Inhalte des AfD-Beitrags zu bestätigen, intensiviert der User GH diese: Das große Plündern der AfD steigert GH in massive Plünderungen. Während die AfD einen Crash des Wohlfahrtstaats und ein in Trümmern liegen[des] Sicherungssystem prognostiziert, leitet GH daraus bereits brutale Verteilungskämpfe ab. Für die AfD ist diese Entwicklung nur eine Frage der Zeit, während GH die Zustände schon in wahrscheinlich nicht allzu langer Zeit eintreten sieht.

(b) Kommentare auf einen AfD-Beitrag vom 10.11.2022

Abb. 3: Nur die AfD stellt sich gegen den Ausverkauf deutscher Interessen! (afdfuerde 2022).

SL: Ein bißchen zu spät es ist schon alles weg noch Bei Merkerl. Sie hat schon alles verkauft.

MS: @SL …mit der Ampel wird es noch schlimmer!

HW: @MS und was haben die meisten damals gesagt …schlimmer als mit „Mutti“ kann es nicht kommen. Und….es kam schlimmer….

SL: @ MS Ja es word so schlimm das es alkes komplett BANKROT geht es war plan das Deutschland die gesamte EU LÄNDER GLEICH IST NUR NOCH ARMUT

[Kommentarbereich_Ausverkauf_deutscher Interessen_10112022]

Eine Abfolge aus mehreren Bestätigungen, die aus mehr als zwei eskalierenden Schritten besteht, kann zu einer Eskalierungsspirale führen: Zunächst eskaliert SL mit seinem Anfangskommentar als zweite Bewertung auf die Erstbewertung der AfD (Ausverkauf deutscher Interessen [durch die aktuelle Regierung, u. a. Christian Lindner]): SL behauptet, dass alles bereits durch Merkel verkauft worden sei. Der Kommentar von SL eröffnet wiederum eine Anschlussoption für eine weitere eskalierende Bewertung: MS bestätigt die Äußerung von SL, überbietet aber durch die Behauptung, dass es mit der Ampel noch schlimmer werde. Daraufhin bestätigt SL wiederum diese eskalierte Bewertung von MS (noch schlimmer [mit der Ampel]) durch die Bestätigungspartikel ja und eskaliert erneut durch die Gradpartikel so und die Erweiterung so schlimm, dass es alles komplett BANKROTT geht […] NUR NOCH ARMUT. Auch die Majuskeln zeigen die weitere Eskalierungsstufe an.

(3) Da eine Echokammer kein hermetisch abgeschlossener digitaler Raum ist, kann es, wenn auch in geringerem Umfang, Gegenstimmen geben. User*innen, die die Inhalte in einer Echokammer kritisieren oder ablehnen, signalisieren Dissonanz. Die Mitglieder der Eigengruppe tilgen diese Dissonanz, indem sie zum Beispiel mit suggestiven Gegenfragen reagieren:

MT: Wenn die Ukraine fällt werden wir spätestens in den übernächsten Krieg hineingezogen wenn Putin in Polen und damit schon an unserer Grenze steht. Also was heult ihr alle wegen der völlig berechtigten Lieferung schwerer Waffen rum?

KV: @MT von wem werden sie bezahlt für diesen Komentar?

[…]

CSB: Die Grünen wollen doch unbedingt Krieg

SS: @CSB Wer will Krieg? Hast du was eingeworfen? Russland ist der Aggressor und überfällt und massakriert die Bevölkerung. Was redest du da für ein Mist?

DS: @SS wie naiv kann. man sein?? Die GRÜNEN sind Kriegstreiber auf Devil komm raus! Hören sie mal die Reden dieser Partei.

[Kommentarbereich_Ukrainekrieg_270422]

Die Mitglieder der Eigengruppe reproduzieren in den Suggestivfragen bereits verfestigtes Wissen, zum Beispiel über die Mitglieder der Feindgruppe(n): Diejenigen, die widersprechen, sind entweder (von den Medien oder von der Politik) beauftragt bzw. manipuliert und/oder naiv. Es kommt damit zu einer Übertönung der Dissonanz: Sie verschieben den Fokus von der Kritik hin zum (vermeintlich) defizitären Verhalten und den unangemessenen Einordnungen der Nicht-Mitglieder. Zudem zeigen die (suggestiven) Gegenfragen keine Kooperativität im Sinne eines Kommunikationsangebots an, weshalb die User*innen den Diskurs dadurch vielmehr verschließen.

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Bruns, Axel (2021): Echo chambers? Filter bubbles? The misleading metaphors that obscure the real problem. In: Perez-Escolar, Marta; Noguera-Vivo, Jose Manuel (Hrsg.): Hate Speech and Polarization in Participatory Society. London: Routledge, S. 33–48.
  • Struck, Jens; Müller, Pia; Mischler, Antonia; Wagner, Daniel (2020): Volksverhetzung und Volksvernetzung: Eine analytische Einordnung rechtsextremistischer Onlinekommunikation. In: Kriminologie – Das Online-Journal | Criminology – The Online Journal, Jg. 2, Heft 2, S. 310–337.

Zitierte Literatur und Belege

  • afdfuerde (2018): Post vom 06.04.2018. facebook. Online unter: https://www.facebook.com/photo/?fbid=1838756939487970&set=a.542889462408064 ; Zugriff: 21.10.2025.
  • Auer, Peter; Uhmann, Susanne (1982): Aspekte der konversationellen Organisation von Bewertungen. In: Deutsche Sprache, Jg. 1982, Heft 1, S. 1–32.
  • Bruns, Axel (2021): Echo chambers? Filter bubbles? The misleading metaphors that obscure the real problem. In: Perez-Escolar, Marta; Noguera-Vivo, Jose Manuel (Hrsg.): Hate Speech and Polarization in Participatory Society. London: Routledge, S. 33–48.
  • Bryant, Lauren Valentino (2020): The YouTube Algorithm and the Alt-Right Filter Bubble. In: Open Information Science, Jg. 4, Heft 1, S. 85–90.
  • Dubois, Elizabeth; Blank, Grant (2018): The echo chamber is overstated: the moderating effect of political interest and diverse media. In: Information, Communication & Society, Jg. 21, Heft 5, S. 729–745.
  • Hartmann, David; Wang, Sonja Mei; Pohlmann, Lena; Berendt, Bettina (2025): A systematic review of echo chamber research: comparative analysis of conceptualizations, operationalizations, and varying outcomes. In: Journal of Computational Social Science, Jg. 8, Heft 2, Artikel 52.
  • Kanz, Vanessa (2021): Die Echokammer als rechter Resonanzraum: Eine Analyse von Resonanzphänomenen innerhalb der Kommentarspalte eines AfD-Facebook-Beitrags. In: Pappert, Steffen; Schlicht, Corinna; Schröter, Melani; Hermes, Stefan (Hrsg.): Skandalisieren, stereotypisieren, normalisieren. Diskurspraktiken der Neuen Rechten aus sprach- und literaturwissenschaftlicher Perspektive. Hamburg: Helmut Buske, S. 167–194.
  • Kanz, Vanessa (i. Vorb.): Die kommunikative Herstellung einer „Echokammer“. Eine diskurs- und interaktionslinguistische Analyse am Beispiel des Facebook-Accounts der Alternative für Deutschland (AfD). Hamburg: Helmut Buske.
  • Khosravinik, Majid (2017): Right Wing Populism in the West: Social Media Discourse and Echo Chambers. In: Insight Turkey, Jg. 19, Heft 3, S. 53–68.
  • Magin, Melanie; Geiß, Stefan; Jürgens, Pascal; Stark, Birgit (2019): Schweigespirale oder Echokammer? Zum Einfluss sozialer Medien auf die Artikulationsbereitschaft in der Migrationsdebatte. In: Weber, Patrick; Mangold, Frank; Hofer, Matthias; Koch, Thomas (Hrsg.): Meinungsbildung in der Netzöffentlichkeit. Aktuelle Studien zu Nachrichtennutzung, Meinungsaustausch und Meinungsbeeinflussung in Social Media. Baden-Baden: Nomos, S. 95–114.
  • Niehr, Thomas (2019): Gegenöffentlichkeit revisited: Rechtspopulistische Medienkritik und der Ruf nach objektiver Berichterstattung. In: Römer, David; Spieß, Constanze (Hrsg.): Populismus und Sagbarkeiten in öffentlich-politischen Diskursen (Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie, Bd. 95). Duisburg: Universitätsverlag Rhein-Ruhr OHG, S. 63–80.
  • Pariser, Eli (2011): The Filter Bubble: What the Internet Is Hiding from You. USA: The Penguin Press.
  • Raabe, Lea (2019): Die Kommentarspalten des Online-Magazins COMPACT als privatisierte Echokammer. In: Aldenhoff, Christian; Edeler, Lukas; Henning, Martin; Kelsch, Jakob; Raabe, Lea; Sobala, Felix (Hrsg.): Digitalität und Privatheit: Kulturelle, politisch-rechtliche und soziale Perspektiven. Bielefeld: transcript, S. 197–224.
  • Schmidt, Ana Lucía; Zollo, Fabiana; Scala, Antonio; Betsch, Cornelia; Quattrociocchi, Walter (2018): Polarization of the vaccination debate on facebook. In: Vaccine, Jg. 36, Heft 25, S. 3606–3612.
  • Stark, Birgit; Magin, Melanie; Geiß, Stefan (2022): Meinungsbildung in und mit sozialen Medien. In: Schmidt, Jan-Hinrik; Taddicken, Monika (Hrsg.): Handbuch Soziale Medien. 2. Aufl. Wiesbaden: Springer VS, S. 213–232.
  • Stark, Birgit; Stegmann, Daniel (2023): Fragmentierte Medienwelten. Leben wir in Echokammern? In: Communicatio Socialis, Jg. 56, Heft 1, S. 8–22.
  • Zima, Elisabeth (2013): Kognition in der Interaktion. Eine kognitiv-linguistische und gesprächsanalytische Studie dialogischer Resonanz in österreichischen Parlamentsdebatten. Heidelberg: Universitätsverlag Winter.

Abbildungsverzeichnis

Zitiervorschlag

Kanz, Vanessa (2025): Echokammer. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 27.11.2020. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/echokammer.  

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Begriffsgeschichte

Die Begriffsgeschichte lässt sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten Ausdrücken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext größerer sprachlicher Zusammenhänge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).

Diskurssemantische Verschiebung

Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.

Domäne

Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.

Positionieren

Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.

Deutungsmuster

Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.

Sinnformel

‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.

Praktik

Eine Praktik ist ein spezifisches, situativ vollzogenes und sinnhaftes Bündel von körperlichen Verhaltensweisen, an dem mehrere Menschen und Dinge beteiligt sein können (z. B. Seufzen, um Frust auszudrücken, oder einen Beschwerdebrief schreiben, Fußballspielen).

Kontextualisieren

Kontextualisieren wird im allgemeineren bildungssprachlichen Begriffsgebrauch verwendet, um das Einordnen von etwas oder jemandem in einen bestimmten Zusammenhang zu bezeichnen.

Narrativ

Mit der diskursanalytischen Kategorie des Narrativs werden Vorstellungen von komplexen Denk- und Handlungsstrukturen erfasst. Narrative in diesem Sinne gehören wie Schlagwörter, Metaphern und Topoi zu den Grundkategorien der Analyse von Diskursen.

Argumentation

Argumentation bezeichnet jene sprachliche Tätigkeit, in der man sich mithilfe von Gründen darum bemüht, die Richtigkeit einer Antwort auf eine bestimmte Frage zu erweisen. Das kann in ganz verschiedenen Situationen und Bereichen nötig sein, namentlich um eine poli-tische, wissenschaftliche, rechtliche, unternehmerische oder private Angelegenheit zu klären.

Techniken

AI-Washing/KI-Washing

Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle mit dem Etikett „Künstliche Intelligenz“ (KI bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsächlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark übertrieben, nur marginal vorhanden oder überhaupt nicht gegeben ist.

Dogwhistle

Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.

Boykottaufruf

Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.

Tabuisieren

Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.

Aus dem Zusammenhang reißen

Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie für ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.

Lobbying

Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primär an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein Bündel von kommunikativen Tätigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.

Karten

Karten dienen dazu, Raumausschnitte im Hinblick auf ausgewählte Charakteristika so darzustellen, dass die Informationen unmittelbar in ihrem Zusammenhang erfasst und gut kommuniziert werden können. Dazu ist es notwendig, Daten und Darstellungsweisen auszuwählen und komplexe und oft umkämpfte Prozesse der Wirklichkeit in einfachen Darstellungen zu fixieren.

Pressemitteilung

Pressemitteilungen sind standardisierte Mitteilungen von Organisationen, die sich an Journalist:innen und andere Multiplikator:innen richten. Sie dienen der offiziellen und zitierfähigen Informationsweitergabe und übernehmen zugleich strategische Funktionen in der öffentlichen Kommunikation und Meinungssteuerung.

Shitstorm

Der Begriff Shitstorm beschreibt eine relativ junge Diskurskonstellation, die seit den 2010er Jahren an Bedeutung gewonnen hat und gemeinhin als Online-Wutausbruch bezeichnet wer-den kann.

Tarnschrift

Als Tarnschrift bezeichnet man unter den Bedingungen von Zensur und Verfolgungsrisiko veröffentliche Texte, die insbesondere in der strategischen Kommunikation des NS-Widerstands eine zentrale Rolle spielten.

Schlagwörter

Brückentechnologie

Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der Brückentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschätzten anderen Technologie möglich ist.

Deindustrialisierung

Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch Rückgang von produzierendem Gewerbe.

Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, ähnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).

Relativieren

Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.

Massendemokratie

Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.

Social Bots

Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.

Kriegsmüdigkeit

Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.

Woke

Der Ausdruck woke stammt aus dem afroamerikanischen Englisch und bezeichnete dort zunächst den Bewusstseinszustand der Aufgeklärtheit über die Verbreitung von rassistischen Vorurteilen und Diskriminierung unter Angehörigen ethnischer Minderheiten.

Identität

Unter Identität versteht man allgemein die Summe von Merkmalen, die Individuen oder sozialen Kollektiven – etwa Nationen, Organisationen oder sozialen Gruppen – als charakteristisch oder gar als angeboren zugeordnet werden.

Wohlstand

Unter Wohlstand sind verschiedene Leitbilder (regulative Ideen) zu verstehen, die allgemein den Menschen, vor allem aber den Beteiligten an politischen und wissenschaftlichen Diskursen (politisch Verantwortliche, Forschende unterschiedlicher Disziplinen usw.) eine Orientierung darüber geben sollen, was ein ‚gutes Leben‘ ausmacht.

Verschiebungen

Dehumanisierung

Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.

Kriminalisierung

Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.

Versicherheitlichung

In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Krise

Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.

Partizipatorischer Diskurs

Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Memes als moderne Propaganda – Eine sprach- und medienkritische Untersuchung

Digitale Kommunikationsformen prägen heutige gesellschaftliche Debatten weitaus stärker als die klassischen Medien. Ihr Einfluss auf die politische Meinungsbildung und die Ausbildung ideologischer Positionen ist inzwischen unverkennbar und zählt zu den markantesten Entwicklungen der digitalen Gegenwart. Besonders hervorzuheben sind Memes: Sie verbreiten sich schnell, arbeiten mit humoristischen Mitteln und verdichten komplexe Inhalte auf ein Minimum an Zeichen. In öffentlichen Diskursen werden sie daher nicht mehr als spielerisches Internetphänomen betrachtet, sondern als ernstzunehmendes Instrument politischer Kommunikation und den damit einhergehenden propagandistischen Strategien.

Klimaterroristen: Wie Sprache politische Fronten schafft

Der öffentliche Diskurs über Klimaaktivismus ist in den vergangenen Jahren zunehmend polarisiert. Vor diesem Hintergrund hat sich der Ausdruck Klimaterrorist zu einem politisch und gesellschaftlich stark aufgeladenen Schlagwort entwickelt, das im Jahr 2022 als „Unwort des Jahres“ gewählt wurde (vgl. 2020ff. – Unwort des Jahres). Seine Verwendung verweist auf Konflikte über Legitimität, Moral und Rechtmäßigkeit verschiedener Formen des Protests. Gleichzeitig fungiert der Begriff als sprachliches …

Negativ konnotierte Fremdzuschreibung durch diskriminierende Begriffe – Ein sprachkritischer Beitrag zur Bezeichnung „Kanake“ und dem Zukunftswort „Talahon“

„Gerade diese scheinbar ›milden‹ Formen des Rassismus, die über die Sprache transportiert werden, sind schwer zu bekämpfen, da vielen Menschen nicht klar zu sein scheint, welche Macht Sprache besitzt.“ (Kunz, 2021, S. 58).

Der Begriff „Kanake“ (teilweise auch „Kanacke“) bedeutet in seiner ursprünglichen Bedeutung Mensch und bezeichnete Bewohner*innen der Inselgruppe Neukaledoniens im südlichen Pazifik (vgl. Trost, 2002). Dem Gebrauch lag dabei die Charakterisierung einer spezifischen Gesellschaft …

Wenn aus Vielen Einer wird – Warum pauschale Nationsbezeichnungen sprachlich gefährlich sind

„In dieser Situation sind die Deutschen sehr unzufrieden mit der Arbeit der Politik.“ (Kinkartz, 2025), schreibt die Deutsche Welle im November 2025. Gemeint ist dabei keine einzelne Person oder klar definierte Gruppe, sondern eine ganze Nation, welche mit einem einzigen Artikel zu einem scheinbar einheitlichen Kollektiv zusammengefasst wurde. Solche Formulierungen sind kein Einzelfall. Ähnliche Beispiele, wie „Die Russen greifen an vielen Stellen an“ (Die Welt am Morgen, 2024), „Die Ukrainer …

Das Crazy, wenn Worte Brücken zwischen Generationen sprengen! – Eine sprachkritische Betrachtung von Jugendsprache: Mediale Darstellung, Generationenkonflikt und Pädagogische Einschätzung

Das Jugendwort des Jahres 2025 lautet „das Crazy“. Es meint: „Es gibt keine wirklich passende Antwort. Oder keine wirklich höfliche. Oder eine zu ausführliche, auf die der Antwortende aber gerade keine Lust hat. Oder einfach nur okay“ (Tagesschau, 2025). Torsten Sträter, Kabarettist und Vertreter der Generation X, hört es und stockt: „…das sind zwei Worte… [außerdem] fehlt eins… Vielleicht bin ich ein zu verknöcherter alter Mann geworden, dass ich mich über so eine Ka­cke… Wer es sagt – Ohrfeige“ …

„Stadtbild“ als politisches Schlagwort – Ein sprach- und medienkritischer Beitrag zur migrationspolitischen Äußerung von Friedrich Merz

Im Rahmen einer Pressekonferenz äußerte sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am 14. Oktober 2025 bei einem Besuch in Brandenburg zur Migrationspolitik. Er verwies dabei auf sinkende Migrationszahlen sowie auf bereits geplante und umgesetzte Maßnahmen, insbesondere Rückführungen. Merz verwendete dabei den Ausdruck „Stadtbild“, der im gegebenen Kontext negativ konnotiert wurde und sich daraufhin innerhalb kurzer Zeit zu einem politischen Schlagwort entwickelte.
Ausgangspunkt war eine journalistische …

Sprache im Scroll-Modus – Brainrot, Memes und medienkritische Deutungen der kindlichen Kommunikation

Laut der KIM-Studie im Jahr 2024 nutzten 54 Prozent der 6- bis 13-Jährigen täglich das Internet (mpfs, 2024). Das sind 7 Prozent mehr als im Jahr 2022 (mpfs, 2024). Besonders auffällig ist, dass 23 Prozent dieser Altersgruppe täglich oder fast täglich TikTok verwenden, während Instagram nur von 11 Prozent genutzt wird (mpfs, 2024). Mit der intensiveren Nutzung der sozialen Medien gewinnen auch Memes an Bedeutung: Dabei handelt es sich um multimodale Inhalte aus Texten, Bildern, Videos, GIFs, Sounds …

Wenn ein Wort mehr sagt als ein Satz: Der Begriff „Klimakleber“ als Beispiel sprachlicher Rahmung

In einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung erwähnt Mareen Linnarzt den Gedanken, dass Sprache lenkt, wie man denkt (vgl. Linnarzt und Steinke 2023). Diese Aussage verweist auf eine grundlegende Eigenschaft von Sprache, die im alltäglichen Mediengebrauch häufig wenig reflektiert wird. Medien verfügen über die Möglichkeit, einzelne Teilaspekte eines Themas hervorzuheben und andere in den Hintergrund zu rücken (vgl. Hasebrink). Auf diese Weise entstehen Deutungsrahmen, innerhalb derer Ereignisse …

Deutungshoheit im öffentlichen Diskurs: Sprachliche Provokation und Verantwortung im Falle des true fruits-Marketings

Der Smoothie-Hersteller true fruits war in der Vergangenheit aufgrund seiner kontroversen Marketingstrategien immer wieder Teil des öffentlichen Diskurses, da er vor allem mit polarisierenden und oftmals mehrdeutigen Werbeslogans und Aufdrucken auf seinen Smoothieflaschen arbeitet. Besondere Kritik hat dabei eine schwarze Smoothieflasche hervorgerufen, die im Kontext einer Rassismus-Kampagne 2017 in Österreich beworben wurde. Hierbei wurden u.a. die Slogans „Schafft es selten über die Grenze.“ und …

Digital Detox – Eine medienkritische Auseinandersetzung mit digitaler Überforderung

„Viele halten die Offline-Phasen innerlich nicht mehr aus und greifen dann wie bei einem Entzug zum Handy“, beschreibt der Neurologe Prof. Dr. Volker Busch ein Phänomen, das den digitalen Alltag vieler Menschen prägt.1 Digitale Medien sind aus dem heutigen Leben nicht mehr wegzudenken. Sie strukturieren Kommunikation, Arbeit, Freizeit und soziale Beziehungen. Gleichzeitig wächst jedoch das Gefühl, von digitalen Reizen überfordert zu sein. Ständige Benachrichtigungen, soziale Medien und permanente …