DiskursGlossar

AI-Washing / KI-Washing

Kategorie: Techniken
Verwandte Ausdrücke: Buzzwording, Hype
Siehe auch: Greenwashing, Werbung, Schlagwort, Strategische Kommunikation, Innovation, Affirmation, Inszenierung
Autorin: Emily Reeh
Version: 1.0 / Datum: 12.01.2026

Kurzzusammenfassung

Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle mit dem Etikett „Künstliche Intelligenz“ ((KI) bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsächlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark übertrieben, nur marginal vorhanden oder überhaupt nicht gegeben ist. Damit wird die eigene Imageaufwertung forciert, bei der massenwirksam inszeniert werden soll, dass das jeweilige Unternehmen am ‚Hype‘ rund um KI partizipiert. Der Begriff ist in Analogie zu Greenwashing entstanden, das die irreführende Vermarktung von Produkten als umweltfreundlich beschreibt. In der Praxis zeigt sich AI-Washing sowohl im Informatik-/Techniksektor, wo beispielsweise Anwendungen oder Apps mit dem KI-Label versehen werden, als auch in Sektoren jenseits der Technologie: So werden diverse Produkte von Finanzdienstleistungen über Haushaltsprodukte bis hin zu gewöhnlichen Lebensmitteln durch AI-Washing beworben und in ein vermeintlich innovatives Licht gerückt.

Erweiterte Begriffsklärung

Im Wirtschaftsbereich indiziert das Kompositums-Endglied -washing eine Diskrepanz zwischen Realität und (unternehmerischer) Behauptung (vgl. Peukert/Kloker 2020). Auf Basis dieser Bedeutung wurden mehrere Begriffe geprägt, zum Beispiel Greenwashing oder Pinkwashing (behauptete Identifizierung mit der LGBTQ-Bewegung) – und nun auch AI-Washing. Dieses bezeichnet die kommunikationsstrategische Praxis, Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsprozesse fälschlicherweise oder stark übertrieben als ‚KI-basiert‘ darzustellen, um ein innovatives Image zu erzeugen, ökonomische Vorteile zu sichern oder Investitionen anzuziehen. Der Begriff ist in Analogie zu Greenwashing entstanden, wobei die Funktionen der beiden Ausdrücke dennoch nicht gleichgesetzt werden können: Beim Greenwashing geht es (auch) darum, Negativimages zu vermeiden oder zu verbessern; das AI-Washing ist dagegen ‚nur‘ darauf ausgelegt, mit dem positiven ‚Hype‘ rund um Künstliche Intelligenz mitzugehen bzw. sich selbst entsprechend als modern, innovativ und technologieoffen aufzuwerten.

Etymologisch betrachtet kann das AI-Washing einerseits auf noch nicht allzu viel Historie zurückblicken, andererseits aber vielleicht doch auf unerwartet mehr als im ersten Moment angenommen. Wann genau die Praktik selbst die ersten Male in der Praxis von Unternehmen tatsächlich gebraucht wurde, lässt sich schwer herausfinden – auf der Meta-Ebene kann die Verschlagwortung von ‚AI-Washing‘ aber anhand einer überblicksartigen Korpussichtung (via Nexis) diachron nachvollzogen werden: Die erste Nennung findet sich im März 2017 in einem Artikel mit dem Titel Artificially inflated: It’s time to call BS on AI in der englischsprachigen Zeitschrift InfoWorld (2017). In der Folge wird im Verlauf desselben Jahres der Begriff vereinzelt (35 Belege) erwähnt. Für intertextuelle Aufmerksamkeit sorgte hierbei vor allem ein Report des international tätigen Forschungs- und Beratungsunternehmens Gartner (2017), das im Rahmen seines „Hype Cycle“-Modells als Instrument zur Einordnung technologischer Entwicklungen dienen soll, um Investitionsentscheidungen und Innovationsstrategien fundierter treffen zu können (Gartner 2025). Der erste deutschsprachige Artikel (KI-Washing: Softwareanbieter pimpen ihre Produkte und bedienen den Hype) erschien dann Ende Juli in der Computerwoche (2017). Generell zeigt sich aber anfangs, dass der Begriff nur innerhalb der Tech-affinen Community thematisiert wird. Erst über den weiteren Verlauf – und mit Anstieg der gesellschaftlichen Relevanz Künstlicher Intelligenz im Allgemeinen – wird der Übergang von einer zunächst domänenspezifisch geprägten Diskussion innerhalb des Technologie-, Wirtschafts- und Finanzsektors hin zu einer massenmedial(er) ausgerichteten Auseinandersetzung deutlich. Dies schlägt sich nicht nur in den Quellen der Belege, zu denen in den letzten Jahren auch Zeitungen wie Die Sächsische oder Die Welt gehören, nieder, sondern auch in den Belegzahlen: Während es im Jahr 2023 noch 211 Artikel mit dem Schlagwort ‚AI-Washing‘ oder ‚KI-Washing‘ gibt, steigen diese im Jahr 2024 auf 1129 Artikel an. Nichtsdestotrotz konstituiert sich der Großteil der Belege nach wie vor aus fachspezifisch ausgerichteten Sektoren wie der Informatik, dem Recht und der Investitions- bzw. Finanzwelt.

In der Praxis äußert sich AI-Washing beispielsweise innerhalb der Technologiedomäne in der Bewerbung von Softwarelösungen, die lediglich auf klassischen statistischen Verfahren beruhen, jedoch als ‚KI-basiert‘ bezeichnet werden. Hierin zeigt sich auch die Problematik des schwammigen Begriffs KI bzw. der fehlenden eindeutigen Definition davon, was ‚KI‘ meint und umfasst. So existieren allein zu dem Konzept der ‚Intelligenz‘ über 70 Definitionen (vgl. Legg/Hutter 2007), und Bünte (2020: 53) beschreibt KI als „Kofferwort“, in das „jeder […] hinein[packt], was er oder sie für richtig hält.“ Damit kann es – vor allem, aber nicht ausschließlich für Laien – mitunter schwierig sein, zu beurteilen, ob die Bewerbung mit KI gerechtfertigt ist oder ob es sich um einen ‚Etikettenschwindel‘, wie er im Interdiskurs ausgehandelt wird (vgl. Computerwoche 2025), handelt.

Auch jenseits des genuin technologischen Sektors findet AI-Washing statt – beispielsweise in der Finanzwelt, in der Musikindustrie oder sogar bei Haushaltsprodukten und Lebensmitteln (vgl. u. a. CTech 2023; Mindsquare 2025). Damit verfolgt AI-Washing meist das Ziel, Kapital zu generieren, Marktanteile zu sichern und/oder das eigene Innovationsimage zu stärken. Entsprechend kann die Technik des AI-Washings in sämtlichen unternehmerischen Kontexten bzw. Werbung eine Rolle spielen.

AI-Washing wird zunehmend kritisch diskutiert (vgl. z. B. Babucke/Kroner 2024; Shamov 2025; Ozturkcan/Bozdag 2025), da es Transparenz, Vertrauen und verantwortungsvollen Umgang mit KI-Technologien untergräbt: In der wissenschaftlichen Diskussion – wobei es hier noch an entsprechenden Publikationen mangelt (s. Literatur zum Weiterlesen) – ist es von Relevanz, weil es sowohl ökonomische als auch gesellschaftliche Implikationen hat. Zum einen wird durch eine solche irreführende Kommunikation das Vertrauen von Kunden, Investoren und der Öffentlichkeit in die tatsächlichen Potenziale von KI-Technologien untergraben. Zum anderen kann AI-Washing die Transparenz und Nachvollziehbarkeit von technologischen Innovationen gefährden (vgl. Babucke/Kroner 2024), indem es die Grenze zwischen echter technologischer Substanz und bloßer Marketingrhetorik verwischt.

In der juristischen Debatte ist die Thematik ebenfalls angekommen. In den USA sind mittlerweile mehrere Fälle des AI-Washings publik geworden, weswegen dort stärker dagegen vorgegangen werden soll bzw. auch bereits Prozesse laufen (vgl. Welt 2024; Global Investigations Review 2025; Holland & Knight 2025). So wurden beispielsweise zwei Anlageberatungsfirmen verklagt, was in einer zivilrechtlichen Strafe in Höhe von $400.000 mündete (vgl. U.S. SEC 2024). Und auch in Deutschland wird über rechtliche Vorgaben diskutiert, wobei die Thematisierung in der juristischen Fachliteratur noch am Anfang steht (vgl. Babucke/Kroner 2024). Einige dem Rechtsdiskurs angehörige Personen weisen hierbei darauf hin, dass die Problematik beim AI-Washing (unter anderem) in der auch oben schon angerissenen fehlenden Eindeutigkeit, was ‚KI‘ ist, begründet liege (vgl. Babucke/Kroner 2024; IT-Recht Kanzlei 2024; Paetrow/Kühl 2025). Mehr Klarheit – durch eine definitorische Einigung – versprechen sich Rechtswissenschaftler durch die KI-Verordnung der EU (vgl. Babucke/Kroner 2024). Einschränkend halten Babucke und Kroner (vgl. 2024) gleichwohl fest, dass der KI-Definition zwar eine große Bedeutung zukomme, für einige Strafbarkeitsrisiken jedoch auch bereits ein gewisses Grundverständnis ausreichend sein könnte. Durch die Parallelität zum Greenwashing leiten die beiden Rechtsanwälte mögliche Strafbestände für das AI-Washing ab, etwa Betrug, Kapitalanlagebetrug, Unrichtige Darstellung und Strafbare Werbung im Sinne des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb (vgl. Babucke/Kroner 2024; letzteres auch bei IT-Recht Kanzlei 2024). Sie kommen zu dem Schluss:

Die Bedeutung von KI für das tägliche Leben wird in den kommenden Jahren zunehmen – genau wie Fälle von falschen, strafbaren Behauptungen über einzelne KI-Anwendungen. Auch wenn aktuell noch Unklarheiten angesichts des Fehlens einer präzisen und allgemein verbreiteten KI-Definition bestehen, könnten solche Fälle zunehmend als KI-Washing verfolgt werden; parallel zur Entwicklung des Greenwashings. Die erforderlichen Straftatbestände für die strafrechtliche Verfolgung gibt es, und mit ihnen das Risiko, dass sich Unternehmen – berechtigt wie unberechtigt – Ermittlungen ausgesetzt sehen. Entsprechend ist schon heute Vorsicht bei Werbeversprechen angezeigt. […] (Babucke/Kroner 2024)

Beispiele

(1) AI-Washing bei dem Start-up Builder.ai

Das Unternehmen Builder.ai präsentierte sich lange als KI-gestützte Plattform, die App-Entwicklung weitgehend automatisiert, kostengünstig und schnell ermöglichen sollte. Im Marketing wurde dabei insbesondere der virtuelle KI-Assistent Natasha hervorgehoben, während in der Realität ein erheblicher Teil der Programmierarbeit von rund 700 menschlichen Entwicklern in Indien erbracht wurde. Diese Diskrepanz zwischen Behauptung und tatsächlicher Technologieanwendung führte laut Medienberichten – beispielsweise in der Computer Bild oder Forbes – dazu, dass Builder.ai Investoren, Kunden und die Öffentlichkeit über die Rolle der KI falsch informierte bzw. den Einsatz von KI nur vortäuschte, um Kapital zu generieren und Marktanteile zu sichern. Das Beispiel zeigt, dass AI-Washing nicht nur ein semantisches oder marketinggetriebenes Problem ist, sondern gravierende ökonomische und rechtliche Folgen haben kann: Builder.ai musste 2025 Insolvenz anmelden (Computer Bild 2025) und es laufen Untersuchungen wegen möglicher Täuschung von Investoren und gefälschten Finanz- und Kundendaten (Handelsblatt 2025).

Abb. 1: Builder.ai: 700 Entwickler statt vollautomatisierter KI (Forbes 2025).

(2) AI-Washing bei Coca-Cola

Ein Beispiel jenseits des genuin technologischen Bereichs ist die Marketingkampagne von Coca-Cola rund um das Getränk Y3000. Das Unternehmen bewarb die Edition 2023 als in Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz entwickelt. Zu kritisieren sei hierbei laut einem Forbes-Beitrag vom 25.04.2024 oder auch einem Welt-Artikel vom 17.10.2024, dass weder nachvollziehbar sei, in welchem Umfang tatsächlich KI-Methoden eingesetzt wurden, noch welche konkreten technischen Verfahren zum Einsatz kamen. Vielmehr habe Coca-Cola den Begriff KI vor allem als Innovationslabel genutzt, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und sich als zukunftsorientierte Marke zu positionieren. Damit illustriert Coca-Cola einen typischen Fall von AI-Washing in Bereichen, in denen Konsumenten gar nicht mit KI rechnen. Dieses Vorgehen zeigt, wie leicht sich Buzzwords wie KI-gestützt oder KI-kreiert im Marketing nutzen lassen, um Konsumenten und Investoren ein Bild technologischer Fortschrittlichkeit zu vermitteln, selbst wenn der tatsächliche Mehrwert fraglich bleibt.

Abb. 2: Coca-Colas Y3000 (Coca-Cola 2023).

(3) AI-Washing bei Waschmaschinen?

Was gilt als künstliche Intelligenz und was nicht? Das definitorische Problem wurde bereits unter der Begriffsklärung thematisiert. Bei einigen konkreten Produkten oder Anwendungen lässt sich demnach darüber streiten, ob tatsächlich AI-Washing vorliegt oder die Werbung mit dem KI-Label gerechtfertigt ist. So lassen sich für die Werbung von Samsungs BESPOKE AI Waschmaschine (exemplarisch für ‚intelligente Waschmaschinen‘ wie es sie auch von anderen Herstellern wie LG zu geben vermag) sowohl Aspekte finden, die für ein AI-Washing sprechen, als auch solche, die dagegen, also im Umkehrschluss für den ‚echten‘ Einsatz von KI-Technologien sprechen.

Abb. 3: Samsungs BESPOKE AI Waschmaschine (Samsung o. J.).

Samsung selbst behauptet auf der Produktwebsite:

AI Wash mit weiterentwickelten Sensoren erkennt automatisch, wie schwer und wie empfindlich deine Wäsche ist und überwacht den Verschmutzungsgrad während des Waschgangs. Wasser- und Waschmittelmenge sowie die Einweich-, Spül- und Schleuderzeiten werden dann auf intelligente Weise angepasst. (Samsung o. J.)

Oder auch: „Dank künstlicher Intelligenz kann AI Ecobubble™ außerdem die Textilart erkennen und das eingestellte Programm weiter anpassen.“ Inwiefern diese Sensoren sowie etwaige dadurch berechnete Anpassungen als ‚künstlich intelligent‘ gelten können, müsste definitorisch geklärt werden. Neben den Sensoren und den algorithmischen Anpassungen soll die Waschmaschine laut Samsung auch generell eine „intelligente Unterstützung beim Waschen“ darstellen:

Deine Waschmaschine mit AI Control merkt sich deine Waschgewohnheiten und sortiert die Programmliste so, dass du ganz schnell das richtige Waschprogramm findest − oder schlägt dir direkt das passende vor […] Die SmartThings App hält dich auch unterwegs auf dem Laufenden, unterstützt dich beim Planen deines nächsten Waschtags und hilft, falls mal Probleme auftauchen. (Samsung o. J.)

Inwieweit diese Komponente als ‚selbstlernend‘, ergo ‚künstlich intelligent‘, deklariert werden kann oder darf, ist auch hier sicherlich wieder definitorische Auslegungssache. Das Vorhandensein von Lernen – auch wiedergespiegelt in den Teilbereichen Machine Learning und Deep Learning – wird aber oftmals in Definitionen von KI genannt (vgl. z. B. Ladwig 2024, Europäisches Parlament 2023, Fraunhofer-Institut für Kognitive Systeme, Informatik Aktuell, u. v. m.). Diese Aspekte – Lernkomponente, die z. B. die Waschmittelmenge analysiert und anpasst, Energieoptimierung und Smart-Home-Integration – scheinen eine ‚KI-basierte‘ Waschmaschine von der klassischen Waschmaschine abzuheben. Gleichwohl existieren bestimmte Produkteigenschaften – z. B. die Erkennung des Füllgewichts und entsprechende Anpassung der Wassermenge und Waschlaufzeit – schon länger und auch in Waschmaschinen, die nicht explizit mit dem KI-Label versehen wurden (bspw. bei Mieles WWA120 oder bei der 6000 ProSense von AEG – die dafür auf Beschreibungen wie „Mengenautomatik“ oder „automatisch anpassen“ zurückgreifen). Man könnte Samsung also unterstellen, auf das Schlagwort ‚KI‘ zurückzugreifen, um eigentlich standardisierte Anwendungen als innovativer darzustellen als sie es sind – so nennen Babucke/Kroner (2024) „Werbung für altgediente Produkte, die ohne wirkliche technische Veränderung das Label ‚KI‘ erhalten, um sie interessanter zu machen“ als eine Variante des AI-Washings. Es ließe sich daher darüber diskutieren, inwiefern der KI-Begriff in der Waschmaschinen-Werbung gerechtfertigt ist, um sensorische und algorithmische Funktionen zu bewerben.

Literatur

Zitierte Literatur und Belege

Abbildungsverzeichnis

Zitiervorschlag

Reeh, Emily (2025): AI-Washing/KI-Washing. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 12.01.2026. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/ai-washing-ki-washing/.

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Begriffsgeschichte

Die Begriffsgeschichte lässt sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten Ausdrücken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext größerer sprachlicher Zusammenhänge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).

Diskurssemantische Verschiebung

Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.

Domäne

Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.

Positionieren

Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.

Deutungsmuster

Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.

Sinnformel

‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.

Praktik

Eine Praktik ist ein spezifisches, situativ vollzogenes und sinnhaftes Bündel von körperlichen Verhaltensweisen, an dem mehrere Menschen und Dinge beteiligt sein können (z. B. Seufzen, um Frust auszudrücken, oder einen Beschwerdebrief schreiben, Fußballspielen).

Kontextualisieren

Kontextualisieren wird im allgemeineren bildungssprachlichen Begriffsgebrauch verwendet, um das Einordnen von etwas oder jemandem in einen bestimmten Zusammenhang zu bezeichnen.

Narrativ

Mit der diskursanalytischen Kategorie des Narrativs werden Vorstellungen von komplexen Denk- und Handlungsstrukturen erfasst. Narrative in diesem Sinne gehören wie Schlagwörter, Metaphern und Topoi zu den Grundkategorien der Analyse von Diskursen.

Argumentation

Argumentation bezeichnet jene sprachliche Tätigkeit, in der man sich mithilfe von Gründen darum bemüht, die Richtigkeit einer Antwort auf eine bestimmte Frage zu erweisen. Das kann in ganz verschiedenen Situationen und Bereichen nötig sein, namentlich um eine poli-tische, wissenschaftliche, rechtliche, unternehmerische oder private Angelegenheit zu klären.

Techniken

Dogwhistle

Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.

Boykottaufruf

Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.

Tabuisieren

Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.

Aus dem Zusammenhang reißen

Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie für ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.

Lobbying

Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primär an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein Bündel von kommunikativen Tätigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.

Karten

Karten dienen dazu, Raumausschnitte im Hinblick auf ausgewählte Charakteristika so darzustellen, dass die Informationen unmittelbar in ihrem Zusammenhang erfasst und gut kommuniziert werden können. Dazu ist es notwendig, Daten und Darstellungsweisen auszuwählen und komplexe und oft umkämpfte Prozesse der Wirklichkeit in einfachen Darstellungen zu fixieren.

Pressemitteilung

Pressemitteilungen sind standardisierte Mitteilungen von Organisationen, die sich an Journalist:innen und andere Multiplikator:innen richten. Sie dienen der offiziellen und zitierfähigen Informationsweitergabe und übernehmen zugleich strategische Funktionen in der öffentlichen Kommunikation und Meinungssteuerung.

Shitstorm

Der Begriff Shitstorm beschreibt eine relativ junge Diskurskonstellation, die seit den 2010er Jahren an Bedeutung gewonnen hat und gemeinhin als Online-Wutausbruch bezeichnet wer-den kann.

Tarnschrift

Als Tarnschrift bezeichnet man unter den Bedingungen von Zensur und Verfolgungsrisiko veröffentliche Texte, die insbesondere in der strategischen Kommunikation des NS-Widerstands eine zentrale Rolle spielten.

Ortsbenennung

Die Benennung von Orten dient in erster Linie dazu, den jeweiligen geografischen Ort zu lokalisieren und ihn zu identifizieren. Doch Ortsnamen besitzen eine soziale Dimension und spielen eine entscheidende Rolle bei der sprachlich-kulturellen Identitätskonstruktion.

Schlagwörter

Brückentechnologie

Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der Brückentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschätzten anderen Technologie möglich ist.

Deindustrialisierung

Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch Rückgang von produzierendem Gewerbe.

Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, ähnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).

Echokammer

Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.

Relativieren

Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.

Massendemokratie

Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.

Social Bots

Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.

Kriegsmüdigkeit

Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.

Woke

Der Ausdruck woke stammt aus dem afroamerikanischen Englisch und bezeichnete dort zunächst den Bewusstseinszustand der Aufgeklärtheit über die Verbreitung von rassistischen Vorurteilen und Diskriminierung unter Angehörigen ethnischer Minderheiten.

Identität

Unter Identität versteht man allgemein die Summe von Merkmalen, die Individuen oder sozialen Kollektiven – etwa Nationen, Organisationen oder sozialen Gruppen – als charakteristisch oder gar als angeboren zugeordnet werden.

Verschiebungen

Dehumanisierung

Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.

Kriminalisierung

Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.

Versicherheitlichung

In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Krise

Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.

Partizipatorischer Diskurs

Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Beobachtung zum Begriff „Diplomatie“ beim Thema Ukraine im Europäischen Parlament

Von EU-Vertretern waren zur Ukraine seit 2022 vor allem Aussagen zu hören, die sich unter dem Motto „as long as it takes“ beziehungsweise „so lange wie nötig“ für die Erweiterung der militärischen Ausstattung und der Verlängerung des Krieges aussprachen. Vorschläge oder Vorstöße auf dem Gebiet der „Diplomatie“ im Sinne von ‚Verhandeln (mit Worten) zwischen Konfliktparteien‘ gab es dagegen wenige, obwohl die klare Mehrheit von Kriegen mit Diplomatie beendet wurden (vgl. z.B. Wallensteen 2015: 142)

Die Macht der Worte 4/4: So geht kultivierter Streit

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Die Macht der Worte 1/4: Wörter als Waffen

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Relativieren – kontextualisieren – differenzieren

Die drei Handlungsverben relativieren, kontextualisieren, differenzieren haben gemein, dass sie sowohl in Fachdiskursen als auch im mediopolitischen Interdiskurs gebraucht werden. In Fachdiskursen stehen sie unter anderem für Praktiken, die das Kerngeschäft wissenschaftlichen Arbeitens ausmachen: analytische Gegenstände miteinander in Beziehung zu setzen, einzuordnen, zu typisieren und zugleich Unterschiede zu erkennen und zu benennen.