DiskursGlossar

Affirmation

Kategorie: Techniken
Verwandte Ausdrücke: Überaffirmation, identitätsstiftendender sprachlicher Ausdruck
Siehe auch: Meliorisierung, Persuasion, Diskurshoheit
Autorin: Ruth M. Mell
Version: 1.3 / Datum: 07.02.2022

Kurzzusammenfassung

Im sprachwissenschaftlichen Sinne bezeichnet Affirmation die Behauptung oder Bejahung einer Aussage. Die affirmative Form eines Wortes oder Satzes ist das Gegenteil zur Verneinung (Negation).

Als Technik der Affirmation benennen wir daher eine kommunikative Strategie, welche Aussagen verwendet, um z.B. für ein Produkt, eine (politische) Gruppe oder eine Person zu begeistern bzw. durch eigens verwendete Wörter und vor allem Wortkombinationen (etwa in Form von Slogans) für diese zu werben und / oder eine Gruppenzugehörigkeit herzustellen bzw. diese zu stärken.

Erweiterte Begriffsklärung

Der Begriff Affirmation (lateinisch affirmatio ‚Versicherung‘, ,Beteuerung‘) bezeichnet ursprünglich eine wertende Zuschreibung, die mit Bejahung, Zustimmung, positiver Wertung oder Zuordnung beschrieben werden kann. In der Logik meint Affirmation dann konkret eine bejahende Aussage, bei der einem Subjekt (im traditionellen Sinn) ein Prädikat (Eigenschaft) zugesprochen wird. Mit dem Begriff Affirmation wird allgemein Zustimmung und Bejahung zum Ausdruck gebracht. Affirmation wird dabei als Sprechakt des Bejahens bzw. Behauptens verstanden, kann sich aber auch auf den positiven Inhalt eines Satzes bzw. eines Urteils beziehen und diesen bezeichnen (vgl. Hügli/Lübcke 2003: 25).

Häufig findet in aktuellen Diskursen der Begriff Affirmation Anwendung in Kontexten, in denen von Achtsamkeit, Selbstheilung oder Selbsttherapie die Rede ist. Hier wird er vornehmlich auf Gedanken und Aussagen, Gebete und/oder Mantras bezogen und mit durchaus unterschiedlicher Zielsetzung adressiert. Affirmationen werden also in diesem Sinne als positiv beeinflussende Gedanken oder versprachlichte Leitsätze verstanden, die sich immer weiter verstärken und damit zu Erkenntnis, Erleuchtung und daraus folgend zu Selbstheilungsprozessen der Psyche, aber auch des Körpers führen können. Prinzipiell geht es bei der Verwendung von Affirmationen immer darum, Personen oder Personengruppen sprachlich von etwas zu überzeugen. Affirmationen spielen in der strategischen Kommunikation moderner Massenmedien, in der Politik, Werbung oder in Sozialen Netzwerken eine wichtige Rolle. In Form von Begeisterung aktivierenden Sprüchen oder Slogans sollen sie entweder eine positive Haltung gegenüber einem Produkt, einer Person oder einem Gedanken hervorrufen oder (politische oder soziale) Gruppenzugehörigkeit herstellen oder stärken.

Als rhetorische Mittel im Rahmen subversiver Argumentationsstrategien (Guerillakommunikation), bei denen es darum geht, Inkonsistenzen oder Widersprüche wahrheitsgetreu, aber in durchaus für den (politischen) Gegner möglichst unangenehmer oder gar peinlicher Weise hervorzuheben, hat sich zudem in der Kunst der Begriff Überaffirmation etabliert. Überaffirmation bezeichnet eine sprachliche Technik, die den Gegner nicht denunziert, sondern demgegenüber die gegnerische Argumentation stark bejaht und auf die Spitze treibt. Damit wird das Problematische – häufig in witziger, ironischer oder gar lächerlicher Weise – durch Übertreibung, in diesem Fall durch eine übertrieben positive Zuschreibung, sichtbar gemacht.

Beispiele

Affirmationen können kommunikativ zu unterschiedlichen Zwecken verwendet werden. Die drei häufigsten seien hier vorgestellt:

(1) Affirmation in der Politik: Yes, we can!

Insbesondere in der modernen Massenkommunikation (etwa in Sozialen Netzwerken) oder im Rahmen politischer Wahlwerbung dienen affirmative Slogans aus der Basistextsorte der Sprüche (vgl. Dimter 1981, Rolf 1993, Heinemann 2000, Heinemann/Heinemann 2002) dazu, (politische oder soziale) Gruppenzugehörigkeit durch Begeisterung zu aktivieren und dadurch entweder für den Gedanken oder die Gruppe zu begeistern. Solche Sprüche können als komprimierte Schlüsselsätze kultureller Prägung mit „postulative[m] Charakter“ (Fleischer 1991: 28) verstanden werden. Ein aktuelles Beispiel für eine politisch motivierte lexikalische Affirmation ist etwa der englischsprachige Spruch Yes, we can!, welchen Barack Obama ab 2008 als Slogan seiner Partei sowie für sich während der Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten verwendete und der für seine Anhänger:innen zu einem verbindenden Element untereinander und lexikalisches ,Manifest‘ gegen die Vertreter:innen der Republikaner im Wahlkampf wurde.

(2) Affirmation in der Werbung: Yogurette – so himmlisch leicht.

Auch in der Werbung wird das sprachliche Mittel der lexikalischen Affirmation eingesetzt, um ein Produkt mit einer bestimmten Eigenschaft zu versehen oder diesem eine bestimmte Eigenschaft zuzuschreiben, welche Kundeninnen / Kunden zum Kauf animieren soll. So werden insbesondere Süßwarenprodukte in Werbeslogans häufig als besonders leicht bezeichnet, was die Eigenschaft möglichst kalorienarmer Produkte beim Verbraucher /der Verbraucherin wecken soll. So wird der Schokoriegel Yogurette mit dem Slogan himmlisch (joghurt)leicht beworben, wobei neben der Zuschreibung der himmlischen Leichtigkeit das Suffix ette ebenfalls durch seine diminutive Funktion den Eindruck evozieren soll, es handle sich bei dem Produkt nur um einen kleinen Happen mit sehr wenigen Kalorien. In den 90er Jahren wurde ein Schokoriegel mit dem Namen Milky Way versehen, in Deutschland stark beworben, der nach Aussagen der Werbung so locker und leicht sein sollte, dass er in Milch schwimmt. Auch hier dienen Produktname und Slogan dem Zweck, das Produkt attraktiver zu machen – in diesem Fall immer wieder dadurch, dass durch lexikalische Affirmation betont wird, dass die süße Nascherei für den Körper weit weniger negative Konsequenzen hat, als Naschwerk im Allgemeinen. Dies soll schlussendlich den Verbraucher / die Verbraucherin zum Kauf und dann natürlich zum Verzehr motivieren.

(3) Überaffirmation: ,Jubeldemos‘

,Jubeldemos‘ erregen selbst mit geringen Teilnehmerzahlen regelmäßig massenmediale Aufmerksamkeit, weil sie den sonst üblichen Erwartungen an die Erscheinungsform öffentlicher Proteste widersprechen: anstatt die Rolle der Gegnerin /des Gegners nehmen die Demonstrierenden scheinbar die Position des Befürwortenden ein. Studierende protestieren im Anzug zum Beispiel lautstark für höhere Studiengebühren, bedanken sich bei politischen Verantwortlichen und fordern konsequent im Sinne der Gebührenpolitik den Ausschluss von ärmeren KommilitonInnen; FriedensaktivistInnen schlüpfen in Uniform und bejubeln Bomben und Krieg; GewerkschaftsmitgliederInnen bedanken sich über eine Lohnerhöhung von 5 € mit einem Transparent: Das ist Güte – das ist gnädig. In allen Fällen erfolgt eine übertriebene Zustimmung zu politischen Programmen in ironischer Absicht, die zugleich tabuisierte oder zumindest aus Sicht der Protestierenden vernachlässigte negative Konsequenzen politischer Entscheidungen in den Vordergrund rücken.

Grafik 1 Affirmation

Abb. 1: Jubeldemo in München. Quelle: https://wuerzburg-aschaffenburg.verdi.de/ ; Zugriff: 25.01.2022.

Grafik 2 Affirmation

Abb. 2: Screenshot einer Mobilisierungswebsite für friedensaktivistische Jubeldemos, http://www.verantwortung-jetzt.de/sk/aufruf.html ; Zugriff: 25.01.2022.

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Hardine, Rosetta (2002): Psychology of Self-Affirmation With Assertiveness Attitude. Index of New Information with Authors, Subjects and Reference Bibliography. Washington: Abbe Pub.

Zitierte Literatur

  • Dimter, Matthias (1981): Textklassenkonzepte heutiger Alltagssprache. Tübingen: Niemeyer.
  • Fleischer, Michael (1991): Die Semiotik des Spruches. Kulturelle Dimensionen moderner Sprüche (an deutschem und polnischem Material). Bochum: N. Brockmeyer.
  • Heinemann, Wolfgang (2000): Typologisierung von Texten I: Kriterien. In: Brinker, Klaus; Antos, Gerd; Heinemann, Wolfgang et al. (Hrsg.) (2000): Text- und Gesprächslinguistik. Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung. Berlin; New York: de Gruyter, S. 507–523.
  • Heinemann, Margot; Heinemann, Wolfgang (2002): Grundlagen der Textlinguistik. Interaktion – Text – Diskurs. Tübingen: Niemeyer.
  • Hügli, Anton; Lübcke, Poul (Hrsg.) (2003): Artikel Affirmation: In: dies. Philosophielexikon. Rowohlt: Reinbek, S. 25.
  • Rolf, Eckard (1993): Die Funktionen der Gebrauchstextsorten. Berlin; New York: de Gruyter.

Abbildungsverzeichnis

Zitiervorschlag

Mell, Ruth M. (2022): Affirmation. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 07.02.2022. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/affirmation/

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Medien

Die Begriffe Medien/Massenmedien bezeichnen diverse Mittel zur Verbreitung von Informationen und Unterhaltung sowie von Bildungsinhalten. Medien schaffen damit eine wesentliche Grundlage für Meinungsbildung und Meinungsaustausch.

Macht

Macht ist die Fähigkeit, Verhalten oder Denken von Personen zu beeinflussen. Sie ist Bestandteil sozialer Beziehungen, ist an Kommunikation gebunden und konkretisiert sich situationsabhängig. Alle expliziten und impliziten Regeln, Normen, Kräfteverhältnisse und Wissensformationen können aus diskursanalytischer Perspektive als Machtstrukturen verstanden werden, die Einfluss auf Wahrheitsansprüche und (Sprach)Handlungen in einer Gesellschaft oder Gruppe nehmen.

Normalismus

Normalismus ist der zentrale Fachbegriff für die Diskurstheorie des Literaturwissenschaftlers Jürgen Link. Die Normalismus-Theorie fragt danach, wie sich Vorstellungen von ‚Normalität‘ und ‚Anormalität‘ als Leit- und Ordnungskategorien moderner Gesellschaften herausgebildet haben.

Wissen

Kollektives Wissen von sozialen Gruppen ist sowohl Voraussetzung als auch Ziel strategischer Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Es wird geprägt durch individuelle Erfahrung, aber auch in Diskursgemeinschaften kommunikativ geteilt – vor allem im Elternhaus, in Peergroups und Bildungseinrichtungen sowie durch Medienkonsum.

Werbung

Werbung ist ein Kommunikationsinstrument von Unternehmen, das der Positionierung im Markt dient und je nach Situation des Unternehmens auf Einführung, Erhalt oder Ausbau von Marktanteilen und damit letztlich auf ökonomischen Gewinn abzielt.

Mediale Kontrolle

Medien werden vielfältig zur Durchsetzung von Macht verwendet. So in der Zensur, wenn eine politische Selektion des Sagbaren und des Unsagbaren stattfindet; in der Propaganda, wenn eine Bevölkerung von den Ansichten oder wenigstens der Macht einer bestimmten Gruppe überzeugt werden soll; oder in der Überwachung, die unerwünschtes Verhalten nicht nur beobachten, sondern unwahrscheinlich machen soll.

Freund- und Feind-Begriffe

Freund-, Gegner- und Feindbegriffe sind Teil der Politischen Kommunikation. Sie bilden die Pole eines breiten Spektrums von kommunikativen Zeichen, mit denen politische Akteure sich selbst und ihre politischen Gegner im Kampf um beschränkte Ressourcen auf dem diskursiven Schlachtfeld positionieren.

Sprachpolitik / Sprachenpolitik

Sprachpolitik bezeichnet allgemein alle politischen Prozesse, die auf eine Beeinflussung der Sprachverwendung in einer Gesellschaft oder Sprachgemeinschaft abzielen. Unterschieden wird häufig zwischen Sprachenpolitik und Sprachpolitik im engeren Sinne.

Sagbarkeit

Im öffentlichen Diskurs findet sich häufig die strategische Behauptung, dass bestimmte Fakten oder Meinungen unsagbar seien. Auf diese Weise wird zum Ausdruck gebracht, dass es Grenzen des Sagbaren gebe, die im öffentlichen Diskurs Geltung hätten.

Kulturelle Grammatik

Kulturelle Grammatik steht für ein System von Regeln und/oder etablierten Regelmäßigkeiten, die Formen richtiger und/oder normaler Kommunikation und Interaktion auszeichnen.

Techniken

Passivierung

Unter Passivierung versteht man die Formulierung eines Satzes in einer grammatischen Form des Passivs. Das Passiv ist gegenüber dem Aktiv durch die Verwendung von Hilfsverben formal komplexer. Seine Verwendung hat unter anderem zur Folge, dass handelnde Personen im Satz nicht genannt werden müssen, was beispielsweise in Gesetzestexten für eine (gewünschte) größtmögliche Abstraktion sorgt („Niemand darf wegen seines Geschlechts […] benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Art. 3 GG).

Aufopferungs-Topos

Als Aufopferungs-Topos wird in der Diskursforschung ein Argumentationsmuster bezeichnet, das zwei strategische Funktionen erfüllen kann: einerseits kann es dazu dienen, mit der Behauptung eines besonderen Ressourceneinsatzes (z.B. Einsatz von Geld, Zeit oder emotionaler Belastung) einen hohen Achtungswert für eine Person, eine Sache bzw. für ein Ziel zu plausibilisieren. Andererseits können Akteure besondere Privilegien (wie z.B. Wertschätzung, Entscheidungsbefugnisse und Mitspracherechte) reklamieren, wenn sie sich für eine bereits in der sozialen Bezugsgruppe hochgeschätzte Sache engagieren.

Opfer-Topos

Als Opfer-Topos bezeichnet man eine diskursive Argumentationsstrategie, bei der sich Akteure als ‚Opfer‘ gesellschaftlicher Urteilsbildung inszenieren und damit eigene Interessen – vor allem Aufmerksamkeit und Berücksichtigung von Bedürfnissen – geltend zu machen versuchen.

Analogie-Topos

Der Analogie-Topos zählt zu den allgemeinen bzw. kontextabstrakten Argumentationsmustern, die genutzt werden können, um für oder gegen eine Position zu argumentieren. Analogie-Topoi werden von verschiedenen Akteuren und Akteursgruppen strategisch eingesetzt, um eine zustimmende Haltung bei den Zielgruppen zu bewirken.

Negativpreis

Ein Negativpreis ist eine Auszeichnung an Personen oder Organisationen (meist Unternehmen), die sich oder ihre Produkte positiv darstellen und vermarkten, ihre Versprechen aus Sicht des Preisverleihers allerdings nicht einhalten. Dabei dient der Preis durch seine Vergabe vor allem dem Zweck, Aufmerksamkeit zu erregen, mediale Präsenz auf ein Thema zu lenken und den Preisträger in seinem moralischen Image zu beschädigen.

Be-/Überlastungs-Topos

Der Be-/Überlastungstopos ist ein Argumentationsmuster, das vorwiegend in der politischen Kommunikation eingesetzt wird. Als zu vermeidende Konsequenz einer konkreten Situation wird mit dem Be-/Überlastungstopos ein Be- bzw. Überlastungs-Szenario skizziert.

Wahlkampf

Wahlkämpfe sind Zeiten stark intensivierter politischer Kommunikation. Politische Parteien entwickeln Programme für die nächste Legislaturperiode in der Hoffnung, durch entsprechenden Stimmengewinn zu deren Umsetzung ermächtigt zu werden.

Wir

Das Pronomen wir erfüllt aber noch eine weitere diskursive Funktion: Ein Fundament des politischen Diskurses sind dynamische politische Ideologien: Glaubens- und Wissenssysteme von politischen und sozialen Gruppen.

Petition

Petitionen sind eine der am meisten genutzten Partizipationsformen nach Wahlen. Sie sind sowohl ein Mittel der politischen Beteiligung als auch ein Protestmittel und damit Zwitterwesen in der politischen Landschaft. Durch die Digitalisierung haben sich Petitionen zudem maßgeblich verändert, ihre Zahl hat zugenommen, ebenso wie die Zahl der Plattformen, auf denen sich Petitionen starten lassen.

Influencer / Influencerin

Influencer:innen sind Personen, die auf Social-Media-Plattformen regelmäßig selbst produzierte Inhalte publizieren und damit eine öffentliche Reichweite über ihre Follower:innen aufbauen. Influencer:innen haben das Potenzial, Rezipient:innen in ihrem Wissen, Einstellungen und Verhalten zu beeinflussen (engl. to influence).

Schlagwörter

Demokratie

Der Ausdruck Demokratie dient häufig zur Bezeichnung einer (parlamentarischen) Staatsform und suggeriert die mögliche Beteiligung aller an den Öffentlichen Angelegenheiten. Dabei ist seine Bedeutung weniger eindeutig als es den Anschein hat.

Plagiat/Plagiarismus

Plagiarismus ist ein Begriff, der sich im öffentlichen Diskurs gegen Personen oder Produkte richten kann, um diese in zuweilen skandalisierender Absicht einer Praxis unerlaubter intermedialer Bezugnahme zu bezichtigen. Die Illegitimität dieser Praxis wird oft mit vermeintlichen moralischen Verfehlungen in Verbindung gebracht.

Fake News

Fake News wird als Schlagwort im Kampf um Macht und Deutungshoheit in politischen Auseinandersetzungen verwendet, in denen sich die jeweiligen politischen Gegenspieler und ihre Anhänger wechselseitig der Lüge und der Verbreitung von Falschnachrichten zum Zweck der Manipulation der öffentlichen Meinung und der Bevölkerung bezichtigen.

Lügenpresse

Der Ausdruck Lügenpresse ist ein politisch instrumentalisierter „Schlachtruf“ oder „Kampfbegriff“ gegen etablierte und traditionelle Medien. Dabei wird häufig nicht einzelnen Medien-Akteuren, sondern der gesamten Medienbranche vorgeworfen, gezielt die Unwahrheit zu publizieren.

Antisemitismus

Mit Antisemitismus werden gemeinhin alle jene Phänomene bezeichnet, die sich gegen das Judentum oder gegen Jüdinnen*Juden als Jüdinnen*Juden richten. Die entsprechenden Erscheinungen reichen von der bloßen Distanzierung und Behauptung jüdischer Andersartigkeit, über vollständig ausgearbeitete Weltbilder, die Jüdinnen*Juden für sämtliche Probleme verantwortlich machen, bis hin zu massiven Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Gewaltpraktiken.

Grammatiknazi / Grammar Nazi

Das überwiegend negativ konnotierte Schlagwort Grammatiknazi – als Übersetzung von engl. grammar nazi – wird zur Benennung von Personen verwendet, die meist in eher informellen Kontexten der öffentlichen Internetkommunikation (u. a. in Foren, Kommentarbereichen auf Nachrichtenportalen, sozialen Netzwerken) ungefragt Sprachkritik an den Äußerungen anderer (häufig fremder) Kommunikationsteilnehmer*innen üben.

Respekt

Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität.

Geschlechtergerechte Sprache

Mit dem heute als Fahnenwort gebrauchten Ausdruck geschlechtergerechte Sprache ist die Forderung verbunden, bei Personenbezeichnungen die einseitige, für diskriminierend erklärte Bezugnahme auf einen bestimmten Sexus, konkret: auf das männliche Geschlecht, zu unterlassen.

Identitätspolitik

Der Ausdruck steht heute für eine politische Konstellation, in der konkurrierende Wir-Gemeinschaften mit einer Diskriminierungs- und Benachteiligungsgeschichte in der Öffentlichkeit um Anerkennung konkurrieren. An der Oberfläche geht es ‚identitären‘ Wir-Gemeinschaften darum, die eigene Diskriminierung als Ermächtigungsmotiv an die Öffentlichkeit zu tragen.

Cancel Culture

Cancel Culture ist ein Kampf- und Stigmawort, das sich in skandalisierender Absicht gegen die Praxis (und oft auch bereits gegen die Forderung) des Absagens, Ausladens, Boykottierens moralisch missliebiger und politisch bekämpfter Personen, Organisationen und Positionen in Wissenschaft, Kultur und Politik wendet.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Antitotalitär? Antiextremistisch? Wehrhaft!

Im Herbst 2022 veranstalteten die Sender des Deutschlandradios eine Kampagne mit Hörerbeteiligung zur Auswahl eines Themas, mit dem sich ihre sogenannte „Denkfabrik“ über das kommende Jahr intensiv beschäftigen solle. Fünf Themen standen zur Auswahl, „wehrhafte Demokratie“ wurde gewählt, wenig überraschend angesichts des andauernden Krieges in der Ukraine…

Satzsemantik von Vorhersage und Nutzen-Risiko-Abwägung: Die STIKO-Impfempfehlung für 12- bis 17-Jährige vom 18. August 2021

“Die Forschung muss… sich in die Lage versetzen, die politischen Implikationen, die sie hat, anzunehmen und auszuforschen, um nicht beim ersten Knall der Peitsche durch alle ihr vorgehaltenen Reifen zu springen. Diese Integrität kann die Wissenschaft gerade dadurch unter Beweis stellen, dass sie dem herrschenden Druck, praktische Tabus in theoretische umzuwandeln, widersteht” (Beck 1986, 283)

Review-Rückblick

In dieser Rubrik veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen kurze Notizen zu Ereignissen oder Phänomenen, die in den vergangenen Wochen in der strategischen und öffentlichen Kommunikation zu beobachten waren. Die Texte kommentieren subjektiv, unsystematisch, teils widersprüchlich und hoffentlich pointiert. Sie erheben keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, beobachten ihren Gegenstand aber von einer diskursanalytischen und -interventionistischen Position aus und sollen zum Widerspruch einladen. Sie repräsentieren nicht die Position der Redaktion des Diskursmonitors, sondern ihrer jeweiligen Autorinnen und Autoren.

Rasse, Rassismus

1) Zu Beginn drei exemplarische Medienereignisse aus der jüngsten Vergangenheit, in denen es um den Komplex Rasse, Rassismus ging…

Freund-Feind-Begriffe: Zum diskurssemantischen Feld soziopolitischer Kollektivierung

Mit jeder sprachlichen Äußerung (und das schließt das Nicht-Äußern mit ein) positioniert sich der Sprecher oder Schreiber sowohl innerhalb eines von ihm intersubjektiv (re)konstruierten als auch eines objektiven (d.h. objektivierbaren) diskursiven Raum sozialer Gruppen. Möglich ist dies nur aufgrund der sozialsymbolischen (indexikalischen) Bedeutung kommunikativer Zeichen im Bühlerschen Sinne…

PR, Punk oder Provinz: Wie Corona-Forschung die Öffentlichkeit (nicht) erregt.

Jeden Tag erreichen uns neue Nachrichten, neue Zahlen, neue Grafiken zur laufenden Corona-Pandemie. Wer erinnert sich da noch daran, was vor zwei oder drei Monaten oder vor einer Woche öffentlich diskutiert wurde? Vielleicht sind nur zwei Debatten wirklich in unserem öffentlichen Gedächtnis hängen geblieben, unter anderem, weil sie es zu eigenen Twitter-Hashtags gebracht haben: #HeinsbergProtokoll und #IchHabeBesseresZuTun…