DiskursGlossar

Innovation

Kategorie: Schlagwörter
Verwandte Ausdrücke:
Neuerung, schöpferische Zerstörung, (sozialer) Wandel, Modernisierung, Reform, Disruption
Siehe auch: (Technischer) Fortschritt
Autorin: Susanna Weber
Version: 1.2 / 09.05.2020

Kurzzusammenfassung

Innovation gehört seit den 60er Jahren zu den häufig verwendeten Schlag- bzw. Fahnenwörtern, vor allem in den Feldern von Ökonomie und Politik. Konzepte und Vorhaben mit der Überschrift Innovation werden oft als Sachzwänge dargestellt, gegen die Einwände als nicht legitim erscheinen. Eine der wichtigsten Rede-Figuren im Rahmen strategischer Kommunikation ist die, Innovation (als Prozess) oder Innovationen (technische) als universale Lösung für Probleme jeglicher Art zu präsentieren. Aktuell gilt die Kombination von Innovation und Digitalisierung als Schlüssel für alle Herausforderungen der Zukunft.

Erweiterte Begriffsklärung

Im frühen Mittelalter bedeutete innovatio religiöse Neuerung (die verboten wurde), und noch 1721 gab es im konservativ-ständischen Japan ein Gesetz zum Verbot von Innovationen.

Die Bewertung von Neuem hat sich seither drastisch gewandelt und gegenwärtig sind mit Innovation eher Gebote verbunden (be creative, invent yourself) als Verbote. Dieser Veränderung ging die Verbreitung von neuem Wissen und neuen Artefakten voran: Neue „nützliche und lustige“ Maschinen (de Caus) stärkten nicht nur Macht- und Repräsentationsansprüche der Herrschenden, sie wurden auch zu den wesentlichen materiellen Mitteln für den Umbau der gesellschaftlichen Verhältnisse. Im projecting age des ausgehenden 17. und 18. Jahrhunderts entstand eine neue Sozialfigur, der Projektmacher, und das Neue wurde mit Ökonomie, genauer: mit der Ökonomie des erstarkenden Kapitalismus, verbunden. Die Projektmacher mussten ihre Vorhaben noch aufwändig legitimieren und mit großen individuellen Risiken in die Welt bringen. Am Ende des 19. Jahrhunderts, nach der ersten industriellen Revolution war Innovation schon zu einer verallgemeinerten, positiv aufgeladenen Zukunftserwartung geworden: Erfindungen und Entdeckungen (von Artefakten und Verfahren) galten als Inbegriff von „Fortschritt“.

Mit teils ausdrücklichem, teils implizitem Bezug auf Marx entwickelte am Anfang des 20. Jahrhunderts der Ökonom Joseph A. Schumpeter eine Theorie der Entstehung des Neuen und der Neuerung als zentrales, evolutionäres Element der kapitalistischen Ökonomie. Das ökonomisch Neue erhielt einen Namen: Innovation. Zuvor hatte Marx den ursprünglich naturwissenschaftlich geprägten Revolutionsbegriff (bei Galilei, Kepler) zu einem politischen umbesetzt und mit der Entwicklung der Produktivkräfte verbunden. Schumpeter löste ein Element aus dieser Entwicklung heraus (Innovationen) und modellierte es zur Haupttriebkraft der kapitalistischen Ökonomie.

Vermittelt über den Schlüsselbegriff des technischen Fortschritts gelangte Innovation als Ausdruck und als Konzept in den späten 1960er und 1970er Jahren in die politischen Diskussionen um die Erklärung und Bewältigung der seinerzeit aktuellen ökonomischen Turbulenzen. Schumpeter hatte Innovation als klar definierten ökonomischen Fachterminus gebraucht. In den entstehenden politikberatenden Strukturen (Kommissionen, Forschungsinstitute) erhielt der Begriff nun zunehmend programmatisch-strategische Funktionen. Seither zirkuliert er als Fahnenwort in allen gesellschaftlichen Zentralgebieten. Was jedoch bei Schumpeter Teil einer Krise ist (die Konjunkturzyklen, verursacht durch Entstehung und Verbreitung von Innovationen), wurde zur Lösung für ökonomische Schwankungen umgebaut: Innovationen zur Stabilisierung der Wirtschaft. Aktuell ist das Deutungsmuster Fortschritt = Wachstum und Wohlstand durch Technik (= Innovation) so fest etabliert wie zuletzt vor den beginnenden Umwelt-Debatten und den Fragen nach möglichen „Grenzen des Wachstums“ am Beginn der 1970er Jahre. Dazu hat beigetragen, dass die akademische wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung auf einem seit Jahrzehnten stabilen Lehrbuchkanon ökonomischer Theorieelemente und Modelle beruht, der wachstumsfixierte, marktliberale Auffassungen festigt.

Mit dem ausgehenden 20. und dem beginnenden 21. Jahrhundert wurden erneut Haltungen begründungspflichtig, die die behauptete Notwendigkeit zur permanenten Innovation bezweifeln. So wurde etwa ein Topos aus der Frühzeit der Industrialisierung Europas wiederbelebt: Maschinenstürmerei. Er wurde am Ende der 1970er Jahre im Rahmen der ersten Automatisierungswelle reaktiviert und dient noch in jüngster Zeit zur vorauseilenden (Selbst-)Abgrenzung gegenüber technikskeptischen oder -kritischen Positionen (Hoffmann/Bogedan, 2015).

Die Eingängigkeit der Schumpeter’schen Metapher von der Innovation als schöpferischer Zerstörung wird inzwischen nicht nur verwendet, um zu illustrieren, dass mit der Technologie der Digitalisierung eine neue, die vierte „industrielle Revolution“ bevorstehe. Sie dient auch zur Legitimation dafür, dass nun auch in Kultur und Kunst oder Bildung OutputEffizienz und Sichtbarkeit als Kriterien für Anerkennung gelten sollen und für die Bereitstellung der notwendigen Ressourcen. Diese gesellschaftlichen Bereiche wurden zuvor noch nicht vollständig über ökonomische Rationalitätskriterien regiert (d.h. als Knappheitsgüter). Humankapitaltheorien bilden hier die argumentativen Brücken zwischen Verwertungsinteressen und individuellen Autonomiebestrebungen. Dieser nicht nur semantische Umbau lässt sich exemplarisch an Texten zur „Kultur- und Kreativindustrie“ nachvollziehen.

Der Spezialdiskurs, der sich um die Wortkombination soziale Innovation formierte, spiegelt den Versuch, das Kompensationspotential als „sozial“ gekennzeichneter Konzepte zu retten. Schon in den Einschätzungen zu den Projekten zur Humanisierung der Arbeit (HdA) in den 1970er Jahren war umstritten, ob und inwiefern es um reale gesellschaftliche Fortschritte gehe oder eher um politische Befriedung. Diskurse um soziale Innovationen reagieren auf die Folgeerscheinungen von Entwicklungen, die Elmar Altvater mit Bezug auf Analysen Karl Polanyis als „Entbettung“ (der Wirtschaft aus der Gesellschaft) und als „Vermarktlichung“ aller Lebensbereiche bezeichnete. Dies spiegelt sich zum Beispiel in den programmatisch verwendeten Oppositionsbildungen „sozial-technisch“ und „sozial-ökonomisch“. Ein neues Attribut aus diesem Kontext, „soziodigital“ gibt eine Vorstellung davon, welche Gegensätze hier verklammert werden sollen.

Wenn gegenwärtig Innovation thematisiert wird, ist der dominierende Kontext die Digitalisierung (der Wirtschaft, der Gesellschaft, der Kultur, des Alltags), ihre Chancen und, weit weniger, Risiken. Im Gebrauch der Argumente lassen sich zahlreiche Parallelen finden zu den Auseinandersetzungen um die Automatisierungswelle in den 1970er Jahren, etwa bei der gegenseitigen Aufrechnung von potentiellen Arbeitsplatzzuwächsen und zu erwartenden Arbeitsplatzverlusten durch Digitalisierung. Was sich allerdings verändert hat, sind erstens die Kräfteverhältnisse zwischen organisierten Arbeitskräften und Unternehmen und zweitens das Entstehen einer Vielzahl von Grauzonen. In diesen werden technische Systeme und Prozeduren eingeführt, die auf die Selbstentmächtigung (Klaus Theweleit) der Subjekte zielen, wenngleich sie unter dem Label des „technischen Fortschritts“ offeriert werden (Smart Cities, Smart Homes und ähnliche Konzepte). Das geschieht oft unterhalb der Wahrnehmungsschwellen demokratischer Öffentlichkeiten und außerhalb ihrer Möglichkeiten zur Beeinflussung (s.u. Beispiel 3).

Beispiele

(1) Deutungsmuster Innovation = Technischer Fortschritt = Wachstum = Wohlstand in Regierungsdokumenten

Ein zentrales Regierungsdokument zum Thema ist die so genannte High-Tech-Strategie (HTS), die seit 2010 fortgeschrieben wird, aktuell ist es die HTS 2025. Hier ist Innovation fest eingebaut in die Argumentationsfigur, die nationale Standort-Sachzwänge, technischen Fortschritt und Zukunft verknüpft: „Vom Erfinderland zur Innovationsnation: Fortschrittsgeschichte mit Zukunftsperspektive“ (HTS 2025). Ähnliche Formulierungen finden sich auch in allen früheren Versionen der HTS sowie begleitenden Dokumenten wie der Berliner Erklärung des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung (BMWI) von 2015 oder dem Grünbuch Arbeiten 4.0 aus dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2016.

Die jüngste Überbietungs-Figur der politischen Innovationsrhetorik kommt aus dem Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung (BMBF). Mit der Gründung einer außerordentlich üppig ausgestatteten (1 Mrd. Euro für 10 Jahre) „Agentur für Sprunginnovationen“ im August 2019 steigern die Akteure sprachlich die Dringlichkeit des Neuen noch einmal: Die bisher in Fachkreisen durchaus schon gebräuchliche englische Bezeichnung „disruptive“ (Innovationen) wurde eingedeutscht, um nahezulegen, dass von nun an nicht mehr nur sehr viel mehr als bisher Neues in die Welt gebracht werde, sondern radikal Neues. Verfolgt man die Reaktionen auf diese Regierungsaktivität, so wird schnell deutlich, dass Innovation (wieder einmal) als Platzhalter dient: im beschriebenen Fall geht es in erster Linie um die schnellere Kommerzialisierung von Neuem, nicht um das Neue selbst.

(2) Soziale Innovationen

Durch intensive Bemühungen aus den Sozialwissenschaften selbst und parallel zu Initiativen privater Investoren und von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) sind die Ausdrücke soziale Innovation/Sozialinnovationen inzwischen in den Sprachgebrauch von Politikern und in Regierungsdokumente eingegangen. Sie ersetzen in der Regel die mittlerweile ausstrahlungsarmen Begriffe wie Wandel oder Reform oder stehen für ältere demokratische Praktiken der Bürgerbeteiligung. Inzwischen sind Forscherinnen und Forscher mit dem Spezialgebiet Soziale Innovationen fest eingebunden in Aktivitäten der High-Tech-Initiative der Regierung. Die Redewendung „nicht nur technische, sondern auch soziale Innovationen“ ist zu einer Standardformel geworden.

Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang z.B. das neue Rahmenprogramm des BMBF „Zur Stärkung von Zusammenhalt, Innovationsfähigkeit und kulturellem Erbe“, das „sozialwissenschaftliche Forschung für praxistaugliche Anwendungen“ fördern soll. In bemerkenswerter Klarheit ist in diesem Zusammenhang von der beabsichtigten „Inwertsetzung“ die Rede. Auch wenn es sich hier um die „Kaperung“ eines Begriffes handelt, der von Karl Polanyi geprägt und u.a. von Elmar Altvater in definitiv kritischer Absicht verwendet wurde, wird deutlich, was gemeint ist: die Nutzung der positiven Ressourcen des Sozialen oder, wie ein Lehrstuhlinhaber der Zeppelin Universität 2012 bemerkenswert deutlich und schnörkellos formulierte: „Unsere gesellschaftlichen Herausforderungen und Krisen von heute sind die Geschäftsmodelle und Exportschlager von morgen. Soziale Innovationen sind Parasiten der Probleme und damit Kassenschlager von übermorgen“ (brandeins 4/2012).

(3) Innovation, Digitalisierung und Demokratie 

Gegenwärtig ist das Feld der Digitalisierung der Bereich, dem strategisch-politisch die höchste Dringlichkeit zugeschrieben wird. Die gängigen Begründungen operieren vornehmlich mit Sachzwang-Konstruktionen wie zum Beispiel „Ohne Innovationen werden wir den Herausforderungen der Zukunft und der globalen Konkurrenz nicht standhalten können.“ (HTS 2025) oder mit voraussetzungsvollen Behauptungen: „Wir werden die Weiterentwicklung eines modernen und nutzerfreundlichen E-Governments intensiv vorantreiben. Offene Daten sind ein wesentlicher Beitrag der Verwaltung auf dem Weg zur digitalen Gesellschaft.“ (HTS 2025, 50). Vor dem Hintergrund, dass Innovationen auf der Basis von Digitalisierung wie Smart Homes, Smart Cities, E-Government als ökonomisch äußerst erstrebenswert propagiert werden, bleiben kritische Positionen unterbelichtet.

Beispiele für die Erosion demokratischer Strukturen und Prozesse sind Landnahme-Prozesse etwa des Unternehmens Google in amerikanischen und kanadischen Großstädten (z.B. Toronto) durch kommerzielle Verwertung zahlreicher intransparenter Daten-Sammelvorgänge (ob zur Nutzung von Parkbänken oder zur Ausleihe von Büchern). Ihre Legitimität ist nicht einmal mehr Gegenstand demokratischer Erörterungen oder gar Entscheidungsprozesse gewesen. Dass die zurzeit von der chinesischen Regierung massiv vorangetriebenen Maßnahmen auf der Grundlage von social credit scores, (Verhaltensbeurteilungen, die zukünftig auch für Unternehmen gelten sollen) auf ähnlichen Datenbeständen und Algorithmen beruhen wie die hierzulande erlaubten, aber eher kritisch kommentiert werden, ist mindestens doppelzüngig.

Manchmal ist es auch die Bildsprache, die Zugang zu den auf Schlagwörter reduzierten Redeweisen verschafft. So wird in der HTS 2025 im Abschnitt „Zukunftskompetenzen“ unter der Überschrift „Gesellschaft. Wir befähigen Menschen zu aktiver Teilhabe und Teilnahme an gesellschaftlichen Fragen“ ein Foto präsentiert, auf dem vier Erwachsene, ein Schul- und ein Kleinkind aufgereiht nebeneinander in fünf verschiedene digitale Endgeräte blicken. Ein Beispiel für „aktive gesellschaftliche Teilhabe und Teilnahme“?

Literatur

Zitierte Literatur

  • Altvater, Elmar; Mahnkopf, Birgit (2002): Grenzen der Globalisierung. Ökonomie, Ökologie und Politik der Weltgesellschaft, Münster: Westfälisches Dampfboot.
  • Hoffmann, Reiner; Bogedan, Claudia (Hrsg.) (2015): Arbeit der Zukunft, Frankfurt: Campus Verlag.
  • Polanyi, Karl (1978): The Great Transformation, Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen, Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • Schumpeter, Joseph A. (2006): Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, Berlin: Duncker und Humblot.
  • Schumpeter, Joseph A. (1987): Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, Tübingen: Francke.
  • Weber, Susanna (2018): Innovation. Zur Begriffsgeschichte eines modernen Fahnenworts, Baden-Baden: Tectum Verlag.

Online-Ressourcen

Zitiervorschlag

Weber, Susanna (2020): Innovation. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 09.05.2020. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/innovation.

 

Grundbegriffe

Agenda Setting

Rassistisch motivierte Gewalt, Zerstörung des Regenwaldes, Gender pay gap: Damit politische Institutionen solche Probleme bearbeiten, müssen sie erst als Probleme erkannt und auf die politische Tagesordnung (Agenda) gesetzt werden. Agenda Setting wird in Kommunikations- und Politikwissenschaft als eine Form strategischer Kommunikation beschrieben, mithilfe derer Themen öffentlich Gehör verschafft und politischer Druck erzeugt werden kann.

Medien

Die Begriffe Medien/Massenmedien bezeichnen diverse Mittel zur Verbreitung von Informationen und Unterhaltung sowie von Bildungsinhalten. Medien schaffen damit eine wesentliche Grundlage für Meinungsbildung und Meinungsaustausch.

Macht

Macht ist die Fähigkeit, Verhalten oder Denken von Personen zu beeinflussen. Sie ist Bestandteil sozialer Beziehungen, ist an Kommunikation gebunden und konkretisiert sich situationsabhängig. Alle expliziten und impliziten Regeln, Normen, Kräfteverhältnisse und Wissensformationen können aus diskursanalytischer Perspektive als Machtstrukturen verstanden werden, die Einfluss auf Wahrheitsansprüche und (Sprach)Handlungen in einer Gesellschaft oder Gruppe nehmen.

Normalismus

Normalismus ist der zentrale Fachbegriff für die Diskurstheorie des Literaturwissenschaftlers Jürgen Link. Die Normalismus-Theorie fragt danach, wie sich Vorstellungen von ‚Normalität‘ und ‚Anormalität‘ als Leit- und Ordnungskategorien moderner Gesellschaften herausgebildet haben.

Wissen

Kollektives Wissen von sozialen Gruppen ist sowohl Voraussetzung als auch Ziel strategischer Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Es wird geprägt durch individuelle Erfahrung, aber auch in Diskursgemeinschaften kommunikativ geteilt – vor allem im Elternhaus, in Peergroups und Bildungseinrichtungen sowie durch Medienkonsum.

Werbung

Werbung ist ein Kommunikationsinstrument von Unternehmen, das der Positionierung im Markt dient und je nach Situation des Unternehmens auf Einführung, Erhalt oder Ausbau von Marktanteilen und damit letztlich auf ökonomischen Gewinn abzielt.

Mediale Kontrolle

Medien werden vielfältig zur Durchsetzung von Macht verwendet. So in der Zensur, wenn eine politische Selektion des Sagbaren und des Unsagbaren stattfindet; in der Propaganda, wenn eine Bevölkerung von den Ansichten oder wenigstens der Macht einer bestimmten Gruppe überzeugt werden soll; oder in der Überwachung, die unerwünschtes Verhalten nicht nur beobachten, sondern unwahrscheinlich machen soll.

Freund- und Feind-Begriffe

Freund-, Gegner- und Feindbegriffe sind Teil der Politischen Kommunikation. Sie bilden die Pole eines breiten Spektrums von kommunikativen Zeichen, mit denen politische Akteure sich selbst und ihre politischen Gegner im Kampf um beschränkte Ressourcen auf dem diskursiven Schlachtfeld positionieren.

Sprachpolitik / Sprachenpolitik

Sprachpolitik bezeichnet allgemein alle politischen Prozesse, die auf eine Beeinflussung der Sprachverwendung in einer Gesellschaft oder Sprachgemeinschaft abzielen. Unterschieden wird häufig zwischen Sprachenpolitik und Sprachpolitik im engeren Sinne.

Sagbarkeit

Im öffentlichen Diskurs findet sich häufig die strategische Behauptung, dass bestimmte Fakten oder Meinungen unsagbar seien. Auf diese Weise wird zum Ausdruck gebracht, dass es Grenzen des Sagbaren gebe, die im öffentlichen Diskurs Geltung hätten.

Techniken

Flugblatt

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Passivierung

Unter Passivierung versteht man die Formulierung eines Satzes in einer grammatischen Form des Passivs. Das Passiv ist gegenüber dem Aktiv durch die Verwendung von Hilfsverben formal komplexer. Seine Verwendung hat unter anderem zur Folge, dass handelnde Personen im Satz nicht genannt werden müssen, was beispielsweise in Gesetzestexten für eine (gewünschte) größtmögliche Abstraktion sorgt („Niemand darf wegen seines Geschlechts […] benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Art. 3 GG).

Aufopferungs-Topos

Als Aufopferungs-Topos wird in der Diskursforschung ein Argumentationsmuster bezeichnet, das zwei strategische Funktionen erfüllen kann: einerseits kann es dazu dienen, mit der Behauptung eines besonderen Ressourceneinsatzes (z.B. Einsatz von Geld, Zeit oder emotionaler Belastung) einen hohen Achtungswert für eine Person, eine Sache bzw. für ein Ziel zu plausibilisieren. Andererseits können Akteure besondere Privilegien (wie z.B. Wertschätzung, Entscheidungsbefugnisse und Mitspracherechte) reklamieren, wenn sie sich für eine bereits in der sozialen Bezugsgruppe hochgeschätzte Sache engagieren.

Opfer-Topos

Als Opfer-Topos bezeichnet man eine diskursive Argumentationsstrategie, bei der sich Akteure als ‚Opfer‘ gesellschaftlicher Urteilsbildung inszenieren und damit eigene Interessen – vor allem Aufmerksamkeit und Berücksichtigung von Bedürfnissen – geltend zu machen versuchen.

Analogie-Topos

Der Analogie-Topos zählt zu den allgemeinen bzw. kontextabstrakten Argumentationsmustern, die genutzt werden können, um für oder gegen eine Position zu argumentieren. Analogie-Topoi werden von verschiedenen Akteuren und Akteursgruppen strategisch eingesetzt, um eine zustimmende Haltung bei den Zielgruppen zu bewirken.

Negativpreis

Ein Negativpreis ist eine Auszeichnung an Personen oder Organisationen (meist Unternehmen), die sich oder ihre Produkte positiv darstellen und vermarkten, ihre Versprechen aus Sicht des Preisverleihers allerdings nicht einhalten. Dabei dient der Preis durch seine Vergabe vor allem dem Zweck, Aufmerksamkeit zu erregen, mediale Präsenz auf ein Thema zu lenken und den Preisträger in seinem moralischen Image zu beschädigen.

Be-/Überlastungs-Topos

Der Be-/Überlastungstopos ist ein Argumentationsmuster, das vorwiegend in der politischen Kommunikation eingesetzt wird. Als zu vermeidende Konsequenz einer konkreten Situation wird mit dem Be-/Überlastungstopos ein Be- bzw. Überlastungs-Szenario skizziert.

Wahlkampf

Wahlkämpfe sind Zeiten stark intensivierter politischer Kommunikation. Politische Parteien entwickeln Programme für die nächste Legislaturperiode in der Hoffnung, durch entsprechenden Stimmengewinn zu deren Umsetzung ermächtigt zu werden.

Wir

Das Pronomen wir erfüllt aber noch eine weitere diskursive Funktion: Ein Fundament des politischen Diskurses sind dynamische politische Ideologien: Glaubens- und Wissenssysteme von politischen und sozialen Gruppen.

Petition

Petitionen sind eine der am meisten genutzten Partizipationsformen nach Wahlen. Sie sind sowohl ein Mittel der politischen Beteiligung als auch ein Protestmittel und damit Zwitterwesen in der politischen Landschaft. Durch die Digitalisierung haben sich Petitionen zudem maßgeblich verändert, ihre Zahl hat zugenommen, ebenso wie die Zahl der Plattformen, auf denen sich Petitionen starten lassen.

Schlagwörter

Toxizität / das Toxische

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Zivilgesellschaft

Im gegenwärtigen deutschen Sprachgebrauch werden so heterogene Organisationen, Bewegungen und Initiativen wie ADAC und Gewerkschaften, Trachtenvereine und Verbraucherschutzorganisationen, Umweltorganisationen und religiöse Gemeinschaften zur Zivilgesellschaft gezählt.

Demokratie

Der Ausdruck Demokratie dient häufig zur Bezeichnung einer (parlamentarischen) Staatsform und suggeriert die mögliche Beteiligung aller an den Öffentlichen Angelegenheiten. Dabei ist seine Bedeutung weniger eindeutig als es den Anschein hat.

Plagiat/Plagiarismus

Plagiarismus ist ein Begriff, der sich im öffentlichen Diskurs gegen Personen oder Produkte richten kann, um diese in zuweilen skandalisierender Absicht einer Praxis unerlaubter intermedialer Bezugnahme zu bezichtigen. Die Illegitimität dieser Praxis wird oft mit vermeintlichen moralischen Verfehlungen in Verbindung gebracht.

Fake News

Fake News wird als Schlagwort im Kampf um Macht und Deutungshoheit in politischen Auseinandersetzungen verwendet, in denen sich die jeweiligen politischen Gegenspieler und ihre Anhänger wechselseitig der Lüge und der Verbreitung von Falschnachrichten zum Zweck der Manipulation der öffentlichen Meinung und der Bevölkerung bezichtigen.

Lügenpresse

Der Ausdruck Lügenpresse ist ein politisch instrumentalisierter „Schlachtruf“ oder „Kampfbegriff“ gegen etablierte und traditionelle Medien. Dabei wird häufig nicht einzelnen Medien-Akteuren, sondern der gesamten Medienbranche vorgeworfen, gezielt die Unwahrheit zu publizieren.

Antisemitismus

Mit Antisemitismus werden gemeinhin alle jene Phänomene bezeichnet, die sich gegen das Judentum oder gegen Jüdinnen*Juden als Jüdinnen*Juden richten. Die entsprechenden Erscheinungen reichen von der bloßen Distanzierung und Behauptung jüdischer Andersartigkeit, über vollständig ausgearbeitete Weltbilder, die Jüdinnen*Juden für sämtliche Probleme verantwortlich machen, bis hin zu massiven Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Gewaltpraktiken.

Grammatiknazi / Grammar Nazi

Das überwiegend negativ konnotierte Schlagwort Grammatiknazi – als Übersetzung von engl. grammar nazi – wird zur Benennung von Personen verwendet, die meist in eher informellen Kontexten der öffentlichen Internetkommunikation (u. a. in Foren, Kommentarbereichen auf Nachrichtenportalen, sozialen Netzwerken) ungefragt Sprachkritik an den Äußerungen anderer (häufig fremder) Kommunikationsteilnehmer*innen üben.

Respekt

Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität.

Geschlechtergerechte Sprache

Mit dem heute als Fahnenwort gebrauchten Ausdruck geschlechtergerechte Sprache ist die Forderung verbunden, bei Personenbezeichnungen die einseitige, für diskriminierend erklärte Bezugnahme auf einen bestimmten Sexus, konkret: auf das männliche Geschlecht, zu unterlassen.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.