DiskursGlossar

Berichterstattungsmuster

Kategorie: Techniken
Verwandte Ausdrücke: Anwaltschaftlicher Journalismus, konstruktiver Journalismus, aktiver Journalismus, activist journalism, Informationsjournalismus, investigativer Journalismus
Siehe auch: Ökonomisierung, Elite, Adbusting, Entlarven, Moralisierung
Autor: Klaus-Dieter Altmeppen
Version: 1.2 / Datum: 27.08.2021

Kurzzusammenfassung

Berichterstattungsmuster, wie anwaltschaftlicher Journalismus, activist journalism und konstruktiver Journalismus, sind komplexe analytische Einheiten. Die Komplexität entsteht aus den unterschiedlichen Ebenen, die zusammengeführt werden in Berichterstattungsmustern. Sie symbolisieren Funktionen des Journalismus (informieren, kritisieren und kontrollieren, unterhalten) ebenso wie Ziele und Praktiken von Redaktionen (Gewinnmaximierung) und sie verweisen auf berufsstrukturelle Aspekte (Rollenselbstverständnis, Wert- und Normvorstellungen). Berichterstattungsmuster sind aufgrund dieser Merkmale tief in die beruflichen Praktiken der Journalist:innen eingewoben, und sie prägen dadurch die Auswahl und die Gestaltung von Themen.

Die Forschung untersucht mit Berichterstattungsmustern die Regeln, Standards und Verfahren der Aussagenproduktion im Journalismus, um mit dieser Art von Ordnung Journalismus über gemeinsame Strukturmerkmale zu identifizieren und um Übereinstimmungen und Unterschiede der verschiedenen Formen von Journalismus erkennen zu können, um also beispielsweise anwaltschaftlichen und aktiven Journalismus zu differenzieren.

Während es für eine ganze Reihe von Berichterstattungsmustern wie Informationsjournalismus, investigativer Journalismus oder auch Bürgerjournalismus umfangreichere Analysen, theoretische Erklärungen und begriffliche Präzisierungen gibt (vgl. Weischenberg 1995; Wyss 2001: 259-284), sind der anwaltschaftliche, der aktive und der konstruktive Journalismus eher randständige Themen.

Erweiterte Begriffsklärung

Als anwaltschaftlicher Journalismus wird ein Berichterstattungsmuster bezeichnet, dem entsprechend Journalist:innen Partei ergreifen bei der Darstellung von Standpunkten, die in den Medien unterrepräsentiert sind. Dabei kann es um die Interessen von Minderheiten gehen, ebenso aber um die von (machtlosen) Mehrheiten (z.B. Frauen, Arbeiter:innen), deren Standpunkte in den Medien unverhältnismäßig wenig Gehör finden. Beim anwaltschaftlichen Journalismus handelt es sich nicht zwangsläufig um Meinungsjournalismus, aber die Position der Neutralität wird aufgegeben (vgl. Altmeppen 2016: 132-137).

Anwaltschaftlicher Journalismus füllt die Lücken in der Berichterstattung auf, die der Informationsjournalismus mit seiner Konzentration auf objektive, aktuelle Nachrichten hinterlässt. Themen des anwaltschaftlichen Journalismus sind die gesellschaftlichen Ereignisse, die durch die dominante Nachrichtenauswahl nicht oder wenig thematisiert werden: z.B. die Arbeitswelt (fernab der Glasbüros), z.B. Umweltprobleme und Bevölkerungsgruppen, die „über eine gegenüber den mächtigen, in der Öffentlichkeit dominierenden Meinungsträgern zu gering entwickelte Fähigkeit der Meinungsartikulation und Selbstdarstellung verfügen und keinen Zugang zu den Medien haben“ (Hömberg/Fabris 1983: 276).

Konstruktiver Journalismus ist ein Begriff für ein Bündel an unterschiedlichen Strategien und Praktiken. Auch ,Constructive News‘, ,kritisch-konstruktiver Journalismus‘ oder ,Solutions Journalism‘ bzw. ,lösungsorientierter Journalismus‘ wird darunter gefasst (vgl. Meier 2018: 4-25). Konstruktiver Journalismus hat das Ziel, nicht nur die klassischen W-Fragen bei der Auswahl und Produktion von Informationen zu beantworten, sondern weitere Fragen bei Recherche und Auswahl von Themen hinzuzufügen. Das zielt insbesondere auf die Frage nach der erwartbaren Entwicklung der Themen (Und jetzt? Wie geht es weiter?) und in Verbindung mit erklärendem Kontext, Zusammenhängen und Lösungs- und Handlungsmöglichkeiten um ein ganzheitliches Bild. Dabei werden die negativen Seiten eines Themas nicht ausgeblendet, aber durch konstruktive Gedanken dazu ergänzt.

Auf der Mikroebene sollen Nutzer:innen positiver denken nach konstruktiven Beiträgen, sie sollen Hoffnungen oder Lösungen bewusst wahrnehmen und nicht nur mit Problemen belastet werden (vgl. Krüger 2016: 173-182). Auf der Mesoebene sollen Medienunternehmen eine bessere Bindung beim Publikum erreichen, Reichweiten erhöhen und Medienmarken positiv positionieren. Auf der Makroebene sollen in der Berichterstattung angebotene Lösungen und Perspektiven für soziale Probleme einen Fortschritt der Gesellschaft bewirken und zu gesellschaftlichem Engagement und Nachahmung ermutigen.

Activist journalism ist ein relativ neues Berichterstattungsmuster, für das es noch kaum eine deutschsprachige Entsprechung gibt. Aktiver Journalismus entspricht in weiten Teilen dem anwaltschaftlichen Journalismus, da er sich für Personen, Gruppen oder Institutionen einsetzt. Sonia Nazario, Pulitzerpreisträgerin, fasst es in ihre eigenen Worte: „Being in the middle of the action, I could put reader there, too“ (Nazario o.J.).

Diese Art von parteiisch sein wird in Deutschland mittlerweile verstärkt in Ratgebersendungen des Fernsehens praktiziert. ,Markt greift ein‘, unter diesem Motto werden Probleme von Verbraucher:innen mit Unternehmen (Telekommunikationsfirmen, Möbelhändlern) aufgespießt und regelmäßig im Sinne der Verbraucher:innen gelöst. Formen des aktiven Journalismus sind zudem mit Selbstpersonalisierung der Journalist:innen in den Beiträgen verbunden: Ich fahre nach Y, um X zu befragen. Ich treffe X, um ihn nach den Gründen für A zu fragen.

Mit dem Anspruch, anwaltlich aufzutreten, richten diese Journalismusformen manche ihrer Relevanzkriterien anders aus als andere Berichterstattungsmuster. Nicht das, was für viele interessant ist oder das, was aktuell von Interesse ist, wird als Thema ausgewählt, sondern das, was Personen oder Gruppen angeht, die üblicherweise nicht im Fokus der Berichterstattung stehen. Die Wege der Recherche, die Darstellungsformen, die Themen werden dem Verständnis der alternativen Journalismusformen angepasst.

Beispiele und Probleme

Anwaltschaftlicher Journalismus stammt wie viele andere Berichterstattungsmuster aus den Vereinigten Staaten. Dort ist er, als ,advocacy journalism‘, in den sechziger Jahren entstanden. Die Konflikte rund um Bürgerrechtsbewegungen und Vietnamkriegsgegner „sensibilisierten die Öffentlichkeit für Probleme, die in den Massenmedien bisher nicht präsent waren“ (Hömberg/Fabris 1983: 276). Als eine Reaktion im Journalismus entstand das anwaltschaftliche Berichterstattungsmuster, das sich auch in Deutschland ausbreitete, wenn auch sehr spärlich. Auch der konstruktive und der aktive Journalismus können diesem Entstehungsgrund zugerechnet werden.

Während die Randstellung des anwaltschaftlichen Journalismus in den letzten Jahrzehnten noch zugenommen hat, verharren konstruktiver und aktiver Journalismus in Nischen. Dies hat weniger damit zu tun, dass deren „demokratietheoretisch zu begrüßende Funktion“ (Wallisch 1995: 65) nicht mehr erforderlich ist, es rührt vielmehr aus dem Wandel des Mediensystems, in dem frühere gesellschaftskritische Funktionen nicht kompatibel mit der Massenfähigkeit angesehen werden. Journalismus wird nicht mehr danach beurteilt, welche Relevanz er für die gesellschaftliche Kommunikation und die Herstellung notwendiger kritischer Öffentlichkeiten hat, sondern danach, ob er massentauglich ist. Dabei rücken vordergründige Kriterien der Auswahl von Nachrichten wie Relevanz und Aktualität ins Zentrum, der Wille von einzelnen Journalist:innen wie von journalistischen Organisationen, anwaltschaftlichen, konstruktiven oder aktiven Journalismus zu betreiben, ist entscheidend dafür, dass diese Berichterstattungsmuster existieren. Der Wille aber ist zunehmend weniger vorhanden.

Für anwaltschaftlichen und aktivistischen Journalismus sind insbesondere solche Themen relevant, die für Gerechtigkeitsproblematiken stehen. Nicht nur die etablierten Eliten, sondern ebenso Minoritäten und randständige Interessen, die nicht durch wohl organisierte Gruppen gefördert werden, müssen Zugangsmöglichkeiten zur Berichterstattung erhalten. Ein zentraler Begriff in diesem Zusammenhang ist der Fairness. Viele von Berichterstattung Betroffene beklagen, nicht fair behandelt zu werden. Je anwaltschaftlicher die Berichterstattung ist, umso schärfer sind die Reaktionen der Betroffenen.

Bedrohlicher für die weitere Existenz alternativer Berichterstattungsmuster sind jedoch die Wandlungen im Gefüge von Gesellschaft, Mediensystem und Publikumssegmenten. Die damit einhergehende Ökonomisierung verdrängt anwaltschaftliche Berichterstattung, begründet wird das mit der Notwendigkeit objektiver Berichterstattung. Dabei gibt es gute Gründe dafür, nicht sklavisch am Ideal eines objektiven Journalismus festzuhalten (vgl. Altmeppen/Arnold/Kössler 2012). Das wird einsichtig schon allein daraus, dass auch Journalist:innen, die ihre soziale Verantwortung ernst nehmen, in ihrer Arbeit aber die Mächtigen kritisieren sowie Skandale, Machtmissbrauch und Korruption aufdecken, schwerlich ausgewogene Berichterstattung leisten können, die alle Parteien fair behandelt. Die, die kritisiert werden, werden immer über unfaire Berichterstattung zetern.

Es lassen sich permanent Beispiele dafür finden, dass journalistische Berichterstattung nicht fair im Sinne von ausgleichend sein kann und auch gar nicht fair sein soll in bestimmten Fällen. Die Missbrauchsfälle in den Kirchen, die Korruption im Sport, die Betrügereien der Großbanken, und die demokratiefeindlichen Pöbeleien von Neo-Nazis sind Ereignisse, deren Narration in den Medien nach Fairnessregeln, ausgewogen und objektiv, nicht korrekt wiedergegeben werden könnten.

Journalist:innen sollen, und bei anwaltschaftlichem, konstruktivem und aktivem Journalismus müssen sie in bestimmten Fällen diejenigen, die die Regeln brechen, ‚unfair‘ behandeln. Für diese Position, dass Journalist:innen gar nicht ausgewogen berichten können, wenn sie als Anwälte auftreten für diejenigen, die selbst unfair oder verbrecherisch behandelt werden, gibt es gute Gründe, denn es ist ihre Aufgabe, aktiv einzugreifen für diejenigen, die keine Lobby haben in den gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen.

Literatur

Zitierte Literatur und Belege

  • Altmeppen, Klaus-Dieter (2016): Anwaltschaftlicher Journalismus. In: Jessica Heesen (Hrsg.): Handbuch Medien- und Informationsethik. Stuttgart: J.B. Metzler, S. 132–137.
  • Altmeppen, Klaus-Dieter; Arnold, Klaus; Kössler, Tanja (2012): Are the Media Capable of Fair Reporting? Remarks on the Principle of Fairness in Professional Journalism. In: Kals, Elisabeth; Maes, Jürgen (Hrsg.): Justice and Conflicts. Theoretical and Empirical Contributions. Berlin/Heidelberg: Springer, S. 329–343.
  • Hömberg, Walter; Fabris, Hans Heinz (1983): Die politische Rolle des Journalisten. In: Decker, Horst (Hrsg.): Einführung in die Kommunikationswissenschaft. München: Saur, S. 259–288.
  • Wallisch, Gianluca (1995): Journalistische Qualität. Definitionen – Modelle – Kritik. Konstanz, UVK-Medien Ölschläger.
  • Krüger, Uwe (2016): Solutions Journalism. In: Deutscher Fachjournalisten-Verband (Hrsg.): Journalistische Genres. Konstanz: UVK, S. 173–182.
  • Nazario, Sonia (o.J.): From Journalist to Activist. Online unter: https://www.pulitzer.org/article/journalist-activist ; Zugriff: 24.08.2021.
  • Meier, Klaus (2018): Wie wirkt Konstruktiver Journalismus? Ein neues Berichterstattungsmuster auf dem Prüfstand. In: Journalistik. Zeitschrift für Journalismusforschung Heft 1, Jg. 1, S. 4–25.
  • Michael, Hendrik (2020): Die Sozialreportage als Genre der Massenpresse: Erzählen im Journalismus und die Vermittlung städtischer Armut in Deutschland und den USA (1880–1910). Bremen: edition lumière.
  • Weischenberg, Siegfried (1995): Journalistik. Theorie und Praxis aktueller Medienkommunikation. Band 2: Medientechnik, Medienfunktionen, Medienakteure. Opladen: Westdt. Verl.
  • Wyss, Vinzenz (2001): Journalismusforschung. In: Jarren, Otfried; Bonfadelli, Heinz (Hrsg.): Einführung in die Publizistikwissenschaft. Bern u.a.: Haupt, S. 259–284.

Zitiervorschlag

Altmeppen, Klaus-Dieter (2021): Berichterstattungsmuster. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 27.08.2021. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/berichterstattungsmuster.

Grundbegriffe

Akteur

Als Akteur oder Diskursakteur werden in der Diskursforschung meist Gruppen oder Grup-penstellvertreter verstanden, die mit kommunikativen Mitteln in der Öffentlichkeit versuchen, ihre Deutungen und Ressourcenansprüche gegen Rivalen durchzusetzen.

Diskursfigur

Diskursfiguren – wie der Held oder der Experte, das Genie, der Gefährder, Gutmensch, Nerd oder Psychopath – sind im medial-politischen Diskurs konstruierte und verbreitete Vorstellungen von Handlungsträgern, die stereotyp mit bestimmten Eigenschaften assoziiert werden. Sie erhalten durch musterhaften Sprachgebrauch, aber auch durch bildhafte Darstellungen eine kommunizierbare, wiedererkennbare Kontur.

Repräsentative Anekdote

Repräsentative Anekdote bezeichnet ein modellhaftes Kurznarrativ, das in Theorien, Weltanschauungen und komplexen Erklärungen selektiv reproduziert wird. So ist z.B. das „survival of the fittest“ (‚die Stärksten überleben‘) die repräsentative Anekdote, die in allen darwinistischen, sozialdarwinistischen und neodarwinistischen Theorien und Deutungsmustern als Modell dient und variabel ausgearbeitet wird.

Begriffsgeschichte

Die Begriffsgeschichte lässt sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten Ausdrücken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext größerer sprachlicher Zusammenhänge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).

Diskurssemantische Verschiebung

Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.

Domäne

Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.

Ideologie

Der Begriff Ideologie weist im Wesentlichen drei unterschiedliche Bedeutungen auf: Erstens kann er ein trügerisches, realitätsfernes oder dogmatisches Denken bezeichnen; so eignet er sich auch als Schlagwort bzw. politischer Kampfbegriff. Zweitens kann er auf eine sozial bedingte Weltanschauung oder ein umfassendes Ideen- und Wertesystem verweisen. Drittens kann mit Ideologie ein politisches Programm gemeint sein, welches Vorstellungen über gesellschaftliche Ordnung sowie Ziele für politisches Handeln beinhaltet.

Positionieren

Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.

Deutungsmuster

Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.

Sinnformel

‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.

Techniken

Korruption

Korruption wird zum einen als Fachbegriff (Recht, Wissenschaft) verwendet und verweist auf ein Gebiet des Strafrechts und damit auf einen Teil des gesellschaftlichen Normensystems, das Delikte in Kontaktzonen von Politik und Ökonomie definiert.

Beschriftete Waffen

Das Betexten von Waffen, speziell Projektilen wie Schleuderbleien, Kanonenkugeln oder Bomben, mit an die Feindgruppe gerichteten Botschaften (Sarkasmus, Beleidigungen, Todeswünsche u. ä.) ist eine Praktik, die sich bis in die römische Antike zurückverfolgen lässt. Sie dient der Identifikation der Eigengruppe (Truppe oder Gefolgsleute) mit dem Ziel, die Moral vor einem Kampfansatz zu heben (emotional-psychologische Bewältigungsstrategie) sowie Gelassenheit und Siegesgewissheit propagandistisch gegenüber der Eigen- und Fremdgruppe zu inszenieren.

Zitieren

Zitieren bezeichnet die Wiedergabe ausgewählter Text(teil)e in unterschiedlichen Kommunikationskontexten wie Alltag, Wissenschaft, Journalismus und Politik. Grundsätzlich kann Zitieren der möglichst wertneutralen Wiedergabe bzw. Verweisung auf fremde Aussagen dienen, aber auch zur strategischen Positionierung eingesetzt werden. Auch in wissenschaftlichen Texten erfüllt das Zitieren neben der formal korrekten Bezugnahme auf fremde Aussagen u.a. argumentationsstützende Funktionen.

AI-Washing/KI-Washing

Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle mit dem Etikett „Künstliche Intelligenz“ (KI bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsächlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark übertrieben, nur marginal vorhanden oder überhaupt nicht gegeben ist.

Dogwhistle

Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.

Demonstrieren

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Boykottaufruf

Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.

Tabuisieren

Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.

Aus dem Zusammenhang reißen

Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie für ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.

Lobbying

Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primär an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein Bündel von kommunikativen Tätigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.

Schlagwörter

Meinungsfreiheit

Meinungsfreiheit ist ein positiv konnotiertes Schlagwort. Das im Schlagwort kondensierte Pro-gramm wird allgemein zustimmend propagiert oder eingefordert, ohne dass immer verdeutlicht wird, welche Ausgestaltung von Meinungsfreiheit zugrunde liegt. Aufgrund dieser allgemeinen Zu-stimmung kann Meinungsfreiheit als Hochwertwort kategorisiert werden: In der öffentlichen Debat-te gibt es keine wahrnehmbaren Stimmen, die sich gegen Meinungsfreiheit (in dieser unbestimm-ten Form) aussprechen.

Diversität / Vielfalt

Diversität/Vielfalt ist ein aus einschlägigen US-Diskursen der (frühen) 1980er und der 1990er Jahre importiertes Schlagwort und ein Topos, der ethnische, sexuelle und körperliche (Behinderung etc.) Verschiedenheit positiv und programmatisch als Ressourcen der Mehrheitsgesellschaft kodiert. Vielfalt als Chance dürfte der hierzulande häufigste Slogan des Diversitäts-Hypes sein. Qua Diversität werden identitätsrelevante Unterschiede zwischen gesellschaftlichen Gruppen von Stigmata für Minderheiten zu Ressourcen für die Allgemeinheit umgedeutet.

Brückentechnologie

Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der Brückentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschätzten anderen Technologie möglich ist.

Deindustrialisierung

Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch Rückgang von produzierendem Gewerbe.

Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, ähnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).

Echokammer

Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.

Relativieren

Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.

Massendemokratie

Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.

Social Bots

Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.

Kriegsmüdigkeit

Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.

Verschiebungen

Dehumanisierung

Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.

Kriminalisierung

Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.

Versicherheitlichung

In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Krise

Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.

Partizipatorischer Diskurs

Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.