
DiskursGlossar
Ideologie
Kategorie: Grundbegriffe
Verwandte Ausdrücke: Weltanschauung, Hegemonie, Idole, Utopie, Dystopie, falsches Bewusstsein
Siehe auch: Wissen, Diskurs, Populismus, Hegemonie, Radikalisierung
Autorin: Isabel Pinkowski
Version: 1.0 / Datum: 04.08.2026
Kurzzusammenfassung
Der Begriff Ideologie weist im Wesentlichen drei unterschiedliche Bedeutungen auf: Erstens kann er ein trügerisches, realitätsfernes oder dogmatisches Denken bezeichnen; so eignet er sich auch als Schlagwort bzw. politischer Kampfbegriff. Zweitens kann er auf eine sozial bedingte Weltanschauung oder ein umfassendes Ideen- und Wertesystem verweisen. Drittens kann mit Ideologie ein politisches Programm gemeint sein, welches Vorstellungen über gesellschaftliche Ordnung sowie Ziele für politisches Handeln beinhaltet. Grundsätzlich bezieht sich der Ideologiebegriff auf das Verhältnis zwischen individuellen oder kollektiven Überzeugungen und der gesellschaftlich-sozialen Realität, einschließlich zugrundeliegender Macht– und Herrschaftsstrukturen.
Erweiterte Begriffsklärung
Etymologisch leitet sich der Begriff Ideologie aus dem Griechischen idéa (ἰδέα) sowie lógos (λόγος) ab und bedeutet wörtlich übersetzt etwa Lehre von den Ideen (vgl. Mannheim 2024: 22) oder Ideenlehre (vgl. Barudio 1994: 159). In Bedeutung und Gebrauch semantisch vage (vgl. Mannheim 2024: 26 f.), handelt es sich um einen „jener nomadisierenden Ausdrücke“ (Haug 1995: 46), der zahlreichen theoretischen Ausdeutungen unterlag und in diversen sozial- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen eine Rolle spielt.
In politischen Diskursen wird der Begriff Ideologie mitunter in entlarvender Absicht eingesetzt (vgl. Hirseland/Schneider 2011: 401). Dies beruht auf zwei möglichen, negativ wertenden Bedeutungen: Einerseits kann mit ihm jede politische Gegenposition pauschal als „grundsätzlich verfehlt und praktisch schädlich“ (Tepe 2012: 34) bezichtigt werden. Andererseits kann der Begriff spezifischer eine idealistische oder doktrinäre Verkennung politischer Realitäten meinen, sofern die bezeichnete Position darauf abzielt, einen bestimmten idealen Gesellschaftszustand zu verwirklichen (vgl. Tepe 2012: 34). Auch im alltäglichen Begriffsverständnis wirkt sich die Annahme einer „individuellen und/oder kollektiven Selbsttäuschung“ (Hirseland/Schneider 2011: 401) bzw. einer „Wirklichkeitsverschleierung aufgrund von Herrschaftsinteressen“ (Hirseland/Schneider 2011: 401) aus. So ist Ideologie im Alltagsverständnis negativ konnotiert (vgl. Hadjar 2004: 33) oder, wie es Terry Eagleton pointiert formuliert: „In diesem Sinne ist Ideologie wie Mundgeruch immer das, was die anderen haben“ (Eagleton 2014: 8).
Ursprünglich geprägt wurde idéologie von dem französischen Philosophen Destutt De Tracy als Bezeichnung für die eigene philosophische Lehre (vgl. Dierse 1978: 30). Frühe gedankliche Vorläufer lassen sich u. a. zur empiristischen Idolenlehre von Francis Bacon zurückverfolgen (vgl. Mannheim 2024: 15). De Tracy etablierte unter Ideologie – analog zum Begriff der Ontologie (vgl. Haug 1995: 42) und im Gegensatz zur Platonischen Ideenlehre die Metaphysik verwerfend (vgl. Mannheim 2024: 23) – eine philosophische Grundlagendisziplin: die sensualistische „Wissenschaft von den Ideen“ (Tepe 2012: 31). In diesen begrifflichen Ursprüngen zum Ende des 18. Jahrhunderts war Ideologie positiv konnotiert (vgl. Barudio 1994: 159).
Die „entscheidende Transformation“ (Dierse 1978: 31) des Ideologiebegriffs erfolgte in der Zeit um die Französische Revolution unter dem Einfluss Napoleons: Diesem missfielen die Bestrebungen der philosophischen Gruppe der idéologues, auf Praxis, Moral und Erziehung einzuwirken. Zugunsten der eigenen Machterweiterung nutzte er den Begriff, um politische Gegner zu tadeln und ihnen eine realitätsferne Ansicht zu unterstellen (vgl. Mannheim 2024: 23). Die ursprüngliche Bedeutung, die auf die Philosophie der idéologues verweist, gerät hiernach weitgehend in Vergessenheit; der Begriff Ideologie erfährt eine Bedeutungsverschiebung.
Im 19. Jahrhundert erhält der Ideologiebegriff prominente Erweiterung durch Karl Marx und Friedrich Engels (vgl. Marx/Engels 2018). Gedanklicher Ausgangspunkt ist für sie das gesellschaftliche Sein des Menschen, welches zentral durch sozial-ökonomische Bedingungen geprägt ist. Aus diesem Sein erwächst demzufolge ein geistiges Bewusstsein, bestehend aus „(zu Ideologien systematisierte[n]) Ideen“ (Hirseland/Schneider 2011: 412), welche jedoch verzerrt und keine bloße Spiegelung der Realität sind. Die so entstehenden „Illusionen des Bewußtseins“ (Marx/Engels 2018: 135) sind in der Struktur der Verhältnisse selbst begründet; sie verkennen tatsächliche Herrschaftsbedingungen und stützen die Interessen der herrschenden Klasse (vgl. Mannheim 2024: 68; Marx/Engels 2018: 37, 125). Das bedeutet: „Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt“ (Marx 1961: 9). Die kritische Analyse des Seins lässt daher – im Sinne des auf Georg Lukács zurückgehenden geflügelten Begriffs – ein „notwendig falsches Bewußtsein“ (Enderwitz o. J.) erkennen, welches die Ideologie bildet. Folglich sind die „Ideologen“ (Marx/Engels 2018: 38) auch in diesem Kontext negativ konnotiert.
Spätere marxistische und ideologiekritische Schriften greifen die von Marx und Engels entwickelten Ansätze auf und differenzieren sie weiter. Die Verankerung von Ideologie in gesellschaftlichen Verhältnissen bleibt dabei ein einflussreicher theoretischer Bezugspunkt bis in die Gegenwart.
Im gegenwärtigen akademisch-empirischen Diskurs gilt Ideologie als wertneutraler Sammelbegriff, der sowohl individuell-kognitive Aspekte als auch gesellschaftliche Dimensionen einbezieht. Eine Ideologie ist demnach eine ausgeprägte Weltanschauung, die sich stets an gesellschaftlichen Ideen- und Wertesystemen orientiert (vgl. Tepe 2012: 15). Gehegte Ideologien beeinflussen sowohl die Wahrnehmung als auch die Interpretation der Wirklichkeit (vgl. Mannheim 2024: 41). Daher rührt die Vergleichbarkeit von Ideologien mit Utopien (auch „positive Ideologien“, van Dijk 2012: 8), obgleich letztere zumeist Veränderungsimpulse setzen sowie zukunftsorientiert sind. Ideologien erfüllen eine Steuerungsfunktion im menschlichen Dasein (vgl. Tepe 2012: 26), sind subjektiv und können in sich widersprüchlich sein (vgl. Schwarz-Friesel 2013: 82). Im akademischen Diskurs herrscht die Annahme vor, dass jede Perspektive und jeder Sprachgebrauch ideologischer Beeinflussung unterliegt (vgl. Hatim/Mason 1997: 120) – auch die derjenigen, die Ideologie zu erforschen versuchen:
Das Ideologische ist nicht nur der Gegenstand, dem man sich als beobachtendes Subjekt bloß äußerlich annähern könnte, sondern stets auch das Subjektive, das man mehr oder weniger auch in sich selber vorfindet. (Roters 1998: 169)
Im Allgemeinen bieten Ideologien Deutungsrahmen, Normvorstellungen und Bewertungskategorien, anhand derer sprachliche Äußerungen oder Diskurse interpretiert und aufgefasst werden. Zugleich werden Ideologien anhand von Sprachpraktiken bzw. Diskursen vervielfältigt und stabilisiert (vgl. van Dijk 2012: 8). Dem Umstand, dass auch die Sprache selbst Werturteilen und Normvorstellungen unterworfen ist, trägt der Begriff der Sprachideologie Rechnung (vgl. Jacob et al. 2025). Sobald Ideologien in sozialen Kontexten geteilt werden, entfalten sie ihre Wirksamkeit (vgl. van Dijk 2001: 12) – und werden durch ihre Repräsentation in Sprache und Diskursen empirisch greifbar. Auch die Diskursanalyse nach Michel Foucault impliziert ideologiekritische Perspektiven (vgl. Busse 2003: 14), obwohl Foucault selbst den Begriff der Ideologie bewusst ablehnte (vgl. Foucault 1978: 34). Funktionell sind Ideologien auch deshalb von Relevanz, da sie das Potenzial haben, Tatbestände zu (de)legitimieren. Auf diese Weise können sie einerseits gesellschaftlichen Wandel anstoßen, andererseits gegenwärtige Zustände stabilisieren (vgl. Hadjar 2004: 34) (siehe auch Hegemonie).
Der Wissenssoziologe Karl Mannheim unterscheidet zwischen dem partikularen und dem totalen Ideologiebegriff. Im partikularen Gebrauch bezieht sich das Ideologische auf konkrete Aspekte und Ideen der gegnerischen Position, welche damit als unzutreffend oder verhüllend markiert werden (vgl. Mannheim 2024: 12). Die Ursachen hierfür können vielfältig sein – aus dem Versuch der Fremd- oder Selbsttäuschung, aus einer Lüge oder einem halbbewussten Instinkt heraus (vgl. Mannheim 2024: 11 f.). Im Gegensatz zur partikularen formt die totale Ideologie (vgl. Mannheim 2024: 41) ein „ganz bestimmtes Gedankensystem, eine bestimmte Art der Erlebnis- und Auslegungsform“ (Mannheim 2025: 13). Die totale Ideologie umfasst einen universellen Geltungsanspruch, der sinngebend in sämtliche Lebensbereiche ausstrahlt. Zum Beispiel bilden sich extremistische Ideologien mitunter deutlich im Sprachgebrauch einer Person und/oder Gruppe ab (vgl. Fritzsche 2024).
Laut Tepe (2012: 52) ist außerdem zwischen einer dogmatischen und undogmatischen Haltung gegenüber Ideologie zu unterscheiden: Während eine dogmatische Haltung dem ‚falschen Bewusstsein‘ des Gegenüber ein eigenes ‚wahres Bewusstsein‘ gegenüberstellt, wie im Falle von totalen und extremistischen Ideologien, bezieht sich die undogmatische Haltung eher auf ein durch individuelle Veranlagungen geprägtes Denken, das nur möglicherweise verzerrt, in jedem Fall jedoch subjektiv ist (vgl. Tepe 2012: 53).
Im Kontext politischer Kommunikation beschränkt sich Ideologie im Gegensatz zur obenstehenden Definition abgrenzbar auf gesellschaftliche und politische Verhältnisse (vgl. Tepe 2012: 25). Sie gilt hier als „Satz von Ideen und Überzeugungen, die sowohl als Leitfaden als auch als Rahmen für das Verhalten von Parteien und Kandidaten dienen“ (Lilleker 2012, Übersetzung aus dem Englischen IP). Damit nimmt sie einerseits innerparteilich eine verbindende und handlungsleitende Funktion ein und dient andererseits dazu, politische Positionen grundsätzlich zu ordnen. Der Sozialismus, Liberalismus oder Konservatismus gelten als unterschiedliche Ideologien, denen jeweils komplexe Werte- und Programmsystematiken zugrunde liegen (vgl. Tepe 2012: 2).
In der Definition von Populismus als „schlanke (thin-centered) Ideologie“ (vgl. Mudde 2004: 544) wird typischerweise entlang einer vertikalen Dimension ‚dem‘ Volk eine Elite gegenüberstellt, wodurch diese zugleich anschlussfähig für andere Ideologien oder ideologische Konzepte ist (vgl. Mudde 2004: 544) (siehe auch Freund-und-Feind Begriffe).
In der Politolinguistik werden Ideologien auch anhand der lexikalischen Ebene untersucht. Das Ideologievokabular (vgl. Girnth 2015) einer politischen Gruppe besteht aus zentralen Begriffen, anhand derer politische Gruppen ihre Sinngebungen, Bewertungen und Prioritäten ausdrücken; anders formuliert anhand jener Ausdrücke, die „einen Parteibestand in plakativer Weise kenntlich“ (Strauß et al. 1989: 36) machen. Hierunter fallen im Besonderen diskursiv verdichtete, positiv oder negativ wertende Begriffe wie die Schlagworte.
Beispiele
(1) Ideologiebegriff als negativ-evaluierender Kampfbegriff
Am 25. März 2026 äußert sich der parlamentarische Geschäftsführer der AfD in der Talk Show Maischberger mit den Worten:
Wir zahlen 35 Milliarden für Klima- und Energierettung auf deutschem Boden, was reine Ideologie ist. (Hersfelder Zeitung 2026)
Dies ist ein Beispiel für die dogmatische Verwendung des Ideologiebegriffs: Als Kampfbegriff suggeriert er, Klimaschutz stelle keine sachliche Notwendigkeit dar, sondern werde unter verzerrten, interessengeleiteten bzw. doktrinären Prämissen durchgesetzt.
(2) Ideologie als Weltanschauung
Sozialismus, Liberalismus und Konservatismus gelten in der politikwissenschaftlichen Forschung als etablierte Ideologien, die jeweils auf umfassenden Werte- und Programmsystematiken beruhen (vgl. Tepe 2012: 2).
Gegenwärtig beschreibt die in Politik und Medien verbreitete Wortneuschöpfung (Neologismus) Trumpismus eine mit Donald Trump verbundene weltanschauliche Ideologie, die überwiegend als diskursiv ausgehandelte und distanzierend verwendete Kategorie erscheint. Anhand von Entwicklung, Vorläufern und spezifischer Struktur wird diese als eine sich aktuell entwickelnde Ideologie analytisch eingeordnet (vgl. z. B. Katzenstein 2019). Hieran lässt sich mutmaßlich verdeutlichen, dass die Begriffsbedeutungen nicht stets abtrennbar sind, sondern mitunter verschwimmen.
(3) Ideologie als parteipolitisches Programm
Auf der Internetseite der Konrad-Adenauer-Stiftung wird in einem Übersichtsartikel der Begriff des Liberalismus definiert. Dort heißt es:
Auch wenn es keine einheitliche Definition und scharfe Abgrenzung gibt, so existieren doch bis heute universelle Werte und Leitbilder, die zeitlose Gültigkeit beanspruchen und den Liberalismus als Ideologie charakterisieren. Aufklärerisch-liberale Ideen sind dabei älter als der politische Begriff, den wir heute kennen. (Soldwisch 2026)
Ideologie verweist hier auf eine lang bestehende Wertetradition, die für die Partei der CDU verbindend und handlungsleitend wirken soll.
Literatur
Zum Weiterlesen
-
Tepe, Peter (2012): Ideologie. In: Grundthemen Philosophie. Berlin/Boston: De Gruyter.
-
Mannheim, Karl [1929] (2024): Ideologie und Utopie. Lichtbau, Klaus (Hrsg.). Wiesbaden: Springer VS.
Zitierte Literatur und Belege
-
Barudio, Günter (1994): Ideologie. In: Politik als Kultur. Ein Lexikon von Abendland bis Zukunft. Stuttgart: J. B. Metzler, S. 93–97.
-
Busse, Dietrich (2003): Begriffsgeschichte oder Diskursgeschichte? Zu theoretischen Grundlagen und Methodenfragen einer historisch-semantischen Epistemologie. In: Dutt, Carsten (Hrsg.): Herausforderungen der Begriffsgeschichte. Heidelberg: Winter Verlag. S. 17–38.
-
Dierse, Ulrich (1978): Napoleons Ideologiebegriff: Texte und Dokumente. In: Archiv Für Begriffsgeschichte. Jg. 22, Heft 1, S. 30–89.
-
Eagleton, Terry (2014): Ideology. London/New York: Routledge.
-
Enderwitz, Ulrich (o. J.): Was ist Ideologie? Artikel in ça ira-Verlag. Online unter: https://www.ca-ira.net/verein/positionen-und-texte/enderwitz-ideologie/; Zugriff: 22.04.2026.
-
Foucault, Michel (1978): Wahrheit und Macht. In: Dispositive der Macht: über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin: Merve, S. 21–54.
-
Fritzsche, Maria (2024): Sprachlich konstruierter Extremismus. Mehrdimensionale Textanalyse von Propagandamagazinen des sogenannten Islamischen Staates. In: Linguistik – Impulse & Tendenzen, Bd. 113. Berlin/Boston: De Gruyter.
-
Girnth, Heiko (2015): Sprache und Sprachverwendung in der Politik: Eine Einführung in die linguistische Analyse öffentlich-politischer Kommunikation. Berlin/ Boston: De Gruyter.
-
Hadjar, Andreas (2004): Ursachen der Fremdenfeindlichkeit. In: Ellenbogenmentalität und Fremdenfeindlichkeit bei Jugendlichen: Die Rolle des Hierarchischen Selbstinteresses. Wiesbaden: Springer VS. S. 105–132.
-
Hatim, Basil; Mason, Ian (2005): The Translator as Communicator. London/New York: Routledge.
-
Haug, Wolfgang Fritz (1995): Theorie des Ideologischen. In: Ideologie nach ihrem ‚Ende‘: Gesellschaftskritik zwischen Marxismus und Postmoderne. Wiesbaden: Springer VS. S. 4263.
-
Hersfelder Zeitung (2026): „Sie sind die Brandstifter“: Ralf Stegner rastet bei „Maischberger“ aus. Artikel in Hersfelder Zeitung. Online unter: https://www.hersfelder-zeitung.de/boulevard/sie-sind-die-brandstifter-ralf-stegner-rastet-bei-maischberger-aus-zr-94235956.html ; Zugriff: 22.04.2026.
-
Hirseland, Andreas; Schneider, Werner (2011): Wahrheit, Ideologie und Diskurse: Zum Verhältnis von Diskursanalyse und Ideologiekritik. In: Keller, Reiner; Hirseland, Andreas; Schneider, Werner; Viehöver, Willy (Hrsg.): Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse: Band I: Theorien und Methoden. Wiesbaden: Springer VS. S. 373–402.
-
Jacob, Katharina; Münch, Vanessa; Scharloth, Joachim (2025): Sprachideologien und Sprachkritk im Deutschen. In: HESO – Handbuch Europäische Sprachkritik Online, Bd. 5. S. 221–232
-
Katzenstein, Peter J. (2019): Das Problem heißt nicht Donald Trump. Die lange Vorgeschichte der amerikanischen Gegenwart. Berlin: Wissenschaftszentrum Berlin (WZB), Heft 164. Online unter: https://wzb.eu/system/files/docs/sv/iuk/Katzenstein_wm164.pdf ; Zugriff: 22.04.2026.
-
Liebert, Wolf-Andreas (2019): Zur Sprache totaler Ideologien: Wie die Linguistik zum Verstehen extremistischen Sprechens und Denkens beitragen kann. Sprachreport, Jg. 35, Heft 1, S. 1–12.
-
Lilleker, D. G. (2012): Key concepts in political communication. London: SAGE.
-
Marx, Karl [1859] (1961): Zur Kritik der politischen Ökonomie. In: Marx-Engels-Werke, Bd. 13. Berlin: Dietz. Online unter: https://marx-wirklich-studieren.net/wp-content/uploads/2012/11/mew_band13.pdf ; Zugriff 22.04.2026.
-
Marx, Karl; Engels, Friedrich [1932] (2018 ): Deutsche Ideologie. Zur Kritik der Philosophie: Manuskripte in chronologischer Anordnung. In: Deutsche Ideologie. Zur Kritik der Philosophie. Berlin/Boston: De Gruyter.
-
Mudde, Cas (2004): The Populist Zeitgeist. Government and Opposition, Jg. 39 Heft 4, S. 541–563.
-
Roters, Karl-Heinz (1998): Reflexionen über Ideologie und Ideologiekritik. Würzburg: Königshausen und Neumann.
-
Soldwisch, Ines (2026): Liberalismus. In: Konrad Adenauer Stiftung: Geschichte der CDU. Online unter: https://www.kas.de/de/web/geschichte-der-cdu/liberalismus ; Zugriff: 22.04.2026.
-
Schwarz-Friesel, Monika (2013): Sprache und Emotion. Stuttgart: UTB.
-
Strauß, Gerhard; Haß, Ulrike; Harras, Gisela (1989): Brisante Wörter von Agitation bis Zeitgeist: Ein Lexikon zum öffentlichen Sprachgebrauch. In: Schriften des Instituts für Deutsche Sprache, Heft 2. Berlin/Boston: de Gruyter.
-
Van Dijk, Teun A. (2012): Ideology and Discourse. A multidisciplinary introduction. Barcelona: Pompeu Fabra University. Online unter: https://discourses.org/wp-content/uploads/2022/06/Teun-A.-van-Dijk-2012-Ideology-And-Discourse.pdf ; Zugriff 02.06.2026.
Zitiervorschlag
Pinkowski, Isabel (2026): Ideologie. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 04.08.2026. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/ideologie.
DiskursGlossar
Grundbegriffe
Akteur
Als Akteur oder Diskursakteur werden in der Diskursforschung meist Gruppen oder Grup-penstellvertreter verstanden, die mit kommunikativen Mitteln in der Öffentlichkeit versuchen, ihre Deutungen und Ressourcenansprüche gegen Rivalen durchzusetzen.
Diskursfigur
Diskursfiguren – wie der Held oder der Experte, das Genie, der Gefährder, Gutmensch, Nerd oder Psychopath – sind im medial-politischen Diskurs konstruierte und verbreitete Vorstellungen von Handlungsträgern, die stereotyp mit bestimmten Eigenschaften assoziiert werden. Sie erhalten durch musterhaften Sprachgebrauch, aber auch durch bildhafte Darstellungen eine kommunizierbare, wiedererkennbare Kontur.
Repräsentative Anekdote
Repräsentative Anekdote bezeichnet ein modellhaftes Kurznarrativ, das in Theorien, Weltanschauungen und komplexen Erklärungen selektiv reproduziert wird. So ist z.B. das „survival of the fittest“ (‚die Stärksten überleben‘) die repräsentative Anekdote, die in allen darwinistischen, sozialdarwinistischen und neodarwinistischen Theorien und Deutungsmustern als Modell dient und variabel ausgearbeitet wird.
Begriffsgeschichte
Die Begriffsgeschichte lässt sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten Ausdrücken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext größerer sprachlicher Zusammenhänge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).
Diskurssemantische Verschiebung
Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.
Domäne
Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.
Positionieren
Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.
Deutungsmuster
Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.
Sinnformel
‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.
Praktik
Eine Praktik ist ein spezifisches, situativ vollzogenes und sinnhaftes Bündel von körperlichen Verhaltensweisen, an dem mehrere Menschen und Dinge beteiligt sein können (z. B. Seufzen, um Frust auszudrücken, oder einen Beschwerdebrief schreiben, Fußballspielen).
Techniken
Korruption
Korruption wird zum einen als Fachbegriff (Recht, Wissenschaft) verwendet und verweist auf ein Gebiet des Strafrechts und damit auf einen Teil des gesellschaftlichen Normensystems, das Delikte in Kontaktzonen von Politik und Ökonomie definiert.
Beschriftete Waffen
Das Betexten von Waffen, speziell Projektilen wie Schleuderbleien, Kanonenkugeln oder Bomben, mit an die Feindgruppe gerichteten Botschaften (Sarkasmus, Beleidigungen, Todeswünsche u. ä.) ist eine Praktik, die sich bis in die römische Antike zurückverfolgen lässt. Sie dient der Identifikation der Eigengruppe (Truppe oder Gefolgsleute) mit dem Ziel, die Moral vor einem Kampfansatz zu heben (emotional-psychologische Bewältigungsstrategie) sowie Gelassenheit und Siegesgewissheit propagandistisch gegenüber der Eigen- und Fremdgruppe zu inszenieren.
Zitieren
Zitieren bezeichnet die Wiedergabe ausgewählter Text(teil)e in unterschiedlichen Kommunikationskontexten wie Alltag, Wissenschaft, Journalismus und Politik. Grundsätzlich kann Zitieren der möglichst wertneutralen Wiedergabe bzw. Verweisung auf fremde Aussagen dienen, aber auch zur strategischen Positionierung eingesetzt werden. Auch in wissenschaftlichen Texten erfüllt das Zitieren neben der formal korrekten Bezugnahme auf fremde Aussagen u.a. argumentationsstützende Funktionen.
AI-Washing/KI-Washing
Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle mit dem Etikett „Künstliche Intelligenz“ (KI bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsächlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark übertrieben, nur marginal vorhanden oder überhaupt nicht gegeben ist.
Dogwhistle
Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.
Demonstrieren
« Zurück zur ArtikelübersichtDemonstrieren Kategorie: TechnikenVerwandte Ausdrücke: Auf die Straße gehen, Straßenprotest, Kundgebung, öffentliche Versammlung, Mahnwache, Menschenkette, Marsch, SitzblockadenSiehe auch: Protest, Politische Aktion, Politische Bildung,...
Boykottaufruf
Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.
Tabuisieren
Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.
Aus dem Zusammenhang reißen
Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie für ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.
Lobbying
Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primär an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein Bündel von kommunikativen Tätigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.
Schlagwörter
Meinungsfreiheit
Meinungsfreiheit ist ein positiv konnotiertes Schlagwort. Das im Schlagwort kondensierte Pro-gramm wird allgemein zustimmend propagiert oder eingefordert, ohne dass immer verdeutlicht wird, welche Ausgestaltung von Meinungsfreiheit zugrunde liegt. Aufgrund dieser allgemeinen Zu-stimmung kann Meinungsfreiheit als Hochwertwort kategorisiert werden: In der öffentlichen Debat-te gibt es keine wahrnehmbaren Stimmen, die sich gegen Meinungsfreiheit (in dieser unbestimm-ten Form) aussprechen.
Diversität / Vielfalt
Diversität/Vielfalt ist ein aus einschlägigen US-Diskursen der (frühen) 1980er und der 1990er Jahre importiertes Schlagwort und ein Topos, der ethnische, sexuelle und körperliche (Behinderung etc.) Verschiedenheit positiv und programmatisch als Ressourcen der Mehrheitsgesellschaft kodiert. Vielfalt als Chance dürfte der hierzulande häufigste Slogan des Diversitäts-Hypes sein. Qua Diversität werden identitätsrelevante Unterschiede zwischen gesellschaftlichen Gruppen von Stigmata für Minderheiten zu Ressourcen für die Allgemeinheit umgedeutet.
Brückentechnologie
Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der Brückentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschätzten anderen Technologie möglich ist.
Deindustrialisierung
Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch Rückgang von produzierendem Gewerbe.
Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, ähnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).
Echokammer
Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.
Relativieren
Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.
Massendemokratie
Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.
Social Bots
Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.
Kriegsmüdigkeit
Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.
Verschiebungen
Dehumanisierung
Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.
Kriminalisierung
Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.
Versicherheitlichung
In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.
Ökonomisierung
Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren
Moralisierung
Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.
Konstellationen
Krise
Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.
Partizipatorischer Diskurs
Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.
Skandal
Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.
DiskursReview
Review-Artikel
Tagung 2027: Politisches Lobbying
Sprache und Lobbyismus- Strategische Kommunikation in Politik und Medien Tagung der Forschungsgruppe Diskursmonitor Tagung: 10. und 11. Juni 2027 | Ort: Universität Siegen [Map]Kontakt: Prof. Dr. Friedemann Vogel, Joline Schmallenbach Call for Papers: 31.10.2026...
Der Totalverweigerer – Anmerkungen zu einer Diskursfigur der Feindbildproduktion im Sicherheits- und Sozialdiskurs
Die Bezeichnung Totalverweigerer wurde ursprünglich in den späten 70er Jahren im Rahmen der Auseinandersetzungen um die Inanspruchnahme des Rechtes auf Kriegsdienstverweigerung nach § 4.3 GG verwendet. Mit diesem Ausdruck wurden junge Männer stigmatisiert, die nicht nur den Wehrdienst, sondern auch den (längeren) zivilen „Ersatzdienst“ (später „Zivildienst“) verweigerten und damit, wie auch nicht-anerkannte Kriegsdienstverweigerer, Haftstrafen riskierten. Wer Zwangsdienste aus Gewissensgründen ablehnte, wurde darüber hinaus wahlweise als politisch unzuverlässig, fehlgeleitet-überspannt, renitent, feige und/oder faul markiert.
Memes als moderne Propaganda – Eine sprach- und medienkritische Untersuchung
Digitale Kommunikationsformen prägen heutige gesellschaftliche Debatten weitaus stärker als die klassischen Medien. Ihr Einfluss auf die politische Meinungsbildung und die Ausbildung ideologischer Positionen ist inzwischen unverkennbar und zählt zu den markantesten Entwicklungen der digitalen Gegenwart. Besonders hervorzuheben sind Memes: Sie verbreiten sich schnell, arbeiten mit humoristischen Mitteln und verdichten komplexe Inhalte auf ein Minimum an Zeichen. In öffentlichen Diskursen werden sie daher nicht mehr als spielerisches Internetphänomen betrachtet, sondern als ernstzunehmendes Instrument politischer Kommunikation und den damit einhergehenden propagandistischen Strategien.
Zeitalter der Polykrisen – Was sagt die Polykrise über die Gegenwart und Zukunft?
Beim Durchscrollen der Tagesschlagzeilen ist einem in den letzten Jahr wahrscheinlich der Ausdruck Polykrise ins Blickfeld geraten. Solche Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien lauten beispielsweise (1) „Klimawandel, Krieg in der Ukraine, Abstiegsängste – die Welt ist aus den Fugen geraten: Drei Bücher zeigen Wege aus der Polykrise“ (Friedl 2026); (2) „Kritische Psychotherapie: Psychotherapie in der Polykrise“ (Dicks 2026); (3) „Optimismus in der Polykrise“ (Kolev 2025); (4) „Was tun gegen die …
„Genderwahn“ als sprachkritische Abwertung: Eine kritische Betrachtung
„Die Debatte über Gendern und Nicht-Gendern kann ich schon nicht mehr hören. Soll es doch jeder machen, wie er es selbst will.“ Dieses Zitat äußert der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz im Rahmen der Feier zugunsten des Grundgesetzes, welches im Jahre 2024 den 75. Geburtstag feierte (vgl. Steinkohl et al. 2024). Deutlich wird hierbei, dass die Thematik rund um das Gendern in der Politik aufgefasst wird. Allerdings wird gleichzeitig deutlich, dass die Debatte in der Öffentlichkeit stark kritisiert …
Klimaterroristen: Wie Sprache politische Fronten schafft
Der öffentliche Diskurs über Klimaaktivismus ist in den vergangenen Jahren zunehmend polarisiert. Vor diesem Hintergrund hat sich der Ausdruck Klimaterrorist zu einem politisch und gesellschaftlich stark aufgeladenen Schlagwort entwickelt, das im Jahr 2022 als „Unwort des Jahres“ gewählt wurde (vgl. 2020ff. – Unwort des Jahres). Seine Verwendung verweist auf Konflikte über Legitimität, Moral und Rechtmäßigkeit verschiedener Formen des Protests. Gleichzeitig fungiert der Begriff als sprachliches …
Negativ konnotierte Fremdzuschreibung durch diskriminierende Begriffe – Ein sprachkritischer Beitrag zur Bezeichnung „Kanake“ und dem Zukunftswort „Talahon“
„Gerade diese scheinbar ›milden‹ Formen des Rassismus, die über die Sprache transportiert werden, sind schwer zu bekämpfen, da vielen Menschen nicht klar zu sein scheint, welche Macht Sprache besitzt.“ (Kunz, 2021, S. 58).
Der Begriff „Kanake“ (teilweise auch „Kanacke“) bedeutet in seiner ursprünglichen Bedeutung Mensch und bezeichnete Bewohner*innen der Inselgruppe Neukaledoniens im südlichen Pazifik (vgl. Trost, 2002). Dem Gebrauch lag dabei die Charakterisierung einer spezifischen Gesellschaft …
Wenn aus Vielen Einer wird – Warum pauschale Nationsbezeichnungen sprachlich gefährlich sind
„In dieser Situation sind die Deutschen sehr unzufrieden mit der Arbeit der Politik.“ (Kinkartz, 2025), schreibt die Deutsche Welle im November 2025. Gemeint ist dabei keine einzelne Person oder klar definierte Gruppe, sondern eine ganze Nation, welche mit einem einzigen Artikel zu einem scheinbar einheitlichen Kollektiv zusammengefasst wurde. Solche Formulierungen sind kein Einzelfall. Ähnliche Beispiele, wie „Die Russen greifen an vielen Stellen an“ (Die Welt am Morgen, 2024), „Die Ukrainer …
Das Crazy, wenn Worte Brücken zwischen Generationen sprengen! – Eine sprachkritische Betrachtung von Jugendsprache: Mediale Darstellung, Generationenkonflikt und Pädagogische Einschätzung
Das Jugendwort des Jahres 2025 lautet „das Crazy“. Es meint: „Es gibt keine wirklich passende Antwort. Oder keine wirklich höfliche. Oder eine zu ausführliche, auf die der Antwortende aber gerade keine Lust hat. Oder einfach nur okay“ (Tagesschau, 2025). Torsten Sträter, Kabarettist und Vertreter der Generation X, hört es und stockt: „…das sind zwei Worte… [außerdem] fehlt eins… Vielleicht bin ich ein zu verknöcherter alter Mann geworden, dass ich mich über so eine Kacke… Wer es sagt – Ohrfeige“ …
„Stadtbild“ als politisches Schlagwort – Ein sprach- und medienkritischer Beitrag zur migrationspolitischen Äußerung von Friedrich Merz
Im Rahmen einer Pressekonferenz äußerte sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am 14. Oktober 2025 bei einem Besuch in Brandenburg zur Migrationspolitik. Er verwies dabei auf sinkende Migrationszahlen sowie auf bereits geplante und umgesetzte Maßnahmen, insbesondere Rückführungen. Merz verwendete dabei den Ausdruck „Stadtbild“, der im gegebenen Kontext negativ konnotiert wurde und sich daraufhin innerhalb kurzer Zeit zu einem politischen Schlagwort entwickelte.
Ausgangspunkt war eine journalistische …