DiskursGlossar

Repräsentative Anekdote

Kategorie: Grundbegriffe
Verwandte Ausdrücke: Representative Anecdote
Siehe auch: Narrativ, Deutungsmuster, Kollektivsymbol, Framing, Topos, Ideologie
Autor: Clemens Knobloch
Version: 1.0 / Datum: 31.08.2026

Kurzzusammenfassung

Der durch den US-amerikanischen Sprach- und Kommunikationswissenschaftler Kenneth Burke geprägte Ausdruck Repräsentative Anekdote bezeichnet ein modellhaftes Kurznarrativ, das in Theorien, Weltanschauungen und komplexen Erklärungen selektiv reproduziert wird. So ist z. B. das „survival of the fittest“ (‚die Stärksten überleben‘) die repräsentative Anekdote, die in allen darwinistischen, sozialdarwinistischen und neodarwinistischen Theorien und Deutungsmustern als Modell dient und variabel ausgearbeitet wird. Typisch für solche repräsentativen Anekdoten ist, dass sie begrenzte Variationsmöglichkeiten bieten. So kann, um im Beispiel zu bleiben, die Rolle der ‚überlebenden Tüchtigsten‘ von Individuen, Populationen, Arten, Völkern oder auch von Genen besetzt werden, nicht aber von Gegenständen. Burkes These ist, dass Theorien, Weltanschauungen, Diskurse in der Regel um solche Anekdoten herum gebaut werden bzw. auf sie reduziert werden können. Das begriffliche Repertoire einer Theorie oder Weltanschauung muss jeweils so konstruiert sein, dass es mit der repräsentativen Anekdote kompatibel bleibt. Anderenfalls drohen Brüche und Inkohärenzen. Die repräsentative Anekdote soll implizit enthalten, was in der um sie herum gebauten Theorie explizit ausgeführt wird.

Repräsentative Anekdoten haben Ähnlichkeit mit Redewendungen oder geflügelten Worten, haben im Unterschied zu diesen aber eine ideologische Funktion.

Erweiterte Begriffsklärung

Im deutschen Sprachraum hat sich Kenneth Burkes Begriff nicht durchgesetzt. In den Diskurs- und Kommunikationswissenschaften der USA ist er dagegen sehr gebräuchlich. Zum theoretischen Hintergrund des Begriffs gehört, dass Burke sein eigenes Werk als systematische Suche nach einer angemessenen repräsentativen Anekdote für das Verständnis menschlicher Handlungen und sozialer Beziehungen versteht. Behavioristische Anekdoten wie die vom „bedingten Reflex“ taugen laut Burke nicht als Modell für die menschliche Handlungswelt, in der es sprachlich und symbolisch zugeht. Burkes eigene Anekdote ist das „Drama“. Er bezeichnet seine Theorie als „Dramatism“ (Dramaturgie) und postuliert fünf begriffliche Instanzen, mit deren Ressourcen die Theorie ausgearbeitet wird (sog. „Pentade“): „scene“, „agent“, „act“, „purpose“ und „agency“ (Burke 1969). Solche Begriffssysteme, mittels derer repräsentative Anekdoten ausgearbeitet werden, bezeichnet Burke auch als „terministic screens“. In seinem theoretischen Hauptwerk (Burke 1969 [1945]) sichtet Burke zahlreiche Modellgedanken der Philosophie und der Humanwissenschaften unter dem Gesichtspunkt: In welcher begrifflichen Instanz der dramaturgischen Pentade sind sie verankert und beheimatet? Materialistische Modellgedanken sind für Burke in der Instanz „scene“ verankert (Situation, Verhältnisse etc.). Idealistische Modellgedanken dagegen in der Instanz „agent“, pragmatische Modellgedanken in den Instanzen „purpose“ und „agency“ (Ziel und Mittel), und Handlungstheorien in der Instanz „act“.

In der US-Literatur reicht die Anwendung des Modellgedankens der repräsentativen Anekdote über Theorien, Diskurse und Weltanschauungen hinaus: Auch z. B. (psychologische, biologische etc.) Fallstudien und experimentelle Settings können als Anekdoten für die Gebiete betrachtet werden, die sie zu erhellen suchen.

Weiterhin argumentiert Burke auch, dass ein Gutteil unserer Beobachtungen nicht so sehr von den „wirklichen“ Gegebenheiten der beobachteten Außenwelt abhängen als vielmehr von den Implikationen der „terministic screens“ und repäsentativen Anekdoten, die unsere Aufmerksamkeit ausrichten und steuern (Burke 1966: 46 ff.):

Not only does the nature of our terms affect the nature of our observations, in the sense that the terms direct the attention to one field rather than to another. Also, many of the „observations“ are but implications of the particular terminology in terms of which the obervations are made. In brief, much that we take as observations about „reality“ may be but the spinning out of possibilities implicit in our particular choice of terms.

 

(Die Art unserer Begriffe beeinflusst nicht nur die Art unserer Beobachtungen in dem Sinne, dass die Begriffe die Aufmerksamkeit eher auf einen Bereich als auf einen anderen lenken. Viele der „Beobachtungen“ sind auch nur Implikationen der jeweiligen Terminologie, in der die Beobachtungen gemacht werden. Kurz gesagt, vieles, was wir als Beobachtungen über die „Realität“ betrachten, ist möglicherweise nur eine Auslegung der Möglichkeiten, die in unserer jeweiligen Wahl der Begriffe impliziert sind.) (Burke 1966: 46; eigene Übersetzung)

Burke illustriert diese These am Beispiel von John Bowlbys Theorie der kindlichen Entwicklung, deren repräsentative Anekdote die „Bindung“ (zwischen Kind und Bezugsperson) ist: Kann man Bowlbys „Bindungen“ zwischen Mutter und Kind „sehen“? Nein, aber man kann Beobachtungen definieren, in denen sich Bindungen „manifestieren“: weinen, lächeln, saugen, klammern, folgen etc. (Burke 1966: 48).

So gesehen bildet die repräsentative Anekdote (zusammen mit der jeweiligen „terministic screen“ und ihren jeweiligen Haupt- und Leitbegriffen, sog. „god terms“ bei Burke) tatsächlich einen Grundbegriff der kritischen Diskursanalyse in den USA.

Beispiele

(1) Klassenkampf als repräsentative Anekdote des Marx´schen Historischen Materialismus: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen“ (Marx/Engels 1848: 32), so lautet der Eröffnungssatz im ersten Teil des Kommunistischen Manifests von 1848. Diese Anekdote identifiziert die wesentlichen Akteure des geschichtlichen Prozesses als „Klassen“, die mit- und gegeneinander kämpfen, und verbindet den Geschichtsprozess mit den Verhältnissen, in denen sich die materielle Reproduktion der Gesellschaft vollzieht.

(2) Der „Krieg aller gegen alle“ als Naturzustand, der nur durch einen starken Staat gezähmt, reguliert und unter Kontrolle gebracht werden kann. Das ist die repräsentative Anekdote in der Staatslehre von Thomas Hobbes, die vielfach aufgegriffen und reproduziert wurde. 

(3) Verschiedene historische Versionen gibt es von der repräsentativen Anekdote des Liberalismus. Die früheste ist die Bienenfabel von Bernard Mandeville aus dem frühen 18. Jahrhundert. In dieser (als Gedicht geschriebenen) Geschichte ist die Rede von einem einst wohlhabenden und glücklichen Bienenstock, der dadurch verarmt und zerfällt, dass er alle Laster wie Egoismus, Konkurrenz, Selbstsucht etc. abschafft. Die Pointe (gelegentlich auch als „semantischer Coup des Liberalismus“ bezeichnet) beinhaltet Mandevilles Untertitel: Private vices, public benefits – die Laster und Untugenden des Einzelnen befördern das Gemeinwohl. Spätere Varianten dieser Anekdote stammen u. a. von Adam Smith, dem Begründer der modernen politischen Ökonomie, für den die ‚unsichtbare Hand des Marktes‘ das größte Glück der größten Zahl garantiert, wenn jeder seine egoistischen Interessen verfolgt. Eine saloppe Variante aus jüngerer Zeit lautet: „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht“.

(4) Ein Beispiel für eine alarmistische repräsentative Anekdote ist das Malthus´sche Bevölkerungsgesetz (aus dem späten 18. Jahrhundert), wonach allenthalben die Bevölkerungszahlen geometrisch-exponentiell steigen, die Ressourcen zur Versorgung der Bevölkerung aber nur linear wachsen können. Darum drohen allenthalben Versorgungsengpässe, die zu Hunger, Krieg und Katastrophen führen. Die Politik ist darum zu Gegenmaßnahmen aufgerufen. Neomalthusianische Erzählungen findet man bis in die Gegenwart vor allem in ökologischen Milieus, es gibt aber sogar Deutungen, welche die langjährige chinesische Ein-Kind-Politik auf malthusianische Modellgedanken zurückführen (dazu verschiedene Beiträge in Deus et al. 2015).

(5) Verifizierbarkeit/Falsifizierbarkeit als repräsentative Anekdoten der logisch-positivistischen Wissenschaftstheorie: Sätze, die nicht (experimentell etc.) verifizierbar bzw. falsifizierbar sind, gelten nicht als „Wissenschaft“, sondern als Unsinn, und werden somit aus dem wissenschaftlichen Diskurs ausgeschlossen. Sie sind und bleiben aber reale und wirkmächtige Bestandteile der gesellschaftlichen Diskurse, auch und nicht zuletzt der „wissenschaftlichen“ – so Burke.

Literatur

Zitierte Literatur

  • Burke, Kenneth (1966): Language as Symbolic Action. Berkeley: University of California Press.

  • Burke, Kenneth ([1945] 1969): A Grammar of Motives. Berkeley: University of California Press.

  • Deus, Fabian et al. (Hrsg.) (2015): Die Kultur des Neoevolutionismus. Zur diskursiven Renaturalisierung von Mensch und Gesellschaft. Bielefeld: transcript.

  • Marx, Karl; Engels, Friedrich (1848): Manifest der Kommunistischen Partei. London: Bildungs-Gesellschaft für Arbeiter.

    Zitiervorschlag

    Knobloch, Clemens (2026): Repräsentative Anekdote. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 31.08.2026. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/repraesentative-anekdote/.

    DiskursGlossar

    Grundbegriffe

    Akteur

    Als Akteur oder Diskursakteur werden in der Diskursforschung meist Gruppen oder Grup-penstellvertreter verstanden, die mit kommunikativen Mitteln in der Öffentlichkeit versuchen, ihre Deutungen und Ressourcenansprüche gegen Rivalen durchzusetzen.

    Diskursfigur

    Diskursfiguren – wie der Held oder der Experte, das Genie, der Gefährder, Gutmensch, Nerd oder Psychopath – sind im medial-politischen Diskurs konstruierte und verbreitete Vorstellungen von Handlungsträgern, die stereotyp mit bestimmten Eigenschaften assoziiert werden. Sie erhalten durch musterhaften Sprachgebrauch, aber auch durch bildhafte Darstellungen eine kommunizierbare, wiedererkennbare Kontur.

    Begriffsgeschichte

    Die Begriffsgeschichte lässt sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten Ausdrücken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext größerer sprachlicher Zusammenhänge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).

    Diskurssemantische Verschiebung

    Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.

    Domäne

    Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.

    Ideologie

    Der Begriff Ideologie weist im Wesentlichen drei unterschiedliche Bedeutungen auf: Erstens kann er ein trügerisches, realitätsfernes oder dogmatisches Denken bezeichnen; so eignet er sich auch als Schlagwort bzw. politischer Kampfbegriff. Zweitens kann er auf eine sozial bedingte Weltanschauung oder ein umfassendes Ideen- und Wertesystem verweisen. Drittens kann mit Ideologie ein politisches Programm gemeint sein, welches Vorstellungen über gesellschaftliche Ordnung sowie Ziele für politisches Handeln beinhaltet.

    Positionieren

    Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.

    Deutungsmuster

    Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.

    Sinnformel

    ‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.

    Praktik

    Eine Praktik ist ein spezifisches, situativ vollzogenes und sinnhaftes Bündel von körperlichen Verhaltensweisen, an dem mehrere Menschen und Dinge beteiligt sein können (z. B. Seufzen, um Frust auszudrücken, oder einen Beschwerdebrief schreiben, Fußballspielen).

    Techniken

    Whataboutism

    Whataboutism (auch Whataboutismus) bezeichnet zum einen eine rhetorische Praktik, zum anderen wird der Ausdruck als Schlagwort verwendet.
    Als Praktik zielt Whataboutism darauf ab, von Kritik oder von einem unerwünschten Thema abzulenken – typischerweise durch einen Gegenverweis auf einen anderen Sachverhalt, einen anderen Akteur oder einen anderen Kontext. Dabei ist die Grenze zu legitimen Vergleichen und Rückfragen fließend und regelmäßig Gegenstand diskursiver Aushandlung.

    Korruption

    Korruption wird zum einen als Fachbegriff (Recht, Wissenschaft) verwendet und verweist auf ein Gebiet des Strafrechts und damit auf einen Teil des gesellschaftlichen Normensystems, das Delikte in Kontaktzonen von Politik und Ökonomie definiert.

    Beschriftete Waffen

    Das Betexten von Waffen, speziell Projektilen wie Schleuderbleien, Kanonenkugeln oder Bomben, mit an die Feindgruppe gerichteten Botschaften (Sarkasmus, Beleidigungen, Todeswünsche u. ä.) ist eine Praktik, die sich bis in die römische Antike zurückverfolgen lässt. Sie dient der Identifikation der Eigengruppe (Truppe oder Gefolgsleute) mit dem Ziel, die Moral vor einem Kampfansatz zu heben (emotional-psychologische Bewältigungsstrategie) sowie Gelassenheit und Siegesgewissheit propagandistisch gegenüber der Eigen- und Fremdgruppe zu inszenieren.

    Zitieren

    Zitieren bezeichnet die Wiedergabe ausgewählter Text(teil)e in unterschiedlichen Kommunikationskontexten wie Alltag, Wissenschaft, Journalismus und Politik. Grundsätzlich kann Zitieren der möglichst wertneutralen Wiedergabe bzw. Verweisung auf fremde Aussagen dienen, aber auch zur strategischen Positionierung eingesetzt werden. Auch in wissenschaftlichen Texten erfüllt das Zitieren neben der formal korrekten Bezugnahme auf fremde Aussagen u.a. argumentationsstützende Funktionen.

    AI-Washing/KI-Washing

    Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle mit dem Etikett „Künstliche Intelligenz“ (KI bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsächlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark übertrieben, nur marginal vorhanden oder überhaupt nicht gegeben ist.

    Dogwhistle

    Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.

    Demonstrieren

    « Zurück zur ArtikelübersichtDemonstrieren Kategorie: TechnikenVerwandte Ausdrücke: Auf die Straße gehen, Straßenprotest, Kundgebung, öffentliche Versammlung, Mahnwache, Menschenkette, Marsch, SitzblockadenSiehe auch: Protest, Politische Aktion, Politische Bildung,...

    Boykottaufruf

    Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.

    Tabuisieren

    Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.

    Aus dem Zusammenhang reißen

    Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie für ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.

    Schlagwörter

    Meinungsfreiheit

    Meinungsfreiheit ist ein positiv konnotiertes Schlagwort. Das im Schlagwort kondensierte Pro-gramm wird allgemein zustimmend propagiert oder eingefordert, ohne dass immer verdeutlicht wird, welche Ausgestaltung von Meinungsfreiheit zugrunde liegt. Aufgrund dieser allgemeinen Zu-stimmung kann Meinungsfreiheit als Hochwertwort kategorisiert werden: In der öffentlichen Debat-te gibt es keine wahrnehmbaren Stimmen, die sich gegen Meinungsfreiheit (in dieser unbestimm-ten Form) aussprechen.

    Diversität / Vielfalt

    Diversität/Vielfalt ist ein aus einschlägigen US-Diskursen der (frühen) 1980er und der 1990er Jahre importiertes Schlagwort und ein Topos, der ethnische, sexuelle und körperliche (Behinderung etc.) Verschiedenheit positiv und programmatisch als Ressourcen der Mehrheitsgesellschaft kodiert. Vielfalt als Chance dürfte der hierzulande häufigste Slogan des Diversitäts-Hypes sein. Qua Diversität werden identitätsrelevante Unterschiede zwischen gesellschaftlichen Gruppen von Stigmata für Minderheiten zu Ressourcen für die Allgemeinheit umgedeutet.

    Brückentechnologie

    Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der Brückentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschätzten anderen Technologie möglich ist.

    Deindustrialisierung

    Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch Rückgang von produzierendem Gewerbe.

    Nachhaltigkeit

    Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, ähnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).

    Echokammer

    Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.

    Relativieren

    Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.

    Massendemokratie

    Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.

    Social Bots

    Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.

    Kriegsmüdigkeit

    Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.

    Verschiebungen

    Dehumanisierung

    Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.

    Kriminalisierung

    Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.

    Versicherheitlichung

    In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.

    Ökonomisierung

    Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

    Moralisierung

    Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

    Konstellationen

    Krise

    Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.

    Partizipatorischer Diskurs

    Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.

    Skandal

    Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

    DiskursReview

    Review-Artikel

    Tagung 2027: Politisches Lobbying

    Sprache und Lobbyismus- Strategische Kommunikation in Politik und Medien Tagung der Forschungsgruppe Diskursmonitor Tagung: 10. und 11. Juni 2027  |  Ort: Universität Siegen [Map]Kontakt: Prof. Dr. Friedemann Vogel, Joline Schmallenbach Call for Papers: 31.10.2026...

    Der Totalverweigerer – Anmerkungen zu einer Diskursfigur der Feindbildproduktion im Sicherheits- und Sozialdiskurs

    Die Bezeichnung Totalverweigerer wurde ursprünglich in den späten 70er Jahren im Rahmen der Auseinandersetzungen um die Inanspruchnahme des Rechtes auf Kriegsdienstverweigerung nach § 4.3 GG verwendet. Mit diesem Ausdruck wurden junge Männer stigmatisiert, die nicht nur den Wehrdienst, sondern auch den (längeren) zivilen „Ersatzdienst“ (später „Zivildienst“) verweigerten und damit, wie auch nicht-anerkannte Kriegsdienstverweigerer, Haftstrafen riskierten. Wer Zwangsdienste aus Gewissensgründen ablehnte, wurde darüber hinaus wahlweise als politisch unzuverlässig, fehlgeleitet-überspannt, renitent, feige und/oder faul markiert.

    Memes als moderne Propaganda – Eine sprach- und medienkritische Untersuchung

    Digitale Kommunikationsformen prägen heutige gesellschaftliche Debatten weitaus stärker als die klassischen Medien. Ihr Einfluss auf die politische Meinungsbildung und die Ausbildung ideologischer Positionen ist inzwischen unverkennbar und zählt zu den markantesten Entwicklungen der digitalen Gegenwart. Besonders hervorzuheben sind Memes: Sie verbreiten sich schnell, arbeiten mit humoristischen Mitteln und verdichten komplexe Inhalte auf ein Minimum an Zeichen. In öffentlichen Diskursen werden sie daher nicht mehr als spielerisches Internetphänomen betrachtet, sondern als ernstzunehmendes Instrument politischer Kommunikation und den damit einhergehenden propagandistischen Strategien.

    Zeitalter der Polykrisen – Was sagt die Polykrise über die Gegenwart und Zukunft?

    Beim Durchscrollen der Tagesschlagzeilen ist einem in den letzten Jahr wahrscheinlich der Ausdruck Polykrise ins Blickfeld geraten. Solche Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien lauten beispielsweise (1) „Klimawandel, Krieg in der Ukraine, Abstiegsängste – die Welt ist aus den Fugen geraten: Drei Bücher zeigen Wege aus der Polykrise“ (Friedl 2026); (2) „Kritische Psychotherapie: Psychotherapie in der Polykrise“ (Dicks 2026); (3) „Optimismus in der Polykrise“ (Kolev 2025); (4) „Was tun gegen die …

    „Genderwahn“ als sprachkritische Abwertung: Eine kritische Betrachtung

    „Die Debatte über Gendern und Nicht-Gendern kann ich schon nicht mehr hören. Soll es doch jeder machen, wie er es selbst will.“ Dieses Zitat äußert der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz im Rahmen der Feier zugunsten des Grundgesetzes, welches im Jahre 2024 den 75. Geburtstag feierte (vgl. Steinkohl et al. 2024). Deutlich wird hierbei, dass die Thematik rund um das Gendern in der Politik aufgefasst wird. Allerdings wird gleichzeitig deutlich, dass die Debatte in der Öffentlichkeit stark kritisiert …

    Klimaterroristen: Wie Sprache politische Fronten schafft

    Der öffentliche Diskurs über Klimaaktivismus ist in den vergangenen Jahren zunehmend polarisiert. Vor diesem Hintergrund hat sich der Ausdruck Klimaterrorist zu einem politisch und gesellschaftlich stark aufgeladenen Schlagwort entwickelt, das im Jahr 2022 als „Unwort des Jahres“ gewählt wurde (vgl. 2020ff. – Unwort des Jahres). Seine Verwendung verweist auf Konflikte über Legitimität, Moral und Rechtmäßigkeit verschiedener Formen des Protests. Gleichzeitig fungiert der Begriff als sprachliches …

    Negativ konnotierte Fremdzuschreibung durch diskriminierende Begriffe – Ein sprachkritischer Beitrag zur Bezeichnung „Kanake“ und dem Zukunftswort „Talahon“

    „Gerade diese scheinbar ›milden‹ Formen des Rassismus, die über die Sprache transportiert werden, sind schwer zu bekämpfen, da vielen Menschen nicht klar zu sein scheint, welche Macht Sprache besitzt.“ (Kunz, 2021, S. 58).

    Der Begriff „Kanake“ (teilweise auch „Kanacke“) bedeutet in seiner ursprünglichen Bedeutung Mensch und bezeichnete Bewohner*innen der Inselgruppe Neukaledoniens im südlichen Pazifik (vgl. Trost, 2002). Dem Gebrauch lag dabei die Charakterisierung einer spezifischen Gesellschaft …