DiskursGlossar

Entlarven

Kategorie: Techniken
Verwandte Ausdrücke:
aufdecken, Debunking, desillusionieren
Siehe auch: Moralisierung, Verschwörungstheorie
Autor: Clemens Knobloch
Version: 1.1 / 15.01.2021

Kurzzusammenfassung

Entlarven ist als kritische Alltagstechnik zentral und allgegenwärtig, und aus diesem Grund so gut wie unsichtbar und wenig reflektiert. Entlarven besteht darin, das erklärte hohe Motiv einer Handlung durch Zuschreibung eines niedrigeren Motivs zu ersetzen. Damit einher geht ein Wahrheitsanspruch: Das entlarvte Motiv wird als wahrheitswidrig, das niedere als tatsächlich zutreffend proklamiert. Wenn A sagt, er möchte als Politiker ‚Verantwortung übernehmen‘, und B daraufhin sagt, A strebe tatsächlich nach Macht und wolle seine Interessen durchsetzen, dann entlarvt B. Wenn A sagt, Europa sei eine ‚Wertegemeinschaft‘, und B antwortet, Europa sei ein Raum verdichteter und enthemmter wirtschaftlicher Standortkonkurrenz, dann entlarvt B. Wenn A sagt, man müsse ‚den Flüchtlingen helfen‘, und B sagt, in der Migrationspolitik gehe es nur um die Durchsetzung wild globalisierter Arbeitsmärkte, dann entlarvt B. Wer ein selbst erklärtes oder zugeschriebenes hohes Motiv durch ein niedrigeres ersetzt, der bedient sich der Technik des Entlarvens.

Die alltagssprachliche Konnotation von Entlarven ist mehrfach gespalten. Nach der Seite des Objektarguments ist sie insofern höchst pejorativ (das Objekt herabsetzend), als es im öffentlichen Sprachgebrauch gewöhnlich Betrüger, Kriminelle, Hochstapler etc. sind, die entlarvt werden. Anders gesagt: Wer entlarvt werden muss, ist schon per se als Abweichler und Normverletzter identifiziert und diskreditiert. Nach der Seite des Subjekt-Arguments konnotiert Entlarven aber Verbindung zur aufgedeckten Wahrheit, also positiv. Alle fachlich neutralisierten Verwendungen des Ausdrucks schleppen diese Konnotationen mit, ob sie wollen oder nicht. Auch insofern ist Entlarven ein typisches Beispiel für die innere semantische Widersprüchlichkeit kritischer Begriffe.

Erweiterte Begriffsklärung

Da wir auch im kommunikativen Alltag beständig Motivzuschreibungen prozessieren, ist uns das Entlarven sehr vertraut. Die Vorwurfsformel „Du willst doch nur…“ ersetzt in der Regel ein vom Akteur erklärtes Handlungsmotiv durch die Zuschreibung eines anderen, weniger ‚wertvollen‘ Handlungsmotivs. Hinter allen erklärten ‚hohen‘ Motivationen verborgene Nutzen- und Interessenkalküle des Sprechers auszumachen, ist ein uralter sprachtheoretischer und rhetorischer Topos. Es ist gewissermaßen der Alltagsmodus der Sprachkritik, systematisch als sprachkritische Theorie ausgearbeitet u. a. bei Jeremy Bentham (1748-1832), dem Begründer des Utilitarismus.

So gesehen ist das Entlarven das einfache Gegenstück des Moralisierens: Eine Handlung zu moralisieren, verschiebt die ihr zugeschriebenen (eigenen oder fremden) Motive ‚nach oben‘, während das Entlarven die zugeschriebenen Motive ‚nach unten‘ in der Wertehierarchie verschiebt. Beide Techniken müssen stets im Zusammenhang gesehen werden, sie bedingen einander. Im Alltag haben Akteure die naheliegende Tendenz, ihre eigenen (bzw. der Eigengruppe zugerechneten) Motive aufzuwerten, zu moralisieren, während sie die Motive anderer Akteure (bzw. Fremdgruppen) eher abwerten bzw. entlarven. Migranten wollen nicht durch Flucht ‚sich und ihre Familien retten‘, sondern ‚in unsere Sozialsysteme einwandern‘ etc.

Daraus folgt, dass grundsätzlich immer auch die Haltung und Motivation des Entlarvers von den anderen entlarvt werden kann. Als kritische Technik oder Taktik ist das Entlarven insofern zwar alltäglich (und vielleicht sogar unvermeidlich), sein Aufklärungswert ist jedoch gering. Das hängt damit zusammen, dass es zwischen Politik und Öffentlichkeit lediglich die verbreitete Einstellung bestätigt, wonach ‚die Politik‘ ohnehin in der Hauptsache ihre eigene Interessensphäre im Blick habe und dem Publikum lediglich eine unglaubwürdige Fassade zeige, in der es stets nur um die höchsten Werte des Gemeinwohls geht. Man setzt sich für eine Politik ein, indem man sie unter ein ‚positives‘ (oder als positiv unterstelltes) motivationales Prinzip bringt, aber hinter jedem solchen positiven motivationalen Prinzip lassen sich sowohl die Niederungen seiner alltäglichen Implementierung als auch die profanen Interessen derjenigen ausmachen, die sich für das hohe Prinzip einsetzen. Alle Prinzipien können so mehr oder weniger einfach entlarvt werden. Das führt dazu, dass der Entlarver regelmäßig auch die programmatische Grundlage seiner eigenen Position untergräbt.

Zudem kennen wir aus der kommerzialisierten PR- und Werbesphäre eine massive Dauerpräsenz von Kommunikationen, an deren selbst erklärte Hochwertmotive ohnehin niemand glaubt, der seine Murmeln beisammen hat. Insgesamt beschränkt sich der politische Effekt des Entlarvens in der Regel auf die Zustimmung der Eigengruppe und die Selbstaufwertung des Sprechers. Der inszeniert sich als jemand, den man nicht so leicht täuschen kann – ein durchaus erstrebenswertes Image.

Hinzu kommt, dass Entlarven (nebst seinem Gegenstück, der moralisierenden Aufwertung) nicht allein in Alltag, Politik, Machtkommunikation beheimatet ist, sondern auch ein Verfahren, das in den Human- und Sozialwissenschaften verbreitet ist: Die Aufklärung entlarvt die Religion als machtbesessenen Priestertrug. Thomas Hobbes entlarvt den Staat als möglicherweise unschönes, aber nötiges Ergebnis einer Übereinkunft der Einzelnen, die sonst im vorstaatlichen Naturzustand des Krieges aller gegen alle verbleiben müssten (und mischt damit eine rhetorisch wirkungsvolle Moralisierung selbst autoritärer Staatsformen bei). Die Psychoanalyse legt die sexuellen Triebkräfte hinter und unseren Träumen, Kulturleistungen und Gewissensbissen frei. Diese Liste ließe sich beliebig verlängern.

Als Praxis und Technik ist Entlarven offenbar insofern elementar und ohne Alternative, als das Sprechen über menschliche (öffentliche, politische…) Angelegenheiten ohne die Selbst- und Fremdzuschreibung von Motiven unmöglich ist (vgl. Burke 1969 [1940]). In diesem Spiel ist die sprachliche Moralisierung der Motive durchweg auf dem Vormarsch. Aus den ‚geschlossenen Abteilungen‘ der Psychiatrie werden ‚geschützte Stationen‘ und aus den spezialisierten ‚Förderschulen‘ für Behinderte wird der hoch moralisierte Imperativ zur ‚Inklusion‘ aller in die Regelschulen. All das ist moralische Aufwertung von Motiven, die wiederum nach Entlarvung ruft.

Je ausgeprägter die moralisierende Zuspitzung eines Diskurses, desto stärker scheint der Bedarf an Entlarvung zu wachsen: War Kant ein Rassist? Marx ein Antisemit? Ist die britische Labourparty antisemitisch? Sind die Gegner der staatlichen Coronapolitik eigentlich Verschwörungstheoretiker? Usw.
In das begriffliche Umfeld von Entlarven gehören auch Ausdrücke wie aufdecken, enttarnen etc. Investigative Organisationen (Fact Checker, Whistleblower, Lobby Control etc.) sind aber weniger mit der Differenz zwischen (vom Akteur) beanspruchten und (von anderen) entlarvten Motiven befasst als eher mit dem Aufdecken verheimlichter Tatsachen und Verbindungen. Beides geht insofern meist Hand in Hand, als sich hinter noblen erklärten Motiven meist auch verheimlichte Tatsachen befinden.

Beispiele

Zusammen genommen bilden Entlarven und Moralisieren eine zentrale Dimension der sprachlichen Dramatisierung menschlicher Angelegenheiten. Man kann aber kaum sagen, das Moralisieren sei eine Gegenstrategie zum Entlarven oder umgekehrt, weil beide sehr eng zusammengehören und auch nur zusammen vorgestellt werden können. Sie aktivieren in dieser Dimension entgegengesetzte diskursive Ressourcen. Entlarven organisiert den Anschluss an die Sphäre vom Sprecher beanspruchter Wahrheiten und Tatsachen und bringt diese Fakten in Stellung gegen beanspruchte Hochwertmotive. Moralisieren organisiert den Anschluss an die Sphäre verbindlicher und programmatischer Wertungen und bringt somit das ‚Sollen‘ gegen die nackten Tatsachen in Stellung.

Wirkungsvolle Gegenstrategien müssen sich darum nicht allein gegen das Entlarven, sondern gegen die ganze Dimension richten, zu der Entlarven und Moralisieren gemeinsam gehören.

Das ist insofern nicht einfach, als wir auch im vermeintlich neutralen und wertungsfreien ‚Distanzmodus‘ des wissenschaftlichen Sprechens gar nicht anders können als zu dramatisieren und Motive zuzurechnen, womit wir automatisch wieder im Spielfeld des Entlarvens und Moralisierens sind.
Eine interessante Variable für die Wirkung des Entlarvens ist sicher die ‚Fallhöhe‘ zwischen den offiziell erklärten und den als faktisch entlarvten Motiven. Es ist z.B. kaum vorstellbar, dass eine ‚Moralagentur‘ wie die katholische Kirche jemals ihre moralische Autorität über das Sexualverhalten der Gläubigen umfassend erneuern kann, nachdem nachgewiesen ist, dass sie jahrzehntelang offenbar recht verbreitete Praktiken des Kindesmissbrauchs durch ihre Angehörigen systematisch gedeckt und vertuscht hat. Wollte die katholische Kirche ihr Image als Moralagentur im massendemokratischen Diskurs erhalten, wäre sie gezwungen, mit allen Mitteln juristisch aufzuklären und Täter zu bestrafen sowie glaubhaft ‚Besserungsabsicht‘ zu inszenieren. Von beidem ist wenig zu sehen.

Semantisch und pragmatisch wirkungsvolle Gegenstrategien müssten motivational entgegengesetzte, hohe und niedrige Bewertungen zusammenfügen und somit eine Perspektive ermöglichen, die motivationale Ambivalenz erhält und erkenntnisfördernd einsetzt, anstatt sich umstandslos auf die ‚gute‘ oder die ‚böse‘ Seite zu schlagen. Terminologische Beispiele sind Ausdrücke wie ‚schöpferische Zerstörung‘ (als Eigenschaft der kapitalistischen Dynamik bei Schumpeter) oder ‚trained incapacity‘, erworbene, erlernte Unfähigkeit (in der Soziologie Thorstein Veblens), ‚konservative Revolution‘, ‚antagonistische Kooperation‘ etc. Sie ermöglichen es, höhere Motive im Lichte ihrer niedrigeren Gegenstücke zu sehen und umgekehrt. Sie taugen aber auch dazu, rhetorisch beide Seiten eines Wertgegensatzes für die eigene Partei zu reklamieren, sind also selbst wiederum ambivalent. Wer etwa eine völkerrechtswidrige Aggression als ‚humanitäre Intervention‘ ausflaggt, der besetzt Moral und kriegerischen Angriff mit ein und demselben Ausdruck, und er kann sich jederzeit auf eines der beiden Bewertungszentren zurückziehen [perspective by incongruity, KB].

Aus diesem Grunde sind für die Dimension des Entlarvens und Moralisierens Diskurskonstellationen besonders aufschlussreich, in denen es einen dramatischen Richtungswechsel in der öffentlichen Bewertung von politischen Handlungen und Programmen gibt. Ein Beispiel: In der (neoliberalen) Sozialpolitik lässt sich ein radikaler Wertungswechsel im Sprechen über Sozialhilfe/Hartz IV beobachten. Von der wohlfahrtsstaatlichen ‚Absicherung gegen Armut‘ hin zur neoliberalen ‚Entmündigung‘ und ‚Bevormundung‘ des Einzelnen durch staatliche Hilfen. Nach dieser öffentlichen Umwertung staatlicher Handlungsmotive kann an die Stelle der ‚fürsorglichen‘ Wohlfahrtsterminologie dann die Rhetorik der Aktivierung, des Fitmachens für den Arbeitsmarkt, des Empowerments, des Ich-Unternehmers treten.

Weitere solche größeren diskursiven Umwertungen sind z. B.: die Umstellung vom klassischen Helden-Nationalismus zum Opfer-Nationalismus, bei der die Legitimität der nationalen Anliegen nicht aus den vergangenen Heldentaten der Nation/Ethnie, sondern aus einer Unterdrückungs-, Diskriminierungs-, Verfolgungsgeschichte abgeleitet wird (Israel, Kurdistan, Armenien, Katalonien, Baskenland…) – oder aber durch die demonstrative Identifizierung mit fremden Verfolgungsgeschichten (Knobloch 2020).

Eine historische Diskursschwelle bildet in diesem Zusammenhang auch die liberale Doktrin der ‚unsichtbaren Hand‘ des Marktes (Adam Smith), die aus den eigensüchtigen Motiven aller einzelnen Marktakteure ein System entstehen lässt, das dem Gemeinwesen maximalen Nutzen und maximale Wohlfahrt beschert. Die ‚private vices‘ werden zu ‚public benefits‘ (Bernard de Mandeville). Waren ‚Egoismus‘ und ‚Gemeinwohl‘ zuvor moralisch extreme Gegensätze, werden durch diese Doktrin die beiden Pole in ihr Gegenteil transformiert: Wer fortan dem Gemeinwohl dienen möchte, der muss das privat-egoistische Nutzenmotiv der Einzelnen fördern. Wer hingegen direkt das Gemeinwohl fördern möchte, der stört und behindert die egoistische Nutzenmaximierung und erreicht somit das Gegenteil dessen, was er anstrebt. Damit wechseln Egoismus und Gemeinwohlorientierung die Positionen in der Bewertungshierarchie. Fischer (vgl. Fischer 2006) spricht in diesem Zusammenhang vom ‚semantischen Coup des Liberalismus‘. Solche Umstellungen in der Hierarchie legitimer Motive verändern das Gleichgewicht zwischen moralisierenden und entlarvenden Techniken in der kommunikativen Ökonomie einer Gesellschaft. Wer fortan eine Handlung als ‚egoistisch‘ entlarvt, der bekommt zu hören, dass sie genau deswegen maximal zum Gemeinwohl beiträgt.

Man achte also auf alle Versuche, öffentlich etablierte Werthierarchien umzuwerten, umzustellen. Jeder solche Umwertungsversuch ist auf Geländegewinn aus. Und jeder solche Umwertungsversuch lässt Entlarvungsversuche ins Leere laufen und öffnet Räume für die Moralisierung von politischen Programmen.

Zitierte Literatur

  • Burke, Kenneth (1969 [1940]): A Grammar of Motives. Berkeley, L.A.: University of California Press [zuerst 1940].
  • Fischer, Karsten (2006): Moralkommunikation der Macht. Politische Konstruktion sozialer Kohäsion im Wohlfahrtsstaat. Wiesbaden: VS.
  • Knobloch, Clemens (2020): Die Figur des Opfers und ihre Transformation im politischen Diskurs der Gegenwart. In: Zeitschrift für Politik 67(4).

Weiterführende Literatur

  • Burke, Kenneth (1973 [1941]): The Virtues and Limitations of Debunking. In: ders. The Philosophy of Literary Form. 3rd. Edition. Berkeley, Los Angeles: University of California Press, 168-190. [Deutsch In: Burke, Kenneth (1967): Die Rhetorik in Hitlers ´Mein Kampf´ und andere Essays zur Strategie der Überredung. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 93-115. Unter dem Titel „Vom Nutzen und Nachtteil des Entlarvens“].

Zitiervorschlag

Knobloch, Clemens (2021): Entlarven. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 15.01.2021. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/entlarven.

 

Grundbegriffe

Sprachpolitik / Sprachenpolitik

Sprachpolitik bezeichnet allgemein alle politischen Prozesse, die auf eine Beeinflussung der Sprachverwendung in einer Gesellschaft oder Sprachgemeinschaft abzielen. Unterschieden wird häufig zwischen Sprachenpolitik und Sprachpolitik im engeren Sinne.

Sagbarkeit

Im öffentlichen Diskurs findet sich häufig die strategische Behauptung, dass bestimmte Fakten oder Meinungen unsagbar seien. Auf diese Weise wird zum Ausdruck gebracht, dass es Grenzen des Sagbaren gebe, die im öffentlichen Diskurs Geltung hätten.

Kulturelle Grammatik

Kulturelle Grammatik steht für ein System von Regeln und/oder etablierten Regelmäßigkeiten, die Formen richtiger und/oder normaler Kommunikation und Interaktion auszeichnen.

Epistemischer Status

Als epistemischen Status bezeichnet man die Wissensbestände und -zugänge zu Ereignissen, Sachverhalten und Personen, die Gesprächsteilnehmer*innen ihrem Gegenüber in der Interaktion zuschreiben.

Politische Kommunikation

Politische Kommunikation findet überall dort statt, wo Menschen als Teil von sozialen Gruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen aufeinandertreffen und über das einzelne Individuum hinaus geltende Regeln des Zusammenlebens aushandeln.

Topos

Ein Topos (Plural: Topoi) ist als ein Argumentationsmuster ein allgemeines Formprinzip, nach dem Argumente gebildet werden können. Als allgemeiner, formaler bzw. kontextabstrakter Topos kann er für oder gegen jede in Frage stehende Position angeführt werden. Topoi gehören zum kollektiven Wissen aller, die sich argumentativ äußern.

Bedeutung

Der Ausdruck Bedeutung wird sowohl in der Alltagssprache als auch in der Fachsprache nicht einheitlich verwendet. Alltagssprachlich wird auf die Bedeutung von etwas – zum Beispiel einem Wort, Gegenstand oder Gesichtsausdruck – verwiesen, wenn dessen Status in der Welt unklar ist (‚was bedeutet es, dass X‘) oder seine Wichtigkeit hervorgehoben werden soll (‚X ist bedeutend‘).

Kollektivsymbol

Zur Kollektivsymbolik einer Kultur rechnet man den gesellschaftlich geteilten Vorrat an sprachlichen, bildlichen, schematischen und anderen Ressourcen, derer sich politische und mediale Akteure bedienen, um Ereignisse und Handlungen für die Allgemeinheit deutbar und verständlich zu machen.

Strategische Kommunikation

Der Ausdruck Strategische Kommunikation bezeichnet ein Bündel an zeichenbasierten und in der Regel mediengestützten Aktivitäten, mit denen Individuen, Gruppen oder Organisationen versuchen, die Akzeptanz für ihre politischen, ökonomischen, rechtlichen oder anderweitig motivierten Interessen bei ausgewählten Zielgruppen zu halten oder zu erhöhen.

Techniken

Petition

Petitionen sind eine der am meisten genutzten Partizipationsformen nach Wahlen. Sie sind sowohl ein Mittel der politischen Beteiligung als auch ein Protestmittel und damit Zwitterwesen in der politischen Landschaft. Durch die Digitalisierung haben sich Petitionen zudem maßgeblich verändert, ihre Zahl hat zugenommen, ebenso wie die Zahl der Plattformen, auf denen sich Petitionen starten lassen.

Influencer / Influencerin

Influencer:innen sind Personen, die auf Social-Media-Plattformen regelmäßig selbst produzierte Inhalte publizieren und damit eine öffentliche Reichweite über ihre Follower:innen aufbauen. Influencer:innen haben das Potenzial, Rezipient:innen in ihrem Wissen, Einstellungen und Verhalten zu beeinflussen (engl. to influence).

Litigation PR

Der Begriff Litigation PR kombiniert das englische Wort litigation, das auf lat. ,lītigātiō‘ zurückgeht und für Rechtsstreitigkeit bzw. (Gerichts )Verfahren/Prozess steht, mit dem bekannten Begriff PR (Public Relations).

Memes

Der Begriff des Internet-Memes fasst eine relativ heterogene Gruppe digitaler – und zumeist multimodaler – Texte zusammen (zum Beispiel Videos, GIFs, Image Macros), die sich durch formale oder inhaltliche Gemeinsamkeiten auszeichnen und durch Imitations- und Aneignungsprozesse verbreiten.

Aufwertung/Meliorisierung

Von Aufwertung/Meliorisierung wird in der Linguistik dann gesprochen, wenn ein Wort, das ursprünglich als Fremdbezeichnung der Diffamierung einer bestimmten Volks- oder Personengruppe diente, von dieser selbst dann als positive Eigenbezeichnung verwendet wird.

Domain-Grabbing

In der Internetkommunikation finden sich verschiedene Praktiken, die aus Sicht von Dritten (v.a. Markenhaltern) als illegitime oder gar rechtswidrige Inanspruchnahme von Domain-Namen und damit verbundener Aufmerksamkeitssteuerung kritisiert werden.

Suchmaschinenoptimierung

Durch Suchmaschinenoptimierung (search engine optimization; SEO) wird versucht, Webseiten so zu verändern, dass sie von Suchmaschinen als besonders relevant betrachtet und entsprechend hoch in den Suchergebnissen gelistet werden.

Search Engine Advertising

Als Search Engine Advertising wird die Werbung auf den Ergebnisseiten von Suchmaschinen bezeichnet. Besondere Merkmale dieser Werbeform sind, dass die Anzeigen kontextbasiert sind und in Textform dargestellt werden.

Organizing

Unter Organizing versteht man ein Bündel von Praktiken, die zur gewerkschaftlichen oder politischen Organisierung bzw. Mobilisierung dienen. Beim methodisch reflektierten Organizing spielen Recherche, Strategieentwicklung, mehr oder minder standardisierte 1:1-Gespräche, Mapping (Erstellung einer Übersicht der Beteiligten im Betrieb oder sonstigen Aktionsfeld) und einiges mehr eine Rolle.

Affirmation

Im sprachwissenschaftlichen Sinne bezeichnet Affirmation die Behauptung oder Bejahung einer Aussage. Die affirmative Form eines Wortes oder Satzes ist das Gegenteil zur Verneinung (Negation).

Schlagwörter

Antisemitismus

Mit Antisemitismus werden gemeinhin alle jene Phänomene bezeichnet, die sich gegen das Judentum oder gegen Jüdinnen*Juden als Jüdinnen*Juden richten. Die entsprechenden Erscheinungen reichen von der bloßen Distanzierung und Behauptung jüdischer Andersartigkeit, über vollständig ausgearbeitete Weltbilder, die Jüdinnen*Juden für sämtliche Probleme verantwortlich machen, bis hin zu massiven Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Gewaltpraktiken.

Grammatiknazi / Grammar Nazi

Das überwiegend negativ konnotierte Schlagwort Grammatiknazi – als Übersetzung von engl. grammar nazi – wird zur Benennung von Personen verwendet, die meist in eher informellen Kontexten der öffentlichen Internetkommunikation (u. a. in Foren, Kommentarbereichen auf Nachrichtenportalen, sozialen Netzwerken) ungefragt Sprachkritik an den Äußerungen anderer (häufig fremder) Kommunikationsteilnehmer*innen üben.

Respekt

Respekt oder respektvolles Verhalten wird eingefordert für die Eigengruppe (bzw. von der Eigengruppe), für wirklich oder vermeintlich diskriminierte Gruppen, für abweichende Meinungen. Mitgemeint ist bei der Forderung nach Respekt meist eine positiv bewertete Szene der (sozialen, kulturellen, ethnischen, sexuellen etc.) Vielfalt/Diversität.

Geschlechtergerechte Sprache

Mit dem heute als Fahnenwort gebrauchten Ausdruck geschlechtergerechte Sprache ist die Forderung verbunden, bei Personenbezeichnungen die einseitige, für diskriminierend erklärte Bezugnahme auf einen bestimmten Sexus, konkret: auf das männliche Geschlecht, zu unterlassen.

Identitätspolitik

Der Ausdruck steht heute für eine politische Konstellation, in der konkurrierende Wir-Gemeinschaften mit einer Diskriminierungs- und Benachteiligungsgeschichte in der Öffentlichkeit um Anerkennung konkurrieren. An der Oberfläche geht es ‚identitären‘ Wir-Gemeinschaften darum, die eigene Diskriminierung als Ermächtigungsmotiv an die Öffentlichkeit zu tragen.

Cancel Culture

Cancel Culture ist ein Kampf- und Stigmawort, das sich in skandalisierender Absicht gegen die Praxis (und oft auch bereits gegen die Forderung) des Absagens, Ausladens, Boykottierens moralisch missliebiger und politisch bekämpfter Personen, Organisationen und Positionen in Wissenschaft, Kultur und Politik wendet.

Elite

Einmal wird unter Elite eine Auswahl der Besten und Leistungsfähigsten verstanden, einmal in distanzierender Weise eine abgehobene ‚Kaste‘ der Reichen und Mächtigen im Gegensatz zum Volk. Erstere Variante wird in der Regel zur Verteidigung der etablierten Ordnung verwendet, letztere vor allem von Rechtspopulisten.

Altpartei

Der Ausdruck Altpartei wird in jüngerer Zeit häufig im Kontext des Aufstiegs des Rechtspopulismus und der AfD gebraucht. Dabei lassen sich hauptsächlich zwei Gebrauchsvarianten beobachten: Einerseits richtet sich der Ausdruck in abwertender Weise gegen etablierte Parteien, andererseits taucht er oft in sprachkritischen Kontexten auf, wo seine Verwendung und seine Sprecher kritisiert oder diskreditiert werden.

Verschwörungstheorie

Der Ausdruck gibt sich in der medialen Öffentlichkeit als analytisches Konzept, ist aber zugleich performativ hoch wirksam als Ausschluss aller erfolgreich so benannten Konzepte aus der rationalen öffentlichen Kommunikation.

Inklusion

Inklusion hat sich, ausgehend von einem soziologischen Fachterminus gleichen Namens, in den zwei vergangenen Jahrzehnten zu einem interdiskursiven und allgemeinen Programmbegriff gewandelt.

Verschiebungen

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.