DiskursGlossar

Korruption

Kategorie: Schlagwörter
Verwandte Ausdrücke: Bestechung, Bestechlichkeit, Klientelismus, Nepotismus, Protektion, Patronage, Netzwerke, Rackets; umgangssprachlich: Schmiergeld, Filz, Klüngel, Vetternwirtschaft, Seilschaften, Denkfabriken, Drehtür, Seitenwechsel, Schattenwirtschaft
Siehe auch: Lobbyismus, Influencer
Autorin: Susanna Weber
Version: 1.0 / Datum: 04.08.2026

Kurzzusammenfassung

Korruption wird zum einen als Fachbegriff (Recht, Wissenschaft) verwendet und verweist auf ein Gebiet des Strafrechts und damit auf einen Teil des gesellschaftlichen Normensystems, das Delikte in Kontaktzonen von Politik und Ökonomie definiert. Zum anderen erscheint Korruption als Fahnenwort und Teil strategischer Kommunikation z. B. in zahlreichen Protest- bzw. Wahlkampf-Diskursen oder wenn bekannt gewordene Fälle skandalisiert und damit auf die Ebene individuellen Fehlverhaltens (Gier, Skrupellosigkeit) verschoben werden. Praktiken in Grenzgebieten von Legitimität/Legalität wie Lobbyismus, Influencer-Aktivitäten, ‚Seitenwechsel‘- oder ‚Drehtür‘-Konzepte im Raum des Politischen werden in Korruptionsdiskursen häufig thematisiert und sind diskursiv umstritten.

Für Korruption existiert keine einheitliche, allgemein geteilte Definition, weder des benannten Phänomens noch seiner gesellschaftlichen, politischen oder ökonomischen Folgen.

Inzwischen beziehen sich zahlreiche Kommentare und Einlassungen zum Thema auf die Definition der Organisation Transparency International: „Korruption ist der Missbrauch anvertrauter Macht zum privaten Nutzen oder Vorteil.“ Gemeinsam ist vielen Definitionen der Aspekt, dass Korruption eine Art von Tausch-Vorgang enthalte: Einfluss auf bestimmte Entscheidungen gegen Geld, Schutz, Informationen, Loyalität – oder ihren Entzug. In wissenschaftlichen Erörterungen reichen die Einschätzungen von Korruption als (nützliches) Signal für Ineffizienzen in Systemen bis zur Einordnung als Teil von Wirtschaftskriminalität.

Nach den Fällen von Korruptionsvorwürfen gegenüber Abgeordneten (Maskenbeschaffung, Aserbaidschan) ist Korruption in aktuellen Debatten wieder sichtbarer geworden.

Erweiterte Begriffsklärung

Korruption muss bezahlbar bleiben. Mit diesem ironischen Slogan machten die Partei Die Partei und ihr Frontmann Martin Sonneborn 2014 Wahlwerbung. Sie zielten damit sicher nicht auf die historisch belegte Praxis spätrömischen Stimmenkaufs oder Bismarcks „Reptilienfonds“ (siehe unten, Beispiel 1), sondern auf die aufgedeckten zeitgenössischen Aktivitäten von Lobbyisten im nationalen und europäischen Parlament (vgl. Bülow 2021: 127 f.) sowie auf Praktiken des Sponsorings und Parteispenden, die gezielt mit Unschärfen in Definitionen und der juristischen Handhabung jonglieren.

Sichtbarkeit und Bewertung von Korruptions-Phänomenen hängen davon ab, wie sie massenkommunikativ in die jeweiligen politisch-ökonomischen (und nationalen) Verhältnisse eingebettet werden und davon, wie dabei Normenkonflikte verhandelt werden. Korruption als (potentiell) strafwürdiges Verhalten beurteilt, sehen Historiker erst seit ca. 200 Jahren in gesellschaftlichen Diskursen (vgl. Engels 2014: 14). Solange vordemokratische Strukturen Patronage und Klientelismus noch selbstverständlich einschlossen, waren Mittel und Wege der Einflussnahme ökonomischer Akteure auf die politisch Herrschenden, die heute als Korruption gelten, Alltag (vgl. Grüne/Slanicka 2010).

Abgrenzungsprobleme (etwa zu Bereichen von Wirtschaftskriminalität wie Betrug oder Untreue) und Bewertungsdifferenzen (was gilt als legal, informell oder illegal?) sind regelmäßig Bestandteile zeitgenössischer öffentlicher Diskurse um Korruption. Lange galt Korruption ausschließlich als Phänomen in Entwicklungs- oder Schwellenländern mit (noch) vordemokratischen Strukturen.

Eine Besonderheit in deutschen Diskursen ist es, dass, abgeleitet aus der Geschichte des preußischen Beamtentums, bis heute das Bild vom besonders gesetzestreuen, korruptionsresistenten deutschen Beamten tradiert wurde (vgl. Lübbe-Wolff 2025: 185 f.). In Deutschland waren bis 1999 Bestechung und Bestechlichkeit im Ausland nicht strafbar und entsprechende Ausgaben sogar von der Steuer absetzbar. Den Hintergrund dazu bildete nicht nur eine paternalistisch/kolonialistisch geprägte Grundhaltung, sondern auch die so genannte „Funktionalitätsthese“, nach der Korruption geradezu als „Modernisierungsbeschleuniger“ angesehen wurde (Lübbe-Wolff 2025: 51). Bestechung und Bestechlichkeit von Abgeordneten (im Inland) waren bis 2014 nur in der Form von Stimmenkauf/-verkauf strafbar. Anders als z. B. in Österreich kommt Korruption als Begriff im deutschen Strafgesetzbuch gar nicht vor, Strafverfolgungsbehörden und Strafrechtswissenschaften verwenden ihn jedoch. Erst seit 1997 gibt es eine Strafvorschrift zu Bestechlichkeit und Bestechung im Geschäftsverkehr und im Gesundheitswesen als „Straftaten gegen den Wettbewerb“ (!) mit dem § 299 StGB (Ein knapper Überblick über die geltenden Rechtsnormen z. B. hier: https://www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Deliktsbereiche/Korruption/korruption_node.html).

Nachdem im Zusammenhang mit den so genannten ‚Maskendeals‘ und der ‚Aserbaidschan-Affäre‘ fragwürdige außerparlamentarische Aktivitäten von Abgeordneten in den Blick gerückt waren und der Bundesgerichtshof „Strafbarkeitslücken“ feststellte, wurde 2024 der §108f StGB ergänzt und entgeltliche Lobbytätigkeiten neben dem Mandat wurden unter Strafe gestellt (LobbyControl 2021). Im Fall der Maskenbeschaffung während der Corona-Zeit ging es nicht nur um nach wie vor unaufgeklärte, fragwürdige Vergabepraktiken und Auftragsgestaltungen, sondern auch um aktuell noch anhängige Klagen gegen das Gesundheitsministerium in Milliardenhöhe (vgl. Steinmann 2026). In der Aserbaidschan-Angelegenheit wurden mehrere ehemalige CSU-Abgeordnete im EU-Parlament wegen der Annahme von Bestechungsgeldern aus dem Ausland zu Freiheitsstrafen auf Bewährung verurteilt (vgl. NDR 2025).

Die nach der Konstituierung der amtierenden Bundesregierung entstandene Diskussion um die (letztlich unter dem öffentlichen Druck dann korrigierte) Unternehmensbeteiligung des Ministers für Staatsmodernisierung und Digitalisierung, Wildberger, zeigte noch einmal deutlich, wie ausgerechnet Interessenkonflikte (mit hohem Korruptionspotential) von Politikern immer noch als unproblematisch eingeordnet werden (vgl. LobbyControl 2025).

In Korruptionsdiskursen wird ein sehr umfangreiches Wortfeld aktiviert, zu dem nur wenige Gegenbegriffe aufzufinden sind: Unbestechlichkeit, Integrität, Gemeinwohlorientierung. Es fällt auf, dass die ersten beiden personenbezogen und moralisch aufgeladen sind, nur Gemeinwohlorientierung deutet auf eine mögliche strukturell-politische Rahmung hin.

In der historischen Forschung wird auf eine „gesellschaftsgeschichtliche Sondenfunktion“ von Debatten über Korruption abgehoben (Grüne 2010: 12). Angezeigt würden dabei wahlweise „Modernisierungs-“ oder „Demokratisierungsprozesse“ sowie Normenkonflikte im Rahmen von „Obrigkeitskritik“ und „Herrschaftslegitimation“ (ebd. 29).

Unter diesen Gesichtspunkten erscheint es nicht als zufällig, dass im Rahmen zahlreicher Protestbewegungen und Regimewechsel-Versuche der vergangenen Jahrzehnte – vom so genannten ‚arabischen Frühling‘ bis zu den Maidan-Protesten in der Ukraine – Korruptionsbekämpfung als wesentliches Anliegen artikuliert wurde. Die Thematisierung erscheint offensichtlich als Element strategischer Kommunikation, wenn etwa westliche ‚Geberländer‘ in Bezug auf die osteuropäischen EU-Beitrittskandidaten grundsätzliche Fragen zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit damit umgehen (siehe unten, Beispiel 4).

Soziologisch-ökonomisch wird Korruption u. a. als „Störung“ konzeptualisiert, die anzeige, wo „Reibungsverluste und Irritationen“ im System zu „glätten“ seien (Jansen/Priddat 2005: 33). Auch werden in diesem Zusammenhang Korruptionskosten als „Verfahrensbeschleunigungskosten“ (Jansen/Priddat: 35) gesehen. Hier wird an die lange Tradition der Bürokratiekritik angeschlossen. Kritiker halten dem entgegen, dass gerade im Zusammenhang mit den weit reichenden Privatisierungen der vergangenen Jahrzehnte und daraus erwachsenen Mischmodellen des Öffentlichen und des Privaten wie Public-Private-Partnership und New Public Management eine Vielzahl neuer Angriffspunkte für Korruptionspraktiken eröffnet und nicht etwa hemmende Bürokratie vermieden wurde (vgl. Altvater/Mahnkopf 2002; Rügemer 2015).

Andere Erklärungsmodelle konzeptualisieren Korruption als eine Form von „Mikropolitik“, die immer nötig sei (Engels 2014). In öffentlichen Diskursen wird häufig der Ausdruck Netzwerkarbeit verwendet, der keine Grenze markiert zwischen legitimer demokratischer Interessenvertretung und fragwürdigen Beeinflussungen durch (ökonomische) Einzelinteressen. In polemischer Zuspitzung ist in Bezug auf Netzwerkarbeit auch die Rede von der „feinere(n) Tante“ von „Filz und Klüngel“ (Jansen 2005: 26). Zugleich existieren positiv konnotierte Selbstbezeichnungen als Netzwerk, etwa bei politischen Gruppierungen wie Attac (attac.de) oder im Medienbereich das Netzwerk Recherche (netzwerkrecherche.org).

Die auch in der Kriminologie so bezeichneten Schnittstellen bzw. Grauzonen zwischen Politik und Ökonomie, Legalität und Illegalität können als Feld für „Proto- oder Para-Korruption“ eingeordnet werden (Graeff 2010: 74). Der Gebrauch von Euphemismen wie Anfüttern oder Klimapflege für Anfangspraktiken von Korruption ist in diesem Zusammenhang aufschlussreich für divergierende Bewertungen. Die Phänomene betreffend geht es hier z. B. um Bereiche der Organisierten Kriminalität und typische Begleitdelikte von Korruption wie Steuerhinterziehung, Geldwäsche und Schattenwirtschaft.

Um Schnittstellen, Übergänge und unklare Grenzen geht es auch in Diskussionen um Wechsel von (ehemaligen) politischen Entscheidern in die Wirtschaft bzw. von Managern in die Politik: ehemalige Abgeordnete oder Ministeriumsmitarbeiter wechseln nach Ende ihrer Amtszeit häufig in die Privatwirtschaft , wo sie als „System-Insider“ mit wertvollen persönlichen Kontakten besonders effektiv Lobbytätigkeiten wahrnehmen können oder Wirtschaftsvertreter in Ministerien wechseln in die Politik, aktuell die Ministerinnen Reiche, Weimer und Wildberger (LobbyControl 2025). Was bei Jansen und Priddat eher moralisierend und verharmlosend als „Versorgungskartelle für abgewirtschaftete Politiker“ (2005: 92) bezeichnet wird, stellt sich bei genauerer Betrachtung als strategisches Konzept für die umfassende Einflussnahme von ökonomischen Akteuren auf politische Entscheidungen dar. Ob mit oder ohne ‚Abklingphase‘, die Beispiele aus der langen Liste der ‚Drehtür‘-Aktiven zeigen oft mehrfache Wechsel zwischen Politik und Privatwirtschaft, zum Teil mit, zum Teil ohne längere Übergangszeiten (vgl. Lieven 2018: 184–186; Bülow 2021: 125–140) (siehe unten, Beispiel 3).

Vom damaligen Innenminister Otto Schily und dem Deutsche Bank-Vorstand initiiert, existierte von 2004–2006 sogar ein offizielles ‚Seitenwechsel‘-Programm, in dessen Rahmen über 100 Personen aus Unternehmen und Verbänden befristetet und bezahlt von den Entsendern in Ministerien beschäftigt waren (vgl. Thiel 2012: 181). Ironischerweise verantwortete der Minister gleichzeitig die 2004 erlassene „Richtlinie zur Korruptionsbekämpfung in der Bundesverwaltung“ (BMI 2012). Aus ‚Drehtür-Aktivitäten‘ lässt sich nicht automatisch Korruption ableiten. Doch die verbreitete Ablehnung von expliziten Regelungen mit einschränkenden Vorschriften mit dem Argument, auf diese Weise werde ein ‚Generalverdacht‘ erhoben, ist als moralisierende Abwehr interpretierbar (vgl. Lübbe-Wolff 2025: 208–210).

Psychologisch grundierte Deutungen machen darauf aufmerksam, dass nicht-monetäre ‚Gefälligkeiten‘ wie etwa Essenseinladungen oder Bordellbesuche als ‚Freundschaftsgesten‘ interpretiert und erinnert – oder eben ‚vergessen‘ – werden können (vgl. Jansen/Priddat 2005: 30). In der Kriminologie wurde in diesem Zusammenhang eine „Neutralisierungstheorie“ beschrieben, nach der Verantwortliche ihre Handlungen rechtfertigen, indem sie sie rationalisieren: ‘nur auf Anforderung gehandelt’, ‘das machen doch alle’, ‘ist doch niemand zu Schaden gekommen’ u. ä. (Bannenberg/Schaupensteiner 2004: 60). Mit dem Begriff der Autokorruption (der sich nicht etablieren konnte) wurde versucht, individuell zurechenbare mit strukturell-systemischen Aspekten von Bestechung und Bestechlichkeit zu verknüpfen (vgl. von Arnim et al. 2006).

Zur differenzierteren Einordnung unterschiedlicher Bewertungen von Korruption werden auch philosophisch-ethnologische Modelle herangezogen, wie etwa die kulturelle Genese der Gaben und des Schenkens (vgl. Mauss 1984; Liebl 2023: 22). Einen Überblick zum Forschungsstand in den unterschiedlichen wissenschaftlichen Domänen bis 2022 bietet Liebl (2023).

Die vor allem nach der internationalen Finanzkrise von 2008/2009 vermehrt von Unternehmen und anderen Organisationen eingesetzten ‚Compliance‘-Konzepte werden als weitgehend untaugliche Mittel zur Bekämpfung von Korruption eingeordnet. . Sie dienen vor allem der rechtlichen Entlastung (Lübbe-Wolff 2025: 55, Anm. 145) und öffentlichkeitswirksamem windowdressing“, also der Simulation von wirksamen Entscheidungen (ebd.).

Das Strafrecht betreffend forderte schon Anfang der 2000er Jahre der damalige Frankfurter Oberstaatsanwalt Wolfgang Schaupensteiner die Schaffung eines Straftatbestandes der Haushaltsuntreue, wodurch vor allem bei offensichtlich chronisch gewordenen Korruptionsstrukturen in öffentlichen Ämtern (bevorzugt Bau- und Vergabewesen) Abhilfe bzw. wenigstens Abschreckung erreicht werden sollte (vgl. Bannenberg/Schaupensteiner 2004: 37). Als weitere Ergänzung des Strafrechts wird schon länger, bisher ohne Erfolg, die Einführung eines Unternehmensstrafrechts gefordert, nach dem nicht nur natürliche Personen in Verantwortung genommen werden könnten, sondern das gesamte Unternehmen.

Als mutmaßlich wirksamste Strategie außerhalb des Strafrechts gegen Korruption können Maßnahmen zur Erhöhung von Transparenz in unterschiedlichen gesellschaftlichen Feldern angesehen werden: Whistleblower-Konzepte, Lobby-Register, Veröffentlichungsgebote für Nebentätigkeiten und Anteilseignerschaften sowie den entsprechenden Einnahmen bei Politikern. Gesellschaftliche Akteure wie Lobbycontrol e. V. (https://www.lobbycontrol.de), Parlamentwatch e. V. (https://www.abgeordnetenwatch.de) und Open Knowledge Foundation e. V. (https://fragdenstaat.de) unterstützen dabei den Aufbau einer aufgeklärten Öffentlichkeit.

Wenn man weder skandalisierende Mediendiskurse um Korruption als nutzbringend erachtet noch den „Regelungsillusionen“ (Lübbe-Wolff 2025: 237) erliegt, die zu mancherlei ‚Papierpolitik‘ führt, aber kaum zu Veränderungen, könnten die ‚klassischen‘ Perspektiven der Politischen Ökonomie weiterhelfen, die aus demokratietheoretischer Sicht zum Beispiel der Politikwissenschaftler Colin Crouch (2021) in seinem Aufsatz zum Zusammenhang von Korruption und Ungleichheit (Untertitel) skizziert. Danach wären vor allem folgende Fragen zu stellen und zu beantworten: Wie verhält es sich mit Gerechtigkeit und Gleichheit in einem System, in dem immer häufiger Reichtum Einfluss auf politische Entscheidungen nimmt? Wer profitiert von den unklaren Grenzen zwischen öffentlich und privat bei System-Umbauten wie New Public-Management oder Public-Private-Partnership? Welchen Nutzen und für wen hat es, wenn (private) Beraterstrukturen sich in politische Strukturen einlagern?

Beispiele

(1) Diskurskontrolle durch Korruption: Ein historisches Beispiel für Korruptionspraktiken ist unter der Bezeichnung „Reptilienfonds“ dokumentiert. Mit den dort vorgehaltenen finanziellen Mitteln sicherte Reichskanzler Bismarck Ende des 19. Jahrhunderts durch gezielte Zuwendungen an Personen, Institutionen, Parteien seine Politik (WDR 2009). Um Thematisierung und Nicht-Thematisierung seiner politischen Praktiken zu steuern, war es gleichzeitig zentraler Bestandteil seiner Politik, regierungsfreundliche Berichterstattung zu kaufen, etwa durch Bestechung lokaler Journalisten (vgl. Jandt 1989: 15-24);

(2) Straffreie ‚Deals‘ oder Korruption? Im Zusammenhang mit der Beschaffung von Masken in der Corona-Zeit wurde eine Reihe von Fällen bekannt, in denen Abgeordnete ihre Verbindungen für geschäftliche Aktivitäten nutzten (z. T. mit erheblichen ‚Provisionen‘), was im Nachhinein als frag- bzw. strafwürdig bewertet wurde und das Thema Bestechlichkeit und Bestechung von Mandatsträgern neu in die Aufmerksamkeit rückte. Die vom BGH festgestellte „Strafbarkeitslücke“ hatte sichtbar und diskussionswürdig gemacht, dass bis zu Einführung des §108f Mandatsträger straflos blieben bei geschäftlichen Tätigkeiten zum eigenen Vorteil, die sie nicht ausdrücklich als Mandatsträger ausübten (Bundestag Drucksache 20/10376).

(3) Abgrenzungsschwierigkeiten und Drehtür-Effekte: Katherina Reiche, amtierende Wirtschaftsministerin, von 2013–2015 Staatssekretärin im Verkehrsministerium, danach Hauptgeschäftsführerin des Verbandes kommunaler Unternehmen, dann Vorstandsvorsitzende von Westenergie (deren Mutterkonzern E.ON ist), deren Geschäft u.a. die Gas-Bewirtschaftung ist. In einem Papier von LobbyControl wird darauf aufmerksam gemacht, dass das Zehnpunkte-Papier ihres Ministeriums zur Energiewende (2025) „erstaunliche Ähnlichkeiten zu Forderungen eines Gemeinsamen Positionspapiers von RWE und E.ON“ aufweist (Lobbypedia.de: o. J.), ein Beispiel für ihre dezidiert Energie-Unternehmen-freundliche Politik.

(4) Korruption(s-Diskurse) als strategische Ressource: Wie offensichtlich vorhandene korrupte Strukturen und Handlungen bewertet werden, hängt von den politischen Interessen ab, die im Spiel sind. Wie unter anderem bei Lübbe-Wolff (2025: 70–100) dokumentiert, wurde vor allem in Bezug auf Beitrittskandidaten zur EU deutlich, dass ernsthafte Korruptionsbekämpfung gegenüber Zielen wie Kooperationsbereitschaft in Sachen Migrationsabwehr und Verhinderung einer Hinwendung zu Russland zurückgestellt wurde und wird. In einem EU-Papier ist dem entsprechend auch von einer geostrategischen Investition die Rede (zit. n. Lübbe-Wolff 2025: 92). In diesem Zusammenhang fällt auf, dass sich die zuständigen EU-Gremien sehr oft mit schriftlich fixierten Veränderungszusagen zufriedengeben, über deren Nicht-Umsetzung sie Kenntnis haben oder die sie gar nicht erst kontrollieren (ebd.).

Literatur

Zum Weiterlesen

  • Lübbe-Wolff, Gertrude (2025): Der ehrliche Deutsche. Über Problemverleugnung, Moralismus und Regelungsillusionen in Sachen Korruption. Frankfurt a. M.: Vittorio Klostermann.
  • Rügemer, Werner (2015): Colonia Corrupta. Münster: Westfälisches Dampfboot.

Zitierte Literatur und Belege

  • Altvater, Elmar; Mahnkopf, Birgit (2002): Globalisierung der Ungleichheit. Münster: Westfälisches Dampfboot.
  • Bannenberg, Britta; Schaupensteiner, Wolfgang (2004): Korruption in Deutschland. Portrait einer Wachstumsbranche. München: Beck.
  • Bellers, Jürgen (Hrsg.) (1989): Politische Korruption. Vergleichende Untersuchungen. Münster: Lit.
  • Bülow, Marco (2021): Lobbyland. Berlin: Westend.
  • Bundestag Drucksache 20/10376 (2024): Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Strafgesetzbuches – Strafbarkeit der unzulässigen Interessenwahrnehmung. Online unter: https://dserver.bundestag.de/btd/20/103/2010376.pdf ; Zugriff: 25.05.2026.
  • Bundesministerium des Innern (2012): Empfehlungen zur Korruptionsprävention in der Bundesverwaltung. Online unter: https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/themen/moderne-verwaltung/korruptionspraevention/korruptionspraevention-empfehlungen.pdf?__blob=publicationFile&v=4 ; Zugriff: 25.05.2026.
  • Crouch, Colin (2021): Postdemokratischer Kapitalismus. Zum Zusammenhang von Korruption und Ungleichheit. In: Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 4, Jg. 2021. Berlin: Blätter, S. 76–86.
  • Engels, Jens I. (2014): Die Geschichte der Korruption. Von der frühen Neuzeit bis ins 20. Jahrhundert. Frankfurt a. M.: Fischer.
  • Graeff, Peter (2010): Prinzipal-Agent-Klient-Modelle als Zugangsmöglichkeit zur Korruptionsforschung. Eine integrative und interdisziplinäre Perspektive. In: Grüne, Niels; Slanicka, Simona (Hrsg.): Korruption. Historische Annäherungen. Paderborn: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 55.
  • Graeff, Peter; Grieger, Jürgen (Hrsg.) (2012): Was ist Korruption? Begriffe, Grundlagen und Perspektiven gesellschaftswissenschaftlicher Korruptionsforschung. Baden-Baden: Nomos.
  • Grüne, Niels (2010): Anfechtung und Legitimation. Beobachtungen zum Vergleich politischer Korruptionsdebatten in der Freiburger Neuzeit. In: Grüne, Niels; Slanicka, Simona (Hrsg.): Korruption. Historische Annäherungen. Paderborn: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 409.
  • Jandt, Rudolf (1989): Korruption in der Deutschen Geschichte. In: Bellers, Jürgen (Hrsg.): Politische Korruption. Vergleichende Untersuchungen. Münster: Lit, S. 15–37.
  • Jansen, Stephan A.; Priddat, Birger P. (Hrsg.) (2005): Korruption. Unaufgeklärter Kapitalismus – Multidisziplinäre Perspektiven zu Funktionen und Folgen der Korruption. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Jansen, Stephan A. (2005): Elemente „positiver“ und „dynamischer“ Theorien der Korruption. Multidisziplinäre Provokation zur Form der Korruption. In: Jansen, Stephan A.; Priddat, Birger P. (Hrsg.): Korruption. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 11–42.
  • Karsten, Arne; von Thiessen, Hillard (Hrsg.) (2006): Nützliche Netzwerke und korrupte Seilschaften. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Liebl, Karlhans (2023): Korruption in Deutschland. Ein Überblick über den Stand der Korruptionsforschung seit 1945. Wiesbaden: Springer.
  • Lieven, Nicolas (2018): Skrupellos. Manager auf dem Weg ins nächste Fiasko. Berlin: Econ.
  • Lobbypedia.de (o. J.): Katherina Reiche. Online unter: https://lobbypedia.de/wiki/Katherina_Reiche ; Zugriff: 25.05.2026.
  • Lobbycontrol (2021): Konsequenzen aus Unions-Skandalen: Deutlich strengere Regeln für Abgeordnete. Online unter: https://www.lobbycontrol.de/nebeneinkuenfte/konsequenzen-aus-unions-skandalen-deutlich-strengere-regeln-fuer-abgeordnete-86953/ ; Zugriff: 25.05.2026.
  • Lübbe-Wolff, Gertrude (2025): Der ehrliche Deutsche. Über Problemverleugnung, Moralismus und Regelungsillusionen in Sachen Korruption. Frankfurt a. M.: Vittorio Klostermann.
  • Mauss, Marcel (1984 [1952]): Die Gabe. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
  • NDR.de (30.07.2025): Aserbaidschan-Affäre. Bewährungsstrafe für Ex-CSU-Politiker. In: NDR.de. Online unter: https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/nordmagazin/aserbaidschan-affaere-bewaehrungsstrafe-fuer-ex-csu-politiker,nordmagazin-1458.html ; Zugriff: 25.05.2026.
  • Rügemer, Werner (2015): Colonia Corrupta. Münster: Westfälisches Dampfboot.
  • Steinmann, Thomas (12.05.2026): Finale im Maskendrama: BGH entscheidet über Spahns Maskengeschäfte. In: Capital Online. Online unter: https://www.capital.de/wirtschaft-politik/bundesgerichtshof-entscheidet-ueber-spahns-maskengeschaefte-37392684.html ; Zugriff: 25.05.2026.
  • Thiel, Stephanie (2012): Korruption als Forschungsthema der Kriminologie. In: Graeff, Peter; Grieger, Jürgen (Hrsg.): Was ist Korruption? Baden-Baden: Nomos, S. 165–185.
  • Transparency International Deutschland (2019): Positionspapier zur strafrechtlichen Verantwortung von Unternehmen. Online unter: https://www.transparency.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen/2019/Posititionspapier_zur_strafrechtlichen_Verantwortung_von_Unternehmen_Oktober_2019.pdf ; Zugriff: 25.05.2026.
  • Transparency International Deutschland (o. J.): Strategische Korruption. Online unter: https://www.transparency.de/themen/strategische-korruption ; Zugriff: 25.05.2026.
  • Von Arnim, Hans H.; Heiny, Regina; Ittner, Stefan (2006): Korruption. Begriff, Bekämpfungs- und Forschungslücken. FÖV Discussion Paper 33. Speyer: Deutsches Forschungsinstitut für öffentliche Verwaltung.
  • WDR.de (30.01.2009): 30. Januar 2009 – Vor 140 Jahren: Bismarck prägt den Begriff Reptilienfonds. In: WDR.de. Online unter: https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag4406.html ; Zugriff: 25.05.2026.

Zitiervorschlag

Weber, Susanna (2026): Korruption. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 04.08.2026. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/korruption.  

DiskursGlossar

Grundbegriffe

Akteur

Als Akteur oder Diskursakteur werden in der Diskursforschung meist Gruppen oder Grup-penstellvertreter verstanden, die mit kommunikativen Mitteln in der Öffentlichkeit versuchen, ihre Deutungen und Ressourcenansprüche gegen Rivalen durchzusetzen.

Diskursfigur

Diskursfiguren – wie der Held oder der Experte, das Genie, der Gefährder, Gutmensch, Nerd oder Psychopath – sind im medial-politischen Diskurs konstruierte und verbreitete Vorstellungen von Handlungsträgern, die stereotyp mit bestimmten Eigenschaften assoziiert werden. Sie erhalten durch musterhaften Sprachgebrauch, aber auch durch bildhafte Darstellungen eine kommunizierbare, wiedererkennbare Kontur.

Repräsentative Anekdote

Repräsentative Anekdote bezeichnet ein modellhaftes Kurznarrativ, das in Theorien, Weltanschauungen und komplexen Erklärungen selektiv reproduziert wird. So ist z.B. das „survival of the fittest“ (‚die Stärksten überleben‘) die repräsentative Anekdote, die in allen darwinistischen, sozialdarwinistischen und neodarwinistischen Theorien und Deutungsmustern als Modell dient und variabel ausgearbeitet wird.

Begriffsgeschichte

Die Begriffsgeschichte lässt sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten Ausdrücken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext größerer sprachlicher Zusammenhänge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).

Diskurssemantische Verschiebung

Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.

Domäne

Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.

Ideologie

Der Begriff Ideologie weist im Wesentlichen drei unterschiedliche Bedeutungen auf: Erstens kann er ein trügerisches, realitätsfernes oder dogmatisches Denken bezeichnen; so eignet er sich auch als Schlagwort bzw. politischer Kampfbegriff. Zweitens kann er auf eine sozial bedingte Weltanschauung oder ein umfassendes Ideen- und Wertesystem verweisen. Drittens kann mit Ideologie ein politisches Programm gemeint sein, welches Vorstellungen über gesellschaftliche Ordnung sowie Ziele für politisches Handeln beinhaltet.

Positionieren

Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.

Deutungsmuster

Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.

Sinnformel

‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.

Techniken

Whataboutism

Whataboutism (auch Whataboutismus) bezeichnet zum einen eine rhetorische Praktik, zum anderen wird der Ausdruck als Schlagwort verwendet.
Als Praktik zielt Whataboutism darauf ab, von Kritik oder von einem unerwünschten Thema abzulenken – typischerweise durch einen Gegenverweis auf einen anderen Sachverhalt, einen anderen Akteur oder einen anderen Kontext. Dabei ist die Grenze zu legitimen Vergleichen und Rückfragen fließend und regelmäßig Gegenstand diskursiver Aushandlung.

Beschriftete Waffen

Das Betexten von Waffen, speziell Projektilen wie Schleuderbleien, Kanonenkugeln oder Bomben, mit an die Feindgruppe gerichteten Botschaften (Sarkasmus, Beleidigungen, Todeswünsche u. ä.) ist eine Praktik, die sich bis in die römische Antike zurückverfolgen lässt. Sie dient der Identifikation der Eigengruppe (Truppe oder Gefolgsleute) mit dem Ziel, die Moral vor einem Kampfansatz zu heben (emotional-psychologische Bewältigungsstrategie) sowie Gelassenheit und Siegesgewissheit propagandistisch gegenüber der Eigen- und Fremdgruppe zu inszenieren.

Zitieren

Zitieren bezeichnet die Wiedergabe ausgewählter Text(teil)e in unterschiedlichen Kommunikationskontexten wie Alltag, Wissenschaft, Journalismus und Politik. Grundsätzlich kann Zitieren der möglichst wertneutralen Wiedergabe bzw. Verweisung auf fremde Aussagen dienen, aber auch zur strategischen Positionierung eingesetzt werden. Auch in wissenschaftlichen Texten erfüllt das Zitieren neben der formal korrekten Bezugnahme auf fremde Aussagen u.a. argumentationsstützende Funktionen.

AI-Washing/KI-Washing

Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle mit dem Etikett „Künstliche Intelligenz“ (KI bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsächlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark übertrieben, nur marginal vorhanden oder überhaupt nicht gegeben ist.

Dogwhistle

Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.

Demonstrieren

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Boykottaufruf

Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.

Tabuisieren

Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.

Aus dem Zusammenhang reißen

Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie für ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.

Lobbying

Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primär an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein Bündel von kommunikativen Tätigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.

Schlagwörter

Meinungsfreiheit

Meinungsfreiheit ist ein positiv konnotiertes Schlagwort. Das im Schlagwort kondensierte Pro-gramm wird allgemein zustimmend propagiert oder eingefordert, ohne dass immer verdeutlicht wird, welche Ausgestaltung von Meinungsfreiheit zugrunde liegt. Aufgrund dieser allgemeinen Zu-stimmung kann Meinungsfreiheit als Hochwertwort kategorisiert werden: In der öffentlichen Debat-te gibt es keine wahrnehmbaren Stimmen, die sich gegen Meinungsfreiheit (in dieser unbestimm-ten Form) aussprechen.

Diversität / Vielfalt

Diversität/Vielfalt ist ein aus einschlägigen US-Diskursen der (frühen) 1980er und der 1990er Jahre importiertes Schlagwort und ein Topos, der ethnische, sexuelle und körperliche (Behinderung etc.) Verschiedenheit positiv und programmatisch als Ressourcen der Mehrheitsgesellschaft kodiert. Vielfalt als Chance dürfte der hierzulande häufigste Slogan des Diversitäts-Hypes sein. Qua Diversität werden identitätsrelevante Unterschiede zwischen gesellschaftlichen Gruppen von Stigmata für Minderheiten zu Ressourcen für die Allgemeinheit umgedeutet.

Brückentechnologie

Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der Brückentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschätzten anderen Technologie möglich ist.

Deindustrialisierung

Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch Rückgang von produzierendem Gewerbe.

Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, ähnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).

Echokammer

Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.

Relativieren

Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.

Massendemokratie

Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.

Social Bots

Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.

Kriegsmüdigkeit

Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.

Verschiebungen

Dehumanisierung

Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.

Kriminalisierung

Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.

Versicherheitlichung

In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.

Ökonomisierung

Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren

Moralisierung

Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.

Konstellationen

Krise

Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.

Partizipatorischer Diskurs

Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.

Skandal

Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.

DiskursReview

Review-Artikel

Tagung 2027: Politisches Lobbying

Sprache und Lobbyismus- Strategische Kommunikation in Politik und Medien Tagung der Forschungsgruppe Diskursmonitor Tagung: 10. und 11. Juni 2027  |  Ort: Universität Siegen [Map]Kontakt: Prof. Dr. Friedemann Vogel, Joline Schmallenbach Call for Papers: 31.10.2026...

Der Totalverweigerer – Anmerkungen zu einer Diskursfigur der Feindbildproduktion im Sicherheits- und Sozialdiskurs

Die Bezeichnung Totalverweigerer wurde ursprünglich in den späten 70er Jahren im Rahmen der Auseinandersetzungen um die Inanspruchnahme des Rechtes auf Kriegsdienstverweigerung nach § 4.3 GG verwendet. Mit diesem Ausdruck wurden junge Männer stigmatisiert, die nicht nur den Wehrdienst, sondern auch den (längeren) zivilen „Ersatzdienst“ (später „Zivildienst“) verweigerten und damit, wie auch nicht-anerkannte Kriegsdienstverweigerer, Haftstrafen riskierten. Wer Zwangsdienste aus Gewissensgründen ablehnte, wurde darüber hinaus wahlweise als politisch unzuverlässig, fehlgeleitet-überspannt, renitent, feige und/oder faul markiert.

Memes als moderne Propaganda – Eine sprach- und medienkritische Untersuchung

Digitale Kommunikationsformen prägen heutige gesellschaftliche Debatten weitaus stärker als die klassischen Medien. Ihr Einfluss auf die politische Meinungsbildung und die Ausbildung ideologischer Positionen ist inzwischen unverkennbar und zählt zu den markantesten Entwicklungen der digitalen Gegenwart. Besonders hervorzuheben sind Memes: Sie verbreiten sich schnell, arbeiten mit humoristischen Mitteln und verdichten komplexe Inhalte auf ein Minimum an Zeichen. In öffentlichen Diskursen werden sie daher nicht mehr als spielerisches Internetphänomen betrachtet, sondern als ernstzunehmendes Instrument politischer Kommunikation und den damit einhergehenden propagandistischen Strategien.

Zeitalter der Polykrisen – Was sagt die Polykrise über die Gegenwart und Zukunft?

Beim Durchscrollen der Tagesschlagzeilen ist einem in den letzten Jahr wahrscheinlich der Ausdruck Polykrise ins Blickfeld geraten. Solche Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien lauten beispielsweise (1) „Klimawandel, Krieg in der Ukraine, Abstiegsängste – die Welt ist aus den Fugen geraten: Drei Bücher zeigen Wege aus der Polykrise“ (Friedl 2026); (2) „Kritische Psychotherapie: Psychotherapie in der Polykrise“ (Dicks 2026); (3) „Optimismus in der Polykrise“ (Kolev 2025); (4) „Was tun gegen die …

„Genderwahn“ als sprachkritische Abwertung: Eine kritische Betrachtung

„Die Debatte über Gendern und Nicht-Gendern kann ich schon nicht mehr hören. Soll es doch jeder machen, wie er es selbst will.“ Dieses Zitat äußert der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz im Rahmen der Feier zugunsten des Grundgesetzes, welches im Jahre 2024 den 75. Geburtstag feierte (vgl. Steinkohl et al. 2024). Deutlich wird hierbei, dass die Thematik rund um das Gendern in der Politik aufgefasst wird. Allerdings wird gleichzeitig deutlich, dass die Debatte in der Öffentlichkeit stark kritisiert …

Klimaterroristen: Wie Sprache politische Fronten schafft

Der öffentliche Diskurs über Klimaaktivismus ist in den vergangenen Jahren zunehmend polarisiert. Vor diesem Hintergrund hat sich der Ausdruck Klimaterrorist zu einem politisch und gesellschaftlich stark aufgeladenen Schlagwort entwickelt, das im Jahr 2022 als „Unwort des Jahres“ gewählt wurde (vgl. 2020ff. – Unwort des Jahres). Seine Verwendung verweist auf Konflikte über Legitimität, Moral und Rechtmäßigkeit verschiedener Formen des Protests. Gleichzeitig fungiert der Begriff als sprachliches …

Negativ konnotierte Fremdzuschreibung durch diskriminierende Begriffe – Ein sprachkritischer Beitrag zur Bezeichnung „Kanake“ und dem Zukunftswort „Talahon“

„Gerade diese scheinbar ›milden‹ Formen des Rassismus, die über die Sprache transportiert werden, sind schwer zu bekämpfen, da vielen Menschen nicht klar zu sein scheint, welche Macht Sprache besitzt.“ (Kunz, 2021, S. 58).

Der Begriff „Kanake“ (teilweise auch „Kanacke“) bedeutet in seiner ursprünglichen Bedeutung Mensch und bezeichnete Bewohner*innen der Inselgruppe Neukaledoniens im südlichen Pazifik (vgl. Trost, 2002). Dem Gebrauch lag dabei die Charakterisierung einer spezifischen Gesellschaft …