
DiskursGlossar
Analogie-Topos
Kategorie: Techniken
Verwandte Ausdrücke: Exemplum-Topos, Argumentationsmuster, Analogie, Analogieargument, (Gegen)Beispiel
Siehe auch: Topos, Autoritäts-Topos, Gefahren-Topos, Topos der düsteren Zukunftsprognose
Autor: Denis Gerner
Version: 1.1 / Datum: 07.03.2023
Kurzzusammenfassung
Der Analogie-Topos zählt zu den allgemeinen bzw. kontextabstrakten Argumentationsmustern, die genutzt werden können, um für oder gegen eine Position zu argumentieren. Analogie-Topoi werden von verschiedenen Akteuren und Akteursgruppen strategisch eingesetzt, um eine zustimmende Haltung bei den Zielgruppen zu bewirken. Sachverhalte und Referenzphänomene gelten dabei als analog, wenn sie als ‚vergleichbar‘ oder ‚gleichartig‘ perspektiviert werden können. Wengeler gibt die allgemeine Form des Topos wie folgt an:
Weil in einem anderen Sachbereich/in einem anderen Land eine in relevanter
Hinsicht mit der anstehenden Handlung vergleichbare Handlung zu positiven
bzw. negativen Folgen geführt hat, sollte die in Frage stehende Handlung
ausgeführt / nicht ausgeführt werden (Wengeler 2003: 321).
Akteure behaupten dabei in einem Diskurs mit dem Analogie-Topos die Vergleichbarkeit von zwei Sachverhalten: Die Analogie vermag eine Argumentation zu stützen, insofern der Vergleichbarkeit zugestimmt wird, scheitert aber, wenn die Vergleichbarkeit (erfolgreich) infrage gestellt werden kann. Der vergleichbare Fall kann sich auf ein reales oder auch kontrafaktisches oder fiktives Szenario beziehen. Häufig wird der Analogie-Topos in einer Argumentation von (z.B. politischen) Akteuren genutzt, um einen anderen Topos zu bekräftigen bzw. diesen zu veranschaulichen und damit bei der Zielgruppe die (un)erwünschte Handlung als eine (un)plausible Konsequenz aussehen zu lassen.
Erweiterte Begriffsklärung
In der klassischen formalen Logik der Philosophie besteht ein gültiges Argument aus einer oder mehreren Prämissen und mindestens einer Konklusion. Wenn das Argument eine gültige Form besitzt, dann ist die Konklusion zwingend. Will man ein Argument logisch entkräften, so gilt es, eine oder mehrere Prämissen zu widerlegen. Bei dem Argumentationsmuster des Analogie-Topos kann das zugrundeliegende Schema wie folgt dargestellt werden:
- Prämisse: Wenn Fall A analog ist zu Fall B und wenn Fall A Wirkung P hat, dann ist es erwartbar, dass Fall B ebenfalls zur Wirkung P hat.
- Prämisse: Fall A ist analog zu Fall B und Fall A hat zur Wirkung P.
Konklusion: Es ist erwartbar, dass auch Fall B die Wirkung P hat.
Während die logisch-gültige Form sicherstellt, dass das Argument einem anerkannten Schlussmuster folgt (d.h. bei allen formgleichen Argumenten ebenso aus wahren Prämissen eine wahre Konklusion folgt), so sind es die Inhalte (und ihre Bewertung), die das Argument zu einem guten oder sog. ‚triftigen‘ Argument machen. Das bedeutet, eine Analogie wird dann als einleuchtend (triftig) erachtet, wenn die Fälle vergleichbar sind und erwartbar ist, dass im analogen Fall die analoge Wirkung eintritt. Oder auf das Schema bezogen, wenn den Prämissen eins und zwei zugestimmt wird. Es ist hierbei wichtig zu betonen, dass der Analogie-Topos (im Gegensatz zur logischen Argumentation) keinem z.B. aussagenlogischen Schlussmuster folgen muss, nicht einmal ,wahr‘ zu sein braucht, um zu ,funktionieren‘ und seinen (strategischen) Zweck zu erfüllen – im Gegensatz etwa zum sogenannten Analogieargument aus der philosophischen Logik.
Der Gebrauch des Argumentationsmusters findet sich in der Alltagskommunikation in trivialen Kontexten (Stell dir vor, wir wären in dieser Situation) und reicht bis zu den Debatten im Bundestag oder in Expertenausschüssen. Die Anwendung von Analogie- und anderen Topoi setzt zwar Weltwissen voraus, bedarf aber keiner expliziten Kenntnisse der impliziten Argumentationsstrukturen, da diese von Sprechern intuitiv angewandt werden.
Ein konkretes Beispiel: In der Debatte um die Legalisierung von Cannabis finden sich regelmäßig Analogien. Eine dieser Analogien wird häufig von Cannabis-Befürwortern vorgebracht und hat folgendes prototypisches Muster:
- Alkohol ist schädlich(er als Cannabis), aber legal.
- Cannabis ist weniger schädlich (als Alkohol), aber verboten.
Also: Cannabis sollte ebenfalls legal sein.
Die implizite Voraussetzung ist hierbei, dass der Status der Legalität abhängig von der Schädlichkeit einer Droge sei. In der politischen Kommunikation läuft die Analogie darauf hinaus: Würde man dem Vergleich zustimmen, wäre von der Gesetzgebung nun zu erwarten, konsequent zu sein, indem der Gesetzgeber Gleiches gleichbehandelt. Hierbei wird bereits deutlich, dass der Analogie-Topos eine argumentationsstützende Funktion besitzt und häufig im Zusammenspiel mit anderen Topoi eingesetzt wird – hier mit dem Fairness/Gerechtigkeits-Topos. Nach Wengeler fungiert der Analogie-Topos i.d.R. „als zusätzliche Stütze eines bereits hergestellten Sachverhaltzusammenhangs“, häufig im Zusammenhang mit dem „Gefahren-Topos“ (Wengeler 2003: 321) oder anderen Topoi (siehe hierzu auch Beispielsektion).
Nun ließe sich bei der Beispielargumentation anführen, dass die Analogie der Sache nicht gerecht wird: In einer beispielhaften Erwiderung könnte entgegnet werden, dass Alkohol zwar schädlich sei, aber durch die langjährige Tradition ein bedeutsames Kulturgut darstelle und deshalb legal sei. Das Argument zielt darauf ab, die Vergleichbarkeit zurückzuweisen und den Aspekt des ‚Verboten, wegen der Schädlichkeit‘ zu eliminieren und stattdessen darauf zu verweisen, dass legal ist, was auf einer Kulturtradition beruht. Eine andere Argumentationsstrategie könnte die Vergleichbarkeit akzeptieren und die Schädlichkeit in den Vordergrund rücken: Weil es so viele Probleme mit Alkohol gibt, sollte nicht auch noch Cannabis legal sein, da es dann damit (noch mehr) Probleme gibt. Hier liefe die Erwiderung auf die ungewünschten Folgen aus dem bekannten Fall hinaus (siehe Konsequenz-Topos).
Unabhängig davon, welcher Argumentation man folgen möchte, das wiederkehrende Muster des Analogie-Topos ist ein vergleichbarer Fall, welcher die gewünschten/ungewünschten Wirkungen auf den zu diskutierenden Fall erwartbar machen soll. Will man der Analogie nicht folgen, so müssen Gründe aufgezeigt werden, warum der Fall nicht vergleichbar ist und somit auch die Konsequenz nicht erwartbar (oder eine andere) ist.
In der strategischen Kommunikation werden Analogien (gezielt) als Technik eingesetzt, um bei einer Zielgruppe eine zustimmende Haltung für eine bestimmte Position zu gewinnen. Diese Strategie ist umso erfolgversprechender, je einleuchtender und intuitiver die gewählte Analogie bei der Zielgruppe ist. Dabei funktioniert der Analogie-Topos in ‚verschiedene Richtungen‘, d.h. die Analogie kann darauf abzielen, zu zeigen, warum eine nicht wünschenswerte Konsequenz erwartbar wäre, da eine ungewollte Wirkung bereits im vergleichbaren Fall auftritt oder vice versa. Ein gescheiterter Analogie-Topos kann hingegen bewirken, dass ein sonst valider Punkt entkräftet oder sogar ins Lächerliche gezogen wird. Will man nun der Analogie nicht folgen oder den strategischen Einsatz des Analogie-Topos aufdecken (siehe auch entlarven), so besteht die Möglichkeit, entweder aufzuzeigen, dass die Analogie in der Sache nicht vergleichbar ist und somit in relevanten Punkten vom zur Diskussion stehenden Fall abweicht, oder man verweist auf die Gegenargumente, welche beim analogen Fall gegen die zu erwartende Konsequenz vorgebracht werden. Schaut man sich das Schema an, so ist es entweder die erste Prämisse, welche im Fokus steht – also warum es eben nicht erwartbar ist, dass im Fall B die analoge Wirkung auftritt – oder die zweite Prämisse, warum die Vergleichbarkeit nicht gegeben ist. Da der Analogie-Topos häufig mit anderen Topoi zusammen auftritt, so lässt sich auch der strategische Einsatz von dem anderen eingesetzten Topos aufdecken und erwidern. Die Infragestellung des Argumentationsmusters drückt sich häufig auch in Äußerungen aus wie Der Vergleich hinkt oder in Form von Redewendungen wie Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen.
Beispiele
(1) Ukraine-Konflikt: Verschiebung von Grenzen
In dem folgenden Beispiel aus der Politik in einem Artikel des Bayerischen Rundfunks über den Ukraine-Konflikt findet sich ein wiederkehrend vorgetragener Analogie-Topos. Hier wird zunächst das zu entkräftende Argument paraphrasiert wiedergegeben:
Bereits vergangenes Jahr erklärte Wladimir Putin in einem Artikel auf der Kreml-Website, dass Russen und Ukrainer historisch gesehen eigentlich ein gemeinsames Volk seien. Deshalb betont er auch jetzt, dass die Ukraine nie eine echte Staatlichkeit besessen habe. Und Putin sagt: Das Land sei eine westliche „Kolonie mit einem Marionettenregime“, in der gegen die russischsprachige Bevölkerung eine Politik der „Zwangsassimilierung“ geführt werde. (BR 2022)
Die daraus resultierende Konsequenz wird nun im Anschluss von einem Historiker durch einen Vergleich aufgegriffen:
In der Tat: Russland und die Ukraine haben eine sehr miteinander verflochtene Geschichte. Beide sind aus dem ersten ostslawischen Staat entstanden, der Kiewer Rus. Allerdings hatten auch Deutschland und Frankreich im Mittelalter eine gemeinsame Geschichte, erklärt Historiker Schulze Wessel: „Niemand würde behaupten, dass deswegen Frankreich keine Nation oder Deutschland keine Nation wäre.“ (BR 2022)
Der Historiker zeigt mit seiner Analogie, dass diese eine unhaltbare Konsequenz zur Folge hätte, und zwar wäre nach der Argumentation des Kremls auch die staatliche Integrität von Deutschland oder Frankreich anzweifelbar. Durch den analogen Fall, hier die Geschichte Deutschland-Frankreich, und die unhaltbare Konsequenz, die Anzweiflung der Integrität Deutschlands und Frankreichs, kann die Plausibilität der Argumentation des Kremls abgewiesen werden.
(2) Gescheiterter Analogie-Topos im Bundestag aufgegriffen von der Heute Show
Der Moderator der Heute Show, Oliver Welke, leitet einen Beitrag aus dem Bundestag ein mit: „Hier, beklopptester Vergleich des Jahres!“. In dem daraufhin gezeigten Beitrag spricht Tino Sorge (CDU/CSU) zum Bundestag über die Corona-Impfpflicht:
Wir sagen eben, man kann bei der Frage: Impfpflicht ja oder nein, nicht sofort und gleich, pauschal entscheiden. Ich sage Ihnen, das ist wie bei der Frage: Sind Sie/bist Du für die Ehe – ja oder nein? Da kann man nur sagen: Es kommt darauf an. Es muss die richtige Frau da sein, es muss der richtige Zeitpunkt da sein und es müssen die Umstände passen. (Heute Show 2022)
Während dieser Analogie-Topos von Tino Sorge vorgetragen wird, sind in der Aufnahme immer wieder schüttelnde Köpfe von Abgeordneten des Bundestags zu sehen. Die Heute Show nutzt diesen Umstand gezielt als Gegenstrategie gegen den vorgetragenen Vergleich, um zusätzlich die Lächerlichkeit des eingesetzten Vergleichs zu inszenieren. Die Reaktionen aus dem Bundestag lassen absehen, dass die Analogie als nicht erfolgreich erachtet wurde.
(3) Markus Söder: Master und Meister Analogie
Abb. 1: Instragramm-Post von Markus Söder zum kostenlosen Meister in Bayern.
In diesem Instagram-Post vergleicht Bayerns Ministerpräsident Markus Söder den Hochschul-Master mit der Meister-Ausbildung im Handwerk. Schlüsselt man die Strategie auf, so geht es darum, Zustimmung bei einer bestimmten Wählergruppe durch den kostenlosen Meister zu erzielen. Strategisch wird dabei ein Gefühl der Unfairness über einen Vergleich gegenüber dem Hochschul-Master erzeugt: Es ist unfair, dass der Master gratis ist, die Meisterausbildung dagegen viel Geld kostet. Bei der Zielgruppe (Personen und Auszubildende im Handwerk; nicht-Akademiker usw.) kann eine zustimmende Haltung für die konstatierte Unfairness und das politische Ziel eines kostenlosen Meisters antizipiert werden. Die Gegenstrategie würde sich hierbei weniger auf die Analogie beziehen – die Konsequenz, den Meister kostenlos zu machen, kann sogar für beide Seiten als durchaus wünschenswert erachtet werden – sondern auf die konstatierte Unfairness (vgl. Gerechtigkeits-Topos): Der Hochschul-Master ist keineswegs „gratis“, Studierende zahlen Semesterbeiträge, müssen teure Mieten in der Großstadt zahlen usw.
Literatur
Zum Weiterlesen
- Kienpointer, Manfred (1992): Alltagslogik: Struktur und Funktion von Argumentationsmustern. Stutt-gart-Bad Cannstatt: Frommann-Holzboog.
Zitierte Literatur und Belege
- Bayerischer Rundfunk (2022): Putins Kriegsgründe: Was es damit auf sich hat. Online unter: https://www.br.de/nachrichten/wissen/russland-ukraine-krieg-putins-argumente-possoch-klaert,SyLydog ; Zugriff: 02.03.2023.
- Heute Show (2022): So hat der Bundestag die Impfpflicht verbockt | heute-show vom 08.04.2022. Online unter: https://www.youtube.com/watch?v=dBllYq4OwDE ; Zugriff: 02.03.2023
- Wengeler, Martin (2003): Topos und Diskurs: Begründung einer argumentationsanalytischen Methode und ihre Anwendung auf den Migrationsdiskurs (1960 – 1985). Tübingen: Niemeyer.
Abbildungsverzeichnis
- Abb. 1: Instagram-Post von Markus Söder zum kostenlosen Meister in Bayern. URL: https://www.instagram.com/p/Cnj0SoBoj39/?igshid=YmMyMTA2M2Y%3D ; Zugriff: 02.03.2023.
Zitiervorschlag
Gerner, Denis (2023): Analogie-Topos. In: Diskursmonitor. Glossar zur strategischen Kommunikation in öffentlichen Diskursen. Hg. von der Forschungsgruppe Diskursmonitor und Diskursintervention. Veröffentlicht am 07.03.2023. Online unter: https://diskursmonitor.de/glossar/analogie-topos.
DiskursGlossar
Grundbegriffe
Begriffsgeschichte
Die Begriffsgeschichte lässt sich allgemein als eine historische Methode beschreiben, die den zeitlichen Wandel der Bedeutungen von bestimmten Ausdrücken untersucht. Da einzelne Worte nie isoliert begegnen und ihre jeweiligen Bedeutungen erst im Kontext größerer sprachlicher Zusammenhänge oder semantischer Felder greifbar werden, verbindet sie sich flexibel mit anderen Methoden historischer Semantik, wie etwa der Diskursgeschichte, der Argumentationsgeschichte oder der Metaphernforschung (Metaphorologie).
Diskurssemantische Verschiebung
Mit dem Begriff der diskurssemantischen Verschiebung wird in der Diskursforschung ein Wandel in der öffentlichen Sprache und Kommunikation verstanden, der auf mittel- oder län-gerfristige Veränderung des Denkens, Handelns und/oder Fühlens größerer Gesellschafts-gruppen hinweist.
Domäne
Der Begriff der Domäne ist aus der soziologisch orientierten Sprachforschung in die Diskursforschung übernommen worden. Hier wird der Begriff dafür verwendet, um Muster im Sprachgebrauch und kollektiven Denken von sozialen Gruppen nach situationsübergreifenden Tätigkeitsbereichen zu sortieren.
Positionieren
Positionieren ist Grundbestandteil menschlicher Kommunikation. Wann immer wir miteinander interagieren und kommunizieren, bringen wir uns selbst, andere und die Objekte, über die wir sprechen, in bestimmte Relationen zueinander.
Deutungsmuster
Unter einem Deutungsmuster wird die problem- und lösungsbezogene Interpretation gesellschaftlicher und politischer Tatbestände verstanden, die Aussicht auf Akzeptanz in sozialen Gruppen hat. Der Begriff des Deutungsmusters hat Ähnlichkeit mit den Begriffen der Theorie und Ideologie. Meist werden gesellschaftlich verbreitete Leitdeutungen, die oft mit Schlagwörtern und Argumentationsmustern einhergehen (wie Globalisierung, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Chancengleichheit etc.) als Beispiele für Deutungsmuster genannt.
Sinnformel
‚Wer sind wir? Woher kommen, wo stehen und wohin gehen wir? Wozu leben wir?‘ Auf diese und ähnliche existentielle Fragen geben Sinnformeln kondensierte Antworten, die in privaten wie sozialen Situationen Halt und Argumenten in politischen und medialen Debatten einen sicheren Unterbau geben können.
Praktik
Eine Praktik ist ein spezifisches, situativ vollzogenes und sinnhaftes Bündel von körperlichen Verhaltensweisen, an dem mehrere Menschen und Dinge beteiligt sein können (z. B. Seufzen, um Frust auszudrücken, oder einen Beschwerdebrief schreiben, Fußballspielen).
Kontextualisieren
Kontextualisieren wird im allgemeineren bildungssprachlichen Begriffsgebrauch verwendet, um das Einordnen von etwas oder jemandem in einen bestimmten Zusammenhang zu bezeichnen.
Narrativ
Mit der diskursanalytischen Kategorie des Narrativs werden Vorstellungen von komplexen Denk- und Handlungsstrukturen erfasst. Narrative in diesem Sinne gehören wie Schlagwörter, Metaphern und Topoi zu den Grundkategorien der Analyse von Diskursen.
Argumentation
Argumentation bezeichnet jene sprachliche Tätigkeit, in der man sich mithilfe von Gründen darum bemüht, die Richtigkeit einer Antwort auf eine bestimmte Frage zu erweisen. Das kann in ganz verschiedenen Situationen und Bereichen nötig sein, namentlich um eine poli-tische, wissenschaftliche, rechtliche, unternehmerische oder private Angelegenheit zu klären.
Techniken
AI-Washing/KI-Washing
Unter AI-Washing ist die Praxis von Unternehmen oder Organisationen zu verstehen, Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle mit dem Etikett „Künstliche Intelligenz“ (KI bzw. „Artificial Intelligence“ (AI)) zu versehen, obwohl deren tatsächlicher Einsatz von KI-Technologien entweder stark übertrieben, nur marginal vorhanden oder überhaupt nicht gegeben ist.
Dogwhistle
Unter Dogwhistle wird in Teilen der Forschung eine doppeldeutige Äußerung verstanden, die eine offene und eine verdeckte Botschaft an jeweils eine Zuhörerschaft kommuniziert.
Demonstrieren
« Zurück zur ArtikelübersichtDemonstrieren Kategorie: TechnikenVerwandte Ausdrücke: Auf die Straße gehen, Straßenprotest, Kundgebung, öffentliche Versammlung, Mahnwache, Menschenkette, Marsch, SitzblockadenSiehe auch: Protest, Politische Aktion, Politische Bildung,...
Boykottaufruf
Der Boykottaufruf ist eine Maßnahme, die darauf abzielt, ein Ziel, also meist eine Verhaltensänderung des Boykottierten, hervorzurufen, indem zu einem Abbruch etwa der wirtschaftlichen oder sozialen Beziehungen zu diesem aufgefordert wird.
Tabuisieren
Das Wort Tabuisierung bezeichnet die Praxis, etwas Unerwünschtes, Anstößiges oder Peinliches unsichtbar zu machen oder als nicht akzeptabel zu markieren. Das Tabuisierte gilt dann moralisch als unsagbar, unzeigbar oder unmachbar.
Aus dem Zusammenhang reißen
Das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen gehört in den Funktionskreis der Redewiedergabe bzw. der Wiedergabe kommunikativer Ereignisse. Es kann (1) als intentionale argumentativ-polemische Strategie für ganz unterschiedliche diskursive Zielsetzungen von Akteuren genutzt werden, oder (2) es kann SprecherInnen und SchreiberInnen in unbeabsichtigter, fehlerhafter Weise unterlaufen.
Lobbying
Lobbying ist eine Form strategischer Kommunikation, die sich primär an Akteure in der Politik richtet. Beim Lobbying wird ein Bündel von kommunikativen Tätigkeiten mit dem Ziel eingesetzt, die Entscheidungen von Personen mit politischem Mandat oder den Entstehungsprozess von neuen Gesetzestexten interessengeleitet zu beeinflussen.
Karten
Karten dienen dazu, Raumausschnitte im Hinblick auf ausgewählte Charakteristika so darzustellen, dass die Informationen unmittelbar in ihrem Zusammenhang erfasst und gut kommuniziert werden können. Dazu ist es notwendig, Daten und Darstellungsweisen auszuwählen und komplexe und oft umkämpfte Prozesse der Wirklichkeit in einfachen Darstellungen zu fixieren.
Pressemitteilung
Pressemitteilungen sind standardisierte Mitteilungen von Organisationen, die sich an Journalist:innen und andere Multiplikator:innen richten. Sie dienen der offiziellen und zitierfähigen Informationsweitergabe und übernehmen zugleich strategische Funktionen in der öffentlichen Kommunikation und Meinungssteuerung.
Shitstorm
Der Begriff Shitstorm beschreibt eine relativ junge Diskurskonstellation, die seit den 2010er Jahren an Bedeutung gewonnen hat und gemeinhin als Online-Wutausbruch bezeichnet wer-den kann.
Schlagwörter
Brückentechnologie
Ganz allgemein wird unter dem Schlagwort der Brückentechnologie sowohl in den öffentlichen Medien als auch in technisch und wirtschaftlich dominierten Kontexten eine Technologie verstanden, die zeitlich befristet eingesetzt werden soll, bevor in Zukunft der Übergang zu einer als sinnvoller eingeschätzten anderen Technologie möglich ist.
Deindustrialisierung
Der Ausdruck Deindustrialisierung (auch De-Industrialisierung oder als Verb deindustrialisieren) beschreibt im öffentlichen Sprachgebrauch eine negativ bewertete Form des Strukturwandels durch Rückgang von produzierendem Gewerbe.
Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit als ein Schlagwort des öffentlichen Diskurses bezieht sich ganz allgemein auf einen ressourcenschonenderen Umgang mit dem, was uns Menschen der Planet Erde bietet, mit dem Ziel, dass auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben, ähnlich gut zu leben wie wir heute (Generationengerechtigkeit).
Echokammer
Der Begriff der Echokammer steht in seiner heutigen Verwendung vor allem im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Medien. Er verweist metaphorisch auf einen digitalen Kommunikations- und Resonanzraum, in dem Mediennutzer*innen lediglich Inhalten begegnen, die ihre eigenen, bereits bestehenden Ansichten bestätigen, während abweichende Perspektiven und Meinungen ausgeblendet bzw. abgelehnt werden.
Relativieren
Der Ausdruck relativieren besitzt zwei zentrale Bedeutungsvarianten: In bildungssprachlichen und wissenschaftlichen Kontexten bezeichnet er eine analytische Praxis, bei der Aussagen, Begriffe oder Phänomene durch Bezugnahme auf andere Sachverhalte eingeordnet, differen-ziert und in ihrer Geltung präzisiert werden.
Massendemokratie
Geprägt wurde der Begriff Massendemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von völkisch-konservativen Akteuren (prominent darunter Carl Schmitt 1926). Der Ausdruck Masse hatte damals bei den bürgerlichen Eliten eine rundum bedrohliche Assoziation.
Social Bots
Als Social Bots werden Computerprogramme bezeichnet, die in der Lage sind, in sozialen Medien Kommunikation menschlicher Nutzer*innen (teilweise) automatisiert nachzuahmen.
Kriegsmüdigkeit
Der Ausdruck Kriegsmüdigkeit bezeichnet die emotionale und physische Erschöpfung von Menschen, die einen Krieg erleben, sowie die gesellschaftliche und politische Ermüdung angesichts langanhaltender Konflikte. Er beschreibt den sinkenden Kampfeswillen bei Kriegsparteien und heute wird er auch für das wachsende Desinteresse an Kriegsthemen in Medien und Öffentlichkeit genutzt.
Woke
Der Ausdruck woke stammt aus dem afroamerikanischen Englisch und bezeichnete dort zunächst den Bewusstseinszustand der Aufgeklärtheit über die Verbreitung von rassistischen Vorurteilen und Diskriminierung unter Angehörigen ethnischer Minderheiten.
Identität
Unter Identität versteht man allgemein die Summe von Merkmalen, die Individuen oder sozialen Kollektiven – etwa Nationen, Organisationen oder sozialen Gruppen – als charakteristisch oder gar als angeboren zugeordnet werden.
Verschiebungen
Dehumanisierung
Mit Dehumanisierung bzw. Anthropomorphisierung werden solche kommunikativen Techniken und Praktiken bezeichnet, die Personen, Sachverhalten oder Gegenständen menschliche Eigenschaften ab- bzw. zusprechen. Dehumanisierung und Anthropomorphisierung können sowohl durch sprachliche Mittel als auch durch andere, z. B. bildliche, Zeichen vollzogen werden.
Kriminalisierung
Kriminalität meint ein Verhalten, das gegen ein Gesetz verstößt. Folglich bedeutet Kriminalisierung im engeren Sinne den Vorgang, durch den Verhalten ungesetzlich gemacht wird – indem Gesetze geschaffen werden.
Versicherheitlichung
In akademischen Kontexten wird Versicherheitlichung in Abgrenzung zu einem naiv-realistischen Sicherheitsverständnis verwendet. Dieses betrachtet Sicherheit als einen universell erstrebenswerten und objektiv feststellbaren Zustand, dessen Abwesenheit auf das Handeln von Akteuren zurückzuführen ist, die feindselig, kriminell, unverantwortlich oder zumindest fahrlässig agieren.
Ökonomisierung
Ökonomisierung wird in gegenwärtigen Diskursen in der Regel zur Bezeichnung von Prozessen verwendet, in denen die spezifisch wirtschaftlichen Funktions-Elemente wie Markt, Wettbewerb/Konkurrenz, Kosten-Nutzen-Kalküle, Effizienz, Gewinnorientierung in Bereiche übertragen werden, die zuvor teilweise oder ganz nach anderen Leitkriterien ausgerichtet waren
Moralisierung
Moralisierung verlagert Macht- und Interessenkonflikte in die Sphäre der Kommunikation von Achtung / Missachtung. Sie reduziert Ambivalenz zugunsten einer Polarisierung von gut und böse.
Konstellationen
Krise
Krise ist vom Wort mit fachsprachlicher Bedeutung zur Zeitdiagnose und einem zentralen Begriff der öffentlich-politischen Kommunikation geworden. Der öffentlich-politische Krisenbegriff ist dabei – unabhängig vom Gegenstand der Krise – in eine krisendiskurstypische Konstellation zur Begründung von krisenüberwindenden Handlungen eingebettet.
Partizipatorischer Diskurs
Partizipation ist mittlerweile von der Forderung benachteiligter Personen und Gruppen nach mehr Beteiligung in der demokratischen Gesellschaft zu einem Begriff der Institutionen selbst geworden: Kein Programm, keine Bewilligung mehr, ohne dass bestimmte Gruppen oder Personen dazu aufgefordert werden, für (mehr) Partizipation zu sorgen.
Skandal
Die Diskurskonstellation des Skandals zeichnet sich durch eine in den Medien aufgegriffene (bzw. durch sie erst hervorgerufene) empörte Reaktion eines erheblichen Teils der Bevölkerung auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Missstand aus. Die schuldhafte Verursachung dieses Missstandes wird dabei einem gesellschaftlichen Akteur zugeschrieben, dessen Handeln als ‚unmoralisch‘ gedeutet wird.
DiskursReview
Review-Artikel
Memes als moderne Propaganda – Eine sprach- und medienkritische Untersuchung
Digitale Kommunikationsformen prägen heutige gesellschaftliche Debatten weitaus stärker als die klassischen Medien. Ihr Einfluss auf die politische Meinungsbildung und die Ausbildung ideologischer Positionen ist inzwischen unverkennbar und zählt zu den markantesten Entwicklungen der digitalen Gegenwart. Besonders hervorzuheben sind Memes: Sie verbreiten sich schnell, arbeiten mit humoristischen Mitteln und verdichten komplexe Inhalte auf ein Minimum an Zeichen. In öffentlichen Diskursen werden sie daher nicht mehr als spielerisches Internetphänomen betrachtet, sondern als ernstzunehmendes Instrument politischer Kommunikation und den damit einhergehenden propagandistischen Strategien.
Zeitalter der Polykrisen – Was sagt die Polykrise über die Gegenwart und Zukunft?
Beim Durchscrollen der Tagesschlagzeilen ist einem in den letzten Jahr wahrscheinlich der Ausdruck Polykrise ins Blickfeld geraten. Solche Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien lauten beispielsweise (1) „Klimawandel, Krieg in der Ukraine, Abstiegsängste – die Welt ist aus den Fugen geraten: Drei Bücher zeigen Wege aus der Polykrise“ (Friedl 2026); (2) „Kritische Psychotherapie: Psychotherapie in der Polykrise“ (Dicks 2026); (3) „Optimismus in der Polykrise“ (Kolev 2025); (4) „Was tun gegen die …
„Genderwahn“ als sprachkritische Abwertung: Eine kritische Betrachtung
„Die Debatte über Gendern und Nicht-Gendern kann ich schon nicht mehr hören. Soll es doch jeder machen, wie er es selbst will.“ Dieses Zitat äußert der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz im Rahmen der Feier zugunsten des Grundgesetzes, welches im Jahre 2024 den 75. Geburtstag feierte (vgl. Steinkohl et al. 2024). Deutlich wird hierbei, dass die Thematik rund um das Gendern in der Politik aufgefasst wird. Allerdings wird gleichzeitig deutlich, dass die Debatte in der Öffentlichkeit stark kritisiert …
Klimaterroristen: Wie Sprache politische Fronten schafft
Der öffentliche Diskurs über Klimaaktivismus ist in den vergangenen Jahren zunehmend polarisiert. Vor diesem Hintergrund hat sich der Ausdruck Klimaterrorist zu einem politisch und gesellschaftlich stark aufgeladenen Schlagwort entwickelt, das im Jahr 2022 als „Unwort des Jahres“ gewählt wurde (vgl. 2020ff. – Unwort des Jahres). Seine Verwendung verweist auf Konflikte über Legitimität, Moral und Rechtmäßigkeit verschiedener Formen des Protests. Gleichzeitig fungiert der Begriff als sprachliches …
Negativ konnotierte Fremdzuschreibung durch diskriminierende Begriffe – Ein sprachkritischer Beitrag zur Bezeichnung „Kanake“ und dem Zukunftswort „Talahon“
„Gerade diese scheinbar ›milden‹ Formen des Rassismus, die über die Sprache transportiert werden, sind schwer zu bekämpfen, da vielen Menschen nicht klar zu sein scheint, welche Macht Sprache besitzt.“ (Kunz, 2021, S. 58).
Der Begriff „Kanake“ (teilweise auch „Kanacke“) bedeutet in seiner ursprünglichen Bedeutung Mensch und bezeichnete Bewohner*innen der Inselgruppe Neukaledoniens im südlichen Pazifik (vgl. Trost, 2002). Dem Gebrauch lag dabei die Charakterisierung einer spezifischen Gesellschaft …
Wenn aus Vielen Einer wird – Warum pauschale Nationsbezeichnungen sprachlich gefährlich sind
„In dieser Situation sind die Deutschen sehr unzufrieden mit der Arbeit der Politik.“ (Kinkartz, 2025), schreibt die Deutsche Welle im November 2025. Gemeint ist dabei keine einzelne Person oder klar definierte Gruppe, sondern eine ganze Nation, welche mit einem einzigen Artikel zu einem scheinbar einheitlichen Kollektiv zusammengefasst wurde. Solche Formulierungen sind kein Einzelfall. Ähnliche Beispiele, wie „Die Russen greifen an vielen Stellen an“ (Die Welt am Morgen, 2024), „Die Ukrainer …
Das Crazy, wenn Worte Brücken zwischen Generationen sprengen! – Eine sprachkritische Betrachtung von Jugendsprache: Mediale Darstellung, Generationenkonflikt und Pädagogische Einschätzung
Das Jugendwort des Jahres 2025 lautet „das Crazy“. Es meint: „Es gibt keine wirklich passende Antwort. Oder keine wirklich höfliche. Oder eine zu ausführliche, auf die der Antwortende aber gerade keine Lust hat. Oder einfach nur okay“ (Tagesschau, 2025). Torsten Sträter, Kabarettist und Vertreter der Generation X, hört es und stockt: „…das sind zwei Worte… [außerdem] fehlt eins… Vielleicht bin ich ein zu verknöcherter alter Mann geworden, dass ich mich über so eine Kacke… Wer es sagt – Ohrfeige“ …
„Stadtbild“ als politisches Schlagwort – Ein sprach- und medienkritischer Beitrag zur migrationspolitischen Äußerung von Friedrich Merz
Im Rahmen einer Pressekonferenz äußerte sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am 14. Oktober 2025 bei einem Besuch in Brandenburg zur Migrationspolitik. Er verwies dabei auf sinkende Migrationszahlen sowie auf bereits geplante und umgesetzte Maßnahmen, insbesondere Rückführungen. Merz verwendete dabei den Ausdruck „Stadtbild“, der im gegebenen Kontext negativ konnotiert wurde und sich daraufhin innerhalb kurzer Zeit zu einem politischen Schlagwort entwickelte.
Ausgangspunkt war eine journalistische …
Sprache im Scroll-Modus – Brainrot, Memes und medienkritische Deutungen der kindlichen Kommunikation
Laut der KIM-Studie im Jahr 2024 nutzten 54 Prozent der 6- bis 13-Jährigen täglich das Internet (mpfs, 2024). Das sind 7 Prozent mehr als im Jahr 2022 (mpfs, 2024). Besonders auffällig ist, dass 23 Prozent dieser Altersgruppe täglich oder fast täglich TikTok verwenden, während Instagram nur von 11 Prozent genutzt wird (mpfs, 2024). Mit der intensiveren Nutzung der sozialen Medien gewinnen auch Memes an Bedeutung: Dabei handelt es sich um multimodale Inhalte aus Texten, Bildern, Videos, GIFs, Sounds …
Wenn ein Wort mehr sagt als ein Satz: Der Begriff „Klimakleber“ als Beispiel sprachlicher Rahmung
In einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung erwähnt Mareen Linnarzt den Gedanken, dass Sprache lenkt, wie man denkt (vgl. Linnarzt und Steinke 2023). Diese Aussage verweist auf eine grundlegende Eigenschaft von Sprache, die im alltäglichen Mediengebrauch häufig wenig reflektiert wird. Medien verfügen über die Möglichkeit, einzelne Teilaspekte eines Themas hervorzuheben und andere in den Hintergrund zu rücken (vgl. Hasebrink). Auf diese Weise entstehen Deutungsrahmen, innerhalb derer Ereignisse …